1797 gilt als das Balladenjahr der Klassik. Friedrich Schiller schreibt unter anderem Der Taucher, Die Handschuh, Die Bürgschaft, Die Kraniche des Ibykus, Der Ring des Polykrates und Der Gang nach dem Eisenhammer. Unter Goethes Feder entstehen Der Schatzgräber, Der Zauberlehrling, Die Braut von Korinth, Legende sowie Gott und die Bajadere.
Jetzt soll es ein Balladenjahr der zeitgenössischen Literatur geben. Das ist die Idee von Eckart Böhnisch. "Goethe hat die Ballade das Urei der Poesie genannt", schreibt der Autor, "weil Lyrik, Epik und Drama in ihr noch eins sind.Deswegen ist sie auch ein ausgezeichnetes Mittel, um aus dem Dunstkreis der eigenen Subjektivität etwas heraus zu kommen."
Litrum greift die Idee auf. Ziel ist es, 100 Balladen zu sammeln, auf dieser Seite zu veröffentlichen und nach Abschluss des Projekts als Buch herauszugeben. Alle Autoren können sich mit Balladen beteiligen und im Forum mit den Besuchern von Litrum über ihre Arbeiten und die Aktualität von Balladen diskutieren. Bitte senden Sie Ihre Balladen an balladen@litrum.de
Das Wort Ballade leitet sich her aus der okzitanischen Sprache der südfranzösischen mittelalterliche Trobadordichtung und bezeichnet ursprünglich eine Gattung des Tanzliedes. In der deutschen Literatur ab dem späten 18. Jahrhundert versteht man unter „Ballade“ ein mehrstrophiges erzählendes Gedicht, das häufig mittelalterlich-märchenhafte, aber auch antike oder zeitgenössisch-rezente Stoffe aufgreift und sich oft durch die Hinführung der Handlung zu einem pointierten Schluss auszeichnet.
Mackie Messer ist schon lange nicht, der der alle umbringt, weil er längst schon alle Welt besticht, ihr den Willen aufzwingt.
Er hat Freunde bei der Mafia, in der Politik noch viel mehr, zum Frühstück liebt er Kaviar mit Shrimps zum Dessert.
Jeder kennt seine Vergangenheit, jeder weiß was er so tut, doch fürs Auflehnen fehlt die Zeit, oder einfach der Mut.
Wer es doch wagt, der bereut es schnell, Mackie Messer zögert nie, schon sind seine Handlanger zur Stell, schießen mindestens ins Knie.
Mackie Messer macht ganz auf privat, Wirtschaftskriminalität, ohne Schutzgeld wär's ihm längst zu fad, und er weiß ja wie’s geht.
Er sitzt überall im Aufsichtsrat, bei den Firmen, jeder Bank, Mackie Messer ist ein Mann der Tat, noch mehr Macht ist sein Dank.
Mackie Messer kriegt niemals genug, er will immer mehr hoch hinaus, er ist so wie ein leerer Krug, will nun ins Hohe Haus.
Dank der Freunde fällt ihm das sehr leicht, er ist nun im Parlament. Was er da so für sich erreicht, ahnt nicht nur der ihn kennt.
Mackie Messer ja der hat’s geschafft, Haifischzähne im Gesicht, doch auch wenn er alles noch so rafft, in den Himmel kommt er nicht.
Florian Mayr
Ein Möchte-Gern-Poet, Der sehr spät schlafen geht, Ein Herr der Lebensart, Der sich gern offenbart, Ein Schicksals-Konstrukteur, Der ziemlich quer Im allgemeinen Denken, Möcht’ seiner Nachwelt etwas schenken.
Er baut kein Haus, Er pflanzt kein’ Baum, Er lebt den Traum Des Kreativen. Und während eines Staus Der Künste Entwickelt er nur Hirngespinste. Unter seinem schiefen Dach, mit Hilfe eines Schirms für Regen, Mag er, hypochondrisch krank, Sich bald kaum mehr noch bewegen.
Liegt mit einer spitzen Mütze Flohzerdrückend auf dem Bette, Und erdenkt sich eine Wette, Ob eher Malen oder Dichten Seinem güld’nen Ruhm was nütze.
Eines er wohl nicht bedenkt: Weder Schreiben noch das Malen Löscht des grimmen Magen’s Qualen Und kann nicht die Zahlen richten. Wer ihm wohl die Einsicht schenkt?
Franziska Röchter
Bitterböse faucht ihr Antlitz; Sensorblick auf’s Knitterhemd. Und mich trifft es wie ein Eilblitz: Hab das Bügeln ja verpennt!
Faltig’ Vorwurf über Brauen, Die samt Nasenflügeln rümpfen: Mädchen, Du hast keine Ordnung In Hans-Dieter seinen Strümpfen!
Und dann bohren kleine spitze Nadeln wie von Folterbank Mir durch’s Herz! Mach keine Witze - Der Hans-Dieter ist doch krank!
Isst seit Tagen nicht die Menge, Die er sonst bei mir verschlang, Und gewinnt nur noch an Länge. Sicher ist Hans-Dieter krank!
Und die Kinder alle dreie, Sind sie, Dieter, wohl von Dir? Zweie tanzen aus der Reihe, Kommen geistig nicht nach mir!
Und so redet sie in Schwällen, Wie die Förster Bäume fällen. Ihre Blicke sprechen Bände. Ihre Pfeile bohr’n durch Wände.
Und Hans-Dietilein, der Arme, Wird von dieser Last erdrückt. Und sein Rheuma wünscht sich warme Witterung. Er geht gebückt.
Ja, mit soviel Dreck am Stecken Möchte niemand gern verrecken. Dieses Elend muss sich wandeln! Es besteht Bedarf zum Handeln.
Diesem Haufen voller Dung, Der da qualmt: Missbilligung! Kann nicht unser Stolz gebühren. Jemand mit soviel Allüren, Der nur schreit: Seht! Ich bin hier! Setzen wir kurz vor die Tür!
Und jetzt glätten sich die Wogen. Wilder Wasserspiegel sinkt. Doch ich hab mich selbst belogen. Der Hans-Dietilein ertrinkt!
Franziska Röchter
Als kleiner Junge spielt’ er schon am liebsten Eisenbahn. Im Zimmer fuhr er hin und her, kam immer pünktlich an.
Er brauchte dazu weiter nichts, ne leere Schachtel nur. auch fand er ohne festes Gleis stets seine richt’ge Spur.
Nicht immer spielte er allein, lud ein auch seinen Vater, die Mutter und das Schwesterlein dazu noch Hund und Kater
Als er ein wenig älter war realer ward sein Spielen mit der Elektro-Eisenbahn fuhr er zu neuen Zielen.
Er baute sich ne Welt zurecht mit Dörfern und mit Städten die Landschaft wurde riesengroß wie’s manche gerne hätten.
Er spielte viel, er spielte oft doch nach so vielen Jahren wünscht er sich dann als Hauptberuf: „Ich will mit Zügen fahren“
Und wie ihr ahnt: Sein Wunsch wurd wahr Lokchef ist er geworden: tagein tagaus von Nord nach Süd und dann von Süd nach Norden
Doch eines Tags, da merkte er: „S ist immer nur das gleiche, kann fahren nicht, wohin ich will, ein andrer stellt die Weiche.
Nun hat er einen neuen Traum, will nicht mehr auf den Gleisen - mit voller Freiheit als Pilot nur noch durch Lüfte reisen.
Werner Bühler
Vor langer Zeit, vor vielen Jahren lebte ein Ritter jung und stolz, im Kampf war er recht unerfahren, sein Herz zu weich und nicht aus Holz!
Sein ganzes Herz in Liebe glühte zu einem Fräulein was so hold, er sich um ihre Gunst bemühte, mit Augen blau und Haaren gold.
Doch buhlte er nicht ganz alleine um ihre Liebe, Herz und Hand. Da gab es noch den Ritter Heine, den sie auch bracht um den Verstand.
Sie war der Schönheit sich bewusst, die nicht versprach ein liebes Wesen, so kam es wie es kommen musst, und wir es oft in Sagen lesen.
Aus den Rivalen wurden Feinde warfen sich den Fehdehandschuh zu, denn jeder von den beiden meinte durch einen Kampf gäbe es Ruh.
Man forderte sich zum Duell würdevoll durch Adjutanten, das angenommen auf der Stell von zwein,die sich nicht kannten!
Getrennt standen sie im Nebelforst von hundert Fuß sich gegenüber, getragen hoch vom Lieblingsross, dem Ruf: “Der Überlebende sei Sieger!“
Die Kugel traf den Ritter jung er fiel vom Ross tot auf der Stell, während stolz und voller Schwung, Heiner ritt zum Schloss gar schnell.
Den Fehdehandschuh mitgenommen als Zeichen dass er hart gekämpft, auf dem Schloss dann angekommen ward Freud und Hoffnung schnell gedämpft.
Die Schöne lachte als sie hörte was todesmutig er gewagt, auch als er ewige Liebe schwörte, hat sie höhnisch nein gesagt. Er wünschte sich ihn hätt getroffen die Kugel die das Leben nahm, am Unglücksort der Sarg noch offen er spürte Schmerz, Trauer und Gram.
Verzeih dass ich mit dir gestritten glaub mir du hast den bessren Part, zum Zeichen dass wir umsonst gelitten den Handschuh leg ich in den Sarg.
Es lohnt sich nicht um was zu streiten und sei`s von außen noch so schön, das innere muss sich beweisen, man sollte mit dem Herzen zu sehn!
Celine Rosenkind
So fang ich die Geschichte an Mit jenem Popoz Gallemann Wie einst schon Schiller, Goethe schrieben Hat's Gallemann zu arg getrieben.
Drum werf ich mein Handtuch in den Ring Den Kampf hab ich verloren Das Leben macht doch keinen Sinn hab ihm die Rache geschworen.
(Hiermit eingeleitet!)
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Das ist der Popoz, er eilt so geschwind Zu sagen zu tragen, was keiner sagt Sich zu erfragen, was keiner wagt Ein Pöstchen in einem kleinen Land Wie's weitergeht, seid nur gespannt!
(Oder auch nicht!)
Ein Popanz wird man oder man bleibt Ein Hanswurst, der es mit andern treibt Die treu und ergeben tun ihre Pflichten Nur unser Popoz tut sie mitnichten!
Von morgens früh bis abends spät Erklärt er den Menschen, wie es geht: Zum Scheißen nehmt ihr vier Blatt Papier Das steht im Gesetz Paragraph vier!
Wer baggert so spät noch im Baggerloch? Das ist Popoz mit dem Bagger und er baggert noch (schaufelt mein Grab!)
Er sitzt noch spät in seinem Büro Der Darm arbeitet, er muss auf's Klo Im Klo bringt er Pamphlete an wonach man nicht hier Furzen kann!
Im Sitzen pinkeln mit Bedacht! Damit man nicht Probleme macht Im Stehen pisst er's auf's Tapet Damit ihr's dort beschriftet seht!
Der Gallemann, das ist ein Held Ein Nazischwein, dem es gefällt Sein Arsch ist rund so wie die Welt In hohem Bogen aufgestellt
Das Pipperlein, das wird jetzt steif Das Maul kriegt langsam einen Schweif Du Arsch mit Ohren, Depp vom Dienst Hernach du in den Spiegel grinst:
Was bin ich selber eine Sau Die größte hier im ganzen Bau!
So führ ich die Geschichte fort Am Ende fehlt uns nur ein Mord Wie einst schon Goethe, Schiller schrieben Hats Gallemann zu arg getrieben
Ich rührte ihm in den Kaffee Ein Löffelchen voll weißen Schnee Kaffee, den er unmäßig trank Das machte ihn auf einmal krank!
Er sagte mir am Sterbebett: "Ach, wenn ich dich geliebt nur hätt. Hab dich ertragen sieben Jahr Und, wo die Welt am schönsten war
Da war sie öd und leer."
Bernhard Lierheimer
Friedlich tastet Dämmerlicht, Netzt mit sanftem Hell. Sieben Buchen, dicht an dicht, Hüten diesen Quell.
Farne und das Kraut der Feen, Dickicht rundherum. Niemand je den Ort gesehn, Nebel schweigen stumm.
Wasserlilien auf dem Haupt, Antlitz, feinstes Blass. Schönheit, die die Sinne raubt, So steigt sie aus dem Nass.
Ihre Lider werden schmal, Listig schweift ihr Blick, Und erfasst mit einem Mal Den Jüngling ohne Glück.
Silbrig ihrer Worte Klang, Unbewegt ihr Mund, Sanft, doch machtvoll, ihr Gesang, Drohend ihre Kund.
Ich beschütz, an diesem Ort, Schon seit alter Zeit, Unsrer Unterwelten Pfort! Nahe sei Dein Leid.
Kalter Schauer greift ihn an, Furcht beklemmt ihn bald, Und er fühlt: Hier wirkt ein Bann Als das Lied erschallt.
Lilienschöne, sieh mir nach, Ich kam, ohne Arg; Ahnte nicht, was hier am Bach Dieser Wald verbarg.
Böse Faune führten mich Her, an Deinen Teich. Niemals trät ich wissentlich Ein in fremdes Reich.
Dieser Ort, er macht mich bang, Droht, trotz lindem Schein. Dennoch spür ich großen Drang Deiner nah zu sein.
Selten strahlt ein Blick so klar, Schimmert Haar wie Deins. Bist die schönste, die ich sah, Blume dieses Hains.
Lilienschön, Dein stiller Mund - Für nur einen Kuss Gebe ich mein Leben und Lieb Dich, bis zum Schluss.
Der Najaden Mut wird schwer, Tränen rinnen leis. Schmerzhaft ist ihr dies Begehr, Allzu hoch der Preis.
Dorthin, wo die Träne rann Sieht man sie jetzt stehn. Gleichwohl, der geküsste Mann War nie mehr gesehn.
Friedlich streicht das Dämmerlicht, Grüßt die nahe Nacht. Büsche, Bäume, stehn hier dicht Der Buchen sind es acht.
Kai Kremzow
Das Fahrradfahren macht ihn froh. das ist nun schon seit Jahren so. Doch hört was eines Tags geschah, als er vor sich den Schatten sah.
Da ist ihm ne Idee gekommen. und die hat er sich vorgenommen: Was ganz besondres wollt er machen. doch wer's erfuhr, der fand's zum Lachen -
Er sah den Schatten vor sich liegen und sagte: "Na, dich werd ich kriegen" Mit Wind und Sonn' in seinem Rücken, dacht er, müsst ihm das ganz schnell glücken
Schon lief er los, doch welch ein Schreck, was war das bloß? Er lief ihm weg
"Na warte, dir werd ich's schon zeigen, werd schnell jetzt auf das Fahrrad steigen. Ich wird dich fangen, werd dich kriegen. Du wirst mich niemals hier besiegen!"
Schon fuhr er los, doch welch ein Schreck! Was ist das bloß? Auch er lief weg!
Jetzt half nur noch ein kleiner Trick: er korrigierte mit Geschick die Richtung, fuhr mit seinem Rad schnell eine Kurv von 90 Grad.
"Den Schatten neben mir ich sehe, ich bin mit ihm auf gleicher Höhe." Er wiederholt den Trick, und dann fuhr er ihm immer nur voran!
Der Sieg wird ihm nicht mehr gestohlen. Der Schatten wird nie überholen. Selbst wenn er gönnt sich eine Pause: Er kommt als erster stets nach Hause!
Werner Bühler
Es war in einer Nacht im März - Ich will's erzählen, ohne Scherz: Statt im Bett zu liegen brav war ich mal wieder Fotograf und machte auch das Bild des Jahres. - Oh nein, ich glaube sicher war es das beste Bild des ganzen Lebens! Doch leider war es wohl vergebens: Kann dafür keinen Preis gewinnen, muss noch einmal von vorn beginnen.
Ahnt Ihr den Grund? - Ich glaub es kaum: Ich fotografierte nur im Traum!
Werner Bühler
Die Frauen und Kinder, sie winken im Hafen ihr letztes Adieu: "Lass niemals die Hoffnung je sinken, ist rau auch und mächtig die See!"
Der Herr aller sieben Meere lockt ewig mit bitterem Lohn: Die Taschen voll Gold, im Herz Leere und Tage voll Mühsal und Fron.
Blausamten schimmert im Dunkeln weit draußen die totstille See; seit Tagen kein Land mehr, es funkeln die Sterne in Luv und in Lee.
Nur Stunden später am Morgen erheben mit tosender Macht gen Himmel sich Wogen und Sorgen; der Steuermann spuckt nur und lacht.
Vor Sansibar brechen die Masten, wir pflügen durch Wellen und Meer und fluchen und zechen und fasten der See und dem Teufel zur Wehr.
Zehn Monate schon und wir kämpfen mit Zahnfäule, Pest und Skorbut: geschüttelt von Fieber und Krämpfen verlassen uns Glaube und Mut.
Mit Leichentüchern voll Beute tanzt wild der Klabautermann; im Logbuch steht gestern wie heute: "Der Tod schlug uns wieder in Bann."
Selbst Fässer voll Rum und drei Kerzen für jeden, der immer noch lebt, sie lindern die Pein nicht noch Schmerzen, weil jeder am Diesseits doch klebt.
"Verloren haben wir sieben", schreibt schließlich der Kapitän an jene, die heimisch geblieben; wir haben sie lang nicht gesehn.
Die Heimat! Es winken die Weiber mit Kindern, zu groß und zu klein, fremd ziemt uns die Frucht unsrer Leiber; so wird es wohl länger noch sein.
Wir küssen die Frauen und streichen den Kleinen sanft übers Haar, und wenn sie uns auch nicht recht gleichen – das Leben ist wunderbar!
Lars O. Heintel
Märchenmädchen mögen Prinzen, wähnen selbst sich gern als Fee, Retterin von Traumprovinzen, bei Gebäck und dünnem Tee.
Böse Buben gehn zur Sache, deftig, dreckig, erdgebunden, überlaut dringt ihre Lache in der Mädchen stille Stunden.
Sanfte Jungen bleiben leise, vor den Mädchen gut versteckt, gehen innerlich auf Reise, bleiben meistens unentdeckt.
Meckermädchen streiten offen, keifen, kreischen, randaliern, sanfte Jungen sind betroffen, weil sie sich dafür geniern.
Straßenjungs und Meckermädchen treffen sich an jedem Ort, in den Dörfern, Städten, Städtchen, hier und da und immerfort.
Märchenmädchen, sanfte Buben können nicht zusammenfinden, wenn sie ihre stillen Stuben nicht verlassen, überwinden.
Erst wenn stille Mädchen ausgehn, sanfte Jungs sich auch erkecken, können ihre Träume aufgehn, ihre Herzen sich entdecken.
Dann verstummen selbst die Lauten, treten andächtig zurück, weil sie erstmalig erschauten stille Liebe, sanftes Glück.
Manchmal werden Märchen wirklich, aber warte nicht darauf – schau, die Welt da draußen braucht dich, komm heraus und mach dich auf!
Lars O. Heintel
Ach, könnt ich doch in Ruhe denken, ohne Irrwege dahin sinnieren; meine Gedanken klar unstrauchelig lenken und mich nicht in der Watte Nonsens verlieren. Jedes Fetzchen macht da sein Mätzchen will sich nicht von mir greifen lassen. Ach, könnt ich doch in Ruhe denken und nicht am Rande des Wahns entlang fabulieren; keine Zeit möcht` ich mehr verprassen!
Als strickt ich einen Schal aus Wolle, so kommt mir vor mein ewig Geschleich; und will ich sie auch finden, die Rolle der Film darauf wird sein nur jedes Mal gleich. Hinaus, fort aus der Schreckenskammer, vorbei am Wächter meines dunklen Schreins; kein Gejammer mehr auf den Fluren der Zeit, wo jegliche Erinnerung gleich einem Hammer haut mein Hirn; Des Schales Nähte leicht, sie sind aus Zwirn.
Meiner Hände gewiss, im unsinnigen Tun vorgeprescht, vorbei an bekannten Handlungssträngen sind sie doch Teil einer Fähigkeit, weil sie nicht ruh`n; Eines Tages mögen die lauernden Zwänge geschluckt von einem geschwätzigen Drachen im singenden Feuer verbrennen – dann wird niemand mehr über mich wachen, und ich schau auf meiner Finger Glieder und will nur lachen.
Friss auf das lockere Ende, bevor sein Hohn dich beißen kann; gesponnene Weberfäden so nah an der Wende, so eng am Fluss des Gedankengutes – wann wird er wieder denkbar sein, wird mein Gemüht losungsfrei lenkbar sein, werden alle Plätze im großen Stadion besetzt, von fleißigen Handwerkerinnen ersetzt – die losen Enden aufgezwirbelt in unbändiger Willigkeit vom Feuereifer zerfetzt.
Im Schlaf, da denk` ich alles leicht, und flügelgleich flatterts um mich her; so herrlich sanft im weiten Raum, die Äste, die Blätter am Denkerinnenbaum arglose Schwünge auf der Schaukel unschwer erkennend im Klaren Wasser Worte badend, sich göttlich glücklich am ureigenen Wissen labend; ...Wie schön es doch ist, in Ruhe zu denken... Ina May
Säcke, derer waren es so viele, die sich stapelten im Regal in der Diele. Auf einem Schildchen stand geschrieben: Nicht mehr als zehn Säcke stapeln. Doch im Regal kamen weitaus mehr zu liegen.
Verdächtig wölbten sich die Bretter, der Zustand wurde auch nicht besser. Irgendwann war es vorbei, mit der schweren Stapelei.
Das Regal ächzte und stöhnte, als man es mit noch einem Sack verwöhnte. Offensichtlich war das viel zu viel, denn plötzlich ging es in die Knie.
Das Holz splitterte, das Mehl rieselte, der Meister tobte in der Diele: Wie ist es nur dazu gekommen? Der Geselle stand noch ganz benommen.
Da tat der Meister auch schon schreien: Wer kann denn nur so dämlich sein? Auf dem Schild war doch alles zu lesen, das kann man gar nicht übersehen!
Dem Gesellen ward es Angst und Bang, als er des Meisters Worte vernahm. Zitternd stand er vor der Misere und seine Augen starrten weit ins Leere.
Immer noch stand er benommen, als des Bäckermeisters Frau gekommen. Sie wusste, wie es um den Jungen stand, der da lehnte zitternd an der Wand.
Er konnte nicht lesen, auch nicht schreiben, tat so unwissend durch das Leben schreiten. Vorsichtig erklärte dann die Frau dem Meister alles ganz genau.
Irgendwann verstand der Meister dann Und nahm den Gesellen bei der Hand. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Komm’, ich lerne mit dir, Tag für Tag. Auf das so was nicht mehr vorkommt Und du im Leben vorwärts kommst.
Angelika Hüneborg
Ein Gladiator muskelschwer Fand eines Tags sein Schwert nicht mehr Ging so zum Film und machte dort, Was früher ernst war jetzt zum Sport Und ward, weil fiktional bewährt Als Gouvernator hoch geehrt, Weil Leute den mal gerne wählen, Wer nicht viel denkt, doch ohne Halt Durchschlägt den Knoten mit Gewalt.
Eckart Böhnisch
Moderhügel, Nebelschwaden, Gruselstimmung macht sich breit und es läuft auf schnurgeraden Gräberpfaden eine Maid.
Trübe Nacht, kein Sternchen schimmert. Fledermäuse huschen schnell zwischen Bäumen, Grablicht flimmert. Weit weg hört man Hund’gebell.
Eile, liebes Mädchen, eile! Gleich ist wieder Mitternacht, wo in jeder Gräberzeile eine hohle Stimme lacht.
Knochen klappern, Füße scharren. Aufrecht steht die Gänsehaut und so mancher wird zum Narren, weil er sich hierher getraut.
Mädchen muss sich daher sputen, schräg zu quer’n das Gräberfeld, bis es heim ist bei den guten Eltern, denn es ist kein Held.
In den lauten Wirtshausstuben war der Arbeit stets genug, denn dort saßen wilde Buben, leerten durstig Krug um Krug,
lachten, spielten, diskutierten, lärmten durch die halbe Nacht, grapschten, stierten und verführten Mädchen, bis ein Streit entfacht.
Plötzlich ging mit viel Gejohle eine Prügelei in Gang und vom Scheitel bis zur Sohle lagen bald die Hähne lang.
Kurz darauf, mit einem Male blies Gesetzes Aug’ zur Hatz, räumt die Stube – ratzekahle leer gefegt ist bald der Platz.
Böse Buben, die noch grummeln, schickt der Wachtmann auf die Flucht. Nur ein Raufbold scheint zu bummeln. Seine Stimme grölt: „Verflucht!“
Links ziert ihn ein schönes Veilchen, blutig tropfen Kinn und Stirn. Nur ein klitzekleines Weilchen braucht sein halb zermatschtes Hirn, dann erhebt sich der Lädierte, steuert auf den Friedhof zu, weil er sich nun sehr genierte, denn hier hat er seine Ruh’.
Und er schleppt sich mit den Beinen langsam weiter, Stück für Stück. Hinter großen Marmorsteinen bleiben Licht und Feind zurück.
Doch zu groß ist seine Mühe, seine Knie brechen ein. Vor den Augen ein Geglühe. Ist das eines Irrlichts Schein?
Eine Bronzegrablaterne gibt ihm noch ein flackernd Licht. Träume führ’n ihn in die Ferne und die Kälte spürt er nicht.
Währenddessen hat die feine Maid die Stube ausgekehrt, hängt die Tücher an die Leine, wie es sich zum Schluss gehört.
Feierabend! Schal und Handschuh und die Jacke angezogen, steuert sie dem trauten Heim zu – Stunden sind wie nichts verflogen.
Mutig tritt sie durch die Pforten, geht den allgewohnten Gang durch die Reihen vieler Toten zwischen Kreuz und Steinen lang.
Ei, was raschelt dort im Dunkeln? Kerzen flackern windbewegt. In Gedanken hört sie munkeln, was des Volkes Mund erregt.
Mitternacht ist Geisterstunde, denn wer keine Ruhe fand, wandert täglich seine Runde mit dem weißen Sarggewand.
Immer schneller sind die Schritte, die das Mädchen heimwärts tragen. Auf den Lippen schwebt die Bitte, die Gespenster fortzujagen.
Käuzchen ruft, es ruft die Toten, Laubgeraschel in der Nähe. Eine Maus auf Trippelpfoten läuft fast über Maidleins Zehe.
Da, ein Ast am Zehenballen, Schnürband hakt am Holz sich fest. Doch, bevor die Maid gefallen, hält sie sich am Kreuze fest.
Ängstlich schaut sie in die Runde, prüft mit Blicken Grab um Grab, denn gleich ist die Geisterstunde und jetzt geht’s nach Haus im Trab.
Kaum hat sie sich aufgerichtet, abgewischt die feuchte Erde, ist das and’re Tor gesichtet, das ihr bald zur Rettung werde.
Nur noch eine letzte Zeile, die sie längs zu nehmen hat. Herz, das holpert noch ´ne Weile, eh’ es sich beruhigt hat.
Horch, schon drohen Geistertöne wie ein schnarchend Männermund, und wie menschliches Gestöhne, wenn der Schmerz ihn fassen kunnt.
Maidlein packt die letzten Kräfte, Holpert, stolpert. – Rasend schnell fällt es beinah’ in die Gräfte, die begrenzt des Grabes Zell’.
Keuchend steht es, aus der Puste, von der Grabenkante auf. Da! Da vorne ein Gehuste und ein kränkliches Geschnauf.
´s Herze schlottert, kann nur rasen, kalter Schweiß klebt auf der Haut. Näher kommen diese Phasen, wo sich Wind zu Sturm aufbaut.
Hastig rennend zu dem Tore, hofft sie, gleich ist Rettung da, hebt die Hände hoch empore: „Herrgott, ja, hier bin ich ja!“
Und die Dirn’ kann Streben greifen, zittert, wie noch nie gehabt. Doch pardauz, was hört sie schleifen? Hat sie da was angeschrabt?
„Gott, nun lass es endlich gut sein, lass mich einfach nur nach Haus, Geisterstund’ im Kerzenschein bläst mir bald die Puste aus!“
Kraftlos schaut sie auf die Erde, was sie denn wohl angerührt. „Nein! Nein! Nein! Ich glaub, ich werde von der Furcht nur angeführt.
Blutig, müde, kräftig riechend liegt der eine Raufbold da, sucht den Weg, am Boden kriechend. Auch er ist dem Heime nah.
Maidlein schimpft mit ihm: „Du Tropf, konntest du nicht eher lassen, mit dein’m ganz verdrehten Schopf fremde Mädchen anzufassen?
Nun, du solltest selber sehen, wie man so nach Hause kehrt, doch du kannst ja kaum noch stehen und ich weiß, was sich gehört.
Deinen Brüdern werd’ ich sagen, dass es mich vor dir gegraust und dann geh’ ich – ohne Fragen heim zu meinem Elternhaus.
Mary West
Ein Seemann, der nach langer Fahrt In Hamburg ankam voll mit Bart Dacht sich, was männlich scheint auf See Tut einer Dame hier leicht weh Ließ sich den Rauschebart schnell kappen Und hisste stolz sein Backenwappen, Bis er bald merkte, dass die Damen Lieber Männer mit Bärten nahmen, Und er, verzweifelt, las in BILD Den Herbst sei frau auf Bart ganz wild, Dass er beschloss und zwar ganz schnell Im Kloster suchen sich ne Stell Doch auch da abgewiesen ward, Weil fehlte ihm zum Mönch - der Bart.
Eckart Böhnisch
Ein junger Mann, voll mit Gefühl, Bedichtete das Weltgewühl Und schwelgte hin und schwelgte her Und dacht, dass er ein Künstler wär, Bis eines Tages eine Maid Bestellt bei ihm ne Liebesweis Und er des Auftrags sich gewiss Bald rieb sich an der Finsternis, Die seinen Geist umgab alsbald – Ich fürcht, er starb im Auftragsgrab, Denn als erglänzt das Mondgestirn War voll der Papierkorb und leer – sein Hirn.