Literatur-Projekte
Literatur live
Balladenjahr
Meine Literatur
Virtuelle Welten
Literatur unterwegs
Autor Kurt Comic
Erzählstrom
Märchen
Literarisches Motto
Historische Gegenwart
Literatur mobil
Literatur Fabrik
Autoren im Interview
Autoren - Manuel Göpferich
Autoren - Lars O. Heintel
Autoren - Ina May
Autoren - Mira Sommer
Autoren - Walter M. Stütz
Literatur Dialog der Kulturen
Literarische Fragmente
Forum für Litrum-Texte
Kreatives Schreiben
Literatur-Kritik
Literatur-Theorie
Podcasts zur Literatur
Literatur Blog
Literatur-News
Links zur Literatur
Litrum-Gästebuch
Kontakt und Impressum
     
 


Autoren schreiben gemeinsam eine Erzählung. Je mehr Schriftsteller sich daran beteiligen, desto interessanter wird der Text.

Ein Abschnitt der Erzählung sollte nicht länger als 2000 Zeichen inklusive Leerzeichen sein. Bei mehreren möglichen Fortsetzungen der Geschichte, stimmen Autoren und Leser auf dieser Seite über den weiteren Verlauf ab. Das Forum bietet Raum für Diskussionen. Ein Autor darf mehrmals eine Fortsetzung der Erzählung anbieten, jedoch nicht zwei Abschnitte direkt nacheinander.

Nach Abschluss des Projekts soll die Erzählung als Buch veröffentlicht werde. Dabei werden selbstverständlich die Namen aller Autoren genannt, deren Texte in die abschließende Fassung der Erzählung einfließen. Diese Autoren werden am Verkaufserlös des Buches beteilgt.

Beiträge zum Erzählstrom an: texte@litrum.de Bitte tragen Sie als Betreff "Erzählstrom" ein.





Teil 1 - Von Lana McDeen > „Brauchst du wirklich soviel?“, fragte Vanessa und schob ihre Reisetasche in den Kofferraum ihres Kombis. Julia stöckelte mit ihren Pumps über die vom Regen nasse Treppe und drückte Vanessa eine weitere Tasche in die Hand. Diese blickte unverständlich ihrer Schwester nach, wie sie ins Auto stieg. „Wie kann man denn für ein Wochenende vier Taschen mitnehmen, sag mir das mal?“, fragte sie ihre ein Jahr jüngere Schwester als sie ins Auto einstieg. Diese hatte gerade die Sonnenblende herunter geklappt und trug ihren Lippenstift auf. Dabei zuckte sie als Antwort mit ihren zierlichen Schultern. Vanessa startete den Motor als ihr Handy klingelte. An der anderen Seite meldete sich Robert und wollte wissen, wo sie denn stecken würde. „Wir fahren jetzt zu Isabel und dann holen wir dich.“, sagte sie und legte auch ohne eine Antwort abzuwarten auf. „Na, wollen wir nun endlich los fahren?“, fragte die perfekt geschminkte Julia und klappte die Sonnenblende nach oben. Vanessa musste sich zusammen reißen um ihre Schwester nicht aus dem Auto zu schubsen und da zu lassen. Doch das konnte sie nicht tun, dann hätte sie das ganze Wochenende in der kleinen Waldhütte Schuldgefühle. Sie fuhr los und wehte das Herbstlaub auf, das sich auf ihren Wagen gelegt hatte. Für den 6. Oktober war es dieses Jahr schon sehr herbstlich, aber das störte die vier Freunde nicht, ein gemütliches Wochenende weit weg von der Großstadt zu genießen. „Da seid ihr ja endlich!“, rief Isabel und öffnete den Kofferraum. Geschockt kam sie an Vanessas Tür und fragte: „Und wo soll mein Koffer hin?“ Julia ließ nicht erkennen, dass sie den Kofferraum mit allen ihren Taschen ausgestattet hatte. Die drei Frauen blickten auf, als sie ihre Namen hörten. Robert kam angelaufen. „Sonst würde ich wohl morgen noch bei mir stehen!“, lachte er und blickte genau wie Isabel zuvor ungläubig in den Kofferraum. „Das gibt es doch nicht, oder?“, fragte er und lies seine Tasche auf den Boden sinken. <

Teil 2 - Von Sven Severin > Vanessa spürte, dass sie wütend wurde, weil ihr die Situation unangenehm war, und sie wurde auch wütend, weil sie sich nicht gegen ihre kleine Schwester hatte durchsetzen können. So war es schon immer: Vanessa das große, vernünftige Mädchen, das brave. Und Julia? Maßlos, unverschämt, egoistisch – und erfolgreich. Das ärgerte Vanessa wahrscheinlich am allermeisten. Sie konnte sich bemühen, wie sie auch wollte, Julia war stets besser, ohne sich dafür besonders anzustrengen. In der Schule, im Studium, im Job hatte sie die Nase vorn. Bei Männern? Ja, natürlich auch bei den Männern, seufzte Vanessa im Stillen, und ich Idiotin trage ihr noch die Koffer hinterher. Erst Roberts angenehme Stimme riss sie aus ihren trüben Gedanken.
„Ich schätze, wir dürfen von Julia in den nächsten Tagen eine interessante Modenschau erwarten“, lachte er herzlich, aber mit deutlich hörbarer Ironie, die Vanessa wohl tat und für die sie ihm fast dankbar war. „Das sind doch alles deine Taschen, oder nicht?“
„Na klar, du kennst mich doch“, antwortete Julia lakonisch – und natürlich überhörte sie die Ironie. Das ist wieder typisch für sie, dachte Vanessa, was ihr nicht passt, registriert die Kleine erst gar nicht. Verdammt, warum ärgert mich das eigentlich immer noch?
„Du könntest mal Platz für unsere Sachen machen“, rief Isabel nach vorne.
Es war wieder Vanessa die sich angesprochen fühlte und zum Kofferraum eilte, die Taschen hin und her schob, bis alles passte. Dass Robert ihr dabei half, war ihr kaum ein Trost. Sie wollte nach Hause, allein sein, irgendwie alles vergessen. Und dann saß sie doch hinter dem Steuer und fuhr los, neben sich ihre kleine Schwester, die das nicht das Geringste anzugehen schien.
„Hast du auch bestimmt alles?“ fragte Vanessa sie laut genug, dass alle es hören konnten. Ein lausiger Versuch, auf ihre Kosten witzig zu sein, dachte sie sofort.
„Ich glaube schon“, antwortete Julia gelangweilt und sah abwesend aus dem Fenster. Auf dem Rücksitz schwatzten Isabel und Robert lebhaft. <

Teil 3 - Von Jasmin Ludorf > Doch leider konnten auch die interessanten Gespräche ihrer Freunde Vanessas Stimmung nicht bessern.
Zu sehr vereinnahmten ihre Befürchtungen in Bezug auf Julias Absichten sie. Hatte ihre Schwester ein Auge auf Robert geworfen?
Und wieso beschäftigte sie das überhaupt so sehr?
Trotz ihrer verworrenen Gedanken gestaltete sich die weitere Fahrt etwas lockerer.
Vanessa bemühte sich, den teilweise sehr bissigen Kommentaren von Julias Seite wenig Beachtung zu schenken.
Immerhin waren Isabel und Robert bemüht, die Harmonie aufrecht zu erhalten.
Nach einer etwa dreistündigen Fahrt beschlossen die Freunde, eine Pause einzulegen, um ihren müden Gliedern etwas Bewegung zu gönnen. Schließlich hatten sie noch Pläne für den Abend und wollten dementsprechend fit sein.
Sie hielten an einer Raststätte, die nicht mehr allzu weit entfernt lag von der Waldhütte, die sie sich als Ziel für das gemeinsame Wochenende ausgesucht hatten. Isabels Onkel hatte dort viele Jahre lang seine Wochenenden verbracht, um zu jagen und auch, um ein wenig Ruhe vor seiner teilweise sehr anstrengenden Frau zu haben. Offen zugegeben hätte er diese Tatsache wohl nicht, aber da Isabel ihren Onkel sehr gut kannte, fiel es ihr nicht schwer, seine offizielle Begründung schnell zu durchschauen. Nach seinem plötzlichen Tod hatte Isabel diese Geschichte ihren Freunden erzählt. Es dauerte lange, bis sie den Schicksalsschlag halbwegs überwunden hatte, aber als die Trauer langsam nachließ, beschloss sie, sein Andenken zu wahren und wieder mit Lachen und Wärme zu füllen. So entstand der Plan für den Ausflug, auf dem sich die vier ungleichen Freunde nun befanden.
Robert studierte die Karte, während Isabel und Vanessa sich auf den Weg machten, um ihre Nahrungsvorräte ein wenig aufzustocken. Jetzt, wo die beiden Frauen sich von der Gruppe entfernt hatten, beschloss Julia den günstigen Moment zu nutzen. Ein kurzer, prüfender Blick in den Handspiegel, dann stieg sie aus dem Auto aus und schlenderte auf Robert zu. <

Teil 4 – Von Sabine Brandt > Er saß an einem der Holztische, hatte die Karte vor sich ausgebreitet und studierte sie eingehend. Als Julia den Tisch erreichte, setzte sie sich auf die Kante der Tischplatte und ließ die Füße baumeln. Die neuen Pumps sahen zwar toll aus, aber sie waren wirklich nicht dafür gemacht, stundenlang getragen zu werden. Während ihre Füße die kleine Erholung genossen, versuchte sie Roberts Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Robert, hast du Lust auf einen Kaffee? Wir könnten doch drüben bei der Tankstelle einen zusammen trinken, bis die andern beiden wieder hier sind.“ Der Einfall mit dem Kaffee war ihr gerade erst gekommen, aber sie fand ihn sehr gut. So konnte sie mit ihm ins Gespräch kommen und später bei passender Gelegenheit daran anknüpfen. Aber Robert antwortete gar nicht.
Etwas verblüfft drehte sie sich zu ihm um und sah, dass er noch immer mit dem Finger die Wege auf der Karte nachzeichnete. Kurzerhand ließ sie sich rückwärts auf die Karte sinken, so dass sie direkt in Roberts Gesicht sehen konnte. Zuerst wirkte er etwas verdutzt, aber als sie ihn dann zuckersüß anlächelte und sagte: „Na du Tagträumer? Bekomm ich nun etwas von deiner Aufmerksamkeit?“ wurde ihm klar, dass er etwas verpasst haben musste. Er lächelte zurück und antwortete: „Aber immer doch! Tut mir leid, aber ich war so vertieft, dass ich nicht gehört habe was du sagtest.“
Julia richtete sich auf, hüpfte vom Tisch, schnappte sich seine Hand und zog ihn mit sich. „Ich hatte dich gerade eingeladen mit mir einen Kaffee zu trinken, aber da du mich eben so sträflich missachtet hast, musst du mich nun zur Wiedergutmachung einladen.“ Robert lachte: „Na gut, aber wir sollten warten bis Vanessa und Isabel zurück sind. Wenn wir jetzt einfach verschwinden, werden sie uns sicher suchen.“ Gekonnt verwandelte Julia augenblicklich ihr süßes Lächeln in einen betrübten Schmollmund. „Schade. Ich dachte, ich müsste dich wenigstens jetzt nicht mit den beiden teilen.“ <

Teil 5 – Von Gabriele Junker > Robert schien abermals verdutzt und ließ sich von Julia mehr oder weniger bereitwillig hinterher ziehen. „Ist ja schon gut“, sagte er, „ich komm ja mit.“ Wie auf Knopfdruck legte Julia wieder ihr süßes Lächeln auf. „Wonach hast du eigentlich auf der Karte gesucht? So ganz genau meine ich.“ Eigentlich interessierte Julia das nicht im Geringsten, doch sie wusste, bei Robert kam sie nur mit einer halbwegs intelligenten Konversation weiter. Was hatte sie sich vor der Abreise bereits alles ausgemalt für sich und Robert. Wie sie ihn für sich gewinnen konnte. Die Pläne in ihrem Kopf erschienen ihr fast perfekt, wenn da nicht die anderen wären und zudem noch ihre Schwester. Vanessa würde wütend werden und irgendwie war es genau das, was Julia bezweckte. Warum, das wusste sie selbst nicht genau, aber es war schon immer so.
Sie zog Robert weiter hinter sich her, bis sie an der Tankstelle ankamen. „Ich warte hier“, sagte sie und schob Robert hinein. Der schüttelte nur noch an sich selbst zweifelnd den Kopf und ging auf die Theke zu, hinter der eine hübsche, junge Frau Kaffee und Brötchen verkaufte. Robert starrte sie an, bis er merkte, dass die Dame ihn nun zum zweiten Mal fragte, was er denn wünsche. „Ähm, ja...“ Robert wurde rot als er bemerkte, dass er zu stottern begann. Er riss sich zusammen und würgte „Zwei Kaffee, bitte“ hervor. Dabei starrte er die junge Frau immer noch an. Zahlen, dachte er nur noch, zahlen und schnell raus hier. Die ganze Situation erst mit Julia und jetzt das hier war ihm peinlich. Draußen wartete Julia. Robert drückte ihr den Becher Kaffee nichts sagend in die Hand. „Na, geht doch“, platzte Julia heraus. Ihre Versuche witzig zu sein scheiterten kläglich. Robert drehte sich um und machte sich einfach wieder auf den Weg zum Auto. „Lass uns doch hier bleiben!“, rief Julia hinter ihm her, doch er ignorierte sie. <

Teil 6 - Von Sabine Brandt > Beleidigt zog sie eine Schnute und stapfte hinterher. Auf halbem Weg sah sie, dass Vanessa und Isabel ebenfalls gerade zum Wagen zurückkehrten.
Es würde zwar nichts an der Abfuhr ändern, die sie eben von Robert bekommen hatte, aber wenigstens konnte sie ihre Schwester ein bisschen ärgern. Ein schlechtes Gewissen hatte sie deshalb nicht, schließlich gehörte Robert nicht Vanessa. Julia beeilte sich etwas und erreichte das Auto gleichzeitig mit den anderen beiden. „Ah, da seid ihr ja! Moment, ich stell nur schnell meinen Kaffee ab und helfe euch die Sachen einräumen“, sagte sie. Achtlos stellte sie ihren Becher auf eine der Landkarten und nahm Isabel eine der Tüten ab.
Isabel öffnete den Kofferraum und machte sich daran die Sachen zu verstauen. „Wo gab es denn den leckeren Kaffee?“ fragte Vanessa. Julia lächelte und antwortete: „Drüben an der Tankstelle. Robert hat mich eingeladen.“ Vanessa sah hinüber zu Robert, der inzwischen wieder die Karten studierte. Scheinbar bemerkte er gar nicht, dass sie wieder da waren, oder es interessierte ihn nicht besonders. Vanessa sah ihre Schwester missmutig an und meinte: „Wie nett von ihm. Dann hat er auch sicher nichts dagegen uns zum Abendessen in der Hütte einzuladen. Er kocht ganz phantastisch.“ <

Teil 7 - Von Jasmin Ludorf > „Männer, die den Kochlöffel schwingen können, sind mir immer recht, dann muss ich das wenigstens nicht selber machen.“
Und mit einem Grinsen auf den Lippen setzte sich Julia wieder in den Wagen, kindlich erfreut über ihre überaus geistreiche Antwort, vergaß sie völlig, dass sie eigentlich beim einräumen des Kofferraums helfen wollte. Mal wieder bemerkte sie nicht, dass ihre Schwester den Kommentar als ganz und gar nicht geistreich empfand.
Nachdem Vanessa und ihre Freundin die Einkäufe verstaut hatten, versuchte Isabel nun, Robert aus seiner Versunkenheit zu reißen, indem sie ihm etwas unsanft auf den Arm klopfte. „Mittlerweile müsstest du die Karte auswendig kennen, oder hast du die ganze Zeit damit verbracht, Julia bei Laune zu halten?“
Erst jetzt bemerkte er die Aufbruchstimmung, faltete gedankenverloren die Karte zusammen und stieg zu den anderen ins Auto.
Als alle ihren Platz eingenommen hatten, fuhr Robert los. Er hatte Vanessa abgelöst, damit sie sich ein wenig ausruhen konnte. Ohnehin kannte er den Weg jetzt besser.
Nachdem sie erneut eine gewisse Strecke zurückgelegt hatten, fing Isabel plötzlich an, mit sich selbst zu diskutieren. Die anderen verstanden es kaum, denn sie sprach nicht gerade sehr deutlich.
Als Robert nachhakte, gestand sie, etwas verwirrt zu sein, denn der Weg, den sie seit ungefähr fünf Minuten fuhren, kam ihr nicht sonderlich bekannt vor. Jedoch war sie sich völlig sicher, dass Robert keine falsche Abzweigung genommen hatte.
“Wahrscheinlich hat sich die Gegend hier nur etwas verändert in der Zeit, wo du nicht in der Hütte warst“, entgegnete er in der Absicht, ihre Unruhe etwas zu mildern. <

Teil 8 - Von Ina May > Die Karte, von Robert nur nachlässig in die Tasche zurückgeschoben und noch zur Hälfte sichtbar, zeigte ein rot markiertes Kreuz an einer abgelegenen Stelle unmittelbar in Seenähe.
Zwischen der Waldhütte und dem kleinen Gewässer lag nicht einmal ein Kilometer.
Isabel hatte gar nicht mehr an den See gedacht. Weshalb bloß war der gute Robert so unruhig? Genau genommen war er es, seit sie die Raststätte verlassen hatten. Zuerst hatte er noch so getan, als hätten sie alle Zeit der Welt, er klebte regelrecht an dieser vermaledeiten Karte und dann… hatte er gar nicht schnell genug ins Auto und ans Steuer gelangen können.
Die Wendung gefiel Isabel nicht. Es war nicht Roberts Art. Außerdem war sein Leugnen ziemlich offensichtlich gewesen. Und was noch offensichtlicher war, war ihre Richtung, oder besser, diejenige, die sie nicht einschlugen.
Vanessa warf einen Blick in den Rückspiegel, wo Isabel stumm Zeichen machte. Was? wollte sie fragen, unterließ es aber.
Dafür bleckte die süße Julia ihre wunderschönen weißen Zähne und begann, ihre Story zu erzählen.
„Hey, Leute, wisst ihr im Übrigen, dass hier in der Gegend ein Killer unterwegs sein soll?“
„Na, dann pass mal auf, der steht auf Frauen in hochhackigen roten Pumps“, warf Vanessa ein, die es leid war, ewig mit Einwänden jonglieren zu müssen. Julia würde ihnen, wenn das so weiter ging, noch alles verderben. Und – sie hatte ganz offensichtlich ihren Spaß daran.
„Ach, Robert… was bist du eigentlich so mimosenhaft rot geworden?“, wollte sie jetzt wissen.
„Ich, rot?“, fragte Robert und drehte sich kurz in ihre Richtung.
Julia lächelte, als befände sich Seife in ihrem Mund.
„Aber ja. Als du Kaffee bestellt hast. So richtig!“
Sie klang einen Hauch eifersüchtig.
„Die Frau war nicht mal besonders hübsch“, versetzte sie.
Roberts Hände krampften sich um das Steuer. <

Teil 9 - Von Lana McDeen > Er wusste nicht, ob er darauf antworten sollte, dann fiel ihm etwas ein. Sein Satz blieb ihm aber im Hals stecken als Vanessa aufschrie: „Da, wir sind richtig. Ja, ja, dieses Schild kenne ich. Wir haben nun den letzten Ort verlassen und fahren erstmal mindestens eine halbe Stunde durch den Wald. Dann müssten wir eigentlich direkt am See ankommen.“ Roberts Herz schlug schneller. Isabel, die schon vor einer Weile eingeschlafen war, schreckte hoch und sah sich um. „Was? Wie?“ Julia begann zu lachen, so lustig fand sie das Gesicht von Isabel.
„Ist alles in Ordnung. Vani hat nur endlich den Weg wieder erkannt!“ sagte Robert mit einem Lächeln.
Doch schon nach ein paar Kilometer verging ihm das Lachen. Rechts neben der Fahrbahn lag etwas. Beim näher kommen erkannten sie einen blauen, dreckigen Rucksack und eine abgetragene dunkelgrüne Jacke daneben. Robert fuhr langsamer, die Vier starrten beim vorbeifahren auf die beiden Gegenstände. Er bremste ab und  suchte in dem Wald eine Gestalt, zu der die beiden Sachen gehören könnten. Aber er entdeckte niemanden.
"Da hat wohl jemand zuviel getrunken und musste mal!", versuchte Julia die trübe Stimmung aufzuhellen.
Vanessa starrte wie Robert zuvor in den dichten Wald, um eine Gestalt zu entdecken, doch da war niemand.
"Ich glaube nicht, dass jemand hier spazieren gehen würde, oder wandern", dachte sie laut und löste den Sicherheitsgurt, um sich weiter aus dem Fenster zu lehnen. Robert machte den Motor aus. Dann öffnete er die Autotür.
„Warte!“ rief Vanessa und hielt Robert von der Rückbank an der Schulter fest. „Bleib gefälligst hier! Wer weiß, wer das ist“, jammerte sie und versuchte ihn vergeblich fest zu halten.
Robert hörte nicht auf sie und stieg aus. Er konnte in dem Wald nichts Ungewöhnliches erkennen. Er ging um das Auto herum und betrachtete die beiden Gegenstände vor seinen Füßen. Er legte seine Hände zu einem Trichter vor seinem Mund und rief laut: "Hallo! Ist da jemand?" <

Teil 10 - Von Sabine Brandt > Er versuchte etwas zu hören, aber niemand antwortete. Er ging ein paar Schritte weiter in den Wald hinein und rief: „Hallo! Kann mich jemand hören?“ Auch diese Frage blieb unbeantwortet und ein dritter Versuch wurde von Julia vereitelt.  Sie tauchte hinter ihm im Wald auf und jammerte: „Robert, was soll das? Das Zeug gehört einem Wanderer der irgendwo Rast macht oder einem Besoffenen. Lass uns endlich zur Hütte fahren, ja?“  Langsam drehte er sich zu ihr um und sah sie merkwürdig an.
„Nun, dann fahr doch einfach alleine weiter, wenn dir deine Zeit zu kostbar ist, um jemandem zu helfen.“
Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, schluckte die Antwort aber hinunter. Stattdessen beschränkte sie sich auf ein kaltes Lächeln und eine unfeine Geste mit einem ihrer Finger. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, lief sie zum Weg zurück und rief den anderen zu: „Okay Leute, das war’s. Robert möchte gerne hier bleiben und nach verschollenen Wanderern suchen, statt mit uns zur Hütte zu fahren. Wir fahren weiter und sobald er sich ausgetobt hat kommt er nach.“ Vanessa und Isabel sahen sich unsicher an.
„Das ist doch nicht sein Ernst, oder? Ich meine, er kann doch nicht einfach hier bleiben und alleine im Wald rumlaufen“, sagte Vanessa.
Aufgebracht kam Julia auf sie zu.
„Jetzt hör mir mal gut zu, Schwesterherz. In spätestens einer Stunde ist es stockdunkel. Du glaubst doch nicht, dass ich anfange nach einem idiotischen Wanderer zu suchen, nur weil ein Kerl, den ihr vor ein paar  Monaten am Schießstand aufgegabelt habt, seinen Egotrip hat! Ich habe dir damals gleich gesagt, dass solche Typen eine Macke haben.“
Vanessa fuhr zurück.
„Hör auf damit! Er hat keine Macke, nur weil er seine Freizeit am Schießstand verbringt.“ <

Teil 11 - Von Lana McDeen > Julia lehnte sich auf dem Autositz seufzend zurück.
„Macht doch was ihr wollt.“
Sie sah rechts aus dem Autofenster und beobachtete Robert wie er hin und her stapfte. Vanessa stieg langsam aus und ließ den Blick nicht von Robert ab. Irgendwas hatte er gefunden.
 „Leute, ich will ja nichts sagen, aber ich hab langsam echt Hunger. Ich mag nicht mehr hier herum stehen. Lassen wir die Sachen einfach liegen und fahren weiter.“, jammerte Isabel und deckte sich mit ihrem Jäckchen zu.
„Warte mal, ich glaube Robert hat was gefunden“, bemerkte Vanessa und schloss die Autotür hinter sich.
Isabel lugte ihr durch das Offene Fenster hinterher und begann weiter über ihren Hunger zu klagen.
Robert bemerkte unter seinen Füßen etwas Hartes. Der Waldboden war nur an dieser Stelle so festgetreten. Er machte einen Schritt zur Seite, dort war der Boden wieder weich. Das Laub, das sich auf die harte Stelle gelegt hatte, schob er mit seinem Fuß zu Seite. Er ging vor seinem Fund in die Hocke und hörte ein paar Äste knacken hinter sich. Als er aufsah stand Vanessa direkt hinter ihm. Sie erblickte die dunkelbraune Holzkiste und sah zu, wie er die Seiten frei grub und versuchte sie zu öffnen.
„Robert, es kann auch eine alte Bombe sein, oder so was. Lass es bitte“, bat Vanessa und legte ihre Hand auf seine Schulter.
Sie musste ihn berühren. Sie sehnte sich ja so nach seinen Armen. Nur einmal hatte er sie fest in den Arm genommen und das war vor ein paar Monaten an ihrem Geburtstag. Er hatte so gut gerochen und sie hätte ihn am liebsten nie mehr los gelassen.
Robert hörte auf sie und stand auf.
„Hast schon Recht, wer weiß, was drin ist. Wir nehmen sie mit“, sagte er und packte die Kiste an den Seiten.
Vanessa konnte nicht so schnell reagieren, wie er sich schon auf den Weg zurück zum Auto machte und stapfte hinter ihm her. Erst jetzt bemerkte sie, dass es langsam dämmerte. Die Kiste, die nicht größer als ein Straßenatlas und auch nicht sonderlich schwer war, trug Robert unter seinem linken Arm zum Auto zurück. <

Teil 12 - Von Ina May > Wusste er etwa, was sich in der Kiste verbarg? – Es hatte ganz den Anschein, doch darüber wollte Vanessa nun wirklich nicht nachdenken, die ganze Sache entglitt ihr, ebenso wie ihre wirre Gefühlswelt.
Sie sollten sich beeilen, endlich zur Hütte zu kommen; sie brauchten Brennholz und der Ofen entzündete sich wohl kaum von allein. Im Übrigen war eines der vorherrschenden Themen „Kochen“ gewesen… bevor Julia die blöde Geschichte mit dem Serienkiller aufs Tapet gebracht hatte. Seitdem hatte sich die Stimmung verändert, war merklich kühler geworden.
Robert versuchte zwanghaft, Lockerheit zur Schau zu stellen, dabei hatte Vanessa, als sie ihn berührte genau gespürt, dass seine Nerven vibrierten.
Die Holzkiste! Sie schwor sich, dieses erdige Ding im Auge zu behalten.
Isabel hatte es derweil aufgegeben, über ihr Hungergefühl zu lamentieren, stattdessen knurrt jetzt ihr Magen. Es war wirklich Zeit, aufzubrechen.
Robert verstaute die Kiste, ohne Vanessa vorher zu fragen, einfach am Fußende auf der Beifahrerseite – toll, dachte sie, genau das würde ich jetzt gerne tun, nämlich das Ding mit Füßen treten!
Robert lachte und drehte den Schlüssel im Schloss: „Ladies, wir nähern uns dem Ziel!“
Und wieder klang er dabei nicht ganz echt…
Sie holperten den unbefestigten Waldweg weiter.
Vanessa ließ ihren Gedanken ein wenig Raum und schloss die Augen. Sie war müde.
Julia plapperte derweil munter über den See und wie sehr sie sich freuen würde, die müden Beine vom Steg ins kühle Nass hängen zu lassen. Vanessa dachte ein klein wenig genervt: Na, wenn ich deine Schuhe anhätte, würde ich mich auch aufs Ausziehen freuen!
Und so erschien ein Lächeln auf ihren Zügen, das Julia gottlob nicht sehen konnte. Immer tiefer ließ Vanessa sich fallen, kuschelte sich in den Sitz und faltete die Hände im Schoß.
Die Stimmen wurden leiser und leiser, verstummten am Ende ganz…
Roberts Gesicht tauchte auf, seine Augen strahlten sie an und ihr kam der Tag in den Sinn, an dem sie sich kennen gelernt hatten. Vanessa hatte sich nie getraut, es ihm zu sagen, aber irgendwie war es so was wie Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Wenn er doch nur… es gab einen plötzlichen Ruck und ein Schmerzensschrei entfuhr Vanessas Lippen, als etwas Klobiges auf ihren Füßen zu liegen kam. Ein Gefühl beginnender Panik breitete sich in ihrem Innern aus. Taubheit kroch langsam über ihren Körper und die Hände wurden schwer. Vanessa musste an Julias Killer denken und schrie erneut auf. <

Teil 13 - Von Jasmin Ludorf > Wo war sie und war das wirklich nur ein Traum gewesen?
Die entsetzten Gesichter ihrer Freunde bestätigten sie in ihrer Vermutung. Auf ihren Füßen lag die Holzkiste.
„Alles klar bei dir Vani?“ fragte Robert sichtlich besorgt.
„Ja, ich hatte wohl nur einen blöden Traum, nichts weiter. Wo sind wir denn?“
„Gerade angekommen, da hinten ist das Tor zur Einfahrt, ich wollte eben aussteigen und es öffnen.“
Auch Isabel stieg aus, hatte sie doch den Schlüssel zu dem Grundstück ihres Onkels.
Als die beiden das Auto verlassen hatten, begann Julia, Sticheleien auszuteilen.„Na, werden wir jetzt langsam ein bisschen paranoid oder hattest du eher heiße Träume von Mr. Wonderful?“
Vanessa zog ihre schmerzenden Füße unter der Holzkiste hervor und entgegnete lieber nichts, stattdessen bemühte sie sich, wieder einen klaren Kopf zu bekommen und stieg aus dem Wagen.
Fast wäre ihr das nicht ganz so elegant gelungen, denn die Kiste war recht groß und sperrig und behinderte ihre langen Beine sehr.
Ihre im Wagen zurückgelassene Schwester ignorierend, machte sie sich leicht humpelnd auf den Weg zum großen gusseisernen Tor, an dem der Zahn der Zeit schon sichtlich genagt hatte, was an den vielen Rostspuren deutlich zu erkennen war.
Isabel stand dort und versuchte verzweifelt, den alten Schlüssel in das Schloss zu bekommen.
Scheinbar hatte dies bis jetzt noch nicht zum Erfolg geführt, denn Robert konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, wie Isabels Gesicht eine immer dunkelrotere Färbung annahm. Vanessa stellte sich neben ihre Freundin und fragte, ob sie helfen könne, dabei warf sie Robert einen bitterbösen Blick zu, der seine Mundwinkel wieder nach unten zog.
“Haben wir eigentlich Werkzeug mitgenommen? Nur mal so gefragt“, presste Isabel heraus, während sie weiter das Schloss bearbeitete. <

Teil 14 - Von Sabine Brandt > „Nein, leider nicht.“, antwortete Vanessa.
Robert schob Isabel zur Seite und sagte: „Lass mich mal kurz sehen, vielleicht erkenne ich ja, weshalb der Schlüssel nicht hineinrutscht.“
Isabel machte ihm Platz und er spähte mit einem Auge ins Schloss. „Ah, kein Wunder! Irgendein Scherzkeks hat das Schlüsselloch mit Erde zugestopft und die ist nun eingetrocknet.“
„So was Blödes! Und was machen wir jetzt, um da rein zukommen?“, meldete sich Julia zu Wort. Robert sah sie an und grinste.
„Na wir nehmen dein Werkzeug. Du hast doch bestimmt ein ganzes Set von Nagelpfeilen dabei, oder?“
„Nie im Leben!“, protestierte Julia. „Die waren super teuer die Feilen, da ruiniere ich sie mir doch nicht mit so was! Wir können genauso gut auch Holzstöckchen nehmen.“
Isabel sah sie genervt an.
„Nein, das können wir nicht, weil ein Holzstöckchen abbrechen würde. Sei so lieb und hol eine von deinen Feilen, ja? Ansonsten müssen wir im Auto übernachten.“   
Ohne zu antworten drehte sich Julia um und ging zum Auto, die Feile holen. So langsam fragte sie sich, was sie hier zu suchen hatte. Am liebsten würde sie direkt nach Hause fahren.
Am Auto angekommen, zog sie ihre Tasche vom Sitz und kramte eine der Feilen heraus. Als sie die Handtasche wieder auf den Sitz zurücklegte, bemerkte sie auf dem Weg zum See eine Gestalt. Seltsam, dass um die Zeit noch jemand hier war.
Sie ging um den Wagen herum und rief laut: “Hallo! Können Sie uns helfen? Wir kriegen das Tor nicht alleine auf.“
Offensichtlich hatte man sie gehört, denn der Fremde verschwand eilig im Unterholz neben dem Weg. Plötzlich bekam Julia ein ungutes Gefühl und wollte schleunigst in die Hütte. Sie ging zu den anderen zurück, gab Robert die Feile und erzählte den anderen was gerade passiert war.
„Wie seltsam. Möchte wissen, wer sich so spät noch hier herumtreibt, immerhin wird es bald dunkel.“, sagte Isabel.
Robert machte sich am Schloss zu schaffen und bat nur zwei Minuten später um den Schlüssel. <

Teil 15 - Von Sven Severin > „Sag’ mal, ist dieser Zaun nicht etwas zu groß für eine Wochenendhütte im Wald?“ fragte Robert verärgert über das schwergängige Tor.
„Mein Onkel war immer sehr um seine Sicherheit besorgt“, antwortete Isabel ausweichend.
Sie schoben das schrill quietschende Tor gemeinsam auf.
„Da können wir sogar mit dem Auto durchfahren“, stellte Robert überrascht fest.
„Ja, das fand Onkel praktisch, wegen all der Sachen, die er ständig transportiert hat.“
Alle stiegen wieder ein und Robert fuhr langsam den gewundenen Kiesweg entlang. Noch sahen sie die Hütte nicht. Alte Bäume, die fast eine Allee bildeten, verdeckten die Sicht. Niemand sprach. Nur Isabel schien amüsiert.
Erst nach einer Weile fragte Julia sichtlich genervt: „Sind wir bald da?“
„Da vorne ist die letzte Kurve“, kicherte Isabel und versuchte vergeblich ein Lachen zu unterdrücken.
Dann lag die Waldhütte vor ihnen.
„Wow!“ rief Robert aus und verlieh damit den Gedanken aller einen treffenden Ausdruck. Isabel platzte vor Lachen.
„Habe ich euch nie gesagt“, schrie sie hervor, „dass Onkel Ville Modrimoor immer seine Waldhütte genannt hat?“ gluckste Isabel mit gespieltem Erstaunen. Sie lachte und lachte, bis ihr Tränen über das Gesicht liefen. „Deshalb heißt sie in unserer ganzen Familie auch nur die Waldhütte.“
Isabel war mit sich zufrieden – die Überraschung war ihr gelungen. Leichtfüßig sprang sie aus dem Wagen, lief zur Tür und schloss auf. Robert fragte sich böse, ob das verklemmte Tor nicht auch zu ihrer Inszenierung gehörte.
„Ach, übrigens“, sagte Isabel über ihre Schulter, „während die anderen die Koffer herein tragen, müsste jemand noch das Tor unten schließen.
Da sie bei diesen Worten unmissverständlich Robert ansah, schüttelte der leicht resigniert den Kopf und machte sich auf den Weg.
„Beeil Dich, ja, es wird bald dunkel“, rief ihm Vanessa noch zu und verschwand dann mit den Frauen in der Villa.
Der Kiesweg knirschte unter Roberts Schuhen.
„Waldhütte“, dachte er vergrätzt und trottete ärgerlich zum Tor. <

Teil 16 - Von Michael Czellnik > Eigentlich hätte er den Wagen nehmen sollen und wozu sollte das Tor überhaupt geschlossen werden. Jeder der auf dieses Grundstück wollte, konnte an beliebiger Stelle über den Zaun klettern. Doch was sollten diese Gedanken? Etwas frische Luft und keine weibliche Stimme waren eher zuträglich, den Abend entspannt zu beginnen. Ein kurzer Blick zurück, zu der vermeintlichen Waldhütte ließ ihn grübeln. Es war nicht der Schein einer Kerze, welcher durch die Scheibe nach außen strahlte. Elektrischer Strom, woher kam in dieser Wildnis der Strom. Kurz blieb Robert stehen und drehte sich einmal um seiner eigene Achse. Es gab mit Sicherheit einen Stromerzeuger, ein Gerät, das in der Regel mit Diesel oder Benzin betrieben wurde. Doch niemand hatte dieses Gerät eingeschaltet. Mit den Gedanken an Julias Erzählung über den Fremden, wurden Roberts Schritte in Richtung Eisentor immer verhaltener.
Die Sonne war schon einige Minuten hinter den Wipfeln verschwunden, so war das Licht in wenigen Augenblicken zu einem Schattenspiel geworden. Ein Spiel, bei dem der Schatten im Sekundentakt an Macht gewann.
Noch die eine Kurve und der Blick auf das eiserne Tor verrieten die letzten fünfzig Meter. Ein fremdes Geräusch mischte sich in seine eigenen Schritte. Ungeduldiges, zerrendes verlangte seinen Weg. Roberts Augen suchten in der um sich greifenden Dunkelheit und sie entdeckten den Ursprung. Sein Blick fiel auf das offene Tor, die Umrisse eines Menschen, starr stand er zwischen den eisernen Flügeln. An seiner Seite ein großer Hund, welcher mit seinem rechten Vorderlauf im hellen Kies scharrte.
Für einen kurzen Augenblick blieb die Zeit stehen, sie standen sich gegenüber, fünfzig Meter getrennt, einzig der zerrende Hund widersetzte sich dem Szenarium.
Angst und Flucht, mit großer, mächtiger Hand griff dieses Gefühl nach Roberts Herzen. Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren fing er an zu rennen, zurück zum Haus, so schnell es ging. Seine eigenen eiligen Schritte hämmerten ins Bewusstsein und verdeutlichten die Gefahr, verdeutlichten seine Angst vor dem menschlichen Umriss. Ohne sich umzublicken rannte er auf die Lichter zu, auf die rettende Tür, zu seinen Freunde. <

Teil 17 - Von Sven Severin > Robert rannte über den Kiesweg zurück zum Haus. Seine Füße stießen zwischen die Steine, dass sie auseinander spritzten. Er hatte deutlich das Gefühl, verfolgt zu werden und so sehr er auch rannte, schien sich der Abstand zu dem Mann mit dem bedrohlichen Hund nicht zu verringern. Robert hörte das Hecheln der Bestie, bis er durch die Tür und fast in die Arme Vanessas stürzte, die ihn zu Tode erschrocken von sich stieß. Isabel fing ihn zufällig auf, als sie in diesem Moment das Foyer betrat. Zusammen fielen sie in den großen Ledersessel, der dort nur stand, um Besucher zu beeindrucken. Robert saß plötzlich auf ihrem Schoß und Isabel schrie auf, stemmte ihn mit ganzer Kraft nach oben, so dass er sich recht verdattert im Raum wiederfand.
„Was ist denn hier los?“ fragte Julia aus dem Schatten der Garderobe. „Seid ihr nicht schon zu groß für die Reise nach Jerusalem?“
Robert starrte sie aus ängstlichen Augen an, zitterte von der Anstrengung des Laufens, öffnete den Mund und begann etwas zu Brabbeln. Doch bevor er seine unregelmäßig und heftige Atmung unter Kontrolle brachte und verständliche Worte herauspressen konnte, schwang die Tür auf und in der Öffnung stand der Schatten eines stämmigen Mannes, an ihm vorbei sprang ein Hund in das Haus. Vanessa und Julia kreischten auf. Isabel erhob sich mit einem Ruck aus dem Sessel.
„Guten Abend, Menzel“, sagte sie freundlich. „Haben sie mein Fax erhalten?“
„Frau von Kramer, herzlich willkommen“, antwortete der Hausverwalter. „Selbstverständlich. Aber ich wusste ja nicht genau, wann ich mit ihnen rechnen sollte und als ich im Haus plötzlich Licht sah, zog ich meinen Kontrollgang vor. Es tut mir leid, dass ich ihren Begleiter so erschreckt habe“, nickte er in Roberts Richtung und in seinem Blick zeigte sich ein schwaches, aber verächtliches Lächeln.
„Schon gut“, sagte Isabel. „Vielen Dank und einen schönen Abend.“
Der Mann drehte sich auf dem Absatz um und verschwand mit dem Schwanz wedelnden Hund. Einige Sekunden später brachen die drei Frauen in schallendes Gelächter aus. <

Teil 18 - Von Sabine Brandt > „Er ist plötzlich am Tor aufgetaucht und dann hat mich diese Bestie, die ihn begleitet hat, bis hierher gehetzt!“, verteidigte sich Robert. Entgegen seiner Erwartung löste das einen erneuten Lachanfall bei den Frauen aus. „Eine Bestie?“, fragte Isabel amüsiert. „Das ist keine Bestie sondern Igor, der liebenswürdigste und harmloseste Hund, den man sich denken kann.“ Das sich die Frauen auf seine Kosten amüsierten, verärgerte Robert und so gab er zurück: “Nun, wenn es hier nichts zu befürchten gibt, dann macht es dir sicher nichts aus, das nächste Mal selbst im Dunkeln zum Tor zu laufen, um es zu schließen, nicht wahr? Besonders dann, wenn du die Gespenster per Fax hierher bestellt hast.“
Vanessa mischte sich ein. „Sei nicht böse Robert. Es sah nur so lustig aus, als du hier hereingestürmt kamst und mit Isabel auf dem Sessel gelandet bist.“ Er sah sie noch immer etwas verstimmt an, winkte aber mit der Hand ab und sagte. “Schon gut.“ Julia löste sich aus dem Schatten der Garderobe und nahm seine Hand. „Komm mit, ich zeige dir das Zimmer, in das wir dich einquartiert haben. Du hast da sogar einen ganz tollen Balkon!“ Ihm entging nicht, dass sich Vanessa und Isabel einen genervten Blick zu warfen und auch er war nicht erpicht darauf, alleine mit Julia nach oben zu gehen. Sicher lag ihr Zimmer genau nebenan oder gegenüber. Er befreite seine Hand und sagte: „Lieb von dir Julia, aber ich muss noch mal raus zum Auto, etwas holen. Bin gleich zurück.“ Sie sah ihn etwas enttäuscht an, gab seine Hand aber widerstandslos frei. Isabel kicherte: “Und du gehst alleine da raus, obwohl dort schreckliche Monster lauern, die sogar einen starken Mann wie dich das Fürchten lehren?“
Robert sah sie scharf an. „Ja, trotzdem. Ich glaube, ich bin an diesem Ort sicherer als mancher Andere hier.“ Damit ließ er sie stehen und als sie im hinterher rief: “Robert, was meinst du damit?“ beachtete er sie nicht weiter und ging hinaus. <

Teil 19 - Von Ina May > Was sollte er tun? Warten, bis ER sich dazu entschließen würde, ihm zu folgen?
Nie im Leben! sagte sich Robert. Verdammt noch mal, er war auch absolut mädchenhaft erschrocken, als er sich diesem Menzel samt Hund gegenübersah. Die kopflose Flucht einmal ganz außer Acht lassend. Scheiße! Das war schlechtes Gewissen pur.
Der Bau hinter ihm sah aus, als hätte irgendein hohes Tier seiner nationalsozialistischen Gesinnung gefrönt, oder schlimmeres. Fehlten nur noch die NSDAP-Fähnchen.
Wohin sollte Robert jetzt mit der Kiste? Vanessa war ohnehin schon misstrauisch geworden, und wenn er ihr das Ding jetzt auch noch ins Haus schleppte… Andererseits, was, wenn der gute Hausverwalter das Teil in die Hände bekam. Dann wäre er absolut geliefert. Nein, verbuddeln lautete die Devise. Den Ladies würde die Zeit bestimmt nicht allzu lang werden, sie konnten sich ja noch eine Weile über ihn amüsieren. Auch gut, dann hätte er mehr Zeit, sich einen Plan zu Recht zu legen.
Das prächtige Gebäude war mit Sicherheit einmal als Jagdhaus genutzt worden.
Robert durchstöberte zuerst den Schuppen, den man eigentlich kaum so nennen konnte, nach etwas, womit sich schnell und unkompliziert eine Grube ausheben ließ.
Ein Klappspaten lehnte in einer Ecke und den nahm er sich.
Jetzt brauchte er noch einen Bezugspunkt, um die Kiste wieder zu finden. Ein großes X, das man mühelos im Kopf behalten konnte. Es war gar nicht so leicht, sich im Finstern zu orientieren. Er konnte nur hoffen, dass Menzel und der Hund möglichst weit weg waren.
Da, nahe am Haus, bevor der kleine Hang ein wenig abfiel, gab es einen Brunnen. Den würde er sich ansehen. Womöglich brauchte er den Spaten dann ja gar nicht mehr.
Er hob den Deckel an, mit dem die runde Fläche abgedeckt war und warf ein Feuerzeug in die Tiefe - niemand sollte behalten, was ihm nicht gehört und die Initialen darauf verwiesen eindeutig auf PK. Der Brunnen schien nicht allzu tief zu sein, zudem war er so trocken, wie die brüchige Erde auf einem alten Grab, um das sich niemand mehr kümmert.
Ein Eimer aus der guten, alten Zeit hing an einem großen Haken und der Strick wirkte verlässlich. Das war doch was!
Robert spurtete eilig zum Wagen zurück, griff sich die Kiste und strich beinahe zärtlich über den Deckel, als wäre das Holzding irgendwie menschlich.
Als er mit seinem Versteckspiel fertig war, befand sich sein Schatz am Grund des Brunnens.
Robert warf zufrieden einen letzten Blick hinab, obwohl die Dunkelheit es nicht zuließ, dass er dort unten überhaupt etwas erkennen konnte.
Den Spaten geschultert, der zum Glück nicht nötig gewesen war, marschierte er zurück. Aus dem Haus drang Musik, irgendetwas Seltsames.
Er hatte den Schuppen fast erreicht, als eine Stimme ihn herumfahren ließ. <

Teil 20  – Von Marko Tomasini > „Was machst Du da?“ Vanessa war aus dem Haus gegangen. Sie wollte ein paar Minuten nicht in der Nähe von Julia sein und (wenn sie ehrlich war) auch einmal allein mit Robert sprechen können. Am Auto hatte sie ihn nicht finden können, also hat sie das Grundstück nach ihm abgesucht. Nun hat sie ihn gefunden. Kurz vor dem Geräteschuppen – mit einer Schaufel über der Schulter.
Robert fuhr herum und konnte nur mäßig seine Erschrockenheit verbergen. Die Dunkelheit half ihm dabei. Worte und Satzfetzen flogen ihm durch den Kopf. Er nahm das Erste zur Hilfe, das sich einigermaßen brauchbar anhörte. „Um ehrlich zu sein, wollte ich nur ein wenig Ruhe. Drei Mädels auf einem Haufen und in ein Auto gepfercht – das schlaucht.“
Vanessa stand gut fünf Meter von Robert entfernt und starrte ungläubig auf die Schaufel, die noch immer auf seiner rechten Schulter ruhte. „Und was hast du damit vor?“
Etwas überrascht schaute er nach rechts, so als ob er gerade erst bemerkt hätte, dass er dieses Ding mit sich herumschleppte. „Ach das. Ich bin ein wenig hier herumgestapft und hab eine geraucht. Du weiß ja, ich kann es einfach nicht sein lassen, obwohl ich es schon seit einem Jahr versuche. Und da drinnen darf ich bestimmt nicht. Dann war ich da drüben.“ Robert deutete oberflächlich mit der Hand auf eine x-beliebige Stelle. „Und wäre fast über dieses Mistding hier gestolpert. Wäre doch schade, wenn sich Julia ihre schöne Nase bei einem dummen Sturz brechen würde.“ Er lächelte auf seine typische, ironische Weise.
„Lass uns reingehen.“ Vanessa lächelte zurück. Robert wusste nur zu gut, wie er bei ihr landen konnte. Er ging die Schaufel dahin zurückbringen, woher er sie geholt hatte und folgte ihr.
Auf dem Rückweg, schaute er nochmals in Richtung Brunnen. Alles war normal. Und von Menzel keine Spur. Es währe auch zu dunkel gewesen, um noch jemanden zu erkennen, der weiter als 30 Meter entfernt gewesen wäre. <

Teil 21 - Von Sven Severin > Sie fanden Isabel allein in der Küche. Der Tisch war gedeckt und es brannten Kerzen. „Ich wollte gerade nach euch Turteltäubchen suchen“, lachte Isabel gutgelaunt. Vanessa wurde leicht rot und bedauerte, dass ihre Schwester das nicht hörte. Robert legte unerwartet seinen Arm leicht um ihre Schulter. „Von Julia hatte ich leider auch keine Hilfe, die packt schon seit einer halben Stunde ihre Taschen aus.“ Vanessa schmunzelte: „In diesen Dingen ist sie wirklich äußerst gewissenhaft.“ Isabel setzte sich und bot ihnen mit einer ausladenden Handbewegung einen Platz an. „Dann brauchen wir Julia jetzt auch nicht zu rufen“, sagte sie lässig. Die spielt sich ganz schön als Hausherrin auf, dachte Vanessa, stieß dann aber trotzdem herzlich mit ihrer Freundin an. Als sie Robert gleich darauf ihr Weinglas entgegenhielt blickte sie ihn tief und erwartungsvoll an, doch er wirkte nervös und seine Augen jagten von ihr zu Isabel, dann quer durch den Raum, als würde etwas suchen, schließlich wieder zu ihr zurück und dann lächelte er sie an, was Vanessa ganz bezaubernd fand, doch gleichzeitig spürte sie eine große Distanz, die Robert zu ihr und überhaupt zu allen zu haben schien. Sie stellten die Gläser ab und begannen mit dem Essen.
Da knarrte es an der gegenüberliegenden Wand und alle Augen blickten erschrocken auf die sich langsam öffnende Holztür. Nach zwei atemlosen Sekunden sahen sie Julia fröhlich im Rahmen stehen. „Überraschung!“ rief sie und freute sich. Verdammt, dachte Vanessa, jetzt hat sie doch noch ihren Auftritt gehabt. Unbehaglich sah sie, wie ihre Schwester sich auf den freien Platz neben Robert setzte und er sich Julia sofort zuwandte. Wie macht sie das nur? fragte sie sich und gestand sich diesmal die Eifersucht freimütig ein. Das Gespräch war natürlich unterbrochen, so dass ihm Julia eine neue Richtung geben konnte. „Ich habe da gerade etwas spannendes in der Zeitung gelesen, die ich oben in meinem Zimmer gefunden habe“, begann sie und versuchte vergeblich ihrer aufgeregten Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben, um wie nebenbei fortzufahren: „Hier in dieser Gegend treibt ein Mörder sein Unwesen.“ Wie erwartet zuckte Vanessa zusammen und sah sie mit großen, erschrockenen Augen an. Dieses Lämmchen, dachte Julia, überlegte kurz und korrigierte sich: Nein, dieses Schaf. Aber irgendwie geriet ihr geriet ihr die Show trotzdem daneben, denn Isabel begann laut zu lachen und konnte ich kaum beruhigen. Schließlich sagte sie: „Kindchen, die Zeitung, die du da gelesen hast, ist mindestens fünf Jahre alt. Die habe ich hier liegen lassen, als ich das letzte Mal hier war.“ Und zu Julias Ärger waren es jetzt die anderen, die über sie lachten. <

Teil 22 – Von Sabine Brandt > Am meisten ärgerte sie, dass Isabel sie als „Kindchen“ bezeichnete, obwohl Isabel gewiss keinen Grund hatte derart überheblich zu sein. Scheinbar war ihr die noble Umgebung zu Kopf gestiegen. Gerade als Julia sich schon mit dem Spott den die Nachricht ihr eingebracht hatte abfinden wollte, fiel ihr etwas ein. „Na du scheinst dich ja bestens daran zu erinnern meine Liebe. Wer war denn der Mörder? Im Artikel stand nämlich nichts darüber. Nur dass die Polizei ihn noch nicht hatte fassen können.“ Zufrieden mit sich wartete Julia auf eine Antwort und blickte in die Runde. Ihre Schwester und Robert sahen ebenfalls neugierig zu Isabel hinüber. Diese schien plötzlich nicht mehr so fröhlich zu sein. Ihr Lachen war verschwunden als sie antwortete: „Es gab damals einen Verdächtigen der sich dann aber als unschuldig erwies. Den Mörder hat man nie gefasst und er konnte auch nicht identifiziert werden.“ Abwesend drehte sie den Stiel ihres Weinglases zwischen den Fingern hin und her und nahm dann einen großen Schluck. Vanessa schien entsetzt. „Wie furchtbar! Heißt das der ist immer noch auf freiem Fuß?“ Isabel antwortete: “Ja, furchtbar. Aber keine Angst, so plötzlich wie er aufgetaucht ist verschwand er auch wieder und seitdem gab es in der Gegend keinen Mord mehr.“ Das Gespräch verlief ja noch besser als Julia es sich eigentlich vorgestellt hatte! Zuerst wollte sie nur eine gruselige Neuigkeit verbreiten damit Vanessa das Schaf sich fürchtete, aber da Isabel etwas anderes antwortete als sie erwartet hatte, konnte sie es richtig auskosten und der eingebildeten Freundin ihrer Schwester nebenbei eins auswischen.
„Oh, ich dachte du wüsstest das, Isabel. Schließlich wurde ja der Verdacht geäußert, dass dein Onkel gar nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern möglicherweise das zweite Opfer war nachdem das erste Mordopfer einer seiner Geschäftspartner war. Haben wohl zusammen ein brisantes Geschäft abwickeln wollen.“ <

Teil 23 - Von Marko Tomasini >  „Verdammt noch mal! Was soll das Julia?“
Jede Form der Kümmernis war aus Isabels Gesicht gewichen und hatte nichts außer Wut übrig gelassen. Nicht schon wieder diese Geschichte!
„Mein Onkel ist an einem normalen Herzinfarkt gestorben. Traurig aber stink normal, verstehst Du?“
Julia hob unschuldig ihre Schultern, so als wolle sie zum Ausdruck bringen, dass sie nicht so recht wüsste, warum Isabel sich so aufregt.
„Wenn du das sagst, wird es wohl stimmen.“
Selbstgerecht schaute sie in die Runde. Das lief tatsächlich besser, als erwartet.
„Das geht echt zu weit, Julia! Erst diese Story über einen angeblichen Mörder und als die nicht funktioniert, greifst du dir das nächst beste, das du bekommen kannst. Du bist manchmal verdammt widerlich, weißt du das?“
„Was denn? Ich sage doch nur, dass ich das ein oder andere gehört habe.“
Mit siegesbewusstem Lächeln auf den Lippen und den Händen in den Hüften, fing Julia an mit ihrem Stuhl zu kippeln.
Dieser ruhige, unermesslich arrogante Ton trieb Isabel fast zur Weißglut.
„Dann will ich dir mal was sagen. Die Leute erzählen viel. Das meiste davon ist Schwachsinn! Das erste Opfer, ein gewisser Roland Meifarth, war einfach nur der Prokurist meines Onkels. Nichts mehr und nichts weniger. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Das war’s! Uncool was? Aber so einfach ist das nun manchmal. Mein Onkel hat dann den beschissenen Fehler gemacht, seinen Herzinfarkt keine zwei Wochen später zu bekommen. Unglaublich verdächtig oder? Und noch etwas: das Opfer, das tatsächlich das zweite des Mörders war, hatte rein gar nichts, nicht einmal ansatzweise, mit meinem Onkel oder seinen Geschäften zu tun. Er war einfacher Metzger aus der Gegend. Ein Mann, der es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, abends eine Runde durch den Wald spazieren zu gehen. Aber was die Leute nicht sehen wollen, sehen sie eben nicht. Genauso wie Du!“
Mit den letzten Worten hatte sich Isabel von ihrem Stuhl erhoben, um sich im Anschluss in Richtung Tür zu begeben. Das letzte, das sie den drei Anwesenden hinterließ, war das zuschlagen der Zimmertür. <

Teil 24 - Von Sabine Brandt > „Ich denke wir sollten alle zu Bett gehen.“, meldete sich Robert zu Wort. „Es war eine lange Fahrt und ein anstrengender Tag, das hat wohl die Gemüter überreizt.“ Nachdenklich sah Vanessa ihn an.
„Ja, ich halte es auch für das Beste. Seit wir angekommen sind ging es wenig freundschaftlich zwischen uns allen zu, und wenn wir auch nach diesem Wochenende noch Freunde sein wollen, dann sollten wir uns langsam zusammenreißen.“
Julia gähnte herzhaft.
„Da hast du Recht Schwesterchen und morgen hat Isabel sich bestimmt wieder im Griff. Dann kann ich…“
Weiter kam sie nicht, denn ihre Schwester schnitt ihr das Wort ab.
„Jetzt hör mal gut zu! Nicht Isabel muss sich wieder in den Griff kriegen, sondern du. Es war dein Geschwätz, das sie so wütend gemacht hat und ich weiß genau, dass du es absichtlich getan hast. Ich möchte, dass du dich ab jetzt benimmst und aufhörst mit den Sticheleien. Tust du es nicht, werde ich dich persönlich nach Stauffingen an den Bahnhof bringen und dich in den Zug nach Hause setzen.“
Zuerst wollte Julia etwas Schnippisches antworten, aber Vanessas Gesichtsausdruck und der Ton in ihrer Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie Ernst machen würde. „Ist ja gut. Ich bin ab jetzt ganz brav und morgen sag ich Isabel, dass es mir Leid tut.“
Vanessa zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Sieh mich nicht so an! Hatte ich sowieso vor“, behauptete Julia. Robert hatte inzwischen schweigend sein Glas ausgetrunken und starrte geistesabwesend vor sich hin. Seine Gedanken waren längst wieder bei der Kiste, die er versteckt hatte. Wenn er es schaffte, die Frauen die nächsten Tage hier zu halten, war er bald ein gemachter Mann. Das sollte nicht allzu schwer sein, allerdings machte Julia  ihm Sorgen. Sie war kurz davor ihm alles zu verderben, deshalb würde er sich um sie kümmern müssen. Er musste sie unbedingt loswerden, bevor sie die anderen noch vergraulte. < 

Teil 25 - Von Sven Severin > Vanessa schlief einfach nicht ein. Sie lag unruhig in ihrem Bett, dachte an den Tag zurück, der sie so enttäuscht hatte. Wenn sie noch nicht einmal mit ihren besten Freunden ein schönes Wochenende verbringen konnte, wie sollte sie dann ihr Leben in den Griff bekommen? Von Julia hatte sie vielleicht nichts anderes erwartet, aber Isabel als hysterischen Snob und Robert als empfindlichen, unreifen Jungen zu erleben, war zuviel. Sollte sie nicht einfach abfahren? Sie fürchtete sich vor dem Morgen, an dem sie eine Entscheidung treffen musste. Doch allmählich verblassten die Bilder, schwammen ineinander, wurden zu bunten Farbflächen, die sich zu einem hellen Waldweg an einem schönen Sonnentag formten. Vanessa ging ihn leichtfüßig entlang, das Laub raschelte nicht, das irritierte sie, aber sie machte sich weiter keine Gedanken darüber. Sie ging einfach weiter und dachte, dass es doch ein netter Spaziergang sei. Da knarrten und knackten die Äste der Bäume über ihrem Kopf. Sie sah auf, doch es war kein Wind und nichts bewegte sich. Nur das Knarren und Knacken war wieder deutlich zu hören. Das kann doch nicht sein, dachte Vanessa. Ihre Gedanken zogen sich langsam zurück und sie bemerkte, dass sie wach im Bett lag. Der Waldweg, die Bäume waren verschwunden, nur das Knarren und Knacken war leise zu hören. Vanessa richtige sich auf, horchte. Da, wieder. Es kam aus dem Flur, jemand schlich sich die Treppe hinunter. Ich bin also nicht die Einzige, die nicht schlafen kann, dachte Vanessa. Sie überlegte kurz, dann stand sie auf, zog sich eine Jacke über und öffnete die Tür ihres Zimmers. Vielleicht ist es gut, wenn ich mit jemanden von den anderen reden kann, dachte sie und ging vorsichtig durch die Dunkelheit zur Treppe hinüber. < 

Teil 26 - Von Sabine Brandt > Es war irgendwie unheimlich im Dunkeln durch die riesige Villa zu streifen. Die Treppe lag am Ende des Flurs und nur das kalte Licht des Mondes beleuchtete den Weg dorthin. Vanessa fröstelte. Das alte Gemäuer hatte nichts von der Wärme des Tages gespeichert, und selbst das Feuer in den großen Kaminen in Küche und Wohnzimmer schien kaum etwas gegen die Kälte auszurichten. Unten in der Eingangshalle waren leise Schritte zu hören, die sich immer weiter von der Treppe entfernten. Als sie die Treppe zur Hälfte hinter sich gelassen hatte, sah sie Licht, das aus der Küche in die Eingangshalle drang. Mit eiligen Schritten ließ sie auch den Rest der Treppe hinter sich und ging zur Küche hinüber. Da wollte wohl jemand den Rest des leckeren Käsekuchens verdrücken, den sie zum Nachtisch hatten. Vanessa öffnete die Tür und noch während sie hineinging rief sie: “Überraschung! Hier ist noch jemand mit Lust auf ein Stück Käsekuchen!“ Aber kaum war sie eingetreten, wich sie erschrocken zurück. Am Kamin stand keiner ihrer Freunde, sondern Menzel. „Menzel, was tun Sie hier um diese Zeit? Und weshalb schleichen Sie durch das Haus?“, fragte sie verwirrt. Ebenso überrascht dreht sich der eigenbrötlerische Hausmeister zu ihr um. „Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich habe nicht damit gerechnet dass noch jemand wach ist, um diese Zeit. Die Villa ist alt und sehr groß, darum dauert es lange, bis sie richtig aufgeheizt ist. Ich sehe gerade nach den Feuern und lege neues Holz nach. Bis morgen früh sollte es angenehm warm sein.“ Klang plausibel, erklärte aber nicht, was er im oberen Stock zu suchen hatte. Dort gab es keinen Kamin. „Und im oberen Stock? Wie wird da geheizt? Ich habe Sie gehört als Sie den Flur entlang gegangen sind, aber oben gibt es doch keinen Kamin.“ Menzel lächelte Vanessa freundlich an. „Das Haus wird nur durch die Kamine beheizt. Ich war nicht oben, da täuschen Sie sich. Wie ich schon sagte, es ist ein altes Haus und die Holzböden arbeiten noch immer. Da kann man schon mal Geräusche hören.“ <

Teil 27 - Von Petra Reinhard > Es war allein komisch genug, dass Herr Menzel hier mitten in der Nacht herumstreunte. Aber da der Mann anscheinend schon lange hier arbeitete, konnte Vanessa ihm die Geschichte leicht glauben. Also log er auch nicht was das obere Stockwerk anging. Es musste einer der anderen gewesen sein, der sich kurz die Beine vertreten wollte. „Na gut, Herr Menzel“, machte sie ihre Überlegungen dingfest, „dann wird jemand beim Abendessen wohl einen Happen zu viel gegessen haben.“ Sie tapste zum Kühlschrank und nahm sich das erwähnte Stück Kuchen. „Wollen Sie auch eins haben, Herr Menzel? Selbst gebacken.“ Sie blickte ihn fragend über ihre Schulter an. Gebückt stocherte der Mann im Ofen herum. „Eigentlich darf ich nicht. Sie wissen schon, das Cholesterin.“, er fasste sich mit der Hand an die Brust. „Dann setzen Sie sich wenigstens kurz zu mir.“ Vanessa deutete auf einen der Küchenstühle. „Was meinen Sie, wie ich mich gewundert habe, dass jemand so spät hier herum geistert.“
 „Es war absolut nicht meine Absicht Sie zu erschrecken, Vanessa.“
„Aber natürlich nicht! Als würde ich Ihnen das unterstellen.“
Sie machte große Augen und schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nur nicht einschlafen. Warum weiß ich auch nicht genau. Ich war eben nur überrascht.“
Die junge Frau stocherte in dem Stück Kuchen herum. Sie hatte ihn gestern noch gebacken und er war ihr in ihren Augen besonders gut gelungen. Ihre Schwester wusste das natürlich nicht zu würdigen, aber in den Jahren hatte sich Vanessa an so einiges gewöhnt.
Die Stille, der die beiden Schlaflosen gelauscht hatten, wurde jäh durch ein lautes Knarren unterbrochen. Vanessa fuhr hoch. Auch Herr Menzel sah sie fragend an. Dann fing sie leise an zu kichern „Ich bin wohl doch etwas schreckhaft. Vielleicht eine Katze?“. Wieder hörten sie ein Geräusch von oben. Diesmal direkt über den beiden und dann fiel etwas zu Boden und zerbrach. <

Teil 28 - Von Marko Tomasini > „Ihren Hund haben Sie aber nicht dabei, oder?“ Vanessa blickte schon fast Hilfe suchend zu Wenzel.
Der stand bereits an der Küchentür und drückte seinen Zeigefinger auf seine Lippen. „Nein, natürlich nicht. Sein Sie ruhig! Ich werde nachsehen, was da los ist.“
Vanessa nickte nur kurz, ehe er aus dem Zimmer verschwand.
Das also war es nun. Das war also das entspannte Wochenende, das sie so lange geplant hatten. Sie befanden sich hier mitten im Wald, in einem Haus, das ihr Angst einjagte, es war finsterste Nacht, der letzte, der sie hätte verteidigen können war soeben durch die Tür verschwunden und sie saß da allein an einem Küchentisch, der Platz für wenigstens acht Personen hergab. Als ihr das alles durch den Kopf ging, hätte sie heulen können.
Wieder vernahm sie Geräusche. Diesmal nicht mehr direkt über ihrem Kopf – irgendwoher aus dem Haus, nur dass sie jetzt nicht mehr sagen konnte, ob sie nicht von dem etwas eigenartigen Hausverwalter stammten. Sie hätte gern nachgeschaut, was da vor sich ging, nur fehlte ihr der Mut, überhaupt vom Stuhl aufzustehen. Wenn doch dieser Menzel endlich wiederkommen würde.
Seit dieses Wochenende begonnen hatte, nahm alles einen anderen Verlauf, als sie sich das vorgestellt hatte. Bereits am ersten Abend war die Stimmung am Boden. Das Schlimme dabei war, dass sie nicht allein ihrer Schwester die Schuld dafür geben konnte. Dann wäre es noch einigermaßen erträglich gewesen, weil sie es nicht anders kannte. Aber so?
Wieder ein Geräusch, diesmal etwas gedämpfter – kaum noch zu vernehmen. Vanessa atmete langsam durch. Vielleicht lag es ja tatsächlich nur an diesem alten Haus. Das ist schon etwas anderes, als diese Neubauten in der Stadt. Natürlich arbeiten solch alte Häuser. Und sie machen ordentlich Krach dabei. Das weiß man doch!
Sie nahm all ihren Mut zusammen, erhob sich langsam von ihrem Stuhl und ging ein paar zögerliche Schritte auf die Tür zu. Doch dann, mit einem Mal, blieb sie auf der Hälfte des Weges im Zimmer stehen. Jetzt erst jagte ihr ein Gedanke durch den Kopf, ein Detail, das sie vorhin einfach übersehen hatte: Woher eigentlich wusste Menzel ihren Namen? <

Teil 29 - Von Sven Severin > In diesem Moment öffnete sich die Küchentür und Vanessa ging der Gedanke wieder verloren. Sie erschrak, als ein atemloser Mann in den Raum stürmte, knapp vor ihr stehen blieb und sich erstaunt umsah, als hätte er jemand anderen hier erwartet. „Robert, was ist los?“ fasste sich Vanessa schnell, nachdem sie den Freund erkannte hatte. Auch Robert schien sich gleich wieder unter Kontrolle zu haben.
„Ich habe oben Schritte gehört und hier unten Stimmen, da wollte ich nach dem Rechten sehen.“
„Warum um alles in der Welt bist Du dann so außer Atem?“ wunderte sich Vanessa.
Robert lächelte verschämt entschuldigend: „Ich bin nicht mehr so gut in Form wie früher, schon die wenigen Stufen hauen mich um.“
Vanessa wusste nicht, ob sie das als Ausrede gelten lassen sollte, aber Robert zeigte auf den Kuchen: „Davon könnte ich jetzt ein dickes Stück vertragen.“
Vanessa lächelte nun ihrerseits: „Das wird deine Form nicht gerade steigern.“
Doch sie stellte schon zwei Teller auf den Tisch, legte kleine Gabeln daneben und schnitt für jeden ein großes Stück vom Kuchen ab. Die Versuchung, mit Robert eine zeitlang allein in der Küche zu sein – und am nächsten Morgen natürlich ihrer Schwester davon zu erzählen – war einfach zu groß. Sie setzten sich an den Tisch und begannen schweigend zu essen. Erst nach einer Weile durchbrach Robert die Stille.
„Weshalb bist du eigentlich hier unten?“
„Ich hatte auch etwas gehört und außerdem dachte ich, es ist vielleicht eine gute Idee, nach all dem Stress noch ein Stück Kuchen zu essen.“
„Das ist es“, pflichtete Robert ihr bei.
„Aber Menzel wollte nicht mit essen, deshalb war es gut, dass du…“
„Du hast Menzel getroffen?“ stieß Robert aufgeregt hervor. „Wo war er?“
„Hier in der Küche“, antwortete Vanessa, von Roberts Stimmungswandel sehr überrascht. „Weshalb interessiert dich das?“
Robert war aufgesprungen und lief auf und ab am Tisch vorbei, sein Kuchenstück hatte er kaum angerührt.
„Wir sind vielleicht alle in Gefahr“, flüsterte er eindringlich Vanessa zu. <

Teil 30 - Von Marko Tomasini > „ROBERT!“
Schlagartig blieb er stehen und vergaß scheinbar für einen Augenblick, was ihn so nervös gemacht hatte. „Was?“
„Das müsste ich Dich fragen. Was ist verdammt noch mal hier los? Was soll das alles?“
Vanessa fuhr sich mit den Händen durch ihr Haar, wobei sie ziellos durch die Küche blickte. „Ich meine… Kannst Du mir mal erklären… Erst Julias dämlichen Anspielungen – dann dieses Haus, dass mir Angst macht, nicht zuletzt weil es mitten im Wald steht – ja und nicht zuletzt dieser eigenartige Menzel, der… was weiß ich woher… aber er weiß meinen Namen – Mann! Das macht mich wahnsinnig!!“ Unsicher griff sie nach ihrem Stuhl, den sie kurz zuvor mit einem Satz verlassen hatte und setzte sich wieder hin. „Gut, es kann ja sein, dass Isabel ihm gesagt hat, wie wir heißen – ich weiß doch auch nicht… Und jetzt kommst Du daher und sagst…“ Fragend schaute sie zu Robert. „… dass wir in Gefahr währen.“
„Ja – ja, du hast Recht! Entschuldige. Bitte!“ Wieder schien sich die Stimmung von Robert mit einem Schlag geändert zu haben, auch wenn er nach wie vor immer wieder in Richtung der Küchentür blickte, wie Vanessa feststellen musste. Er setzte sich neben sie und berührte sie vorsichtig an der Schulter. „Ich bin wohl selbst ein wenig durcheinander. Tut mir leid. Dieser Mann macht mich einfach etwas nervös.“
Er machte ihn nervös, soviel stand fest. Mit ihm hatte er nicht gerechnet. Menzel brachte alles durcheinander. Aber nun war er hier, also würde er auch das Problem zu lösen wissen. Seine Gedanken schweiften ab zu der Kiste, die er im Brunnen in Sicherheit wusste und zu P.K., der noch ein wesentlich größeres Problem darstellte, als dieser Waldmensch Menzel. Ohne es wirklich wahrzunehmen, hatte er Vanessa tröstend in den Arm genommen.
Leise, ganz leise vernahm er ihre Stimme, die noch immer vor Aufregung bebte.
„Robert?“
„Ist gut Vanessa! Das ist schon in Ordnung…“ Zärtlich drückte er sie noch etwas fester an sich, ohne aber eine Reaktion ihrerseits wahrzunehmen.
„Ja – vielleicht. Ich frage mich nur… Naja, warum du deine Schuhe anhast.“ <

Teil 31 - Von Sven Severin > Noch bevor Robert eine Antwort überlegen konnte, öffnete sich erneut die Tür. „Oh“, schrie Julia hörbar gekünstelt auf, als sie Vanessa in Roberts Armen sah. „Es tut mir leid, wenn ich euch störe, aber das hier ist eine öffentliche Küche und ihr hättet ja auch in eines von euren Zimmern gehen können.“ Sie lachte schrill und affektiert. Es war ihr anzumerken, dass die Situation ihr nicht behagte, sie vielleicht sogar ärgerte. Vanessa befreite sich verlegen aus Roberts Armen, sie empfand unter diesen Umständen keinen Triumph über ihre Schwester, so sehr sie sich das auch wünschte und sich genau diese Situation unzählige Male vorgestellt hatte. „Es ist nicht, wie du denkst“, sagte sie schwach. „Robert hat mir gerade erzählt, dass wir uns alle in Gefahr befinden und dieser Menzel schleicht auch irgendwo durch das Haus.“ Julia glaubte ihr natürlich kein Wort. „Es ist schon in Ordnung, wenn du jetzt mit Robert zusammen bist, mir macht das nichts aus, du musst also keine dummen Geschichten erfinden.“ Wann würde Julia endlich erwachsen werden, fragte sich Vanessa und zwang sich zu einer ruhigen Antwort. „Wirklich, Julia, in diesem Haus geschehen merkwürdige Dinge.“ Doch Julia blieb trotzig. „Das sehe ich“, war alles, was sie entgegnete. „By the way“, sagte sie dann flapsig, „ich wollte mir sowieso nur etwas zu trinken holen und dann sehe ich gerade dieses herrlichen Kuchen. Davon nehme ich auch noch ein Stück.“ Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein und schnitt sich ein großes Stück vom Kuchen ab. Robert schwieg die ganze Zeit und auch Vanessa war des Redens mit ihrer verwöhnten Schwester überdrüssig. „So, dann störe ich euch nicht länger“, piepste Julia und tänzelte zur Tür. „Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, warum ihr euch unbedingt in der Küche treffen müsst.“ Sie drückte umständlich die Klinke mit dem Kuchenteller herunter und drehte sich dann noch einmal in der Tür mit einem schnippischen Gesichtausdruck um. „Und warum Robert bei einem Rendevouz mit dir seine Schuhe anziehen muss, weiß ich auch nicht.“ Damit zog sie die Tür krachend hinter sich zu und war verschwunden. <

Teil 32 - Von Mira Sommer > Menzel schlich durch die dunklen Gänge und vermied durch geschickte Ausweichmanöver die knarrenden Stellen in den Dielen, damit ihn niemand bemerkte. Aus irgendeinem Grund wollte er sich nicht bemerkbar machen. Ein Grund der tief im Inneren seines Herzens verborgen war und nun in seinem Hirn nach Eintritt forderte. Doch Menzel hatte die Tür zugesperrt und wehrte sich gegen jeden Gedanken der etwas mit der Vergangenheit zu tun hatte. Es gab nur drei Möglichkeiten. Ein Schlafwandler, jemand der hier einen miesen, kleinen Streich spielen wollte, oder es war wieder René, dieser bekloppte Irre, der draußen im Wald in einer Hütte lebte und in seiner Freizeit gerne ins Herrenhaus einbrach. Aber den würde er jetzt ein für alle Mal vor die Tür setzen. Trotzdem blieb seine Taschenlampe unbewußterweise ausgeschalten, als er durch die ihm wohlbekannten Gänge nach oben tappte. Da hörte er etwas. Schritte, rumpelnd, aber sie schienen aus einem anderen Flügel des Gebäudes zu kommen. Es war ihm auch als ob sich jemand an der Haustür zu schaffen machte. Er wandte sich also wieder der Treppe zu, als er ungefähr fünf Meter vor sich einen Schatten über die Wand laufen sah. In dem horizontalen Gang befand sich jemand. Menzel griff in seine Hosentasche, fühlte das Werkzeug und atmete beruhigt durch. ‚Jetzt schnapp ich ihn mir’, dachte er und lehnte sich wie in einer der Miami-, FBI- und CIA-Serien, die er abends gerne sah, mit dem Rücken an die Wand, bevor er blitzschnell seinen Kopf um die Ecke reckte. Doch da war nichts. Und er hätte erkannt, wenn da etwas gewesen wäre. Trotz Dunkelheit, denn die Räume waren in sein Hirn eingebrannt.
Er stand dort eine Weile unschlüssig und hörte sein eigenes Atmen. Seine andere Hand griff in die Brusttasche und nestelte einen Flachmann hervor. Geschickt öffnete er ihn und leerte dessen Inhalt mit einer Handbewegung. Nun fühlte sich Menzel in der Lage, dem Gehirnkrüppel René eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. Da hörte er von der Küche her Stimmen, Schritte. <

Teil 33 - Von Sven Severin > Schnell sprang Menzel in eine der Nischen und verbarg seinen massigen Körper so gut es ging. Nicht einen Moment zu früh, denn schon lief Robert an ihm vorbei, ohne ihn in seiner Eile zu sehen. Er atmete schwer und das schien nicht nur vom Laufen zu kommen, sondern irgendwie war er aufgebracht. Mehr konnte Menzel nicht erkennen, denn schon war Robert an ihm vorbei und im Haus verschwunden. Seit er ihn draußen mit einer Schaufel erwischt hatte, war der Junge ihm verdächtig, aber er konnte sich immer noch nicht erklären, was hier eigentlich los war. Menzel wollte gerade wieder aus der Nische treten, da sah er eine Frau auf sich zukommen. Er konnte nicht sagen, welche von den Schwestern es war, aber ganz sicher eine von denen. Als sie direkt vor ihm stand, betupfte sie ihre Augen mit einem Taschentuch und ging dann schniefend weiter, ohne ihn zu sehen, obwohl sie ihn fast direkt angestarrt hatte. Das alles wurde immer rätselhafte und wuchs Menzel allmählich über den Kopf. Warum mussten diese unangenehmen jungen Leute auch ausgerechnet jetzt hier auftauchen und alles durcheinander bringen? Menzel trat aus seiner Nische und beschloss, es für diese Nacht gut sein zu lassen. Jetzt konnte er doch nichts mehr ausrichten. Langsam und fast lautlos schlich er zurück zur Eingangstür, was bei seinem schweren Körper nicht einfach für ihn war. Aber er musste sich nur wenige Schritte damit abmühen, unbemerkt das Haus zu verlassen, denn dann war plötzlich offensichtlich, dass er es nicht schaffen würde. Ein Schlag traf ihn, er sackte zusammen und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden, das so ähnlich klag, als würde ein schwerer Teppich abgelegt. Menzel dachte noch, er hätte René einen solchen Angriff nie zugetraut und dann fiel ihm ein, dass er ja niemanden gesehen hatte – aber das war nun ganz unwichtig für ihn.<

Teil 34 - Von Mira Sommer > Vor seinen Augen tanzten silbrige Lichtpunkte, flossen ineinander, bildeten Formen. Erdnussartige, fluoreszierende Körper in der Schwärze. Dann Schmerzen. Solche Kopfschmerzen hatte er nicht mehr gespürt seit er als Kind vom Rad gefallen war und sich den Schädel böse auf einem Stein aufgeschlagen hatte. Es war glimpflich ausgegangen. Krankenhaus, Gehirnerschütterung, Verband. Er öffnete seine Augen. Versuchte es wieder und wieder. Bis er merkte dass sie längst offen waren. Nur die Umgebung war dunkel, als wären seine Lider noch geschlossen. Warum war sein Bett plötzlich so hart? Woher kamen die Schmerzen in seinem Hirn? Er musste beim Träumen wohl an den Bettpfosten gestoßen sein. Er brauchte erstmal eine Karo-Zigarette und dann einen Schluck aus der Flasche, um wieder zu sich zu kommen. Als er neben sich greifen wollte merkte er, dass seine Hand irgendwie klemmte. Endlich hatten sich auch seine Augen an das Dunkel gewöhnt. Er rüttelte an seiner Hand, noch nicht ganz begreifend was los war. Es schienen Stunden zu vergehen, bis er sich seiner gegenwärtigen Situation bewusst wurde. Seine Hände waren gefesselt. Mit echten Handschellen. Keine dieser billigen Alu-Teile aus dem Sex Shop. Richtige Handschellen. Panik schauerte durch Menzels Körper. Ein kalter Angstschweißtropfen löste sich von seiner Stirn und rann über sein Gesicht. Es krabbelte und ungelenk versuchte er ihn mit seinen beiden Händen fortzuwischen. Wo war er? Was war das? Ein dummer Jungenstreich? Nachdem er keuchend wieder schier Stunden dagesessen hatte, nur unzusammenhängenden Gedanken nachbrütend, war dieser eine Gedanke schließlich das Erlösende. Menzel fasste sich. Nicht mit ihm. Er war kein Lehrer an einer dieser Beklopptenschulen in der Stadt. Mit ihm konnte man so etwas nicht machen. Er tastete sich an der Wand entlang. Ja – jetzt wusste er endlich wo er war. In der Dachkammer. Er kannte alles hier: Zimmer, Wände, Möbel. Es würde ein leichtes sein, sich zu befreien.<

Teil 35 - Von Sven Severin > Am Frühstückstisch herrschte eine frostige Stimmung. Niemand hatte so recht geschlafen und Isabel hatte Julia noch nicht die Bemerkungen des Vorabends verziehen. „Eigentlich wollte Menzel uns Brötchen bringen“, sagte sie mürrisch. „Noch nicht einmal auf ihn ist mehr Verlass.“ Sie schnitt lustlos das Brot auf, das sie mitgebracht hatten und das inzwischen  schon hart geworden war.
„Wir sollten uns nichts vormachen“, begann Vanessa, „der Ausflug ist gründlich daneben gegangen. Ich gebe keinem die Schuld dafür“ – bei diesen Worten sah sie ihre Schwester an, aber Julia erwiderte den Blick ungerührt kühl – „aber wir sollten uns wenigstens einig sein, das gemeinsame Wochenende schon heute zu beenden und jetzt abzufahren.“
„Oh, schade!“ rief Julia mit erhöhter, ironischer Stimme.
„Ich gebe Vanessa recht“, sagte Isabel in tadelndem Ton zu Julia gewandt. „Was hat es für einen Sinn, dass wir uns noch zwei Tage länger gegenseitig auf die Nerven gehen?“
Robert rutsche unruhig auf seinem Stuhl herum, rieb sich unentwegt die Hände und Vanessa bemerkte eine dicke rote Blase an seinem linken Daumen.
„Was hast Du da denn gemacht?“ fraget sie beinahe mitfühlend, obwohl sie sich seit letzter Nacht nicht mehr ganz klar darüber war, was sie eigentlich für Robert empfand – und warum.
„Geklemmt“, antworte er einsilbig, „gestern Nacht, als ich wieder in mein Zimmer gegangen bin, an einer Schublade.“ Dabei überlegte er fieberhaft, wie er die baldige Abreise verhindern könnte. Er hatte noch etwas zu erledigen und das duldete keinen Aufschub. Wie konnte er diese blöden Zicken nur überreden, zumindest noch einen Tag hier zu bleiben. Dann hatte er plötzlich eine Idee und musste fast selbst über seinen genialen Einfall grinsen. <