Literatur-Projekte
Literatur live
Balladenjahr
Meine Literatur
Virtuelle Welten
Literatur unterwegs
Autor Kurt Comic
Erzählstrom
Märchen
Literarisches Motto
Historische Gegenwart
Literatur mobil
Literatur Fabrik
Autoren im Interview
Autoren - Manuel Göpferich
Autoren - Lars O. Heintel
Autoren - Ina May
Autoren - Mira Sommer
Autoren - Walter M. Stütz
Literatur Dialog der Kulturen
Literarische Fragmente
Forum für Litrum-Texte
Kreatives Schreiben
Literatur-Kritik
Literatur-Theorie
Podcasts zur Literatur
Literatur Blog
Literatur-News
Links zur Literatur
Litrum-Gästebuch
Kontakt und Impressum
     
 


Was ist moderne Literatur? Wie entwickelt sich Literatur im Internet und durch das Internet? Welche neuen Ansätze gibt es, in Zeiten des Web 2.0 mit Literatur umzugehen? Das sind nur einige der Fragen, die auf dieser Seite behandelt werden sollen. Jeder Autor und Leser ist aufgerufen, sich mit Beiträgen an der Diskussion zu beteiligen. Im Forum gibt es direkte Diskussionsmöglichkeiten.




ihre worte und meine inneren ströme hatten wohl einen schlechten tag, als sie sich irgendwo begegneten.
andererseits mag ich es, wenn das eine oder andere persönlich wird und auch so ausgetragen wird: dann versteckt man sich nicht hinter floskeln und anderen meinungen. dann kommt etwas aus einem selbst.
ich hoffe, dass sie meine entschuldigung auch annehmen werden.
lassen sie uns doch erstmal dabei: sie, der apollinische - ich, der dionysische geist.
verwechslen sie es bitte nicht mit "gefühlsmensch": eher mit einem, der seine kopflastigkeit gerne hasst. und ausbrechen will, nein, ausbrechen muss, sonst wird alles noch viel schlimmer.
woher das kommt, ist unerfindlich.
es kann nur aus einer dunklen tiefe stammen, dem einige schönheit abzugewinnen ist.
deshalb bin ich der troglodyt, der dem licht misstraut. im hellen ist alles zu aufgeräumt. wahre gedanken trauen sich nicht, ausgesprochen zu werden. aus angst vor repression. ressentiment. - im licht muss man funktionieren. ein künstlerischer mensch ist aber genau das "geworden", um nicht zu funktionieren. um seine maske abzunehmen. um etwas näher zu sich zu kommen.
um das wagnis einzugehen, seine wunden zu zeigen.
im dunklen sehen die anderen, die sich darauf stürzen, nicht so gut (oder sie schlafen ganz einfach, was noch mehr beruhigt, dann kann man die einsamkeit noch schöner genießen).
bei licht will  alles verstanden sein. bei licht gibt man sich für den anderen (als solchen). bei licht erstickt das leben dahinter.
- und jetzt will ich einmal meinen geschätzten nietzsche bemühen: "es ist beleidigend, verstanden zu werden."
und wissen sie warum? weil man damit seine individualität verliert. (ich hoffe, sie widersprechen hier und wir können das gespräch wieder aufnehmen.) wer verstanden werden will, dem fehlt die nötige kraft zur  individualität.
wer im dunklen  bleibt, ist der wirklichkeit vielleicht viel näher als die erklärenden theoretiker, die sokratiker, die macht gewinnen wollten über das faustische, das abholde, das eigentliche, was einen menschen ausmacht...
lieber böhnisch, ich hoffe, ich bin nicht zu dunkel geblieben und habe einige denk- oder gefühlsanstöße in meine worte gefasst möge es zu einem randgang führen zwischen den göttern apoll und dionysios die nicht voneinander lassen können - und auch sonst nichts sind... 

ihr willi van hengel



Ich möchte in meiner (letzten) Antwort auf Ihren Brief, in dem Sie mir Halbwissen, einen schwachen Charakter, (weil moralbedürftig) und Dogmatismus ( weil engstirnig) vorwerfen, nicht weiter eingehen, sondern in zehn Thesen zur Sache zurückkehren. Ich sehe aber an Ihrem Brief, dass ich Sie irgendwie verletzt haben muss – obwohl das nicht meine Absicht war - und möchte mich dafür entschuldigen.

Adieu,

Ihr Eckart Böhnisch
 

Zehn Thesen zu einer ästhetischen Poetik 

1.In seinem Italienischen -Tagebuch (20.12. 1786) beschreibt Goethe seine Begegnung mit der Antike und ihrer Kunst des Schönen als eine Wiedergeburt und diese Wiedergeburt bestand
für ihn  – natürlich künstlerisch gesehen – in einer Umkehr vom Affekt-Betontem zum  Maßvoll –Strukturiertem, vom Nordisch-Düsterem zum Südlich-Klarem, von der Prosa zu der Kunstsprache des Verses, vom auf Effekt gearbeiteten Drama (Faust) zum Seelendrama der Iphigenie, kurzum vom extremen Subjektivismus des Sturm und Drang zur Objektivität der Frühklassik „Mehr Licht!“ soll Goethe auf dem Totenbett gesagt haben und wenn er es auch nicht gesagt hat, so ist es doch gut erfunden, denn dieser Satz wurde zum Programm seines weiteren Kunstverständnisses. 

2. Mehr Licht! Diesen Satz könnte man als Grundsatz einer poetischen Ästhetik bezeichnen. Es gibt genug Dunkelheit in der Welt, sie muss nicht noch durch die Kunst verstärkt werden. 

3. Mehr Licht! Das gilt genauer gesagt einmal für die Inhalte und Gegenstände von Literatur. Die ewigen Geschichten von Mördern, Gangstern, Triebtätern und Endzeitmonstern haben sich überlebt. Weil sie sich stark abnutzen, nehmen sie immer groteskere Formen an. 

4. Mehr Licht! Das gilt ferner für die Sprache, also Wortwahl und Satzbau, Metaphorik und Rhetorik. Ein Autor, der meint durch Ausdrücke aus dem Fäkalbereich Aufmerksamkeit zu erregen, langweilt und beweist, dass er die Geschichte der Literatur nicht kennt. Seit Schillers „Räubern“ wird mit Kraftausdrücken nur so um sich geworfen und jeder meint, er sei der erste, der das tut. In Wirklichkeit verrät er nur, dass er ein Epigone ist, vor allem kommt er in eine Spirale nach immer noch stärkeren Effekten, ein Phänomen, das Goethe in der bereits erwähnten Italienischen Reise beschrieben hat. 

5. Mehr Licht auch für die Theater-Bühnen. Ich habe inzwischen die schwarz-grauen Bühnenbilder satt, ebenso das Ekeltheater und Regietheater, wo das Kunstwerk des Autors nur noch als Steinbruch von ehrgeizigen Regisseuren benutzt wird. Wer meint sich produzieren zu müssen, soll doch selbst zur Feder greifen. „Ich liebe eine gut ausgeleuchtete Bühne“, hat Brecht einmal gesagt und J.P.Nestroy: Die Aufgabe der Bühne besteht darin, ein Licht in der Welt anzuzünden.  

6. Mehr Licht! Bedeutet nicht ein neuer Ästhetizismus à la Stefan George. Eine ästhetische Poetik hat etwas mit Kunst zu tun, aber nicht mit einer blutleeren Künstlichkeit. In einer ästhetischen Poetik herrscht ein Gleichgewicht von Natur und Kunst.  

7. Mehr Licht! Bedeutet nicht schöner Schein auf Kosten des Seins. Sie weiß darum, dass der Schönheit Bild sich oft in einem bleiernen Kästchen verbirgt  und umgekehrt aus dem Goldkästchen ein Totenkopf dem Verblendeten entgegen springt (Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig). 

8. Mehr Licht! Was heißt aber mehr Licht? In These 7 taucht ein Gegensatz auf zwischen Sein und Schein. Hängt das Licht und damit das Schöne mehr mit dem äußeren Schein oder dem inneren Sein zusammen? Eine schwierige Frage, in der zwei abendländische Traditionen zusammenprallen: das griechische Schönheitsideal und das jüdisch-christliche. Nach griech. Verständnis ist das Schöne eher mit dem äußeren mat. Schein verbunden, nach jüd – christl wird der Schein eher misstrauisch betrachtet und das innere Sein als das eigentliche Schöne. Weil der schöne Schein immer etwas Hässliches verbirgt, wird in der abendländischen Literatur pausenlos demaskiert. Die abendländische Literatur ist wesentlich Enthüllungsliteratur bis hin zum modernen Kriminalroman. Unter dem Einfluss von Goethe ringt Schiller in seinen Briefen über ästhetische Erziehung mit dem Problem und glaubt in dem Begriff der „schönen Seele“ die Lösung gefunden zu haben. 

9. Mehr Licht! Die Lösung muss in einem „sowohl als auch“ liegen. Da ist Schiller recht zu geben. Dann ist das Schöne etwas, was im Wesen beginnt und im Schein transparent wird. Die mittelalterlichen Maler haben das versucht darzustellen, indem sie besondere Menschen mit einer Aura umgaben. 

10. Mehr Licht! Was heißt das aber im Hinblick auf das Wort? Wie ordnet es sich in das magische Quadrat von Sein, Schein, Schönheit und… ein. Könnte das Schönheit sein, wo knapp und treffend (dichterisch eben ) Tiefes und Wesentliches gesagt wird oder Geist und Materie im Wort überbrückt werden? Dann ist die Verständigung darüber nicht irgendetwas Individuelles sondern etwas, was für die ästhetische Bildung eines jeden Menschen (Schiller)entscheidend ist. 

Eckart Böhnisch, im November 2007 

Exkurs: Um das Gesagte zu verdeutlichen gebe ich drei Beispiele aus der Weltliteratur. In allen drei Texten befindet sich ein Mensch an der Schwelle eines Hauses.
Text Nr.1: Lukas 16.19
Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber namens Lazarus lag mit Geschwüren bedeckt vor seinem Portal. Gern hätte er seinen Hunger gestillt mit dem, was vom Tische des Reichen fiel. Indes die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre.
Text Nr.2: Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts.
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen, mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort…
Text Nr.3
Franz Kafka, Heimkehr
Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinandergefahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? 

Drei gleiche Situationen, jedes Mal unterschiedliche Stile, aber jedes Mal meisterhaft erzählt. Vielleicht sind die Leser mit meinen Thesen nicht einverstanden. Aber vielleicht können sie sagen, worin das Meisterliche dieser Texte besteht.


lieber böhnisch,

falls ich sie mit der philosophischen (in)fragestellung, nachgerade der dekonstruktion überfordert habe, so bitte ich sie, mir das nachzusehen - aber man kann keine grundsatzfragen stellen und sie halbphilosophisch mit anhäufung von halbwissen und zitaten verstellen.
ursprung aller kunst ist der rausch, das dionysische, was alles von einem abstreift und rein tun lässt. falls sie das noch nicht erfahren haben, so sind sie kein künstler. und das profan mit "gefühl" gleichzusetzen, zeigt, wie weit sie von einer "ästhetischen poetik" entfernt sind.
sie sind einfach zu moralisch, haben gleich ein oberflächliches politisches "denkmal" parat und halten "gut" und "böse" für ausgemachte feste werte. da war es schon erfrischend, wenn der gastschreiber - ein herr tezeden - darauf hinweist, dass es unter umständen eine ästhetik des kz's geben kann. ästhetik hier freilich im sinne von aisthesis, wahrnehmendes wirken auf perzeptioneller ebene.
das soll nur an ihrem festen moralbild rütteln. aber sie wiessen ja: moral ist aus schwäche entstanden, und vernunft für die, die was zu verstecken haben und sich ihrer rauschhaften phantasien nicht stellen; für die mutlosen.
dass sie meine erste antwort auf ihre anfangsausführungen nicht begriffen haben, ist nicht weiter schlimm, aber auch nicht verwunderlich. meine absicht war, mit der verschmelzung von inhalt und form eine ästhetische (nicht: schöne) antwort zu geben, also nicht zu lange bei theoretischem getue zu bleiben.
kunst, die in ihrem schaffensprozess bereits mit "vernunft" infiziert ist, will nur nach außen - sie kommt aber nicht von ganz innen.
und das kann eine schöne hölle sein...
ihr willi van hengel



Na, na, lieber Willi van Hengel, man sollte nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt, sprich, man sollte nicht Wortklauberei betreiben, wenn der eigene Text voller Tippfehler ist, wobei ich manches der Atemlosigkeit des Augenblicks zugestehe, aber Durchlesen könnte man sich seinen Text nach dem Rausch des Schaffens allemal, zumal zwischen den Schultern des Menschen so etwas wie ein Schaltzentrum sitzt, das die Leidenschaften des Herzens und auch des Bauches zu kontrollieren vermag. Denn ich denke, auch wenn man sehr unterschiedliche Auffassungen von Kunst hat, das Reglement der deutschen Sprache gilt allemal, und zwar weil ich jedem Autor unterstelle, dass er gehört beziehungsweise gelesen werden möchte, wenn er etwas ins Netz stellt beziehungsweise aus sich heraus schleudert. Denn Gott sei’s geklagt ein Rest von Rationalität bleibt immer und deswegen gibt’s auch den Duden, der „konstruktiv“ auflistet und „destruktiv“, aber nicht meinen Destruktivismus und auch nicht Ihren Dekonstruktivismus. Halten wir uns zugute, dass wir hier wortschöpferisch tätig waren, wobei ich  schon noch etwas nachhaken muss: Wenn Sie Ihren Standpunkt als de-konstruktiv bezeichnen, wie können Sie dann ein paar Zeilen weiter davon sprechen, dass das „Schaffen“ für Sie ein und alles ist, wobei ich nichts dagegen habe, zumal als Wahlschwabe nicht, deren Devise bekanntlich lautet: Schaffe, schaffe, Häusle baue, verrecke!  Aber mit Verlaub gesagt, beim Schaffen kommt es doch nicht nur auf das Schaffen als solches an, sondern auch darauf, was man hervorbringt, denn es macht doch einen Unterschied, ob das Ergebnis meines Schaffens ein Häusle, eine Ölplattform oder ein Konzentrationslager ist! Aber ich denke, es ist seit Goethes Urfaust ein bedenkliches Erbe der Romantik, wenn es da heißt: Grau, theurer Freund, ist alle Theorie.
Und grün des Lebens goldner Baum! Wenn grau für graue Gehirnzellen steht und damit für Verstand und Vernunft, dann bin ich für graue Theorie, wobei ich hoffe, dass die Leser meiner Überlegungen diese trotzdem mit großem Vergnügen lesen werden, weil sie nämlich das sagen, was sie schon immer sagen wollten. Damit kommen wir zu einem wichtigen Zwischenergebnis, was den Standort einer ästhetischen Poetik zwischen Gefühl und Verstand angeht: Sie hat eine Menge mit Gefühl zu tun, aber auch eine Menge mit Verstand und wenn Sie erwidern, lieber Willi van Hengel, „Gefühl ist alles!“ werde ich mich geflissentlich auf die andere Seite des Bootes hinaushängen, denn es ist mir zur Zeit zu viel Fantasy, zu viel Gefühl auf dem Markt und ich hoffe, dass das nicht die Vorboten von irgendwelchen, irgendwie gefärbten Hemden sind. Denn wir Deutschen haben eine gefährliche Schwäche für Romantik und deshalb liebe ich unter anderem die Französische Sprache, weil in ihr auf beeindruckende Weise der Geist leuchtet.
PS.: Wie kommen Sie dazu, zu sagen, ich sei ein Feind des Dionysischen und des Lebens. Ich möchte mir wünschen, dass Sie meine Texte etwas genauer lesen und im Übrigen … neulich hat man mir sechs Flaschen Wein zum Geburtstag geschenkt. Da werde ich jetzt eine aufmachen und mein Glas auf Ihr Wohl erheben. Ehrlich!
Mit im Boot,

Ihr Eckart Böhnisch



paul gerhardt ins spiel zu bringen, ist sehr interessant (ich glaube, es lohnt sich, sich mit ihm näher zu befassen, hat er doch alles, was er liebte in seinem leben, verloren - außer seinen glauben.
doch nun zu uns: ich denke, wir sollten noch einmal zwischen "kunst" und "ästhetischer poetik" unterscheiden. denn worte zu suchen für das unfassbare, ist das movens des künstlerischen schaffens im allgemeinen - eine ästhetische poetik ist etwas anderes, und zwar das besondere, der stil eines schaffenden (wenn er denn das große glück hat, einen stil zu haben). der stil ist das grundmerkmal des künstlers, die quelle des ausdrucks, die selbst nicht ergründet werden kann. man kann kaum den stil selbst beschreiben, den jemand hervorbringt.
so sind wir schon am fundament vom wort verlassen. da uns nichts anderes zur verfügung steht, müssen wir uns damit begnügen - und damit geben wir uns der unendlichkeit möglichen ausdrucks anheim.
wir schreiben also gegen die unmöglichkeit des begreifens an, ständig. und diese unmöglichkeit beginnen wir zu genießen, es ist der beginn des rausches, des dionysischen.
nun, kurz gesagt: jedes künstlerische unterfangen ist ein ästhetisches scheitern - und muss es sein, will man nicht der arroganz verfallen zu behaupten, man hätte etwas wirklich erkannt: es bleibt bei immer nur vorläufigen interpreationen. deshalb musste ein gott erfunden werden, der nicht ständig verschwindet bzw. der es für alle zeit begriffen und geschnallt hat (weil wir es nicht können).
in diesem unmöglichen müssen wir uns einrichten. deshalb zum schluss zwei kritikpunkte an sie, leiber eckart böhnisch: erstens haben sie eine eklatante zwischensilbe im wort "destruktivismus"
vergessen: das "kon". es muss heißen - deskonstruktivismus. ich bin kein destruktivist, sondern ein dekonstruktivist (nietzsche und derrida sind meine gesprächspartner). und ein solcher "denker" macht sich nicht mehr auf den weg zur "außerparlamentarischen" wahrheit, da es für ihn keine identitäten mehr gibt (nur in schwachen momenten glaubt er an etwas, das nach wirklichkeit riecht; doch bald rümpft er die nase und wendet sich von diesem irrglauben wieder ab).
nun fragen sie, was bleibt außer diesem heillosen nihilismus - und ich sage ihnen: das schaffen selbst!
im schaffen selbst kann man 100-prozentig mit dem, was man tut, verschmelzen, wie sonst nie im leben. das ist das dionysische, das sie verteufeln. das, was das leben ausmacht, verteufeln sie: es ist aber das göttliche...
nicht, wie sie schreiben, das apollinische ist verloren gegangen, sondern das dionysische, der scheiß-egal-standpunkt oder - feiner ausgedrückt - die gelassenheit als stil zu leben.
"das namengeben hat ein ende", heißt es bei paul celan, "über dich werf ich mein schicksal."
es geht um das persönliche eines menschen - und unst ist der mut, seinen wunden zu zeigen.

ihr willi van hengel



in dem Weihnachtslied “Ich steh an deiner Krippe hier“ des protestantischen Dichters Paul Gerhardt heißt es in der 3.Strophe:   
Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht,
Licht, Leben, Freud und Wonne
O Sonne, die das werte Licht
Des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen.
In dieser Strophe spricht Paul Gerhardt von einem mystischem Erlebnis, das - in der Tat -  sich nicht in Worte fassen lässt, obwohl es ihm in dieser Strophe gelungen ist, in zwei Kreuzreimen, einem Paarreim und einer Waise dieses Erlebnis in Worte zu fassen und dieses in Worte fassen von etwas, das, zugegeben, unfassbar bleibt, das ist die Kunst und damit ein Grundmerkmal von dem, was ich eine ästhetische Poetik nennen möchte. Die vierte Strophe endet mit den Versen:
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
Und meine Seel ein weites Meer,
Dass ich dich möchte fassen.
Ich weiß nicht , ob Sie an dieses mystische Grunderlebnis gedacht haben, wenn Sie von der Faszination des Unsagbaren und der entsprechenden Demut ihm gegenüber sprechen, aber ich baue nun einmal gern Brücken über „troubled water“ und ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich hier zwei Begriffe verwende, die in der abendländischen Tradition seit jeher eine Rolle spielen, nämlich die irdische Schönheit und die himmlischen Schönheit, wobei von der letzteren in dem Gedicht von Paul Gerhardt die Rede ist. Ich weiß, ich trenne jetzt, was ursprünglich eins ist, höre ich Sie sagen, aber nur so kommt Klarheit in unser Denken und nur so ist der Kosmos aus dem Chaos entstanden. Eine ähnliche Unterscheidung zwischen irdischer Schönheit und himmlischer macht der Verfasser des Cherubinischen Wandermanns Angelus Silesius, wenn er in seinem Kirchenlied sagt:
Ich lief verirrt und war verblendet,
ich suchte dich und fand dich nicht,
ich hatte mich von dir gewendet
und liebte das geschaffne Licht…
Interessant an dieser Aussage ist nun, dass das geschaffene Licht abgewertet wird, geradezu als etwas Verführerisches hingestellt wird und damit kommt in das abendländische Verständnis von Ästhetik etwas höchst Problematisches hinein und der auf den Satz aus Genesis 3.Kapitel, 6 Vers zurückgeht: Eva sah, dass der Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen und begehrenswert, um Einsicht zu gewinnen. Das Essen von der Frucht vom Baum der Erkenntnis – nirgends ist von einem Apfel die Rede – führt dann nicht zu der erhofften Ekstase, sondern: Da gingen beiden die Augen auf und – sie erkannten, dass sie nackt waren.
Damit ist eine Marke gesetzt, die von einem tiefen Misstrauen gegenüber äußerem Schein zeugt und die vielleicht auch die Wurzel Ihres Destruktivismus ist und des modernen Destruktivismus überhaupt. Zerstören des falschen Scheins ist die Devise und wenn dieser Schein die Kehrseite des Sinnlich-Materiellen ist, dann sind vermutlich die heutigen Destruktivisten in Wahrheit Idealisten, die wie die Idealisten zu allen Zeiten das Materielle abwerten und das Ideale überbewerten. Schönheit ist also in dieser jüdisch-christlichen Tradition eher etwas Inneres und Seelisches als etwas äußerlich Sinnliches und wenn Schiller den gebildeten Menschen als „schöne Seele“ bezeichnet, steht er genau in dieser Tradition, bzw.hat er da etwas hinüber zu retten versucht, das ihm in seinem Freund Goethe begegnet war, nämlich dem Schönheitsideal der Griechen oder genauer gesagt, das was die deutsche Klassik für das griechische Schönheitsideal gehalten hat.
Dieses Schönheitsideal war aber maßgebend von Johann Joachim Winkelmann geprägt worden, der die griechische Kunst auf die Formel von der „edlen Einfalt und stillen Größe gebracht hat (Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst 1756 ) und er fährt fort an besagter Stelle: So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele“. Nun als Nietzsche Kenner wissen Sie, dass Nietzsche mit diesem Griechenbild gründlich aufgeräumt hat, indem er neben dem hellen Apollinischen das dunkel Dionysische in der Griechischen Kunst entdeckt hat und entsprechend ist auch Nietzsches Stil, wild dahinschäumend wie der Wein bei einem bacchantischem Gelage. Ich bin der Letzte, der diesem Stil Ästhetik absprechen würde, aber man kann nicht eins gegen das andere ausspielen, genau so wenig wie die Romanik gegen das Barock. Dass aber das Apollinische in der Wortkunst weitgehend verloren gegangen ist, darüber geht meine Klage und deswegen breche ich jetzt ab und werde mich einem schönen knusprigen Frühstücksbrötchen trösten!

Mit freundlichenGrüßen

Eckart Böhnisch


lieber böhnisch,

ich freue mich dass sie so ehrlich geantwortet haben, zumindest so ehrlich, wie es ihnen klar war. denn klartext gibt es nicht!
das wort "klartext" befreit zwar für den moment, aber nicht für darüber hinaus.
kaum ausgesprochen, wird es sich selber untreu, wie jede ehrliche haut sich untreu wird: oder sagen wir lieber: wie jedes ehrliche wort sich untreu wird, sobald es seine niederkunft gefeiert hat.
sie als kantianer und aufklärer - ich als, und da will ich korrigieren dürfen, dekonstruktivist - werden den zweifel an sich nicht außer acht gelassen haben bei ihren ausführungen, auch nicht jenes /sapere aude!/, von dem kant so begeistert (worden) ist. diese passivform, die ich gerade auf sie und kant (in einem atemzug) angewandt habe: "begeistert worden ist" deutet auf unsere poetisierung der welt hin. so zumindest will ich behaupten.
denn in dieser sprachlichen passivform steckt eine gewisse demut vor den musen und jenen, die es ermöglichen, dass wir uns auf dieser ebene unterhalten können.
demut und poesie. darauf wollte ich hinaus in meinem ersten brief an sie.
außerdem wollte ich keine theoretische betrachtung der "sache" aufkommen lassen - deshalb habe ich meine antwort gleich verklausuliert: in meiner möglichkeit, poetisch zu sein.
demut vor den sprachlichen möglichkeiten, vor der unendlichkeit des denkens und fühlens - das war meine absicht.
klarer kann ich es nicht ausdrücken. empathie im machen. verstehen sie, lieber böhnisch?
ich denke, sie wissen, dass auch unser kant nicht frei von der ästhetik seiner urteilskraft war.
betonung auf "kraft", nicht auf wahrheit. denn die gibt es nicht. nie. auch danach nicht.
und man schleppt alles ein leben lang mit sich herum.
ein denker ist nicht klar: er ist befrachtet von allen zweifeln, widersprüchen, spiegeleien und ironien dieser welt.
da gibt es keinen klartext: außer man bildet sich für den - dann unästhetischen moment ein, etwas begriffen zu haben.
sie verstehn: ästhetik ist das unbegreifbare/nur-geahnte. 

ihr willi van hengel


Salü, Willi van Hengel,    

ich muss zugeben, ich tu mich mit Ihren Einwendungen ziemlich schwer, denn sie sind spontan, assoziativ, sprunghaft und neigen zur Polemik, so dass sie nicht immer leicht nach zu vollziehen sind. Nun, das sollen sie auch nicht, denn wie Sie schreiben, soll das von Ihnen Gemeinte eher geahnt als verstanden werden. Das ist eindeutig eine romantische Sicht der Dinge und damit hab ich’s im Briefverkehr nicht so, da bin ich eher  für Klartext – ein wunderbares Wort übrigens, ich wundere mich, wie es in den deutschen Wortschatz gelangt ist – und in dem Punkt bin ich eher ein Kind der Aufklärung. Mit jemanden Klartext reden, heißt jemandem unverblümt und direkt die Wahrheit sagen, wobei in dieser Redewendung eine gewisse Aggressivität mitschwingt, so dass ich damit auch wiederum Schwierigkeiten habe, denn ich sage die Wahrheit lieber in Liebe.
Mit meinem eher aufklärerischen Standpunkt hängt es wohl zusammen, dass ich Ihre negative Sicht der Gesellschaft, der Akademiker, überhaupt der Masse nicht teilen kann. Immanuel Kant hat jedem Individuum zugemutet, dass es sich des Verstandes und der Vernunft bedienen kann und wenn ich die Geschichte der Bundesrepublik betrachte, sind wir da auf dem besten Weg dazu. Es waren die Massen, die sich die Freiheit von der Diktatur der DDR erkämpft haben und weltweit immer noch erkämpfen. Sie haben alle eine ziemlich klare Vorstellung von einem besseren und schöneren Leben. Wie können Sie deshalb einfach sagen, der Mensch habe keinen Blick für das Ästhetische, ohne das näher zu begründen?
Nun muss aber in der Tat die Sache mit dem ästhetischem Blick etwas näher unter die Lupe genommen werden, denn was die Ästhetik der materiellen Dinge angeht wie Essen, Sich Kleiden, Wohnen, Reisen, Arbeitswelt und so weiter scheint ein fast übertriebener Schönheitskult sich auszubreiten, so dass die Redewendung von den Schönen und den Reichen einen negativen Touch bekommt. Was allerdings den kulturellen Konsum angeht, so sieht der Geschmack der Massen ganz anders aus: zieht man dabei das Fernsehen als Gradmesser heran, so erkennt man eine ziemlich oberflächliche Unterhaltungsindustrie einerseits oder als Gegenpol eine brutale Unterhaltungsmaschinerie, die nach dem Muster von Sex and Crime gestrickt ist. Neulich habe ich eine kleine Stichprobe gemacht: Auf zwei Drittel der in der Zeitung angegebenen Kanäle liefen um 20 Uhr – Krimis! Also, lieber Willi van Hengel, wenn Sie erfolgreich sein wollen, erfinden Sie einen Kommissar, Sie finden sicher ein Marktsegment, denn was einer Autorin mit ihrem 13+x.Fall recht ist, sollte Ihnen billig sein. Insofern haben Sie mit Ihrem Ausdruck „Verblödung“ doch nicht ganz so Unrecht. Aber immerhin gibt es noch Programme wie 3SAT und arte, wo das ästhetische Prinzip wieder zu finden ist. Das ist insofern hochinteressant, weil es beweist, dass anspruchsvolle Sendungen aus den Allgemeinen Kanälen ausgelagert wurden in spezielle Kanäle für ein spezielles anspruchvolles Publikum.
Das ist also etwas, worüber ich noch lange grübeln werde, wie ein Wesen denkt, das einerseits, was äußere Dinge angeht, sich so von Ästhetik leiten lässt, bei den inneren dagegen von ziemlich niederen Bedürfnissen. Könnte es so sein und so manches Märchen bringt diese Wahrheit auch zum Ausdruck – und das kommt mir gerade - dass in einem schönen Körper bisweilen eine hässliche Seele wohnt und umgekehrt in einem abstoßenden Körper eine schöne Seele. Der hässliche Frosch ist in Wirklichkeit ein schöner Prinz und der wohl gekleidete Reiche, der den Bettler abweist, eine hässliche Seele.
In der Tat muss die Prinzessin fasziniert gewesen sein als sich der hässliche Frosch in einen strahlenden Prinz verwandelte oder hinter dem durch einen Kuss erlösten Hässlichen die verborgene Schönheit zu Tage trat. Das ist es: Schönheit gibt es nur dort, wo es wahre Liebe gibt und – ist deshalb Schönheit in der Kunst so selten geworden, weil diese Gesellschaft nicht so sehr „verblödet“ ist, sondern eher erkaltet!? 

Eckart Böhnisch


hallo eckart böhnisch,

ein gewagtes thema, was sie da aufschlagen; sie wissen, in welch geschwätziger, von deutsch- sorry: germanistikstudenten überfrachteten gesellschaft wir leben (freilich gehören auch bwl-, jura-, medizin- oder sonstige sich maßlos überschätzende studiosos dazu), kurzum: man fragt sich, ob demokratie nicht wirklich zur gemeinen durchschnittlichkeit führt!?
wenn jedem (wort) ein gewicht zukommen soll, dann stehen wir bald am abgrund. es gibt halt nur einige wenige, die denken - die masse denkt nach (wenn überhaupt): also ist demokratie in einer verblödeten gesellschaft zusehends in gefahr.
was hat das mit ästhetik zu tun? und dann auch noch mit poetischer schönheit?
ganz einfach: nichts! denn auch hier - in unserer sparte: dem wort - gibt es zu viele gekünstelte affen, die nur ob des mediums sich darbieten wollen (wahrscheinlich haben die meisten in ihrem ort gar nichts zu sagen; sie werden noch nicht einmal in der frittenbude erkannt): das zu ihrer ankleidekabine, lieber eckart.
denn es gibt nicht den ästhetischen blick - es gibt vielmehr den unsagbaren, nicht in sprache einzuebnenden blick, den über das rationale alles bestimmenden blick, der ungreifbar, unbegreifbar, fassungslos und deshalb schön ist.
schön ist immer die faszination vor dem, was man nicht versteht. nicht verstehen will.
verstehen sie, was ich meine - ich hoffe, kaum!
sie sollen nur ahnen, damit auch mein schreiben an sie als ein schönes erscheinen möge.
schön im sinne von: nicht verstehen können, aber interessant sich anfühlend.
das war ja auch der punkt unseres letzten disputs: es geht nicht um harmonie - es geht um eine silbe offenheit.

ihr willi van hengel



Neulich war ich mit meiner Schwiegermutter im Kaufhof in N.N. und während die alte Dame zwischen den Kleiderständern herumwuselte, nahm ich im Korbstuhl für wartende Ehemänner Platz und sah den Kundinnen beim Aussuchen zu. Die nahmen also mit prüfenden Blick die diversen Kleidungstücke heraus, hielten sie schräg zum Licht, musterten sie eine Weile und wenn die Textilien ihnen zu gefallen schienen, verschwanden sie mit mehreren Stücken in der Kabine, natürlich in der Hoffnung, dass der Gegenstand ihres Gefallens nicht nur zu ihnen passen würde, sondern umgekehrt sie zu ihm, denn was nützt mir das schönste Kleidungsstück, wenn es mir passt, aber nicht ich ihm.
So weit, so gut. Eine ziemlich alltägliche Angelegenheit, wenn mein Blick nicht auf den Blick gefallen wäre, mit dem die Kundinnen die Kleidungstücke musterten und den ich den ästhetischen Blick nennen möchte oder den Blick für Ästhetik. Mit diesem Blick ist jeder Mensch begabt, denn ich habe keine Kundin beobachtet, die unbesehen sich ein Kleidungsstück geschnappt und damit in der Kabine verschwunden wäre. Doch halt, eine Kundin erschien, mit ihrer hochbetagten Mutter im Rollstuhl und während die Tochter in den Kleiderständern herumsuchte, saß ihre Mutter unbeweglich im Rollstuhl, starr gerade aussehend und nicht die geringste Kopfbewegung verriet, dass sie an der Suche ihrer Tochter nach dem Schönen Anteil genommen hätte. So kann das nahende Lebensende den Sinn für das Schöne erschlaffen lassen und zwar offensichtlich, weil die Energie und die Kraft, die zum Erhalt des Schönen notwendig ist, einfach nachlassen.
Dieser ästhetische Blick und Blick für das Ästhetische bestimmt, natürlich neben anderen Motiven, entscheidend unser Handeln mit, angefangen von unserer Image-Pflege, der Gestaltung unserer Wohnung, des Gartens, unserer Städte und Landschaften und selbst das Grauen des Todes versuchen wir abzumildern, indem wir das Grab mit bunten Blumen bepflanzen und ein schöner Grabstein das Andenken des Toten eine Zeitlang über die Vergänglichkeit hinweg zu retten versucht.
Diesem Sinn für das Schöne steht aber - und jetzt wird es schwierig – etwas anderes gegenüber, nämlich der Sinn für das Wahre. Dieser Wahrheitssinn verdächtigt die Schönheit seit jeher nur schöner Schein zu sein und ist bemüht, der Schönheit die Maske vom Gesicht zu reißen und je schonungsloser, ja brutaler das geschieht, umso besser. Dabei werden so manche Kunstschaffenden nicht müde zu betonen, dass ihre Wahrheit das eigentlich Schöne sei und wenn sie dann in glänzender Garderobe über roten Teppich und huldvoll lächelnd ihren Preisen entgegenschreiten, kann man wirklich den Eindruck haben, je brutaler die Wahrheit, umso schöner die Einnahmen. Wer das Kulturgeschehen einigermaßen verfolgt, kann das Beschriebene in unzähligen Interviews und Kommentaren zu Filmfestivals bestätigt finden. Aktuelles Beispiel: Verletzten die Darstellungen magersüchtiger Frauen auf Plakatwänden in Italien des Fotografen, der schon durch die entsprechende Benetton-Werbung in die Schlagzeilen geraten war, die Würde des Menschen oder nicht?
Kein Zweifel, es gibt eine verlogene Schönheit, aber genauso gibt es eine entwürdigende Wahrheit, die Sensationsgier und Geltungssucht entspringt, aber während die Art von Schönheit relativ schnell als Schönfärberei abgetan wird, gehen die Verfechter der erwähnten Art von Wahrheit gerne auf die Barrikaden, fühlen sich in Ihrer künstlerischen Freiheit eingeschränkt, ja erheben den Anspruch, ihre Art von Wahrheit entspreche dem eigentlichen Begriff von Schönheit. Natürlich kann man auch aus Schwarz Weiß machen, wenn man nur gut argumentieren kann, so wie das schon die alten Sophisten in Athen gemacht haben. Beängstigend, aber ich bin trotzdem guten Mutes und zwar deswegen, weil ich auf den eingangs erwähnten ästhetischen Blick hoffe, den jeder Mensch besitzt und der ihm sagen wird, was er sich anziehen soll oder nicht. Nicht durch Verbote kann man dem Enthüllungswahn entgegenwirken, sondern durch die Schärfung des ästhetischen Blicks, der seine TEXT-ilien lange genug unters Licht hält.
Nachdem der Raum zwischen Schönfärbern und Schwarzsehern abgesteckt ist, tut sich ein weites Feld auf über das dicke Bücher geschrieben worden sind und das hier nicht erschöpfend behandelt werden kann. Ein erster Ansatz findet sich bei Lessing in seiner Fabel vom Besitzer des Bogens, der einen schlichten, aber treffsicheren Bogen besaß, den er aber eines Tages verschönern wollte. Nachdem nun ein Künstler den Bogen aufs Schönste mit Schnitzereien versehen hatte, spannte der Besitzer erfreut seinen verschönerten Bogen und - er zerbrach.
Will sagen: Sprache muss nach Lessing schlicht, aber treffsicher sein, denn sie soll im Hörer ankommen und bei diesem etwas verändern. Sprache ist also nicht Selbstzweck, sondern hat gegenüber dem Inhalt eine Dienstfunktion, die sie bei einer ausufernden Ornamentik nicht mehr erfüllen kann. Schaut man sich mit Hilfe dieses ersten Kriteriums das 25. Jahrbuch der Lyrik bei Fischer an, so merkt man sehr schnell, dass Sprache dort weitgehend ihre Dienstfunktion verloren hat, sie besteht aus - sicher - ungewöhnlichen, eigenwilligen Chiffren, die so verrätselt sind, dass sie kein Mensch versteht. Im Umgang mit solchen Texten lass ich mich mittlerweile nicht mehr verblüffen, sondern halte mich an das Wort des Apostels Paulus, der den in Zungen redenden Christen (Glossolalie) in Korinth den schlichten Satz entgegenhielt: „Wer unverständliches Zeug (also in Zungen) spricht, schweige in der Gemeinde, es sei denn es ist jemand anwesend, der das ekstatische Gestammel für die Gemeinde auslegt.“ Wenn jetzt ein Aufschrei durch den deutschen Lyrikerwald geht, lässt mich das relativ kalt, wenn er nur bis zu den Tribünen der Juroren gelangt.
Nach Lessing besteht also poetische Ästhetik wesentlich in der Schlichtheit des Worts, was aber nicht heißt in der Schlichtheit des Inhalts, denn die schwierige Aufgabe für den Poeten besteht darin, das dunkle, weil absurde Sein zu erhellen und damit das Existieren zu erleichtern und nicht umgekehrt etwas zu verrätseln, was als erhellt angenommen wird. Bei Brecht findet sich die Anekdote des chinesischen Philosophen Laotse, der einer Bäuerin seine Texte vorzulesen pflegte, um zu testen, ob er sich verständlich ausgedrückt habe. Woher kommt aber die Neigung zur Verrätselung in der modernen Literatur? Kann es sein, dass den modernen Poeten der SINN abhanden gekommen ist, beziehungsweise sie keine tragfähige Philosophie mehr haben und deswegen ständig um die Gräber flattern wie unbefriedigte Vampire?
Ich breche ab, sonst liest das kein Mensch und außerdem, auch Fragmente haben etwas Ästhetisches!     

Eckart Böhnisch



Auch Computerfreaks, Bücherwürmer und rundum internetfeste Leute wissen häufig nichts Rechtes mit dem Begriff „eBook“ anzufangen. Da inzwischen jedoch schon fast alle renommierten Verlage ihre Klassiker auch als eBook anbieten (zusätzlich zur Printausgabe), sollte man sich diesen Begriff vielleicht näher ansehen.
Die meisten Fragen in Bezug auf eBooks lauten: Kann man es in die Hand nehmen, umblättern - und was hat so ein elektronisches Buch überhaupt mit einem Buch zu tun?
Ein eBook, besser: eine eBook-Edition ist ein sogenanntes elektronisches Buch, das nicht gedruckt, sondern als Datei vorliegt.
Man bekommt eBooks über reine eBook-Verlage (z.B. ciando.com) oder über alle großen und wenige kleinere Print-Verlage übers Internet als E-Mail-Anhang, auf Diskette oder auf CD-Rom. Es handelt sich im Allgemeinen um pdf-Dateien, die mit dem kostenlos erhältlichen Reader von Adobe gelesen werden können. Es kommen immer mehr andere Formate dazu, damit fast jedes Lesegerät, nicht nur der PC, die Bücher erkennen kann.
Und wie kann man den Inhalt einer eBook-Edition auf seinen Computer oder ein Lesegerät laden? Ich zitiere nachstehend, was der (frühere) adina-online-verlag auf seiner Homepage dazu schrieb: „Sie können die eBook-Edition mit dem Acrobat-Reader, den Sie über unsere Homepage von der Seite von Adobe auf Ihren Computer laden können, lesen. Dazu rufen Sie auf Ihrem Computer den Acrobat-Reader auf und öffnen danach die Datei mit Ihrer eBook-Edition. Den Bestell-Button für den Acrobat-Reader finden sie auf unserer Angebotsseite. Oft liegt der Acrobat-Reader auch auf den CD-Roms der Computer-Zeitschriften bei, so dass Sie ihn sich von dort auch installieren können.“
Welche Vorteile hat eine eBook-Edition gegenüber herkömmlich bedruckten Büchern, fragt sich nun der Bücherwurm, der bisher den Duft des Papiers, das Gewicht des Buches, das wunderbare Gefühl beim Öffnen der ersten Seite eines nach Druckerschwärze und Farbe riechenden Buches geschätzt und genossen hat?
Ein großer Vorteil des eBooks ist, dass man die Schriftgröße mit Hilfe des Acrobat Reader verschieden einstellen, d.h. enorm vergrößern kann. Jedenfalls weit größer, als dies z.B. bei Büchern in Großschrift möglich ist. Für ältere Menschen und Sehbehinderte ist das ein wichtiger Punkt.
Da der Computer ja in gewisser Weise ein Zauberding ist, kann man sich den Text auch vom PC vorlesen lassen. Das ist für Menschen mit extremer Sehschwäche sicher ein Segen, wenn auch die mechanische Sprache des Computers etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Es gibt Menschen mit Arthritis oder sonstigen Einschränkungen, die ein dickes Buch nicht mehr oder nicht über längere Zeit in der Hand halten können. Diese brauchen sich nur an den Computer zu setzen und  mit einem Finger die Vor- und Zurück und die Rauf- und Runter-Taste zu betätigen oder die Vergrößerung bei Darstellung einzustellen.
Ganz nebenbei stellt man dann auch noch fest, dass ein eBook erschwinglicher ist als ein Print-Buch.
Eltern werden feststellen, dass viele Kinder lieber am Computer lesen, als ein Buch in die Hand zu nehmen. Die eBook-Editionen haben den Vorteil, dass sie weder Fettflecken noch Eselsohren bekommen können.
Die Eltern können das eBook für kleinere Kinder ja auch ausdrucken und es macht dann auch gar nichts aus, wenn das Kind mit Stiften darin herummalt oder sogar die Bilder ausschneidet. Das eigentliche Buch bleibt ja erhalten und kann immer wieder ausgedruckt werden.
Und wenn man das eBook doch gerne im Bücherschrank stehen haben möchte? Kein Problem, dann bestellt man es eben als eBook-Edition auf CD-Rom mit schöner DVD-Hülle mit Cover, Klappentext und Rückentitel. So steht es dann, von Kinderhänden unberührt, im Bücherschrank und unterscheidet sich kaum von einem gedruckten Buch.
Die meisten Verlage verlangen Vorkasse. Nach dem Ausfüllen der Bestellung erhält man eine Bestätigungsmail an die eigene E-Mail-Anschrift. Nach Eingang des Betrages auf dem Konto des Verlages, schickt dieser die eBook-Edition als E-Mail-Anhang (pdf-Datei) direkt auf den Computer oder als CD-Rom per Post.
Ich finde, dass diese neue Art des Lesens viele Vorzüge hat. Das Print-Buch wird von diesem neuen Medium sicher nicht verdrängt, aber ergänzt. Viele Zeitungsverlage machen inzwischen auch schon Gebrauch von dieser Art des Lesens. Das eBook wird seinen Weg machen, je mehr Zeit die Menschen ohnehin am Computer verbringen und auch aus wirtschaftlichen Gründen. Denn ein gutes Print-Buch hat seinen Preis  - und manche gedruckten Bücher sind für den einen oder anderen schon heute fast unerschwinglich.

Eleonore Zorn



haben Sie am Samstag, dem 19. Mai 2007 „Theaterfoyer“ in 3SAT gesehen, unter anderem mit der Reportage über die Wallenstein-Inszenierung von Peter Stein in Berlin? Ich habe - und das soll nicht irgendwie triumphierend klingen, denn der Gott der Musen ließ mich zufällig einen Blick in das Fernsehprogramm des Wochenendes tun und zwischen Nachrichten, Ratespielen, Börsen- nachrichten, Talk-Runden, Krimis und Familiendramen diese Perle finden. Zehn Stunden Wallenstein! Zehn Stunden Theater und zwar nicht Schreitheater a la … sondern gut gesprochene Verse, Sprechtheater, eine Inszenierung, die weiß, dass Wallenstein Vergangenheit ist und doch lebt, das heißt aktuell ist, ohne diesem Aktualisierungsinszenierungswahn zu verfallen, der vorne und hinten nicht stimmt und dem Zuschauer nicht die Freiheit lässt, sich seinen eigenen Reim zu machen … ich halte inne, um Luft zu holen und um dem Spötter in mir eine Ohrfeige zu versetzen, denn der meinte nur, so viel Werkgerechtigkeit muss auch wieder nicht sein. Muss sein, denn es war höchste Zeit, dass sich jemand auf der anderen Seite des Bootes hinaus hängt, denn auf der anderen Seite hing bereits schon wieder so ein „Gott des Gemetzels“. Ach, könnte der Stein mal…, ich wäre glücklich und „mehr bedarf es nicht“.

Adieu, Ihr Eckart Böhnisch

PS.: Ich habe nicht übersehen, dass noch eine Pokerrunde über die Poetische Philosophie aussteht, aber warum darf etwas nicht  einmal auch Fragment bleiben. Fürs Erste.



ich danke Ihnen für die schonungsvollen worte, die Sie mir entgegengebracht haben, obwohl ich hie rund da über die strenge geschlagen sein könnte.doch damit habe aus Ihren worten eine weitere und vielleicht entscheidende differenzierung (différance) heraushören dürfen, nämlich die zwischen poesie und ekel.für mich sind dies zwei sich gegenseitig bedingende empfindungen. ein künstler kann sich nur dazwischen befinden: zwischen ekstase und ekel. daraus schöpft und erschöpft er sich. wer höflich ist, der lügt, sagt goethe, und irgendwie hat er recht. denn das leben ist grundsätzlich gegen sich selbst gerichtet: es will ja gar nicht so, wie es sich darstellt und zeigt!steht ein nackter kaiser nicht vielleicht genau so nah am abgrund wie wir alle? nur, warum soll er nicht mal als erster springen? machen ihn kleider oder sein getue zu einem privilegierten?die herren regisseure wollen ja auch eine bessere welt. okay, aber das geht nur über die besoffenen philosophen. und Sie zerren ganz klug und aus meiner sicht natürlich den erlesensten denker auf die bühne: nietzsche.wer anders als er hätte auf höchster ebene poetisch gekotzt? das muss halt manchmal sein - zumindest solange es keine poetische philosophie gibt, die er ja eingeforfert hat. dafür hat er sich in den wahnsinn getrieben. um 11 jahre den belanglosen zu mimen und seine gedichte sich selbst zu zitieren...Sie, lieber böhnisch, haben freilich recht, wenn Sie die einseitigkeit des ekeltheaters anprangern: es fehlt die ekstase. aber das ekelt wohl den gewöhnlichen geist?die wahrheit kommt auf taubenfüßen... Ihr willi van hengel


Salü, Willi van Hengel,

ich sehe, dass Sie ein radikaler Kleinschreiber sind, was man durchaus sein kann, aber spätestens
bei dem Pronomen „sie“ kommt man in Kalamitäten, denn „sie“ klein geschrieben ist die dritte Person Singular bzw. Plural und „Sie“ groß geschrieben ist im Deutschen die Form der höflichen Anrede, wobei ich zugebe, dass das in der heutigen gesprochenen Sprache keine Rolle mehr spielt. In Ihrer Antwort weiß ich deshalb bisweilen nicht, meinen Sie mit „sie“ die Regisseure oder mich, woraus Sie ersehen können, nicht nur ich habe Schwierigkeiten mich verständlich auszudrücken (wie Sie schreiben), sondern auch Sie.
Nach diesem Vorgeplänkel aber zur Sache, wobei ich hoffe die Wahrheit mit Höflichkeit zu sagen, damit die Öffentlichkeit nicht den Eindruck gewinnt, hier spiele sich mal wieder so eine Art Pfaffengezänk ab, wo es doch drauf ankomme, sich hinzusetzen und einfach drauf loszuschreiben, als wenn Schreiben nicht auch ein Handwerk sei, das mühsam erlernt sein will und das von einem Weltbild, einer Philosophie – da gebe ich Ihnen völlig recht –getragen sein muss. Denn d a s ist interessant und nicht die subjektiven Ergüsse, die allerorten an mich heranschwappen. Aus Ihren Aphorismen greife ich drei heraus:
Die Frage nach einem POETISCHEN THEATER geht ins Leere.
Die Frage ist vielmehr die nach einer POETISCHEN PHILOSOPHIE
Beziehungsweise nach einer POETISCHEN WIRKLICHKEIT
Die Frage nach dem poetischen Theater geht bei dem größten Teil der heutigen Regisseure völlig ins Leere. So verstanden haben Sie völlig recht und die Herren werden sich einen Deut um das scheren, was wir hier momentan erörtern. Sie sind kleine Herrgötter, die mit ihrem Regietheater das sprachliche Kunstwerk nur noch als Steinbruch für ihre eigene Selbstinszenierung benutzen, wobei das Publikum mit staunend offenen Mündern dasteht und nicht merkt, was gespielt wird. Wer nur eine Note in einer Beethoven-Symphonie verändern würde, würde vom Publikum gesteinigt werden, mit den Kunstwerken der Dichter glaubt man alles machen zu können.
Der Frage nach einem poetischen Theater geht, weiter gewendet, vielleicht bei Ihnen ins Leere, aber bei mir nicht, aber wenn bei Ihnen das Leere das Schwarze ist, dann könnten wir uns verständigen und die Frage nach dem poetischen Theater würde ins Schwarze treffen und damit den gegenwärtigen Spielbetrieb, dessen Motto offensichtlich ist: Schwarz, schwarz, schwarz ist alles was ich habe… Lange Rede, kurzer Sinn und damit wir uns diesmal auf alle Fälle verstehen: Das POETISCHE THEATER ist das Gegenteil von dem gegenwärtigen EKELTHEATER, wofür Jürgen Goschs“ Sommernachtstraum“ in Berlin wieder ein „schönes“ Beispiel ist und wenn Sie die Kritik dazu im „Tagesspiegel“ Berlin vom 13. Mai 2007 lesen, werden Sie vollends wissen, was ich meine. Die Frage nach dem Theater darf nicht ins Leere gehen, weil es kein Hoftheater ist, sondern das Theater dieser Gesellschaft und ich lasse mir nicht einen nackten Kaiser für einen bekleideten verkaufen und wenn noch so viele nackte Schauspieler auf der Bühne herumspringen! Wobei ich noch nie den Regisseur darunter erblickt habe. Der hält sich in diesem Falle bedeckt, was verständlich ist, denn das Gegenteil wäre wohl zuviel des Guten. Dass ich den Herren kein Unrecht tue, zeigt der Umkehrschluss: Denn warum fühlen sich die Halbgötter in Schwarz sich ausgerechnet dazu hingezogen, Komödien zu inszenieren. Weil sie deren wunderbare Leichtigkeit des Seins insgeheim bewundern, aber wenn diese Großkopfeten die Stücke in die Hand nehmen, „zerbröseln“ sie sie und dann macht Michael Thalheimer aus der „Fledermaus“ eine Tragödie und Jan Bosse aus „Viel Lärmen um nichts“ ein Stück, in dem zwischen langen Pausen bedrohlichen Schweigens immer wieder mal eine Rakete abgefeuert wird, statt ein ganzes Feuerwerk Wenn man schon ein tragisches Weltbild hat – das ist in Ordnung –dann sollte man die Finger aber von der Komödie lassen, denn sonst kommt nur ein klägliches Gemeckere heraus…Der Rabe, der auf meiner Schulter sitzt, zupft mich am Ohr und mahnt mich aufzuhören: Der Online-Leser liest sowieso nicht mehr als eine Seite! Zum Schluss: Sie sehen also, verehrter Willi van Hengel, auch ich hab etwas mit den schwarzen Vögeln und spreche ihnen eine gewisse Poesie nicht ab. Wie heißt es so schön – und wirklich wie schön kann, ach, Traurigkeit sein – in einem Gedicht von Nietzsche: Die Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schneien,-
Wohl dem, der eine Heimat hat!

Ihr Eckart Böhnisch


lieber eckart böhnisch,

ich habe dich nicht verstanden. deshalb muss ich gleich zu anfang fragen, ob es überhaupt ein theater gibt, das nicht poetisch ist.
deshalb laufen die leute ja davon. es ist den meisten zu bunt. zu anmaßend. zu wenig moralisch.
alltäglich nur mit nachrichten - dazu noch mit den langweiligsten weibergesichtern - vollgestopft zu werden, und dazu noch auf einseitig moralische weise, stumpft so ab, dass man das theater nicht mehr ernst nehmen kann. 
deshalb ist die viel wichtiger frage die: kann es eine poetische philosophie geben?
denn nur aus einem geformten weltbild kann eine änderung der szene entstehen; deshalb, sie entschuldigen, meine  metaphysik-kritik zuletzt im hinblick auf das theater.
die regisseure haben keine grundlegende bildung.
okay, manchmal ist das naive das beste.
aber um für nachhaltigkeit zu streiten, muss man dann eine idee haben, die einen sein leben lang verfolgt.
ich denke, das haben sie nicht.
die frage nach einem poetischen theater geht ins leere.
nach einer poetischen wirklichkeit zu fragen, wäre sinnvoller.
oder wie oben nach einer poetischen philosophie. 
ich glaube, niemand hat sie so richtig verstanden.
entweder gibt es nichts zu verstehen - oder sie drücken sich so schlecht aus wie das theater, das sie kritisieren. 

ihr willi van hengel



obwohl Sie der Möglichkeit, zwischen fremden Menschen ein Gespräch zu führen, eher skeptisch gegenüberstehen, möchte ich versuchen, Ihren Gedankengang erst einmal nachzuzeichnen, um dann deutlich zu machen, wo ich mit Ihnen einig bin bzw. wo nicht.
Zunächst beschreiben Sie, wie Sie zur Literatur gekommen sind, bezeichnen sich selbst als “melancholischen Schrotthändler“ und behaupten, wie bei jedem Spiel ist das einzig Wahre das Spiel selbst. Natürlich meinen Sie hier, das Spiel der Wortkunst, sonst wäre der Satz eine Tautologie, aber von dem mal abgesehen, warum ist das einzig Wahre am Spiel der Poesie das Spiel selbst? Es gibt genug Beispiele in der Wortkunst, wo das Wort Gefühle, Deutungen, Erkenntnisse, Strategien, Urteile transportiert.
Im nächsten Schritt setzen Sie sich mit meinem Aufsatz, Was ist das, moderne Literatur? auseinander, wobei Sie mein eigentliches Anliegen nicht  aufgreifen, sondern sich mit dem Verhältnis der Kulturpolitik zur Avantgarde und Tradition auseinandersetzen, dem ich  nicht einmal zustimmen muss, weil es sich von selbst versteht.
Mit diesem Abschnitt ist die Auseinandersetzung abgeschlossen und „frei flottierend“, wie Sie sagen, folgen Sie Ihrer Schreibbewegung und ich stehe mit meinen Fragen alleine da, wobei das, was Sie über den Essay und Michael de Montaigne sagen bemerkenswert ist und bei mir einen neuen Horizont aufstößt. Vielen Dank. Der größte Teil Ihrer weiteren Betrachtungen ist ein Bericht über die „Kollegengespräche“, die Sie geführt haben und Fazit Ihrer Erfahrungen ist das Bild, in dem Sie den gegenwärtigen Literaturbetrieb mit einem Adler vergleichen, der in die Lüfte aufsteigt, obwohl er gebrochene Füße hat. O, wenn er das doch täte! Umgekehrt ist es. Der Adler hat sehr gesunde Füße, stakst damit auf den Boden umher und ernährt sich von Sensationen, sprich Aas, statt sich zu den Sternen zu erheben. Über den Eingang zu meiner ehemaligen Schule war so ein Adler abgebildet, der zu Sternen flog und darunter stand der Satz: PER ASPERA AD ASTRA. Durch Leiden zum Licht. Und das Ist die Aufgabe der Kunst: Das Leiden darzustellen, sicher, und das Licht. Sonst ist der Adler eine Krähe, die am Wegrand hockt, sehr intelligent dreinschaut und KRAH, KRAH schreit. Ich nehme an, Sie gehen mit mir einig, denn an einer Stelle schreiben Sie, wenn wir wieder das Volk der Dichter und Denker werden wollen, müssen wir uns aus dem „Sumpf der gepflegten Depressionen“ ziehen, mitsamt Pferd, sehr wahr, aber ungenau, denn zuerst das Pferd, denn es ist der Pegasus. Ich bin aber skeptisch, denn wie heißt es irgendwo- ach, stünde er auf, der das Wort geschrieben hat und schleuderte es der Menschheit wieder ins Gesicht: Die MENSCHEN ABER LIEBTEN DIE FINSTERNIS MEHR ALS DAS LICHT! Und das ist die Aufgabe des Schriftstellers und da gebe ich Ihrer scharfsinnigen Analyse der Kollegengespräche durchaus recht: Der heutige Schriftsteller sollte mit seiner (letztlich eitlen?)Selbstdarstellung endlich aufhören und wieder zu einem „Diener des Wortes“ und – vielleicht sogar des Lichtes werden. Warum steht denn sonst auf den Giebel der Frankfurter Oper: DEM WAHREN, SCHÖNEM UND GUTEM, wobei das Wahre und Schöne zusammen für mich das Gute sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Eckart Böhnisch



Antwort auf die Einwände von Willi van Hengel 

1. In Ihrer Antwort auf meine Thesen zum Theater setzen Sie sich mit einer Menge Dinge auseinander, nur mit meinem eigentlichen Anliegen, nämlich der gegenwärtigen Inszenierungs- praxis deutscher Bühnen relativ wenig. Ich hätte mir von einem Leser meiner Thesen gewünscht, dass er mein Gesamtanliegen erfasst und sich mit ihm auseinandersetzt und nicht einzelne Begriffe aus meinen Thesen zum Aufhänger für eigene Erwägungen benutzt.
2. Sie beziehen sich auf Autoren wie Beckett, Epikur, Kant und Nietzsche, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Das erklärt Ihr eigentümliches Schwanken in der Argumentation, so dass ich, mit Verlaub gesagt, manchmal nicht schlau werde, was Sie eigentlich sagen wollen. Einerseits beeindruckt Sie Epikurs Gelassenheitsethik, andererseits Kants unbedingte Moralvorstellungen.(„Wir müssen jederzeit Stellung beziehen“), einerseits bezeichnen Sie die Wahrheit als eine Art von Irrtum, andrerseits kommen Ihre Antworten zum Teil ziemlich apodiktisch daher.
3. Trotzdem denke ich, aus Ihrer Antwort eine gewisse Grundposition herauslesen zu können. Es geht Ihnen um die Subjektivität des Subjekts, das heißt das uralte Problem von Subjekt und Objekt lösen Sie so, dass Sie alles auf das Subjekt zurück beziehen. Deswegen ist für Sie alles Interpretation und Deutung und schwups - verabsolutieren Sie etwas(„Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne die oder den man nicht leben kann“), wobei Sie doch gegen alles Absolute sind. Wenn aber Martin Walser mit dem Satz recht hat: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“, sollten wir es uns mit der Dialektik des Seins nicht zu einfach machen, das heißt, das Objekt ist nicht nur auf das Subjekt bezogen, sondern auch umgekehrt das Subjekt auf das Objekt. Wenn dem nicht so ist, woher nähme eine Gesellschaft das Recht, Übeltäter in ihrer Mitte  als Übeltäter zu identifizieren und zu verurteilen? Die allgemeinen Menschenrechte sind etwas Objektives und Sie und ich würden uns im Ernstfall sofort auf sie berufen und hätten etwas dagegen, wenn man Folter als Nicht-Folter umdeuten würde.
4.Ich wollte in meinen Thesen allerdings nicht über Moral sprechen, sondern über Ästhetik und ich wollte nichts anderes sagen, als dass ich kein Lust habe, auf der Bühne in schrillen Tönen angepredigt zu werden. Der Dichter bzw. überhaupt der Künstler ist kein Prediger und der Prediger in der Regel kein Dichter, obwohl, vornehmlich im Karneval, auch auf den Kanzeln gedichtet wird. Der Prediger zeigt uns die Welt, wie sie sein soll, der Dichter und der Künstler, wie sie ist und zwar von ihrer Tag- und Nachtseite - selbstverständlich – auch von ihrer Nacht -und Tagseite, aber immer so, dass die Materie in Form gebracht wurde. Und das ist Ästhetik: Nicht nur einfach Wahrnehmung des Sinnlichen sondern in Form gebrachte Materie! Form aber heißt Geist und es ist diese spielerische Verbindung von Geist und Materie, die wir zum Beispiel in Michelangelos David als schön empfinden und dass diese Verbindung möglich ist, erleichtert uns zu leben. Deswegen erwarte ich von einem Regisseur, dass er, auch wenn er eher zu einer tragischen Sicht der Welt neigt, ein Stück Gegenteil aufleuchten lässt, entweder in der Form, in der Sprache oder in der Art und Weise, wie sein Held dem Untergang entgegengeht. Schon Lessing hat in seiner Hamburgischen Dramaturgie alles andere, was die Bühne angeht, als unerträglich bezeichnet.
5. Ich bin gewiss kein Brecht-Fan, aber wie kommen Sie dazu zu sagen, dass er gescheitert ist? Haben Sie sich mal den Spielplan deutscher Bühnen 2006/07 angeschaut?
Oder dass er im Sumpf der Metaphysik steckengeblieben ist? Seit wann hat der dialektische Materialismus, den Brecht vertreten hat , etwas mit Metaphysik zu tun?
6. Die Seite wird umgebrochen und signalisiert mir, dass ich aufhören sollte.  Ihrem letzten Satz muss aber ebenfalls widersprochen werden: „Der Siegeszug des Leids als schöne Darstellung der Wahrheit, die es vielleicht nur im Leid gibt“. Das klingt tiefsinnig, hält aber der Prüfung am Beispiel nicht stand: Gewiss am Ende steht der König ÖDIPUS mit ausgestochenen Augen vor dem Publikum, die Wahrheit, die Aletheia, die zum Vorschein gekommen ist, war zu grässlich für ihn, aber trotzdem hat nicht das Leid gesiegt sondern der König, denn obwohl äußerlich gescheitert, steht er sittlich gesehen als Sieger da. Das ist es, was uns aufrichtet!  

In kollegialer Verbundenheit, Ihr Eckart Böhnisch



In diesem Verschwinden, und wie fühlen wir anders nun, des schreibenden Subjekts, des denkenden vielleicht auch, bewegt sich die eigene Seele wie in einem Labyrinth vorwärts, nicht um sich wieder zu finden, sondern um seinen Verlust bis zur Grenze hin auszukosten, bis zu jener Öffnung also, wo sie wieder aufersteht, aber verloren, gänzlich entäußert, seiner selbst absolut entleert, was eigentlich nicht ganz richtig ist, eher trifft: die Wahrnehmung seiner Leere bewusst werdend… bis hin zu jener Öffnung, die nicht mehr zu schließen ist: die Wahrheit!
Sind die Tränen des Eros nicht vielmehr das verzweifelte Abbild unserer Träume, die wir uns nicht mehr zu träumen wagen (mitten am Tag).
Die Auflösung des fühlenden Subjekts, seine Zerstreuung in einer Sprache, die sie entmächtigt und im Raum einer leeren Bildsprache hinterlässt, ist vielleicht die Wahrheit unserer jetzigen Zeit.
Ich spreche, ich lüge.
Leute, die schreiben, ohne einen geistigen Hintergrund, sollten aufhören damit.
Ein Philosoph wird nur der, der außerhalb seiner Sprache sich einrichtet.
Identität ist immer nur geschwätzig. Wir sind eigentlich immer wo anders.
Ist die aufdringliche Textur der Sexualität in unserer Kultur am Tod Gottes und an jene ontologische Leere, die damit verbunden ist, gebunden? Warum geben wir uns keine Zeit mehr, zu suchen? Wo wollen wir so noch etwas finden?
Jeder fühlt sich mit damit an eine Grenze gedrängt, die er nicht abzuschreiten gewillt ist; er muss aber. Und so fühlt er sich genötigt zu Gesten der Überschreitung, die ihm gar nicht eignet. Das bist du nicht, denkt man und hofft auf den nächsten Moment, der einen erlöst von derselben Bewegung, die einen in lauter Widersprüche drängt. Die Widersprüche sind aber schon lange da. Man lebt sie. Ohne dafür vorbereitet worden zu sein. Das Sein lässt einen alleine. Zurück. Mit jedem Wort mehr, das man spricht. Man kommt nirgendwo noch an. Alles ist besetzt. Besetzt von der Leere, gegen die man nichts anzurichten weiß. 

Willi van Hengel



Zu Eckart Bönischs Thesen zum Poetischen Theater:

1. Brecht ist mit seiner einseitig moralischen Haltung zwar gut angekommen, aber mittlerweile gescheitert.
Schönheit setzt er mit Wahrheit gleich. Das ist aber nicht das Schlimme. Dass er glaubt, auf dem Weg zur Wahrheit zu sein, ist schlimm, vielleicht sogar aufs Schlimmste zu (um einen Ausdruck von Beckett zu gebrauchen). Brecht ist halt im Sumpf der Metaphysik stecken geblieben.

2. Abseits von Meinungen, Urteilen und notwenigen Sichtweisen auf die Welt (man muss einen moralischen Standpunkt einnehmen), bliebe die Ataraxie, die Gelassenheit und Gleichgültigkeit, wie sie Epikur gelehrt hat:
Eine rein ästhetische Wahrnehmung (ein Pleonasmus wie weißer Schimmel) !
Wahrnehmen ist zunächst einmal immer „nur“ ästhetisch. Also reine Darstellung des Wahrgenommenen. Nun muss man aber auch den Wahrnehmungsapparat mit einbeziehen. Ist der nicht schon Ursache aller Verseuchung?
Denn nach der bloßen Wahrnehmung von etwas (auch der eigenen Gefühle) kommen die eigenen Vorurteile mit ins Spiel, die zu einem Urteil anregen (= innerer Dialog).
Dieses Urteil setzt sich dann, weil es Anerkennung finden will, aus. Es stellt sich in der Sprache des Körpers (Gesten, Blicke, Mimik) dar oder im Medium des Sprechens, Schreibens oder Schweigens (= Ursprung der Künste).
Das führt zum zweiten Teil: dem äußeren Dialog. Unser Urteil trifft notwendig auf Urteile Anderer. Und es fordert sich selbst wie auch den Anderen dazu auf. Diese Aufforderung reizt den Anderen. Denn seine Individualität kommt ins Schwimmen.
Und wie kann er die retten?
Indem er ihm einen eigenen Standpunkt entgegensetzt. Durch seinen Erregung wird er sensibilisiert: auf der einen Seite wird er gereizt, auf der anderen inspiriert!

3. Damit will ich Folgendes sagen:
Wir müssen jederzeit Stellung beziehen!
Das heißt: wir müssen jederzeit Urteile bzw. uns eine Meinung bilden. Einmal unseres Egos wegen, zum anderen birgt das das Gefühl, frei zu sein.
Freiheit ist nach Kant am ehesten fühlbar in der Meinungsbildung. Und das leuchtet ein: Denn „Meinung“ beinhaltet notwendig Freiheit (sonst wäre es keine Meinung!).

4. Es ist also notwendig, moralisch zu sein, das heißt, man muss Urteile bilden.

5. Selbst wenn man diesen Vorgang nur darstellen will, so bleibt es Interpretation, d.h. eingebunden in wahr oder falsch.

6. Was man nun tun kann, wäre, diesem Wahr- oder Falsch eine dritte Dimension zuzufügen: ein „Kann auch immer anders sein“!

7. Die reine ästhetische Darstellung kann niemals von eigenen Vorurteilen befreit werden. Vorurteile sind die Voraussetzung für jede Begegnung (zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gefühl, Mensch und Text). Mit dieser Begegnung verändern sich diese Vorurteile: sie öffnen oder verdichten sich.
Und in diesem Sich-öffnen stecken wir gerade (fest). 

8. Wäre ein poetisches Theater vielleicht eine Pina-Bausch-Aufführung mit Worten?

9. These 6 von E. Bönisch ist sehr fraglich. Er schreibt dort:  

Das Poetische Theater versteht die Bühne nicht in erster Linie als moralische Anstalt, die der Gesellschaft permanent den moralischen Spiegel vorhält, sondern als etwas, wo durchaus die Wahrheit, aber auch das Ästhetische zu ihrem Recht kommen.  

Was ist „Wahrheit“?
Eine Lüge – bloß ästhetisch verdreht ausgedrückt?
Wahrheit ist nach Nietzsche eine fest gewordene Interpretation, von der man vergessen hat, dass sie bloß eine Interpretation ist.
Nur: es gibt nichts anderes als Interpretationen.
Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne die oder den man nicht leben kann.
Vielleicht wäre das eine Möglichkeit der Inszenierung: die Lüge darstellen als lebensnotwendige Form des Sich-selbst-darstellen-Müssens.
Es geht nicht um Glück oder Liebe im Leben – es geht allein um Anerkennung!
Auch in der Form der Lüge. Oder am Besten dort, d.h. in der ästhetischen Darstellung eines (moralischen) Standpunktes. 
Um l’art pour l’art darf es nicht gehen in einem poetischen Theater.
Die Darstellung des Schönen kann natürlich auch ein heftiger Streit sein oder das tiefe Leid eines Menschen oder sein Todeskampf: siehe Jesus am Kreuz.
Der Siegeszug des Leids als schöne Darstellung der Wahrheit, die es vielleicht nur im Leid gibt?

Willi van Hengel



„Moral“ und „Geschmack“ sind zwei Begriffe, die, so verwunderlich es auch erscheinen mag, bei Nietzsche aufs engste zusammen gehören. Also müssen wir uns fragen, zumindest will Nietzsche es so, was „Geschmack“ mit Gut und Böse zu tun hat? Und Nietzsche schreibt im Frühjahr/Sommer 1883 in sein persönliches Notizheft, dass „Moral … Geschmacks-Sache“ sei (N, 10, 7 [62]). Wir bezeichnen doch nur etwas als „Geschmacks-Sache“, wenn wir zu einem bestimmten Sachverhalt ein nicht gerade wohlwollendes Gefühl hegen und auch kein ebensolches Urteil fällen würden, gleichwohl andere Gefühle und Urteile in jeder Form freilich zulassen. Irgendwie berührt es uns ja nicht weiter. Wir lassen den Geschmack auf sich beruhen, auch wenn Andere anderer Meinung sind als wir. Doch im Hinblick auf die Moral, also im Hinblick auf Werturteile, die unser Leben aufs Grundsätzliche berühren, ja, im Hinblick auf Urteile, nach denen wir unser Leben ausrichten, von Geschmack zu reden, scheint vermessen, wenn nicht gar überheblich.
Doch in der nächsten Viertelstunde wollen wir versuchen, diesen Eindruck zu relativieren, nein, umzubiegen in eine neue Perspektive von Moral.
Im Grunde sind wir hier schon, lange bevor wir daran gegangen sind, die beiden Begriffe Moral und Geschmack zu definieren, was immer auch mit der Gefahr zu tun hat, sich zu verlieren, in die Mitte unserer Absicht vorgestoßen – wir müssen uns nur anschauen, wie Nietzsche im Sommer 1881 „ein Urtheil“ definiert: Er bezeichnet ein Urteil  als „Geschmack in seiner untersten Stufe“ (N, 9, 11 [164]). Wir sehen hier sofort, dass Nietzsche der Erkenntnis beziehungsweise dem Festsetzen von Eindrücken keinen allzu hohen Stellenwert beimisst – zumindest solange nicht, wie man auf eine feste Wahrheit aus ist, eine „Wahrheit“, die sich über immer wieder neue Eindrücke und sich neu ergebende Situationen stülpt, ohne aus diesen Eindrücken und Situationen wiederum etwas Neues, vielleicht noch nicht Festgefahrenes zu machen (was sonst bedeutet „Verliebtsein“?). 
Kurz gesagt: Nietzsche mag keine Menschen, die sich von Prinzipien bestimmen lassen, also keine eigene Stimme haben. Er mag keine Menschen, die ohne Leidenschaft durchs Leben gehen, Angst davor haben und immer nur alles berechnen. Ein Leben, das rechnet, ist arm. Er mag vielmehr diejenigen, die gegen „das beharrende Verhältniß“ (N, 9, 11 [156] – Sommer 1881) angehen.

                                                                                                      Der vollständige Essay als pdf


Es wird sich herausstellen, dass wir ohne Begriff Schönheit nicht auskommen. Bertolt Brecht 

10 THESEN ZUM ZEITGENÖSSISCHEN THEATER

1. Wenn selbst Brecht, dem der unverhüllte Blick auf die Wahrheit über alles ging, die Notwendigkeit der Schönheit in der Kunst erkennt, wird es Zeit, darüber nachzudenken. 

2. Soweit es sich nämlich überblicken lässt, sind die zeitgenössischen Theaterinszenierungen puritanisch, moralistisch und humorlos. Sie verwechseln Effekthascherei mit dem eigentlich Theatralischen. 

3. Die Philosophie, die hinter vielen heutigen Inszenierungen steckt, ist das ständige Lamento über die Absurdität der Welt, in der ein Koordinatensystem nicht mehr erkennbar sei, folglich auch nicht mehr sagbar sei, was oben und unten, rechts und was links ist. 

4. Die heutige Inszenierungsphilosophie ist also durchaus identifizierbar. Hinter ihrer Behauptung, es gebe kein Koordinatensystem, steckt selber eine Philosophie. 

5. Die These Brechts aufgreifend, träumt der Verfasser dieser Thesen von einem Theater, das den Namen Poetisches Theater verdient. 

6. Das Poetische Theater versteht die Bühne nicht in erster Linie als moralische Anstalt, die der Gesellschaft permanent den moralischen Spiegel vorhält, sondern als etwas, wo durchaus die Wahrheit, aber auch das Ästhetische zu ihrem Recht kommen. 

7. Das Schöne oder das Ästhetische zeigt sich im Maß sowohl im Hinblick auf den Inhalt als auch auf die Form und die Sprache. Schon Horaz vertritt in seiner ARS POETICA die Auffassung, dass das Kühnste in der Darstellung nicht heißen muss, dass man Schlangen mit Vögeln paart und Tiger mit Lämmern. 

8. Es wird deswegen Zeit, dass das gegenwärtige Sturm- und Drang Theater sich zu einem neuen Formwillen durchringt, denn das gegenwärtige Publikum gleicht einer überdüngten Wiese, auf der nur noch Löwenzahn wächst! 

9. Es ist klar, dass es Entzugserscheinungen geben wird und auch nicht mehr so dicke Gagen, nur weil man ab und zu in der Dunkelheit ein Licht aufblitzen lässt. 

10. Wer dem Verfasser dieser Thesen eine Elfenbeinturm-Ästhetik vorwirft, der bedenke, dass es nicht darum geht einen schlottrigen Anzug mit einem zu eng sitzenden zu vertauschen. 

Eckart Böhnisch, im März 2007



Mich interessieren die tragikomischen Momente, in denen sich eine hochfliegende Kultur–Boheme und die Alltagsnormalität in die Quere kommen. Als Adept von Johannes Gensfleisch borge ich mir seine beweglichen Metall-Lettern. Nie habe ich etwas Eigenes geschrieben, alles ist compiliert. Ich bin ein melancholischer Schrotthändler: Aus Abfällen zimmere ich meine Ansichten. Alles ist drin, aber nichts passt zusammen. Die Sprache hinkt und klemmt an allen Ecken und Enden. Das ist ein trauriges, aber mein liebstes Spiel. Ein Spiel fast ohne Regeln. Wie bei jedem Spiel ist das einzig Wahre das Spiel selbst.
Schon früh war ein ausgeprägtes Interesse an Literatur vorhanden. Ich habe als Pennäler systematisch die Klassiker gelesen und mich gleichzeitig mit zeitgenössischen Autoren auseinandergesetzt. Meine Begeisterung für Literatur ist sehr früh von einer fast atemlosen Verzückung für Heinrich von Kleist geprägt worden, was bis heute ganz sicher meine Vorlieben für zeitgenössische Autoren, die ich mag, und andere, die ich weniger mag, beeinflusst.
Nicht nur halte ich die Kategorien rechts und links für untauglich in der Kulturpolitik, sondern auch die Zuordnung zu Avantgarde oder Tradition – als handelte es sich hier um zwei Optionen, zwischen denen die Kulturpolitik wählen dürfte. Ich bin mit Leidenschaft dafür, dass Künstler sich mit grandioser Einseitigkeit auf das konzentrieren können, was sie spannend finden – und dass sie den Rest für völlig belanglos halten dürfen. Mit der gleichen Hartnäckigkeit bestehe ich darauf, dass die Kulturpolitik das nicht darf. Die Kulturpolitik muss die Tradition genauso ernst nehmen wie die Avantgarde – und umgekehrt. Deswegen wäre mir außerordentlich unbehaglich, wenn die großen politischen Lager in Deutschland sich in einer Mischung aus Übermut und unzureichender Aufklärung für eines dieser beiden großen Felder – Avantgarde oder Tradition – als heimliche Schirmherren exklusiv verantwortlich fühlen würden. In der großen Zeit des Bildungsbürgertums war diese Verbindung vielleicht lebendiger.

                                                                                                      Der vollständige Essay als pdf



In Wien ein Autor Müller
Dem Wahren, Schönen, Guten hold
Der brauchte dringend einen Knüller,
Damit der Rubel abends rollt. 

Und wie er wieder einmal saß
In Rauch und Nebel hinterm Glas,
Da taucht heraus ein schräger Typen,
Der bot ihn gleich an 1000 Pipen. 

Und sagt, was schreibst ist Schall und Rauch
Befühl doch mal der Hölle Bauch,
Moralisch nur, doch kitzle raus
Damit die Welt erfreut ihr Graus! 

Max Müller von `nem Zwang getrieben
Hat dann so etwas unterschrieben,
Und macht nun Knete von Erlösen                           
Mit Storys aus dem Reich des Bösen. 

böe 6.2.07



Wenn diese Frage bei Litrum gestellt wird, dann kann das für mich nur heißen, was ist das, moderne Dichtung? Denn es gibt Leute, die einen sehr weiten Literaturbegriff haben und zum Beispiel Werbetexte, Wetterberichte und Todesanzeigen auch für Literatur halten. Ich nicht. Ich gebe zu, das ist nicht mein Axiom. Nun einige Bemerkungen zum Thema:
1. Den Beginn der moderne Literatur kann man einigermaßen genau fixieren auf 1774 mit dem Erscheinen von Goethes DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS, ein empfindsamer Briefroman, in dem das Herz gegen den Verstand, die Freiheit gegen das Gesetz, die Natur gegen die Kultur gestellt wird. Das „Herz“ - Zentralbegriff im Werther -  mit seinen Gefühlen und Leidenschaften wird zum Maßstab aller Dinge und Leute, die ihrem gesunden Menschenverstand folgen als trockene Rationalisten abgestempelt. Seitdem wird in der deutschen Literatur unaufhörlich gelitten und die Labyrinthe des eigenen Ichs erforscht und es wäre wünschenswert, wenn statt der Analyse des eigenen Ichs und seiner erschreckenden Schattenseiten endlich mehr die Analyse der eigenen Umgebung und noch besser, eine Spurensuche nach der weitgehend verloren gegangenen Poesie anheben würde.
2. Nun unterliegen Revolutionäre in der Literatur einem geheimen Gesetz: Je erfolgreicher sie sind, je mehr Knete sie machen und je älter sie werden, umso konservativer werden sie, wofür Goethe und Schiller schöne Beispiele sind. Sobald man am Hof zu Weimar zu Amt und Würden gelangt war, war die Sturm und Drang-Zeit vergessen und der Dichter des Faust hat als Minister ein Todesurteil gegen eine „Kindsmörderin“ mit unterschrieben.
3.Weil also Literatur in der Regel mit den jungen Linksintellektuellen beginnt und dann im Stil und Inhalt nach Rechts hinüberwandert, hat es immer wieder junge Aufbrüche und damit moderne Literatur gegeben, denn es ist schon wahr, seit Goethes Werther haben sich doch die Problemstellungen gewandelt. Nach der Klassik kam die Romantik und dann das junge Deutschland und dann der Naturalismus und der Expressionismus und dann…und dann…und jedes Mal wurden die Gefühlsausbrüche heftiger und die Provokationen gegenüber der Gesellschaft spitzer, bis schließlich keine Tabus mehr übrig waren und man inzwischen Tabus erfinden muss, um Tabus brechen zu können, beziehungsweise man ergeht sich zum Beispiel in den letzten Sudeleien auf der Bühne. Natürlich gibt es auch ein paar wilde Alte, die wilde Stücke inszenieren und in schönen Villen wohnen und für die die Würde des Schauspielers keinen Pfifferling mehr wert ist. Es wird höchste Zeit mal die Frage nach der Wahrheit der Kunst zu stellen gemäß dem Satz: Gedenke, wenn du deinen Bruder anklagst, dass du dich in ihm selber anklagst! Damit meine ich natürlich nicht die, die im fortgeschrittenen Alter sich selbst anklagen, um im Geschäft zu bleiben.
4. Weil moderne Literatur Dichtung ist, ist sie natürlich Kunst, und Kunst kommt von Können und damit sind wir bei den vier Eckpunkten eines magischen Quadrats: Handwerk; Stil, das heißt unverwechselbare Handschrift; Phantasie und totales Leben für die Kunst. Dazu kommt: Über sich können viele schreiben, über andere schon weniger und noch kleiner ist der Kreis derjenigen, die unsterbliche literarischen Figuren erfinden wie Don Quichotte und Sancho Pansa, Hamlet und Macbeth, Faust und Don Carlos, Robinson und Alice im Wunderland, die Mutter Courage und die Physiker und so weiter.
Vielleicht bin ich jetzt einigen auf den Schlips getreten, aber ich wollte uns allen nur ein bisschen den Spiegel vorhalten. Denn es ist gut zu wissen, bin ich in Sachen Literatur ein Tausender, ein Dreitausender ein Fünftausender oder ein Achttausender. Oder nur ein Fünfhunderter. Auch Hügel sollen ja ihren Reiz haben. Eines ist aber sicher: Wer mit seiner Veröffentlichung die Gesellschaft tangiert, der muss bereit sein, sich der künstlerischen Kritik zu stellen. Dramatiker-Wettbewerbe und Sänger-Wettstreite hat es zu allen Zeiten gegeben.

Eckart Böhnisch

                                                                                       Der Artikel zum Download