Max stand am Fenster seines Zimmers. Er war neu hier. Seine Eltern zogen mit ihm in dieses Viertel, weil sie hier Arbeit gefunden hatten. Aber Max kannte hier natürlich noch niemanden. „Hey, Max“, kam seine Mutter Katja in sein Zimmer. „Geh doch mal auf den Spielplatz. Dort sind bestimmt noch mehr Kinder in deinem Alter“, versuchte sie ihn aufzumuntern. Alles war so neu und fremd. „Du traust dich nicht, stimmt’s?“ Seine Mutter hatte Recht. Doch schließlich machte Max sich auf den Weg. Er war noch gar nicht durch die Hintertür zum Hof, als er hinter sich eine Stimme wahrnahm. „Hallo, bist du neu hier?“ stammelte ein etwas kleinerer Junge mit tiefschwarzen Haaren und ebensolchen Augen in gebrochenem Deutsch. Max drehte sich herum. Tatsächlich, er hatte richtig gehört. „Ali“, fuhr der Junge fort und zeigte auf sich. „Ali, bin 9, und du?“ „Ich heiße Max und bin 8. Ja, ich bin neu hier. Letztes Wochenende sind wir hier eingezogen.“ „Kommst du mit mir spielen?“ „Ja, gern!“ Beide gingen zielstrebig auf die Sandkiste zu und begannen Burgen zu bauen. Nach einer ganzen Weile hörte Max, wie jemand irgendwelche fremdländischen Worte rief und offensichtlich Ali meinte. Sein Name kam darin vor. „Oh, meine Mutter ruft – muss essen. Willst du mitkommen? Mama kennen lernen? Ist nett. Oma wohnt auch bei uns. Erzählt viele Geschichten!“ „Ich weiß nicht. Ich kenne deine Familie doch nicht.“ Max war unsicher. „Macht nix, lernst du jetzt kennen. Wohnen alle zusammen. Komm doch, die freuen sich bestimmt auf dich. Und Mama findet toll, wenn ich neue Freunde habe.“ Ali ließ nicht locker. „Also gut, aber ich muss meiner Mutter Bescheid geben, dass ich bei euch bin. Sie macht sich sonst Sorgen“, gab Max zu bedenken. „Bring sie doch mit. Wir freuen uns auf sie!“ Ali war nicht mehr zu bremsen. „Du meinst, ich soll sie einfach holen und mit zu euch bringen. Aber sie kennt eure Familie doch gar nicht.“ Max war unsicher. „Wir haben immer viel Besuch bei uns, viele nette Nachbarn hier im Haus“, entgegnete Ali. „Bitte frag doch.“ Max hielt für einen Moment inne. Klar, dachte er, das wäre die Gelegenheit, dass seine Mutter auch einige der Nachbarn kennen lernt. Warum eigentlich nicht? „In Ordnung“, antwortete Max entschlossen. „Aber vorher fragen wir deine Mutter, ob sie damit einverstanden ist.“ Beide Jungs verließen den Spielplatz und stapften in die erste Wohnung unten im Parterre. Die Tür stand noch offen, als sie ankamen. „Mama?“, schrie Ali in die Wohnung. Eine zierliche kleine Frau kam zur Tür. „Mama, das ist Max – mein neuer Freund. Ist hier eingezogen. Darf er seine Mutter holen?“ Alis Mutter begann zu lächeln. „Aber ja!“ Sie schien glücklich, dass ihr Sohn einen neuen Freund gefunden hatte. „Bring Mama mit“, sagte sie zu Max. „Ich freue mich auf euch!“ Max stiefelte ein Stockwerk höher zu seiner Wohnung und brachte seine Mutter nach einigen Minuten Überredungskunst mit hinunter zu Ali. Alles in der Wohnung von Alis Familie nahm Max wie in seinen Märchenbüchern aus tausend und einer Nacht wahr. Viele bunte Wände, Bilder, Statuen, Kerzen, wundersame Leuchten, fremde Gerüche. Fatma, Alis Mutter, bat zu Tisch. Alis Mutter war klein und zierlich. Deshalb wunderte er sich auch nicht mehr, dass Ali, trotzdem er ein Jahr älter war als Max, etwas kleiner als er selbst war. Alis Oma war auch klein, aber sehr rundlich. Sie sah aus wie eine typische Oma, hatte ein freundliches Wesen. Dann war da noch eine kleine Schwester von Ali. Ayshe. Sie war zwei Jahre alt und schlich immer zwischen allen hin und her. Ali hatte auch noch einen älteren Bruder, aber der war nicht da. Ahmed war 13 und bei einem Freund. Max war erstaunt, dass all diese Menschen in diese kleine Wohnung passten. Als ihm die Zimmer gezeigt wurden, wusste er, wie das funktionierte. Etagenbetten waren in zwei Zimmern aufgestellt. Das Mittagessen war ganz anders, als Max es gewohnt war, aber es schmeckte ihm gut. „Am Samstag wir machen Grillfest im Hof“, begann Alis Mutter Fatma mit vorsichtiger Stimme. „Habt ihr Lust zu kommen und mit uns zu feiern?“, fragte sie Katja. „Jeder bringt Essen mit. Macht immer viel Spaß“, setzte Fatma hinzu. Katjas Augen leuchteten auf. „Das hört sich gut an“, entgegnete sie. „Ja, wir kommen bestimmt“, sagte sie zur Freude von Max zu. „Wir müssen nur meinem Mann Bescheid sagen. Aber der wird auch gern mitmachen.“ Dann kam die Oma von Ali langsam zu Max und Katja herüber. Sie nahm beide rechts und links in ihre Arme. „Wenn ihr braucht Märchentante, ich komme und erzähle Geschichten.“ Dabei sah sie Max freundlich grinsend an. „Ali schläft oft schon nach der Hälfte ein, findet aber alles aufregend.“ Katja war ganz erstaunt, dass die Oma so gut Deutsch sprach. „Verzeihen Sie, woher können Sie so gut Deutsch, wenn ich fragen darf“, sprach sie Alis Oma unverblümt an. Sie lächelte erneut. Schaute in die Runde. „Wir sind in dieses Land gekommen, weil wir hier leben wollten, also haben wir Sprache gelernt. Ich habe vier Kinder, habe viele Geschichten erzählt. Alle sind erwachsen. Meine Kinder sagen, ich soll meine Enkel erfreuen. Bin nicht perfekt, aber es macht Spaß.“ Sie lächelte wieder in die Runde. Max und Katja waren begeistert. „Kommst du heute Abend zu mir und erzählst mir eine Gute-Nacht-Geschichte?“ fragte er sofort die Oma. „Entschuldigen Sie, dass Max so spontan ist“, versucht Katja ihren Sohn zu bremsen. „Aber seit wir hier eingezogen sind, schläft Max schlecht ein und wird nachts wach.“ Wieder lächelte Alis Oma. Sie nahm Max beiseite und tätschelte ihm seicht über seine Wange. „Sag, wann ich kommen soll, und ich erzähl dir was“, sagte sie ruhig zu ihm. Es war bereits Nachmittag geworden. Katja und Fatma beschlossen, alles für ein nettes Tee-Kränzchen im Hof zusammenzutragen und es sich draußen gemütlich zu machen. Alis Oma gesellte sich hinzu und häkelte in aller Ruhe. Ali und Max vervollständigten in der Sandkiste ihre Burgen. Max war überglücklich. Er hatte endlich einen Freund gefunden. Der kam zwar aus einer fremden Kultur, aber das fand er umso spannender. Nachbarn, mit denen sich auch seine Eltern gut verstehen. Was wollte er mehr?
Sabine Bär
(angelehnt an die Rede von Martin Luther King vor dem Denkmal Abraham Lincolns, Washington, 1963) Ich versichere euch, trotz der Schwierigkeiten, die sich heute und morgen vor uns türmen, habe ich noch immer einen Traum. Einen Traum der tief verwurzelt ist, im Traum der meisten Menschen. Ich habe einen Traum, daß sich die Menschheit eines Tages erheben wird, daß sie den wahren Sinn ihres Credos leben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich, daß alle Menschen gleich erschaffen sind. Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln der weißen Berge die Söhne und Töchter der ehemaligen Knechter in der Lage sein werden, sich zusammen an den Tisch der Brüderlichkeit zu setzen. Ich habe einen Traum, daß eines Tages selbst die Schlafenden und Mitlaufenden, welche in der Hitze der Unterdrückung verschmachten, die Oase der Freiheit und Gerechtigkeit entdecken werden. Ich habe einen Traum, daß Kinder eines Tages in einer Welt leben werden, wo man sie nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Nicht nach ihrem Auftreten und nicht nach ihrer Sprache, sondern nach ihrem tiefsten Wesen und Streben. Ich habe einen Traum, daß Kinder nicht mehr die qualvolle Pein von allmächtiger Vergewaltigung erleben müssen, sondern durch unsere Gemeinschaft in ihrem Kindsein und ihrem Drang nach Revolution gestärkt werden. Ich habe einen Traum, daß eines Tages jedes Haupt erhöht und jeder Erhebung von Geldgier und Menschenverachtung abgetragen sein wird. Daß die Jungen und Alten sich gegenseitig ehren und im lebhaften Zwiegespräch sein werden. Daß die Schwachen stärker werden und die Starken Schwäche annehmen werden. Ich habe einen Traum, daß die Arroganz gegenüber der Natur eingedämmt sein wird und die geschundenen Tiere sich entfalten werden. Daß die glatten Orte wieder rauh werden und die geraden Flüsse sich wieder winden werden. Mit diesem Glauben kehre ich in die Menschheit zurück. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, aus den Bergen der Verzweiflung den Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu leben und zu arbeiten, zusammen zu kämpfen, zusammen zu protestieren und zu revoltieren, uns zusammen für die Freiheit zu erheben, in dem Wissen, eines Tages frei zu werden. Ich weiß, Unterdrückung und Knechtschaft ist nach wie vor da. Nicht mit Knüppel und Peitsche, sondern mit Arbeitsvertrag, Gesetzen und Regeln. Die ach so gute soziale und gesellschaftliche Absicherung zieht immer noch in den Bann der Hörigkeit und dem Wunsch nach Integration in dieses Labyrinth der Ignoranz. Es festigt die Blindheit des Einzelnen gegenüber den Bedürfnissen und Rechten seiner selbst und der anderen. Egoismus in reinster Form herrscht immer noch vor. Veränderungen werden damit begründet, es doch nur gut zu meinen. All zu oft sind es gerade diese Vorsätze, die die Ignoranz weiterführen und die wesentlichen Gründe für notwendige Veränderungen noch tiefer begraben. Die Reformen werden etabliert, nicht aus Überzeugung, sondern aus Selbstzweck. Die Gesellschaft strebt nach Normen, nicht um zu harmonisieren, sondern um die Ordnung zu erhalten. Die Flüsse werden renaturiert, nicht aus Erkenntnis, sondern um trocken zu bleiben. Der Kampf um die wesentlichen Elemente einer tragbaren Gesellschaft besteht immer noch. Mal schwillt er an, mal flaut er ab und all zu oft resigniert er, um wieder geweckt zu werden. Und: Träumen darf man ja wohl noch!!!
Barbara Pollei
Fight! (angelehnt an Limp Bizkit)
Damals
Die Eingeborenen der Insel versammelten sich am Strand, angelockt durch die aufgeregten Rufe. Sie konnten es kaum fassen. Kaum einer hatte eine wirkliche Vorstellung gehabt von dem, was seit Generationen mündlich überliefert worden war. Da waren die Prophezeiungen und die Geschichten der Alten, die am Feuer erzählt wurden. Doch nun sahen sie sie mit eigenen Augen. Die, die den ersten Schock bereits überwunden hatten, sanken auf die Knie um zu beten. Andere schoben die langen Boote zu Wasser. So etwas geschieht nur einmal. Die Götter waren am Horizont erschienen. Plötzlich und lautlos kamen sie übers Meer geflogen. Die See stob zu ihren dicken Bäuchen empor und die weißen Häupter blähten sich im Wind. Und stolz trugen sie als Krone die spanische Flagge!
Bald
Ehrfürchtig schritten zwei Personen ein ganzes Stück abseits der Gruppe durch die Stille. Schlingpflanzen überwucherten Mauern, Bäume hatten ihre Wurzeln tief in den Beton gegraben und zu kleinen Brocken zermalmt. Eingestürzte Mauern glitzerten unter den Scherben der zerbrochenen Fassaden in allen Regenbogenfarben. „Ich verstehe es nicht“ sagte der Kleinere der beiden. „Warum ist die Kultur der Menschen denn so schrecklich untergegangen? Sie waren, für ihre Verhältnisse doch auf einem so hohen technischen Niveau. Es können doch nicht alle von ihnen Bestien gewesen sein.“ Der Größere schwieg eine Weile, bis sie sich am Ufer eines Flusses hinsetzten. Zur Rechten ragten auf beiden Seiten des Flusses die verrosteten Träger und Balken einer eingestürzten Brücke wie Finger in die hereinbrechende Dämmerung. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses begrub der Wald das Ufer unter seinem dunklen, undurchdringlichen Blätterdach. Dahinter, scheinbar unerreichbar in der Wildnis, ragten abgebrochene Hochhäuser, wie spitze, faule Backenzähne aus dem Schlund des feuchten Dickichts. „Als unsere Raumschiffe die Erde entdeckten, war sie überwuchert mit den Siedlungen der Menschen. Natürlich hielten sie uns für Götter. Aber sie waren so primitiv! So unzivilisiert. Natürlich hatten sie Angst. Aber sie empfingen uns sehr freundlich und unserem Status entsprechend. Dann jedoch fingen die ersten von ihnen an zu zweifeln. Dabei brachten wir ihnen doch die Zivilisation! Stell Dir vor....
Andreas Dresen
„Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Haben sich die Menschen schon zu weit einander angenähert, um sich wirklich verstehen zu können?
Wie soll ein Dialog zwischen Kulturen geführt werden, wenn die Menschen nicht mehr miteinander reden wollen oder können und nur noch aneinander vorbei-sprechen, wenn sie selbst den nächsten Gegenüber, Nachbar, Ehefrau, Ehemann, Kinder, Bruder, Schwester, Eltern, nicht (mehr) verstehen wollen oder können? Wenn ein Bayer im tiefsten Dialekt seine Frau eine „oide Fotzen“ nennt, so sieht sie das als Schmeichelei oder Liebkosung in ihrer deftigen, bayrischen Bauernsprache im Dialekt an. Sagt man beispielsweise den gleichen Ausdruck in Hamburg oder Berlin zu einer Frau „alte Fotze“, so muss man mit einer Anzeige wegen Beleidigung rechnen, zu der man sicherlich verurteilt wird. Ein Land, eine Kultur, eine identische Aussage, zwei gegensätzliche Folgen! Was ist dann bei zwei Ländern mit zwei Kulturen und nur einer (vielleicht missverstandenen oder nicht ganz korrekt übersetzten) Aussage? Sehen wir doch einfach in diese Gesellschaft, in der wir leben, hier in Deutschland. Ein immer größer werdender Teil der Menschen wird aus dem Korpus, den man als Gesellschaft oder auch Gemeinwesen bezeichnet ausgesperrt und -gegrenzt.
Reden wir zu wenig miteinander oder können wir uns überhaupt nicht verständigen? Was treibt uns voran und was Menschen in anderen Kulturen? Wollen wir dauerhaft in Frieden leben, müssen sich die unterschiedlichen Völker, Glaubensrichtungen und Gesellschaften dieser Welt annähern. Doch das geht nur, wenn sie sich besser kennen und die Beweggründe für ihre jeweiligen Handlungen begreifen. Die Literatur kann Brücken zu den Kulturen schlagen und so zum Verständnis beitragen.
Wie sehen sich die Menschen aus dem Islam, dem Buddhismus, dem Juden- und Christentum, aus Asien, Europa, Amerika, Afrika und Australien selbst, wie die jeweils anderen? Was erleben sie zuhause und in fremden Ländern? Welche Erfahrungen haben sie mit anderen Kulturen gemacht?
Litrum ruft auf zum Literatur Dialog der Kulturen. Denn wie können die Emotionen, die uns bewegen, besser ausgedrück werden, als in der Kunst? Hier ist der Raum für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit anderen Völkern und Kulturen - ohne Angst und Gewalt. Im Forum können Autoren, Leser und alle Besucher miteinander diskutieren. So entsteht ein literarisches Mosaik der Kulturen, das vielleicht zum besseren Verständnis beitragen kann.
Texte, Podcasts, Ideen und Anregungen zum Dialog der Kulturen bitte per Mail an dialog@litrum.de
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Das arabische Wort "qantara" bedeutet Brücke. Mit dem gemeinsamen Internetportal Qantara.de wollen die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen zum Dialog mit der islamischen Welt beitragen.
MIDAD - das arabische Wort für Tinte und literarischen Stil - steht symbolisch auch für räumliche Weite und die Unerschöpflichkeit des Wortes. In diesem Sinne soll das deutsch-arabische Literaturforum MIDAD „Grenzen“ überwinden und einen literarischen Zugang zum jeweils „Anderen“ öffnen.
Seit ihrer Gründung 1980 vermittelt die Gesellschaft zur Förderung der Literatur Kontakte zwischen den Buchmärkten in Afrika, Asien und Lateinamerika und dem deutschsprachigen Raum. Weitere Infos unter : www.litprom.de