Wie ein Mosaik aus farbigen Steinen fügt sich die Zeit des Jeden ein.
In Crescendo - und Mollklängen ist vollendet mit dem letzten Stein.
Betti Fichtl
Bunte Murmeln kullern in den Sand zum Sieg.
Funkeln als Kinderspiele in gewesenen Höfen in eine lieb geblickte Erinnerung.
Betti Fichtl
Ein Medaillon an einer goldenen Kette entzündet mit einem kosmischen Feuer aus Deinen Händen trage ich an mir. Ein Talisman durch meine Zeit.
An Isis
Betti Fichtl
Die Wellen tanzen mit den Sternen im nächtlichen See an Mondlagunen.
Zum Bolero des Windes den Canon der Grillen in der dunklen Weite.
Voller Musik ist die Nacht bis sich ihre blauschwarzen Schleier heben.
Betti Fichtl
Das Kind
Schau die Rose wie ruhig sie blüht Schau stille dem Kind ins Gemüt Sieh was du dort erkennst und denk Bevor sich Mund und Körper an ihm verrenkt.
Zuviel erdrückt, macht wenig entzückt Sei ein Baum mit Wurzeln, sei wie sein Stamm Horch stille was im Innern geschieht Und stille an ihm dein lebendiges Gemüt.
Walter M. Stütz
Weiße Fontänen tanzen im Allegretto grazioso auf den silbrigen Wellen des Brunnens.
Ich sitze auf der steinernen Treppe an ihrer Wassermusik im perlenden Nass.
Ein Zwischenspiel.
Betti Fichtl
Menschen strecken ihre helfenden Hände aus in den Höllen der Erde.
Öffnen die Herzen den Vergessenen in den Häusern der Armut in Schattenwinkeln.
Menschen - mit liebenden Augen und wärmenden Lächeln die unscheinbaren Besonderen.
Betti Fichtl
* Da laufen mir die Gedanken weg, hab mich nicht mehr gesehn, das Geläut der Kirchglocken heben mich nicht auf, es war zu früh für die vielen schönen Frauen, wie sonst will man verstehn, dass man nie gesetzt ist, bist die Erste, die mich aufleibt, nur weil sie im Schmerz aufwacht, wie alles Verlorene so nah, doch sie hat sich schon längst dazwischen gedrängt, vielleicht nicht gleich, dass ich mit dem Licht nicht verknüpft bin, solange mein grüner Ohrensessel leer bleibt, meine Hose baumelt fleischlos über die Lehne, auch da war nie die Rede vom nie Geküsstseyn, ich hab mich ausgeworfen und nun ufert mich nichts mehr: ich höre seine Gräser, sie murmeln auch mich immer noch.
Willi van Hengel
Liebeslieder im Potpourri entzücken den Tagkorso die Rollbilder der florentinischen Nächte und Tage im südlichen Fluidum fallen.
Sie bannen mich und schenken Dich mir so nah süßen die Sehnsucht.
Unendlich weit scheint die Zeit bis wir uns wieder sehen.
Betti Fichtl
Über die Wolken wandern Gedanken in ein Irgendwo.
Sonne mich im weißen Sand und lausche dem Andante des Meeres am Saum des Himmels dem Stakkatogesang der Möwen im Wind - bin eins mit den Elementen.
Ein Tagtraum der sich erfüllt irgendwann.
Betti Fichtl
Ruhende Träume auf den Sternenbänken der Nacht sind nicht wirklich.
Sie sind nur hingeträumt um in den Alltag zu strahlen in seine Monotonie.
Betti Fichtl
Homers Sonne finde ich nicht mehr.
Seit die Morgen 1990 grauen, mag ab und zu der Kopf erschauern.
Morgenröte bleibt nicht ewig, Sonnenspiel im goldnen Käfig.
Samenkorn, du Erdenpunkt. Verzehrt vom gierigen Menschenmund.
Walter M. Stütz
Sterneninseln um das Kreuz des Südens über dem Karibischen Meer.
Zärtlich singt der Südwind zur Musik der Wellen brandend an den weißen Strand.
Ein Zauberer der südlichen Nacht.
Betti Fichtl
Im Dünensand liegst Du wie eine Skizze getaucht in die Farben des Sonnenuntergangs.
Purpurne Wolkenengel breiten ihre Flügel über Dir und lächeln Dich an.
Und ich male den Augenblick mit Meermusik umspielt auf der Leinwand des Erinnerns.
Betti Fichtl
Himmelsmusiken klingen über die Sonnenbrücken in die Blütengärten des Frühlings.
Eine Komposition der Düfte durchzieht die Lüfte.
Sie tauen Gesichter beleben Gefühle.
Betti Fichtl
Taumelnder Schmetterling wie trunken vor Glück entkommen dem Winter in den Frühling zurück.
So lang schon ersehnte er die wärmende Sonne die Flügel entfalten genießen voller Wonne.
Wo ist sie, die Liebste? Er muss schnell nach ihr sehen um dann im Frühlingsrausch vor Liebe zu vergehen.
Karin Schümann
Gleich entwollte/entwolkte Einsamkeit, hast du mir deinen Fingernagel verschwiegen, verwachsen wie er war plötzlich mit deinen getragenen Stimmen, davon dafür, einsilbernd eintauchend nie mehr eintauschend dein letztes Geflecht/Gefecht, unumwunden Wunden dem Hals entlang dein Wegschaun umlungen um Lungen weiter und dann doch viel näher im Nahen erwischt im Blut wie eigen wie endlich ausgebrochen/zerbrechlich an der legendären Aussenhaut/Stolz einvernahmt vereinnahmt ein schnell Davonblicken, Augen Angst eindringlich ohne Flucht das Mögliche nein unmöglich abzulecken sein eigener Widerstand, auf der Zunge und mehr noch darunter. Wir finden uns dennoch. Bald.
Willi van Hengel
Ein Paradiesvogel flog heran weitet die prächtigen Flügel und trägt das Glück.
Es wirft Goldschatten auf die Sekunden im blauen Eis und sie sind Wunder.
Entfliehende nur mit dem Schwingenschlag.
Betti Fichtl
Das dich Häutende endlich mal anders, streif deinen Schlangenbefehl ab, merkst du nicht, wie wund du bist, wenn es um deine Wirklichkeit geht. Du glaubst immer noch, dazuzugehören. Alle deine Lieben haben dich verlassen, die Welt ist anders. Lass dir die Haare wachsen und tu nie wieder so, als ob du von deiner Nervenwaage gesprungen wärst. Dein Marizz aussehnen. Bin nie in den Weissensee gesprungen. Tauche aber plötzlich aus ihm auf. Gehen wir nie mehr andere Wege. Stell dir vor, ich treib dich in meinen losen Mund.
Willi van Hengel
Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Heiratsanzeigen in der Zeitung mit dem Satz anfingen: „Auf diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege suche ich ...“. Wäre es wirklich ein durchaus üblicher Weg gewesen, so hätte man diese Art der Beschwichtigung gar nicht an den Anfang des Inserates zu setzen brauchen, so scheint es mir. Inzwischen ist diese Art der Partnersuche erweitert worden durch die vielen Möglichkeiten im Internet. Es ist fast normal, einen Lebensabschnittspartner oder gar einen „Partner für‘s Leben“ auf diese Weise zu finden. Noch vor dreißig oder vierzig Jahren, als ich im heiratsfähigen Alter war, da rümpften wir die Nase und steckten die Köpfe zusammen, wenn wir hörten, dass jemand aus dem Bekanntenkreis oder einer der Kollegen „auf diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege“ einen Ehepartner gefunden hatte. Meist wurde diese Art des Kennenlernens auch verschwiegen. Man hielt diese Form der Vermittlung für sehr modern, jedoch auch für riskant, auch für etwas anrüchig, obwohl es dafür meist kaum Anhaltspunkte gab. Manche Ehe, die durch persönliche erste Begegnungen oder Liebe auf den ersten Blick geschlossen wurde, hielt bei weitem nicht so gut oder so lange wie eine mit Bedacht per Anzeige eingeleitete Partnerschaft. Ich fand vor kurzem im Nachlass meiner Schwiegereltern einen Brief, der mir zeigte, dass zum Beispiel um 1920 das Kennenlernen durch Vermittlung von Fremden oder innerhalb der eigenen Verwandtschaft ganz selbstverständlich war. Auch Zeitungsannoncen gab es damals schon, besonders in kirchlichen Blättern, die ja daran interessiert waren, dass Menschen der gleichen Konfession die Gelegenheit hatten, miteinander Kontakt aufzunehmen. Mein Schwiegervater jedenfalls ließ am Anfang des vorigen Jahrhunderts, als er jung und heiratswillig war, überall in seinem Freundeskreis verlauten, dass er sehr gerne eine wohlhabende junge Frau kennenlernen würde, da er selbst zwar einen guten Beruf und eine zu erwartende gute Altersversorgung in Form einer Beamtenpension hatte, aber selbst kein Vermögen. Einer seiner Freunde von kam öfter in eine Wirtschaft in R. in der Pfalz. Dort bedienten ab und zu junge, wohlerzogene Mädchen, die entweder mit der Wirtin verwandt oder gut bekannt waren. Die meisten hatten gerade eine Haushaltsschule in Bad Homburg absolviert, was damals als eine gute Vorbereitung auf die Ehe galt. Dieser Wirtin erzählte der junge Mann von den Heiratswünschen seines beamteten Freundes und fragte, ob sie da nicht jemanden empfehlen könnte. Daraufhin schrieb die Wirtin dem jungen Mann sehr bald einen sehr offenen, praktischen und informativen Brief, der jeder professionellen Heiratsvermittlerin unserer Zeit alle Ehre gemacht hätte. Sie hatte sich in der Zwischenzeit im Kreis der jungen Damen umgehört und herausgefunden, dass eine gebildete, vermögende Bauerntochter (die das Gymnasium besucht und Abitur gemacht hatte), sehr gerne einen Beamten heiraten würde. Geld habe ich selber, soll sie gesagt haben und ein Beamter hat ein gutes Ansehen in der Gesellschaft und bekommt eine Pension im Alter. Das würde ihr gefallen, ließ sie ihre Umgebung wissen. Die tüchtige Wirtin des Güldenen Schafes schlug dem Freund des heiratswilligen Beamten vor, dass er an einem der kommenden Sonntage wie zufällig in die Gastwirtschaft kommen sollte. Die Wirtin wollte es so einrichten, dass an diesem Tage die junge Frau beim Kaffeeausschank mithalf. Da sie weitläufig mit ihr verwandt war, ließ sich das bewerkstelligen. Sie konnte deshalb in dieser heiklen Angelegenheit auch auf die Mithilfe der Mutter des Mädchens rechnen. So könnten sich die jungen Leute unverbindlich betrachten und dann einen Entschluss fassen Gesagt, getan. Der junge Obersekretär der Stadt M. kam, sah die blonde, ansehnliche junge Frau. Diese betrachtete ihn aus dem sicheren Schutz der Theke und unter den wachsamen Augen der aufmerksamen Wirtin - und sie fand Gefallen an dem gut aussehenden jungen Mann. Ein paar Tage später ging ein Brief hin, ein Brief her, der junge Mann sprach bei der verwitweten Mutter der jungen Frau vor und bat um ihre Hand. Schnell war die Verlobung perfekt und die Eheschließung folgte nicht lange später. Jeder bekam, was ihm fehlte und beide blickten fortan in die gleiche Richtung, was ihre Lebensgestaltung betraf. Natürlich gab es zeitweise auch Missverständnisse oder schwierige Zeiten. Denn Julius bestand darauf, weiterhin wöchentlich zum Kegeln zu gehen und Katharina hätte es gerne gesehen, wenn Julius etwas mehr Freude an der Gartenarbeit gezeigt hätte. Der junge Ehemann musste zwei Mal in seinem Leben in den Krieg ziehen, jeweils auch noch eine längere Gefangenschaft ertragen. Die junge Verlobte und spätere Ehefrau hielt ihm die Treue, hielt in den Zeiten der Abwesenheit des Ehemanns Haus und Garten in Stand und hielt das Vermögen beisammen. Auch in der schwierigen Zeit während des zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit dachte keiner von beiden daran, bei Schwierigkeiten im Zusammenleben gleich das Handtuch zu werfen. Die Ehe hielt fast 50 Jahre und endete mit dem Tod der Frau. Soviel also zu sogenannten „Vernunftehen“. Wenn man die Prozentzahl der heutigen Scheidungen betrachtet, die den romantischen Liebesverbindungen folgen, kommt man ins Grübeln, ob es bei dem wichtigen Schritt in eine gemeinsame Zukunft nicht besser wäre, etwas mehr Vernunft walten zu lassen. Die Single-Börsen und die kommerziellen Partnervermittlungen sind da vielleicht schon auf dem richtigen Wege, denn die wichtigsten Daten sind den Interessierten ja schon bekannt, bevor sie sich auf eigenen Wunsch persönlich kennenlernen. Wenn dann zur Vernunft auch noch Liebe kommt, kann es ja nicht schief gehen.
Nora Zorn
Ich sitze am Fenster und schau in den Garten; frag´ mich, wo bleibt er, auf den alle warten? Wann schafft er es, das feuchte Grau zu durchdringen, um der Erde die Wärme zurück zu bringen? In diesem Jahr lässt er sich sehr viel Zeit, der Natur zu geben ihr farbiges Kleid.
Noch fehlt ihm der Mut, den Winter zu vertreiben. der sich vornahm, lange zu bleiben. Schneefelder grüßen herunter von Höhen. Überzogen von Eis sind noch viele Seen. Sturm jagt über das offene Meer, peitscht flüchtende Wellen vor sich her.
Aus den Wolken fallen Regenschauer. Die Pflanzen tragen schwarz vor Trauer. Dem alten folgt ein neues Tief. Menschen werden depressiv. Sind unwirsch, müde, unzufrieden, sehnen sich in den warmen Süden.
Dabei könnt´ ein wenig Sonnenschein Balsam für die Seele sein. Mit Sonnenwärme auf der Haut wird das Wohlsein aufgebaut. Das Leben lässt sich mehr genießen, wenn draußen erste Blüten sprießen.
Drum wünsch´ ich, dass der Frühling käme. Schnell dann seinen Pinsel nähme, um der Natur ihr buntes Leben bald wieder zurück zu geben. Damit der Landschaft Blütenkleid für jeden leuchtet, weit und breit.
Ich kann nur auf sein Kommen hoffen, lass das Gartentor auch für ihn offen. Damit er dann mit seiner Kraft in meinem Garten Wunder schafft. Und schenkt mir mit den Frühlingslüften einen Strauß aus Blütendüften.
Günter Claas
Kleine Sonnen bescheinen die silbernen Wolken im Sinfonia Concertante der Vögel.
Durch die taufeuchten Wiesen plätschert ein Bach zum nächsten Fluss im Mitklang.
Ein kühler Wind weht über die Weiten im Auftakt des Morgens.
Betti Fichtl
Vor langer Zeit hab´ ich überlegt, ich könnt´ ja mal was schreiben, was jeden bewegt und ihn fordert, sitzen zu bleiben, weil beim Lesen die Spannung ihn packt bis zum Ende und das Werk erst dann verlässt seine Hände.
Doch wie stell´ ich das an; was soll es sein? Ein Roman? Vielleicht Gedichte? Geschrieben für Groß oder Klein? Oder besser eine Erzählung? Eine Geschichte? Eine Story, so konfus, dass niemand versteht, um was sich die Handlung eigentlich dreht?
Meine Gedanken rasten auf vollen Touren. Ich sah´ mich schon auf Schillers Spuren; verbog mir mit Denken fast das Gehirn. Schweißtropfen standen auf meiner Stirn. Schreib´ ich den Text so wie Heinrich Heine? Oder soll er so werden, wie ich ihn meine?
Soll ich analysieren die Politik? Besser nein, denn sonst schlägt sie zurück. Politiker können es selten vertragen, geht man ihnen mit der Wahrheit an den Kragen. Doch so leicht wär´s über sie gut zu denken, könnten sie unser Geschick nur besser lenken. Dann würde man mehr von unten nach oben ihr Können, ein Land zu führen, loben.
Doch halt, das lass´ ich, es ist nicht das richtige Schema; ich versuch´ mich an einem anderen Thema. Wie wär´s denn mit einer Novelle, oder etwas Satire? Nein, da schreib´ ich lieber was über Tiere. Ach ja! Es wird über die Vorzeit so ein Wälzer! Oder vielleicht so´n Kochbuch wie das von Tim Mälzer? Aber nein! Mit Speisen und Gerichten lässt sich auch nichts Brauchbares dichten.
Also nochmals von vorn. Ich horch´ nochmals intensiv in mich hinein, obwohl es mich quält. Dann plötzlich und ganz instinktiv kamen mir die Ideen, welche mir gefehlt. Die gleichen Gedanken, die vorher trudelten, ließen Worte entstehen, die nur so sprudelten. Ich schrieb von Liebe, Reisen, Jahreszeiten. Über Menschen und Tiere, die mich begleiten. Nur vor den Themen aus der Politik schreckte ich ganz vornehm zurück.
Für das, von dem ich etwas verstehe, hab´ ich mich entschieden und dabei möglichst alles das vermieden was ohne Sinn ist und somit ohne Interesse bleibt. Denn Lesen macht nur Spaß, wenn man versteht, was einer schreibt.
Das Denken und Schreiben hat meinem Leben einen besonderen Glanz gegeben. Es hielt mich fröhlich; ich blieb jung. Ein jeder Tag ist für mich Erinnerung. Und reise ich später einmal durch die Himmelstür, bleibt noch was Nettes zurück von mir.
Günter Claas
in Licht und Erde sehen sie Leben schaffen wo keines war
aus Blut und Stolz in Einheit nun geformt
steh’ n die Schranken stehen sie
den Massen die da drücken
herab zum Boden kein Licht in ihren Leben
Wir sagen: Talent ein schöner Traum :Wir träumen gern :Wir träumen nur
Manuel Göpferich
Schatten der Vergangenheit, auf den Straßen Einsamkeit. Von den Freunden längst vergessen, so als wären sie nie gewesen.
Sie sind die Tramps dieser Zeit, sind das Produkt unserer Gleichgültigkeit. Niemand will sie verstehen, keiner in ihre Herzen sehen. Sie sind Verlorene Tag für Tag, nur weil niemand sie mag. Sie ziehen mit dem Wind; dorthin wo ihre Träume sind. Verfolgt von den Schatten der Vergangenheit Sie treiben auf dem Strom der Zeit; Werden von ihm Stück für Stück zerrieben. Haben längst vergessen, was es heißt, zu lieben.
Ohne Arbeit, ohne Geld, sind sie ein Nichts auf dieser Welt. Überall nur taube Ohren, das Vertrauen längst verloren.
Sie sind die Tramps dieser Zeit, sind das Produkt unserer Gleichgültigkeit. Längst verdrängt aus dem früheren Leben; von Menschen, die ihnen einst Liebe gegeben. Sie sind Verlorene, die niemand mehr kennt, deren Namen man nicht mehr nennt. So ziehen sie weiter mit dem Wind; suchen den Ort, wo ihre Träume sind. Rastlos, ohne Hoffnung treiben sie weiter; Hunger, Kälte und Krankheit sind ihre Begleiter.
Mensch wach auf, sehe in dich hinein! Gebe ihnen wieder Mut, lass sie nicht allein. Hol´ sie aus der Dunkelheit; zeig Menschlichkeit!
Sie sind die Tramps dieser Zeit, sind das Produkt unserer Gleichgültigkeit. Niemand will sie verstehen, keiner in ihre Herzen sehen. Sie sind Verlorene Tag für Tag und das nur, weil niemand sie mag. So folgen sie täglich dem Wind; dorthin wo ihre Träume sind. Verfolgt von den Schatten der Vergangenheit treiben sie weiter auf dem Strom der Zeit. Immer allein und sind doch dabei niemals frei.
Günter Claas
In einem Separee weilen die Tage der Freude.
Mischen sich in den farblosen Zug der Gleichförmigkeit entbrannt im Duzftkerzenlicht.
Tönen noch fort mit ihrer Musik.
Betti Fichtl
Wieder schlaflos, krieche ich wie früher in die Dunkelheit hinein wie in ein vorgewärmtes Bett, lasse wieder die Jalousie runter, um nicht vom Licht der Frühe geweckt zu werden. Manchmal sitze ich, einfach so, am Fenster bei verschlossener Jalousie und bewege meinen Kopf hin und her. Ich spiele mit dem weißen Licht der Straßenlaterne, das ich durch die kleinen Ritze flackern lasse. Ein Schiff auf hoher See grüßt mich im Vorüberfahren. Es funkelt das stille Vertrauen zwischen den Einsamen der Weltmeere. Seit zwei Wochen versuche ich, eine Glühbirne für meine Nachttischlampe zu besorgen, um mich an jedem Tag aufs Neue beim Insbettsteigen zu verfluchen, dass ich es wieder einmal vergessen habe. Bereits in der Mitte des Monats bereite ich mich stillschweigend darauf vor, am Ersten des nächsten Monats die Miete zu überweisen; fast jeden Tag wühlt mich urplötzlich der Gedanke auf, ob der Erste schon gewesen sei, und ich vergessen habe, die Miete zu überweisen und nun befürchten muss, vom Vermieter eine aufs Dach zu bekommen, oder aber die Kündigung im Briefkasten zu finden, obgleich er es mir doch persönlich hätte sagen können, er wohnt doch im gleichen Haus. Verzweiflung und Anarchie, Hand in Hand mitten in mir. Kichernde Gesichter nach innen gewendet. Den Kopf verlierend. Gott verfluchend (der schon wieder), nichts mehr wollend, weil alles wollend, nur nicht das da. Hier zu sein, im Jetzt, was es ja nie ist, immer nur im Gedächtnis oder in der Hoffnung, immerzu suchend. In der Natur? Bloß nicht. Im Verstand? Noch weniger. In mir und meiner Seele, ohne zu wissen, wo etwas ist und vor allem, was etwas ist und wer man ist. Es wäre die allerletzte Verwirrung, das stumme Sprechen Schweigen, Wortstaub ohne Boden, um sich darauf zu legen und um darin zu verschwinden. Die unvermittelte Unmittelbarkeit, der schönste Taschenspielertrick, mit mir als die kleine Kugel unter den Bechern, die ganz schnell die Orte wechseln, was nie gelingt.
Willi van Hengel
Wir erfassen uns an den Händen und halten einander fest auf der Strasse des Seins.
Sind eine Gemeinschaft durch die Tage der Freude des Schmerzes wir lassen uns nicht allein.
Ein kostbares Glück ist die Freundschaft die wir uns geschenkt wir wahren sie in der kalten Proletenwelt.
Betti Fichtl
Wir suchen den Stein der Weisen, denn Wissen ist Macht. Es ist aber noch zu beweisen, ob es auch glücklich macht.
Ralf Neubohn
Das zerwühlte Kissen deiner Abwesenheit. Ich vermisse deine Stimme. Ich hab den Augenblick vergrast, ab da deine Worte sich nur noch in ein Testament verwandelten. Jetzt, fast zu spät, versteh ich dein Wuchern. Deine Flügel, glaub mir, leuchten nun noch doller.
Willi van Hengel
Risse in der Seele, sie bleiben oft verheerend stark, im Gedächtnis der Seele verankert, nicht einmal der Flügelschlag der Zeit, vermag sie zu heilen, so enorm stark, dass selbst wenn Menschen dem Licht, weil sie sich ändern entgegen gehen, vergessen, verdrängt im Augenblick, doch von Worten spitz wie Pfeile, Unbedachtheit wieder berührt, so lodert die seelische Verletzung, wieder wie Feuer des Schmerzes auf, so stark ist der Riss in der Seele, an jene schmerzliche Erinnerung!
Auch wenn nicht Böse gedacht, es genügt wenn Erinnerung berührt, im falschen Augenblick der Zeit – und das Gespenst der Erinnerung, ist zurück und verdunkelt das Licht, so tief sitzt der Schmerz von Verrat, der Vertrauen und Schutz zerstörte, weil falschen Menschen mehr geglaubt, als meiner Seele in der Not vertraut und statt Beistand, Einsamkeit blieb, auch wenn es so nie gewollt war, der Riss in meiner Seele, jene verstummte Verzweiflung so nah, fast wäre ich gar zerbrochen, spür ich den Zorn in meiner Seele!
Selbst der Flügelschlag der Zeit, er mag diesen tiefen Schmerz, diese tiefe Angst in der Not, nicht heilen, blind vor Schmerz, selbst wenn falsche Freunde, Menschen mit argem Spiel, auf diesen Weg wohl führten, für ihre Vorteile nicht scheuten- Zweitracht und Lügen zu säen, ach die Selbstgerechten Richter, viel zu edel für mich uns blenden, Risse in meiner Seele, jene Gespenster der Vergangenheit, sie erinnern mich und wie damals, so wehrlos fühl ich mich wieder, auch noch im Licht, nur Geduld, Verständnis und Einsicht heilen mich, doch die Risse in der Seele gehen nicht!
Beatrix Jacobs
Am Silvesterabend da sind sie alle gleich. Die Menschen, egal ob sie arm sind oder reich. Sie denken an das alte Jahr zurück. Was brachte es ihnen? Reichtum? Glück?
Hat es Frieden auf der Welt gegeben? Konnten alle ohne Hunger leben? Gab es voll erfüllte Träume? Oder blieben sie wie leere Räume?
Was wurde auf Konferenzen zur Umwelt entschieden? Kaum etwas! Es wurde möglichst vermieden, den Menschen rund um den Globus zu zeigen: Wir tun etwas für die Erde, denn sie ist unser Eigen.
Man blickt zurück auf Zeitgenossen, die sich bereicherten und unverdrossen, fremdes Geld in ihre Taschen schoben. Denn wenig Kontrolle gab´s hier von oben.
Banken sorgten für Riesenverdruss, für den jetzt ein jeder sein Geld hinlegen muss. Das alte Jahr brachte eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen, katapultierte die ganze Welt hinein in die Miesen.
Voller Erwartung blickt so mancher dem neuen Jahr entgegen. Was wird sich für ihn ändern, was wird sich bewegen? Kann er den Job und sein Haus behalten? Wird sich sein Leben weiter entfalten?
Doch für jedes Jahr gibt´s einen Hoffnungsschimmer. Nämlich den, dass es besser wird und nicht schlimmer. Dass alles sich wendet zum besseren Leben und Gesundheit, Glück und Freude werden reichlich gegeben.
Und deshalb wird auch ganz unverdrossen um Punkt Zwölf geböllert und mit Raketen geschossen. Ist dann das letzte Krachen verhallt, sind die Funken verschwunden, hat das nächste Jahr sich eingefunden.
Nimm´s, wie´s sich dir bietet. Du kannst es nicht wenden! In 364 Tagen wird es wie das vorherige enden. Lass dich zu keiner Stunde von irgendwas kränken. Dann wird dir das Jahr Frohsinn und Schönes schenken.
Günter Claas
Hör auf mit deiner Zitterwut. Deine Gänsehaut macht deine Brüstchen so .. so .. so lachsfarben nelkenverduftet und nun suchst du im Einmaleins deiner Verlassenheit nach Feinden. Bespuck deine vertrockneten Buchstaben. Es ist Hirn. Im Glitterkleidchen. Glück kann nie erledigt sein. Okay?
Willi van Hengel
Du erwachst als seiest Du Leben im verblutenden Sonnenmeer über grünen Hügeln auf stillen Wiesenpfaden.
Du erwachst die blonden Locken fängt der Wind Deine blauen Kinderaugen leuchten wenn Du mit bloßen Füßen vor mir über die Wiesen läufst und lachst.
Dich nimmt mit sich die Abendröte in ihre ewigen Gründe um mich wird leer die Nacht.
Betti Fichtl
Schluchze mich, ich schreite dich und dann, dann, wie ein blutabwärtsgerichtetes Ineinanderschmelzen: das Weite atmen. Hätten wir uns damals im Sand mit dem Finger berührt? Deine Haut wär’ viel zu weich für mich. Hat es dich noch nie hinter den Augäpfeln gejuckt? Du hast noch nicht begriffen, dass ich mich aus der Wirklichkeit geschlichen hab. Und nun meine Unruh hinter der Maske galoppieren lass… muss nicht mehr verschwinden: bins!
Willi van Hengel
So nenn ich dich ab jetzt, wenn du erlaubst, denn auch du musstest immer erst ins Feuer stürzen, um aus der Asche verjüngt aufzusteigen, schau dir dein Gesicht an, in diesem Alter, und kratz nicht immer wieder deinen Pickel am Nebenkinn auf, das hast du nämlich auch gern, einen fest gewordenen Moment an Blut, ein kurzer Schmerz, dein Verlangen halt nach dir, ein kleines Aufkratzen deiner Alltagswelt, Blutsschwester im Unbedingten, reiss mir mein Aschekreuz aus dem Hirn, du hast so feine Hände und eine noch feinere Stimme, wie aus Flügeln…
Willi van Hengel
Willst du sie hören diese wahre Geschichte die so wahrhaftig wie jede dunkle Jahreszeit ist? Und nicht den kleinsten Zweifel am brennenden Sinn jeder Kerze lässt?
Zaghaft und unschlüssig stand sie im nachtdunklen Raum um ihre taghelle Bestimmung zu finden als ein beherztes Streichholz kam um sie zärtlich zu entzünden.
Brennend, fragte die stolze Kerze soll ich an Kraft verlieren? Mich als Trost für diese Welt selbst verzehren?
Ja, flüsterte das Zündholz es ist doch unser Auftrag Licht in alle Dunkelheit zu tragen. Willst du denn glanzlos sterben ohne vorher geleuchtet zu haben?
Zünde ich dich nicht an verfehle ich den Auftrag meines Lebens. Und auch Du, meine strahlende Freundin lebst unangezündet hier vergebens.
Nur, wer sich gänzlich hingibt bekommt das Gegebene zurück. Und nur, wer vollendet liebt erfährt sein vollkommenes Lebensglück.
Lass uns diesen Weg gemeinsam gehen der uns aufgetragen ist. Ich entfache dein Feuer und du entfaltest das Licht.
Die Kerze war von soviel Weisheit sichtlich angetan. Und besann sich nur noch einen winzigen Moment. Senkte schließlich fest entschlossen ihren feinen Docht und flüsterte ganz leise: Bitte, mein kleiner Freund zünde mich an.
Ute Leser
haste doch grade selbst geschrieben, verzehrter wär auch gegangen, solange ich nicht den bus verpasse… du bist das mehr als ich… wir reden am ufer des waldsees und vermissen die wasservögelnden reiher… eher auch nicht, weil du schwanbesungen längst mein gefieder durchnässt hast… schüttelfurie… weißt du eigentlich, wie lange ich auf deine nasse aussprache gewartet hab… wie auch… du hingst ja nur in der sonne mit deinen männernamen, die du alle so schön findest… irgendwann fass ich dich an wie den moment, als du kurzsinnig auf die entertaste gedrückt hast – und nur noch die haut von uns blieb.
Willi van Hengel
Silberne Nächte und ihr Geruch verzaubert die Worte Deiner Hände auf zartblauem Papier.
Sie musizieren an den Saiten des Glücks um mir.
Tragen die singenden Augenblicke durch die Tage in das Finale mit Dir.
Betti Fichtl
Ein sich entnommen fühlen. Die Prämisse seines Lebens nie begreifend. Es war ja mal fast so weit. Und dann (be)griff man mich als Nichts. Für keinen Raum. Aber so wortlos. Unankommend. Je Atem. Je Blick. Immerzu diese sehnsüchtige Abständigkeit im anderen. Bin eine bescheidene Revolution. Aus Haut. Dein mir Zugetansein empfinde ich denn als Kuss.
Francois Celavy
Wieder ist es Herbst geworden. Raue Winde aus dem Norden drängen weit hinein ins Land. Kühle Feuchte zieht bis in die Knochen, die doch noch vor wenigen Wochen genossen Wärme am Strand.
In der Ferne verklingen leise die Stimmen der Vögel, die schon auf der Reise zu einem fernen Kontinent. Die anderen putzen noch ihr Gefieder, zwitschern fröhlich Lieder, die man schon seit Jahrtausenden kennt.
Bald werden auch die Letzten dem Vogelzug folgen; getrieben vom Wind und mit den wirbelnden Wolken einem wärmeren Ziel zustreben. Ich wünsche mir, ich könnte mit ihnen ziehen und dem bald kommenden Winter entfliehen, der Kälte bringen wird in mein Leben.
Doch leider muss ich ihn hier erwarten. Aber es ist ja erst Herbst. Ich schau in den Garten, sehe auf Farben, die langsam verblassen. Noch vor kurzem blühten hier Sommerblumen in voller Pracht. Bienen sammelten Nektar fast bis in die Nacht und über dem Teich tanzten Libellen ausgelassen.
Es war ein buntes Sommertreiben. Warum konnte es nicht länger bleiben? Bald werden wieder Morgennebel wallen. Die Sonne verbirgt sich dann hinter einer grauen Decke. Und von dort oben herab, aus jeder Ecke, werden oft Regenfäden vom Himmel fallen
Doch du musst die Zeit bis zum Winter nicht scheuen. Der Herbst zeigt andere Schönheiten, die dein Herz erfreuen. Beobachte ihn! Du wirst dann sehn, er ist ein Künstler, hält Pinsel und Palette bereit. Bemalt die Natur, gibt ihr ein neues Kleid mit leuchtenden Farben, wunderschön.
Die Waldfee steht ihm zur Seite, schön und hold. Betupft Gräser und Blätter mit Rubinen und Gold. Gibt Tränen hinzu, die wie Perlen erscheinen. Sie schmücken gemeinsam alle Pflanzen und Bäume. Schaffen überall bunte Träume, welche sie zu einem besonderen Kunstwerk vereinen.
Komm! Lass dich von Luft und Farben dazu verlocken, nicht nur in deiner Stube zu hocken. Wandere durch diesen herrlichen Zaubergarten. Er gibt deiner Seele Ruhe und Kraft und kommst du vom Wandern zurück ganz geschafft, dann kannst du zufrieden den nächsten Tag erwarten
Um all das Schöne auch in der Zukunft zu erhalten, musst du Mensch die Natur sehr gut verwalten. Denn sonst wird es für alle, die nach dir leben, weder den Herbst noch die anderen Jahreszeiten und auch viele andere Dinge, die dein Herz erfreuten, auf dieser Erde nicht mehr geben.
Günter Claas
Ein Augenblick in meinen Händen mit Sternen bedeckt.
Entschwindet im Sternenstaub in das All.
Betti Fichtl
Auf Unworte aus sein. Muss ich mir hin und wieder gestatten, is’ so was wie Freiheit, mit einem Blaustich darin. Immer nur das Wie, das uns an die Klippen führt. Meinen Fallschirm spürst du dann für kurze Zeit nicht mehr. Es färbt sich/dich dunkel ein. Ohne dich ist halt alles nur ein pures Abwesendsein. Meine Einseele. Mit Einsiedlerschuhen ohne Schnürsenkel. Ich will mich nur noch verirren, in dein Lachen, dein Wütendsein, deine Traurigkeit. Nur noch empfinden, was von keinem Wort eingefangen werden kann.
Francois Celavy
Früher, als ich noch ein kleiner Junge war, fuhren meine Eltern mit mir immer an den Timmendorferstrand in den Urlaub. Jedes Jahr. Ich liebte das Wasser! Ich kann wirklich von mir behaupten, dass ich damals gern geschwommen bin und mich alle wahrlich als Wasserratte bezeichneten. Ich war was das Schwimmen anging, sehr überzeugt von mir selbst, da ich schon mit vierzehn mein DLRG machte. Also DLRG Grundschein hieß das damals. Um jetzt mal ganz ehrlich zu sein, war ich nicht nur überzeugt von mir, sondern auch ziemlich eingebildet, was mein Durchhaltevermögen im Wasser anging. Denn ich hatte nicht nur mein DLRG, sondern auch meinen „Totenkopfschwimmer“. Das hieß, dass ich es geschafft hatte mich in einem Schwimmbecken drei Stunden über Wasser zu halten, ohne auch nur einmal den Beckenrand zu berühren. Warum man so etwas macht? Nun ja, das Abzeichen auf der Badehose sah erheblich cooler aus, als das DLRG Abzeichen. Denn es handelte um einen schwarzen Totenkopf auf rotem Hintergrund. Das klingt heute vielleicht etwas albern, aber wir hatten Anfang der Siebziger....... Jedenfalls stand ich, mit knapp sechzehn Jahren, wieder in unserem Jahresurlaub angekommen, auf der ersten Sandbank, die man vom Strand aus erreichen konnte und spielte mit einem Wasserball „Fallrückzieher machen“, wobei ich mich nach jedem Schuss galant ins Wasser fallen lies. Ich fühlte mich wie ein Nationalspieler der gerade die Ehre der Deutschen Mannschaft wieder herstellen würde. In meinen Gedanken stand ich im Stadion. So hechtete ich wie Sepp Maier, sprang wie Wolfgang Overath, schlug Pässe wie Günter Netzer und machte Fallrückzieher wie Uwe Seeler. Und dabei passierte es eben, also bei einem Fallrückzieher von „Uns Uwe“, dass ich den Ball zu stark schoss und der in einem hohen Bogen über mich weg flog und hinter mir auf das Wasser klatschte. Ich wollte mir den Ball einfach wiederholen, aber es gelang mir nicht so ganz, denn er wurde vom Wind immer wieder in einiger Entfernung vor mir her getrieben. Für einen Beobachter hätte das sicherlich recht komisch ausgesehen und die ersten Minuten fand ich es auch noch ganz witzig, aber ich wollte weiterspielen. Der Ball aber, wie von Geisterhand gezogen, machte mich so langsam wütend. Schließlich spielte ich die Partie Deutschland gegen England und dabei handelte es sich natürlich um die Rache von Wembley. Ich wurde regelrecht wütend, da ich in dieser Spiel entscheidenden Phase war, wo doch der Untergang der Inselaffen schon ganz deutlich wurde. Die erste Sandbank endete und ich konnte dem Ball nicht mehr hinter her laufen. Also schwamm ich die paar Meter bis zur nächsten, wobei sich der Ball zeitweise nur ein paar Zentimeter vor meiner ausgestreckten Hand bewegte. Das machte mich noch wütender. Dann erreichte ich die nächste Sandbank, sprang aus dem Wasser und hechtete nach dem Ball. Wieder und wieder rutschte mir der Ball von den Fingerspitzen. Dann die nächste Sandbank und wieder das gleiche Spiel. Ich weiß nicht mehr genau wie viele Sandbänke es gewesen waren, aber die Abstände zwischen den einzelnen wurden immer größer. Als letztes, dass weiß ich noch ganz genau, kam eine zunächst sehr flache Sandbank, dass Wasser ging mir bis knapp über die Knöchel, die dann aber plötzlich steil ins Wasser führte. Fast, um ein Haar, hätte ich den Wasserball auf dieser letzten Sandbank erwischt, aber kurz bevor ich ihn mir greifen konnte verlor ich den Boden unter meinen Füßen. Ich tauchte wieder auf und so circa zwei Meter vor mir trieb mein Wasserball. Fast hatte ich das Gefühl er würde mich anlächeln und damit sagen wollen: „ Du kriegst mich doch nicht.“ Ich krauelte einen wirklichen Sprint hinter ihm her. Zu guter letzt hechtete ich noch ein Stückchen aus dem Wasser, unter Aufwendung all meiner Kraft und schnappte ihn mir. „Ha, gewonnen“, grölte ich nach Luft schnappend, wobei ich mich an den Wasserball klammerte. Jetzt erst drehte ich mich zum ersten Mal zum Strand um. Wahrscheinlich hatte ich die Hoffnung, dass ein paar Urlauber meine wilde Jagd beobachtet hatten und mir jetzt stürmisch applaudieren würden. Aber da waren keine Urlauber. Da war nicht mal mehr Strand! Da war nur ein kleiner fast schwarzer Streifen, der einen erahnen lies, dass das Wasser dort wohl endet. Wie weit die genaue Entfernung wirklich war, weiß ich bis heute nicht genau. Der Schock saß so tief, dass ich für einen Moment überhaupt nicht mehr denken konnte. Ich klammerte mich an den Wasserball. Dabei drehte ich mich im Kreis und mir fiel auf, dass ich immer weiter abgetrieben wurde. Oder auch nicht, denn mir war in diesem Moment nicht mehr so ganz klar, aus welcher Richtung ich gekommen war. Auch bemerkte ich, dass ich ganz schön fertig war. Doch bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, ereilte mich der nächste Schock. Das Wasser wechselte die Farbe unter mir. Ich konnte kaum noch meine Füße sehen, so dunkel wurde es plötzlich. Eine wirkliche Panik ergriff mich und ich wirbelte suchend mit dem Kopf herum. Aber das einzige, was ich bemerkte, waren die riesigen Schiffe, die vom Strand aus noch wie Spielzeugschiffe ausgesehen hatten. Jetzt wirkten sie wie Hochhäuser, die sich polternd durch das Wasser bewegten. Die Wellen wurden höher, dass Wasser wurde dunkler und ich hatte das Gefühl, ich trieb direkt auf die Schifffahrtslinie zu. Verzweifelt klammerte ich mich an den Wasserball und spürte wie das Wasser langsam immer kälter wurde. Seltsamerweise fing ich nicht an zu weinen, sondern versuchte über die Wellenkronen hinweg zu gucken, ob es nicht doch noch etwas geben würde was mich retten könnte. Aber was sollte das schon sein? Doch dann sah ich etwas Dunkles aus dem Wasser ragen. Es schien auf einem Fleck zu kleben. An den Wasserball geklammert spähte ich nun durch die Schaumkronen der Wellen. Verschwommen konnte ich etwas Rundes mit einem recht hohen Aufbau erkennen. Wenn das kein Glück war! Fast war ich schon dran vorbei getrieben. Die Boje war gut 50 Meter von mir entfernt auf gleicher Höhe. Wenn ich jetzt die Chance nicht nutzen würde, hätte ich ne’ faire Chance in einer halben Stunde erfroren zu sein. Das war mir klar. Ich stieß mich fast vom Wasserball weg, so als wenn er mir noch Schwung geben könnte, mobilisierte meine letzten Kräfte und schwamm in die Richtung der Boje. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich immer noch wie kalt und schwarz das Wasser war. Ich schwamm wirklich um mein Leben. Und dann wie durch ein Wunder berührten meine Fingerspitzen plötzlich etwas Hartes. Die Boje! Ich hatte es geschafft! Es gab kein richtiges Geländer und keine Treppe, aber es gab zwei eingelassene Stufen und einen Griff an dem man sich hoch hangeln konnte. Der Wind zerrte an mir und rüttelte an der Boje. Es war auch keine richtige Rettungsboje, sondern eine Signalboje. Dennoch gab es in der Mitte eine kleine Fläche, auf der ich durch aus bequem sitzen konnte. Aus der Mitte dieser Fläche ragte ein stabil aussehender Mast, an dessen Ende eine Art Signallampe thronte, die aber nicht an war. Ich klammerte mich um diesen Mast in Embryohaltung und wurde ohnmächtig. Vor Erschöpfung, aber auch vor Angst. Das Wasser, welches gegen die Boje klatsche, holte mich aus meiner Zuflucht und weckte mich. Der Wind hatte zugenommen und das Licht über mir war angegangen. An. Aus. AN . AUS. An. Aus. AN. AUS. Leider war jetzt nicht nur das Wasser dunkel, sondern die ganze Umgebung. Es war Nacht geworden. Der Rhythmus des Lichtes tauchte alles in eine Illusion oder in ein Traumbild. Das Meer erschien mir wie ein riesiges Monster, dass sich nur von den Sternen besänftigen ließ, mich nicht zu fressen. An .Aus. AN. AUS. Ich saß im Schneidersitz schlotternd an den Mast gekrallt und sah mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit. Nichts. Wie gestrandet auf einem fernen Planeten. Ich klapperte wirklich mit den Zähnen, spürte wie der Wind an mir zerrte und meine Kräfte langsam den null Punkt erreichten. An. Aus. AN. AUS. Doch irgendetwas rüttelte plötzlich wieder an meinen Lebensgeistern. Gab mir Hoffnung! Irrational, aber es war da. Ich dachte daran, dass doch zumindest meine Mutter bei der Wasserschutzpolizei verrückt spielen würde, wenn die mich nicht suchen würden und mein Vater wäre doch schon selbst ins Wasser gesprungen oder hätte sich ein Boot geordert. Ich spähte weiter über das Wasser und stellte mich hin, um besser sehen zu können. Ich rief einfach ein paar Mal um Hilfe und nach meinem Vater. Das war natürlich Unsinn bei dieser Dunkelheit, aber es gab mir irgendwie das Gefühl alles zu tun was in meiner Macht stand. An. Aus. AN. AUS. Ich kniff die Augen zusammen. An. Aus. Der Wind klatschte die Wellen gegen die Boje, die wie selbst verliebt ein wenig mehr torkelte. Meine Finger krallten sich in den Mast, während sich der Wind bemühte, dem Wasser das weiße Haupthaar zu föhnen. An. Aus. AN. AUS. Dann sah ich es plötzlich, zwei Meter neben der Boje ragte etwas Rundes aus dem Wasser. Es erschien mir wie das Auge eines Riesenpolypen. So etwas gibt es nicht, hämmerte es in meinem Kopf. Unmöglich. Mist. Seemannsgarn! Es kam auf meine Festung zu, die eben doch noch eindeutig mir gehört hatte. An. Aus. AN. AUS. Etwas knallte gegen die Boje und ich konnte schemenhaft erkennen, wie etwas sich am Griff festhaltend, die Boje erklomm. Ich schrie einfach los und rutschte an dem Mast herunter. Ich krümmte mich zusammen und spürte noch, dass sich etwas über mich beugte. An. Aus. AN. AUS. Es erklang ein Zischen und irgendjemand hustete ein paar Mal. Ich öffnete die Augen und sah in das Gesicht eines freundlich lächelnden Mannes, der einen etwas seltsamen Schnauzer trug. „Hat mein alter Taucheranzug dich erschreckt mein Junge?“ Er lächelte mich entschuldigend an und zeigte mit dem Finger auf seinen Taucherhelm, der fast wie eine Kugel aussah und Bullaugen an allen Seiten hatte. Das Auge des Riesenpolypen! „Das wollt ich nicht. Tut mir leid! Da hast du aber wirklich ganz schönen Mist gebaut, Kleiner. Dir muss doch arschkalt sein, wie man heut zu Tage zu sagen pflegt.“ Dabei musste er so lachen, als wenn er einen großartigen Witz gemacht hätte. „Hier, ich hab da was für dich.“ Er hielt mir eine Jacke hin, die mir bis über die Hüften ging. Sie war aus Leder und mit Pelz gefüttert. Eine blaue Hose und schwarze Stiefel. Dann stülpte er mir noch leicht schnaufend, der Taucheranzug schien sehr schwer zu sein, eine Pudelmütze über den Kopf. Die Klamotten waren trocken und warm. Ich genoss die Wärme die meinen nassen, eiskalten Körper umhüllte. Er lies sich plumpsend auf den Boden fallen. „Das sind meine alten Schiffsklamotten. Nichts dolles, aber was anderes hab ich in der Eile nicht gefunden. Dir wird’s helfen.“ Wir sahen uns einen Moment lang direkt in die Augen. Mir wurde klar, dass ich dieses Gesicht niemals in meinem Leben vergessen würde. „Ich danke ihnen, Herr?“ Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Ach, dass hab ich doch gern gemacht. Das war so zu sagen mein Wunsch.“ Er fasste nach seinem Taucherhelm. „So jetzt muss ich aber wieder los.“ Ich sah ihn erschrocken an. „Sie wollen mich doch hier nicht wieder alleine lassen. Das können Sie doch nicht machen.“ Er spürte die Panik in meiner Stimme und sah mir deswegen wohl ganz sanft in die Augen. „Mach dir keine Sorgen. Kaum bin ich wieder im Wasser, siehst du das Schiff schon auf dich zukommen. Hab keine Angst. Das wird schon.“ Er setzte sich fast leichtfüßig den schweren Helm wieder auf, sah in meine Richtung und streckte einen Daumen in die Höhe. Dann sprang er mit den Füßen zuerst ins Wasser und verschwand in der Tiefe. Es sah erschreckend aus wie er einfach ins Nichts tauchte, bis er nicht mehr zu sehen war. An. Aus. AN. AUS. Ich zog den Kragen der Jacke hoch und mir wurde klar, dass der Taucher recht haben musste, denn sein Schiff konnte ja nicht weit sein, denn er hatte ja keine Pressluftflaschen dabei und war ja mit Luftschläuchen an sein Schiff gefesselt. Die Schläuche waren mir gar nicht aufgefallen. Dann sah ich ein Licht immer größer werdend, auf mich zu kommen. Die Wasserschutzpolizei hatte mich entdeckt. Ich sah in erleichterte Gesichter als ich an Bord gebracht wurde. „Na, da sind wir ja noch mal rechtzeitig gekommen“, sagte der Kapitän des kleinen Rettungsbootes lächelnd zu mir. „Aber ohne den Taucher, den Sie mir geschickt hatten, hätte ich es nie geschafft.“ „Welchen Taucher?“ fragte mich der Kapitän verblüfft. Als ich von ihm erzählte, erntete ich nur fragende Gesichter. Mit anderen Worten hielten es alle für eine spinnernde Halluzination eines sechszehnjährigen der fast erfroren wäre. Wo ich denn die Klamotten her hatte, wurde ich überhaupt nicht gefragt, da alle davon ausgingen, ich hätte die auf der Boje gefunden. Ich aber wollte von meiner Geschichte mit dem Taucher nicht abrücken, da ich sie doch tatsächlich erlebt hatte. Als aber ein paar Wochen nach dem Vorfall meine Mutter mit Tränen in den Augen vor mir stand und meinte, wenn ich nicht von der Geschichte abstand nehmen würde, müsste ich bald in eine Nervenklinik, hörte ich auf damit. Gut zehn Jahre später schenkte mir zu meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag ein guter Freund ein Buch mit dem Titel: „Katastrophen, Unglücke und Schicksale“ Über ein Jahr warf ich keinen Blick hinein, doch dann eines Abends nahm ich mir ein Gläschen Portwein, nuckelte daran herum und blätterte in diesem Buch. Der Schein meiner Stehlampe warf ein gedämpftes Licht in das Zimmer. Dann las ich etwas von einem Unglück, welches mehr ein harter Schicksalsschlag für eine einzelne Person war. Bei einer Havarie von einem Schlepper und einer Fähre ging ein fünfzehnjähriger Junge über Bord und ertrank. Der Vater des jungen Mannes wurde daraufhin Taucher, um seinen Sohn, sei er auch tot, dem Meer wieder zu entreißen. Zwei Jahre suchte der Mann an der Stelle in der Ostsee, wo sein Sohn über Bord gegangen war. Eines Nachts weckte er den Schiffseigner Wilhelm Meyer, mit dem er eng befreundet war, und drängte ihn dazu, noch einmal mit ihm raus zu fahren, weil sein Sohn ihn gerufen hätte. Der Schiffseigner willigte ein unter der Bedingung, dass das der letzte Tauchgang für alle Zeit sein würde. Er sollte auf bittere Weise Recht behalten, denn sie wurden von einem Unwetter überrascht und kehrten beide nicht mehr aus der Ostsee zurück. Unter dem Bericht war eine Karte, auf der die Stelle markiert war, an der die beiden ihren letzten Tauchgang bestritten. Es war genau die Gegend, wo ich auf meiner Boje gesessen hatte. Daneben war noch ein Foto von beiden, wie sie an Deck der „Emma“ standen. Wilhelm Meyer hatte die Hand auf die Schulter von Heinrich Stacksen gelegt und Heinrich Stacksen war genau der Mann, der mit mir zusammen auf meiner Boje gesessen hatte. Ich erkannte ihn sofort! Aber dennoch konnte es nicht sein, denn Heinrich Stacksen ertrank 1924! Doch die Kleidung, die er auf dem Foto getragen hatte, die hängt heute noch in meinem Schrank. Das kann ich beschwören.
Carsten Pape
Ich bin dann ins Bad gegangen (gleich neben meinem Zimmer, auf derselben Etage), knipste das Licht an und sah den alten Staubsauger des Vermieters in der Ecke stehen, neben der Waschmaschine. Ich trug ihn in mein Zimmer und sah, gerade als ich auf Power drücken wollte, einen angeklebten Zettel, auf dem in der Handschrift des Vermieters stand: Zu behandeln wie eine Jungfrau. Die ganze Zeit, während ich mit der einbeinigen Jungfrau über den Teppich fuhr, musste ich an meinen Vermieter denken, an sein grobes Gesicht mit den lieben Kinderaugen, in denen ein versteckter Schalk hockt und auf ein Wort, einen Menschen mit genau demselben Schalk wartet, um heraushüpfen zu können in eine Welt, die es für ihn nicht mehr gibt... Atlantis, versunken im Suff... auch wenn es nur ganz kurz wäre, es würde vielleicht für ihn ein denkwürdiger Tag werden. Vielleicht aber will er gar nicht mehr lachen. Vielleicht fürchtet er sich davor, weil es seinen über die Jahre hinweg mühsam aufgebauten Menschenhass (der ja letztlich immer nur eine tief enttäuschte Liebe ist) ins Wanken bringen würde. Ein derart kultivierter Menschenhass macht Einsamkeit erträglicher. Vor einigen Wochen, abends, ich wohnte noch nicht lange hier, habe ich einen Hammer gebraucht. Ich bin zum Vermieter runter, über den Hof zum Hinterhaus, und habe beim Hineingehen an die weit offenstehende Tür geklopft. Ich stand sofort mitten in der Küche, die eigentlich nur ein kleiner Durchgangsraum zum Wohnzimmer war. Eine große weiße Einsamkeit sprang mir ins Gesicht, grelles Neonlicht, die runde Lampe an der Decke, ein Licht, in dem alles zu einer traurigen Kälte gefriert. Ich kam mir vor wie in einem Kühlhaus, in dem Leben keine Rolle mehr spielt, eine Küche, die nur eisig war, als wolle in jedem Moment, würde es auch nur ein Grad kälter werden, alles erstarren. Er stand in der Ecke an der Spüle, mit dem Rücken zu mir. Und drehte sich nicht einmal um, als ich ihn fragte (ohne Guten Abend zu sagen, das ließ ich vorsichtshalber bleiben), ob er mir einen Hammer borgen könne, ich wolle ein Bild aufhängen, an die Wand neben dem Fenster, zur Straße hinaus... - Es gibt doch nur ein Fenster, oder? erwiderte er schroff. Seine Stimme hatte, wie alles in diesem Raum, keine Farbe, sie war weiß und abgestanden wie das Neonlicht an der Decke. - Ja, richtig, es gibt nur ein Fenster, murmelte ich und blieb still. In regelmäßigem Abstand stellte er einen Teller oder eine Tasse in ein aufgeklapptes grünes Plastikgestell. Das Spülwasser rutschte ganz langsam, wie ein durchsichtiger Vorhang, von der Essfläche der Teller ab. Im hellen Widerschein des Lichtes glitzerte der feuchte Film auf der weißen Oberfläche. Die Teller waren schnell trocken, und obwohl sich nichts Geheimnisvolles entdecken ließ, glaubte man bei genauerem Hinsehen an eine Offenbarung der Trockenheit selbst. Irgendwie erschien jeder einzelne Teller allein und verlassen, verlassen vom abrutschenden Spülwasser. Sicherlich das Geschirr der letzten Woche, dachte ich, wie oben bei mir ... Ob es ihm auch so geht, fragte ich mich, dass er sich ärgert, wenn er die angetrockneten Essensreste und Soßen auf den über mehrere Tage angesammelten Tellern und Messern und Gabeln und Löffeln sieht, und ob er sich auch fragt, warum er nicht gleich nach dem Essen den Teller oder das Messer oder die Gabel oder den Löffel unter den Wasserhahn gehalten und sofort sauber gemacht hat. Vielleicht aber hat es doch etwas für sich, habe ich gedacht, so ein Haushalt ohne Frau: die Unordnung lebt. Es gärt und blubbert und verschluckt sich vieles von selbst... - Liegt alles im Hof, in der roten Kiste, sagte er plötzlich (ich erschrak), während er sich mir langsam zuwandte und mit einem rot-blau-karierten Geschirrspültuch die Hände abtrocknete. Diese Kinderaugen, dachte ich, sie erschlagen mich jedes Mal wieder aufs Neue. Ich werde mich nie daran gewöhnen können. Auf irgendeine Weise war ich fasziniert, konnte mir aber nicht erklären, auf welche, warum genau, warum gerade bei ihm, ich hatte doch schon so oft solche Augen in hässlichen Gesichtern gesehen, und lenkte mich ab, indem ich mir sagte, dass auch ich immer alleine spülen muss. Alleine, habe ich gesagt - anstatt selbst. Wollte es gar nicht sagen. Es rutschte mir einfach so heraus. Ich schämte mich und erwartete eine grobe und abweisende Antwort, was mich das anginge, was ich überhaupt wolle von ihm außer einem Hammer und einem Nagel, um irgendein bescheuertes Bild aufzuhängen, schließlich wisse ich jetzt, wo alles zu finden sei... Doch er reagierte ganz anders. Mit ruhiger, seinen tiefen Riss vorsichtig umgehender Stimme sagte er, dass Ehefrauen die größten Huren seien, abgehauen, durchgebrannt mit einem anderen, einem Finanzbeamten, der dauernd aus dem Mund stank wie ein Fisch aus dem Arsch. Die Züge seines Gesichtes blieben ernst, doch seine Augen lachten. Und auch ich musste lachen über das, was er sagte, und vor allem wie er es sagte, mit diesem Witz und ironischen Unterton. Lebendige Leichen, einbalsamierte Mumien, warf er hinterher. Beamte und Juristen hasse er wie nichts anderes auf der Welt; seither sei kein Jurist und kein Beamter mehr über seine Schwelle getreten und werde es auch nicht mehr, solange er lebe! Hatte er wirklich einbalsamierte Mumien gesagt, fragte ich mich; glaube schon, und hörte nur noch ...und manchmal noch eine Flasche Schnaps obendrauf... Ich stolperte ihm satzmäßig hinterher, ein Ohr nach außen und eines nach innen gestülpt... - Was!? - Ja, wiederholte er (zum Glück), zu der Zeit hab ich einen Kasten Bier am Tag weggehauen - und manchmal noch eine Flasche Schnaps obendrauf. Ich konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. Und wünschte mir insgeheim, dass ich das auch einmal schaffen würde. - Um das zu schaffen, muss man ja ein Tier sein, sagte ich vorsichtig. - Es ging halt nicht anders, erwiderte er und zuckte mit den Schultern, ich hätte mich totsaufen können - und ich glaube, ich wollte es auch... Wie ein einsamer Wolf stand er da. Zwischen seinen Händen baumelte immer noch das Geschirrtuch mit den rot-blauen Rändern. Ein einsames Tier mit großen Kinderaugen und einem nassen Tuch in den Krallen. Er drehte sich um, als habe er gehört, was ich gedacht habe und hängte es an einen kleinen Haken, der an den grauen Kacheln klebte. Ich mochte nichts mehr sagen, dachte nur noch, dass ich ihn gern habe, weil er so ehrlich ist, so ehrlich wie Tiere nun einmal sind, und ging. In der roten Kiste findest du alles, rief er mir hinterher... Ja, danke... Ich glaube, er hat es nicht mehr gehört. Wahrscheinlich ist es so: in einer kleinen roten Kiste findet man manchmal wirklich alles.
Willi van Hengel
Straßen winden sich durch das Stadtlabyrinth mit der Taglast im donnernden Da capo an den Häusern vorbei dampfen ihren Dunst in die Fenster und Himmelstreifen.
Sind wie graue Förderbänder ihrer Generationen.
Betti Fichtl
Mein nicht mehr verlieren können in meinem immer noch manchmal verlieren sollen: Du dazwischen vollends mitsamt deiner samtenen Haut, deinem zarten Daseinskörper. Der Inbrunst an Zukunft. Lass mich ausreden. Wir verwerfen uns nun endgültig in uns. Wir entleiben die gehorsame Weltsicht. Lass mich. Unterbrech mich. Deine Stimme verzerrt meine Schuldgefühle. Holt mich raus. Aus diesem Mutterkomplex. Tötet die Muttertiere. Angesang: nie vergessen. Klar. Es war ja ein Dienstagmorgen mit endgültigem Verlassen. Nie-Verblassen dieser Erinnerung. Stopf mir dein Halstuch ins Damals. Lüg mir aba nie was vor. Das Leben tut’s auch nicht.
Willi van Hengel
Wieso war ich immer nur so laut? Wohl weil ich ständig vor mich hindämmerte. Weiss mit einem Mal um meinen mich ummäntelnden Autismus, dieses weltenferne In-mir. Die Angst, dass man mir meine heimlich niedergeschriebenen Gedichte = Gesichthäppchen nimmt. Musste halt immerzu den Teller leerfressen.
Francois Celavy
Bin, als du auf mich zugekommen bist, ertrunken. Und hab mich nicht gewehrt. Hast du’s gemerkt. Klar, warum sonst hast du es weiterregnen lassen. Weinrot. Bis ins Herbstgedächtnis, in dem du auch längst vorher, vor Jahrenden, in deinem Minirock mitsamt silbergrauer Strumpfhose aufgegangen bist. Verlangsamten Schrittes. Die kleinste Wolke wäre eine Kloake gewesen. Der Himmel war aber nicht besamt. Fleckenlos. Du warst rasiert, multipliziert, eigentlich nie da. Du wirst für mich nie wirklich sein. Immer nur wenn überhaupt mit mir zwischen den Stühlen sitzen, auf meiner Hand, unter dir, und wir werden uns streiten, fürchterlich, weil nur die Wahrheit Türen schlagen lässt, die Leidenschaft, die gerade noch mal von einer unserer Häute eingefangen wurde…
Francois Celavy
(Ein Stück für zwei)
Ort: Büro eines Polizeipräsidiums, kahle Wände, ein Schreibtisch, zwei Stühle Kommissar: Ende fünfzig, korpulent, Haarkranz, Schnauzer Mann: etwa dreißig, dünn, lange Haare, Späthippie
Prolog
Kommissar Baumann sitzt an seinem Schreibtisch und liest einen Zettel. Auf seinem Schreibtisch türmen sich die Akten. Sein Assistent huscht herein, stellt ihm eine Tasse dampfenden Kaffe auf den Tisch. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Bruno Süss. Zusammengesunken, die Hände vor das Gesicht geschlagen, sitzt er da und Schluchzt erbärmlich. Er will seine Freundin Dolly als Vermisst melden. Pünktlich um 16.15 Uhr kam er von der Arbeit nach Hause und fand auf dem Küchentisch einen Brief, der an ihn gerichtet war. Darin teilte ihm seine Freundin mit, dass sie ihn verlässt. Sofort war er ins Polizeipräsidium gehetzt, um ihr Verschwinden zu melden. Er will sie wieder haben. So schnell wie möglich. K.: Also, Herr Süss, wie ich aus dem Abschiedsbrief ihrer Freundin entnehmen kann, möchte sie nicht gesucht werden. Ich lese wörtlich: „Lieber Bruno, die Zeit mit dir war schön, aber ich habe keine Lust mehr, wie eine Puppe von dir behandelt zu werden. Such nicht nach mir, ich komme schon zurecht, Dolly“ Bruno wird von einer neuen Salve Schluchzen geschüttelt. K.: Ich bitte sie, Herr Süss! So was ist schon so vielen anderen Männern passiert. Sie werden es überleben! B.: Sie verstehen das nicht, Herr Kommissar. Sie war mein ein und alles, mein Liebling! Auch wenn ich ab und zu mal was mit einer anderen Puppe hatte. Ich kam immer zu ihr zurück. Jeden Tag hab ich ihr gesagt: Du bist die Beste, Dolly. Morgens hab ich ihr beim Anziehen geholfen, hab ihr das Make-up aufgelegt und auch sonst alles für sie getan. Bruno schnäuzt sich in ein Taschentuch. Der Kommissar schüttelte den Kopf. Erst geht der Kerl fremd und dann glaubt er, seine Freundin lässt sich alles gefallen. K.: Das mit den anderen Weibern hätten sie mal lieber lassen sollen! Außerdem wäre es besser gewesen sie auch mal was alleine machen zu lassen? Frauen mögen das nicht, wenn sie zu sehr bevormundet werden. B.: Ja, das weiß ich jetzt auch! Aber ich bin auch nur ein Mann und es gibt so viele tolle Puppen, da kann man schon mal in Versuchung kommen. Wissen sie, erst war mir nur der Sex mit Dolly wichtig, aber dann wurde es eine richtige Beziehung. Ich kann nicht ohne sie leben. Was soll ich denn jetzt machen? K.: Haben sie schon mal bei Freunden oder Verwandten angerufen? B.: Nein. Sie hat keine Verwandten oder Freunde. Wir haben sehr zurück gezogen gelebt. Ich ging zur Arbeit, kaufte für uns ein und wenn ich nach Hause kam, haben wir es uns gemütlich gemacht. Der Kommissar schüttelt den Kopf, macht eine Schublade auf und holt einen Bogen Papier heraus. K.: Sie hätten mehr mit ihrer Freundin unternehmen sollen. So ein eintöniges Leben hält ja kein Mensch aus. B.: Mir hat es gefallen. Wir hatten den geilsten Sex, den sie sich vorstellen können! Sie war immer bereit. Jeden Wunsch habe ich ihr von den Augen abgelesen. Sie hatte die neusten Klamotten, Schmuck, viel zu viele Schuhe und immer die neusten Perücken. Und jetzt! Nichts mehr da! Sie hat alles mitgenommen. Bruno kommen wieder die Tränen. Der Kommissar sieht ihn irritiert an. Er hat schon von einigen Fetischen gehört, aber Perücken gehörten nicht dazu. Aber eventuell hat Dolly eine Krankheit, weshalb sie keine eigenes Haar hat. K.: Herr Süss, hat ihre Freundin eine Krankheit, oder warum trägt sie Perücken? B.: Nein, wo denken sie hin! Aber ich mag es, wenn sie von Zeit zu Zeit mal eine andere Frisur hat. K.: So, so. Der Kommissar beugt sich über seine Zettel und macht ein paar Notizen. Irgendwie muss er diesen armen Irren so schnell wie möglich los werden. Er schaut den verheulten Bruno an. K.: Gut, also normalerweise ermitteln wir nicht in so offensichtlichen Fällen von einseitigem Verlassen. Aber ich will in ihrem Fall eine Ausnahme machen. Ich werde mich ein bisschen umhören. Vielleicht finde ich etwas heraus. B.: Das würden sie tun? Danke, Herr Kommissar, ich weiß gar nicht wie ich ihnen danken soll! K.: Lassen sie es gut sein. Wer weiß ob ich sie finde?! B.: Sie kann nicht weit weg sein. Sie ist eher ein Bisschen steif und unbeweglich. K.: Sie ist also nicht sportlich? B.: Nein, nicht wirklich. Aber im Bett kann die sich verbiegen, das kann ich ihnen sagen! WOW! Sex mit Dolly ist das Größte. Der Kommissar räuspert sich. Es gibt Dinge, die will man nicht wissen. K.: Auf die Personenbeschreibung zurück zu kommen, können sie mir vielleicht sagen, wie sie zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens aussah. B.: Also, ich hatte ihr die blonde Perücke aufgesetzt. Die Augen sind Blau, meine Lieblingsfarbe. Sie ist schlank, aber gut gebaut, wenn sie wissen was ich meine!? Sie ist etwa 1,60m groß. Jeder Zentimeter purer Sex! Sie werden es sofort erkennen, wenn sie Dolly sehen. Bruno deutet mit den Händen die Formen einer Frau an, die nach der Beurteilung des Kommissars, einen sehr großen Busen hat. Bruno hat einen verklärten Blick und der Kommissar ist froh, dass er Brunos Gedanken nicht lesen Kann. Er ignoriert die Anzüglichkeit und fährt fort. K.: Und wie alt ist Dolly? B.: Drei Jahre. K.: Nein. Sie haben mich falsch verstanden. Nicht wie lange sie mit ihnen zusammen war, sondern ihr Alter! B.: Sag ich doch. Drei Jahre. K.: Hören sie, Herr Süss! Veräppeln kann ich mich auch alleine! Dazu brauche ich sie nicht. Sie sind hier auf einem Polizeipräsidium und nicht bei „Verstehen sie Spaß“! Sie haben hier die Wahrheit zu sagen. Sonst landen sie schneller in einer Zelle, als sie Dolly sagen können! B.: Aber Herr Kommissar, für wen halten sie mich! Bruno ist empört. Der Kommissar überlegt, ob er den Kerl mal ins Röhrchen blasen lässt. Bis jetzt hatte er nicht den Eindruck als stehe Herr Süss unter Alkoholeinfluss. Es wäre auch denkbar, dass Herr Süss schizophren ist. K.: Noch mal, Herr Süss. Wie alt ist ihre Freundin. B.: Drei Jahre. K.: Wie kann eine erwachsene Frau drei Jahre alt sein! Der Kommissar klopft ärgerlich mit der flachen Hand auf den Tisch. Jetzt reicht es! Sein Tisch liegt voller Papiere und dieser Idiot stiehlt ihm die Zeit. Bruno sieht den Kommissar mit großen Augen an. B.: Ach, habe ich es nicht erwähnt? Sie ist eine Living Doll. Eine Liebespuppe. Ich habe sie vor drei Jahren gekauft. K.: Wie bitte???
Der Kommissar greift sich ans Herz. Bald geht er in Rente. Gott sei dank!
Epilog
Dolly war mit Sack und Pack zu Hubert, Brunos einzigem Freund gezogen. Dieser hatte sie schon lange beobachtet. Eines Tages, Bruno war bei der Arbeit, hatte sie Hubert ihre beste Seite gezeigt. Das hatte ihn so scharf gemacht, dass er nur noch auf eine günstige Gelegenheit wartete um Dolly abzuholen. Sie war froh über einen Tapetenwechsel. Mit Bruno gab es in den letzten Monaten nur noch 08/15 Sex. Außerdem war sie es leid mit anzusehen, wie Bruno sich mit anderen Dolls vergnügte. Bruno bekam nie heraus, wohin Dolly verschwunden war. Hubert verlor kein Wort darüber und Dolly war sehr verschwiegen.
Caroline Susemihl
Mein Mond, geh nicht! So schön am Morgen Und tagsüber Wie am Abend. Geh nicht Obschon du mußt.
Mit der Sonnensichel Heute Morgen Entließ dein Leuchten Menschensorgen, die noch Augen Zum Empfinden haben und nicht Kaltes Eisen in den Herzen haben.
Kennst keine Affektiererei Wie unten in dem Menschenbrei Wo der Affe mehr Verstand Den du verlierst mit leichter Hand.
Oh kalter Mond Mein heißes Eisen Dein Sandgestein Wie Glut und Blut Vom Sonnenfeuer Deine Bildgestalt Wirst niemals alt Obschon du kalt.
Walter M. Stütz
Du krakelst wenn du schreibst machst es dir ziemlich einfach nimmst dir nen Blindenstock und tappst durchs Gras hättest du je gedacht dass sich mal die Ungerührtheiten fallen lassen haben wir uns nicht deshalb ins Leiden gelallt wenigstens im Traum wenigstens in Gesprächen die uns nichts bedeuteten unser Immerzu seitdem du mein Herz erblinden liesst kriechen die Zauberer aus ihren Löchern und es verschwinden die Fragezeichen ich atme die Egals so ein wie du das frisch gemähte Gras auf dem Rad im Park lass mir noch einen Halm…
Francois Celavy
Ein Traum flog in die Nacht über Sternenhügel.
Fing ihren glänzenden Sand und flog zurück träumte sich fort.
Blieb nur ein Traum sternensandumsponnen.
Betti Fichtl
So geht es nicht mehr weiter mit uns. Dein letztes Wort berührt mich nicht, du hättest es mit deiner Zunge an meine Wimper leben können, hast du aber nicht getan. Neben deinem Mund und Giraffenhals diese Riesenbrille aus Sonne; aber was ist da Sonne dran? Ich vermiss dich schon, wenn du einen richtungslosen Schritt machst. Deine Fuß Zeilen. Machen mich papieren. Wir haben am Abend unsere Stimmen, vernetzen sich immer mehr, will, dass du mich nicht aussprechen lässt, denn jedes Wort ist ein Umsonst, solange ich du mich nicht mit deiner Zunge berührst. Auch dein nächstes Wort wird mich nicht berühren.
Francois Celavy
Du bist ein Gast auf Erden so wie Du gekommen bist wirst Du gehen.
Sekundenbegrenzt ist Deine Zeit vorgesehen ist Dein Leben.
Du entbrennst selbst die bengalischen Feuer und sie verrauchen liebst den Sound und er verklingt.
Du bist nur ein Gast zum Abschied bestimmt.
Betti Fichtl
Der Mond hat sein Licht ausgemacht Mitten in der Nacht. Die Sonne verdunkelt, Von Finsternis umgeben Rotiert die Erde im All.
So kalt fühlst du dich bisweilen an Du Mensch mit Lederherz
Walter M. Stütz
Hättst du nicht gedacht, dass ich mit ner ganzen Schüssel Kirschen nach Hause komme, was. Früher hab ich die Kerne ausgespuckt (egal wohin), und meine Mam regte sich ganz schön auf. Hab also den einen oder anderen Kern dann runtergeschluckt. Und plötzlich, letztens, als ich da am Bahnsteig heranschleichen sah, hatte ich gleich das Gefühl, du wärst so einer von ihnen, von diesen Stillen, die mit wenig Worten auskommen, die ich runterschlucken will. Ich glaub, ich habs auch sofort gemacht, damit du mich nie wieder verlässt. Du bist mir nicht durch den Magen gegangen (das auch), eigentlich bist du links abgewandert in ein früher so verbombtes Gebiet: da hatte ich noch keinen Geschmack. Und nun, allmählich, spür ich wieder den Gartendreck unterm Fingernagel, das endlich Reingelebte – ich berühr dich so gern…
Willi van Hengel
Flucht aus den Ritualen und Zwängen ein Traumland lang.
Gelöst von den täglichen Ketten das Gewollte nur tun frönen dem Schönen frei sein nicht Marionette.
In einem Elysium der Illusionen.
Betti Fichtl
An diesen fremden ort, nahe ich, schlucht, ein schritt noch, ein näher, gewisse zeitlosigkeit beim flug, wie vom träumen in tränen. Dein gesicht als fußsohle. Ganz unten. Dann dein erstes gedicht. Die letzte tinte. Nere´ven. Seele. Gesicht umgedreht. Dem himmel entgegen. Eine strophe blut. Echt. Danach die beunruhigung der liebe. Wie damals. Als du abgestürzt worden bist. Es ist lange nichts im kopf und dann lange nichts zur verfügung, plötzlich alles auf dem papier. Ich gerinne ins bodenlose. Rede absurdes zeug. Hier drinnen. Wie da draußen. Kann also noch unterscheiden. Liebe die geilen göttinnen ebenso wie die schlimmen nervenkatastophen um mich herum. Kein schatten ist unbefleckt. Zungenfieber, wenn du alleine bist. Dein einmaliger herzverkehr. Dein boden unter den füßen. Fata morgana. Schwirrendes gefühl. Über den tag hinaus. In die nacht hinein. Südwindiges gehechel. Unbefleckte abneigung gegen deine vergangenheit. Dein gesicht schält sich ab vom jasminregen vom sonnenaufgang vom entsetzen der bunten finsternis. Verrat mir dein kleines geheimnis.
Francois Celavy
Die Türen öffnen sich in die Werkhallen in Staub und Lärm.
Hinter dem Glas wechseln die Jahreszeiten zum Hinblick.
Draußen sprudelt das Leben und wirft die freien abgezählten Augenblicke ab.
In den Hallen enteilt die Zeit und entlässt sind die blühenden Jahre vorbei.
Betti Fichtl
Herbst lässt die alten Bäume sich neigen zur klassischen Windmusik.
Getönt tanzen die Blätter nieder sammeln sich zum Buntlaub.
Vor dem Auftritt der weißen Gezeit.
Betti Fichtl
Wie in uns verwachsen, der verwehte Wille zur Wahrheit. Die neue Farbe des Schnees. Klar bleibt immer ein Rest an Bedingung. Aber ritz mir dennoch dein Wahrwerden in meine Rinde. Die Stelle unserer ersten Berührung, du weißt, dass ich das mit dem Atem zu zweit meine, punktet uns. Zwischen Fenster, Tisch und dem nie mehr Wegwollen. Verschweig/verzweig dich. Die Wahrheit lässt sich nicht einnehmen. Wir haben uns schon geliebt, da hockte der Hindurchwind noch im Tujagrün. Magst du dein Sommerkleid anziehen. Es klingt, wenn du davonschreitest. Dich dann umdrehst und mir dein Lachen schenkst. Verzweig dich in mein Schweigen und reiss mit mir aus, reiss mit mir die Gräser aus, die der Schnee beschützt.
Francois Celavy
Kreolische Nacht über den flüsternden Stunden.
Sie funkelt um uns von samtigen Schleiern und zählt nicht die Echos der Küsse.
Sie wird eine Erinnerung sein
Betti Fichtl
Wie wünsche ein wenig frierend. Bist du nicht auch schon manchmal hinter deiner maske gestorben, da lachte sie noch? Wolltest du nicht auch schon mal aus deiner haut heraus, ohne den schnitt zu wagen? Du hast dich nicht getraut, weil dir noch nie ein schönes wort über den weg gelaufen ist, das all deine schuld in sich aufsaugte. Wie damals die welt hinter den wolken. Wie bald die gehirnlandschaft zu einem see wird, wie mondschein die nacht anklagt und von sich abfällt, wie dein weißer kater schimpft und nicht mehr aufhören will damit, weil er so lange vor dem fenster sitzen musste. Hast du schon mal geklopft und das licht ging aus?
Francois Celavy
vergänglich und doch immer wiederkehrend mal erfrischend, beglückend in richtiger Menge zur richtigen Zeit mal beängstigend, bedrohlich in Unmenge, zur Unzeit und auch mal geräuschvoll schlafraubend im Sekundenabstand: tropf – tropf – tropf – fallend auf festen Grund.
immer wieder im unendlichen Kreislauf
Werner Bühler
„Guten Morgen mit 10 % Rabatt“, steht da auf einer bunten Beilage meiner Tageszeitung. Ich will die Werbung schnell verschwinden lassen, bin aber nicht schnell genug: die Allerbeste hat es gesehen. „Zeig her, was hast du da?“ Sie schnappt mir das Heft aus der Hand und liest mit lauter Stimme: “Wer früh aufsteht, hat mehr vom Tag und zahlt viel weniger mit dem Frühaufsteher-Rabatt für aufgeweckte Kunden.“ Der Gau ist eingetroffen: früh aufstehen, als Kneipier! Am nächsten Morgen um punkt halb acht jagt sie mich aus dem Bett und ohne Frühstück und Kaffee muss ich sie ins nahegelegene Mainzer Kaufhaus begleiten. „In diesen schweren Zeiten müssen wir schauen, wie wir mit unserem Haushaltsgeld zurechtkommen. Immerhin sind wir vier Personen und meine Mutter. Deshalb fahren wir mit dem VW-Bus. Und nimm viel Geld mit, die Kinder brauchen einiges und wir sollten uns auch ein paar Unterhosen leisten. Meine sind schon über zwanzig Jahre alt …“ „Ich habe keine an …“, versuche ich zu widersprechen. „Strümpfe brauchen wir auch und …“ Als wir auf den Parkplatz fahren, wundere ich mich, wie viele Leute „mitten in der Nacht“ schon unterwegs sind. Alles ist vertreten: Handwerker, selbständige Medienberater mit ihren weniger selbständigen Freundinnen, Friseure und Bademeister, jede Menge Mitbürger aus dem Abendland und vor allem viele, viele Senioren. Einer dieser Graulocken schnappt mir mit Karacho gerade meinen Parkplatz weg. Dieser Kukident-Rocker fährt mit seinem mittelschweren Motorrad ohne zu blinken auf den Busparkplatz, den ich mir ausgesucht habe. Auf dem Sozius hat er in einem pechschwarzen Lederanzug sein Enkelkind sitzen. Das erweist sich als ein Irrtum, denn als sie den Helm abnimmt, sehe ich, dass es seine Frau, Freundin oder seine Altersheim-Genossin sein muss. Ich wünsche den beiden Zweirad-Selbstmördern aus dem Gruselkabinett viel Regen und eine anständige Nierenbeckenentzündung und mache mich weiter auf die Suche. Im Inneren des Kaufhauses angekommen, fallen mir das dumme Gebabbel und dieses blöde Gegacker von Verona, dieser Spinatwachtel, als erstes auf. Werbung für Spinat aus der „Verdummungsanlage“ des Kaufhaussenders. Irgendwo heult einer los und macht Geräusche, als sei ihm jemand mit einem vollen Einkaufswagen in die Eier gefahren. „Die ganze Woche Frühaufsteher-Rabatt für unsere Kuuuunnndeeeeennnn …“ Ich zucke zusammen, halte mir die Ohren zu und werde kreidebleich, als die Erde bebt. Jetzt geht’s richtig los. Von hinten kracht mir einer mit seinem Wagen in die Waden und stößt mich mit dem Einkaufswagen in die Leiter. Der Handwerker fällt auf die Fresse und das Beben ist weg. Ich bin zufrieden. Der Elektriker nicht. „Kannst du nicht aufpassen, du Arschgesicht? Wie sollen wir mit dem Umbau fertig werden, wenn uns die Leute dauernd von den Leitern stoßen?“ Auf seinem ehemals kahlgeschorenen Kopf kann man das Wachstum seiner Haare beobachten, so einen Arbeitsrhythmus hat er drauf. Wo früher eine Glatze das Sagen hatte, schmückt ihn jetzt ein sauber nach rechts gezogener Scheitel. Rechts gezogene und nach links fallende Frisuren sind mir nicht koscher, vor allem der Blick „hart wie Kruppstahl“ verrät mir die Gesinnung dieses unter Spannung stehenden (auf)rechten Elektrikers. Dieser unterbelichtete Prolet verfolgt mich bis in die Wurstabteilung und kann nur von seinem Chef gestoppt werden. „Los, Adolf, an die Arbeit. Zack, zack! Du kannst am Feierabend deine Jacke anziehen, den Baseballschläger einpacken und mit deinen Genossen herumziehen, aber nicht während deiner Arbeitszeit. Wie sollen wir mit dem Umbau fertig werden, wenn du dauernd spazieren gehst?“ Ich ziehe es vor, den Wagen schnell in die Getränkeabteilung zu schieben. Die Allerbeste hat keine Zeit für meine Sorgen. Sie kauft ein wie im Rausch. „Schließlich sparen wir 10 %.“ Von was? Behutsam sondiere ich das Terrain. Menschen überall. Viele Menschen. Alte Menschen, die sich langsam durch die Regale kämpfen und nicht genau wissen, was sie eigentlich brauchen. Neben mir taucht das Renntalent vom Stellplatz auf, der mir mit seinem „Selbstmordinstrument“ den Parkplatz geklaut hat. „Schatzi, schau wie billig! Minus 10 %, das ist ja fast geschenkt. Komm, wir kaufen uns einen neuen Eierkocher, der alte ist gestern kaputtgegangen.“ Ob der alte Rocker das noch erlebt, bis seine Eier hart werden? Meine Waden knacken. Ein schick gekleidetes Yuppiepaar hat sich, mit seinem mit Sekt vollbeladenen Wagen in meine Waden gebohrt. Beide schauen durch mich hindurch und sie sagt laut: „Dass sie jeden Penner hereinlassen in diesen Laden, halte ich für eine Frechheit.“ Ich schaue sie an und muss ihr Recht geben. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Minus 10%. Ich werde mich bei dem Vorstandsvorsitzenden dieses Kaufhauses beschweren. Er hatte kein gutes Supermarktplanerhändchen. Der Abstand zwischen den Regalen ist nach dem Umbau noch kleiner geworden. Ob das mit der hohen Scheidungsquote oder den vielen Singles zusammenhängt? Eher mit den kaputten Familienstrukturen in diesem Land. In Spanien gehen die Großfamilien gemeinsam einkaufen und da brauchen die 16 Personen und acht Einkaufswagen viel Platz. Und jeden Monat neue, erholte Mitarbeiter … Die Allerbeste ist sauer. Sie hat mich überall gesucht. Sie hat die Arme voll mit mir unbekannten Waren. „Wo treibst du dich herum? Soll ich dich ausrufen lassen? Nie hilfst du mir! Wie soll ich günstig einkaufen, alles ordentlich in den Wagen packen und dich dabei im Auge behalten, damit du nichts Schlimmes anstellst. Du bist anstrengender als deine Kinder!“ Meine Waden bluten. Meine Ohren auch. Deshalb setze ich mich kurz in die Ruhezone. Eine nette Gebissträgerin schenkt mir ihre Zeitung. „In welchem Altersheim sind Sie?“ Diese Frage kann ich ihr nicht mehr beantworten, denn sie schnappt sich ihren Wagen und jagt mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Kasse. Während ich die 260 leckeren Rezepte studiere, höre ich durch die Hausanlage folgende Durchsage: „Herr Wolfgang Klein bitte zu Kasse sechs!“ „Hast du nicht gesehen, dass es schon fünf vor zehn ist. Willst du, dass wir unsere 10 % verlieren? Dann haben wir doch umsonst so früh eingekauft!“ „Das ist doch gut, wenn wir umsonst einkaufen.“Sie kocht vor Wut. „Und wir sind deswegen auch noch um sieben aufgestanden.“ Das leuchtet mir ein. Ich schaue mich um. Das Fachpersonal an Kasse sechs wird wahrscheinlich nie an einem Herzinfarkt sterben und die Schlange an dieser Kasse zieht sich bis zum nahen ZDF. „Das schaffen wir nie. Alles wegen dir. Da hat man einmal Gelegenheit, billig einzukaufen und dann versaust du einem wieder alles.“ Ich schmuggele den Wagen zu Kasse sieben, da ich gesehen habe, dass sie gerade öffnet und schneide den Yuppies mit dem Sekt die „Vorfahrt“. Den „Pisskopf“ überhöre ich und zähle glücklich die Leute vor mir. Eine Rentnerin, eine Hausfrau und der Motorradopa mit seiner Braut. Im Einkaufswagen haben sie zwei Flaschen Doppelherz und eine Flasche Eierlikör. Hat sich echt gelohnt der große Einkauf, sie sind glücklich, dass sie 10 % gespart haben. „Könnten Sie uns bitte vorlassen, wir müssen vor zehn an der Kasse sein, sonst verlieren wir ein Vermögen“, bettele ich sie an. „Junger Mann, da könnte ja jeder kommen …“, sagt der Held der Asphaltbahn und zeigt mir seinen schwarz gelederten Rücken. „Ich komme öfter. Und Sie?“ Es regnet. Wir haben es doch noch geschafft, heil aus dem Gedränge und Geschiebe rauszukommen und haben unsere 10 % Hürde auch noch gepackt. Ich bin stolz auf mich. Eine Minute vor zehn waren wir durch mit unserem superschweren Einkaufswagen. Als ich das Zeug in den Bus packe, höre ich, wie hinter mir jemandem ein Kasten Sekt vom Wagen fällt. „Scheiße, jetzt haben wir uns den ganzen Stress umsonst gegeben. Damit sind die gesparten 10 % wieder weg. Kannst du Trottel nicht aufpassen?“ Ich bin glücklich und zufrieden. Es sind die Yuppies. „Dass sie alle Penner hereinlassen in diesen Laden, halte ich für eine Frechheit“, sage ich laut zur Allerbesten und setze mich in den trockenen Bus. Langsam fahre ich an dem Kukident-Rocker und seiner Braut vorbei und sehe, wie ihnen das Regenwasser in die Stiefel fließt. Zufrieden sehe ich der Allerbesten in die Augen. „Du, Schatz, die 10 % Aktion hat sich gelohnt. Hoffentlich wiederholen sie das bald wieder.“
Wolfgang Klein
mit dem einen satz war der stolz ihrer maske vertrocknet. vom hineinbrechen. vom hindurchgehn. meine fingerkuppe hinter deinem ohr durchsichtig von der sonne rot gelb nichts. es hätte keine farbe sein müssen. es war kein beil im kopf. eine berührung allein hätte genügt die eine hand in der anderen und dann hätte man sich gehen lassen dürfen.
man sollte in jedem gespräch einen spitzen gegenstand im kopf haben. längst quereingeschlagen. am verquollenen blut bleibt dann vielleicht: ein rosenblatt hängen.
Willi van Hengel
Rubine schimmern auf den Tagflügelpaaren - den kleinen Szenen.
Ich schaue ihnen nach mit einem Lächeln.
Betti Fichtl
etwas, das ans entbehren erinnert, streift mich wie ein komet, macht mir aber nichts aus, weil mein eigentlicher vorname françois ist: mutter zeitlebens herbeisehnend, aber erst als ihr herz endgültig zerbrochen war; vater fiel tot vom rad (aber erst nach dem frühschoppen), vielleicht saß er schon tot aufm sattel. ihr habt so früh den löffel abgegeben, weil ihr wusstet, dass ich euch mit worten nur nerve. da könnte wahrheit drin stecken. die rochen eh so komisch von anfang an. da habt ihr euch lieber aus dem staub gemacht. tote haben es viel einfacher: sie sind blutverstecke, gefühl wetternde wendeltreppen, marmorne unglaubwürdigkeiten, gleiten fast ins lächerliche vor sich selbst ab: ich bin es aber auch, wenn ich so tue, als müsse ich leiden vor so einem verschmusten grab! mein ovaler kopf ist ein ovales labor. muss ich dir blumen auf die steinplatte legen? das habe ich mich noch nie gefragt. würd’ dir gerne meine ungeschriebenen blätter um die festgewordenen ohren legen, aber die hattest du ja schon immer, da lebtest du scheinbar noch und tatst so, als würdest du da sein. – wie gerne hätte ich daseyn früher schon so schreiben sollen/ypsilonisch. Ich glaube, jetzt hab ichs: ich bin als eine kleine seele auf die welt gekommen, habe mich euch ausgesucht und wollte nur ehrlichkeit. halbwegs zumindest! bin eines besseren belehrt worden und habe das gegenteil erfahren: die lüge der liebe: die seele wollte aber bei sich bleiben, und ihr seid alle gestorben: habt mich nicht ausgehalten. eure blutverstecke habe ich aufgedeckt, als kind schon, weil ihr wusstet, dass ich von der hässlichsten, aber zuletzt schönsten muse geküsst worden bin: da musstest ihr gehen, bevor ich euch eure lügen ins gesicht gesch(m)issen hätte: hätte ich nämlich. und nun torkele ich zwischen euren lügen und meinen halbwahrheiten herum. will nie wieder eine solche abart an zusammensein, wie ihr sie geübt habt beim alltäglichen kaffeetrinken: der hass blieb mir verborgen in der schwarzen brühe. Man nimmt alles wahr. ich hab mich euch ausgesucht als blutversteck: so wie es nicht sein soll. habt mich spüren lassen, was ihr denkt, fühlt, eure schreie, die ihr nie ausgeschrien habt, klingen heute noch in meinen ohren: bin immer noch euer erbe: euer affe. will keinen menschen um mich, will meine worte, die mich bestreiten, umgarnen, verletzen, aufschlitzen, in den arm nehmen, eindecken, ewig machen, unendlich ins meer schütten, rausschmettern, ich muss mich entleiben: es sind meine schriften, die mich vorbereiten. ich will mich vergeuden: es sind meine gefühle, die mich die längst verschüttete milch weitertragen lassen! es sind die tropfen auf dem boden, es sind die zettel, deren tinte gefleckt ist, ich trage meinen honig verklebt um mich herum, ich trage ihn nicht mehr um mich herum, verschüttet trotte ich/klebe ich an einem fleck es gedeiht gebenedeit verschneit mich ins offenbare, zwischen muße und herrlichem nachtgesang gefangen: ich bewahre mich in den milchsternen, ich flute mich im alleinsein, ich bleibe euch treu: weiß mein geflügeltsein/meine verflogenheit noch gar nicht zu genießen. es bereitet sich alles von allein vor/breitet sich alles aus, wie die decke, unter der ich mich eingewickelt/verdreht habe. Der große, glatte stein – aufrecht steht er da, ganz aufrecht, wie ein kleiner zinnsoldat – spiegelt ein bisschen himmel in mein gesicht, ein wenig sonne an guten tagen und hin und wieder ist es regentropfig in dieser hängematte zwischen erde und himmel. aber ich bleibe: mir treu.
Willi van Hengel
Zutrauen, stand da auf dem letzten Rest an weißem Untergund an der Bushaltestelle. Papierne Berührung. Der Stift in seiner Hand, das Wort in seinen Adern, die Welt in seinem Hinterkopf, viele würden es lesen und sich ein Gefühl zutrauen, über ihren Einstieg in den Bus hinaus, vielleicht noch bis an unendlich vielen Bildern in den Scheiben beim Entlangfahren hinein: immer wieder dieses Wort, das in schwarzen Lettern nur aufscheint, ohne mehr zu wollen. Selten gehört, selten gesehen. Es gibt Menschen, die sind einfach nur selten. Und dann begegnen sie anderen Gestalten, die mit ganz wenig Wasser kochen und schon gar keine Lust nie verspüren, ihre Rübe da hineinzuhalten, selbst ihr Mundgeruch macht ihnen nicht zu schaffen. Das Zweifelnde eines zweifelnden Geistes nehmen sie als gestört auf. Es widerspricht ihrer Widerspruchsauffassung. Wann zuletzt haben sie den Geruch einer verregneten Straße in sich aufgenommen? Wann zuletzt sich darin gespiegelt? Sie haben sich nur um ihren Schirm gekümmert. Weniger um ihre längst Verlorenheit. Um ihren vertrockneten Speichel. Um ihr Eintauchenwollen in diesen See aus Spiegeln. Mein Davonkommen dagegen. Obwohl auch ich nur eine Luftgestalt mehr bin. Meine Geringfügigkeit, Gehirnfädigkeit, mein Davontrauen – es taucht mich ständig in ein anderes Farbenmeer. Dieses Innen an Aquamarin. Es schmeckt.
Francois Celavy
wie im aschenbecher, verfrorene grauglut. sie tupft sich fast den letzten abqualm aus dem auge. besänftigt mich mit ihrem schönen mund. ich sehe immer nur ihr profil. sie sieht mich an. es blüht mir ins auge, träume später von ihr, so entscheide ich mich für eine liebe zu ihr ohne mich.
Francois Celavy
Im späten Frühling, Anfang Mai, vor der Badesaison. Ein sonniger, noch recht frischer Morgen. Die Luft schmeckt nach Schmetterlingen. Ein Mann mittleren Alters am schönen mecklenburgischen Ostseestrand auf dem Darß. Über den weichen Sand nahe am Wasser dahinschlendernd. Es ist früh am Morgen und so sind außer ihm nur ganz Wenige unterwegs. Ein Spaziergänger am Strand wäre nicht erwähnenswert. Wenn da nicht sein außergewöhnlicher Anzug wäre: Schwarzer eleganter Hut, mittelgroßer gefüllter Rucksack, hohe schwarze Schnürschuhe und in der rechten Hand ein Geigenkasten. Das ist alles, was er am Körper und bei sich trägt. Sonst ist er völlig frei von allen Textilien. Ein überraschter Liebhaber auf der Flucht vor dem Ehemann der Geliebten. Eben noch ist dieserWanderer in der Schönsten aller Welten. Er vertraut blind auf die Zusicherung Elviras: „Mach Dir keine Sorgen, Liebster. Eduard ist weit weg und kommt frühestens übermorgen wieder“. Er fühlt sich sicher. Das irdische Paradies liegt vor ihm. Er kann es in vollen Zügen genießen. Nichts hält sie beide davon ab, in ihrer ungestörten Zweisamkeit die ganze stürmische Gefühlsklaviatur lustvoll durchzuspielen. Die Zeit scheint still zu stehen. Der Alltag ist meilenweit entfernt. Doch was ist das? Mitten hinein in ihre entrückte Traumwelt platzt das unerwartete Geräusch: Schließversuch im Haustürschloss, gleich darauf energisches, ungeduldiger werdendes Klingeln. Sie zischt: „Eduard“! Du musst hier weg, hinten durchs Fenster.“ Unbarmherzig rasend schnell hat ihn die Wirklichkeit beim Wickel. Zum Glück ist die Sicherheitskette der Haustür eingelegt, das verschafft Vorsprung. Blitzschnell sind beide aus den Wolken zurück auf die harte Erde und er rafft in höchster Eile das Nächsterreichbare. Für Überlegungen bleibt keine Zeit. Blindwütig greift er um sich, schnappt einen Hut, stopft einen Rucksack voll mit vermeintlich Anziehbarem, springt in herumstehende Schuhe und packt zuletzt noch einen Griff an einem kofferähnlichen Behälter. Das alles in Sekundenschnelle, keine Zeit mehr für einen Abschiedskuss oder eine letzte Umarmung. Nur weg hier, bevor der Berserker herein kommt. Er hetzt durchs Fenster, hört noch das kräftige Organ Eduards und die liebliche Stimme Elviras, der nun wieder fürsorglichen Ehefrau: „Eduard, mein Lieber, Du bist wieder da. Mit Dir habe ich so früh nicht gerechnet. Du wirst müde sein.“ Er, Robert, ist fürs erste gerettet. Mit wenigen Schritten ist er am Strand und erwacht wie aus einem Traum. Die Kühle des Morgens tut ihre Wirkung auf seinen überhitzten Zustand. Er kommt allmählich zur Ruhe und zu sich selbst. Erst einmal wenigstens räumlichen Abstand gewinnen. Eine liebhaberische Meisterleistung ist ihm mit dem blitzartigen Wechsel aus der Gipfelhöhe der Gefühle gelungen, mit heiler Haut direkt in der harten Realität, aber auf dem weichen Strandboden, anzukommen. Seine Nacktheit ist am Strand für Freikörperkultur normal und unauffällig. Doch er muss ja wieder bekleidet unter Menschen. Bei der Betrachtung seiner Mitbringsel wird es ihm mulmig. Hut und Schuhe passen und gehören ihm nicht Der längliche Behälter stellt sich als Geigenkasten heraus. Wahnsinn! In seiner Aufgeregtheit hat er ziel- und sinnlos zugegriffen. Der ebenfalls fremde Rucksack wird ihm unheimlich. Was mag er da nur reingestopft haben? Zu gern würde er ihn sofort aufreißen, etwas finden, um sich anzuziehen und wieder unter Menschen bewegen zu können. Er traut sich nicht hineinzusehen und schiebt den Entschluss hinaus. Was er jetzt braucht, ist ein klarer Kopf und ruhige Überlegung. Er kommt zu dem Schluss: Mit seinem gebräunten Körper und irgendeinem Stofffetzen aus dem Rucksack, notfalls als Lendenschurz, lässt sich ein Weg aus dem Paradies zurück in die Normalität finden. Einer schönen Frau in die Arme zu sinken, das ist das eine. Dem wütenden Ehemann splitternackt in die Hände zu fallen; davor hat ihn seine und Elviras „Wendigkeit“ bewahrt.
Johannes Bildau
Da Schorsch, a Beamta aus Minga Mei, hod der gepflegte Finga Zum awad'n hod a zwoa linke Händ' Drum hockt a im Büro rum und pennt
Da Sepp, dea awad auf 'm Bau Danach schaugt a imma aus wia a Sau Der arme Hund muass se wirkle plong O'ms um zehne braugst den nix mehr frong
Im Winta fahrt da Schorsch nei in de Äup'n Und tobt se aus in da Langlaufloip'n Ea schind se ab, der dumme Mo Dass a auf d' Nacht nix mehr o'stoin ko
Ganz andas is beim Sepp Der sogt se, i bin doch koa Depp Dea lasst im Urlaub olle Viere grod sei Bloss zum abkühl'n schpringt a ins Meer nei
Mancha, dea se 's ganze Johr von da Awad druckt Dea weagld in de Ferien wia varruckt Da Weagla dageng boizt se liaba mit sei'm Wei Und lasst an Herrgott an guad'n Mo sei
Hermann Bauer
Es war ja fast schon eine Selbstbegrüßung. Wir wollten doch nur durch den Sand uns noch einmal spüren. Du warst so feinfühlig. Mein Papier. Deine Haut. Übereinandergelebt waren wir plötzlich nicht mehr dieselben. Wohin? Wildtaubenblätter, viel fröhlicher als jemals flammend. Dein Messerschnitt tat mir gut. Du bist halt nicht mehr als ein Stück der Torte, die dich zungenschmachtet. Wann leckst du dich endlich davon?
Francois Celavy
Die alte Frau saß auf ihrem Stuhl und versuchte zu stricken.
Es wollte ihr nicht gelingen. Ihre Gedanken schwebten durch Zeiten und Räume die ihr einst Leben und Heimat waren.
Du meinst sie blickt zurück aber sie ist der festen Auffassung dass gerade ihr erstes Kind geboren ist.
Und Babys brauchen Jäckchen und Mützchen und Söckchen.
Hilf ihr doch. Zeig ihr ein Foto von dem Baby. Vielleicht erkennt sie das Strickmuster auf dem alten Bild wieder.
Mary West
hast du dich noch nie in ein wort verliebt? in eine heiße welle zwischen den buchstaben? bist du immer nur den geraden weg gegangen, mit vergessen, verdrängen, verloren schon lange, ohne es aussprechen zu dürfen. die welt ist doch schon lange zerbrochen. findest du (sie) nicht? als ich ihr herz ablecken wollte, ging die tür auf. ein abendrotes gesicht blickte auf uns hinab, mitten in uns hinein, oder mehr noch, mitten durch uns hindurch. es war wie ein abendkleid, das den heimlichen schnee auf ihr zerrieb. wieder röte. die schmerzlustweiße verwehung. es strampelten ihre lippen hin und her. für einen moment waren sie über dem wort hinaus, kurz traten sie auf mein hinhörn und erstickten es mit einem roten herz auf der wange. es war wie ein purpurner blutfleck.
Francois Celavy
Ein Medaillon an einer goldenen Kette entzündet mit einem kosmischen Feuer aus Deinen Händen trage ich an mir.
Ein Talisman durch meine Zeit.
An Isis
Betti Fichtl
Was ich fühle nennt man Sehnsucht Was ich spüre nennt man Einsamkeit Was ich wünsche ist nur deine Liebe Was mich quält ist die verlorene Zeit
Was ich höre klingt aus weiter Ferne Was ich träume ist schon lange her Was ich sehe sind nur fremde Sterne Was ich will ist deine Wiederkehr
Rastlose Gedanken wie graue Wolken Fliegen in die Ferne und suchen dort nach dir Ruhende Felder und kahle Bäume Längst bist du nicht mehr bei mir
Hermann Bauer
Stirbsehnsucht, sagte Ava heute plötzlich. Doch es hat keiner gehört. Denn die beiden Perlen am Herd in der Küche mit den nurschönen Gesichtern waren so mit ihrer gelborangenen Suppe beschäftigt, dass sie immer lauter wurden, je lauter das Wasser kochte. Ich nickte ihr nur zu. Mit einem Lächeln, das genau so verschwiegen war. Doch Ava sah traurig zurück. Durch mich hindurch. Ich konnte sie nicht einfangen, egal welches Lasso ich ausgeworfen hätte. Da fühlte ich zum ersten Mal deine Ohnmacht, Leonhard, wenn ich so drauf bin und von meiner Belösung rede; eigentlich müsste es ja b.lösung heißen, also irgendwas mit besoffen oder betroffen oder besonders oder blöde, du weißt besser als ich, was ich meine. Also lass dich nicht unterkriegen von meinen abgeschnittenen Fingernägeln, die ich heimlich auf deine Couch flitschen lasse: irgendwann piekst dich was, und du erhebst deinen müden Körper und entdeckst die Ursache, was dich immer schon genervt hat. Du nimmst ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und biegst ihn etwas hin und her - und plötzlich geht dir auf, dass es mein abgeschnippter Fingernagel ist. Da sind mir lange schon ganz lange neue nachgewachsen, ebenso wie die verflausten Wörter im Kopf, die ich nie loswerden werde, schrecklich, schön, ich spürs, das einzige, was mich am Leben erhielt, damals schon, weißt du noch, als du uns einen letzten Baileys bestellt hast, es wurde schon hell, wir hatten mit nichts was zu tun, die Welt war plötzlich nur ein einziger Moment, und nun wachen wir sofort auf, wenn uns morgens die erste Weiße im Bett erwischt. Damals konnten sie uns alle mal. Und ich weiß, dass sie mich das bald wieder können. Heute - zwischen Avas Stirbsehnsucht und meiner mich umarmenden Ohnmacht - sagte Wojtek, die polnische Wildsau, dass er es mit 27 verloren habe, und Wittgenstein antwortete fast leidenschaftlich, dass es bei ihm mit 29 gewesen sei: Leichtsinnsverlust, verstehst du? Alles ist in diese Zwischensilbe verschwunden: leicht/sinn/lust. Die farbige Suppe bruzzelte weiter. Und die anderen standen da und taten so, als hätte keiner von uns nie ein Wort gesagt. Außer Ava natürlich. Die lächelte nur. Allein mit ihren Augen, die eigentlich immerzu lächeln.
Francois Celavy
Ein verblasstes Foto von ihr ist mir geblieben Neben Erinnerungen an eine schöne Zeit Diese Briefe hast du mir einst geschrieben Doch deine Liebe dauerte keine Ewigkeit
All die Brücken hinter mir sind längst eingefallen Es gibt keinen einzigen Weg mehr zurück In den Flammen brennen nun deine Briefe Zu Asche geworden ist auch mein ganzes Glück
Ich muss nun versuchen Dich zu vergessen Ich gehe deswegen Auch fort von hier
Alles kann ich zerstören Und alles verlassen Nur nicht die Gedanken Und diese Sehnsucht nach dir
Hermann Bauer
wollte dann doch nicht dieses täubchen im heiligenschein näher an mich herankommen lassen. man hat mir immer verboten, mich zu vergessen. invagination. wie wenn man eine styroporplatte zerreibt. schnee auf vernunft. Beides plastik. wochenlanges herumtragen einer gehirnlandschaft, die irgendwann an einer kleinigkeit zerbricht. einem weltuntergang vielleicht. einem wort also. der seufzer beim hinabsteigen. dann allmähliches nervenkostüm, das zerreißt, löchrige metaphysik: es gibt immer noch etwas hinter dem fleisch. sonnenblumendreh nach dem einen gelben punkt. ein gezüchtetes, gezügeltes leben: ein ungezähmter unzähmbarer schmerz im rücken: ein zerfleischungsprozess. alles ich. und dann mein dunkelrotes hemd. es versteckt mein blut. wasche es mit meinen worten aus, bis die japanische kirsche aufblüht an diesem einen heiligen tag, dieser sich wiederholende traum, diese blume, die sich schaumverschmiert den mund an mir abwischt. es war noch nie vergangenheit.
Francois Celavy
Ich sehne mich nach Haus zurück Dort, wo ich meine Kindheit verbrachte Dort, wo ich spielte, sang und lachte Wo die Vögel meine Freunde waren Was Grillen zirpten, wollte ich erfahren
Oft saß ich nachts am Fenster Schatten huschten wie Gespenster Und dahin sehne ich mich zurück
Ich sehne mich nach Haus zurück Doch meine Sehnsucht ist nur ein Traum Ich kann niemanden mehr vertrau'n Enttäuschungen fielen über mich her Das Zuhause des Kindes gibt es nicht mehr
Ich muss nun auf neuen Wegen geh'n Die Wolken werden mit mir zieh'n Vielleicht haben sie das zuhause geseh'n
Hermann Bauer
Mein bedingungsloses Wortsein. Ich zu viel – du zu wenig. Ich hab nie gespürt, dass wir uns dazwischen retten wollten. Wir ließen es darauf ankommen. Und nun haben wir den Salat. Er schmeckt so verdammt gut. Ohne Verlangen. Du fragst nicht mehr nach Salz – und plötzlich fällt auf: auch nicht mehr nach einer Gabel. Bekommst einen Aufschrei ins Ohr gehämmert, nimm die Gabel, iss anständig … wo hat sich das Leben die ganzen Jahre versteckt, warum wollte es sich in deinen Träumen nicht wiederfinden, hast du jemals Briefe bekommen, die du jetzt noch suchst? Ich schreib dir weiter: es schrägt/schwebt. Ich liebe deine Windmühlen, die dich zermahlen haben. Wir leben jetzt in der Nähe von New York.
Francois Celavy
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Es muss gegen 3.00 Uhr morgens gewesen sein. Um nicht im Bett rumzuliegen, stand ich auf und stieg leise auf Zehenspitzen die bei jedem Schritt knarrende Treppe hinunter. Vorbei an den Zimmern der anderen, die im ersten und zweiten Stock des alten Hauses schliefen. Ich setzte mich mit einem Glas Wasser an den großen, alten Tisch, der den Mittelpunkt des weitläufigen Raumes darstellte. Ich wählte den Platz, von dem aus ich am besten hinaus auf das Meer schauen konnte, soweit man in der Dunkelheit überhaupt etwas erkennen konnte. Das Haus selber trug draußen an der Wand unter dem Dachfirst die Jahreszahl 1904; ich hatte am ersten Tag zu den anderen gesagt, dass der Tisch wohl mindestens genauso alt wäre, so viele Kerben und Schrammen hatte er. Ich strich in Gedanken über die große Delle an der Seite des Tisches. Dann stand ich auf und öffnete die Fensterläden des großen Fensters, damit ich über die große geschwungene Meeresbucht hinweg auf die Lichter der Altstadt blicken konnte. Mir fiel auf, dass sie wesentlich spärlicher beleuchtet war als in den anderen Nächten. Auch die lange Promenade wirkte fast finster. Ansonsten unterschied sich diese Augustnacht in nichts von den vorherigen Nächten. Ich rekapitulierte gerade unsere Diskussion über den Irakkrieg, die wir tagsüber geführt hatten, als ich plötzlich aufhorchte. Von der Straße auf der anderen Seite des Hauses war der Lärm von Motorrädern und LKWs zu hören. Ganz ungewohnt kam mir das vor. In diesem Augenblick ging die Tür des Raumes auf. Ich drehte mich um, ich war gespannt, wer außer mir nicht schlafen konnte. Ich erstarrte: zwei mir völlig fremde Personen betraten wie selbstverständlich den Raum. Sie kamen direkt auf den Tisch zu, an dem ich saß. Der Mann war um die 70 Jahre alt, er trug einen buschigen fast grauen Schnurrbart. Die Frau war mit einem altertümlichen Kleid bekleidet. Ich wollte aufstehen und irgendetwas sagen, da war es mir, als würden die beiden mich gar nicht wahrnehmen. Was war denn los? Ich blieb einfach am Tisch sitzen. Der Lärm draußen wurde lauter, die Tür sprang auf und ein junger Mann, eher ein Junge, nicht mal 20 Jahre alt, hetzte in den Raum. „Sie wollen mich holen! Ich habe mich den ganzen Tag versteckt und bin nicht zu dem Sammelpunkt gegangen!“ Lautes Hämmern gegen die massige Haustür erklang, dann stürmten drei Soldaten herein. In deutscher Wehrmachtuniform, wie mir aus irgendeinem Grund klar war. „Mitkommen! Sie da!“ Einer der Soldaten zeigte auf den Jungen, der auf die gegenüber liegende Seite des Tisches geflüchtet war. Die beiden anderen Soldaten eilten auf ihn zu und packten ihn an den Armen. Er versuchte, sich den Griffen zu entwinden, da schlug der Wortführer mit dem Gewehrkolben zu. Er verfehlte den Jungen und traf mit voller Wucht die Tischkante. Im nächsten Augenblick hatten sie den Jungen überwältigt und waren mit ihm durch die Tür verschwunden. Draußen startete der LKW mit heulendem Motor und brauste davon. Die beiden Alten starrten sich an. „Sie haben Eric mitgenommen“. Die Frau fiel auf einen Stuhl und deutete auf die Zeitung in französischer Sprache, die auf dem Tisch lag. „Alle männlichen Bewohner zwischen 16 und 45 Jahre von Saint Malo haben sich am 5. August um 10.00 Uhr vor ihren Häusern mit leichtem Gepäck aufzustellen...“ Wo war ich, was ging hier vor, warum sah mich niemand? Ich blickte noch einmal auf die Zeitung, genau genommen auf das Datum: 5. August 1944. In diesem Augenblick donnerte es draußen. Aber es war kein Gewitter. Ich erkannte Flugzeugmotoren, laut wie ich sie nie gehört hatte. Scheinwerfer über der Festung erleuchteten den Himmel, Häuser explodierten, überall begann es zu brennen. Wieder wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann in meinem Alter rief in den Raum hinein: „Die Bomber sind wieder da! Wir müssen in den Keller. Allez vite! Kommt mit!“ „Sie haben Eric mitgenommen“, sagte die Alte tonlos beim Aufstehen. Eine Explosion erschütterte das Haus. „Was?!“ Der Mann wurde mit einem Schlag völlig weiß im Gesicht. „Trotzdem. Kommt in den Keller!“ Ich war wieder allein im Raum. Die Schritte auf der Treppe verhallten. Eine Explosion folgte der anderen. Überall waren Feuer zu erkennen. Sirenen heulten. Ich nahm die dunkle Rotweinflasche, die auf dem Tisch stehen geblieben war, und trank sie mit einem kräftigen Schluck leer. Jahrgang 1943... Dann stellte ich die Flasche, keine Ahnung warum ich es tat, auf ein kleines dreieckiges Regal, das neben dem Kamin in der Ecke des Raumes in einiger Höhe angebracht war. Ich ging zum Tisch zurück und nahm mir einen Stuhl. Ich schloss die Augen, setzte meine Ellenbogen auf den Tisch und stützte meinen Kopf auf meine Hände. Wie würde diese Nacht weiter gehen? Was würde ich im Keller finden, wenn ich mich trauen würde, hinter den Leuten her zu gehen. Mit der linken Hand befühlte ich die tiefe Scharte, die der Soldat mit seinem Schlag verursacht hatte. Mit einem Mal war alles ruhig. So, als wenn man einer Musikanlage den Strom herausgezogen hätte. Langsam öffnete ich die Augen: die Strandpromenade war wieder hell beleuchtet. Die Festungsmauern der Altstadt waren von Scheinwerfern angestrahlt. Alles war so friedlich, als wäre es nie anders gewesen. Ein Traum! Das war es! Es muss ein Traum gewesen sein. Ich stand auf und ging zum Fenster. Ich atmete die Augustnachtluft ein und blieb ein paar Minuten so stehen. Dann sah ich mich im Raum um. Mein Blick fiel auf eine alte Weinflasche, die völlig verstaubt auf einem kleinen Regal stand. Ich starrte sie ein paar Augenblicke lang an. Noch einmal ging ich zum Tisch und fuhr mit der Hand über die Kerbe entlang. Dann löschte ich das Licht und schlich wieder nach oben ins Bett.
Wolfgang Bremer
(für Jacqueline)
Wir liebten uns aus den Augenwinkeln heraus. Gleich im ersten Licht. Blut fehlt dir in den Adern. Du bist so schön weiß. Deine Haut darf ich nicht berühren, auch nicht mit meinen heimlichen Blicken. Du erwischst mich andauernd. Lächelst dann. Etwas kalt zwar, aber so bist du halt. Dein Schild. Glänzend unter deinen Lidern/Schatten, ein Nest an getrübten Ungetrübtheiten: du schwitzt in deinem Witz genauso wie ich, komisch, nicht wahr? Hab dir meine Theorien erzählt: etwas aufgebläht, ich weiß. Hab damit aber vielleicht einige Kerzen angemacht, die ich zwischen uns sah/mich blenden. Wir könnten jetzt was essen gehen. Wie andere. Wieso tun wir es eigentlich nicht? Nur weil wir kein nahverschwitztes Gedächtnis wollen, das sich in die Haut einreibt, einsabbert, wie allüberall, wollen das nicht, wollen das was nur neben den Wörtern, die wir nie aussprechen, aber dennoch aufklatschen in unsere andere Welt, dort innen, dort irgendwo, es duftet nach Hollunderzweigen, die ich dir gerne unter die Nase halte. Manchmal überlebt allein der Verzweiflungszustand. Aber auch das ist nicht schlimm? Wir werden nie viele Gabeln und Löffeln haben, wir werden nie viele Himmel rühmen oder anbeten, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben, wir werden uns nie anders berühren als in deiner weißen Haut. Du liebst die Sonne nicht, und auch das mag ich an dir. Ich liebte dich vielleicht anders, wenn du aus dem Schatten kommst. Lieb dich von mir weg. So bleiben wir verklebt: es war kein Tuch da, das unsere Nähe trocknete. Aber da war noch was. Was anderes. Aber das hat noch keine Sprache: hätte ich davon nur etwas geahnt. Die Schöne eines Menschen zeigt sich darin, dass er sich nicht mehr verheimlichen muss. Ich schreibe mich in die Nahverzettelung. Weil ich dich oft bei mir habe/hebe. Es gibt noch keinen Ort. Und wenn, dann will er wohl unentdeckt bleiben. Ein Nicht-Ort mit davon galoppierenden Gefühlen, in Wolkenfächern vor meinem Fenster. Vor allem, wenn’s dunkel wird.
Francois Celavy
Ist wohl so – denke ich bei dem Blick in den Spiegel. Die grauen Haare, fast weiß sehen sie aus!, werden immer mehr. Macht bald keinen Sinn mehr, sie einzeln raus zu schneiden. Eher lächerlich, wenn mich jemand dabei sehen würde. Und die Falten sind nun auch mal da. Ich sehe die „50“ leuchten, nicht mehr ganz hinter dem Horizont. Ich lasse den Spiegel Spiegel sein und trete hinaus auf den Balkon; die frühe Wärme und die Sonne umfangen mich sofort. Die Sonne ist erst ein wenig über die Berge aufgestiegen, kein Mensch außer mir ist auf. Eine unvorstellbar klare Luft für die Verhältnisse eines Großstädters. Das Meer in seiner endlose Weite unterhalb von mir. Ich kann heute die Vulkanberge genau erkennen – auch die Nachbarinsel ist aus dem Dunst heraus getreten. Vor zwei Tagen bin ich angekommen; gestrandet, hatte ich mir selber gesagt, denn noch mal zwei Tage zuvor hatte ich noch nichts von meiner Reise geahnt. Ich saß nachts zuhause vor dem Internet und brauchte etwas für eine brachliegende Woche im März. Ein paar Klicks, eine Entscheidung, die durch etwas Wein leichter gemacht wurde, das Packen meiner Sachen, ein Viereinhalbstundenflug – und ich fand mich hier am Strand wieder. Iich reiße mich von dem Anblick los und mache mich auf den Weg zum Frühstück, irgendwo draußen in einem der unzähligen Cafés, wohl wieder unter lauter Engländern, die es hier haufenweise gibt. Immer noch besser als zu viele eigene Landsleute, denke ich. Ich finde schnell einen Platz an einem kleinen Tisch, an demselben wie gestern, stelle ich zu meiner Verwunderung fest. Ich hielt mich immer für so außerordentlich flexibel und offen für Neues... Ich bestreiche gerade mein Baguette mit Marmelade als es geschieht. Es knallt wie verrückt. Das heißt, eigentlich geschieht überhaupt nichts, nur in mir drinnen, für keinen sonst erkennbar. Vielleicht aber für sie?! Das hatte ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Da geht eine Frau vorbei und in meinem Kopf explodiert eine Bombe. Eine Atombombe. Im nächsten Augenblick ist die Frau vorüber, in Zeitlupe und Schnellvorlauf in einem. Ich schaue bekloppt vor mich hin. Dann bestreiche ich weiter mein Brötchen und beginne zu kauen. Es war keine der jungen Frauen, denen ich sonst immer hinterher sah, sie war wohl so alt wie ich selber. Die schwarzen Haare nicht mehr nur schwarz. Das Gesicht nicht ohne Falten. Aber: hatte sie mich überhaupt wahrgenommen? Mich, einen von zig-tausenden Touristen, die hier im Akkord Urlaub machen? Nach dem Frühstück bekomme ich meinen Leihwagen, ich werde zwei Tage Zeit haben, diese Insel zu erkunden. Die Insel der Kleinwagen, gespickt mit Touristen wie Oliven mit Mandeln. Noch einmal! Ein Beben auf höchster Skala! Ich bin ihr erneut begegnet, und wir haben miteinander gesprochen! Sie auf Spanisch, ich auf Deutsch-Englisch-Französisch-Hand-und-Fuß. Aber ich habe es geschafft, sie hat mir ein Hemd verkauft! Und sie hat dabei gelächelt. Sie hat mich angelächelt! Mir eine Einkaufstüte gereicht. In dem Blick dieser Frau habe ich mich selber gesehen. Dieser Blick dauerte stundenlang, die laute Musik in dem Laden verstummte augenblicklich. Ich habe mich in ihren dunklen Augen gesehen: meine Falten, meine grauen Haare, meine Jahre. Ein Spiegel! Dieser Blick in ihre Augen war wie ein Blick in einen Spiegel. Die Kargheit der Insel mit ihren Vulkanen und Lavaebenen hatte sich für mich bereits auf meiner Autofahrt in eine berauschende Schönheit verwandelt. Und nun verwandelte sich das Gesicht einer Fünfzigjährigen in einen Palmengarten, in das tiefblaue Meer, in rotbraune Berge. In diesem Augenblick sah ich glasklar deutlich vor mir, dass ich mit dieser Frau irgendwann gemeinsam in einen Spiegel blicken würde. Zwei Gesichter nebeneinander, zwei halbe Leben. Ich beschließe, an diesem Tag nichts weiter zu tun als allein im schwarzen Sand zu sitzen und die Vulkankegel anzuschauen. Und mir heute Abend noch ein Hemd kaufen zu gehen.
Wolfgang Bremer
hättste mir vorher gesacht, dass du nur meinen nachwortartikel willst, bei dem du in ruhe einschlafen kannst, hast dich wenigstens nich rumgedreht wie früher die verschlissenen fittiche, der hals von dir war irgendwie doch keine salzmontur.früher wär ich beleidigt, heute weiß ich, dass es nicht fiel gebracht hat, lesen und schreiben zu lernen. wenn man als kind schon vögeln könnte, sagte ich du deiner mia, da wären die heiligen fiel äher verregnet.sagte ich nur zu ihr, und sie stieg voll drauf ein. komm rein, willste einen kaffee, komm rein, endlich sprach wohl einer ihre seele an.tut auch alles – umsonst.mit bindestrichen und dem ganzen kram hab ichs eigentlisch nich so. weißt du. Und als letztens meinfreund reinkam mit neuen vorhängen, da stand er da wie ein kleines kind, da dachte ich nur: häng die behanglosigkeit doch auf, wenn du willst, mir wegen nich.Auf der leiter dachte er bestimmt, dass ihm nachsteig…
Fransois Celavy
Ach Mütter, wie schütter (Mutter, alles in Butter) Heute dickes Gedenken mit Liebe und Freude schenken ... im Gedächtnis Verehrung Verkehrung, ach Mutter mein wie oft gestorben sein Um aufzustehn und widerstehn der Mühen Last zu wandeln umzudrehn Ins Leben fein um das zu sein dem Manne und den Kindern Liebste Mutter dein Doch Mai dein Herze sei und schlägt ein ganzes Leben neu doch nicht vergebens auch wenns zumalen ganz so scheint. Die Sonne stirbt nicht geht nur unter wieder auf wie du mal blühst dann wieder welkst Am Morgen bis zum Abend wächst und sorgst versorgst wenn du gut bist nie mit halbem Herzen sonst gibt’s Schmerzen... Am Ende, bedenke, ohne uns gäbs keine Menschen, Adam und Eva, ach Mutter EVA, Welchem Kinde warst du gleich noch hold ...!?
Walter M. Stütz
„Das Leben ist ein Kampf, ein täglicher Kampf! Hören Sie auf mich! Ein Kampf! Es geht nicht anders.“ Der alte Mann blickte mir voller Eifer in die Augen. Selbst seine Augenbrauen waren mittlerweile so weiß geworden wie der Rest des ihm verbliebenen Haupthaares, stellte ich fest. Ich hatte ihn einige Zeit nicht gesehen. Ich hatte gewagt zu sagen, dass das Leben in erster Linie doch wohl dazu da sei, Spaß zu haben und Dinge zu tun, die einem liegen, die man gerne macht. Das ganze spielerisch anzugehen. Damit hatte ich augenscheinlich in ein Wespennest gestochen. So hatte ich ihn noch nie erlebt, und ich kannte ihn bald seit zehn Jahren. „Alle anderen sind Gegner! Keiner gönnt dem Anderen etwas, wenn er es selber haben könnte. Worum geht es denn wirklich? Ich habe immer gearbeitet; Arbeit hieß für mich, andere dazu zu beeinflussen, das zu tun, was für mich selber hilfreich ist. Macht! Darum geht es doch. Soviel Macht wie möglich. Dann macht es Sinn! Das ist ein erfolgreiches Leben! Sie wissen, dass ich immer so gelebt habe. Dass meine Frau sich von mir getrennt hat – nun, man muss Schwerpunkte setzten. Eines geht nur - wenn sie sich nicht der Sache unterordnen will... Klar, Sie wissen auch, dass es mich bedrückt hat, dass ich fast jeden Kontakt zu meinem Sohn verloren habe. Aber schauen Sie, ich habe erneut geheiratet. Als vermögender Mann mit Einfluß war das nicht schwer. Und: sie ist fast 20 Jahre jünger als ich, das ist doch auch etwas, sage ich Ihnen; Sie wissen was ich meine... Und eines noch: Ich habe nie gespielt! Das ist Zeitverschwendung! Nur gewettet habe ich, das sehr gerne, wenn das in Ihren Augen Spielen ist. Und dabei habe ich immer gewonnen! Je eine Flasche Moet Chandon, das ist meine Wettwährung. Spieler, das sind doch Träumer, das sind die Schwachen! Es geht doch um die bestehenden Dinge. Ich brauche keine kreativen Denker, die Neues erfinden wollen. Wenn ich alles habe, was besteht, habe ich genug. So viel wie irgend möglich zu bekommen. Es den anderen wegzunehmen. Tödlicher Ernst ist das. Da können Sie mir nicht mit Spielen kommen!“ Die Situation nahm langsam etwas Absurdes an; er blickte mich hartnäckig aus seinen kleinen eingesunkenen Augen und dem faltigen Gesicht an. Wenn ich etwas sagte, neigte er seinen Kopf immer ein wenig zur Seite und gleichzeitig mir entgegen, damit sein Gehörgerät guten Empfang hatte. Wir standen immer noch an Eingang der Tiefgarage der Firma. Meiner gegenwärtigen, seiner ehemaligen. Man hatte sich vor ein paar Monaten von ihm getrennt. Sein Machtwahn hatte schließlich keinen anderen Ausweg mehr gelassen. Hier stand er und hielt mir seine Rede. Als wäre nichts gewesen. Klein ist er geworden, dachte ich, und: ich muss nun langsam los. Noch einmal rief er mir hinterher, als ich schon einige Meter gegangen war: „Denken Sie daran: Das Leben ist ein Kampf!“ Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Kurz darauf las ich seine Todesanzeige in der Zeitung. An dem Abend unserer letzten Begegnung bin ich mit Freuden zum Bowling gegangen.
Wolfgang Bremer
so fein, wie du in mich hineinschaust, hab ich mir immer schon die augen gewünscht, auf die man sich abends freut. du liest mich wie kein anderer. obwohl dir die sprache ausgeht. wie lange kennst du mich nun schon? dieses nicht-aus-sich-heraus-können – gemeinsam mit dem nicht-aus-mir-heraus-kommen-wollen: unser spaziergang am rande der saale, weißt du noch, als uns das wasser ins hirn stieg… bis ins herzschlag-finale. "wollen" haben wir immer so verstanden, dass keinen freien willen gibt. lebenslust und todessehnsucht. wie hast du dich gewehrt, damals auf deiner flucht. die demut. die nicht ins blut eingehende gleichgültigkeit. leidenschaftlich sein wollen. mit allen konsequenzen. doch die freiheit. gegen den "eigenen" willen. also der abstreit gegen die ureigene grammatik. mehr geht nicht. behaupte ich jetzt einfach mal so. deshalb, wie von dir philigran erwähnt, das zucken der wörter an sich selbst entlang: mit einstichen wie wenn's poren wärn. einem so feinen geist wie dir brauche ich für deine fliederreinen worte nicht zu danken. von herzen. von deinem herzen. und da sind fingerspitzen/plötzlich wird alles so ehrlich.
dein francois
„Ökö? Also, zu Öko fällt mir gar nichts ein. Was soll ich dazu sagen? Ich weiß nicht, ob ich einer bin. Ein Öko, meine ich. Doch, ich esse fast nur noch Bio-Sachen, stimmt. Weißbrot kommt bei mir nicht mehr auf den Tisch. McDonalds ist völlig out – bis auf einen Salat manchmal oder wenn ich dringend ein Klo suche, die sind immer gut da. Oder Kaffee und Croissant, da kann man ja nicht viel falsch machen. Im Supermarkt nur noch Bio-Bananen, wenn sie nicht viel teurer sind als normale. Man weiß ja eigentlich sowieso nicht, ob da nicht doch gespritzt wird, oder ob von der Nachbarplantage alles rüberweht. Oder alles schon im Boden drin ist. – Also, ich fühle mich besser mit Bio-Sachen. Auch die Kleidung! Ist nicht so modisch, kratzt manchmal, aber das Gefühl: von Greenpeace, von Bio-Öko-Schafen! Herrlich!! Die Marmelade vermisse ich morgens schon manchmal, und das Nutella; aber Rohmilchkäse ist doch einfach gesünder. Sagt meine Frau auch immer. Sie trinkt ja gar keinen Kaffee mehr und auch keinen schwarzen Tee. Mit wem ich ja nicht so richtig warm werde sind die Leute im Bioladen. Die wirken immer so abgehoben asketisch, grau und irgendwie schmal und hager. Sie tragen ihre Bestimmung wie auf einem Tablett vor sich her. Wie befallen davon, die Öko-Idee in die Welt zu bringen. Ehrlich gesagt, wenn ich mich dorthin mal verirre oder dort unbedingt was kaufen muß, ich habe das Gefühl, die sehen mir an, dass ich Rittersportschokolade esse, Tchibokaffee trinke und im Geheimen Weißbrot esse, wenn es keiner sieht... Nebenbei; ich hasse Vollkorn-Croissants! Die Bioladenleute sehen in ihren Strickpullovern und Naturstoffblusen für mich immer so aus, als hätten sie obendrein auch keinen Sex mehr, oder wenn doch, dann nur noch esotherisch erlaubt zur Reinigung ihres Karmas oder so. Weiß ich nicht genau, aber die wirken so. Ich stelle mir dann vor, ich würde dort mal erzählen, was ich manchmal träume: wie ich im Traum nachts durch die Straßen pirsche, von einer Wolllust getrieben, von unbändigem Hunger gequält, aber nichts als Vollwertkost finden kann. Wie ich fast am Verzweifeln bin, und dann, wie der Ertrinkende den Strand, wie der Verdurstende die Oase, wie die Fliege den Hundedreck, den Ort des wahren Glücks entdecke. Eine Erscheinung! Weiß und grell beleuchtet, von weitem schon nach etwas gebrauchtem Fett duftend und nach Bier; wie ich mich diesem Ort mit Gier im Blick nähere, mich an den Stand stelle und, atemlos, die magischen Worte spreche: ‚Einmal Currywurst mit Pommes rot-weiß“.
Wolfgang Bremer
Er saß da, den Küchentisch an den Schmerbauch gedrückt, hatten wir doch vereinbart, oder? Dann stopfte er sich den Mund voll. Dann war die Tasse an seinem Mund zum Kippen da. Dann war’s dennoch geschehen trotz Tischkantenzügel. Ein Aus-dem-Mund-hüpfen einzelner Bröckchen – vielleicht die letzten Zeugen eines vertanen Lebens. Dann vergisst man schon mal, zu Bett zu gehen. Oder im blauen Sessel einzuschlafen. Als Merle, die überaus scheue Katze, sich neben ihn setzte, begann er sie zu streicheln, zart vom Kopf über den Rumpf bis zum Sterz, da sagte er nur: würd ich auch gern noch mal haben, dass mir einer den Schwanz streichelt. Eine Handbewegung seine Sehnsucht sein Leben lang. Damals schon, als er am Trompeterfelsen die Kühe rausließ…
Francois Celavy
da wusste ich, dass rudi und seine holde, die landvermessene und einzige tochter eines vertanen lebens, mir bei meinem untergang nur zu gerne zusehen. hatte ich nicht schon unlängst geschrieben, dass du nicht zu mir stehst, und wie silbenleer hast du geantwortet. unsere tiefe freundschaft hatte damit einen anfang und: ein ende. zwischen deinem rechten arm und ihrer linken hand liegt eine verschimmelte welt. und dann steht ihr auf und stellt euch vor, wie schön es wäre, noch einmal geliebt zu werden. ihr könnt noch ein paar brocken spanisch. aber leidenschaft hat mittlerweile ganz andere chiffren. zumindest für euch. eingeteiltes leben. ein geteiltes leben sieht anders aus. Verschweigt nicht so viel. macht nicht so viel zugeständnisse, wenn man bei sich geblieben wäre. aber was rede ich, von ganz weit her, von hier ganz unten, es schallt über euch hinweg wie ein leben in warmen wintern mit gerne schnee; die stäbe morgens wenn ich erwache sind weder golden noch gittern: wir sparn uns nicht nur die heizkosten sondern auch die luft zum reden: zumindestens miteinander.
Willi van Hengel
Musenmünder küssen im Nocturno der Stille.
Entbrennen ein Feuerwerk der Gedanken.
In einem Separée der Momente.
Betti Fichtl
„Im Ernst. Kannst du dir das vorstellen? Mitten im Supermarkt an einem Freitagabend!“ Wir lagen an dem Abend schon im Bett. Meine Frau liebte es, mir von ihrem Tag zu erzählen. „Ich stand am Käseregal und hörte ihre Stimmen. Du kennst die Frau, die aus Nummer 48 mit dem kleinen Hund, der immer so komisch läuft. Ich drehte mich um und sah, wie sie auf eine andere Frau einredete. Erst ganz normal, dann wurde sie lauter und dann schrie sie sie an. ‚Ich weiß, warum sie das tun! Lassen sie meinen Mann in Ruhe! Sie Hure!‘ Und sie schlug zu, so wie Frauen zuschlagen. Dann kam einer vom Laden und trennte die beiden Frauen. So was habe ich noch nicht erlebt. Ich war ganz durcheinander, ich habe den falschen Käse in den Wagen gelegt und es auch an der Kasse nicht gemerkt. Sie ist doch eine ganz normale Frau, wenn man sie mit dem Hund sieht. Ihr Mann, kennst du ihren Mann? Das ist doch der, der immer so korrekt aussieht und der...“ Ihre Stimme zerfloss langsam, ich sah sie nur noch mit den Händen im Bett liegend gestikulieren; ich hörte sie nicht mehr. Später in der Nacht sah ich die Szene im Supermarkt erneut vor mir. Aber es war meine Frau, die auf eine andere einredete und schließlich auf sie einschlug. Und diese andere Frau war Sabine. Sabine, mit der ich eigentlich gar kein Verhältnis gewollt hatte. Die mich, als es mir schlecht ging, mit zu sich in die Wohnung genommen hat. An dem Abend, als ich nicht Nein gesagt habe. Sabine, zu der ich jetzt regelmäßig ging. Meine Frau schlug mitten im Supermarkt immer weiter auf sie ein. Alle Leute, alle unsere Nachbarn, standen um sie herum; die Kassiererinnen waren auf ihre Hocker geklettert, um etwas sehen zu können. Sabine wehrte sich nicht, sie starrte die ganze Zeit zu mir herüber. Sie blutete am Kopf. Ich stand starr. Der Leiter des Supermarktes verschränkte die Arme und rief laut: „Diese Schlampe verdient es nicht anders!“ In diesem Augenblick wachte ich auf. Mein Schlafanzug klebte am Körper. Meine Frau lag im Dämmerlicht des frühen Morgens auf ihrer Seite des Ehebettes und atmete regelmäßig. Ich stand leise auf und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Dann stand ich am Fenster und blickte hinaus in das Grau. Die ersten Autos waren unterwegs; mit Menschen drin, die wussten, wohin sie wollten.
Wolfgang Bremer
das foto vom eddi grenzte an zauberei. Man sollte am Vormittag alleine bleiben. Hatte er immer gesagt. Als auch er noch lebte. Wie sie, meine mutter, die alles einmachte, was ihr in den sinn kam (sinn = zwischen die finger). Gartengöttin. Elegantes fingergetummel in der erde, kaum hatte sie die kuppe eines fingers herausgezogen, schon steckte die pflanze drin. Wie ein vergessen. Ein vergessenmüssen. Verendet wäre sie sonst schon viel früher. Fiel hin mit ihrem fahrrad, über diesen weißen faden/kordel/lasso auf dem nassen gehsteig, der sich in den reifen drehte und alles blockierte: beim stürzen wollte sie noch den joghurt retten. Denk dran: nicht an dich. Hatte sie verlernt: über die jahre ihrer tiefen demütigungen, hatte sie einfach verlernt. Das war ihre rettung. Lust war ein fremdwort geworden, ich auch eins, zerfressene kalkablagerungen auch eins im herzen oder sonst wo, schädel ginge auch noch, wäre nicht so schlimm, sie musste nur ihren jungen aus der wirklichkeit raushalten, erde unter ihren fingernägeln: so lange er darüber lachte (verächtlich, die demut wird ihn mit ihren langen lassos einfangen), wird sie ruhig einschlafen können. Denn so wusste sie, dass er auf dem richtigen weg war, auf einem weg überhaupt, und gar nicht mehr anders können wird, eines tages, egal, wie sehr er das leben verfluchen wird, egal, was für einen aufstand er machen will, er wird im halbflug abgeschnitten: entweder er landet frontal im himmel oder auf dem boden, vielleicht in dem dreck, über den er so lange gelacht hat, solange er unter ihren fingernägeln klebte, für den sie sich nie schämte, den sie gerne roch. Sie roch eh so gut.
Willi van Hengel
Der erste e-Lyrik Band des jungen Autors Manuel Göpferich erscheint exklusive bei Litrum. Ansichten und Beobachtungen aus Deutschland, hauptsächlich unterwegs auf verschiedenen Reisen des Autors entstanden. Lesen Sie hier zwei seiner Gedichte und laden Sie sich das komplette Buch als pdf herunter. Erfahren Sie mehr über Manuel Göpferich auf seiner Autorenseite und im Interview mit Litrum. Und diskutieren Sie über das e-Lyrik Buch von Manuel Göpferich im Forum für Litrum-Texte oder verfassen Sie über das Buch oder einzelne Gedichte eine Kritik auf der Seite Literatur-Kritik.
geborgen in dem Segenspruch (unvergänglich) Licht am Morgen wärmt
- wolkenlos - ein neuer Tag
da ruht die Schaffenskraft
Manuel Göpferich
ein Junge erfindet seine Welt lässt sterben und lässt bauen
keine wird er nunmehr schaffen je und je ein kleines Träumen
vom Ernst der Welt wollte er nichts wissen
Manuel Göpferich
„Hallo! Hallo, gehst du zum Spielen?“ Der Mann kam mit kräftigen Schritten auf mich zu. Er wies mit der stark behaarten Hand auf das Casinogebäude, das man an der Straße bei der Strandpromenade erkennen konnte. Mein Gott, es war gegen Mittag, auf alles wäre ich gekommen, aber nicht darauf, ins Spielcasino zu gehen. Ich war mit meiner Wanderhabe auf dem Rücken an der Küste unterwegs. Gleich wäre ich bei der alten Korsarenfestungsstadt angelangt, die so früh im Jahr aufgrund der nur spärlich vorhandenen Touristen noch gut begehbar war. Auch der riesige Strand war bis auf den korpulenten Mann mit seinen leicht ungepflegten, grauen, zerzausten Haaren und mir menschenleer. Mit seinen Zähnen stand es nicht zum Besten, aber er riss den Mund beim Sprechen weit auf, ihm schien nichts etwas auszumachen. Auch sein altrosa Hemd würde gern mal wieder eine Waschmaschine von Innen sehen. „Ich spiele abends gerne“, erzählte er in einer Mischung aus Englisch und Französisch mit einem mir fremden Akzent. Er hatte mich sofort als Nicht-Franzosen identifiziert. „Warum spielst du nicht? Das entspannt und kitzelt die Nerven!“ Nahtlos begann er über sich zu erzählen; dass er aus Russland stammen würde; dass er als Schriftsteller in Frankreich leben würde. Er erinnerte mich sofort an Charles Bukowski. Er schriebe Kriminalromane; zu viele Touristen hasste er, sagte er. In einem Roman hätte er einmal gleich eine ganze Gruppe davon verschwinden lassen. Sagte er. „Wo kommst du her?“, fragte er mich und blinzelte in die Sonne. Er stand wie ein Gemälde vor dem Hintergrund des blauen Meeres und des blauen Himmels. „Aus Deutschland“, sagte ich. Er lachte auf. „Dorthin bringen sie gerade 40.000 Nutten, weißt du das?“ Es war das Jahr der Fußballweltmeisterschaft; ich wusste es nicht. Langsam fragte ich mich, zu welchen Erkenntnissen diese Begegnung mit dem Mann im rosa Hemd mich noch führen würde. Aber so wie er über den leeren Strand direkt auf mich zugekommen war, so zog er auch wieder von dannen. Ich sah ihm nach und beschloss, ihn einfach Rosa zu nennen. Ich fragte mich, was von dem, was er mir erzählt hat, wohl stimmen würde. Ich nahm an, die unendliche Karawane der Prostituierten auf dem Weg nach Deutschland... Und was noch? Ich atmete die frische Meeresluft tief ein, setzte meinen Weg fort und entschied, dass alles der Wahrheit entsprach.
Wolfgang Bremer
Wie viel gehirnverwerfung war dein leben bislang? Oder reibt dich der allabendliche gang durch die allee deiner gedanken immer noch auf? Warum hast du auf dein ende verzichtet? Ist dir ein stöckchen liebe in die quere gekommen? Ich mochte den geruch deiner nervigen sätze, nein, eigentlich mochte ich ihn überhaupt nicht. Ich tat immer nur so. ich tat mir immer alles an. Die räuberhöhle mein körper nach dem ersten laufen/gehen/schwitzen. Es giebt nichts fremderes als mich. Sonnenklar. Fühle mich wie ein text auf gedrucktem papier. Immer wieder zum nachlesen. Karla beschwert sich, dass paul andauernd holundersträucher und pfirsichbäume anpflanzt. Er will halt was hinterlassen. Seine ketten haben ihn geschickt erdrückt. Immer so viel luft gelassen wie nötig, um morgens aufzustehen, um sich zu überwinden, um sich nie wieder zu finden eines tages. Schleichend. Wie die anheimelnde stille meiner grenzenlosigkeit/sucht/selbstverlassenheit. Paul und ich. Wir sind auf dem gleichen brett. Wie damals schon, als er noch hohe mauern mauerte. Sich verfugte. Den atem nahm. Dieses fraglose tun eines tages. dieses vorübergehen am holundern deiner kleinen kopfschneise: am vorgehabthaben des augenblicks. Dein leben ist ein schlapphut.
Willi van Hengel
Mensch nur Psyche ohne Reue
mittags beginnt mein Leben
und am Abend merkte ich
Liebe ist nicht für die Welt geschaffen
Manuel Göpferich
„Das darf doch nicht wahr sein! Nein! So ein Unglück! Herbert! Herbert, komm doch!“ Entsetzt lief Frau Erika von Lommel zurück zu dem flachen Bungalow, aus dem sie eben erst heraus geschritten gekommen war. Ihr großes flauschiges Badehandtuch unter dem Arm. Angekleidet mit einem eleganten Badeanzug, geblendet vom Licht der aufgehenden Sonne am unendlich blauen Himmel über dem unendlich blauen Meer. Alles war so friedlich gewesen, und nun das! Sie konnte es nicht fassen. Sie lebten schon drei Monate in diesem wunderbaren Ferienhaus auf der kleinen griechischen Insel, die, wie man wußte, noch nicht von Touristen überlaufen war, wo sie und ihr Mann einen Teil ihres anstrengenden Jahres verbrachten. In Muße und Ruhe, mit dem großen Pool direkt oberhalb des Meeres, so dass man manchmal nicht genau wusste, wo hörte der Pool auf, wo begann das Meer? Alles könnte so schön sein, aber das Schicksal wollte es anders... Sie kam rasch in Begleitung ihres Gatten wieder aus dem Haus heraus. Blass, bleich, verstört. „Da! Da, siehst du es?!“ rief sie hysterisch. „ich habe es doch gesagt! Da siehst du es selber! Es musste ja so kommen!“ Herbert von Lommel ging langsam, Schritt für Schritt, an den Pool heran und sah es mit seinen eigenen Augen! Auf dem makellos sauberen, glatten, blauen Wasser schwamm ein herab gewehtes Blatt. Ein welkes, braungraues Blatt.
Wolfgang Bremer
Nichts von frühling. Als ich da so rumfuhr. Die blumen eingepackt auf dem beifahrersitz. Das papier, ihr knistern. Und dann die asphaltierte auffahrt zu ihrem haus. Hatten wir uns damals nicht geschworen, niemals zur hure zu werden. Also könnte ich ihm, ihrem ehegatten, gleich die dinger in die hand drücken. Warum eigentlich nicht, dachte ich, als das gitter aufging. Herrliche langsamkeit. Das hat stil. Ich hätte ein komisches wort eingravieren lassen, wenn ich er wäre. Aber muss ja auch nicht sein. Und während ich auffuhr in richtung haustür, da überlegte ich, ob ich so tun sollte, als ob ich ganzverriegelung hätte, indem ich einfach aussteige und die fahrertür zuschlage, ohne abzuschließen. Überlege zugleich, dass ich ja eigentlich für das andere stehe: das bescheidene leben. Und immer den garaus für sein zurückes dasein. Und kaum geld. Von einem monat in den anderen. Und dann macht er mir die tür auf. Lächelt. Sie dahinter. Im abendkleid. Aus ihrem schlitz erkenne ich dunkelfarben eine strumpfhose. Die wollte sie damals immer zerrissen bekommen, am liebsten aber mit hineingedrückt, nicht zerreißen, schrie sie immer, nicht zerreißen, reiß mich, schrie immer, damals, und sie sah, dass ich mich auf ihren ausschnitt gelegt hatte, und wir sagten nichts, hatten uns ja längst getroffen im damals, und jetzt schon wieder, ich wusste, dass sie unglücklich war, sie fühlte sich nicht mal gut, wenn sie sich im bentley vögeln ließ, von wem auch immer, das einzige zuhause, das du haben kannst, sind die worte, die dir gehören, dir ganz gehören, sind die blicke, die du genießt, wenn du an irgendeinem teil vorbeigehst, sind die gefühle, die du nicht abwerfen willst, die du nicht verheimlichen willst, sind die momente, die dir die anderen vorwerfen. Ich gab ihr eine wange. Sie drückte die ihre dagegen. Sie war weich. Wie immer. Die eine ihrer großen brüste berührte mich. Am unterarm oder so. ich sah ihren nippel schon zwischen meinen zähnen. Sagte ihr, dass es mir blendend ginge, was ja auch irgendwie stimmte, denn sie erwiderte nur, glaub ich dir. Ich stach sie mit meiner ungeahnten träne. Mit meiner wirklichkeitsverlorenheit. Ich hatte mich kein bisschen geändert. Ich mich selber nicht verloren. Das wusste sie, spürte sie, bei unserem gemeinsamen blick auf ihre strümpfe, das spürte ich danach noch, jahrelang, immer wenn ich denke dass ein leben viel zu kurz ist um seine scham oder seine niederlagen ernst zu nehmen es gibt immer eine andere möglichkeit es giebt immer eine anderes geheimes lächeln, augenzeilen…
Willi van Hengel
Das hat ja ganz schön geschüttet, dachte ich, als ich mitten in der Dienstagnacht aus dem Zeise-Kino kam. Fast ein Uhr, und morgen, nein heute, mußte ich wie jeden Tag um halbsechs aus dem Bett heraus sein. Zum Glück war es jetzt trocken, fast meinte ich, der Boden würde wie im Sommer nach einem warmen Regenguß dampfen, obwohl es fast schon Herbst war. Eine Stunde würde ich nun mit meinem Rad allein unterwegs sein, also nicht vor zwei, halb drei im Bett. Als Ausnahme völlig ok für mich, da ich seit einigen Jahren nichts mehr liebe, als nachts mit dem Rad quer durch Hamburg zu fahren. Ich liebe die Straßen – und die Radwege – Hamburgs in der Nacht. Kaum noch Autos unterwegs, kaum noch Hunde unterwegs, die sich einen Spaß daraus machen, mir in den Weg zu laufen. Die Häuser schlafen. Nichts wird mich stören, meine Gedanken können fliegen! Zunächst an der Fabrik vorbei. Fetzen der Musik des letzten Konzerts quetschen sich durch die geschlossenen Fenster zu mir nach draußen. Wen habe ich hier erlebt? Tony Joe White gelangt als erster an mein inneres Ohr, auch wenn das Konzert schon Jahre her ist. Damit ist meine Musik für heute nacht augenblicklich da. Südstaatenblues. Passt. Unter der düsteren Bahn-Unterführung durchrauschen, so langsam werde ich locker. Die Max-Brauer-Allee entlang, ein kurzer Blick hinüber zum Allee-Theater. Zu lange schon nicht mehr dort gewesen. In der Kneipe dort vorne habe ich vorhin, auf dem Hinweg, nach dem Stand des HSV-Spiels in Spanien gefragt. Vor mir die Neue Flora. Um diese Zeit stören nur die Ampeln; ich ignoriere sie fast alle. Gleich über die Osterstraße hinweg schwirren. Eine meiner Lieblingsstraßen in Hamburg, von der eine meiner eigenen Geschichten ausgeht. Die Story, die mir immer noch am liebsten ist; die ich, obwohl vor Jahren begonnen, noch immer nicht zu Ende geschrieben habe. Heute wäre die Nacht, sie im Kopf weiter zu treiben. Tony Joe bluesd die Handlung voran! Wohin? Mein Rad bemerke ich mittlerweile nicht mehr, es fährt von selbst. Wenn nur nicht an manchen Stellen die Bordsteine zu hoch wären und mich auf den Boden der Realität zurück holten. Nun immer den Ring 3 entlang, über die Hoheluftchaussee hinweg, einen Blick in Richtung der Grindelhochhäuser werfen, durch Eppendorf hindurch schwirren. Es wird noch ruhiger, bevor ich, nachdem ich heil an der Strafanstalt Fuhlsbüttel vorbei bin, in die auch tagsüber verschlafenen, totenstillen Stadtteile Wellingsbüttel und schließlich Sasel gelange. Mein Hintern macht sich bemerkbar, die letzten Straßen, die letzte Kurve. Noch einmal tief durchatmen. Und dann die Garage aufmachen, das einzige Geräusch hier weit und breit für Stunden. Im Haus den CD-Player anwerfen. Der Schlaf wird ohnehin zu kurz werden. Good night, Tony Joe.
Wolfgang Bremer
halt mich am leben, falls es mal eng wird mit meinem mut - versprochen? heute ist der erste tag aus meiner depression: wegen trauerarbeit am verlust meines elternhauses. aber wann war ich in meinem bisherigen leben noch nicht in trauerarbeit! aber das ist jetzt zum ersten mal so, dass ich es selbst vorbereite. ein ganz neues komisches gefühl. gleichwohl will ich mir nichts vormachen und dem schmerz nicht aus dem weg gehen. aber! wie gesagt: zum ersten male meine ureigenste entscheidung. bisher wurden mir die tode und trennungen immer brühwarm serviert und ich konnte sehen, wie ich damit zurechtkomme. und nun das! francois entscheidet halbwegs selbst. mach nicht, dass das eine trendwende in meinem leben wird. ich befürchte "schlimmes". du weißt, wie ich das meine. schließlich darf ich wohl nie das erreichen, was ich mir wirklich wünsche. dann werde ich übermütig, arrogant, grausam, genial. jetzt fühle ich mich nur genialisch. entschuldige, dass ich dich manchmal mit meinen ausbrüchen überfalle. das, was ich dir immer vorgeworfen habe, leidet mich selbst: fehlende empathie. dennoch freue ich mich sehr, dass du deine urliebe gefunden hast in deinem kleinen. es kann nie dein mädel sein. es kann nur etwas eigenes sein. deshalb meine ruhmessucht. die sucht/suche nach etwas eigenem. ich bin nur bei mir in meinem wörtern wie du bei deinem sohn.
ciao francois
Fünfzehn Minuten Glückseligkeit. Im Gehörgang barocke Klänge mit Füßen die dich aus der Welt tragen.
Ein Kleinkind neben dir lehrte dir diesen Gehorsam.
Walter M. Stütz
nüchtern bin ich genial - soffen noch genialer. ich denke meine sätze werden dich ankotzen. alles wahrheit. in mist geschissen. mein leben ist ein ständiges todesduell. ich freue mich am leben kaputtzugehen was giebt es größeres lebt doch in euren anekdoten weiter in euren tagen hinein die mit euch nichts anzufangen wissen und dann schiebt ihr die krankheit vor und dann wollt ihr an eurem herzen ran es berührn es betatschen wie titten tittenherzen blutunzufuhr... wollt euch begreifen wollt wissen warum ihr nie da ward wollt plötzlich: betrogen werdn damit überhaupt und so irgendetwas geschieht... außer den blauen mülleimer rausfahren, nie aus der haut, wo leidenschaft wäre es der konjunktiv, wäre es wahr wäre es die eigene haut, die immer nur der andere berühren soll. ohne satz. es ekelt mich deine weltauffassung. sie ist so hautlich. mit der verwund(er)ung beginnt das leben. lass dich drücken. geküsst aus den hallen gehen. deine braunen augen werden mich verfolgen. dein glück. später ohne grabstein.
Willi van Hengel
Es ist wie es ist! Dass nichts ist wie es ist!
Die Rosen bluten aus den Dornen Die Himmel fliehen zu den Höllen Die Gans die stielt dem Fuchs die Jungen Der Weg fragt nach dem Weg im Nirgendwo. Die Sintflut löscht das Feuer nicht Die Rosen brennen auf dem Feld Die Sonne schwimmt im Meer In blinden Spiegeln leuchtet schwarz ein Angesicht Die Welt zerfällt Der Wunsch des Vogels stürzt nun himmelwärts
Walter M. Stütz
Souverän sein heißt ja nicht, sich vor anderen als etwas Besseres vorzukommen, sondern jedem so zu begegnen, wie man ist. Mit der Ehrlichkeit und der Wahrheit, die man nicht mehr wagen muss: mit all dem Widersprüchen, die man in sich ungezügelt aufgehen lässt, mit all den Gesichtern, die von innen reifen… Zu seiner Schande müsse er gestehen, sagte Edmond dann mit leicht zitternder Stimme – zitternd deshalb, weil die Ereignisse und Eindrücke des Tages wahrscheinlich etwas zu viel für ihn geworden sein könnten -, dass es eine Zeit gegeben habe, eine sehr lange sogar, in der er sich selbst nichts wert gewesen ist. Und genau in dieser Zeit sei Vera ihm mit ihren schönen braunen Augen hinterm Tresen erschienen… und nun werde es nicht mehr lange dauern, ein halbes Jahr vielleicht, bis er mit allem fertig sein wird, was ihn fertig machen wollte. Dann werde er sie zufällig irgendwo treffen und zum Kaffee einladen und nichts sagen, nicht einmal ciao Bella, bleib so, wie du bist, vor allem aber da, wo du bist, und erweise deinen vielen Spitznamen alle Ehre; ich wünsche dir weiterhin alles Gute mit deinen Viertelwahrheiten, die wir nun nicht weiter diskutieren wollen; du bleibst eine hautferne Erinnerung, eine Episode halt; dein entjungfertes Herz ebenso wie deine vielen Männer gehören nur dir allein, wie der große Rest, der gegen unendlich läuft, vielleicht wie gegen Windmühlen; dein Verhängnis ist abgewetzt, dein schicksal wird nur noch klein geschrieben, und auch deine Krankheiten überzeugen nicht mehr, sie taugen kaum mehr zu einer Tragödie zweiter Klasse… Ciao Bella! Der leichte Anstieg des Feldweges hinter sich gebracht habend, ließ Edmond sein Auge über das weite Land schweifen. Der blaue Fleck da drüben, stieß er Geoffrey an, während er mit dem Zeigefinger dorthin wies, das ist Onkel Ferdinand in seiner Arbeitsjacke auf seiner selbst zusammengezimmerten Holzbank, da unter der jungen Weide. Der kleine Traktor stand nicht weit von ihm entfernt. Ihrer beider Lächeln traf sich über dem benachbarten gelben Rapsfeld. Edmond freute sich, wie immer, wenn er seinen Onkel sah. Der sah in seinem Alter immer noch so aus wie ein italienischer Gigolo, pechschwarz sein gekräuseltes Haar, nur hier und da eine graue Strähne, und von südländischer Bräune sein Teint; allein einige Falten hatten sich in ihm eingegraben. Edmond setzte sich neben ihn auf die Bank. Beide blickten gemeinsam wortlos über die Wiese zum Fluss hinaus und hinauf auf das rote Gestein des Russenberges, der seinen Namen wegen dieser Russen, die nach dem zweiten Weltkrieg den ganzen Berg aushöhlten, um in ihm ein riesiges Waffenarsenal zu errichten, erhalten hatte. Zum Glück, sagte Ferdinand dann in die Weite hinein, sind die Russen nun weg. Genügsam ließ er seine Stimme ausklingen. Die Stille bettete sie in viele fröhliche Geräusche, wie Natur. Was aber nur so schien, weil es mehr war. Es war wie die Stille der vielen Leben, die zu sich gefunden hatten. Dann sagte Ferdinand, dass er sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen könne als diesen hier, an dem alles miteinander einswird und alle Sehnsüchte endlich ganz erdwarm. Er ist, wurde Edmond klar, wirklich zu einem honnête homme geworden, der es nicht mehr nötig hat zu lügen und zu heucheln und falsch zu lachen. Betrügt sich nicht einmal mehr selbst. Lebt sich aus in seinen taubenfüßigen Wunden und will nicht mehr geleckt werden, denn wahre Liebe bewegt sich nur in seinem Schatten. Da hörte Edmond von ihm die kleine Geschichte vom Güterzug. Denn, so begann Ferdinand die ersten Worte aus seiner Kehle heraus zu räuspern, schon als Kind wusste ich, egal durch welche Städte, Länder oder Frauen es mich führt, dass mein Leben mich hierhin wieder zurückführen wird, hierhin, wo ich schon als Kind die Waggons der Güterzüge gezählt habe, die die Eisenrohre und allerlei verrostete oder silberblitzend neue Teile zum Stahlwerk im Nachbarort transportiert haben. Das Werk, wo sie hinfuhren, hieß Max braucht Schrott. Meistens, nach zwei oder drei Stunden, kam derselbe Güterzug – erkannt habe ich ihn an der Lok – mit den vielen Waggons, diesmal aber unbeladen, hier wieder vorbei. Und ich wusste sofort, ob nun ein Waggon dazugekommen oder abgehängt worden ist. Das Schönste aber war, dass die Dampfloks in regelmäßigen Abständen laut zischend eine volle Ladung weißen Dampf durch das enge Rohr in die Luft pfiffen. Ich glaubte damals, und eigentlich tu’ es heute immer noch, dass mich der Zugführer auf diese Weise grüßen wollte. Vielleicht wollte er mich sogar mitnehmen, irgendwohin, wo ein Traum auf mich wartet. Weit weg von hier, weit weg von mir. Das regelmäßige Klacken der Eisenräder auf den Schienen schubste mich in mein Alleinsein, was ich aber nie wirklich gewesen bin. Ferdinand hielt kurz inne, während er sich genüsslich in die Rückenlehne der Holzbank zurücklegte und tief durchatmete, als bestäube er mit seinen vielen Erinnerungen und Gedanken das weite Land um sich herum. Selbst der bluttrockenrote Felsen des Russenberges schien andächtig zugehört zu haben. Dann sagte er mit Tränen in den Augen: Träume wollen uns daran erinnern, dass wir eigentlich irgendwo anders leben.
Willi van Hengel
Das Jahr läuft auf sein langsames Ende zu Sage ich zu Marcel, meinem Exlehrer in Deutsche Literatur Er versteht mich nicht
Die Novembersonne brennt kein Loch mehr In unser Löschpapier Sie läuft auf ihre Wende zu
Nun fragt er, ist das Poesie Ich antworte, vielleicht schwierige Konversation die leiden macht
Warum tun sie das, sagt er unverständlich Ich antworte, weil im Klartext die Wahrheit Flügel bekommt, die man mir bricht ohne zu wissen warum
Von wem um Himmels willen, ruft er empört Von meinen Neidern, die sehr wohl wissen was sie tun
Er schweigt
Eifer aus Zorn schlägt um in Wut, wem tut’s schon gut, sage ich unwohl
Sehr simpel, sagt er nachdenklich, aber ich gebe ihnen recht.
(in memoriam M.R.-R.)
Walter M. Stütz
menschen nah: umso fremder, je länger am atem, am gerede. Wie umnachtet. Nackt unter der decke. Nackt auf dem bahngleis. Deine kalte nasenspitze verriet deinen stolz: rose statt verdammnis. Ein kleiner blutstropfen. Die nackten füße wurden immer wärmer. Ein genießen wie im sommerhäuten. Nachts war es dir dann genauso kalt. Ein herumtauchen im traum, du träumst du dich so gerne davon. So berührst du mich mit deinem anderssein; mit der fingerspitze spüre ich manchmal deinen pullover, wenn ich hinter dir stehe. Das ist mein kleines geheimnis. Meine haut traut sich nicht mehr an deine. Du hast eine so ausgeglichene handschrift, mein irrgeist: 100 jahre zwischen dir und deinen worten, zwischen deinem herz und meiner fingerspitze. Ich warte auf dich.
Willi van Hengel
Nöhlig die Lichtschnuppen in mir. Vorfrühling fispelt als Vogel an Zweigen die Knötchen klebrig entblößte Spitzchen zartgrün.
Im Hauch des Atems beißen die Borsten das Fell juckt im Fleisch treiben Knospen aus der Haut will es flüsterts zum Ich.
Mein Mädchen liegt still wie der Winter ruht sie gefroren noch ihr Gesicht blütenweiß weich frischer Schnee im Schlaf träumt sie mutig mir Sinnlichkeit zu.
Schmieg mich liebkosend an ihre Lippen im Schenkel beuge ich die Lust. Scharf süß dieser Pfeffer im Sack heizt ein dem Silber, Picassos Pinsel malt Madonna wach auf sei nicht von Stein.
Der Kuss, diese Schnecke, keimt zündelnd, die Zunge im Mund, meine Flamme, spring über zum Brodem in ihr Herz.
Walter M. Stütz
anders als die griechische insel, der griechische wind, die griechische möse: undefinierbare beweggründe. Momente im schwarzen sakko. Während meines wahnsinns, der allmählichen (mähdrescher) entschleifung der knoten und dem verwurzelten fehllächeln, blickt der kutscher schwermütig in die ferne. Selbst der schmerz hat sich von ihm abgewendet. Heu. Alles, was notwendig ist, ist unmöglich.
Willi van Hengel
Tönende Farben malen die Sätze der Sinfonien auf die Momente. in Variationen einer Schöpfung.
Halten die Trommelwirbel an dass sie schweigen.
Betti Fichtl
Kein Zeitmaß. Verlorene Träume. Kein Gegengift, gegen Gift.
Morgen steht Gott als Sonne auf und verfinstert. (in uns)
Für eine kleine Weile
Walter M. Stütz
die mehls, die ich dir schicke und dich nacherleben lassen, was eine künstlerexistenz ist, kannst du doch später mal veröffentlichen. ich fürchte, ich habe keine kraft mehr dazu. stell sie doch mal zusammen, so wie unseren briefroman. ist es nicht interessant, wenn man einen künstler kennt: künstler stehen für das andere dasein, das nicht normale, das verfluchte eben. Und leben ihren fluch aus. - habe von francois celavy in dieser woche ein schönes dankeschön erhalten. er will meinen artikel mit in sein nächstes programm einbauen. Allmählich bahnen meine worte sich selber ihren weg und der gedanke, ob leute das überhaupt lesen wollen, was ich schreibe, heititeiti oder nicht, interessiert mich nicht. Nicht mehr. ich buchstabe mein leben. und eines tages wird es so weit sein, dass es seinen weg findet. - meinem chef hab ich gestern gesagt, dass es 10 jahre dauert, um über nacht berühmt zu werden - verdammtes glück vorausgesetzt (wenn man also verdammt genug ist), da sagte er, dass er diesen tag erleben wolle, aber vielleicht ist es ja erst nach dem tod. ich konnte nur nicken. voll ins schwarze getroffen. Er traute sich nicht zu agen: nach meinem tod.) ich hoffe nicht, dass ich es erlebe, weil ich dann eh abdrehe. dem schicksaal is doch guht zu mir. das weiß ich. es schützt mich mit der tretmühle des seyns. ich will nicht dauernd klagen. die gabe, bisher keinen roman und 2 gedichte und drei shortcuts geschrieben zu haben, sagt alles: also nichts. ich umarme dich, die arme nachwelt, hihihi. - ehrlich gesagt, hab ich auf friederike keine lust. sie hat sich ja des öfteren gemeldet. - ach ja, der schizo an verleger hat heute geschrieben, ob ich es mir nicht doch noch überlegen wolle mit dem roman. also - herrlich viel los in meinem leben. - habe eben in der spochthalle dem bürgermeister vor 300 anwesenden schülern und eltern die hand geschüttelt (spochtlerehrung). - ich denke, die wissen alle bescheid über mich und meine lucile. - übrigens heißt, aber das nur unter uns, mein pferd, mit dem ich dauernd aufer flucht bin, so. jetzt brauch ich nur noch ne knarre. die nenn ich dann rüdi. (jetzt mach ich bier no. 2 auf. wie ich dich kenne, dachtest du schon an no. 6) ausgetrickst. nur das wort will mich - und nur das wort will ich. vielleicht bin ich durch den umgang mit menschen - arbeit, rasender reporter, pilot - viel weiter von allem entfernt als je zuvor. mittendrin und doch nie wirklich dabei. obwohl ich gar nicht mehr nur an etwas anderes denke. wie früher. soll ich die podologin noch mal anrufen? was meinst du (endlich mal was, worauf du antworten kannst). weil ich völlig ausgebrannt bin.
dein w.
wie im aschenbecher, verfrorene grauglut. sie tupft sich fast den letzten abqualm aus dem auge. besänftigt mich mit ihrem schönen mund. ich sehe immer nur ihr profil. sie sieht mich an. es blüht mir ins auge, träume später von ihr, so entscheide ich mich für eine liebe zu ihr ohne mich.
Willi van Hengel
es wird höchste zeit, mich bei dir zu melden. rede eigentlich immer mit dir, das weißt du. die nächste beförderung steht an – dafür wird das haus bald zwangsversteigert. alles wie eine arabische badewanne. jetzt den weg allein zu gehen, ist besser so, glaub mir. - egal, soll kein bettelschreiben sein. im gegenteil. ganz komische gefühle gehen in mir auf und ab. mir ist klar, dass ich vollends abstürzen kann. was soll ich aber noch alles in diesem leben ertragen/verlieren: reichen die tode und trennungen noch nicht? verliere ich alles, um alles zu gewinnen? ein wenig unendlichkeit nach dem tod vielleicht. mein leben ist ein schankraum des zwiespalts. irgendwie eine hingelegenheit. habe ich gestern zu mia gesagt, als sie meinen pullover auf das schreiben von der bank legte. jetzt machst du daraus eine schöne hingelegenheit, hab ich zu ihr gesagt, und sie begann zu lachen. im laufe des abends wiederholte sie das wort unendliche male. eigentlich war ich traurig, obwohl ich mitlachte. warum muss ich eigentlich immer dabei sein, bei dem, was in meinem leben geschieht? kurz abschweifender trost: bin mit meinem philosophischen essay in die endrunde gekommen, höchste auswahlrunde haben sie es genannt. nr. 13 unter 250 teilnehmern. nietzsche war in keiner faser seines lebens von dieser welt. die haut eines anderen war ihm heilig. er wusste um seine genialität. und wurde immer deswegen ausgelacht. und dann diese schmerzen von der wirklichkeit, besonders in den gelenken. sie zerstören einen – aber nie ganz. mein beppo, später mehr. ich umärmel dich
Willi van Hengel
Wir wollten doch nur durch den sand hüpfen, wollten doch nur unsere entblößte brust genießen, wollten doch nur deinen selbstmordversuch versickern lassen. da ließt du meine hand los (baumelte), drehtest dich zu mir um und verrietst mir, dass du noch nie wirklich gerne gelebt habest. Aus langen gesprächen bleiben meist nur relikte über. Vergeblicher atem. Hinter dem auge anderes werk. Noch im ich-zustand verquollene fleischbröckchen aus alten phyrrhussiegen. Man braucht nur einen einzigen richtigen menschen unter der apfelhaut, der geschälten, die da herumliegt und sich um deinen hals schmiegt, braucht nur ein einziges flaterndes herz/flattersatz, um das eigne leben zu verweinen, zu versäumen, zu früchten im alsbald- kelch deines erhoffens, erflehens, versagens… Sprichst du deshalb so viel?
Willi van Hengel
Lange nachgedacht über zu kurz Gedachtes ausgesprochen schwer bereut
Walter M. Stütz
hätte ich mir früher gewünscht zu sein, jetzt weiß ich nicht mal, warum sie mich umarmt. Ich weiß nicht mehr, wie es ist, bei einem Menschen zu sein. Nah. War noch nie/doch! War so oft. Du hast es nur noch nie empfunden. deshalb hast du alles verloren, was dir in die nähe der herzklappen kam. zerstiebt geliebt? Als sei’s ein vor- und nachname: am grab? in diesen Stunden, da du immer nur gelacht hast. So überdreht warst du. die weichen stelln sich von allein. Zerfleischt mit all deiner Lebenslust solltest du… endlich gehn. auf dem weg zu dir selbst. kläglich, klangvoll, verleumdest du dich nur noch selten. sie hat sich von dir entfernt, sage ich mir, die lüge, nur die maske blieb: auch kaum noch. von dir entfernt: wie das so nahe Gefühl, nie wirklich bei dir zu sein. Hat dich davongespült. damals: Warst du eigentlich nie auf der suche nach einem ich? Wie schön, dich dort zu sehn auf dem zweig Alleinsamkeit, auf dem du baumelst, ohne dich an den Mantel eines Konjunktivs festzuhalten. Bist wohl in drachenblut getaucht. Warst du früher nicht ein hypochonder? Und plötzlich bist du dem leben näher als du es je gesucht: wolltest doch leiden: näher wärst du nie da. Deine Worte. Damals: immer und immerzu. Dir kann man auch nichts mehr glauben. Wirst du dir nun einen anderen namen zulegen?
Einen noch schöneren?
Willi van Hengel
Falten des Alters sind wie bunte Farben des Herbstes:
Beginn eines Sterbens in Schönheit.
Werner Bühler
wir schleppen uns viel zu lange mit uns herum: die ungereimten gedichte, dinge, niederschmetternden zeichen, fast unsichtbar, wir wollen sie gar nicht wahrhaben, erinnerst du dich an die lange schleppe bei deiner hochzeit? weint ein vogel überhaupt? ich habe noch nie eine träne, himmelstropfen wolkengesäusel an so einem federvieh gesehn. gerinnt sie dort/darin, um ihre leere besessenheit/ besessenheit ihrer inneren leere besser vergessen zu können? ich sehe nur noch mit meinem hirn-auge. schäle mich erst allmählich, also ganz langsam, also mit verdacht/ bedacht/ stierherzem (schon seit jahren, du siehst, dass ich mir zeit lasse, verdammt lange) aus meiner autistenhaut. ich, die schlange, die sich schnurgerade ins verderben schraubt. weißt du noch, als ich zum ersten mal den ausdruck schräge logik gebraucht habe, du hattest gerade deine zunge in das lange vorspeisenglas mit den garnelen und der herrlich schmackhaften bräunlichen sauce gesteckt/gestreckt, erinnerst du dich noch – und plötzlich blieb deine zunge stehen, klebte fast am glas, und dabei deine aufgerissenen augen, alles war wie ein foto, das gar kein foto war, nur schräge logik, mehr hatte ich ja nicht gesagt, da wusste ich, dass wir uns nicht mehr sehen würden, zumindest nie wieder zu einem essen mit garnelenvorspeisenglas und zunge. da wusste ich, dass meine mündlichkeiten nie deine/ eure mündlichkeiten werden würden: kunst höher als sein leben ansiedeln (in deinem blick zeigte dein auge mir einen vogel). da wusste ich, wir sollten es dabei belassen: bei der vorspeise.
Willi van Hengel
Wie ein Schlag hing der Knall der zerberstenden Whisky Flasche noch in der Luft, als der alte Lappe sich auf Tori stürzte und ihr das dolchspitze Ende des Rentiergeweihs in die Seite rammte. Ein heller Aufschrei folgte – dann lag das Mädchen am Boden und krümmte sich wie ein wund geschossenes Tier. Und neben ihr hockte der Alte vor dem Granitblock, an dem die Flasche zerschellt war, wischte mit schnellen Handbewegungen die Scherben beiseite und begann, den Whisky von Stein und Moosflechten zu lecken. Die Szene hatte mich gelähmt. Meine Augen irrten zwischen dem am Boden liegenden Mädchen und dem vor dem Stein kauernden Mann hin und her. Meine Gedanken wanden sich; ich begriff nicht; ich war unfähig zu handeln. Irgendjemand muss die Unfallstation in Alta erreicht haben. Vielleicht war ich es. Erst später, als ich neben Tori in dem Ambulanzwagen saß, begannen meine Gedanken sich zu entwirren. „Sie haben den Notverband gut angelegt“, sagte jemand neben mir. „Ich?“ schaute ich fragend zurück. „Ja, ja, natürlich sie!“ Der Wagen raste über die Schotterstraße durch die baum- und strauchlose Landschaft Alta entgegen, dorthin zurück, von wo ich mit dem Mädchen wenige Stunden zuvor gekommen war. Die Stoßdämpfer fingen die Schlaglöcher nur ungenügend auf. Jede Erschütterung zeichnete sich auf Toris Gesicht ab. Ich hielt ihre Hand. Sie lächelte gequält durch den Schmerz hindurch. Auf dem Notverband bildete sich ein roter Fleck. „Schneller“, schrie ich in das Führerhaus. „Fahren sie doch schneller!“ Einen Tag zuvor hatte ich sie an der Straße stehen gesehen. Es war an jener Gabelung, wo von der großen Nordkap Touristen Route die Schotterpiste ins Innere der Finnmark zum Samen Zentrum Kautokeino abzweigt. Sie stand da, klein, fast zierlich neben ihrem großen Rucksack, wie ein Kind, das man ausgesetzt hatte, schmutzige Bergschuhe an den Füßen, in dicken grauen Wollstrümpfen, die herunter gerutscht waren und ein paar Zentimeter der Unterschenkel bis zu den Kniebundhosen frei ließen. Ein viel zu großer Anorak hing um ihre schmalen Schultern, und nur das Kopftuch verriet mir, dass der erhobene Daumen einem Mädchen gehörte. Ich befand mich auf dem Weg von einer halb beruflich halb privaten Exkursion zum Nordkap, wo ich einige Meter Film Material mit auf- und absteigender Mitternachtssonne belichtet hatte, zurück zu meinem Gefährten, der in Tromsö für einen Bericht über den hohen Norden recherchierte. Als Fotograf habe ich einen Blick für Außergewöhnliches, und so winkte ich sie heran, während ich die Karte entfaltete, um mich über meinen Standort zu orientieren. Es war ihr kurzer aber intensiv prüfender Blick durch die Windschutzscheibe, der mich verwundert hoch schauen ließ. „Nach Süden?“ fragte sie auf Englisch. Ich hörte sofort, dass sie keine Norwegerin war, sondern in ihrer Muttersprache redete. „Okay“, nickte ich, stieg aus und öffnete den Kofferraum. Ehe ich zupacken konnte, schob sie meinen Zeltsack beiseite und schwang ihren schweren Rucksack in die frei gewordene Lücke. Meine Augen hingen an dem sich ausbreitenden roten Fleck auf dem Hüftverband, während ich ihren prüfenden Blick auf mein Gesicht spürte. Es war derselbe intensive Blick, mit dem sie mich gestern durch die Windschutzscheibe betrachtet hatte, nur noch eindringlicher und nicht mehr so verstehend. Ich wich ihren Augen aus. Wir waren losgefahren und wenige Kilometer später wusste ich, dass sie Tori hieß, dass sie als Doktorandin der Anthropologie und Ethnologie zu Forschungszwecken mehrere Wochen bei einem Stamm der Samen zugebracht hatte und sich nun auf der Heimreise befand. Interessant! In Alta machten wir Rast. Während wir Kaffee tranken, hörte ich ihrer etwas monotonen aber doch angenehmen Stimme zu, mit der sie vom Volk der Samen erzählte, die als Halbnomaden den äußersten Norden Europas mit ihren Rentierherden durchziehen. Ihre Erzählung wirkte auf mich wie ein Bericht aus einer anderen Welt, in der Friede und Eintracht herrscht und Harmonie zwischen Mensch und Natur. Ich schaute, während ich den letzten Schluck Kaffee trank, hinaus auf die Landschaft und sah ein pastellfarbenes Bild, komponiert aus weichen Grün-, Blau- und Grautönen. Wolken hingen über den Hügeln und ließen die Hänge dunkel und schwarzgrün erscheinen. Dort, wo etwas mehr Licht eindrang, bildeten sich hellere, zarte Schattierungen aus Grün bis hinunter zum Fjord, der sich milchig blau ausdehnte, begrenzt vom Dunkel der Bergwand am jenseitigen Ufer. Und aus der Bergwand erhoben sich schneebedeckte Zacken, die sich im Fjord spiegelten. „Noch eine Tasse Kaffee?“ Tori hatte mich aus meiner Betrachtung gerissen. „Ja, bitte.“ Mit schnellen Schritten ging sie an den Automaten. Der Kaffee floss in den Plastikbecher, und ich sah, wie sie ein Stück Zucker und viel Milch dazu gab. „Woher weißt du, dass ich den Kaffee so trinke?“ „Du hast dir den ersten Becher so zurecht gemacht; und da dachte ich, dass du deinen Kaffee immer so trinkst.“ Sie lächelte; ich lächelte zurück und schüttelte den Kopf. Nicht, dass ich den Kaffee anders mochte; es war schon recht so, einfach aus Überraschung darüber, dass sie gleich beim ersten mal so genau hingeschaut und meine Gewohnheit aufgenommen hatte und mich nun entsprechend bediente. Mit unschuldigem Augenzwinkern erklärte sie, daran sei nichts Besonderes; die Wochen bei den Samen hätten ihre Sinne geschärft; bei diesem Naturvolk sei solches Verhalten natürlich. „Sie leben miteinander“, schloss sie ihre Erklärung, „sie helfen, ohne um Hilfe gebeten zu werden, sie lesen Bedürfnisse ihrer Mitmenschen aus deren Gewohnheiten ab; das ist Alltag im Leben der Samen!“ Nachdenklich schlürfte ich meinen Kaffee. „So müssen unsere Vorfahren auch einmal miteinander gelebt haben!“ Es war, als würde ich laut denken. „Früher einmal, vor Jahrhunderten; und warum heute nicht mehr?“ Tori sah mich verwundert an. „Das ist unmöglich“, sagte sie, „unsere Völker sind zu groß geworden, zu zahlreich; bei uns leben zu viele Menschen auf zu engem Raum; deshalb rücken sie innerlich voneinander weg, bauen Mauern um sich und Zäune, lassen die Nachbarn nicht mehr in sich hineinschauen. Nein, bei uns ist ein Zusammenleben, wie es die Samen noch kennen, nicht mehr möglich.“ Während wir weiterfuhren, gingen mir Toris Worte durch den Sinn. Die Straße führte über weite Kehren aus dem Tal hinauf auf eine kahle Hochfläche. Wie ein weites Meer lag die Landschaft vor uns, ein unendliches Auf und Ab von Hügeln und Senken, das sich in einer grauen Ferne verlor. Runde Rücken wechselten mit Mulden, die von Moorflächen ausgefüllt waren, und bisweilen lagen dazwischen eisblaue Wasserspiegel kleiner Seen. Darüber ein tiefblauer Himmel, dessen Unendlichkeit nach Westen hin von einem dünnen Schleier heller Federwolken unterstrichen wurde. Als breites Band legte sich die graue Asphaltdecke der Straße auf das Land, und daneben spannten sich die dünnen Striche der Telegrafenleitungen als Zeichen menschlichen Besitzanspruches über die siedlungsfeindliche Weite. „Das Land der Samen“, Tori deutete umher, „das ist ihr Lebensraum. Nur Straßen und Telegraf fehlen dort, wo sie leben – fehlen noch. Telegraf und Straße, dieses Netz der Zivilisation, das mehr und mehr ihr Land überzieht, es einengt, die Wanderungen ihrer Rentierherden beeinflusst und damit die Nabelschnur durchschneidet, die sie an diese Landschaft bindet, ohne die sie nicht leben können.“ Ich warf einen Blick zu Tori hinüber, sah glühende Augen und wie ein trotziges Kind warf sie eine Haarsträhne aus ihrer Stirn. Das war gestern, und nun lag sie vor mir auf der Trage – festgeschnallt. Sie schien eingeschlafen zu sein, doch auf jede Erschütterung des Autos reagierten die Augäpfel unter den geschlossenen Lidern mit heftigen Bewegungen. Ich forschte in ihrem blassen Gesicht. Die schmalen blutleeren Lippen waren aufeinander gepresst, während die Mundwinkel unentwegt zuckten. Ihr Blutverlust war groß. Ohnmächtig musste ich mit ansehen, wie das Blut immer stärker durch den Verband drang. Ich konnte diesen roten nassen Fleck nicht mehr ertragen. Meine Augen glitten über der kleinen zierlichen Gestalt hin und her und vermieden es ängstlich, am völlig durchbluteten Verband Halt zu machen. Dabei beschlich mich das beklemmende Gefühl, alles falsch gemacht zu haben; ich glaubte sie schon lange zu kennen und doch spürte ich, nichts von diesem Menschenkind zu wissen. Meine Gedanken wanderten einige Stunden zurück bis dorthin, als wir von der Hochebene ins Tal des Altafjords hinab fuhren. Am Horizont hatte sich eine dunkle Wolkenwand aufgebaut. Irgendwo war die Sonne. Sie sandte ihr Licht zu den hoch schwimmenden Federwolken und ließ sie rot erglühen. Zugleich drangen ihre Strahlen unter der Wolkenwand hindurch und überzogen das ferne Ufer des Fjords mit einem ockergelben Lichtband. Die hohen Federwolken spiegelten sich zartrosa auf dem Wasser, das unendlich ruhig vor uns lag. Als wir den Fjord erreichten, brach die Sonne unter der Wolkenschicht hervor und tauchte alles rings umher in eine solche Fülle von Licht, als wolle sie auch den letzten Winkel dieser Urlandschaft erfassen und ausleuchten. Wir machten Halt. Ich wollte die Landschaft genießen und einige Aufnahmen machen. Wie lange war sie nun bei mir? Zwei, drei Stunden, länger nicht. Sie hatte viel erzählt; ich glaubte ein dickes Buch über das Leben und die Kultur der Samen gelesen zu haben, mitsamt Interpretation und Kommentar. Ich ging mit meiner Kamera zwischen den großen Granitblöcken am Ufer umher. Immer wieder schaute ich durch den Sucher. Das eingesetzte Teleobjektiv bot prachtvolle Bildausschnitte. Wohin ich auch schaute, jedes Bild schien mir lohnend. Immer wieder drückte ich den Auslöser. Ich schwenkte am Ufer entlang, stellte auf die glatt gewaschenen Granitblöcke scharf und dann kam Tori ins Bild. Am Rand des Wassers hockte sie sich nieder, zog Schuhe und Strümpfe aus, streifte den Pullover und das Hemd ab und wenig später sah ich durch das 200 mm Tele ihre knabenhafte Gestalt, ihre weiße Haut und die kleine sparsame Bewegung, mit der sie den Slip über die Füße streifte. Sie trat ins Wasser, bückte sich, wischte mit den Händen darüber, so als wolle sie etwas vertreiben, bevor sie schöpfend hinein griff und begann, sich mit dem eiskalten Wasser zu waschen. Ich hörte sie laut prusten und schnaufen; die Kälte schien ihr den Atem zu nehmen. Doch immer wieder griff sie ins Wasser, verteilte es mit schnellen kreisenden Bewegungen über ihren Körper, wusch die Arme, die Brust, den Leib – sie war ein herrliches Motiv, diese kleine im Eiswasser sich waschende Nymphe mit ihrer schneeweißen Haut, dem lang herabhängenden aufgelösten Haar, eine Erscheinung von solchem Kontrast zu der sie umgebenden Urlandschaft, wie er größer nicht denkbar war. Mein Finger lag auf dem Auslöser, aber ich betätigte ihn nicht. Ich drückte den kleinen Knopf nicht hinunter aus Angst, sie könnte das Geräusch des Verschlusses hören, aufmerksam werden und verärgert sein. Und so betrachtete ich nur das Bild vor mir und ihre Gestalt, die das Teleobjektiv greifbar nah vor mein Auge zog. Sie stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und lehnte sich gegen den schräg aufragenden Granitbuckel, der, von der Sonne beschienen, Wärme abstrahlte. Sie hob ihr Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen, und ich sah, wie die wärmenden Strahlen ihren Körper trockneten. Wie Tau hingen noch eine Weile winzige Tröpfchen an den Haaren ihres Körpers und einen Augenblick lang hatte ich den Eindruck, als umspielten sie die Farben des Regenbogens. Ich ließ die Kamera sinken, steckte sie in die Tasche und machte mich auf den Weg zu ihr hinüber. Ich tat möglichst unbefangen, als ich auf sie zuschritt. Sie sah mich mit hellen Augen an. „Na, schöne Bilder gemacht?“ Ein hintergründiges Lächeln lag in ihrem Gesicht und während ich antwortete, „mal sehen, ich hoffe“, griff sie ihre Sachen und zog sich mit ruhigen Bewegungen an. Dabei plauderte sie munter. „Ein herrliches Bad, das erste seit nahezu vier Wochen; und die Luft und die Sonne auf dem Körper – einfach wunderbar.“ „Du brauchst dich meinetwegen nicht anzuziehen“, warf ich etwas hilflos dazwischen. Ein tadelnder Blick streifte mich. „Oh nein, ich ziehe mich nicht deinetwegen an; es wird kühl.“ Sie schaute suchend umher. „Machen wir ein Feuer!“ Es klang halb wie eine Frage, halb wie ein Befehl und sofort begann sie, Holz zu suchen. Wir fanden ein wenig Treibholz, das hinreichen trocken war, schichteten es zwischen den Felsbrocken in einer Mulde zurecht und mit Hilfe einer Feuerpaste, die ich auf solchen Touren immer im Gepäck hatte, knisterte nach einiger Zeit ein ansehnliches Feuer. Die Sonne war hinter die Bergwand gesunken, aber ihr Licht erhellte noch alles ringsumher und wir wussten, dass es die Nacht über so bleiben würde, da es zu dieser Jahreszeit im hohen Norden nie richtig dunkel wird. Später schliefen wir, jeder in seinem Schlafsack, dicht neben dem Feuer, wie vom Spielen müde Kinder. Tori hatte Moos und Flechten auf die Glut geschichtet. „Das ist gut gegen die Moskitos“, hatte sie gesagt, „so schützen auch die Samen sich und ihre Rentiere, wenn die Plage im Sommer überhand nimmt.“ Der weißgraue Rauch hing ruhig über unserem Lager. Tori öffnete die Augen. Der Ambulanzwagen hatte einen Schlenker gemacht, um einem Schlagloch auszuweichen. Der Schmerz hatte sie geweckt. Ich sah, dass sie Mühe hatte, die Augen geöffnet zu halten. Ich drückte ihre Hand. Weit konnte es nicht mehr sein bis Alta. Ich sagte es ihr. Sie lächelte schwach. „Wir schaffen es“, sagte ich. In meiner Stimme lag wenig Überzeugungskraft. „Warum hast du das getan?“, hauchte sie. Dann schlossen sich ihre Augen wieder. „Nein!“, hatte dieser kleine Mund gerufen, „keinen Whisky für ihn – gib ihm keinen Whisky! Schnaps ist ihr Verderb!“ Zornig war sie mit dem Rentiergeweih in den Händen hinzu gekommen, als sie hörte, wie ich mit dem alten Mann verhandelte. Ich hatte das kleine Lager weit voraus am Straßenrand gesehen, gar nicht lange, nachdem wir von der Rast am Fjord aufgebrochen waren. Die drei Zelte, mit ihren an der Spitze zusammen gebundenen Birkenstämmen, um die die Tierhäute gebunden waren, standen wie zufällig am Wegesrand; und davor das Holzgestell mit den darüber gespannten Rentierfellen, den ärmellosen Jacken mit ihren bunten Stickereien und den kleinen Beinschnitzereien. Tori hatte mich fragend angeschaut, als ich den Wagen an der kleinen Souvenir Station stoppte. „Mal sehen, was deine Samen uns zu bieten haben“, hatte ich lachend gesagt. „Das sind keine Samen“, hatte sie erwidert, „das sind Küstenlappen vom Stamm der Vidda. Sie leben vom Fischfang und mehr und mehr von diesem kleinen Souvenirhandel mit den Nordkap Touristen. Ihre Felle beziehen sie von den Samen!“ So hatte sie mich wieder einmal ins Bild gesetzt, hatte mir mit wenigen Worten die Zusammenhänge erklärt. „Well“, hatte sie hinzugefügt“, kaufe ein Fell, wenn es dir gefällt.“ Ein kleiner alt und krank aussehender Mann kroch aus einem der Zelte. Sein breites Grinsen unter den hervorstehenden Wangenknochen rückte die schmalen Augenlider noch enger zusammen, während er mit unsicherem o-beinigem Gang auf uns zukam. Zwei Zahnstümpfe steckten noch in seinem oberen und einer im unteren arg geschundenen Zahnfleisch. Der Mann war nahe an uns herangetreten und hielt ein großes graubraunes Fell in die Höhe. Aus der Nähe sah ich, dass er längst nicht so alt war, wie es auf den ersten Blick schien; allenfalls 30 Jahre mochte er sein. Der Reihe nach ließ ich mir alle Felle zeigen, während Tori bestickte Gürtel durch ihre Hände gleiten ließ, Taschen in die Hand nahm und die ausliegenden Beinschnitzerein betrachtete. Der Mann raunte in einem undeutlichen Englisch Preise. Sie lagen erheblich unter denen in den Touristenzentren des Nordens, in Tromsö oder in Bodö, schienen mir aber dennoch zu hoch zu sein, wahrscheinlich, weil ich gar keine ernsthaften Kaufabsichten hatte. Der kleine Mann in seiner blauen, rot-weiß bestickten Jacke bemerkte meine Unschlüssigkeit und ich sah Resignation in seinen Augen. Ich zuckte entschuldigend die Schultern, wollte mich gerade abwenden, da hörte ich gepresste Worte: „Whisky, have you Whisky?“ Ich schaute in sein Gesicht, sah aschgraue Haut und eine Zunge, die breit über seltsam rote Lippen glitt. Tori, die einige Meter entfernt stand, ein Rentiergeweih in den Händen, warf beim Wort >Whisky<. den Kopf herum. Der Mann streckte mir ein prächtig gemustertes Fell entgegen, während er gurgelnde Laute hervorstieß, dazwischen immer wieder das Wort „Whisky“. „Fantastisch!“ rief ich zu Tori hinüber, „dieses Fell für eine Flasche Whisky, wenn das kein Geschäft ist!“ Sie kam langsam mit dem Geweih in der Hand auf mich zu. „Tue es nicht, bitte nicht, gib ihm keinen Whisky!“ „Warum nicht,- ein besseres Geschäft gibt es gar nicht!“ „Schau ihn dir an; er ist ja schon ein Wrack; was meinst du, was er mit dem Whisky macht?“ Ihr ausgestreckter Arm deutete auf den Lappen, während sie mich eindringlich ansah. „Er trinkt die Flasche aus; auf der Stelle wird er sie austrinken; und dann wird er völlig betrunken herumliegen, ein zwei Tage lang. Er wird nichts verkaufen! Vielleicht stiehlt man seine Felle und seine Familie muss hungern!“ Ich zuckte die Schultern. „Aber es ist ein zu gutes Geschäft, meine Liebe; sag ihm, er soll die Flasche langsam trinken!“ Damit drehte ich mich um, ging zum Wagen und holte aus dem Kofferraum die Flasche. „Bitte nicht“, kam es noch einmal flehend von ihren Lippen und dann stieß sie mit Zorn in der Stimme hervor: „Hast du denn gar nichts gelernt, seitdem wir zusammen sind?“ Der Lappe hatte die Auseinandersetzung verfolgt und offensichtlich verstanden. Mit zwei Schritten war er bei Tori, riss ihr das Geweih aus den Händen und schob sie mit verächtlich aufgeworfenen Lippen beiseite. Beim Anblick der Whiskyflasche richtete er seine Gestalt hoch auf, kam zu mir herüber, in der einen Hand das Geweih, in der anderen das Rentierfell. Er legte mir das Fell über den Arm und griff die Flasche, während seine Zunge hörbar schnalzte. Flink drehte er den Verschluss ab und hob die Flasche an den Mund. Da sprang Tori herbei, entriss ihm die Flasche und schleuderte sie mit einer kurzen heftigen Bewegung zu Boden. Ehe ich eingreifen konnte, stürzte sich der Lappe mit dem Geweih auf das Mädchen. Wie ein Alptraum lastete die Szene immer noch auf mir, während ich in einem weißen Raum der Krankenstation von Alta saß und meine Augen an der Tür hingen, hinter der Tori auf der Trage verschwunden war. Nach einer Ewigkeit kam ein Mann im weißen Kittel. „Wir haben Glück gehabt; wir hatten Konserven ihrer Blutgruppe im Depot; sie wird durchkommen; sie muss aber so schnell wie möglich in ein Hospital. Der Hubschrauber aus Tromsö ist schon unterwegs.“ Als ich sie zwei Tage später im Hospital besuchte, war da wieder dieser intensiv prüfende Blick. Dann schüttelte sie langsam den Kopf und sagte: „Es war von Anfang an nicht richtig!“
Franz Josef Mundt
Leis sinkt die Sonne über den Hängen. Ich denke an. Frierend steh ich An den Trümmern der Frauenkirche Und denke an. Eiskalt den Wind in den Haaren denk ich an.. Ruhig der Elbfluss fließt in die Nacht hinein...
William Rosenstock
sie war aber einfach nur blöde. Als ich stumpfsinnig sagte, begehrte ava auf: stumpf. Das reiche. Aber da war doch noch die, zumindest das, feingeschnittene linie von schenkel/auseinandertreiben, von genialem aufsaugen ihres fleisches, das mir egal war, wenn es mir begegnete. Auf welchen gewässern wandele ich eigentlich? Will mein gesicht in dich vergraben. Hätte die andacht dazu. Endlich mal keinen gedanken. Es vergeht. Weil alles so schnell schreit. Es verschwindet. Weil nichts wirklich verschwinden will. Die tode sind alles kopfgleich gestorben worden. Ohne nicken. Ohne vornamen. Plötzlich steh ich da vor einem typen mit langen grauen haaren, der ein boot baut, der seinen traum ölt, der mich ansieht, als wäre ich sein blauwal, scheibschenweise, ein gesicht ist völliger als gleichgültig, ein gesicht kann nichts wirklich: geschehen lassen. ein gesicht…
Willi van Hengel
lippenfaulen wühlt die seele nicht hüpft kaum auf seufzt nur schlicht und hockt dem geschehen in die entliehene wirklichkeit.
ich konnte ihm nie sagen, was ich für ihn und seine welt fühlte. weltflucht. Das nacherzählen seines hirns. Verderbt ein leben, das igendwann nicht mehr wissen wollte, was es sollte. vergrabene gefühle bei allem, was war. Erinnerung in fetzen gerissen. haut vergisst nichts. Die dinge darunter ebenso wenig. So allein wie dich habe ich noch nie einen menschen gesehen. Deine sehnsucht allein hat dich/sich entführt. Die furcht vor dir selber. Das eingeständnis, versagt zu haben auf allen blutbahnen, deine seele wie in arrest, dauerzustand, du warst natürlich müde, weil du morgens aufgestanden bist um fünf, und abends auf nichts mehr lust hattest, du hast dir keine lust mehr gestattet, du hast dich dir selber nichts mehr gestattet, du wolltest nur noch schlafen, wolltest geküsst werden, und warst plötzlich doch so nah bei dir, als du deine hose nicht mehr erkannt hast, wie rum anziehen, hast du gefragt, als wärst du ein kind, dass eine flanellhose noch nie in händen gehabt, als wärst du schon so weit weg, ich versteh dich, bin im schwitzkasten meiner eigener wortbewaldung, bin immer irgendwo anders als die wirklichkeit mir zeigen will, wo ich sein soll. Innen drin haben uns schon immer zwirne das gehirn gebunden, wir sind schädelfreunde. Dein davongehen – jetzt endlich wirst du erkannt, anerkannt, als mensch, nicht mehr nur noch funktionieren – ist mir ein kuss: wenn wir telefonieren, bist du da, stehst du neben mir, steinbock wie du, können keine nähe ertragen, haut, du bist mir dennoch so nah, immer näher, es gab nie einen menschen, der mir die worte jenseitiger angetragen hätte, es gab nie einen menschen, den ich als honigklumpen so wie dich in mein herz tropfen hätte lassen. Wie wusstest du nicht mehr, was geradeaus ist. Wie nah fühlte ich mich dir. Wollte auch ich das je wissen? Du warst mir immer schon einen schritt voraus. Du hast mir gezeigt, dass es einen wald gibt, der keine bäume hat: einsamkeit. Die angst vor dem wald war da. Bei uns beiden. Mein schädelfreund, mein zwirn hakt sich in dich ein. Vermach mir deine reise ins kleefeld, vermach mir dein gelb. Das nacherzählen deiner träume ist nie zu spät…
Willi van Hengel
Ich glaube, dein erstes Wort war sanfter als mein Blick in dein Gesicht. Zu überrascht war ich von deiner Schönheit, die auf deiner Haut schlummerte und so vieles schon von dir verriet. Dazu brauchte ich nur den Wimpernschlag über deinem verborgenen Lächeln. Als du mich dann noch fragtest, ob ich der Neue sei und wie es mir in Duisburg ergangen wäre, da wurde mir klar, dass du einiges von mir schon wusstest. Und warum ließen sie uns zwei Tage später mit einem Mal für sieben Minuten alleine im Kassenraum, in dem man sonst kaum Luft bekommt, selbst im tiefsten Winter muss das Fenster in regelmäßigen Abständen geöffnet werden. Und da stand ich nun vor dir und lehnte mich in meine Ellenbogen auf die runde abgekratzte Barriere, die mich von dir trennte, obwohl ich gar nicht so fühlte, und du, glaube ich, auch nicht, wir waren uns doch so nahe, wir spürten es doch beide. Du saßest vor mir auf der Anhöhe des Raumes, von der aus du aus dem dunkel getönten Fenster auf die Kassenreihe hinaus-, niemand aber je zu uns hineinblicken konnte. Wir sahen uns an. Und die Worte, die wir miteinander wechselten, wurden belanglos. Woraus speiste sich unsere Gelassenheit? Warum warst du mir so vertraut, so schön, nicht nur deine Beine, deine Hände und dein tiefer Blick, sondern auch deine Stimme und wie du deine Wörter darin aussprachst, warum! Als du mich fragtest, ob ich auch zur Weihnachtsfeier käme, ich aber erwiderte, dass ich dafür noch zu frisch im Betrieb sei, und du wie aus einem längst geschriebenen Drehbuch geantwortet hast, dass du schließlich auch da seiest, atmete ich deinen Atem als Liebeserklärung in mich ein. Zugleich ruhte mein Auge auf deinen Schenkeln, auf dem deine Namensschildchen lagen, es waren derer zwei, nur der Vorname war derselbe… Und ich wanderte kurz von deinen Beinen dazwischen und genoss die Unbedarftheit der Kürze, um dich nicht wissen zu lassen, dass du mich langst gefangen genommen hattest allein mit deinem Dasein. Noch bevor du sagtest, dass du dich noch nicht an deinen neuen Namen gewöhnen könntest, hatten sich unsere Augen wieder ineinander verfangen. Meine Brauen schossen wohl in diesem Moment in die Höhe, du spürtest es und sagtest nur seit einem Monat. In diesem Augenblick haben wir unser Glück in unsere Hände gelegt, so vorsichtig wie wir miteinander umgingen, du das deine, ich das meine. Das was Liebe ist. Die einzige Liebe, die sich nicht selbst zerstört. In der Halbfremde. In der Freiheit, die bleibt und bleiben gelassen wird. Als legten wir unsere Hände ineinander. Und tanzten, ohne uns zu bewegen. Unsere Welten hinter einer Haut. Dass ich dich nur noch berühren wollte, war das Begehren, das ich nicht mehr einfangen wollte. Wir waren längst berührt. Hinter den Wörtern. Als du dann, um von uns abzulenken, sagtest, dass man nie wissen könne, was die Zukunft bringen werde, wollte ich eigentlich gar nichts darauf sagen. Doch das habe ich mich nicht getraut, und so sagte ich, dass jede Beziehung letzten Endes ein Glückswurf sei und vor allem ein langes offenes Gespräch, worauf du nur genickt hast. Schönheit hat wohl nur etwas mit dem Augenblick zu tun. Ich zog mir dann die Lederjacke an. Dabei trat ich einen Schritt zurück, spürte jedoch gleich, dass du mich wieder an dich zogst. Ich fühlte mich in deiner Nähe wohl, vielleicht sogar unrettbar, aber auch das wäre gut gewesen. Ich nahm meine Tasche und verabschiedete mich von dir. Und dabei empfand ich ein noch wohligeres Gefühl, ich spürte einen tollen Schutzengel bei mir. Ich wusste nicht, ob du mit mir schwimmen wolltest. Ich nämlich war ein Meer unendlicher Empfindungen. Und ich empfand nur dich. In einer tiefen Unendlichkeit. Ganz nah bei dir. Ganz bei mir. Und war so froh, dass du seit Kurzem gebunden warst. So konnte ich dich wirklich genießen, aus unserer Halbferne, die uns frei sein ließ. Ich liebte dich in diesem Moment, wie du warst, tief in mir, alleine wie du vor mir saßt, so offenherzig vom Wort und mehr her, ich wollte dich plötzlich nicht mehr berühren, wir hatten uns längst berührt, inniger als jede Zeit es erlaubte. Auf der Heimfahrt im Auto vergingen die Kilometer in der Schönheit deiner Erinnerung wie im Fluge. Du wärst die erste Frau in meinem Leben, auf die ich warten würde, Ayla, Aylav.
Willi van Hengel
nur genervt beim vorbeigehen. Da steht es schon wieder, war mein erster, immer wieder erster und mit der zeit nur noch einziger gedanke, und sieht mich nicht mal an, sieht an mir vorbei, sieht mich eigentlich gar nicht. Es verachtet mich. Ich hatte es doch selber gemalt. Mir mit den farben mühe gegeben. Sie konnten sich aussuchen, was sie mit sich machen wollten, ja sogar, was sie mit mir machen wollten, im grunde hatte ich selbst kaum was damit zu tun, im grunde habe ich mit überhaupt nichts etwas zu tun, im grunde macht alles eh, was es will. Und ich mittendrin. Ich häng mittendrin. Satyr meines unglücks. Meines glücks. Was ich nur nicht mitbekomme. Bin stier und raff eh alles erst viel später, sehr viel später. Manchmal auch gar nicht. Oder jahre später. Nichts vergisst mich. Ich bin eingebunden in die zeit, vielleicht sogar in die ewigkeit. Meine sehnsucht hat ja damit etwas zu tun, denke ich, und will es dir sagen, denke aber zugleich, dass jetzt der falsche zeitpunkt ist, darüber zu sprechen, obwohl meine zunge bebt, vor worten bebt: ein orangefarbenes flammenmeer. Aber ich lass es, nehm mich zurück. Weiß nicht warum, auch einen tag später nicht. Weiß ich meistens gar nichts mehr, schon gar nicht mehr, warum. Warum ich es nicht gesagt habe, im leben wird dir eh nichts geschenkt, also kann es dir doch egal sein, was du machst und wie du es machst, es kommt nur darauf an, dass du es machst, egal wie, es wird dann schon von alleine dein sein: sich ergeben. Warum weiß ich auch nicht, warum ich so gedacht haben wollte mit einem mal. Da stellt sich plötzlich der gedanke vor (wie bei einem vorstellungsgespräch?), dass ich die dinge um mich herum zu wenig achte. Die menschen ebenso wenig. Dabei will ich sie mit meiner gleichgültigkeit nur nicht verletzen. Mehr ist es eigentlich nicht, oder? Ich habe das bild im flur dann umgekippt: es lächelte plötzlich.
Willi van Hengel
Dem Morgen blieb es ganz verborgen dass keine Stunde ohne ihn verging Am Mittag stand still die Stunde denn es war in aller Munde dass der Morgen einen Mittag nicht mehr ohne Mahlzeit dulde der Mittag ganz schön keck bekam dadurch einen Schreck und machte sich sofort vom Fleck was der Nachmittag ihm damit dankte dass er einen Zank anfing mit nicht früher und nicht später setz ich ein an meinem Platz zu sein da schon arg verschoben und verzogen unsere Zeiten schwanken denen wir unser Wanken verdanken ich bleibe meinem Namen bis zum Abend treu ganz ohne Scheu fest auf den Beinen worauf ihm schon von weitem der Abend zurief das will ich wohl meinen denn ich werde nicht eher erscheinen als es sechse geschlagen für mich heißt hier zu sein bis zur Nacht und mich dann schlafen leg um zehn wo nichts mehr von uns zu sehn bis zum Ende der Dunkelheit der Nacht wo alles wieder von neuem erwacht. Gute Nacht.
Walter M. Stütz
Erzählung von Günter Claas
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und würde in kaum mehr als einer Stunde ihren höchsten Stand erreicht haben. Vom Meer wehte ein leichter Wind in das Land hinein und vermischte dort den typischen Geruch salzigen Wassers mit dem betäubenden Duft der weiß und gelb leuchtenden Blüten der Frangipani-Bäume, dem von Akazien, verschiedenfarbigen Hibiskussträuchern, Oleander, Mangobäumen und dem vieler anderer tropischer Gewächse. Wie schon seit Urzeiten hatte das Wasser des Indischen Ozeans auch heute wieder den Kampf gegen die unbekannten Mächte verloren, die es für viele Stunden an einen unbekannten Ort riefen. Vergeblich hatten die vom Horizont in unendlicher Folge heranrollenden Wellen versucht, sich am Rand des Ufers und den schroffen Korallenfelsen des Riffs festzukrallen, um dem Sog zu entgehen. Doch sie mussten dem Ruf der Mächtigen gehorchen. Widerwillig gaben sie zunächst den Strand und damit den herrlich weißen Sand frei. Gluckernd, rauschend und murrend hatten sie sich dann auch von dem vorgelagerten Riff zurückgezogen. Danach dauerte es nicht mehr lange; ihr Widerstand war gebrochen. Die tiefblaue Oberfläche des Ozeans bestand nur noch aus ruhig dahinfließendem Wasser. Nur einige kleine, plätschernde Wellen zeugten davon, dass sich nicht alle dem Zwang der Mächtigen beugen wollten. Doch auch sie würden auf die Stunde warten müssen, in der die Mächtigen sie wieder an den heimatlichen Strand zurückführen würden. Er hockte auf dem Platz, der ihm schon seit sehr vielen Jahren als Ausguck diente. Vor ihm lagen der gleißend weiße, nun von allem Wasser verlassene Strand und die unbedeckten, großen Flächen des Korallenriffs. Nur noch wenige verbliebene Tümpel zeugten davon, dass sich dieses noch vor kurzem in einiger Tiefe unter dem Wasserspiegel befunden hatte. Sein Blick glitt zu der Stelle hinüber, an der sich das Meer und der Himmel zu einer gemeinsamen Linie zusammenfanden. Dann drehte er sich herum und sah über die Ebene hinweg bis hin zu den in der Ferne liegenden Shimba Hills. Wo immer er auch hinschaute, überall gab es Ansiedlungen, zerschnitten Straßen und Wege das Land. Sie hatten sich wie Narben in das Gesicht dieser Natur eingegraben. In eine Landschaft, die vor vielen Jahren von üppig wachsenden Urwäldern bedeckt war. Die unendliche Anzahl riesiger Hartholzbäume, der Schirmakazien, der Raphie- und Doumpalmen, der Wildfeigen, der baum- und bodenwachsenden Orchideen und vieler anderer Gattungen war dem Landhunger der Menschen zum Opfer gefallen. Die weiten Kurz- und Langrassavannen waren verschwunden und damit auch die Artenvielfalt der Tierwelt. Längst hatten Nutzpflanzen aus Europa Einzug gehalten und einheimische Gewächse verdrängt. Auf den früher von dichtem Busch bewachsenen Flächen wurden nun Mais, Zuckerrohr, Weizen, Bananen, Orangen, Cashewnüsse, Baumwolle und Anderes angebaut und geerntet. Mit den Urwäldern waren auch die heiligen Stätten des Digo Volkes, die Kayas, verschwunden; die entlang der Küste lebenden Elefanten, Nashörner, Giraffen, Löwen, Leoparden, Hyänen und viele der anderen Tierarten ausgestorben. Rechts vor ihm lagen zwei Inseln aus der Vorzeit gleich die Reste des Diani- und des Jadini-Urwaldes. Nur hier gibt es noch wenige Tierarten, die bis jetzt überlebt haben, dachte er. Darunter sind seltene Vogelarten wie der Uluguru- und der Olivennektarvogel. Auch horntragende Blauducker, die kleinen, sich nur in Wäldern aufhaltenden Antilopen, sind hier zu finden. Auch Paviane, wenige Buschschweine und -böcke, Zibet- und Ginsterkatzen, Stachelschweine, Mangusten, Warane und einige Schmetterlingsarten leben noch weitgehend ungestört in den Verstecken, die der Dschungel ihnen bietet. Doch er war sicher, dass auch dieses Refugium der Tiere irgendwann dem unersättlichen Landhunger und der Unbedachtsamkeit der Menschen gegenüber der Natur zum Opfer fallen würde. Der riesige Baobab-Baum, auf dem er saß, war einer der wenigen Überlebenden aus früherer Zeit. Seit mehr als sechshundert Jahren hatte er allen Stürmen, Dürren und Feuersbrünsten widerstanden. Es bedurfte schon sechzehn Männern, um seinen riesigen Stamm zu umfassen. Der Baum stand inmitten einer weitläufigen Hotelanlage, die hier vor wenigen Jahren erbaut worden war und ständig Besucher aus aller Welt beherbergte. Aus großer Höhe herabblickend, sah der einsame Beobachter auf den großen Swimmingpool und die diesen umgebenden Liegen hinab, die den Gästen zur Entspannung dienten. Es war erst Anfang November und zu diesem Zeitpunkt hielt sich das Gewirr der Stimmen, die zu ihm hinauf drangen, noch in Grenzen. In wenigen Wochen würde sich dies ändern. Dann würden die Tage vom endlosen Lärm spielender Kinder und den Gesprächen der Erwachsenen geprägt sein. Er wusste, niemand konnte ihn hier oben entdecken. Keiner würde es sehen oder bemerken, wenn er von diesem Baum herabstiege, zu einem anderen Ort ginge oder sich zu den Menschen unter ihm begäbe. Denn er war körperlos. Er war einer der ausgesuchten Verstorbenen, deren Seele es gestattet war, im Land der Väter, Ahnen und Urahnen zu verbleiben. Es war sein Baobab, auf dem er saß. Er selbst hatte diesen Baum als Schössling an dieser Stelle eingepflanzt als er sechzehn Jahre alt war. Es war das Land seiner Vorfahren, auf das er blickte. Sein Dorf hatte sich nur wenige hundert Meter landeinwärts von hier befunden. Mit einer Dorfgemeinschaft, der mehr als sechshundert Krieger, Frauen, Kinder und Alte angehört hatten. Zu seiner Zeit hatte man ihn Kariuki genannt. Er war der älteste von sieben Brüdern. Nachdem sein Vater verstorben und seine Seele zu Ngai, dem Gott vieler Völker, gegangen war, bestimmten ihn die Ältesten des Dorfes zu seinem Nachfolger. Kariuki war dreiunddreißig Jahre alt, als ihn die Mitglieder seines Volkes zu ihrem König erhoben. Unter seiner Führung gelang es seinen Kriegern, die mit anderen Dörfern geführten Streitigkeiten zu beenden und die verschiedenen Stämme dauerhaft zu vereinen. Mit fast sechstausend Kriegern verfügte er über eine der größten Streitmächte, die es zu dieser Zeit in diesem Küstenstreifen je gegeben hatte. Dies hielt jeden fremden Stamm davon ab, Kriege gegen seine Dörfer auszurufen.
Die Stärke ist mein gegen den Strom immer und immer wieder Auf und ab Kurz vor dem Untergang gewinne ich die Stärke zurück und tauche auf
Das Gebot des Kämpfers nicht nur für mich kämpfe ich immer wieder gegen den Strom Bevor Du untergehst gewinne ich an Stärke und hole Dich zurück
Eine Gabe mir geboten ich setze sie um in Taten Schwimme für Dich gegen den Strom Bevor Du zurückbleibst werde ich stärker und ziehe Dich mit voran
Du hast es geschafft Ich bin stärker als zuvor Die Welle naht überrollt mich nun Kurz vor dem Untergang gewinne ich die Stärke zurück und tauche wieder auf
Schwimme für den Nächsten gegen den Strom Gewinne an Stärke mehr noch dazu Trage die Last die mir aufgebürdet für dich empor
Endlich, endlich hab ich es geschafft Oben angekommen lasse mich fallen Die Last will mich erdrücken Jemand reicht mir die starke Hand und zieht mich hoch
Gabi Junker
Kannst du mir sagen, ob du ein wort hast, ein wort, das dich die ganze zeit schon begleitet? Kannst du mir sagen, welches wort du schön findest? Kannst du (mit mir) schweigen? Kennst du das? Der stille eine würde geben, den dingen etwas andichten, womit sie nicht rechnen. Kannst du das? Gedankenball. Tornados beginnen so. rollen durch die bald verwüstete landschaft, die nur wind sein will. Wohin? Als der 5-zeilige satz sein subjekt suchte, das nach seinem verb verlangte, das ohne wie-wort nicht sein wollte: alles verlangen, begierde, die dort schon nach ihrer umsetzung sucht. und dann noch der punkt danach - wie die zigarette, die alles weghaucht. mitten in ihrer wolke entstehen romantische gestalten. weißt du noch, wie überrascht du warst, als ich dir sagte, dass du die zigarette anbehalten solltest, während ich dich innig küsste? Erinnerst du dich? Oder ist das ein bild, das du nie wieder vergisst? Das wort, das gar keins ist. Wie ich. Ich kann es auch nicht mehr vergessen. Wie dich. Wir suchen uns immer noch. Glaubst du das auch? Und finden uns immer noch. Weißt du das? Spürst du es? In deiner wolke: dein nie-wort. erinnerst du dich? Ich glaube nicht.
Willi van Hengel
Die Schwarzspur der Finsternis treibt dir die Buchstaben in die Iris schwarz auf weiß. Frostig der Sonnenwind nördlich der Sehnsucht das Eis ins letzte Gras faucht. Tödliches Blinzeln liegt in der Luft gegeißelt von hungrigen Kolkraben die mit hungrigen Schnäbeln den Wind durchwalken mit Flügeln die Trost verheißen. Du brichst das Brot als sei es dein letztes. Endzeit, kürzeste, kurz vor der unsterblichen Atemwende.
Gehst du hinaus gehst du hinein ins andere in dein in mein in eins in keins ins nichts ins aus
und trägst das Herz wie eine flackernde Flamme in Atemnot beim Abendrot am kürzesten Tag der entkommenen Umnachtung.
Walter M. Stütz
Das Jahr so müde von der Zeit neigt sich zu einem guten Ende Die Bäume streifen ab ihr Kleid Das Licht zeigt sich in seiner Wende
Was dich bewegte findet Ruh Es ist als ob in allen Dingen ein Werden wohnt und ein Vollbringen als schlössest du die Augen zu
Auch wenn’s dir noch entgleiten mag So hallt es nach in dir ganz innen Und wird an Raum gewinnen So leuchtend wie der lichte Tag
Thomas Hecht
All losses (...) and sorrows end. W. Shakespeare
Die Schläge der Glocke herüber vom Turm wurden von einem wütenden Orkan zerrissen. Durchs Fenster drang schwarz die Nacht. Die Sturmböen dröhnten dumpf und röhrten wie durch einen Schlauch getrieben, der tosend an alles schlug was sich ihm in den Weg stellte. Gleich wird das Fenster bersten und samt dem Tisch und allem werde ich auf der Böe fortgerissen um an der nächst besten Wand zu zerschellen. Auf meinen Kopf drückt ein Gewicht, ein Außendruck, als befinde ich mich in der Koje eines gerade untergehenden Schiffs, in das jeden Augenblick durch die Bullaugen das Wasser hereinplatzt. »Bin ich wach oder träume ich!? In der Hölle muss es erträglicher sein als hier«, sage ich zu mir. Man muss die Hölle im Kopfe herumtragen, um solch einen Satz zu äußern. Doch die Vorstellung von einer Hölle auf Erden - wie widersinnig. Es herrscht doch kein Krieg, wir haben Frieden. Oder unterliege ich da einer Täuschung und träume nur bei wachem Bewusstsein? Nein ... Unsinn. Draußen wütet ein höllisches Unwetter, gleich einem Inferno! »Wo ist Anna, wo ist Miranda«, denke ich und suche sie wie im Wahn, und gewahre sogleich, gerade durch den elementaren Schrecken aus dem Tiefschlaf gerissen, mein eigenes Entsetzen, angesichts dieser Raserei, die von allen Seiten jeden Augenblick alles Irdische tilgen wird. Doch gemach, gemach, reiß dich zusammen, auch wenn dir das Dach über dem Kopfe wegfliegt, so bleibst du doch im Keller, verschüttet zwar und mit dem gesamten Gerümpel über dir eingeschlossen – so es dich dann noch gibt. Aber mein Gehör ist nicht geschaffen für die Wutausbrüche der Natur, ganz besonders nicht, wenn es sich wie jetzt wie in einem Gefängnis wähnt, das im nächsten Moment zur tödlichen Falle wird. »Wo sind Miranda und Anna?« Ein heftiger Streit mit Miranda am Vorabend des Orkans wegen Anna, hatte sich zwischen uns entbrannt. Anna befindet sich im besten Pubertätsalter. »Du bist so unausstehlich wie deine Tochter, genauso unbelehrbar und starrköpfig wie sie! « hat sie mir nachgerufen. Damit hatte sie nicht ganz unrecht. »Schöpfernaturen, sagte ich, keimen bis an ihr Lebensende, wenn sie sich treu bleiben. « Sie verstand mich, aber akzeptierte es nicht, angesichts des ganz privaten Konflikts, den sie mit Anna seit ihrer Geschlechtsreife immer wieder hatte und der beim Abendessen förmlich explodierte. Sie spricht nicht, ist bockig, stört, revoltiert, findet alles und jeden zum Kotzen, mäkelt an allem und jedem herum, besonders beim Essen, an der Kleidung, am Aussehen, am Verhalten von mir und Miranda und überhaupt, wie wir leben. Es ist für uns eine anstrengende Zeit. Miranda stört sich vor allem an meiner, wie sie vor Anna triumphierend und um ihre Gunst buhlend sagt, Klugscheißerischen Art, die für alles Verständnis zeigt, aber nichts bewirkt. Sie will sofort das Ergebnis und drängt, nötigt, ja erpresst mich mit provozierender Ungeduld. »Miranda, sage ich, lass das, du disqualifizierst dich selbst und entzweist, was zusammengehört, wir wollen Klärung und nicht Zerwürfnis.« »Jaja ... du Superaufklärer, du mit deinen klugen Kantsprüchen und Fröbelsätzen und deinem Afterphilosophen Arthur Schopenhauer und deiner jämmerlichen Frankfurter Schule, diesen lebensunfähigen Jüngern, diesen verkappten Haarespaltern einer weltfremden Theorie, die nicht mal im Stande sind, einen gewöhnlichen Reißnagel in die Wand zu drücken, ohne sich dabei zu verletzen. Allein, wenn ich schon die Titel deiner Bücher lese, splittern mir die Worte im Gehirn und treiben mir die Übelkeit deiner intellektuellen Sprachzerfaserer in den Magen, die auch noch dadurch, dass sie ihren Gedankenmüll durch den Reißwolf ihres Gehirns haben laufen lassen und zwischen zwei Buchdeckel haben drucken lassen, auch noch horrende Summen dafür bekommen. Welch ein Fez!« »Genug, es reicht, ich habe dich verstanden, « sage ich mit demütigem Blick, den ich flugs auf Anna lenke, um Besseres zu erhoffen. Doch Anna pubertiert, scheint geschützt durch ihren ureigenen Kokon, der ihre Haut, besonders im Gesicht, wie mit frischem Puderzucker überzogen hat. Die Ontogenese (Entwicklung des Individuums von der Eizelle zum geschlechtsreifen Zustand) von Anna geht Miranda derart unter die Haut, macht sie so betroffen, ja sie ist förmlich getroffen davon, dass sie von der vermeintlichen Zerrissenheit und Unnahbarkeit Annas, ein ganz natürlicher aber schwieriger Entwicklungsprozess in diesem Stadium, zerrieben wird. Erschwerend kommt hinzu, dass wir beide vor fast unüberwindlichen beruflichen und finanziellen Schwierigkeiten stehen, mit einer lastenden Hypothek im Rücken, ein Berg von Schulden, die mich jeden Abend in den Keller treiben, um unseren Lebensunterhalt mit enervierenden Korrekturarbeiten für einen kommerziellen Verlag zu sichern, neben meiner Haupttätigkeit als EDV-Sachbearbeiter. Im Stillen denke ich, nicht mehr lange, bald brichst du unter dieser Last zusammen oder es trifft dich der Schlag aus eigenem Unvermögen, weil du einem ontologischen Missverständnis (Ontologie=Seinslehre) aufgesessen bist, das da lautet: Ich tat, was ich erkannte, anstatt: zu erkennen, was ich tat. Doch diese Lehre ist schwer erlernbar. Draußen raste der Sturm und in mir wallte das Blut. Endlich hatte ich die Türklinke in der Hand. Ich drückte sie, auf alles gefasst, das Schlimmste erwartend. Die Tür bewegte sich einen Spalt weit, dann klemmte sie. Ich drückte mit ganzer Kraft gegen sie, - ich entwickle übermenschliche Kräfte, wenn es die Situation erfordert - spürte weder Angst noch Schmerz und zwängte mich hindurch. Endlich, sie gab nach oder hob ich sie aus den Angeln? Ein seltsames Säuseln schwirrte mir um die Ohren, als wolle es mir etwas warnend mitteilen. Aber schon war ich auf der Treppe. Beherrscht und besessen von Anna und Miranda, trieb es mich wie in Trance die Kellerstiege hoch – unerklär- noch- beschreibbar. Es war kein Licht, aber ich hatte die Fähigkeit, wie eine Katze im Dunkeln zu sehen. Es war mir nicht bewusst, alles geschah wie von selbst. Plötzlich bekam ich einen Schlag auf den Kopf, ich fiel. Was war das? Sekunden war ich bewusstlos. Taumelnd, benommen und tastend kroch ich auf allen Vieren vorwärts, die Hände als Fühler benutzend. Wogegen war ich da geknallt? Es gibt doch keine Falltüre, der Treppenaufgang führt offen ins Erdgeschoß und ist durch ein Geländer geschützt. Jetzt musste ich meine schmerzenden Gedanken in die Hände nehmen, um weiter zu kommen, doch ich hatte das Gefühl, als bluteten sie aus meinem Kopf. Aber es war wie eine Erleichterung. Intuitiv tastete ich mich voran. Etwas war umgestürzt und versperrte mir den Weg. Dann vernahm ich deutlich Schläge; es kam von einem Fenster, an dem der Wind zerrte. Es blies von allen Seiten. Ich spürte so etwas wie einen Lichtblick in mir. Ein Blitz schlug irgendwo in nächster Nähe ein, kaum ich ihn gewahr, krachte es fürchterlich über mir. Ich lebte noch, aber der doppelte Schrecken traf Mark und Bein derart, dass ich von der Erschütterung wie von selbst ins Erdgeschoß katapultiert wurde. Ich konnte es nicht glauben, als ich mich auf der Holzdiele besinnungslos wieder fand. »Was geschieht da mit dir? Ist es ein Delirium oder...? « In diesem Moment hörte ich Stimmen, ein Schluchzen, Stöhnen, Seufzer, Weheklagen; es waren zwei. Draußen prasselten Nägel vom Himmel und irgendein Gegenstand schlug hart gegen das Dach, oder gegen etwas anderes, wenn es nicht mehr stand. Dennoch, ganz deutlich: Die Stimmen von Miranda und Anna. Wie im Rausch zog es mich, ein Sog von unbeschreiblicher Stärke, magnetisiert und elektrisiert von ihren Lauten, zu ihnen. Es knarrte, ächzte und splitterte, es schwankten die Gleichgewichte, doch ich fühlte mich leicht, schwerelos. Annas Türe (Eintritt verboten) stand einen Spalt weit offen, ich rannte dagegen als ich bemerkte, dass sie schief in den Angeln hing und am Boden verkantet festklemmte. Das Zimmer war leer. Ich hörte nichts mehr, doch um etwas zu hören brüllte ich laut: Anna! ...Miranda! Nichts. Das Schlagen hatte nachgelassen und ich glaubte augenblicklich ein schwankendes Läuten vom Turm herüber zu vernehmen. Ein eiskalter Luftstrom durchströmte plötzlich meinen Köper. Er kam aus dem Schlafzimmer, das keine Türe mehr zu haben schien. Ein schauerliches Loch gähnte mich dunkel an. Ich befürchtete Schlimmstes, da der Luftstrom aus dem Zimmer nach Tod roch. Erstarrt und leichenblass, selbst wie der Tod schritt ich mehr schwebend als schreitend über die Schwelle. - Nur noch die Gewissheit sprach dagegen, dass es (k)ein Traum war, was ich gewahr.
Walter M. Stütz
All die Worte, die eine Frau aus dem Mund eines Mannes hören will.
All die Worte, die ein Mann aus dem Mund einer Frau hören will.
All die Worte, die vielen. Sie bleiben leider viel zu oft ungesagt.
Alfred Zoppelt
Das Christkind kam arm in die Welt Mit dem Stöhnen dreier Flüchtigen War es im Schrei eine Freude für zwei Als es auf Tuch sich einfand in die Strohgrippe Von Josefs Hand.
Erlöste Maria von den Wehen in Schweiß gebadet Empfingst vom Menschengeschlecht die Idee von Gotteserbarmen Das uns den Christ geboren zu Liebesfreuden.
Vom Schnee gewärmt die Zypresse die Schutz suchte wie ihr vor dem grausamen Reich der Mächtigen im Odem-Brodem von Ochs und Eselein.
Euer Beth im Stall.
Walter M. Stütz
Tobias hat sich gerade ins Bett gelegt, als seine Mutter zur Tür hereinschaut. „Na, mein Kleiner?“ fragt sie ihn leise. „Hast du schon deine Zähne geputzt und dein Gesicht gewaschen?“ „Aber klar“, antwortet Tobias. „Jetzt musst du mir aber auch die Gute-Nacht-Geschichte von gestern weiter erzählen, Mama“, fordert er seine Mutter etwas müde auf. „Also, gut“, gibt sich die Mutter geschlagen. „Hoffentlich bekomme ich das noch zusammen“. Sie verweilt kurz, schaut in die Luft, deckt ihren Sohn gut zu, so dass er bequem und kuschelig mit seinem Bären Fred im Arm liegen und zuhören kann. „Jonas schaute also auf das Meer…“ beginnt Tobias Mutter, als dieser seine Augen langsam schließt. Er kann sich den Jungen schon gut in seiner Phantasie vorstellen und ehe er sich versieht, beginnt er auch schon zu träumen. Jonas schaut auf das Meer, das immer neue Muscheln und anderes aus dem weiten und tiefen Ozean an den Strand spült. Plötzlich kommt ein ganz winziges Boot angetrieben, in das sich Jonas sofort hineinsetzt, um selbst auf dem Wasser paddeln zu können. So sachte, wie diese kleine Nussschale an das Ufer getrieben kam, so sachte holt Jonas mit seinen Händen Schwung, um wieder ins tiefere Wasser zu gelangen. Eine kleine Angel aus Holz liegt auch in diesem Boot. Nach einer Weile glaubt er, sich tief genug im Wasser zu befinden, um die Angel auszuwerfen. Jonas Papa hatte ihm immer gezeigt, wie das funktioniert, wenn man Fische fangen möchte. Und genau das hat Jonas nun vor. Er steht in diesem Boot auf und will die Angel schwungvoll in das Meer schwingen, als er plötzlich das Gleichgewicht verliert und ausrutscht. Er hat Glück und fällt nur auf die Seite des Bootes. „Hey, kleiner Mann da oben! Setz dich lieber wieder hin“, hört Jonas eine Stimme sagen. „Wo kommt denn diese Stimme plötzlich her“, fragt sich der Junge. Er sieht über die Kante des Bootes hinweg suchend ins Wasser. „Komisch“, denkt er sich. „Nirgends etwas zu sehen“, kratzt sich Jonas nachdenklich am Kopf und will sich gerade zurück ins Boot hocken, als da ein Wesen um das Boot herumspringt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Fisch. „Nein“, das war kein Fisch“, sagt sich Jonas. „Das war doch ein Junge“, ruft er ins Wasser, um diesem Wesen hinterher zuschauen, kann aber wieder nichts entdecken. „Hier bin ich“, ertönt die Stimme nun von der anderen Seite des Bootes. Jonas dreht sich um und sieht da einen kleinen Jungen, der sich über das kleine Boot beugt. Jonas staunt nicht schlecht, als er sieht, dass der kleine Junge sich mit Armen und Beinen festhält. Erschreckt kippt er zurück. „Hey, du!“ ruft der kleine Junge aus dem Meer zurück. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich bin Boje, eigentlich gehört mir das Boot, in dem du sitzt, aber du kannst gern mal damit spielen!“ „Wo kommst du her, Boje?“ will Jonas wissen. „Ich bin mit meinem Vater aufs Meer hinausgefahren, um zu fischen. Aber eine Riesenwelle hat mich mit meinem kleinen Boot von unserem Fischerkutter ins Meer gerissen. Seitdem treibe ich hier draußen herum und versuche, ans Ufer zu gelangen. Ich habe einen Bärenhunger, und Durst habe ich auch.“ Jonas schaut ihn immer noch verwirrt an. „Von einer Riesenwelle habe ich zwar nichts gehört, aber ich nehme dich trotzdem mit an Land zu meinen Eltern“, bietet er seinem neuen Gefährten an. „Weißt du denn, wo deine Eltern jetzt sind?“ „Nein, entgegnet Boje traurig. „Ich weiß auch nicht, ob sie diese Welle überhaupt überlebt haben. Vielleicht können wir das gemeinsam herauskriegen“, klingt Boje hoffnungsvoll. „Warte, ich ziehe dich erst mal aus dem Wasser, du musst ja schon ganz aufgeweicht sein“, sagt Jonas, während er Boje in das Boot zieht. „Nö“, erwidert dieser. „ Ich habe nur ein bisschen baden wollen. Bin jetzt aber mächtig hungrig“, fährt Boje weiter fort. „Kein Problem, wir paddeln zusammen ans Ufer und gehen zu mir nach Hause. Da kriegst du dann erst mal etwas zu essen und zu trinken.“ „Oh ja“, ruft Boje aufgeregt. Beide beginnen, mit aller Kraft mit ihren Händen zu paddeln. „Tobias….! Hallo, aufwachen! Du meine Güte, dein Bett ist ja total durcheinander gewühlt! Was war denn nur los mit dir? Hast du schlecht geträumt“, will Tobias Mutter wissen. „Schlecht geträumt?“ fragt Tobias erstaunt und noch etwas müde. „Nein, ich habe im Meer einen neuen Freund gefunden….“
Sabine Bär
Sie treiben die Keile in die Silben der gewonnenen Einsicht, die aus dem Scheitern ein Schneckenhaus baut.
Sie haben Missfallen an der silbernen Sichel des Morgenmonds, denn Ihr Gespinst gebiert widerspenstige Früchte, ungenießbar wie sie selbst.
Man denkt an Georg Büchner und seinen verzweifelten Lenz, an sein Dasein, war ihm eine notwendige Last: Wo lebt es sich hin...?
Auf dem Lande und in den Städten wohnen sie gleich mehrfach hochpotenziert, Krieg und Frieden ignorierend. Ihr innerer Schweinhund reißt ohne Not Hütten und Paläste ein. Sie haben das Sagen und es wird dafür auch noch übergebührlich honoriert. Man schenkt den Massen reinen Wein ein, doch die spucken ihn wieder aus. Wohin in dieser Welt, Lenz. Hattest du einen wirklichen Freund in Goethen?
Walter M. Stütz
hätte ich mir früher gewünscht, jetzt weiß ich nicht mal, warum sie mich umarmt. Ich weiß überhaupt, wie es ist, nicht mehr, bei einem Menschen zu sein. Nah. War noch nie. // Doch! War so oft. Du hast es nur noch nie empfunden. deshalb hast du alles verloren, was dir in die nähe der herzklappen kam. zerstiebt Geliebt? Als sei’s ein vor- und nachname: am grab? in diesen Stunden, da du immer nur gelacht hast. So überdreht warst du. die Weichen stelln sich von allein. Zerfleischt mit all deiner Lebenslust solltest du… Endlich gehn. …auf dem weg zu dir selbst… kläglich, klangvoll, verleumdest du dich nur noch selten… sie hat sich von dir entfernt, sage ich mir, die lüge, nur die maske blieb: auch kaum noch. von dir entfernt: wie das so nahe Gefühl, nie wirklich bei dir zu sein. Hat dich davongespült. damals: Warst du eigentlich nie auf der suche nach einem ich? Wie schön, dich dort zu sehn auf dem zweig Alleinsamkeit, auf dem du baumelst, ohne dich an den Mantel eines Konjunktivs festzuhalten. Bist wohl in drachenblut getaucht. Warst du früher nicht ein hypochonder? Und plötzlich bist du dem leben näher als du es je gesucht: wolltest doch leiden: näher wärst du nie da. Deine Worte. Damals: immer und immerzu. Dir kann man auch nichts mehr glauben. Wirst du dir nun einen anderen namen zulegen? Einen noch schöneren?
Willi van Hengel
Der Alte Herr drehte sich noch einmal um, drückte mir einen Kuss auf die Wange und sagte. »Ich lege Ihnen unsern Arthur ans Herz, bringen Sie ihn gesund wieder zurück; viel Glück! « Er hatte zwei dicke Tränen auf den Wangen. Der gute alte Herr hatte mich gerührt. »Es ist etwas Schönes um die Zärtlichkeit eines Vaters, und wenn uns die weichere Liebe der Mutter auch in so vielen Fällen wohltuender ist, so ergreift uns jene mehr, eben weil sie sich seltner zeigt. Warum rührt uns (eine verschwindende Minderheit, die sich mit wahrer Demut, Trauer und Pietät ungeheuer schwer tut, ja unfähig ist, noch mehr, seit der Verheerung des letzten Jahrhunderts, wo eine politische Massenpsychose dieses Land und fast die ganze Welt in Schutt und Asche legte) eine männliche Träne tiefer als das Weinen einer Frau?, weil sie der Zeuge eines verbissenen Schmerzes ist, während die Frau in der Tränenflut das Herz erleichtert; weil ein Mann sein Weh in der Brust zurückdrängt und eine Frau es weggibt, aber eine Träne der augenblicklichen Überwältigung sei uns allen erlaubt, jenen um so mehr, die niemanden mehr haben zur Linderung und ihren Schmerz hinausschreien in die Welt, und ihr Weh verklagen und verseufzen,« so der Alte. »Weinen ist unmännlich, « sagte Arthur. Ich wartete, sah ihm tief in die Augen. Der alte Herr winkte uns nach, als ich mich vertrauensvoll umwandte, wobei ich leicht wankte und Arthur an der Flanke berührte, der stur geradeaus eilte mit einem Blick, den selbst das Eis der Pole erschüttert hätte. Wir machten uns auf zum Bahnhof. Der Schnee knirschte unter den Schuhsolen. Die Kälte diktierte unsere Glieder zur Flucht nach vorn. Arthur eilte voraus, scheinbar atemlos. »Nicht so schnell, wir sind noch gut in der Zeit«, rief ich. Doch Arthur hörte nicht oder wollte nicht hören. Doch bevor ich fort fahre:Aspasia heißt unsere Gesellschaft zur Menschwerdung und stammt aus dem Jahre 1841?, nach der gleichnamigen Gönnerin, der Societät in D......, die neunzehnhundertdreiunddreißig verboten wurde und neunzehnhundertneunundachtzig wieder ins Leben gerufen wurde. Ich bin der Mittler sozusagen dieser Sozietät, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger und führe Buch und Protokoll. Doch zurzeit ruht meine Tätigkeit, da unsere Satzung einen jährlichen Wechsel vorsieht, den eine Kollegin jetzt übernommen hat. In meiner Auszeit übe ich ehrenhalber den Beruf des Erziehers aus, den ich vor Jahren wegen einer schweren Krankheit aufgeben musste und den ich nach einem langwierigen Selbstheilungsprozess nur noch in Ausnahmefällen für Einzelpersonen wahrnehme. Aspasia, die freudig Erwünschte, Willkommene (aus Leidenschaft wurde erst nach Jahren der Zerrissenheit, Freundschaft) hat mir einen alten Herrn empfohlen, dem die Erziehung seines jüngsten Sohnes, mit Namen Arthur, nicht nur aus physischer Schwäche entgleitete, sondern auch aus moralischer Hinfälligkeit; kurz, er war am Ende nach dem Tode seiner Frau und sich selber zuviel. Die Augen tränten, die Nase lief. An den Rändern der Gehwege und der Straßen reihte sich der schmutzige Schnee. Wäre ich allein, ohne den mir Anvertrauten, würde ich jetzt stehen bleiben und innehalten und einen ganz anderen Weg gehen, jenen, den mir die Sonne zeigte. Aber ich hatte Arthur an meiner Seite, und der sollte einen Weg einschlagen, von dem ich noch nicht wußte, wie er sich gestalten würde. Während ich mir die Augen und die Nase frei machte, erschrak ich plötzlich: Arthur war weg. Wo ist Arthur! Ein Stich in der Brust klemmte mir den Atem. Das Herz, ein Klumpen Blut, sog sich wie durch einen Trichterschlund in die Blutbahn um sich von mir zu verabschieden um jäh im gefrorenen Erdboden Wurzeln zu schlagen. Sogleich durchfuhr mich ein stechender Schmerz, der wie ein Kugelblitz gegen die Schädeldecke prallte. Dann verspürte ich kalten Schweiß auf Stirn und Rücken, die Poren weit offen bis hinunter zu den Fußspitzen. Gelähmt, doch gleichsam wie vom Wahnsinn gepackt, riß ich mich fort, doch frage mich niemand, wie man im Delirium dennoch das Richtige tut, da ich mich am Bahnhofsvorplatz unerfindlich wieder fand, von Arthur keine Spur. Ich glaubte schon, meine alte Schwäche hätte mich zurückgeholt, weil ich am liebsten an das Bahngleis in die Halle geflogen wäre, hätte ich nur wie ein Vogel Flügel gehabt. Doch in meinen Ohren und zutiefst dort, wo Seele, Herz und Geist den Brennpunkt bilden, dröhnten die Alarmrufe, Arthur vor der Abfahrt des Zuges zu finden. Ich hatte noch eine halbe Stunde, Gleis sechs, Abfahrt sechzehnuhrdreiundzwanzig. Ich sah den Zeiger der großen Uhr auf fünfzehnuhrvierundfünfzig schnellen, und als hätte mich der Schwung des Zeigers erfasst, machte ich mich die Treppen zur Unterführung des Bahnhofsplatzes hinunter. Den Lärm des Verkehrs hinter mich, wehte mir laue Luft von Erdwärme entgegen. Ich drosselte mein Tempo, schaute um mich und voraus, in jede Nische, jede Ecke. Kein Arthur. Künstliches Licht warf schmutzige Schatten. Uriengeruch, verkrusteter Dreck, wehendes Papier, überquellende Abfalleimer, Müll, angebrochenes Brot, Brötchenteile mit Wurst, Ketchup und, Tauben. Hastige Schritte, Stakkati von hart aufschlagenden Absätzen. Gesichter, Gestalten; Physiognomienknotenpunkt. Ankunft, Aufenthalt, Abfahrt. Ausbreitungen, Bewegungen und Geräusche von gewöhnlichen wie ungewöhnlichen, sich kreuzenden und querenden Passanten, Pendlern, Reisenden, Gehenden, Eilenden, Hastenden, Rasenden, Kommenden, Angekommenen, nicht Angekommenen, Wartenden, Suchenden, Herumlungernden, Quartiersuchenden, Essenden, Trinkenden, Trinkern, Kragölenden, Dealern, Junkies; Individueneintopf, Hotchpotch, nichts außergewöhnliches, wie immer, der Alltag, doch kein Arthur. Halte die Augen offen und nehme den kürzesten Weg. Die Zeit im Nacken setzt dir glühende Sporen und du spurtest mit geschärftem Blick. Die Menschenknäuel umgehen, keine mauernden Blicke, Schnur stracks geradeaus, keine wegversperrenden Hindernisse; Schlangenlinie entlang an Wänden, ausweichen, kälteklirrende Gänge und Korridore, Aufgang, Ausgang, hoch, hinaus, schnell aus dem Schacht, geschafft. Huch. Keine Weitläufigkeiten. Erschreckende Stentorstimmen aus Übermut oder Verzweiflung von der Seite direkt in die Gehörgänge. (Den Brüllaffen tut man angesichts dieser Laute schmählich unrecht) Schnell weiter. Freitreppe zum Portal. Den Kopf frei halten. Auf geringsten Abweichungen, Umgehungen zum Ziel. Gleis Sechs von Süd nach Nord. Ein Sammelsurium von nun ebenmäßigem Schall, unaufdringlich, die groß Halle dämpft, verschluckt; erhabene Beiläufigkeit, die Mischung ausgewogen in der Ausdehnung voluminös; gediegene Form, jetzt fast harmonisch. Endlich atme ich meine Anstrengung erleichtert aus, eingetaucht in den Bauch, den Innenraum und gehe über in eine ruhigere Gangart. Auf einigen Bahnsteigen Rauchen, Zischen, lautes Schlagen; ich schreite sie zählend ab. Lautsprecher-Stimmenhall. Endlich habe ich Gleis sechs erreicht und stehe am Rammbock, noch kein Zug, halte mit Argusaugen Ausschau nach Arthur, gehe jetzt langsam, ziehe mit hämmerndem Herzen, ein Funkenschlag jede Sekunde mit angespannter unbewegter Mine, nehme alles was sich bewegt und nach Menschen aussieht ins Visier, taste mit Blicken alles ab wie ein Scanner. – Doch nichts von Arthur. Vom Haus des Alten Herrn zum Bahnhof war es nicht weit, eine halbe Stunde zu Fuß, wenn man flanierte. Aber flanieren, hier in dieser Stadt? »... da lachten ja die Hühner Tränen, wo eine Baustelle die andere jagt und sie alles auf den Kopf stellen, selbst den Kopfbahnhof, den sie abzutragen beabsichtigen um ihn unter die Erde zu verbannen. Verschlimmbesserungen der übelsten Sorte. Modernisierung, Innovation, Forstschritt, nennen sie es, während diese Gier das wenige autark Gewachsene, zerstört ... ja selbst die Kettensäge an gesunde, Jahrhunderte alte Bäume anlegt ... Ein obszönes Kartell... Plutokratie und Oligarchie, die mit geschicktem taktieren die Politik korrumpieren ... die seit je die Mehrheit, die Masse der Bürger nicht durchschaut oder verdorben hat...? «, so einmal sehr erregt der Alte Herr. Plötzlich klopfte es auf meine Schulter mit einer Stimme. »Hi... chance jour mind ... its time ... to find. « Es war Arthur. »...Sauf...c’est vrai ...«, schnappte ich unbeholfen. Es waren mehr Empfindungslaute aus Erschrecken und Überraschung, die ich ausstieß – vor Freude. Ich fasste ihn am Arm, so als müsste ich mich überzeugen, dass er auch wirklich vor mir stand. Seine Augen blinzelten dabei, und als sei ihm meine Berührung unangenehm, wich er mit dem Oberkörper durch eine leichte Drehung nach rechts vor mir zurück. Im selben Moment stellten wir simultan die gleiche Frage: Wo wa ...? Doch jeder gab dem anderen den Vorzug zu sprechen, so dass wir uns gegenseitig unterbrachen, um gleich wieder zu verstummen um uns schließlich in ein verscherzendes Lachen zu retten. Ich fragte mich im Stillen, ob sich Arthur womöglich einen Scherz mit mir erlaubte, und schaute ihn deswegen mit dem Ernst des älteren Bruders in die Augen. »Sie wissen, sagte ich bestimmend, dass sie mir durch ihr plötzliches Verschwinden einen großen Schrecken eingejagt haben. Was haben Sie sich mit Ihren achtzehn Jahren nur dabei gedacht.« Als ich das sagte, wurde mir klar, dass ich diesen Satz nicht hätte sagen dürfen und als wollte ich ihn sofort wieder zurück nehmen, setzte ich mit einem versöhnenden Lächeln als Wiedergutmachung schnell hinzu: »Aber wie man ja weiß, versteckt sich das Wesen der Dinge gern, so auch der Mensch.« Arthur schaute mich mit großen, unschuldigen um eine Antwort ringende Augen an, doch sein Gesichtsausdruck hatte etwas Beängstigendes. »Ich habe mich nicht versteckt, sagte er nun fast insistierend ... ich bin nur geradeaus zum Bahnhof gegangen, vielleicht etwas schneller als Sie ... und als ich mich nach Ihnen umsah, da waren Sie auf einmal nicht mehr da, also bin ich noch schneller gegangen!« »Noch schneller, sagte ich, warum denn noch schneller, wo Sie doch wussten, dass Sie mich verloren haben, ... da hätten Sie mich doch suchen müssen, « sagte ich hastig. Ich sagte es so, dass wir beide verstummten. »Ich konnte den Anblick meines Vaters nicht ertragen, sagte Arthur rasch, deshalb bin ich davongelaufen, ich ertrage keine Abschiede, besonders wenn sie traurig sind, « fügte er leise hinzu. Ich ließ unser Gespräch dabei bewenden, und gab ihm zu verstehen, dass ich ihn verstanden habe. »Gehen wir einige Schritte, « sagte ich und zeigte mit der Hand hinaus zum Bahnsteig, der fast leer war. »Kennen Sie D..., « fragte ich. Er schüttelte mit dem Kopf, während wir unsere Taschen auf eine Bank stellten. »Aber Ihr Vater hat Ihnen doch sicher von Aspasia erzählt. « »Ja und nein .... ach, ich weiß nicht so recht, « kam es zögernd aus ihm. Ich merkte, dass es ihm schwer viel, über seinen Vater zu reden. Wir setzten uns und schauten drei pickenden Tauben zu, die sich irgendwie von unsren Füßen angezogen fühlten, da sie sich bis dicht an unsre Fußsohlen heranwagten und dann kurz vor der Berührung mit leichtem Flügelschlag entfernten um nach einpaar Umdrehungen einen neuen Anlauf zu machen. Dies wiederholte sich mehrere Male hintereinander, bis schließlich ein Kind die Tauben entdeckte und mit lautem Gestampfe unsrer kleinen Belustigung ein vorzeitiges Ende machte. So bereichern Kinder bisweilen unsere Kurzweil, dachte ich und sah mich als Kleinkind dasselbe tun. Plötzlich überkamen mich Zweifel angesichts der Aufgabe, die ich mit der Betreuung von Arthur auf mich geladen hatte. Um meine Zweifel zu zerstreuen, sagte ich unvermittelt: »Und wie stellen Sie sich den Aufenthalt in D...... vor. Sie wissen, dass es ein Privileg ist, bei Aspasia aufgenommen zu werden. Und dass Sie diese Aufnahme vor allem Ihrem Vater verdanken, der mich wiederholt gebeten hatte, mich Ihrer anzunehmen um Ihnen einen reibungslosen Aufenthalt zu sichern. Es herrschen nämlich strenge Regeln in der Sozietät.« Mir wurde klar, dass ich diese Sätze nur aus Angst und Unsicherheit, meiner Aufgabe gegenüber nicht gewachsen zu sein, nur so leer dahersagte, um mich zu stärken. - Es gefiel mir nicht. Endlich fuhr der Zug ein. Schmutz in den Augen. Schmutz im Blut. Arthur bewegte die Lippen und ich hörte neben Pfeifen, Zischen und Quietschen, wie er etwas vor sich hersagte, als wir uns den Waggons näherten. Unauffällig aber konzentriert hörte ich etwa folgendes:
Wenn ich gestorben bin, Geht es nach meinem Sinn, So sei mein Totenkopf Für ihn ein Blumentopf.
Rosen drin sprießen dann, Die er begießen kann Ach! Mit den Tränen sein, Denkt er im Sehnen mein!
Ich tat so, als hätte ich die Strophen nicht gehört und überspielte die Spannung und Betriebsamkeit mit einem aufgesetzten Lächeln von gespielter Leichtigkeit, die mich als schmerzliche Fälschung meiner Freundlichkeit entlarvt hätte. In den Gängen der Waggons standen Fahrgäste, dichtes Gedränge, freundliches Warten und Entgegenkommen, einige saßen auf ihrem Gepäck und tranken aus Bechern und Dosen, Kinder rannten, Türen wurden auf- und zugeschlagen, hin- und hergeschoben, Wartende vor den Toiletten, alle Abteile belegt. Wo sind wir gelandet, unsere reservierten Plätze sind besetzt, Nummer 279 und 280, vergewissere dich noch mal, sind wir hier richtig, zeige die Billete, die Reservierung, ja, hier sind wir richtig, sehen Sie unsere Nummern, kein Irrtum, sehen Sie, es tut uns leid, aber die Plätze sind für uns reserviert. Ach! (Machen wir also Platz wo es keinen mehr gibt) Dankeschön. Aufwiedersehen. Gute Reise ... »Crowded house, wie immer«, sagte Arthur verächtlich und blickte aus dem verkratzten Fenster. »Ich kann das nicht ausstehen, diese Gesichter, diese Menschen, diese satten, übersättigten, trägen, unbeweglichen und schwerfälligen Wohlstandsvisagen, mir wird übel, ich muss wegsehen um mich nicht an ihnen zu erbrechen, an dieser aufgepfropften selbstgefälligen und selbstgerechten Falschheit und Verlogenheit in Menschengestalt, mir sind diese Ansammlungen verhasst. Ich bin kein Menschenfeind, müssen Sie wissen, sagte er, aber so oft ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, sei es Bus, Bahn oder sonst einem öffentlichen Gefährt – Taxi ausgenommen – schaudert es mich vor meinen Mitmenschen, die wie in keinem Land das ich kenne, sich so selber fremd sind und so gschpäßig dreinblicken, als sehen sie die Welt zum ersten Mal, von den rohen Manieren, den Grob- und Derbheiten ganz zu schweigen. Ich gehe deshalb lieber zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad um mich von den Unappetitlichkeiten, Rüpeleien, Rohheiten und Ungezogenheiten fern zu halten. Bei meiner letzten Zugreise vom Süden in die Mitte des Landes nach M, die Jahre zurückliegt, war ich gezwungen, wegen Überfüllung des Zuges die ganze Strecke im Stehen auf der ratternden und ziehenden Durchgangsplattform zu verbringen, nicht ganz ohne eigenes Verschulden, da ich vergessen hatte, mir einen Platz zu reservieren. Die Gänge in den Waggons waren zeitweise derart verstopft, dass man regelrecht zwischen den Reisenden und dem Gepäck eingeklemmt war und gequetscht wurde, es gab kein vor und kein zurück mehr und wenn man glaubte, nach einer halben Stunde quälender Fahrt endlich einen Platz ergattert zu haben, so war der reserviert, was bei der unübersichtlichen Anbringung der Reservierungsschilder und der miserablen Lichtverhältnisse von einem schon einen riskanten Kunstgriff und Balanceakt abverlangte. Aufgerieben und niedergeschlagen, und überdies gähnend strapaziert von einem arbeitsmüden wie lahmen Kondukteur, der den Fragen der Reisenden mehr auswich als sie zu beantworten und sich verstohlen wegschlich und auch sonst die Fahrkartenkontrolle der neu Dazugestiegenen nicht so genau nahm, ja sträflich vernachlässigte, indem er sie mehr fliehend als schleichend umging, und nicht zuletzt wegen den quengeligen und entnervten Reisenden, war ich heil froh, unbeschadet in M. angekommen zu sein um den Zug zu verlassen.« Was für ein Kerlchen, dachte ich, als wir endlich durch einen Ruck in die Rückenpolster gedrückt wurden und enthoben, so als schwimmte oder schwebte man, wie auf Flaumfedern aus dem Bahnhof liefen. Mit der Abfahrt fühlte ich Erleichterung in mir. Sie stieg spürbar aus der Magengrube kommend langsam hoch und immer höher, je weiter sich der Zug vom Bahnhof und der Stadt entfernte und je mehr er das Tempo beschleunigte. Ein leises Säuseln und weiches Wehen, als schwebte seidener Stoff durch den Raum, durchzog das Abteil. Arthur zog einen Apfel aus der Tasche und biss laut krachend hinein. »Sorry, Entschuldigung, wollen sie auch einen,« sagte er fast unterwürfig. »Nein, nein, schon recht. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, wenn Sie in einen Apfel beißen, der Ihnen schmeckt und der so gesund ist wie Sie selbst. Essen sie ruhig weiter. Ich muss aber nachher, wenn sie ihn aufgegessen haben, mit Ihnen etwas besprechen,« sagte ich gelassen mit stoischem Blick zum Fenster, wo draußen das Grau und Weiß der Vorstädte ohne Himmel an uns vorbeistürzte, als herrsche da eine Atmosphäre wie auf dem unbewohnbaren Mond. »Aspasia, sagte ich, als Arthur den Apfel zu Ende gekaut hatte, Aspasia, also unsre Sozietät, der alte Name aus der Gründungszeit, ist eine Vereinigung von Menschen, die sich als Menschen verstehen, für die Mensch werden eine Kunst ist, ganz im Sinne der Alten Dame Aspasia, von der es hieß, dass sie die Hymnen an die Nacht, auswendig konnte. Doch zu Ihnen. Von Ihrem Vater weiß ich, dass Sie als Kind im Alter von zwei drei Jahren beinahe Ihre Mutter verloren haben, die durch einen tragischen Unfall so schwer verletzt wurde, dass sie zeitlebens ans Bett gebunden war. Da Ihr Vater viel auf Reisen war, um für den Unterhalt zu sorgen, und die Mutter massiv beeinträchtigt, also ein Pflegefall geworden war, haben Sie Ihre Kindheit mehr bei den Nachbarn und deren Kindern verbracht als zu Hause. Ihre Erziehung durch Ihre Eltern, durch den tagtäglichen Kontakt und Umgang mit ihnen, der Zuneigung und festen Anbindung vor allem an Ihre Mutter und eine engere Bindung und Beziehung an den Vater, war von da an bis auf ein schmerzliches Minimum, von einem Tag auf den anderen, wie soll ich sagen, geschrumpft, gemindert. Es war zwar eine Tante da, die je nach Gelegenheit und Zeit nach Ihnen geschaut hat, aber sie war für eine unverfälschte Symbiose kein Ersatz. Zum Glück aber hatten sie eine ältere Schwester gehabt, die bei jeder Gelegenheit die Verhinderung Ihrer Mutter ausglich. Ein Glück für Sie war auch, dass der Zusammenhalt der Nachbarschaft, wenn auch nicht immer ganz uneigennützig und reibungslos, sehr gut funktionierte. So gesehen hatten Sie sogar, wie Ihr Vater mir erzählte, drei Ersatzmütter um Sie herum, in deren Familien, wie schon gesagt, Sie mit den Nachbarkindern spielten und dort auch ganz gut aufgehoben waren, zumindest konnten sie das Schlimmste für Sie, nämlich die schmerzliche Einschränkung Ihrer Mutter durch die dauernde Bettlägerigkeit und dadurch nicht ganz für Sie da sein zu können, zu einem beträchtlichen Teil auffangen und somit Ihre weitere Entwicklung sichern. Ihr Vater gestand mir in unserm Gespräch weiter ein, dass ihn seit dem Unfall mit seiner Frau, an dem er die alleinige Schuld trage, das schlechte Gewissen geplagt habe. Aus Feigheit und an einem, wie sich Ihr Vater ausdrückte, angeborenen Mangel, einer hasenfüßigen Schwäche, Problemen und Auseinandersetzungen lieber aus dem Wege zu gehen als sie anzupacken und zu bewältigen, habe er die Flucht aus der Verantwortung angetreten und das Wegschieben und Verdrängen gewählt und sich in seine Arbeit geflüchtet, um die Trostlosigkeit zu Hause und dem Unglück seiner Frau nicht ausgesetzt zu sein. Dies sei ihm aber damals nicht bewusst gewesen und er habe sein Verhalten für ganz normal gefunden. Heute denke er ganz anders darüber, denn er glaube, dass er ein Opfer seiner eigenen Erziehung, richtiger vielmehr, seiner Nichterziehung war, die aus ihm mehr eine Maschine oder einen Automaten gemacht hatte, als einen fühlenden Menschen, und der von der Existenz einer Seele gerade so viel wusste, wie das gelegte Ei von der Henne.« Es war von großem Nutzen für meine Rede, dass wir uns nicht Tête-à-tête gegenübersaßen, sondern nebeneinander; Arthur die linke Seite zu meiner Rechten und ich die rechte Seite zu seiner Linken, denn wenn man mir zu lange in die Augen schaut, oder gar mit langen Stielaugen in mein Innerstes dringt, werde ich abgelenkt, denn endlos stierende Blicke irritieren den Geist und machen auf die Dauer krank - geisteskrank. Der Zug schoss inzwischen gegen Osten mitten durch das blasse Herz des Landes, und die Vorstellung, die plötzlich vor meinem geistigen Auge lebendig auftauchte, die uns, die Insassen, die Reisenden als lebende Geschosse nur von blechernen Mänteln umhüllt durch die Landschaft schießen sah, gefiel mir gar nicht. Es erinnerte an Katastrophen, die ich lieber nicht erinnert hätte, aber mein Gehirn musste sich durch den Blick aus dem Fenster entzündet haben und reagierte deshalb sehr gereizt, so dass es mich in seiner Not mit diesem martialischen Bild, einer barbarischen Vorstellung, bestrafte. Mit einer raschen Handbewegung zum Kopf in der Art wie man einen Fächer vor dem Gesicht bewegt, befleißigte ich mich, so als surrte mir eine lästige Fliege um den Kopf, den Wahnsinnspuk zu beenden.
Walter M. Stütz
das herbstblatt das zertreten mein ab-sein ankündigt wie absinth dazu dein blick als hättest du was anderes erwartet hättest du es mir sonst verraten?
erinner dich, als du meinen weinbergsaft ausgetrunken hast. erinner dich.
klar habe ich das, sagst du trotzig, hatte lust auf ´nen anderen geschmack willst du mehr?
wirf deine seile (arme) demnächst nicht gleich um meinen hals.
da hing ich noch an deinen mündern, heute sind sie vertrocknet. sagen hin und wieder ein wort: manchmal auch nicht; warum auch.
es streift mich nur noch ein empfinden: meins. es streift so oft an den göttern vorbei die es mir damals schon einhauchen wollten.
ich will kein bild aus meiner kindheit: ich will keinen tag wirklich erleben. ich will meine haut um meine worte legen will ein bisschen blut dazwischen fließen hörn. mehr eigentlich nicht..
außer mich gehen lassen. wann immer ich will. seit drei jahren habe ich nicht mehr die rollade hochgezogen. sie ist nicht kaputt. warum auch?
tropfen verhaucht. manchmal aus dem wasserhahn manchmal aus dem eigenen auge kitzeln am nasenflügel.
der tag, damals, wusste mit einem mal nichts mehr mit mir anzufangen. erinner dich… die nacht wollte sich immer schon von mir schälen lassen die zukunft verdirbt mir noch die hölle.
Willi van Hengel
Der Leopard betrachtet sich nicht als Lakai des Dschungels. Ich bin ein Leutnant, denkt der Leopard.
Im Land der Zähne und der Krallen liegt ein geflecktes Fell in einem Hinterhalt. Pranken und Muskeln und Augen, die das Leben kennen und den Tod.
Aus Stunden werden Tage, aus Tagen werden Nächte. Die Nacht ist meine Freundin, denkt der Leopard.
Alfred Zoppelt
Fliege kostbarer Lebensvogel von der Groteske des Asphalts zu den Glockenspielen.
Verweile und kehre wieder mit den Tönen auf Deinem Gefieder.
Lass sie erklingen im Hintergrund eines Parts.
Betti Fichtl
Der graue Stein November beißt ins matte Gras und hängt die Totenglocke in den Wald aus dem der schwarze Regen zieht von Haus zu Haus. Sein frostiger Finger schlägt ans rostige Tor und streut die Asche in das Jahr. Wolken schaufeln der Sonne Grab und Tage dämmern als Sarg dahin in dem brach liegt der Scheintod mit erstorbenem Gesicht. Das süße Brot des Wintervogels nur blüht schwarz und rot im Strauch am Wegesrand. Und dort im schwarzen Trauerkleid ein Rabe trägt den Tod ins Feld im Schnabel hart gefrorene Erde. Sein Schrei erklingt im kalten Wind bricht klirrend durch die Kälte.
Walter M. Stütz
Zieh mir ne mütze auf Nach dem haarewaschen Nehm sie ab, bevor ich ins haus geh: Will nicht noch blöder aussehen.
Verwahrloste selbstgedanken. Unnötig. Bist mitten in der ruhmphase. Dein nacken reibt sich die scham ab Von der du träumst. Manchmal schwitzt man sich aus. Deine nerven liegen andauernd brach.
Lass dich doch endlich mal liegen. Sehnsucht wie nie verhallende kinderschreie.
Warum willst du dich nicht mehr wahrnehmen? Okay, mit der wahrheit hattest du immer Schon stress – aber wie willst du die Weißen sommerfäden deiner erinnerungen retten?
So doch wohl nicht. Nimm die plastikschüren von dir. Dein päckchen bricht auf. Manchmal nützt auch ein lächeln nichts.
Willi van Hengel
Rußengel flügeln über die Spuren des Kain.
Ihre Zeichen haften und mahnen als Prophetie.
Sie wird kaum wahrgenommen.
Betti Fichtl
Frühlingsblätter entfalten sich. Menschen schnellen wie Gebirgswasser über Verrücktheiten, über die Eichhörnchen niemals ins Unglück stürzen.
Freundinnen entblättern sich ganz unzeitgemäß unter den Augen des treibenden Frühlings.
Ganz die Mutter, sagt der Vater der vier Jahreszeiten, und tritt in ihren Schatten.
Walter M. Stütz
Gleichgeschlechtliche Getränke Asexuelle Musik
Überall Fallstricke deren Enden Vertäut waren.
Meine Einsamkeit trug ich dorthin Und mit ihr ging ich schlafen.
Der Stuck an der Decke musste Jahrelang auskommen ohne mich.
Ich habe immer gefühlt dass Sie hier eine Beerdigung feiern
(mit klebrigen Getränken)
Nur dass sie mich meinten, das wusste ich nicht.
(Denn gestern begrüßten sie mich wie einen Toten)
Die kleine Bassgeigerin übrigens hatte Es mir wirklich angetan denn ihre Geige
War größer als ich.
Ihre Finger zuckten Durch meine Träume.
Bernhard Lierheimer
Im Land ist schon seit vielen Wochen das Weihnachtsfieber ausgebrochen. Es wird gerannt, gekauft, geschoben; die ganze Welt hat abgehoben. Schon seit Oktober sind die Renner I-Pods, Handys, Weihnachtsmänner. An nichts Anderes kann der Mensch mehr denken, als „Was könnt´ ich zum Fest denn schenken?“ Es muss etwas Besonderes sein, nicht zu groß, auch nicht zu klein. Was ist dem Anderen denn wohl wichtig? Mit welchem Kauf mach´ ich es richtig? Vielleicht ein Schmuckstück, so ein rundes? Oder ein Hemd, so´n tolles buntes? Nur eines darf´s sein, das ist doch klar, teurer als im letzten Jahr. Mit „billig“ tät´ ich mich versündigen. Man würde mir die Freundschaft kündigen.
Mir fällt nichts ein, es ist ein Graus. Wie komm´ ich nur aus der Sache raus? Ich kann mich fast schon nicht mehr leiden; hab das Problem, mich zu entscheiden! Dann plötzlich bin ich aufgewacht und hab noch einmal nachgedacht.
Ich setz´ mich in ein stilles Eckchen und füll´ in ein besonderes Päckchen, Worte, die nur danke sagen einem Menschen, der an vielen Tagen mir gab Liebe und Geborgenheit, Vertrauen, und das zu jeder Zeit. Der sein ganzes Herz mir schenkte. Mir vergab, wenn ich ihn kränkte. Der mit mir ging durch Dünn und Dick und mit mir lebt den Augenblick.
Ganz egal, ob groß, ob klein, in so ein Paket passt all´ das rein, was du schon immer sagen wolltest. Doch dich nicht trautest oder weil du grad´ mal schmolltest. Das Geschenk ist auch nicht teuer. Du zahlst noch nicht mal Mehrwertsteuer. Doch sein Wert ist unermesslich; es bleibt dem Anderen unvergesslich. Und schenkst du´ s ihm beim Glanz der Kerzen, dann ist Weihnachten in euren Herzen.
Günter Claas
versteckt winkend, aus der ferne, wäre sie ihm entgegen- gelaufen, mit ausgebreiteten armen, einem lächeln wie nach dem zähneputzen, vom gesicht zum abgrund: zitternd, leicht, ihre wimpern.
sich ihm nähernd als er bei ihr war, ganz nah, und sie beruhigte, und seinen blick mit in ihre leere warf.
jetzt, war die kussfarbe ihrer augen verlaufen …
Willi van Hengel
Das Rad der Zeit hat nie behauptet die Wochen, die Monate und die Jahre nicht zu kennen.
Das Rad der Zeit verwandelt Stunden in Tage und Tage in Nächte, rollte vor mir her und auf mich zu.
Schaut den Sekunden und den Minuten in die vergänglichen Augen.
Schaut im Wald meiner Gedanken nach dem Rechten und auf die Uhr.
Alfred Zoppelt
Talblick über Nebelschwaden morgens Halbacht zertreten wir den Tau im Ruf des Pfaus.
Am Hasenhof klopft der Grünspecht uns an die Ohren während wir über gefällte Stämme steigen.
Plötzlich ein Tier mit Rehaugen im Unterholz, dann ein Schuss: jetzt ist Schluss.
Walter M. Stütz
Das Licht stirbt im Auge unter der Stirn. Rostflecken fressen sich durch den Wald. Der Wind bläst hin zum Abend der dir den Atem verkürzt.
Wolken malen kalte Schatten ins Land. Beschlagen die Sonne vom Dunkel der Nacht die Stunde um Stunde näher rückt wie eine zähe Distel am welkenden Grund zwischen Wachsein und Schlaf.
In dunklen Kellern gärt der junge Wein. Die Blumen sterben langsam in der Vase. Zurück zieht sich die Quelle unter deinem Schritt. In den Wassern schwimmen die Fische heimwärts.
Walter M. Stütz
… sagte zu mir im geschmeidigem ton: 'denn ich, chamäleon veränderung infiltration mit bequemen sesseln - bunten meinungen für jede gelegenheit, ausmaß und schlaf - mache das gegenteil von dem, was ich anderen vorschlage.' nach einer kurzen weile der atemaskese fuhr er fort: 'und weiter unten, frauengeschlechtsteile, organe mit zähnen, die alles verschlingen.' meinen fragenden blick wurde er gewahr, und mit einem befreienden seufzer lachten seine worte, seine letzten, bevor er ging, über mich hinüber: 'DADA schlägt zwei lösungen vor: keine blickzeilen mehr keine sandworte mehr nur noch sprechen ist schwer so schwer!'" (dieses gespräch habe ich mit ihm am 13. Mai 1919 geführt; meinem geburtstag – und seinem auch?)
Willi van Hengel
Entdecke, was zählt in dieser Welt Ist es das Geld, Reichtum und Macht? Das was gefällt, Schönheit und Pracht?
Entdecke, was zählt in dieser Welt Ungewöhnliche Orte mit besonderen Heimen? Gestochene Worte in vollkommenen Reimen?
Entdecke, was zählt in dieser Welt Nein, das alles kann es doch wirklich nicht sein!
Entdecke, was zählt in unserer Welt Nicht das, was wir haben und können - Maßstab soll sein, wie wir uns verhalten.
Entdecke, was zählt in unserer Welt Wie wir in Trauer und Leid mitleiden und trösten. Miteinander uns freuen in Freundschaft und Liebe.
Entdecke, was zählt in unserer Welt
Werner Bühler
Antigone, Antigone, geliebtes Wesen ach ich geh mit Herzeweh, dir folgen in ein kühles Grab, des Vaters Starrsinn mich dir gab.
Des Vaters felsenfester Entschluß, der machte mit unserem Leben Schluss, sein Haß ihn der Götter Gunst entzogen, denn niemals er auch nur erwogen, obs richtig war, was er getan, sein Wahn ihm hat kein Glück beschert, sondern Gram. So gräme Dich oh König von Theben, bis das die Götter dir vergeben, bis das dich dunkle Nacht umfängt, bis das die Unterwelt dich lenkt, an eine ruhevolle Stätte.
Nun ruhe sanft oh König von Theben, so wird dir wenigstens im Tod vergeben.
Daniela Loske
Die Farbe Ihres Traums lindgrün haben Sie gesagt, noch bevor ich meine Worte ganz veratmet hatte.
Ein Schreibgerüst/gelüst wollten Sie mir zuflüstern, da waren meine Briefe schon abgeschickt, so nervig, haben Sie sie doch gar nicht empfunden, so entnehme ich Ihrem Lächeln.
Als der Postbote den Lenker seines Fahrrads vorbeischrammen ließ an unserer Hauswand, da war mir schon klar: eine Wortwahl, die Ihre, so unbenommen, so heiter darunter: es roch nach einem kleinen Geheimnis das uns beide verbindet, vielleicht für immer.
Ich liebe Worte, die riechen. Ich liebe Sie noch vielmehr, wenn sie das Unerhörbare Ihrer Begierde anklagbar machen.
Willi van Hengel
Mein Name ist Paul Winter. Ich bin in der Medienwirtschaft tätig – ja, so könnte man sagen, und wenn ich dabei lächeln muss, dann nur deshalb, weil das nicht immer so war. Früher hatte ich eine glänzende Karriere im Vertrieb eines internationalen Konzerns vor mir und ein gutes Stück davon sogar schon zurückgelegt. Aber nach fast zwanzig Jahren in diesem Geschäft musste ich mich verändern. Niemand hat das verstanden, sie sind alle ihren Weg unbeirrt weiter gegangen. Diese Selbstsicherheit – ich hatte sie nie, musste immer über alles nachdenken, jede Entscheidung in Frage stellen. Heute habe ich das nicht mehr, mein Leben ist ruhiger geworden, vielleicht weil ich öfter draußen bin, praktisch den ganzen Tag. Zum ersten Mal nehme ich die Stadt, in der ich lebe und schon immer gelebt habe, wirklich wahr. Diese wundervolle Stadt mit ihren großartigen Gebäuden und liebenswerten Menschen. Ich bin über sie hinweggeflogen, von Meeting zu Meeting, war überall zuhause, in jedem Hotel dieser Welt, in jedem Konferenzraum und jedem Taxi von New York bis Toronto, von Mexiko City bis Hamburg. Ohne mich hielt die Welt ihren Atem an. Es war eine aufregende Zeit, durchaus, jeder möchte doch wichtig sein und beachtet werden. Nur nachts in den Hotelzimmern mit ihrem überall gleichen Luxus fühlte ich mich unbeachtet, leer, wenn die letzten Mails beantwortet waren und mir kein Grund mehr einfiel, einen meiner Mitarbeiter anzurufen. Irgendwann verlor auch das Pay-TV seinen Reiz und die Mädchen, die ich gelegentlich mit auf mein Zimmer nahm, langweilten mich mit ihren immer gleichen Fragen, Phrasen und selbst Körpern. Ich wusste es damals nicht, aber ich hatte den Blick für die Dinge verloren. Immerhin konnte ich jederzeit mit Valerie sprechen, sie freute sich immer, wenn ich sie anrief, Tag und Nacht, sie war stets gut gelaunt und gab mir das Gefühl, sie liebe mich. Als einzige von allen vermisse ich sie tatsächlich. Auch wenn unsere seltenen gemeinsamen Stunden zuletzt nicht mehr ganz so gut waren. Nachdem wir ein paar Jahre verheiratet waren, ging sie mir damit auf die Nerven, dass sie Kinder haben wollte. Ich konnte sie verstehen, sie wollte sich wie ich nützlich fühlen, es genügte ihr nicht mehr, sich fit zu halten und Freundinnen zu treffen, die alle auch gerade Kinder bekamen. Ich war aber schon immer der Meinung, dass Kinder auch ihren Vater brauchen und ich war eben kaum da, deshalb kamen Kinder für mich damals nicht in Frage. Valerie verstand das nicht. Bald konnte ich sie nicht mehr anrufen, entweder ging sie nicht ans Telefon oder wir stritten uns. Heute begreife ich überhaupt nicht, wie man sich andauernd streiten kann, aber damals war es mir überaus wichtig, meine eigene Meinung durchzusetzen.
...und jetzt, hier her gekommen nach S. um zu krepieren, - jenes Unvorstellbare, Unbegreifliche – auf einmal ist es (für mich) vorstellbar...begreifbar...unausweichlich geworden. Mit allem habe ich gerechnet und allen nur ahnbaren und denkbaren Lebenswidrigkeiten in die Augen gesehen, als ich F. verließ, verlassen musste, weil ich in F. ganz langsam zertrümmert, zermalmt, zerbröselt, zerstört, vernichtet worden wäre. Nein, und jetzt das, von dem einen Übel in ein noch viel größeres, meinen Geist, meinen Verstand, ja meine ganze Existenz betreffendes Übelhineingeworfen zu sein, nein, das überlebe ich nicht! Aber ich habe mich, nichtsahnend und aus einer angeborenen Naivität heraus, selber in diese Lage gebracht, selber liquidiert, gelöscht! – Sieh nun zu, wie du aus dem Schlamassel kommst! --- VON MEINEM JUGENDFREUND Heiner Kehr stammen diese wirren, mich besorgt machenden Sätze, sagte ich zu Anna, meiner geduldigen Zuhörerin. Wir haben uns vor zwanzig Jahren aus den Augen verloren, als sich unsere (Lebens) Wege trennten. Heiner zog damals nach F. und ich nach Z., weit genug voneinander entfernt, um uns zu verlieren. Ich glaube mich zu entsinnen, sagte ich, dass wir uns wegen zu großer Gegensätze auseinander lebten bis wir uns schließlich nichts mehr zu sagen hatten und die beruflichen Zwänge das ihrige taten. Zuletzt waren wir beide sprachlos, verletzt, auch verzweifelt und schließlich enttäuscht auseinandergegangen. Anna: Und warum? Ich muss nachdenken. Lass mich überlegen. Sich zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit zu versetzen dauert schließlich. Gib mir zwanzig Sekunden!
Porzellane Momente purpurn schattiert schweigen in der Morgenröte.
Umtönt von einem leisen Piano der Lüfte scheinen sie friedvoll und unzerbrechlich.
Wiedergeboren aus Licht.
Betti Fichtl
wann immer du gehst nichts mehr mit dir anfangen kannst nie mit deinem raumschiff hinterm auge durchbrennst fast nie mit dir selber sprichst, und dich nur selten fragst, warum das leben dir andauernd wider spricht – darum du nur die stimme des andern hörst, hören willst, selbst wenn sie dich nur blöde angafft und du idiot denkt.
dann wirst du nie spürn, wie schön und schöner noch es ist von der leere in den arm genommen zu seyn.
Willi van Hengel
Viele Worte gesagt. In die Stille hinein. Sorgen, Ängste und Gefühle ausgetauscht. Miteinander verbunden über die Netzwerke der Seele.
Seelenverwandt werden. Verstanden werden. Geliebt werden.
Jana Schulze
zu weit mit mir vergangen, als dass mir ein wort gelingen könnte. durch diesen schacht musst du kommen -- du kommst. alleiner bleibt man doch lieber wenn man mitbekommen hat was zwischen den lügen der eltern und dem leben nicht geschehen ist: die herzzähne waren früh verfault. nun beginnt mich jedes blatt wie eine 18-jährige anzulachen. sie erzählt mir von ihren großen brüsten, als hätte ich nicht im mund haben wollen. - bleib, sagt sie zu mir, aber ich muss pissen. immer gehst du, sagt sie, als habe sie mein leben verfolgt, damals schon. ich werf mein schicksal jetzt einfach aus.
Willi van Hengel
Ein Hochhaus in Amerika, wie ein Pfeiler steht es da, und ragt in den New Yorker Himmel wie ein Riesenaffenpimmel.
Und tatsächlich - kuckida: Oben drauf ein Go-ril-la! Turnt herum und kann's nicht lassen, zieht den Leuten Doofgrimassen.
Doch die Strafe folgt sofort: Ein Flugzeug schießt - PENG - Affenmord! Das wär sicher nicht passiert, hätt er stattdessen musiziert.
Zum Beispiel Orgel wäre schön zum zuhörn und auch anzusehn. Und die Moral von der Geschicht: Den am Klavier erschießt man nicht.
Lars O. Heintel
ins wort baute er sich sein floß floss in die außenschale des tropfens den er so gerne auf seiner stirn spürte kopf weh nahm ihm die welt anders: die abgrundverse nackten ihn.
er war dann glücklich.
Willi van Hengel
Mir träumte, ich sei im Meer vor Hawaii und ritte mit Pferden aus Seepferdchenherden im Krieg gegen Haie, von denen gleich dreie mich frech attackierten, gefolgt von 'nem vierten.
Das Hai-Trio siegte, ich armer Mann kriegte den vierten zur Frau, die Haidame Blau. So endet der Traum von Meer, Hai und Schaum als Seeschauermärchen mit Menschenhaipärchen.
Und wisst ihr was? Ich hatte echt Spaß!
Lars O. Heintel
Nun sitzt er da der Spaß ist aus, die Leute gehen jetzt nach Haus. Der Regen fällt in Strömen sowie die Tränen auch. Die Einsamkeit sie macht ihn krank, denn nie bekam er einen Dank. Er ist der letzte seiner Art. Er ist ein Clown wies keinen besseren gab. Freunde, die hat er nie besessen, doch darauf war er nie versessen. Sein Leben war in der Manege. Lampenfieber hat er schon lang nicht mehr. Er wird nie wieder lachen und seine Scherze machen. Denn er ist alt und müde, er war lang genug auf der Bühne.
Leb wohl Du lieber netter Clown. Für Dich war es ein schöner Traum.
Daniela Loske
beim weinen und im tod erlöst man sich. will nie mehr umarmt werden von der falschheit der votze von der person, fremd, die nicht bei sich ist: und immer nach sich im anderen sucht.
Willi van Hengel
(Inspiriert von Daniela Loske)
Unter silbergrauen Buchen Kam ich neulich müd vorbei, Nichts im Sinn hat ich zu suchen, Alles war mir einerlei.
Doch ich traut nicht meinen Augen Lila Sterne sah ich da, Die ein erster Herbstes Nebel Über Nacht zum Licht gebar.
Eine aber hört ich klagen Ihm zu lösen doch den Fluch, Den die Verlassene auf ihn legte Als der Liebe Leichentuch.
Als ich mich nun niederbeugte Um zu teilen ihre Not, War verwelkt schon ihre Blüte, Nur der Himmel war noch rot.
Eckart Böhnisch
Irgendwann stehst du an diesem Grab Irgendwann lassen sie den Sarg hinab Irgendwo auf dieser Welt wird es sein Irgendwo und er kommt nie mehr heim Irgendetwas wird fehlen in deinem Herz Irgendetwas wird lindern deinen Schmerz Irgendwie wirst du immer traurig sein Irgendwie ist er doch immer dein Wer wird da sein in diesem Moment Wer wird dir beistehen wann immer es brennt Welcher Arm wird sich um deine Schulter legen Welcher Freund kommt nur genau deswegen Wo wird sie sein, die helfende Hand Wo wird es sein, was euch einst verband Wie kannst du sehen, wer Freund ist wer Feind Wie kannst du wissen, wer mit dir weint Du wirst es erkennen - an deines Vaters Grab
Gabriele Junker
Ein Mädchen wandelt durch ihren Garten, und freut sich ihren Liebsten dort zu erwarten, und voller Liebe flackert ihr Blick, sie läuft wie gebannt durch das herbstliche Laub, vorbei an den Blumen der Liebe, vorbei an dem Weiher und Haselnuss-Strauch, rennt sie und will sich in seine Arme begeben, doch Schmerz durchzuckt es und es bleibt stehen, neben den Herbstzeitlosen, erkennt es diese andere Frau, die da liegt zwischen Schmetterlingsflieder und Vergissmeinnicht in verschiedenen Posen, ihr Liebster beugt sich zu ihr hernieder, und öffnet ganz schamlos ihr Kleidchen und ihr Mieder, und das Mädchen bricht ab in ihrer Trauer und Wut, die letzte Herbstzeitlose, und Tränen fallen hernieder und die letzte Blüte öffnet sich, und sterbend blüht sie so schön wie noch nie, und wiegt sich in den Armen des Mädchens, welches den Weg zu ihrem Liebsten gegangen ist vergebens, Das Herz ist gebrochen wie die Blume in ihrer Hand, und langsam sinkt es hernieder, vergehend vor Schmerz, bettet es sein Haupt neben der Herbstzeitlosen und hört ihren Liebsten. Sie blickt durch Büsche und Gräser und sieht ihn, so vertraut, umfangen seine Hände der anderen zart sprießenden Busen, umhüllen seine Lippen den Körper der so begehrten Muse, vor Leidenschaft sieht sie die Körper erbeben, und wendet sich ab vor Leid und kann es nicht mehr ertragen, Die Herbstzeitlose brennt in ihrer Hand, sie stürzt davon und hört ihren Liebsten hinter sich rufen. Doch sie eilt weiter hinauf und hört ihn hinter sich auf den Stufen, Er hat sie erreicht und hält sie fest und beide stürzen zu Boden, er halbnackt und braungebrannt, sie vor Verzweiflung wutentbrannt, sie reißt sich los und will nur eins, seinen starken Armen entfliehen, doch angstvoll ruft seine Stimme „nein“ er fleht sie an zu bleiben und sieht nicht ihr qualvolles Leiden, ihr zarter Körper biegt sich wie im Sturm, sie zieht ihren Ring vom Finger und hält seines Zeichens Liebe in der Hand, und stumm vor Schreck sieht er sie an wie gebannt, sie hebt die Hand und wirft in weitem Bogen das Ringlein mit seinen Initialen darin hinfort, es funkelt und glitzert im Sonnenlicht und landet in weitem Bogen im Garten der Nachbarin, zwischen all den verblühenden Herbstzeitlosen, mit Tränen in den Augen steht er da und fühlt die Wehmut im Herzen, und das Mädchen sagt ihm still Ade und legt ihm die Blume zu Füßen, voller Schmerzen, die Blume beginnt sich zu bewegen und bekommt ein Eigenleben, dem Liebsten ward es gar unheimlich, als er sieht wie die Blume sich legt um seine Beine, er versucht sich ihrer zu entziehen, doch wie Fesseln bindet sie ihn, hält ihn fest mit all ihrer Macht, des Mädchens Tränen hat sie zum Leben gebracht, die Herbstzeitlose windet sich an ihm empor, und er steht da und wimmert wie ein Thor, die Muse sieht das Drama und kann es nicht verstehen, wie des Mädchens Blume ihn lässt vergehen, sie weint und schluchzt und kann doch nichts tun, die Blume legt sich um den Jüngling ganz zart, so wie einst die Arme des Mädchens, und hüllt ihn ein so apart, und weinend sieht das Mädchen zu wie ihr Liebster findet seine letzte Ruh, im Garten, da wo sie einst wandelten zu zweit, sieht sie ein letztes Mal ihm in die Augen und erkennt, ja weiß Bescheid, sie werden sich immer wieder sehen, denn seine Seele wird nun verstehen und da wo er seine letzte Ruhe fand, erblüht die Herbstzeitlose neu und bringt mit ihrem Duft jeden Mann um den Verstand.
Daniela Loske
der tag, damals, wusste mir mit einem mal nichts mehr zu sagen
die nacht, immer, wollte sich von mir schälen lassen
das grab, jetzt, wartet es könnte mir die hölle nehmen
um meine füße strich sanft wie wind ein dahinnebelnder schwarm von buchstaben mein viereckiges herz, es kroch heimlich in meine fingerfarben
tupfte aus mir noch heraus wie die lügen aus der haut wie fremde würmer
glück: niemand sieht zu, wie meine finger sich auf die tapete zittern schräg zu meinen kreuzgängen nur noch mein name aber kaum noch mein atem
tragen wie breitbeinig mein lächeln am seidenen faden.
Willi van Hengel
Wieder ist es Herbst geworden. Raue Winde aus dem Norden drängen weit hinein ins Land. Kühle Feuchte zieht bis in die Knochen, die doch noch vor wenigen Wochen genossen Wärme am Strand.
In der Ferne verklingen leise die Stimmen der Vögel, die schon auf der Reise zu einem fernen Kontinent. Die anderen putzen noch ihr Gefieder, zwitschern fröhlich Lieder, die man schon seit Jahrtausenden kennt.
Bald werden auch die Letzten dem Vogelzug folgen; getrieben vom Wind und mit den wirbelnden Wolken einem wärmeren Ziel zustreben. Ich wünsche mir, ich könnte mit ihnen ziehen und dem bald kommenden Winter entfliehen, der Kälte bringen wird in mein Leben.
Doch leider muss ich ihn hier erwarten. Aber es ist ja erst Herbst. Ich schau in den Garten, sehe auf Farben, die langsam verblassen. Vor kurzem blühten hier noch die Sommerblumen in voller Pracht. Bienen sammelten Nektar fast bis in die Nacht und über dem Teich tanzten Libellen ausgelassen.
Es war ein buntes Sommertreiben. Warum konnte es nicht länger bleiben? Bald werden wieder Morgennebel wallen. Die Sonne verbirgt sich dann hinter einer grauen Decke. Und von dort oben herab, aus jeder Ecke, werden oft Regenfäden vom Himmel fallen
Doch du musst die Zeit bis zum Winter nicht scheuen. Der Herbst zeigt andere Schönheiten, die dein Herz erfreuen. Beobachte ihn! Du wirst dann sehn, er ist ein Künstler, hält Pinsel und Palette bereit. Bemalt die Natur, gibt ihr ein neues Kleid mit leuchtenden Farben, wunderschön.
Die Waldfee steht ihm zur Seite, schön und hold. Betupft Gräser und Blätter mit Rubinen und Gold. Gibt Tränen hinzu, die wie Perlen erscheinen. Sie schmücken gemeinsam alle Pflanzen und Bäume. Schaffen überall bunte Träume, welche sie zu einem besonderen Kunstwerk vereinen.
Komm! Lass dich von Luft und Farben dazu verlocken, nicht nur in deiner Stube zu hocken. Wandere durch diesen herrlichen Zaubergarten. Er gibt deiner Seele Ruhe und Kraft und kommst du vom Wandern zurück ganz geschafft, dann kannst du zufrieden auf den nächsten Tag warten
Um all das Schöne auch in der Zukunft zu erhalten, musst du Mensch die Natur sehr gut verwalten. Denn sonst wird es für alle, die nach dir leben, weder den Herbst noch die anderen Jahreszeiten und auch viele andere Dinge, die dein Herz erfreuten, auf dieser Erde nicht mehr geben.
Günter Claas
verloren im Albtraum der Erinnerung, verloren an Unschuld, gewonnen an Verbitterung.
Der Mann war so nett so lieb und wunderbar, das Mädchen ging mit und ahnte nicht die Gefahr.
Komm meine Kleine ich will dir was zeigen, so sprach er zu ihr und anstatt zu begreifen. folgte sie ihm an einen dunklen Ort. Ängstlich verloren fühlte sie sich und wünschte sich nichts anderes als von ihm fort.
Doch der Mann hielt sie fest in seiner Hand, er hielt sie fest bis sie verlor ihren Verstand. Ein Mädchen nahm er mit hinein, eine Frau ließ er liegen voller Schmerz und Pein.
Daniela Loske
Anmerkung:Inspiration fand ich durch das Lied von Falco „Jeannie“. Dieses Lied hat mich sehr berührt. Es handelt von einem Mann der ein 19-jähriges Mädchen vergewaltigt und umbringt. Falco singt es aus der Sicht es Mörders. Er spricht mit ihr nachdem sie bereits tot ist. Ich fand es sehr eindringlich und es hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Von Ina May
Es ist Kaffeezeit; neun Uhr morgens und mein Bewegungsapparat ist noch irgendwie ursprünglich. Gerade gestern habe ich ein Werbeplakat – ich glaube, es war eine italienische Firma – gesehen, demnach scheint schwarz wieder „hip“ zu sein. Ich schaue auf meine Hände mit den hellen Innenflächen und lache leise vor mich hin. Alles nur eine Frage der Aufmachung. Es gab tatsächlich Zeiten, da fühlte ich mich einen Hauch minderwertig deswegen, aber das liegt beinahe ein ganzes Leben zurück; ich schleiche nicht mehr durch die Gegend und hoffe, dass mich niemand sieht. Ich habe dabei William Blakes „Tiger“ im Sinn und wie er durch die Nacht streift und ich frage mich (anders und trotzdem gleich) dann und wann, wer ein solch ausgeklügeltes System wie Mensch und Tier geformt hat. Hier ist es nicht Nacht, sondern helllichter Tag, es ist schwülwarm und die Suppe läuft einem zwischen den Brüsten Richtung Bauchnabel hinunter – und von dem einen, wie dem anderen habe ich grandioses zu bieten. Ich bin die dicke Dame, allerdings mit Unterleib. Ich denke mir, jemandem gefalle ich genau so wie ich bin – wie der nächtliche Tiger. Starb Blake nicht an Altersschwachsinn??? – Nein, wohl doch nicht. Er war schon vorher leicht angeschlagen; so etwa in der Art wie mein Linoleumboden, und auch da frage ich mich ernsthaft, wer dem Form und Farbe verpasst hat. Und so sitze ich in meiner Küche mit einem Bottich Kaffee und ungekämmten Fusselhaaren und die penetrante Ruhe um mich herum vermag mich überhaupt nicht aus einer solchen zu bringen. Zu Hause ist dort, wo man sich so fühlt, aber ich bin noch nicht dahinter gekommen, in wie weit ich mich darauf einlassen möchte. Es gibt da die eine oder andere Erinnerung, Erfahrung und wohl auch sonst so einiges, worüber sich nachzudenken lohnen würde. Nur, das ein Leben eben irgendwann näher am Ende, denn am Anfang angelangt ist und ich nicht allzu gerne bereit bin, mich im Licht des schwindenden Tages zu betrachten. Vielleicht rieselt die Zeit ja tatsächlich wie in einer Sanduhr, Korn für Korn durch den schmalen Trichter. Ach, Sonnenblume, müde der Zeit, in der du zähltest die Schritte der Sonne... Was nichts besagt, außer, dass ich gerne lese und mich über Blake amüsiere. Da ist die Geschichte mit der Gartenparty – er und seine Frau (so heißt es) empfingen ihre Gäste splitternackt im Wintergarten; „kommen Sie zu uns, wir sind Adam und Eva...“ absolut frivol figuriert. Leider fehlt mir dazu mein Adam. Wohin auch der Jüngling, vor Sehnsucht verdorrt... Es sieht also dahingehend gar nicht so gut aus. Und nichts ist ewig. Wenn ich aus dem Fenster meines Hauses in der Hühnerstrasse schaue, erhebt sich in unmittelbarer Nähe der Dom St. Viktor. Ich nehme diesen Blick stets mit einer Unersättlichkeit in mir auf, als wäre er ein Beweis dafür, dass sich nicht alles verändert, dass zumindest einige Dinge Bestand haben – nicht viele, aber tatsächlich einige. Alles Übrige ist nicht halb so beruhigend, denn beinahe meine gesamte Nachbarschaft besteht aus eben jenen, die dieser Strasse ihren Namen gaben – Hühnern; tratschenden, herumwuselnden, schnatternden, pickenden, dummen Hühnern. Doch man kann sich seine Nachbarn grundsätzlich nicht aussuchen, nicht wahr? Andere Menschen besitzen die seltene Gabe, dass sie einem ganz schön einheizen können, wenn sie es darauf anlegen. Der ewig währende Daumen zeigt entweder streng nach unten, oder er richtet sich gen Himmel, wie bei einem unschlüssigen Anhalter am Straßenrand. Ich nehme einmal an, dass in meinem Fall wohl ersteres zutrifft, da meine Wahrnehmung in Ordnung ist und ich mir die Blicke und das Getuschel bestimmt nicht einbilde. Meinen Mann und den angeblichen Mord habe ich sicher unter den Teppich gekehrt – das Opfer wog ja auch nur knappe zweihundertfünfzig Pfund; eine Leichtigkeit. Wie dumm die Leute sein können. Besagter Daumen zeigt seither selbstverständlich nach unten, obwohl der Kerl in Wahrheit einfach ein schlechtes Herz hatte; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und man trauert nur selten um schlechte Dinge. - Jedenfalls hält es einem ein ganz klein wenig die Hyänen vom Hals. Sicher, deutsche Städte sind nicht unbedingt ein Mekka der Toleranz, ich weiß das, jeder weiß es und doch denke ich mir nichts dabei, denn wie sämtliche Nachrichtensendungen einem schließlich jeden Tag aufs Neue beweisen, haben sich andere Städte in anderen Ländern diese Auszeichnung wohl auch nicht eben verdient. Mein Name ist Marsha Peacy; ein Paradoxon, wenn man erst einmal angefangen hat, darüber nachzudenken. Ich bin nicht allein – es klingt, als sei ich es doch und vielleicht sind wir es alle ein klein wenig, nämlich in unseren Herzen – da sind auch noch Katherina Rosenblum und ihr Sohn Daniel. Du meine Güte, was für eine schräge Konstellation... wenn Sie uns sehen könnten! Wie wir da sind: Nämlich meine Wenigkeit, eine Schwarze aus den Staaten, genauer aus „Salem“ einem Küstenort nördlich von Boston und... bevor Sie´s erwähnen – die Hexenprozesse und die Verhöre per Folter in „Witch House“ wollen wir natürlich nicht vergessen - , eine Jüdin, die an Multipler Sklerose leidet und ihr debiler Sohn; im Ganzen betrachtet wahrhaft ein Augenschmaus. Wir sind zwei allein stehende Frauen um die sechzig... jetzt allein stehend, vormals verheiratet, was nur auf mich zutrifft, Katherina wurde ohne Mann schwanger – nein, wohl doch nicht so ganz! Eine Katastrophe für eine mehr oder minder gläubige Jüdin und deshalb hat sie schon vor langer Zeit die Männer und den Glauben so weit als möglich hinter sich gelassen. - Ich verzichte darauf, das zu extensivieren. Daniel war stets ein lieber Junge und das ist er immer noch, wo er doch schon längst ein Mann sein sollte. Nur leider wird es dazu nie kommen. Daniel ist 28. Sein Verstand und sein Verhalten sind das eines sechsjährigen; er wütet nicht und stellt auch nichts auf den Kopf; was bedeutet, dass die intellektuellen Einbußen nicht augenscheinlich sind. Aber 28 ist eben nicht gleich sechs und somit also doch offensichtlich. Katherina und ich, wir beide lieben ihn aus tiefstem Herzen und mit ganzer Seele! Ich hatte nie Kinder und offen gestanden wollte ich auch nie welche, da ich annehmen musste, sie oder er würden dann womöglich etliche Gene von Dillan, meinem Mann mitbekommen und „Peacy“ war bei ihm nichts weiter als blanker Hohn.
…legt plötzlich seinen Arm um mich, als ob wir schon lange Freunde wärn. Die geringste Berührung – ach ja, das wollte ich noch schnell sagen, bevor ich’s vergesse - kommt mir mittlerweile vor wie ein Schlag von einem Flügel von einem bunten Falter. Jetzt, wo ich es gesagt hab, kann ich ja wohl kaum noch glaubhaft erscheinen, wenn ich sage, dass sich das Leben ohne Worte abspielt. Hinter Worten versteckt man sich. Und zu nichts anderem taugen sie.
Sitze da, die Arme hinter meinem Kopf verschränkt, und sage nichts. Man sieht mich an. Sagt nichts. Eine Stimme, wie zu mir: Ich denke, dass so schon mal ein Mensch gestorben ist (die Stimme äfft meine verschränkten Arme nach). Ich überlege kurz und antworte: miteinander schweigen ist Viel schwerer als sterben. Die erste Frau (sie hatte eine geniale Figur, kein Gramm zu viel) dreht sich ab und geht. Sie hatte dezente rote Fingernägel. Die Stimme sagt verlegen: So kennen wir dich, aber du weißt ja, dass keiner dich ausstehen kann. Also hab ich was richtig gemacht, denke ich und atme tief durch.
Sie hat keine Freunde und schon gar keine Freundinnen. Haben Löwen nie. Ich sage: War nicht so gemeint. Die Abgedrehte, die plötzlich wieder mit ihrem gemalten Körper da ist, sieht mich abwerfend an. Ich meine, das mit dem Schweigen, antworte ich schnell, damit sie nicht weiterredet. Sie schenkt nur sich ein Bier ein. Macht sie sympathisch, denke ich, dass sie so viel in sich hineinschüttet und immer noch nicht lallt. Macht mich apathisch, nichts mehr zu mir nehmen zu dürfen außer eingewässerte Pferdescheiße, die man Cola und Wörter von anderen im nüchternen Kopf nennt. Besoffen bin ich immer schon besser gefahren als nüchtern. Aber nüchtern kann man besser schweigen.
Am Nachmittag: da war ich schon nicht willkommen. Ich spürte es sofort. Aber sie hatte mich nun mal eingeladen. Außerdem hab ich keine Erwartungen mehr. Hab auch noch nie etwas verpasst. Geh an ihren Kühlschrank und beflasch mich: allein die Form und dann noch so kühl, schöner ich nie mehr etwas um mich haben werde, weiß ich, schenke ich mir ein und nehme einen kräftigen Schluck, der meinen Atem wieder ins Gleichgewicht bringt…
Da ruft sie aus dem Schlafzimmer, dass sie sich umziehen müsse; ich denke: ach so. Sie antwortet (hatte ich eine Frage gestellt?), ob ich ihre neue Jeans gut fände. Also steh ich auf und seh nur noch Auf ihren genialischen Körper in Tanga und braunem BH. Zeig mir mal dein Piercing, sage ich. Und sie zeigt mir ihre rechte Brustwarze. So eine schöne hatte ich noch nie gesehen. Dreh mich um, geh an mein Glas, da sagt sie wieder etwas, was ich aber nicht verstehe. Drehe mich um und gehe wieder in ihr Schlafzimmer. Sie zwängt sich in ihre neue Hose. Will spielen. Krieg in der Wirklichkeit keinen mehr hoch, denke ich, selbst der schönste Körper ist keine Phantasie mehr wert. Ich lebe auf weißem Papier mit noch unerkannten Zeilen. Ertappe mich beim Tippen. Buchstabe für Buchstabe. Blieb immer nur so lange im Leiden stecken, wie ich nicht erkennen konnte, dass mein Körper sich meines Namens angenommen hatte. Eines Tages werde ich von irgendeinem meiner Gedanken gemeuchelt. Ich weiß es. Soll ich ihr Piercing mit der Zunge nehmen? Drehe mich um und genieße den Anblick des Glases auf dem Tisch von Weitem schon.
Es gibt Menschen, die sind Opfer und bleiben es ihr Leben lang, denke ich. Da war ich schon auf meinem Segelschiff mit den durchlöcherten Segeln. Ich treibe wie ein Zwangsjackenschönling über die Wellen, es schaukelte mich hin und her, kein Tropfen kann mir noch zu nahe kommen. Schweigend war ich immer schon meine eigene Antwort/Segel/Wagnis… Torkele nach Hause, atme tief durch und bin heilfroh, nie wieder so jung gewesen sein zu müssen.
Willi van Hengel
Ich liebe es, wenn ich morgens aufwache, und dein Gesicht neben mir liegen sehe, ich liebe es, wenn ich deinen warmen Körper an mir spüre, dein Atem der mir in regelmäßigen Atemzügen, deine wohltuende Nähe unter Beweis stellt, wenn die ersten Sonnenstrahlen, sich auf deiner Nase niederlassen, um dich ganz sanft aus dem Dunkel der Träume zu holen, dann fühle ich mich glücklich, wenn ich sehe wie du die Augen aufschlägst, und mit einem verschlafenen Lächeln zu mir rüberblickst, und ich denke, dass ich es nicht ertragen könnte, einmal ohne diese Augenblicke aufzuwachen.
Daniela Loske
Weich gebettet im Sande, den Funken der Sterne in den glänzenden Augen, verfolgt er das Spiel der Wolken.
Zu ihnen gesellt sich die Mutter der Nacht - ihre strahlende Imposanz vertreibt die spielenden Kinder.
Unter Lunas machtvollem Schein bäumen sich die Wellen und geben es letztlich frei - das führerlose Geisterschiff.
Gefangen sieht sich nun der stille Träumer; rudernd in die Ewigkeit - für die Schatten der Vergangenheit.
Jasmin Ludorf
bislang ist keine photographie bekannt, die ihn zu lebzeiten zeigt. bislang gibt es lediglich einige aufnahmen, die ihn auf dem totenbett zeigen. als wär es für ihn das gleiche gewesen…
Willi van Hengel
Von Christian Laumann
Ist Ozzy Osbourne eigentlich immer noch am Leben? Wenn nicht, bin ich kaputter, als er es zu seinen Lebzeiten je war. Ehrlich, Leute. Mein Leben hat keinen Sinn mehr. Ich bin ein Alkoholiker mit verdammten Bauchschmerzen. Meine Nerven schmerzen und in letzter Zeit bin ich nervös. Alles was ich in meinem Rauschzustand jetzt noch weiß, ist, dass das Kostbarste hier jetzt nur noch meine Zeit ist. Ich habe die Zeit nie geschätzt, bis sie vorbei war. Mit meiner Frau bin ich fertig, weil sie mir auch nicht helfen konnte. Und obwohl ich sie nicht mehr wollte, verkrafte ich ihren Verlust nicht. Wir Menschen sehen immer erst im Nachhinein, was wir wirklich hatten. Ich habe in den letzten Jahren so viel gesehen, Leute. Ich sah wie schnell die Dinge sich ändern. Wie schnell Menschen kommen und gehen. Leute die ich gekannt hatte, sind plötzlich ganz weit weg. Und Fremde plötzlich so unglaublich nah. Ich rede wirres Zeug, oder?
Warum warst Du nicht ehrlich ehrlich zu dir und zu mir
Warum hast Du mich benutz benutzt um auszubrechen
Warum hast Du mit mir gespielt gespielt weil Du dich selbst nicht fühlst
Warum hast Du mir nicht vertraut mir deine Sorgen anvertraut
Warum konntest Du nie reden über das was Dir fehlt
Warum musstest Du mir den Glauben an die Liebe nehmen nur weil Du nicht lieben kannst
Warum fehlt Dir der Mut deine Fehler einzugestehen
Warum bin ich es deinen Augen nicht wert um Verzeihung zu bitten
Warum will ich Dich trotz allem zurück
Warum?
Klaus D. Ebert
voll gefressen wie ein schwein nach deo schwitzend hätte ich titten, hätte ich sie raushängen bis zu den krögen an deren rändern sich das vieh die nippel schabt… ich kann mich nie schneiden weil alles an mir so rund ist wie bei einem mondkalb ich hasse meine wampe und streichle sie unentwegt ich hasse das, was ich sage überall bin ich fehl am platz der trottel gewinnt weil er keine zweifel hat am abgrund haben wir uns kennen gelernt und wissen bis heute nichts von uns außer: dass wir für unsre ideen untergehn. es macht gar keinen sinn zu sterben…
Willi van Hengel
Die Werke - surreal in einer leeren Galerie und der Wanderer tanzt um das Kreuz im Nebel an dem Cupido sühnt.
Die kraftvollen Farben blutgetränkt im Duell mit Licht und Schatten, bis auch der Adept erfüllt von Han verstirbt.
Der aufgelöste Künstler eilt im Wahn herbei, vergaß den Firnis, sieht das Schauspiel und zückt den Pinsel.
Das Debüt der Kritiker zerstreut den letzten Schliff und sie wandeln infernalisch lächelnd vorbei an nackten Wänden.
~ Finissage ~
Jasmin Ludorf
Es war ein lauer Frühlingssamstag und ein paar Freundinnen saßen in einem Gartenhäuschen. Sie feierten ausgelassen den Geburtstag eines der Mädchen in ihrer Mitte. Noch hatten sie keine Ahnung davon, dass bald eine sehr traurige Geschichte ihre Herzen erfüllen würde. Besonders Anne nicht, die ja gerade Teil dieser Geschichte war. "Bald ist das große Frühlingsfest!" freute Mirani sich. "Diesmal liegt die Planung in unserer Hand, also wird die Party richtig toll!" Anne rührte in ihrem Kakao. "Ich nehme an, du hast schon einige Ideen, was das betrifft, oder?" Mirani nickte erfreut. "Natürlich! Am besten wäre es, wenn eine Band auf unserer Party spielt!" Yoko nickte heftig. "Ja, so ne coole Band wie 'Heart Soldier' oder 'Madara'!" "Oder 'Galyuu', aber die würden nie bei einem Schulfest auftreten!" Mirani schnippte mit den Fingern und ihre Freundinnen verstummten. "Galyuu würden vielleicht nicht auftreten bei uns, aber was ist mit ihrer Vorband von der letzten Tour?! Seit ich sie bei einem Live-Auftritt gesehen habe, bin ich ein totaler Fan von ihnen!" Yoko überlegte kurz. "Du meinst diese 'Black Death Diary', oder? Die sind wirklich gut!" Anne wiegte mit ihrem Kopf. "Ich kenne die nicht!" Plötzlich schlug Yuri mit der flachen Hand auf den Tisch. "Leute, habt ihr schon gehört: Sayu und Mya sind wieder zusammen! Er hat wochenlang um sie gekämpft und nun hat sie endlich nachgegeben!" Mirani bekam leuchtende Augen. "Die Geschichte ist ja fast so romantisch, wie die von Titanic! Und das ist die traurigste Geschichte die ich kenne! Süß!" Anne sah auf den Tisch. "Es gibt noch viel traurigere Geschichten!" sagte sie langsam. Ihre Freundinnen starrten das Mädchen an. "Noch trauriger? Von was für einen Film redest du denn? Ein Bollywood-Film? Oder 'E-Mail für dich'??!" Doch Anne schüttelte mit dem Kopf. "Ich rede von keinem Film." Sie sah auf. "Sondern von etwas, was wirklich passiert ist! ... Was solls, denkt nicht drüber nach!" Mirani rutschte näher an die Freundin ran. "Nun hast du angefangen und uns alle neugierig gemacht! Jetzt erzähl schon die Geschichte! Anne?!" Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf. "Nein... es war ein Fehler, damit anzufangen, ok? Es tut mir leid, aber ich will nicht darüber reden!" Ein paar kleine Regentropfen fielen auf den weißen Plastiktisch, an dem die Freundinnen saßen. "Wir sollten rein gehen!" meinte Yoko. In der gemütlichen Gartenlaube machten die Mädchen es sich an dem altmodischen Ofen bequem und schwatzten eine Weile munter miteinander. Nur Anne beteiligte sich nicht an den Gesprächen, sondern starrte nur still und gedankenverloren in das Feuer. Nach einer Weile legte sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter. Es war Yuki. "Mensch, Anne! Jetzt lach doch mal!" bat sie. "Du bist seit vorhin so komisch, was ist denn mit dir los? Liegt es an der Geschichte, die du uns nicht erzählen willst?" Anne winkte nur ab, doch schon war die gesamte Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen wieder auf ihrer Seite. "Komm schon, erzähl, erzähl!" Baten sie durcheinander. Anne schaute sie etwas zögernd und unsicher an. "Die Geschichte ist sehr lang..." sagte sie. "Was soll's!" winkte Yoko ab. "Jetzt sitzen wir dank dem blöden Regenwetter sowieso nur hier drin rum. Wir haben also alle Zeit der Welt! Jetzt erzähl schon!" Ihre Freundin seufzte auf, nahm noch einen Schluck von ihrem Kakao und sagte dann: "Na gut, ich werde ja reden..." Sie sah durch das Fenster, an dem die Regentropfen herunterprasselten. "Soweit ich weiß, beginnt die Geschichte, als ich noch elf war, also vor etwa sieben Jahren, in meiner früheren Heimatstadt Tokio..." Gespannt kuschelten die Freundinnen sich aneinander und spitzten die Ohren. Das konnte ja nur spannend werden!
Egal, wie ich mich schminke: Der Rest Poesie, den ich nach dem Liebesbrief an sie noch in mir trage, verrät mich auf ewig. Selbst beim Ablecken des Umschlags, bevor ich ihn zuklebe, kommt Scham auf. Wie das zerrissene Blatt einer Rose.
Warum verbiete ich anderen, hinein zu fassen und mit zu lesen: will ich nicht insgeheim, dass man mich berührt, wie man Schnee berührt, der unter meiner Haut liegt. Die Finger werden dann ganz warm. Wie früher.
So unbemerkt unglücklich begegnen wir uns, manchmal mit Verachtung. Wenn die Wahrheit allmählich zum Todfeind wird, hilft immer noch die Geburtstagsfete im Garten; leider nur für den Abend, nicht mehr für die ganze Nacht.
Die vielen Telefonnummern im Handy ersetzen den Seufzer meines kleinen Stoffbärs aus der Kindheit nicht. Er hat mich verstanden. Es machte ihm halt nichts aus, in den Schnee zu fassen. Ich weiß seinen Namen nicht mehr…
Willi van Hengel
Glauben musst du immer weiter Zieht dich der Sog der Kalten Hoffnungslosigkeit in die Tiefe Muss sie durch dich hindurch Um sich fest zukrallen
Schaff ihr Leere und sie wird Niemals gehen ohne dich Voller Hoffnung im Herzen Kannst du ihr widerstehen Wenn die Kälte bricht und stirbt
Das Blatt ist unbeschrieben Mit vielen dunklen Worten Die Facetten anderer Farben Leben und leben lassend Sich vereinen im tiefen Blau
Glaubst du oder weißt du Die Zeilen verschieben sich Im Leben das du in dir trägst Verändert es sich beizeiten Der Frühling naht so bald
Jasmin Ludorf
jabès, hilf mir, dachte ich, tief ein- und ausatmend, da liegst du nun und ziehst meinen blick auf dich, aufgeschlagen liegst du vor mir, auf dem tisch, auf der fotokopie meiner allerersten erzählung, der rest versteckt in der schublade, gott hab ihn selig, wie wein, der genüsslich ins sanfte reift, gemeinsam, du, mit münchhausens courasche, tete-à-tete, einen rinnsal bildend, eure buchkanten als ufer, eine steil abfallende böschung, hinab bis auf seite zweihundertvier, auf dem papier, dessen buchstaben sich quer zur gedachten strömung gestellt haben, eine barrikade, um eine ausgeschnittene welt herum, die wir nicht verstehen, es sei denn als grandseigneur der verzweiflung. ich sehe dich vor mir, jabés, dein faltiges gesicht und die gegerbten schnitte deiner haut, aus denen ein breiter schwülstiger mund und große traurige augen quillen. es entwächst ihnen dein frisches denken, ein immerzu schneller grashalm aus der tiefe deine furche, ins unsagbare verstummt. es tut so gut. die vielfalt deiner ehrlichkeit, reich beschenkt mit alkohol. deiner erinnerung fällt es schwer, ich weiß, dir noch zu folgen, sie schleift sich hinterher, bis sie entkräftet am oberen hautrand aufgibt und dich ziehen lässt, dir nur noch hinterher blickt, bis du zu einem kleinen punkt am horizont zusammengeschmolzen bist, plötzlich ins nichts springst, und sie dir nicht einmal mehr adieu sagen kann.
„Heh, PW, auch durchgefallen?“ „Yeah, war ‚ne absolute Scheißklausur. Kenne keinen der’s geschafft hat.“ „Doch, ‚n paar gibt’s, habe selbst mit einem gesprochen. Kommst du mit ins Kabinett?“ „Klar, der Tag ist sowieso gelaufen. Bloß nicht drüber nachdenken. Wer ist denn noch da?“ „Fred, Ansgar, Marietta, Nelly, Moritz und die ganze Bande.“ „Dann lohnt’s sich! Wollen den Tag wenigstens angenehm beenden.“ Das Kabinett war einer jener dunklen Keller, in denen sich die Welt vergessen ließ. Licht kam nur von niedrigen Lampen, die über den Tischen pendelten und von Kerzen. Die Luft war stickig und die Gäste erhitzten sich bei erregten Gesprächen. Bilder an der Wand zeigten wahllos irgendwelche Landschaften, die aber in den Schatten des Raumes wie in einer trüben Abendstimmung ihre Konturen verloren und die wenigen Blicke, die sie auf sich zogen, durch große schwarze Flächen in die Irre führten. Der hellste Punkt im Kabinett war die Theke, die von mehreren Deckenstrahlern angeleuchtet wurde. Hinter ihr stand ein Mann dessen Gesicht und ganze Haltung nicht auf ein bestimmtes Alter schließen ließen, der aber schon viele Generationen von Studenten kommen und gehen sah. Er stellte gerade ein weiteres Glas mit Weizenbier auf sein Tablett, um dann die ganze Bestellung zu einem der Tische zur tragen. Sein Gang war dabei so gemessen, als würde die Dämmerung des Raumes ihn zur Langsamkeit zwingen. „Erwin, du rettest uns das Leben!“ rief einer der jungen Leute, als der Wirt die Biere endlich abstellte. „Übertreibt mal nicht“, entgegnete der. „Habt wohl keinen besonders guten Tag gehabt?“ „Kann man so sagen“, schnaubte ein anderer, „diese Klausur kostet uns wohl alle ein Semester.“ „Nun seht jetzt nicht gleich schwarz, ihr habt doch noch eine zweite Chance“, tröstete Erwin. „Recht hat er“, lachte Ansgar, der dafür bekannt war, das alles locker zu sehen. „Ich sage Prost.“ Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. „Und damit ist alles vergessen.“
Der Mond einst summte eine Melodie doch Wolken trübten seinen Klang War es des Schicksals Ironie oder einfach nur ein dunkler Gang? Ein Stern brachte Licht in die Dunkelheit gab sich dem Schicksal hin Er verirrte sich in der Einsamkeit verlor seine Kraft darin Die Sonne schaute betrübt hinab und konnte es nicht fassen So schaufelte sie ihr eigenes Grab wollte es einfach nicht lassen Der Stern saß weinend im Labyrinth versuchte in seinen Tränen zu vergessen Sein Ende war ihm schon bestimmt Hätte er doch nur mehr Kraft besessen Hilflos sank die Sonne hernieder hinterließ am Himmel ein rotes Band Langsam verstummten des Mondes Lieder bis die Sonne den Stern endlich fand Beraubt ihres Frühlings doch das war ihr ganz gleich schob sie den Stern an des Mondes Seite Der Stern er bekam einen Namen zugleich leuchtet jetzt für die Sonne, die ihn befreite Der Mond summt nun wieder seine Melodie begleitet von Chören der Sterne denkst du es ist die Ironie dann blick doch mal in die Ferne Da stehen sie alle am Firmament deinen Namen sie gemeinsam singen auch jetzt genau in diesem Moment wo auch immer du magst ihn verbringen.
Gabriele Junker
Der Pfropfen war klein. Seine Bestandteile aus Erythrozyten und Thrombozyten und Fibrin harmlos, solange sie einzeln in der Blutbahn unterwegs waren. Das Warum war groß und blieb groß, weil sie nicht rauchte und die Pille nicht nahm und niemals zuviel Alkohol trank und Bewegung liebte, besonders jene im Wasser und sie aß gerne Grünzeug und dafür wenig Fleischliches. Aber sie hatten sich doch zu einem Wurm zusammengetan stricknadeldick und ein Teil ihres Hirnstammes war ohne Versorgung. Die Kopfschmerzen waren da mitten am Nachmittag und sie wollte einen Espresso nehmen dagegen, aber die Tasse stürzte auf den Boden mit ihr im Büro der Spedition. Der Rettungswagen war schnell und laut und brachte sie ins Spital nicht weit entfernt, aber Bewusstlosigkeit hatte sie längst eingepackt und gab sie erst wieder Dutzende Schichtwechsel der Pflegefachleute später frei. Ihr Zustand war hundsmiserabel, der seelische und der körperliche, aber stabil, wie sie es nannten und das reichte für eine Verlegung in die Rehabilitationsklinik, wo alles andere als Liegen geübt wurde bis zum Erbrechen und schließlich wurde sie in einem Rollstuhl nach Hause geschickt. Der Rollstuhl war ein Koloss mit elektrischem Antrieb aber er konnte viel vor allem die feine Handbewegung, derer sie noch fähig war, in Bewegung umwandeln vorwärts und rückwärts und seitwärts.
Er saß nur da. Um ihn herum lauter Menschen, die angenehmen Lärm machten; er musste an gestern denken, seine Erinnerung ließ ihn nicht los. Schön, sagte er nur, und sie sahen sich an. In diesem Moment hatte er das Gefühl, dass sie froh war, etwas von ihm zu hören, schön, ja, das genügte wohl schon, um sie an Land zu ziehen. Vielleicht fühlte sie in diesem Augenblick, dass sie zu viel gesagt haben könnte, mit dem Wörtchen liebe vielleicht zu weit hinausgeschwommen sei, in der immer größeren Gefahr, ertrinken zu können. Ein Stück weit, das hat sie dann vor einer großen Verlegenheit, vielleicht sogar vor einer großen Dummheit gerettet, so gerade noch, dachte er, die Scham in dem Gedanken verborgen, wie man sich nur so hingeben könne, gleich am ersten Abend, egal wie viel man getrunken habe, eine Liebe (und wenn sie nur ein Stück weit ist) mache jeden Menschen zu einer Zielscheibe... Glattes Eis, welch Paradeis für den, der gut zu tanzen weiß, sagte er klar und deutlich, vor allem aber langsam, denn er hatte schon viel getrunken. Das sah man ihm aber nie an. Vor einiger Zeit noch hatte sie gesagt, dass sie sich nicht verlieben wolle, zumindest jetzt noch nicht. Ein bisschen - das sei doch verständlich, nach einer zehnjährigen Beziehung mit einem Mann, den sie nie wirklich geliebt habe – fürchte sie sich vor der Tretmühle der Gefühle. Sie habe keine Lust mehr, eifersüchtig zu sein, sich in Reibereien aufzuzehren und immer nur beobachtet zu werden.
Ausgesteckt auf deinem Körper wie auf einem trockenen Sandstrande in vollem Sonnenlicht Niemanden tötend Nichts erschaffend als die einzigartige Stille
Thomas Hecht
Die Mauer erstrebt argwillig die Verbindung, offene Türen nicht geduldet.
Der Mörtel trocknet rasch und schweigend, lösendes Wasser rar.
Die Stille schwingt im Einklang mit der Musik, konstante Noten im Kampf.
Der Sänger gräbt bis zur nackten Wurzel, fließende Zeit befleckt.
Die Wiesen blühen im nahenden Lenz, bewegte Welt verändert.
Jasmin Ludorf
Du begibst dich hinein Leere Es ist dein Weg Schicksal Du stehst vor der Mauer ergebend Das Tor schließt sich Einsamkeit Nur noch Mauern um dich herum ausgeliefert Der Wasserpegel steigt lautlos Graue Steine starren dich an erdrückend Dunkle Wolken über dir bedrohlich Das Wasser steigt weiter wartend Das Tor Ungewissheit Das Verborgene Hoffnung Der Pegel steigt Geduld Tausend Gedanken kreisend Hagelkörner prasseln auf dich herab ertragend Das Gewitter entlädt sich über dir wütend Du drückst dich an die Mauer Schutz Das Wasser steigt nervenzehrend Noch ist der Stand nicht erreicht Unruhe Dann lässt der Sturm nach aufatmend Die Passion neigt sich dem Ende Hoffnung Die Zeit ist gekommen Lohn Das Schleusentor setzt sich in Bewegung Erwartung Das Tor ist auf wahrhaftig Du gehst hindurch sehend das Ziel so nah erleichtert und spürst dein Herz erwacht Es wächst was du gesät - das Leben!
Gabriele Junker
Gestrandet. Gefangen. Im Netz der Zeit. Unaufhaltsam. Gnadenlos. Sie geht. Ich gehe. Sie steht. Ich stehe. Sie rennt. Ich renne. Sie verharrt. Ich verharre. Sie lacht mich aus. Schubst mich herum. Macht, was ihr gefällt. Finde keinen Ausweg. Kann ihr nicht entkommen. Hase und Igel. Die Zeit und ich.
Triumph der Zeit über den Menschen. Diktat eines menschlichen Konstrukts.
Anna Catharina von Rosenthal
An einem kühlen Novembermorgen kam Jupp Schneider zur Gartenanlage Edelweiß. Er parkte seinen Wagen direkt in der Nähe des Eingangs. Dann holte er seine Tasche mit der Thermoskanne und den Butterbroten aus dem Kofferraum. Ebenso drei große Plastiksäcke für das Laub. Jupp öffnete das Tor und ging pfeifend über den Kiesweg, in Richtung seines Gartens. Nach ein paar Schritten blieb er wie versteinert stehen. Unter der alten Buche saß sein Gartennachbar Günther. Was macht der den hier? Ist der etwa besoffen? Jupp ließ seine Sachen fallen und ging zu Günther, der zusammen gekauert da saß. Er schüttelte ihn. „He alter Junge wach auf, es ist saukalt hier. Komm steh auf und geh nach Hause!“ Günther rührte sich nicht. Jupp hob Günthers Kopf an, ließ ihn aber im selben Moment wieder los. Der Schreck fuhr ihn in alle Glieder. Günthers Augen waren verdreht, seine Zunge hing heraus, das ganze Gesicht sah wie eine verzerrte Maske aus. Jupp fror auf einmal ganz erbärmlich, er wollte nur noch weg von hier. Er setzte sich ins Auto, sein Kopf hämmerte wie wild. „Was soll ich tun, abhauen und später sagen ich hätte nichts gesehen? Mein Gott, meine Tasche liegt noch bei dem Toten. Nein, ich gehe auf keinem Fall noch mal dahin zurück!“ Er suchte mit zittrigen Händen, das Handy aus dem Handschuhfach. Nach dem er drei Mal versucht hatte zu wählen, meldete sich ein Polizeibeamter. „Polizeipräsidium, Hauptkommissar Kramer am Apparat!“ Jupp riss sich zusammen: „Ich, ich wollte melden das ich Günther gefunden habe! Entschuldigen sie bitte, ich wollte sagen, hier liegt ein Toter!“
Die Zeiten waren schlecht. Damals war ich ungefähr acht Jahre alt. Mein Vater war als Gymnasiast von der Schulbank weg eingezogen worden und kam, noch jung, gealtert aus dem Krieg heim. Eine Bombe hatte seine Mutter zerrissen, sein Vater war Hilfsarbeiter bei der Eisenbahn. Der Vater meiner Mutter war Bergmann, ein Beruf, den der Diktator sehr schätzte, und Opa schätzte den Diktator. Auch von ihrer Mutter weiß ich nur, dass sie im Krieg umgekommen ist. Meine Mutter hatte dieser Krieg nach Osten verschlagen, mitten hinein in die anrückenden Truppen der Russen. Die Startbedingungen nach dem großen Krieg waren für viele, auch für meine Eltern, denkbar schlecht und beide arbeiteten sie hart. Mein Vater studierte Medizin und meine Mutter, Krankenschwester von Beruf, war in einer Spinnerei beschäftigt und nach Feierabend ging sie putzen. Eine Nenntante väterlicherseits kümmerte sich um mich. Ein paar Jahre später wurde mein Bruder geboren, meine Mutter konnte nun nicht mehr arbeiten gehen. Zu dieser Zeit wurde das Einkommen noch bescheidener. Sehr ehrgeizig war mein Vater und nutzte jede Gelegenheit, beruflich voranzukommen. Er machte sein Pflichtjahr in einem Krankenhaus und wir mussten umziehen. Meine Mutter drehte jeden Pfennig zweimal um, manchmal auch dreimal. Einmal, vollkommen überraschend, schenkte sie mir Kirmesgeld. Sie drückte mir zwanzig Pfennig in die Hand, zwei Groschen, wie die alten Tanten sagten. Ich ahnte, dass das Geld einen Wert hatte, den halben Tag lief ich über den Kirmesplatz und schaute überall zu, ohne das Geld anzurühren.
Als Hermann sich mit der Hand durchs Haar fuhr, die Finger leicht gekrümmt wie eine Kralle über seine blasse Kopfhaut, was sehr angenehm war, verdammt angenehm sogar, da spürte er, dass nicht mehr viel übrig geblieben ist. Vom Haar natürlich. Sein Kumpel Heiko war schon mit 25 grau, und was musste der einstecken deswegen! Jetzt beneidete Hermann ihn. Denn der brauchte sich nur zu färben, und schon war die Sache gegessen. Eine angehende Glatze brachte schon überhaupt keine Weiber mehr in die Nähe, jüngere frische schon gar nicht. Und er ließ es, sich durchs Haar zu fahren, aus Angst, dass dadurch unnötigerweise noch mehrere ausfielen… Seine Frau war schon im Bett. Sie ließ immer ein Kleidungsstück von sich in der Küche zurück, wenn er Spätschicht hatte. Es war mit den Jahren ihr heimlicher Begrüßungskuss. Sie war ein Frühchen, Frühaufsteher, die sich immer gequält hat, wenn Herrmann erst gegen elf nach Hause kam – und eine gähnende Hannelore mochte er nun wirklich nicht, wenn er von der Arbeit kam; das tat ihrer Liebe keinen Abbruch. Und als er ihr das sagte, nach reiflicher Überlegung, atmete sie gleich auf, umarmte ihn und ging ins Bett. Früher hätten sie noch etwas Liebe gemacht, auf dem Küchenstuhl, und sie wäre danach erst hinauf gegangen, während er die Hose ganz ausgezogen und in den Trainingsanzug gekrabbelt wäre. Jetzt hat sich die Lust halt aufgehoben und ist eingegangen in die reine Liebe. Außerdem sind die Kinder mittlerweile nicht nur groß, sondern auch gut geraten, Alkoholiker zu werden passiert halt schnell, wie bei ihrem Bernhard. Aber das war nur wegen dieser Schnepfe, die gleich auf Weltreise wollte, als Bernhard von 2-Schichten auf 3-Schichten wechselte und damit nach der Heirat fast alles möglich wurde…
Hieronymus sitzt im Gehäus Und seine Bücher um ihn her, Am Berg, da hängt der Nebel schwer Und dämpft des Bachs Geläut.
Was läutet er, was murmelt er, Was gurgelt er, was torkelt er? Am Berg, da hängt ein Schleier schwer, Verhüllt den Bach im Nebelmeer.
Ein weißer Traktor raucht am Hang, Speit seine schwarze Ladung aus, Begutachtet vom Krähenvolk, Das auftaucht aus dem Nebelhaus.
Der Nebel kriecht zum Haus hinaus Und deckt die schwere Handschrift zu, Noch stehn die Bücher um ihn her, Doch draußen ruft's: Komm raus!
Eckart Böhnisch
Sag nie es sei genug der Leiden, Wenn nicht dein Schiff im Packeis hing, Und sich zur Seit die Masten neigen An denen sonst dein Traum sich fing, Wenn du nicht durch des Schneesturms Treiben Die Boote zogst zum offnen Meer Und selbst in Zelten war kein Bleiben, Weil du der Scholle warst zu schwer, Wenn nicht, nachdem du Land gefunden, Mit ein paar Mann erneut brachst auf, Um Land - mit Menschen zu erreichen Und hemmen so des Schicksals Lauf, Wenn nicht nach seegepeitschten Tagen Schwarzweiß vor dir ein Bergwall lag, Den zu erstürmen ohne Zagen Als letzte Prüfung vor dir lag - Wenn nicht auch diese finstern Wände Beschrieben hätten deine Hände, Dass schließlich dann zur frühen Stund Ein leises Licht erglänzt am Sund.
Eckart Böhnisch
Die Hälfte schon wollte uns nicht gelingen, warum Dann nicht auch die anderen zwei Drittel noch? Gib zu, dass du mich nie verstanden hast, gib Dich endlich mal nicht mehr nur hin Gib dich so wie du bist Auch wenn es ein anderes Leben braucht Für deine Missverständnisse Wir Wörter lieben dich immer noch, doch das war einmal Dafür hattest zu wenig Blut an deinen Lippen, schämst Du dich dafür? Dafür konntest du doch nichts Dich anders geben, wie denn? Wir mussten über dich lachen Du warst zu lustig Jeder gibt immer nur zu verstehen, was er nicht ist Mit jedem wort das er nicht sagt. Oder wie er es sagt. Jeder gibt sich anders Trinkt zu viel Will gar nicht da sein Will sich heimlich auslöschen Weiß eigentlich nicht was er tut, jewollte Jeder ist die plastik seines traum(a)s Da fühlt er sich fremd, mitten an sich Da fühlt er sich im anderen verlassen Da fühlt er sich noch.
Wieso sollte ich dir die frage beantworten, ob Ich dich liebe, warum nur Sollte ich mich selbst belügen, damals schon, als noch Keiner von uns beiden an das Leben dachte, Ahnte schon alles in mir, dass ich diese frage niemals ohne blutvergießen würde lösen können, herzstiche, Messer stahl risse wie die Leben zuvor
die uns genau das auch schon sagen wollten warum haben wir nie richtig hingehört… warum nur ist es deshalb verwunder, dass wir immer noch an unserem alten holztisch die vokative in die Garage stellten, in die Kälte um kein wort weiter auf uns zuwachsen zu sehn, unerbittlich, ins Obwohl wir uns nicht trennen wollten.
Es musste sein – es musste immer sein! Sind wir überhaupt irgendwo gewesen?
Willi van Hengel
Warm wie ein erhelltes Leben Zart streicheln Dich die Worte im Hauch der Sonne Aus dem Herzen Deines wahren Ich So liebevoll und zuversichtlich in dunkler Nacht Berauschend und befreiend klingt es hervor Aus finsterstem Grau heutiger Zeiten Erklingen Zuversicht und Hoffnung Von wissender Sicherheit aus Selbstbewusstsein Erhöht, die Stimme der Liebe in allen Seelen So fremdartig und anders Wie ein Choral schönster Engel Stimmen Befreiend Auf dem Weg zu Dir in die wahre neue Welt der Zärtlichkeit
ich wusste sofort, dass mein leben ab jetzt diesen titel tragen würde, allein schon, weil mit derridas begriff der hypotypose in diesem seminar niemand wirklich etwas anfangen konnte. ich war während dieser anderthalb stunden jedoch mit etwas anderem beschäftigt. denn mir lag nur das wort möse auf der zunge, und es wollte von dort auch nicht verschwinden… es gibt so viele schöne worte, wortmösen, die einem schmecken oder auch nicht. wir schmecken doch jedes wort, das wir von uns geben, oder? dachte ich. hypotypose, hörte ich plötzlich wieder. es war die stimme des professors, der es immer wieder genoss, nur einzelne begriffe von sich zu geben. für eine gewisse zeit war es totenstill im raum, so als suchten wir alle nach einem satz, den wir ihm ins gesicht werfen könnten, ohne diesen ausdruck, mit dem wir alle eigentlich nichts anfangen konnten, zu wiederholen, nur um ihm zu zeigen, wie reif die eignen gedanken wären - und damit wohl der ästhetische zustand, um den es ihm ja in erster linie ging, wieder zwischen die zeilen gezeichnet war… dem kann ich doch nur, dachte ich, während ich meinen kopf an die wand lehnte, begegnen, wenn ich ihm meine gefühle und empfindungen mitteile, oder was sagst du dazu: hirnrinde… herzerfrischende gleichgültigkeit, zumindest im anflug und dabei immerzu dieses selbstherrliche grinsen des professors, dessen gesicht nicht zu seiner stimme passte, ihm hat es nur noch niemand gesagt, wie auch, hätte ja ein ganzer satz sein müssen, und ganze sätze verstand er nun einmal nicht; das aber genau hatte von uns noch niemand verstanden… - weil jeder sich aufgefordert fühlte, immerzu weiter zu reden, sobald der andere nichts sagt und einfach nur schweigt und sich wahrscheinlich mit jedem wort, das der andere mehr von sich gibt, ohne es wirklich zu wollen, genüsslicher amüsiert und nur noch darum bemüht ist, sein lachen, das nurmehr ein auslachen ist, zu unterdrücken, fressenverräter… dann beginnt man ihn nämlich zu lieben oder zu hassen, auf jeden fall lässt er einen nicht kalt; er schaut einem halt aufs maul, müsste man eigentlich denken, und amüsiert sich über die bewegte lippe eines menschen, was vielleicht seine art der zuneigung ist, eine direkte eben, die nicht verstanden wird, natürlich nicht, weil wohl irgendetwas daneben geht, eben ein blick oder eine geste, die unscheinbarkeit des unendlichen, des schönen vielleicht, und sein grinsen gar kein auslachen sondern nur ein einlachen ist, so wie einem einen einlauf geben und er nach einer halben stunde, wenn überhaupt, bemerkt, wie gut es tut, wenn mehr als nur worte aus einem herauskommen… man gesundet nur an seiner gleichgültigkeit…
Ob in unserer Stadt die Menschen glücklich sind? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht einmal, was Glück bedeutet. Natürlich hab ich schon Philosophen bemüht. Doch dieses Denkerheer ist ein ziemlich verrücktes Völkchen: Sie reden herum, oft völlig unverständliche Sachen, und sind auch stets streng mit den Ideen ihrer Kollegen, mit sich selbst aber üben sie immer größte Nachsicht. Einer der berühmten Denker schreibt zum Beispiel, dass es Glück nicht gäbe. Dann aber legt er dar, wie man glücklich sein kann: Während wir die Utensilien des Glücks zusammenklauben, sind wir glücklich. Der Weg ist das Ziel also. Puff! Ein anderer (nicht weniger bekannter) schreibt: “Den kleinen Garten menschlichen Glücks hat Gott am Ende der Welt, auf vulkanischem Boden geschaffen.” Bums! Wer zum Teufel versteht diesen Schmus? Außerdem gibt es mit den Philosophen noch ein weiteres bedeutendes Problem, nämlich dass die meisten von ihnen schon seit langer, langer Zeit tot sind, deswegen ergibt sich auch die Möglichkeit nicht, sie so lange zu ohrfeigen, bis sie uns endlich verraten, was sie denn nun wirklich gedacht haben. Ich, für meine Person, glaube, dass es Glück doch gibt. Habe ich doch schon glückliche Menschen gesehen. Die Verkäuferin der Gemischtwarenhandlung Morafcsik war glücklich. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte: Frau Morafcsik war nicht einfach glücklich, das Glück selbst zeigte sich als Frau Morafcsik. Tante Klotilde – so wurde sie, außer von ihrem Mann, von allen gerufen, vom Windelkind und vom Tattergreis. Sie wog fast vierhundert Kilo, auf ihrem schneeweißen Gesicht trieben rosarote Puderflecken, wie gekräuselte Wolken am Maienhimmel, auf ihrem Kussmund schimmerte der rote Lippenstift, ihre smaragdgrünen Augen glänzten wie die einer Katze, ihr Kraushaar war der barocke Goldrahmen all ihrer Schönheit. Doch das Wunder ihres Gesichts wurde von ihrem Dekolleté noch übertroffen! Die samtene Haut, die über ihren sackgroßen Brüsten begann und am weichen, fetten Hals auslief, zog die Blicke aller Männer auf sich, wie das Aas die Hyänen. Um jeden Mann, der dieses Dekolleté erblickt hatte, war es geschehen. Er konnte seine Augen von diesem üppigen Anblick nicht mehr befreien, er stand nur mehr da, bewegungslos, verhext, mit dem Boden verwachsen.
Hier, wo der Morgen die Sonne begrüßt Das ganze Jahr – und selbst im Herbst des Lebens Kiefern und uralte Steine im Moos aus Farne blühen Sie erinnern an vergangene Zeiten aus Zukunft - Neue Heimat in alter Heimat, zu der ich nun bald komme
Dort, wo Schilf zum Ufer hin die Brandung sieht Dorthin komm ich nimmermehr – Wasser so rein Geworden wie ein Wasserfall - so wild und rein Leben das ward einst gegeben, still und leis’ Alte Heimat, die ich seh’ nimmermehr
Hier, wo mein Leben sich begründet Weht alter Staub – durch Kiefern auf Klippen im Wind Aus schwelendem Feuer – gelöscht den Durst des Brandes Im Spiegel der Zeit geblendeter Einsamkeit Wie wild gewordenes Wasser – versiegt auf ewig Heimat, Illusionen einer zerstörten Vergangenheit
Ohne Heimat, in freien Welten Raum aus Sein Ohne da zu sein, im Sinn der Freiheit Allein in der großen Masse Umringt von Zeit und Raum Heimat die ich meine – Freiheit ohne Sein Heimat ohne Heimat, rein im Herzen - heimgekehrt, ohne Heim, nur zu sein
Jürgen Kirschner
Er wusste immer, dass er einmal der reichste Oberbrucher wird. Und dass ihm irgendwann mal die richtige Idee kommen würde, war ihm auch klar. Nur dass es so einfach sein würde, hätte er nie gedacht. Er wartete auf Klaus, der seinen Besuch für halb neun angekündigt hatte. Klaus fuhr am liebsten Motorrad, da brachte ihn keiner von ab. Und was Klaus am wenigsten leiden konnte, war ein Sozius hinter ihm. Selbst seine eigene Freundin, wenn er denn mal wieder eine hatte, mochte er nicht hinter sich wissen. Was er aber überhaupt nicht ausstehen konnte, war, wenn sie sich an ihm festhielt und von hinten ihre Arme um ihn geschlungen hatte. Wenn Klaus schon mal jemanden mitnahm, dann sagte er gleich, dass er das nicht mochte. Wem er nichts erklären musste, war seine süße Gummipuppe. Deshalb nahm er die auch am ehesten von allen mit. Obwohl er am liebsten immer noch alleine Motorrad fuhr.
Meine Frau hat sich verliebt. Schon hunderte Male hatten wir besprochen, dass wir es einander verheimlichen, wenn so etwas geschieht. Und ich hab dies gesagt und das gemeint, und es ist auch vorgekommen, dass mich der Gedanke schon fast verrückt gemacht hatte, dass sie mir schon etwas verheimlichen könnte, und wenn wir uns treffen, im Fieber, frag ich stets mit verschämtem Blick: »Ich möchte trotzdem wissen, wenn es jemand anderen gibt! Hast du schon jemanden? Liebst du schon jemanden? « Woher hätte ich wissen sollen, ob es stimmt, was sie mir antwortete: »Nein, es gibt keinen. « Sie strich mir übers Gesicht. Wie oft hab ich sie nur deswegen umarmt, um ihren Mantel untersuchen zu können, ihre Bluse, ob da nicht irgendwo ein fremdes Haar ist. Wie oft hab ich an ihrem Nacken gerochen, und wie oft hab ich mich ganz nahe zu ihr gebeugt, um in ihrem Atem den Atem eines anderen Mundes zu riechen. Denn man riecht einen fremden Atem, so schnell verfliegt der Duft eines fremden Mundes nicht. Meine Frau ist zerbrechlich und voller Schmerzen. Puberaldystrophie nennt es der Fachmann, und das ist eben nicht so, wie wonach es klingt – erschreckend: sie steckt für immer im Körper eines kleinen Mädchens. Straffe Haut, flache Brüste, flacher Bauch, mutlose dünne Schenkel und ein eckiger, enger Schoß. Ein trauriger Backfisch mir großen Augen, großem Mund. Ihr braunes mutloses Haar steht in alle Richtungen, als ob es nicht wüsste, dass es die Zier, die Krone dieses sanften Gesichtes sein soll. Sie ist unglücklich.
Yve:Herr van Hengel, ich denke, jeder künstlerische Mensch schleppt verborgene Leichen aus seiner Kindheit mit sich herum. Wollen Sie etwas dazu sagen?
van Hengel: Schön, dass Sie „wollen“ und nicht „können“ gesagt haben, denn gewollt habe ich erst mit meinem letzten Roman – also fangen Sie, ohne es gewollt zu haben, das unterstelle ich Ihnen einmal, mit meinem Ende an, meinem tiefsten Erlebnis: meinem Damaskus-Erlebnis. Aber, meine Kindheit war ein einziges, langes, schönes Spiel, das eigentlich nie aufhören sollte, wären da nicht die vielen Schläge meines Vaters mit dem Lederriemen gewesen, die vielen Aussetzer, die einen Menschen verdammt misstrauisch machen, ja, dazu verdammen, alles nur schwarz und schlecht zu sehen, und genau das dann anzuziehen, den Dreck und die Lüge und den Abschaum. Und genau deshalb habe ich angefangen zu schreiben. Nun, es hört sich an, als habe ich es mir ausgesucht. Nein, ich glaube nicht. Das Schicksal hat sich mich ausgesucht. Es hat mich beauftragt, die ganze Niedertracht in Worte zu fassen,
die Hose hab ich am liebsten an, sie ist so leicht; ich sollte mir die passenden Schuhe dazu kaufen, braune vielleicht, die hatte ich noch nie!
Und wissen Sie was: ich will nicht, dass sie aufhört, diese Kindheit. Sentimental, nicht wahr?
Wenn tausend Lichter dich erhellen, dann wird eines es auch schaffen tiefer in dich einzudringen.
Und die Schneise, die es hinterlässt, ebnet dann den Weg für andere. Sie werden es erkennen.
Wenn mehr als ein Licht dich berührt unter der Haut und noch viel tiefer, dann zittert die Dunkelheit vor Angst.
Und die Lichter werden sich versammeln, kämpfen Hand in Hand und werden stärker, erzeugen Wärme durch ihre Kraft.
Wenn dann Licht und Wärme durch dich fließen, kann die Dunkelheit sich nicht mehr halten, klammert sie sich noch so fest, sie wird zerbrechen.
Und nun kannst auch du erstrahlen, erhellst die Welt und schenkst auch Wärme. Das Echo, das wird kommen.
Und so schließt sich bald der Kreis.
(Mein Dank an alle Lichter dieser Welt, ohne euch wäre sie um einiges dunkler und kälter.)
Jasmin Ludorf
Irgendwann hatten wir festgestellt, dass unser Weg morgens ein gemeinsamer war. Ich weiß nicht, wie viele Wochen oder Monate wir nur nebeneinander her gelaufen waren, ohne uns richtig wahr zu nehmen. Aber nach diesem Tag beschlossen wir, uns bewusst einander anzuschließen. Und so trafen wir uns nun jeden Morgen, pünktlich um sieben Uhr an der hoch gewachsenen Birke an der Post. Ich empfand es immer als ein schönes Ritual, es half mir und auch ihm, sich auf den folgenden Tag vorzubereiten. Es gab mir Sicherheit, ich wusste einfach, egal was mich erwartete oder was schon hinter mir lag, er würde am nächsten Tag dort stehen und auf mich warten. Wir redeten kaum ein Wort auf unserem Weg, und so kannten wir uns auch nach Wochen nicht so gut, wie man es eigentlich erwartet hätte. Konnte man schon von Freundschaft sprechen? Aber es war gut, so wie es war. Und keiner von uns wollte dies jemals ändern. In der vergangenen Woche musste ich jedoch alleine gehen. Am ersten Tag wollte ich es noch nicht so recht glauben, als ich ihn auch nach langer Suche nirgendwo entdecken konnte. Ich zweifelte an mir, war ich zu früh an diesem Tag? War heute wirklich Montag? Ich wartete lange auf ihn. Irgendwann musste ich jedoch gehen, die Arbeit rief.
Wieder mal, nach langer Strecke; man biegt um eine unbekannte Ecke nach der anderen – erfasst man, was so eine Reise ausmacht. Es versteht sich nicht gerade von allein, dass der Auslöser ungemein hartnäckig sein kann. Das ist er aber und besonders dann, wenn dieser am Boden liegt und der Wagen in gestrecktem Galopp, diesen Jemand umgemäht salopp gesagt... Kaum zu atmen gewagt. Ausgestiegen und nach einem gründlichen sich verbiegen ausgelotet was ist denn da passiert? – Tot, oder schlimmer... nein, nimmer in böser Absicht gehandelt, lediglich zu rasant unterwegs im schwindenden Licht ein Buch neben sich und darin ein wenig geblättert. Ein Schreibender kann der Liegende nicht sein, ansonsten wäre er wohl kaum so unfein und gemein, sich ausgerechnet hierhin zu legen, zwischen vier Reifen und auf blankem Asphalt – kalt ist er schon... irgendwie jedenfalls und die Taschenlampe taucht es nun endlich ins Helle der Schnelle ist nur eine Puppe, lebensgroß und erschreckend echt; doch das Pech hält sich in erträglichen Grenzen, der Wagen ist ganz und die nagelneue Buchidee – die ist auch nicht schlecht.
Ina May
Ganz tief unten, so munkelt man, ist er versteckt. Wohl behütet von sieben teuflischen Dämonen, die es vermögen, jeden in die Flucht zu schlagen der ihnen zu nahe tritt. Doch zuerst einmal muss man durchbrechen die von Meisterhand erschaffenen Gemäuer. Wer mag dies wohl schaffen fragt man sich zu Recht. Nun sag mir Fremder schlummert der Entdeckergeist in dir? Dann mach’ dich auf die Suche, stille deine Abenteuerlust und bereite deine Waffen, um in die Schlacht zu ziehen. Und sei gewiss mein Krieger, dass der Glanz des Schatzes dich vergessen lässt, wie viel Blut geflossen und welch Mühe es dich gekostet hat.
Verdammt! „Die große Freiheit“ – nicht Goethe und Romantik, nicht der sozialistische Realismus, nicht Kafka oder meinetwegen auch die neue deutsche Literatur. Ausgerechnet! Miro Bast las sich die Aufgabe noch einmal durch. Er zwang sich ruhig zu bleiben, aber er bemerkte, wie seine Finger verkrampft den Stift über dem leeren Papier hielten und zu zittern begannen. Nur nicht die Nerven verlieren, sprach er sich mehrmals mit stumm bewegten Lippen vor, jetzt nicht in Panik verfallen. Doch es war zu spät: Als er sah, wie alle anderen ihre Stifte über die Linien jagten, hätte er schreien können, davonlaufen. Alpträume! Die vollständige Kurzgeschichte
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