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Das Wichtigste für Schriftsteller ist ein konstruktives Feedback auf ihre Texte. Leser wünschen sich Orientierung im Literaturdschungel oder möchten über gerade gelesene Geschichten mit den Autoren ins Gespräch kommen und mit anderen Lesern diskutieren. All dem räumt Litrum auf dieser Seite viel Platz ein. Hier können Kritiken jeder Art und über alle Bücher veröffentlicht werden - vor allem natürlich über Texte auf den Litrum-Seiten und von anderen Literaturportalen. Im Vordergrund steht dabei der offene und ehrliche Austausch mit den Autoren und anderen Lesern. Das Kritiker-Forum bietet die Gelegneheit über Texte und Literatur mit anderen Litrum-Besuchern zu diskutieren. 

Ihre Kritiken und Rezensionen mailen Sie bitte an kritik@litrum.de 

                                                                                  


Kunst hilft dem Menschen, sich emotional auszudrücken und zu entwickeln. Diese These bestätigt der junge Schriftsteller Manuel Göpferich mit seinem Schreiben und seinem eigenen Werdegang. Seit nunmehr zwei Jahren begleite ich Manuel Göpferich auf seinem Weg. Wohlwollend verfolge ich seine literarischen Entwicklungen. Schickte ich ihn auch mit meiner Kritik manchmal in die Wüste, er kam stets mit neuen, hervorragenden Texten zurück.
In seinem ersten Buch „Die alltägliche Vernunft“ und seinem Kurzgeschichtenband „Grüne Windmühlen“ drehte sich bereits fast alles um die Kunst und das Künstlertum.
In „Friedrichs Leidenschaften“ erleben wir den Protagonisten Friedrich als werdenden Künstler, der sich gegen Widrigkeiten durchsetzten muss. Dabei spricht Manuel Göpferich von einer kulturellen Revolution, vielleicht auch allgemein von der Anerkennung des Künstlers in der Gesellschaft. Ungeschönt und zugleich hoffnungsvoll schildert er die Erlebnisse und Gefühle eines jungen Mannes während seiner Lehrzeit.
Seine eigene Ausbildungszeit prägte den Autor sehr. Eine Lebensphase, die einen Heranwachsenden zu einem Mann reifen lässt.

Rüdiger Heins


1 Vor dem Münster 

Friedrich war nicht mehr der Mann, der er noch vor einem Jahr gewesen war.
Viele Passanten hielten sich zur Mittagszeit in der Fußgängerzone auf. Aus seinem Koffer holte Friedrich eine Staffelei, Bleistifte und einen Klappstuhl. Ehe er mit dem Aufbau begann, blickte er zu den Zinnen des Freiburger Münsters auf. Gerüste und ein übergroßes Plakat überdeckten den höchsten Turm. Oft schon hatte er sich im Innern des Münsters aufgehalten, bisweilen an zwei Gottesdiensten teilgenommen.
Jeden Winkel, jede Perspektive des Gebäudes glaubte Friedrich zu kennen. In unzähligen Grafit- und Kohlezeichnungen hatte er das Münster abgebildet. Vollendet war diese selbstgestellte Aufgabe für ihn noch lange nicht. Wieder und wieder entdeckte er Abschnitte der Fassade, die er noch detailreicher und aus einem anderen Blickwinkel darstellen konnte.
Menschen zu zeichnen bereitete ihm mehr Freude, penibel achtete er auf die Konturen und Schattierung.
Als Jugendlicher hatte er das Porträtieren mühsam erlernt. Häufig war er mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Zu Anfang konnte er nie vorhersagen, ob alle Proportionen stimmen werden und das Bild gelingt.
Über Wochen lauschte er den Dialogen in der Fußgängerzone. Mittlerweile fiel es ihm leicht, Touristen von den Freiburgern zu unterscheiden. Den schwäbischen, wie auch den Dialekt, der im Norden Badens gesprochen wird, hörte er sofort heraus. An die Menschen war er gewöhnt; sie gaben ihm Vertrauen, ebenso die regelmäßig ertönenden Klänge der Glocken.
Zu Beginn eines Tages stand für ihn die größte Herausforderung, den ersten Kunden zu finden. Beobachteten Passanten Friedrich bei der Arbeit, kamen sie dabei schnell auf die Idee, sich auch abzeichnen zu lassen.
Für jede Person nahm er sich zwanzig bis vierzig Minuten Zeit. Dies stand auch auf dem Schild, das gut sichtbar auf der Rückseite seines Zeichenblocks klebte. Fünfzehn Euro kostete ein Bild.
Gegen Vormittag baute er noch eine weitere Staffelei auf und drapierte dort eine Porträtzeichnung von Paul McCartney.



Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt 

Ein Wegbegleiter auf dem Trauerpfad?   
Eine Schritthilfe  für Trostsuchende?
Ein Leitfaden für Menschen, deren Lebensschnur gerissen ist?  
Eine Anleitung selbst für solche, die Trost spenden wollen?
Dieses Buch ist ein stiller Begleiter für alle, die sich durch das Nichts tasten.
Und unmittelbar oder mittelbar betroffen sind.        
Denn der Tod ist Teil unseres Lebens und begegnet uns mit jedem neuen Tag.   

Freya von Stülpnagel hat selbst Abschied nehmen müssen.
Von ihrem erst 18jährigen Sohn. Als betroffene Mutter  
schöpft sie aus einer Seelentiefe, die nur Trauernden gegeben ist,
wie Pater Claudius Bals in seinem Vorwort sagt.
Und verneigt sich vor ihrem gefühlten Wissen.      

Die Trauer um einen geliebten Menschen hat viele Gesichter.
Und fühlt sich in seinem ersten Schmerz wie das Ende des eigenen Lebens an.
Dennoch hat die unheilbar scheinende Wunde des Abschiednehmens auch heilende Kraft.
Weil das Ende eines Weges auch immer der Anfang eines neuen sein kann. 

Die Autorin dieses Buches hat ihn gefunden. Auch, wenn es ein unwegsamer war.
Und aus dem schmerzlichsten Verlust ihres Lebens schließlich soviel Kraft gewonnen,
dass sie manchen Hoffnungslosen heute etwas davon abgeben kann. 

Ein Buch unter vielen, die das Thema Tod und Abschied  berühren.
Und dennoch eines, das sich sehr bewusst wieder dem Leben zuwendet.
Es hat mir eine ganze Handvoll neuer Denkanstöße gegeben.
Und meine Unsicherheit im Umgang mit Trauernden ein Stück weit genommen.    

Ute Leser             

erschienen im Kösel-Verlag München
1. Auflage Januar 2009
ISBN 978-3-466-36853-2
Euro 14.95



Tja, Freunde, das Leben ist Krieg!
Der neue Roman von Rüdiger Saß spielt wieder einmal in Humbug, das man unschwer als große Hafenstadt im Norden Deutschlands erkennen kann.
Der Autor präsentiert die Stadt als düster-herbstliches Schlingpflanzenaquarium.
Im ständigen nordischen Nieseln fühlen sich besonders die Großstadthaie wohl wie Hechte im Karpfenteich. Aber auch die kleineren Nummern des gesichtslosen Mobs haben ihren Part, zum Beispiel im beliebten Freizeitspiel „Nach unten treten, nach oben buckeln“, mit Begeisterung einstudiert.
Die Stadt ist das Sammelbecken für ein unerträgliches Gewusel menschlicher Ausgeburten, vom Anfang bis ans Ende ihrer kümmerlichen Existenz.
Das Motto lautet also: Jeder frisst Jeden.
Es herrscht Krieg.
Der Alltag wird vom Autor in militärische Sprache gekleidet. Es wird scharf geschossen. Deserteure werden an die Wand gestellt. Man frönt dem Mitläufertum.
In diesem allgemeinen und nicht enden wollenden Kriegszustand betreibt der Hauptprotagonist eine extreme Form von Seelenentblätterung.
Er geht dabei äußerst brutal gegen sich selbst vor. Allerdings verschont er dabei auch „die Anderen“ nicht. Dieses Gegen-Andere-Schießen bereitet dem Protagonisten und Ich-Erzähler allerdings immense Schuldgefühle.
Er bietet alles auf, um nicht mit den Wölfen heulen zu müssen und sich selbst treu zu bleiben, bleibt damit aber, in seiner Radikalität, auch – folgerichtig - mutterseelenallein.
Eine sehr traurige Geschichte ist dies. Immer wieder möchte man ausrufen: „Halt ein! Halt doch endlich ein!“
Man möchte dem Protagonisten zurufen: „Schau doch, dieses Kind da im Kinderwagen. Nein, nicht der boshafte Fratz daneben, sondern gleich hier dieser freundliche Bursche, wie er völlig selbstvergessen und glückselig lächelnd mit seinen Zehen spielt. Das ist auch das Leben. Das ist das Leben!“ Aber Saß lässt seinen Hauptprotagonisten sich in seiner negativen Sicht auf die Welt bis zum Schluss absolut treu bleiben. Da gibt es keinen Hoffnungsschimmer.
Es werden eben noch nicht einmal Gefangene gemacht.
Als einzigen Lösungsansatz bietet Saß seinen, niemals kitschig wirkenden, großartigen Sprachwitz an.
Aber geht das: Sprache als einzig wahres Therapeutikum, um auch schmerzlichste Erfahrungen aufzulösen?
Für ein halbwegs befreiendes Aufatmen reicht es wahrscheinlich manchmal. Für ein begeistertes Nicken, ob der meisterhaften Sprachbeherrschung des Autors, bestimmt. Für die Erlösung selbstverständlich nicht.
Aber das hat Saß natürlich mit einkalkuliert. So ist nun mal das Leben. An der Front. 

Thomas Schweisthal 

Rüdiger Saß, Neues von der Heimatfront
Bench Press Publishing, Grabenstetten
1.Auflage 2008



In seinem erstem Buch setzt sich Carten Pape humorvoll, hintergründig und auch nachdenklich mit der Musik-Szene auseinander. Während andere Leute einfach ihr eigenes Leben niederschreiben, hat er sich eine Geschichte ausgedacht, deren Held Jacques Niebaum heißt und die einen Leser zurücklässt, der sich am Schluss des Buches einer riesigen Pointe erfreuen kann und sich fragen wird, ob so etwas wirklich schon mal statt gefunden hat. "Möglich ist im Musikgeschäft alles," sagt Pape.
Jacques Niebaum, der vor 20 Jahren ein richtiger Popstar war, ist am Ende. Er verliert sein letztes Engagement in einem kleinen Hamburger Club namens 'LOGO' und zu allem Überfluss auch noch seine Wohnung. Sein einziger Besitz besteht nur noch aus seiner Gitarre und einem Koffer voller CDs. Er versucht sein Glück in der Fußgängerzone, aber auch dort hat er keinen Erfolg. Im
Gegenteil: er wird einfach weggejagt. Verzweifelt setzt er sich in einen Hauseingang an der Alster und betrinkt sich. Zu alt für das Musikgeschäft - und zu etwas anderem sowieso nicht zu gebrauchen. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit hat er wieder etwas Glück und eine Frau mit Namen Helen Schuchhardt, die im Immobiliengeschäft tätig ist, liest ihn in diesem Hauseingang auf und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.Am nächsten Morgen beim Frühstück stellt sie ihm die entscheidende Frage: "Willst du wieder ein Popstar werden?" Natürlich weiß er, dass das unmöglich ist, dennoch beantwortet er ihr diese Frage mit den Worten. "Ja, das wäre ich gern wieder." Es beginnt eine Geschichte, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte.
Das Buch ist zu bestellen über den Buchhandel, Online-Buchhandel oder direkt unter www.holzheimerverlag.de . Es kostet EUR 12,80 und hat die ISBN 978-3-938297-59-9. 

Carsten Pape
blickt bereits heute auf eine lange Musiker-Karriere zurück. 1987 hatte er seinen größten Hit: „Ich liebe dich" mit der Band Clowns und Helden. Er schrieb Songtexte für Maffay, Nena, Blümchen und viele mehr. Durch die Auftritte mit seinem Freund und Kollegen Lotto King Karl ist er zu einem Kultstar des Nordens geworden mit der HSV-Vereins-Hymne "Hamburg meine Perle".



Nach acht Büchern voller Kurzgeschichten legt Jürgen Landt seinen Debutroman vor, den ersten Teil einer Lebensgeschichte, Kindheit und Jugend umfassend. Der Ich-Erzähler Peter Sorgenich, der bereits in einigen Landtschen Kurzgeschichten auftaucht, ist mit dem Autor, mit Jürgen Landt identisch. Landt, Jahrgang 1957, erzählt vom Leben, Leiden und Lieben im real existierenden Sozialismus der DDR, in einem Sozialismus ohne Sozialisten. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, eines Individualisten, der in zwei Diktaturen hineingeboren wird, in die Diktatur eines allumfassenden Staates einerseits und in die Gewaltherrschaft der Mutter andererseits.
„meine geschichte nahm ihren engen verlauf“, schreibt Landt alias Sorgenich, „menschen gürteten einen kleinen jungen ein. und sie stanzten weitere löcher in seinen gürtel, um ihn eng in ihr muster des lebens zu schnallen.“
Sorgenich wächst in Demmin, einer pommerschen Provinzstadt auf. Er kapselt sich früh ab, geht eigene Wege, will allein, für sich sein. Er will selbst entscheiden, was er tun und lassen will. Doch das fällt schwer in einem Staat, der die Bedürfnisse und Belange des Kollektivs über die des Individuums stellt, ein Staat, der alle Menschen in seinem Machtbereich erfasst, überwacht und zu formen versucht.
„war ein mensch nie“, fragt peter sorgenich, „auch nur ein einziges mal alleine und ungestört auf der welt? war man nur alleine und abgeschirmt irgendwann später im sarg unter der erde? oder wollten dann vielleicht die leichen auch noch etwas von den anderen leichen?“
Peter Sorgenich begehrt auf, instinktiv, mehr aus dem Gefühl als aus der Reflexion heraus wehrt sich der Junge gegen pausenlose Bevormundung, gegen dumme, inhaltsleere ideologische Phrasen. Sorgenich beweist Mut, er schwimmt gegen den Strom, während die Mehrheit der Menschen den Schwanz einzieht und mit den Wölfen heult. Er äußert seine nonkonforme Meinung im Unterricht, er trägt Kleidung des „Klassenfeindes“ und verstößt gegen Gesetze.
„gegen eine prügelei hatte ich auch nichts einzuwenden“, sagt sorgenich, „zumal ich ständig am überkochen war. der sinnlose unterrichtskram, die erdrückenden, lückenlosen kontrollmechanismen in der schule und das ruhelose zuhause, diese dummen zwistigkeiten der ewig aufeinander einhackenden eltern waren für mich glut genug, schufen knisternde körperanspannungen und aggressionen, die nach entladung verlangten. noch ahnte ich nicht, was alles auf mich zukommen sollte.“
Was Sorgenich nicht ahnte, war das Gefängnis, das Zuchthaus, das ihm winkte, das auf ihn zukam, nachdem er mit sechzehn Jahren wegen „Rowdytum“ zu sechs Wochen Jugendhaft verurteilt wurde. Diese Strafe machte Sorgenich endgültig zu einem Außenseiter, zu einem gebrannten Kind. Vater Staat entschied, Peter Sorgenich bedürfe nach der Haftentlassung einer ständigen Kontrolle und konkreten Anleitung durch das Kollektiv, da er sich grundsätzlich unmoralisch verhalte und ständig gegen die sozialistischen Grundsätze verstoße.
Das konnte nicht gut gehen. Und so endet dieser erste Band, der erste Teil der Leidensgeschichte des Peter Sorgenich mit einem Gerichtsurteil, mit einer Verurteilung zu acht Monaten Haft wegen „Rowdytums“ gegen den mittlerweile Neunzehnjährigen.
Peter Sorgenich ist ein böser Bube, ein bad guy, ähnlich dem Henry Chinasky in Charles Bukowskis autobiographischen Roman „Das Schlimmste kommt noch“. „Der Sonnenküsser“ ist ein Unterschichtsroman, Peter Sorgenich ist einer von unten, aus dem Volk, einer, der etwas zu sagen hat. Dadurch, dass der Autor weiß, wovon er schreibt, gewinnt der Roman eine Authentizität, die ihm die Qualität eines Zeitzeugnisses ersten Ranges verleiht. Jürgen Landt bedient sich konsequenterweise nicht der Hochsprache, keiner gedrechselten, weichgespülten Formulierungen, sondern schreibt schnörkellos und frisch von der Leber weg, kernig, kraftvoll. Der in zweiundsiebzig Kapitel unterteilte „Sonnenküsser“ liest sich wie chronologisch angeordnete Kurzgeschichten, wobei die eine und andere Episode auftaucht, die als eigenständige Texte in früheren Veröffentlichungen zu finden sind.
Das Eigentümliche der Landtschen Prosa liegt in den bedrückenden Gefühlen, in den Beklemmungen und der Hilflosigkeit, die sich durch seine Schilderungen menschlichen Miteinanders einstellen, eines Miteinanders, das immer ein Neben- oder Gegeneinander zu sein scheint, immer missglückte Kommunikation, Hass, Egoismus, Gewalt, Dummheit, Teilnahmslosigkeit. Landt gelingt es wie wenigen, die Atomisierung moderner Gesellschaften in packende Worte zu kleiden, auf den Punkt zu bringen: die Vereinzelung, Ohnmacht und Isolation der Menschen, ihre All-Einsamkeit.  

Rüdiger Saß

Jürgen Landt, Der Sonnenküsser,
Weimar und Rostock, Edition M, 2007
Edition M. (334 Seiten; ISBN 978-3-933713-27-8)



Ein kleiner Band von Heinz Nicolai

Mancher, der den Roman „Faustinas Küsse“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen hat oder vielleicht ein Originalwerk Goethes, interessiert sich danach sicher für die genaueren Daten aus dem Leben des Dichters.
Ein sehr zu empfehlender kleiner Band der Schwarzen Reihe des Beck-Verlages kann da sehr hilfreich sein, denn er listet nicht nur die Daten auf, sondern gibt in Kurzform auch detaillierte Hinweise auf die jeweiligen Ereignisse. Die Zeittafel beschränkt sich nicht auf Daten, die Goethes Leben als Dichter und Staatsmann betreffen, sondern gibt auch private Vorkommnisse wider, wie zum Beispiel am 1. November 1795: Geburt eines Knaben Karl, der am 18. stirbt. Fünf Kinder hat Christiane Vulpius ihm geboren. Bekannt ist nur Karl August, weil er das einzige Kind ist, das sein erstes Lebensjahr überlebt hat. Selten findet man Hinweise dieser Art in Büchern über Goethes Leben, obwohl Ereignisse wie Geburt und Tod eines Kindes doch ganz sicher Auswirkungen auf jeden Menschen haben, erst recht auf einen sensiblen Menschen wie Goethe. In den meisten Verzeichnissen liest man nur die dichterisch relevanten Daten, hier erfährt man, wann er an welchem Werk gearbeitet hat und wo  und was sich währenddessen im Privaten ereignete.. Außerdem werden die Gäste im Hause am Frauenplan erwähnt - und es waren fast alle berühmten Menschen seiner Zeit, die Goethe besuchten - oder es wenigstens versucht haben. Fast täglich hatte er Tischgäste und seine Diener (vor allem Eckermann) führten genau Buch, auch über das, was gereicht wurde - und häufig auch über das, was gesprochen wurde.
Seine Teilnahme an Sitzungen, Festen, Theaterveranstaltungen, Empfängen bei Hofe sowie seine häufigen Dienstreisen im Dienste des Herzogs sind genauestens belegt. Ebenfalls seine Reisen als Bergwerksdirektor sowie als Begleiter von Carl August beim Frankreichfeldzug.  Sein Aufbruch nach Italien und seine Rückkehr und das Datum, an dem er zum ersten Male Christiane traf im Park an der Ilm.
Einige wenige Besuche in Frankfurt sind erwähnt, wo  seine Mutter lebte. Und natürlich die Begegnungen mit Frau von Stein auf dem Gut Groß-Kochberg.
Das Verzeichnis endet mit der Beisetzung seiner sterblichen Hülle am 26. März 1832 in der Fürstengruft zu Weimar. Zwischen der Eintragung am 28. August 1749: Geburt von Johann Wolfgang - und der letzten Eintragung liegt ein langes, begnadetes, ereignisreiches aber auch oft mühsames Leben -, das Leben eines Universalgenies und nicht zuletzt eines  M e n s c h e n   der „...immer strebend sich bemüht“ hat.
Ein ausführliches Register ist angeschlossen und erleichtert das Auffinden der Daten der chronologischen Zeittafel und fördert das Verständnis der Eintragungen.
Ich kann das Buch von Heinz Nicolai (Neuauflage erschienen 1977 im C.H. Beck-Verlag München) sehr empfehlen. Es ist gebraucht schon ab 1 Euro beim größten Internet-Buchversand erhältlich. 

Nora Zorn



Von Manuela Lehr

Alexandra, genannt Alex, ist eine Großstadtpflanze und Single auf Partnersuche. Sie arbeitet in der Medienbranche und verfügt nicht nur über solide Computerkenntnisse. Viel beschäftigt und relativ neu in der Stadt Leipzig, schaut sie sich im Web nach einem Mann um. Doch die einschlägigen Singlebörsen sind schnell erfolglos abgegrast.
Desillusioniert meldet Alex sich in einem Online-Diskussionsforum an und stößt auf einen sprachgewandten und scheinbar überaus anspruchsvollen Feingeist, der sie alsbald recht engagiert umgarnt. Alex, geschmeichelt, lässt sich auf die Avancen ein – endlich ein Licht am Ende des Tunnels? Die Worte „Diesen Mann will ich!“ werden zu ihrem Mantra. Sie ist fest entschlossen, keine Fehler zu machen und mögliche Fehler seinerseits zu tolerieren. Man muss nur wollen. Und sie will!
Nach einigen Wochen besucht sie den Herren. Doch was ist das? Der romantische Dichter und Denker haust in einer vergammelten Messie-Bude bei einem Kumpel! Von Angesicht zu Angesicht hat Alex einige Mühe, das Bild – ihr Bild des Feingeistes aus dem Internetforum mit der tatsächlichen Person in Übereinstimmung zu bringen. Aber sie will! Duldsam und optimistisch sieht sie ihm die ersten Schrullen nach. Liebe macht blind, hofft sie. Auch wenn Liebe bisher nur als Ziel auf Alex' Zettel steht. So bekommt der Kandidat weitere Chancen. Und Alex' Ansprüche an Mann und Beziehung geraten zu ihrer eigenen großen Verwunderung mehr und mehr ins Hintertreffen seinen Ansprüchen gegenüber.
Wiederum Wochen später der Gegenbesuch. Ein Desaster! Er hat nicht nur nasse Wäsche, sondern auch ein ganzes Arsenal an No Goes im Gepäck. Und Alex? Sie bekommt die Gelegenheit, die Reichweite ihres guten Willens in Gänze auszuloten und wird im weiteren Verlauf des Geschehens noch vielen teils bösen Überraschungen gegenüber stehen. Auf das dicke Ende darf man gespannt sein.
Eine ebenso pointiert komische wie beiläufig tiefsinnige Auseinandersetzung mit dem Medium Internet, dem Phänomen der Projektion und den Täuschungen und Enttäuschungen im menschlichen Miteinander, Sprachwitz, Spannung, Ironie und Selbstironie, Rhetorik und ein scharfes Auge der Autorin für Menschen und ihre Schwächen machen dieses Romandebüt zu einem besonderen Lesegenuss.         

Taschenbuch185 Seiten
erschienen Mai 2007 im Röschen-Verlag, Frankfurt / M.
ISBN-10: 3980991555
ISBN-13: 978-3-9809915-5-1



Stefan Bollmann, mit einem Vorwort

von Elke Heidenreich

Elisabeth Sandmann Verlag, München, 2006

ISBN 3-938045-12-4

19,95 Euro

Von Nora Zorn

Nach dem großen Erfolg von „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ hat der Germanist Stefan Bollmann nun ein zweites Buch mit dem Titel „Frauen, die schreiben, leben gefährlich“ im Sandmann-Verlag herausgebracht. Das sachkundige, aus eigenem Erleben als Autorin genährte Vorwort von Elke Heidenreich nimmt sich der so vielfältigen Schwierigkeiten der schreibenden Frauen vom Mittelalter bis in unsere Zeit an. Es widmet sich vor allem dem Denken, Fühlen und Wünschen weiblicher Wesen, die sich aufreiben zwischen dem Versuch, ihrer „natürlichen Bestimmung“ als Tochter, Ehefrau und Mutter gerecht zu werden und doch ihre kreativen Begabungen zur Blüte zu bringen und auszuleben. Dass viele an diesem von der Gesellschaft aber auch sich selbst gestellten Anspruch gescheitert sind, zeigt die trostlose Aufzählung von Selbstmordversuchen und gelungenen Suiziden unter den bekannten Schriftstellerinnen.
Den langen Weg vom Lesen religiöser Bücher, vorzugsweise der Bibel, bis hin zum Lesen und Schreiben von Romanen, von Lyrik, Erkenntnis- und Bekenntnisliteratur sowie Büchern, die uns die Gefühlswelt und den „weiblichen Blick“ auf die Welt nahe bringen, beschreibt Stefan Bollmann sachkundig und einfühlsam an Hand von Beispielen von mutigen und kompetenten Frauen von damals und in der heutigen Zeit.
Dass aus lesenden Frauen unvermeidlich auch schreibende Wesen wurden, war den Väter, Brüdern und Ehemännern der in der bildenden Kunst so anmutig dargestellten „Lesenden“ von Anfang an bewusst. Nicht ohne Grund fürchteten sie den Zuwachs an Wissen, das Aufkeimen von Wünschen nach Teilhabe an den Geheimnissen von Wissenschaft, Kunst, Religion und Politik.
So, wie den lesenden Frauen zunächst fast nur die Bibel, Erbauungsliteratur, Kalender, dann und wann ein Kochbuch oder Gesangbuch zur Verfügung standen, so wagten sich die ersten Schriftstellerinnen zunächst auch nur an diese Gebiete heran. Zum Teil wurden Ihnen diese Themenfelder auch von den Männern zugewiesen. Sehr gut ist das einem Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff zu entnehmen, in dem sie sich wünscht „ein Mann oder ein Soldat zu sein“.
So erging es vielen Autorinnen vom Mittelalter bis heute. Sie kamen spät oder durch Schicksalsschläge endlich zu ihrer Bestimmung. Selbst eine der bekanntesten Frauen des Mittelalters, Hildegard von Bingen, war schon 42 Jahre alt, als sie den Auftrag erhielt, alles aufzuschreiben bzw. zu diktieren, was ihr die göttlichen Eingebungen mitteilten.
Stefan Bollmann beschreibt die Hindernisse, die sich dem Wunsch der Frauen, Schriftsteller zu sein, entgegenstellten. Der Hauptgrund war die Tatsache, dass der Bildung der Mädchen im Gegensatz zu der Bildung der Jungen keine große Bedeutung zugemessen wurde. Frauen sollten mit ihrer Rolle als Tochter, Ehefrau, Hausfrau und Mutter zufrieden sein. Meistens waren sie es auch, denn sie hatten keine andere Wahl. Als dann in wohlhabenderen Häusern nicht mehr zu vermeiden war, dass die Töchter so nebenbei am Unterricht der Söhne durch Hauslehrer teilnahmen, brach sich das Streben der Frauen nach Bildung Bahn.
Wenn sie sich auch im Laufe der Zeit durchsetzten und sich in allen Sparten der schreibenden Zunft Gehör verschafften, so hatten sie es zu allen Zeiten schwerer als die Männer, die sich ihre Inspiration durch „Musen“ holten und denen Frauen den Rücken frei hielten für ihre geistige Tätigkeit.
Lange wurde das Schreiben der Frauen als Dilettantismus und Freizeitbeschäftigung belächelt. Einige Frauen haben es dennoch geschafft, über ihre Zeit und ihr Land hinaus Ruhm und Anerkennung zu erlangen. Von diesen ist die Rede in den (sehr kurzen) Begleittexten, die Stefan Bollmann neben die großformatigen Portraits der etwa 50 Schriftstellerinnen gesetzt hat, die in diesem Buch Platz fanden.
Wer sich einen kurzen und eher flüchtigen Einblick in das „gefährdete“, wenn auch nicht immer „gefährliche“ Leben der Hildegard von Bingen, Christine de Pizan, Germaine de Stæl, Rahel Varnhagen, George Sand, der Schwestern Bronté, Jane Austen, Selma Lagerlöf, der Französin Colette, der Dänin Tania Blixen, der Krimiautorin Agatha Christie, der Feministin Simone de Beauvoir, der Romanschriftstellerin Marguerite Duras, ihrer Kollegin Françoise Sagan sowie der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Schriftstellerin Toni Morrison und der gerade bekannt gewordenen Roman-Autorinnen Zeruya Shalev und Arundhati Roy (und vieler anderer) verschaffen will, für den ist das hier besprochene Buch gerade richtig.
Der optisch sehr ansprechende, großformatige Band mit den in guter Farbqualität widergegebenen Bildern, dem gut lesbaren Druck mit dem eindrucksvollen Vorwort von Elke Heidenreich und den zwar kurzen, jedoch umfassenden Informationen von Stefan Bollmann wird dem „weiten Feld“ der weiblichen Schriftstellerinnen (mit Einschränkungen) gerecht. Es fehlen leider einige bedeutende Autorinnen, wie z.B. Annette von Droste-Hülshoff, Marie von Ebner-Eschenbach sowie viele interessante Schriftstellerinnen unserer Zeit.
Wer dem Thema tiefer auf den Grund gehen möchte, sollte sich anschließend eines vielen informativen (Sach-)Bücher kaufen, die in der Regel mehr Text, mehr konkrete Beispiele, nur wenige Bilder, viele Quellenangaben und ein ausführliches Register enthalten. All dies enthält der besprochene, trotzdem sehr sehens- und lesenswerte Band nicht. Für eine erste Information und ein eher kurzes Lesevergnügen kann ich das Buch über das gefährliche Leben schreibender Frauen jedoch empfehlen.


„Die Mitternachtskrankheit“

von Alice W. Flaherty

Autorenhaus Verlag, 2004

Übersetzung aus dem Amerikanischen

ISBN 3-932909-39-9, € 19,80

 
Warum schreiben manche Leute wie unter Zwang? Warum möchten manche schreiben und finden die richtigen Worte nicht? Und warum können ambitionierte und begabte Schreiber oft trotz kreativer Ideen und idealer Voraussetzungen den Anfang nicht finden? Selbst erfolgreiche Schriftsteller sind einer solchen Blockade von Zeit zu Zeit ausgesetzt. Ist sie ein Geistes- oder ein Gehirnzustand? Sie macht Schreibende nicht selten depressiv, manche auch aggressiv. Oder können sie nicht schreiben, weil sie depressiv oder aggressiv sind? 
Diesen vordergründig schriftstellerischen Problemen widmet die  Neurologin, Schriftstellerin und Harvard Dozentin Alice W. Flaherty ihr Buch „Die Mitternachtskrankheit“. Die Motivation, diesem Problem auf den Grund zu gehen, ergab sich aus ihrem privaten Erleben, teilweise  auch aufgrund von Patientenbeobachtungen.

                                                                                                Die vollständige Rezension als pdf


Ergreifender Text

Eine etwas andere Rezension zu Eva Siebenherz "Tränen aus Eis"

(Verlag: Twilight-Line)

Hallo Eva,                                                                                                  

entschuldige bitte, dass es etwas gedauert hat. Da war noch so viel anderes.
Zu Deinem Buch, dessen Manuskript ich vorab lesen durfte, danke noch einmal für Dein Vertrauen.
Eine Dokumentation, Protagonistin und Autor sind eine Person. Allein bei dem Gedanken daran krampft mein Herz.
Es beginnt mit den schönen Bildern aus Radebeul und Dresden. Ich kenne die Gegend, denn meine Großeltern wohnten in der Nähe von Meissen. Warum hast Du bei den Sehenswürdigkeiten denn „das blaue Wunder“ nicht erwähnt?
Das Verhältnis zur Familie, wenn es denn eines gab, beschränkte sich auf die fast, und das in der DDR, bürgerlichen Großeltern Hier fand sie Halt. Die Mutter ist der Protagonistin in vielen Punkten wesensgleich und deshalb klappt es nicht zwischen den Beiden und statt dem Kind Selbstbewusstsein und ein Urvertrauen zu geben macht sie Alles um die Entstehung eines solchen zu unterbinden. „Du bist ein Versagen wie Dein Vater“ So erzeugt sie Opposition und ein unheiliges Gefühl des „nicht geliebt Werdens“ des Überflüssigen. „wir hätten Dich zum 8.Mai lieber....“ Diese Konditionierung wird die Protagonistin eine lange Zeit ihres Lebens prägen und das in einem staatlichen Umfeld das Angepasstsein verlangt. Einer Diktatur, die in ihren Organen sich nahtlos der Methoden des NAZI-Regimes bedient.
Hier kann Individualismus und Opposition tödlich sein. (und war es oft auch) Ausgerüstet mit einem fehlenden Selbstwert will sie nur eines. „Weg von der gehassten Mutter“ und stürzt sich, da sie immer um Liebe und Zuneigung bittet, jedem dahergelaufenen Mann in die Arme, ins Bett, in die Ehe ins Kindsbett. Ein Teufelskreis beginnt zu rotieren.
Das passiert ungefähr millionenfach auf dieser Welt und das jeden Tag. Da ist aber noch die Sache mit der Diktatur. Solche Staaten schätzen ein solches Verhalten überhaupt nicht und wenn der Betreffende noch gegen das Regime ist wird es ernst. Heute wissen wir, dass die DDR Müttern ihre Kinder wegnahm und sie Zwangsweise Fremdadoptieren ließ. Eine Ungeheuerlichkeit die heute, so kurz nach der Wiedervereinigung, noch so viel Zündstoff birgt, dass es nicht verwundert, dass die Medien , die ja sonst für allen Dreck zu haben sind, schnell Reißaus nehmen.
Die Gefängnisszenen der Protagonistin führen das Vorgehen solcher menschenverachtenden Staaten vor Augen.
Also diese Protagonistin stürzt sich von einem Mann zum anderen und auch noch, als es gar keine DDR mehr gab. Depression und Hoffnungslosigkeit begleiten das Treiben dieser Person, bis sie am Rand der Gesellschaft steht. Verheiratet mit einem Zuhälter, der sie anschaffen schickt. Es geht dann weiter, nur unterbrochen von kleineren Pausen in der das Unglücklichsein vorherrscht. (Mann säuft, schlägt oder macht beides.)
Mit einer Offenheit schilderst Du die Geschehnisse das einem schwindelig wird. Die Sprache ist einfach aber passend zur Handlung und diese wird nicht durch akademisch verklausolierte Sprache geschönt. Du beschreibst einen Horror und das kommt absolut glaubwürdig rüber, so glaubwürdig, dass einem die Haare zu Berge stehen und man Wut bekommt. Hier will ein Mensch lieben, Liebe geben, Liebe empfangen und erhält nur Demütigungen.
Dann die Wende im Roman und die Lage entspannt sich. Der Leser atmet auf und freut sich mit der Romanfigur. Es steuert jetzt auf ein Happy End zu und das ist gut so. 

Liebe Eva,
großartig, ich habe lange nicht mehr einen so ergreifenden Text gelesen und danke Dir. 

Liebe Grüsse

Knud



Willi van Hengel: Lucile

(edition lithaus, Berlin, 11,90 Euro)

Im Mittelpunkt dieses neu erschienenen Briefromans steht eine Philosophiestudentin, deren Briefe an ihre Freundin Lucile von zunehmenden Zweifeln an dem, was wir unter „Realität“ verstehen, bestimmt werden. Nachdem ihr Freund zu einer Reise aufgebrochen ist, führt sie das Alleinsein in immer tiefere Fragen: über die Liebe und ihr Leiden verursachendes Wesen, über das Leben und sein prinzipielles Offensein und über die Sehnsucht nicht nur nach Menschen, sondern vor allem auch nach Antworten.
Die zunehmenden Zweifel treiben die Protagonistin immer mehr in die Einsamkeit. Der Austausch mit Freuden findet für sie nur noch an der Oberfläche statt, denn alles könnte auch anders sein. „Über alles lässt sich streiten, über alles lässt sich lachen: also über nichts!“ Das Erleben von Kontingenz ergreift auch ihr eigenes Ich. Sie fühlt sich von anderen nicht mehr gekannt, denn gekannt zu werden bedeutet, von der eigenen Existenz überzeugt zu sein, und diese Selbstgewissheit hat die Protagonistin verloren.
Schließlich erscheint auch die scheinbar Halt gebende Brieffreundin Lucile als imaginär: „obwohl ich gar nicht weiß, ob es dich wirklich gibt, dort in Paris oder irgendwo anders, außer als ein Wort.“
Nachdem auch die Existenz des Freundes, nach dem sie sich sehnt, in Frage gestellt wird, bleibt zum Schluss zwingend, die eigene Existenz anzuzweifeln: „und zuguterletzt ich selbst, die ich mir nicht einmal mehr sicher bin, ob es mich überhaupt gibt? Ist es nur ein Vorurteil, dass ich lebe, mehr nicht ...?“
Durch die konsequente Einhaltung der Dekonstruktion des Seins fragt sich der Leser am Ende des Romans, ob um elf Uhr abends wirklich eine junge Frau auf dem Bahnhof stehen und erleichtert ihren Freund in die Arme schließen wird. Wir möchten glauben, dass es so ist, um uns selbst zu erleichtern von der gelungenen Verunsicherung dessen, was wir als existent brauchen, um uns sicher genug zu sein, das Abendbrot zu machen und am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu fahren.
Der Autor Willi van Hengel hat einen bravourösen Debütroman vorgelegt, der sich durch eine konsequente Fortführung „eines schönen Spiels mit dem Ich“ auszeichnet. Die Gedanken der Protagonistin sind sensibel beschrieben und halten den Leser bis zum Ende in Bann. Wer hinter die Fassade (s)eines scheinbar sicheren Ichs blicken möchte, dem sei dieser Roman empfohlen: Verunsicherung ist garantiert!
                                                                                                                        Gabriele Scheffler