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Die Menschen werden immer mobiler, aber sie erzählen sich auch weiterhin gerne Geschichten.                                                                                                   Daraus kann eine neue Literaturgattung entstehen: Literatur unterwegs.

Keine Reiseberichte, sondern direkt "auf der Straße" entstandene Literatur, kurz in das Handy                                                                                                     getippt, vielleicht mit einem Foto illustriert und als MMS oder Mail abgeschickt. Oder auch als                                                                                                      Botschaft gesprochen. Von einem oder mehreren Autoren verfasst, im Internet noch von anderen                                                                                                erweitert. Oder auch direkt hier veröffentlicht und von Lesern kommentiert. Literatur, die von der                                                                                                      Spontanität und vom Austausch lebt, davon, dass sie vergänglich und veränderbar ist. Eine solche                                                                                                     Art von Literatur ist immer ein Experiment und ein interessanter Beitrag zur Entwicklung moderner Literatur.

Senden Sie Ihre Texte und Fotos bitte an unterwegs@litrum.de



Ruhende Engelsschwingen
hüten
Deine Träume
und Du lächelst. 

Noch ballen sich
die Händchen
an den
rosigen Pausbäckchen
schlägt das Herz
im Takt
Deiner arglosen
kleinen Welt. 

Schlafe und träume
die Nacht
deckt Dich leise
mit Mondenschein zu.  

Betti Fichtl



Die Vögel singen wieder
der Frühling ist so nah
Bringen uns ihre Lieder
erzählen, was geschah

Der Winter brachte Kälte
ganz plötzlich über Nacht
So mancher kleine Vogel
ist morgens nicht erwacht

Jetzt wird die Sonne wärmen
die ganzen Vogelscharen
Sie werden Nester bauen
ihr kleines Glück bewahren

Karin Schümann 



hübsch zurechtgemacht
doch keiner dieser Zwei lacht 

wem gehört welcher Kaffee?
den beiden Füßen tun lediglich die Füße weh! 

für Streit
keine Zeit 

denn der Bus wartet bereits vorm Café
und wenn sie trödeln sagt dieser nur: „ade!“ 

Eveli Mani



Im Stadtpark stand ein Zuckerhut
Der ahnte nicht den profitsüchtigen Übermut
Der Mächtigen und Reichen
Und  musste nun weichen
Samt Buchen, Trauerweide und Eichen
Gegen Luxushochbauten und  Segelyachten
Verloren Naturliebhaber sämtliche Schlachten
Nun stehe ich weinend vor der Brache
Inmitten einer trüben Lache
aus Wasser und Tränen
Drosseln und Meisen irren suchend umher
Hier singt ab jetzt kein Vogel mehr. 

Birgit Kirsch



Schneetorso
säumen
die befreiten Strassen
die dunklen Streifen
der Gehwege. 

Blaukrisallige Himmel
verteilen
kalte Sonnen
zu den Chorälen
der Vögel. 

Sie visionieren
den Frühling
schon wach. 

Betti Fichtl



weil ihm der boden unter beinen
wegschmilzt wird er jetzt getragen
eigentlich wär das zum weinen
doch an diesen feiertagen
sollte uns nichts schlimmes plagen
deshalb find ichs erst mal gut
eisbär knut
nun als hut 

wenn eisbär(g)schwinden jetzt als krankheit
eingang im psychrembel  fände
drohte manchem menschen schlankheit
weil er durch der eignen hände
arbeit tragende legende
würde denn so’n weißer bär
wär legendär
und ganz schön schwer 

Franziska Röchter



  13. dezember 17.35 uhr 

... diese menschen wo ich wohne
ham nicht mal ne kunsteiszone
vor dem glashauswintergarten
dafür ganz schön viele arten
grellbelampter plastikschläuche
[mensch die ham hier seltne bräuche]

rundgebogne drahtgestelle
manche überspannen felle
echter hauskaninchen / rehe
doch sie ham kein schneegewehe
kennen keine weißen flocken
weihnacht hier ist ganz schön trocken
umso mehr hängn sie am strom
das ist wenig ökonom
& im garten dies objekt
sogar nachbars hund erschreckt
lichterloher plastikpelz
voll mit glamour mir gefällts
überhaupt nicht denn hoho
bin gebor’ner eskimo 

Franziska Röchter                                                                          



nur undeutlich sehe ich
ostwärts das andere ufer
verschwindend im nebel
einsam schwimmen nur
manchmal noch enten
boote zog man ans land
erst im frühjahr werden sie
reaktiviert 

Werner Bühler



Mitten im Stadtpark steht ein Zuckerhut
Dem gefällt es dort recht gut.
Doch hofft er vergebens auf Advent
Und Weihnachtsschmuck, der an ihm hängt,
Wie man es von Tannen kennt.
Er seufzt:
Der Gärtner spielt halt nur Barbier,
Schneidet, rupft und zupft an mir.
So bleibe ich ein nackter Buchs
Ein Baum mit einem spitzen Wuchs..

Birgit Kirsch



lädt mich nicht wirklich 
ein zum sitzen ist sie mir 
zu klein denn meistens bin ich
nicht allein und wo soll da
der komfort sein wenn
meine füß auf deinem Bein                                                                                                                                                                                                                              bein beim stelldich
ein nach polstern schrein 

sie lässt als meuble mich
recht kalt ihr holz ist
alt der halbe wald hängt
auf den brettern schwer
gewichtig es ist
richtig sie ist nicht
gebührenpflichtig doch
das wär nicht wichtig 

sie animiert mich als
geschichtsbuch offeriert
sich auch beim ehbruch
suggeriert sie wär ein
tischtuch und bei
jeglichem versuch
uns den abend zu
verschönen wollen
wir ja wollen wir die
flammen dieses lager
feuers mit dem holz verwöhnen 

Franziska Röchter



Der Boden ist die Basis für die Entstehung des Fasses, gibt ihm Form und Halt.
Das Fass wird dem Winzer zur Aufbewahrung seligmachender Tropfen übergeben. Dem genussvollen Verzehr durch Genießer vorbehalten, soll es samt Inhalt seiner exklusiven Bestimmung zugeführt werden.   
Die Weinschwemme zwingt den Winzer seine edlen Tröpfchen an Aldi zum Spottpreis zu verhökern. Damit der Weinsee nicht überfließt und der kleine Mann Freude haben kann.
Der Erzeuger dreht durch. Schlägt dem Fass den Boden, statt mit Samt und Seide, mit dem Vorschlaghammer aus.
Wein und Tränen des Winzers versickern im Erdreich. Sie gehen zu früh den Weg alles Irdischen.  
Verzweifelt in sich zurückgezogen, saß auf dieser altehrwürdigen Bank bis vor wenigen Augenblicken der aufgelöste, über seine "Untat" untröstliche Winzer. Träumend von guten alten Zeiten. 

Johannes Bildau      



Einst war es mal ein breiter Weg,
der bis nach Damp hinübergeht.
Auch am Ostseestrand gibt es steile Klippen,
die den einen oder anderen entzücken.
Doch wo einst der Weg war breit genug,
sorgte Mutter Natur für guten Abbruch.
Ins Meer gespült wurde Sand und Gestein,
von Mutter Natur, doch musste das sein?
Auf Sylt versucht man die Schäden zu verringern,
konnte man hier den Abbruch nicht auch verhindern? 

 Angelika Hüneborg



Im grünen Gras im Entengang, waschelt Mutter Ente lang.
Die kleinen watscheln hinterher, alleine fürchten sie sich sehr.
„Kommt meine kleinen, bleibt schön zusammen,
sonst wird der Fuchs euch gleich noch fangen!“
Laut schnatternt geht’s hinab zum See,
durch hohes Gras und grünen Klee.
Sie springen mutig ins kalte Nass
und es macht selbst dem kleinsten Spaß.
Kopf unter, das Schwänzen in die Höh,
so schwimmen sie nun übern See. 

Roswitha Lunetta-Kapp  



Engel -
rundbackig
und kindhaft
auf dem Sockel
zwischen Fresken
und Stuck. 

Du winkst
wie aus paradiesischen Höhen
und lächelst
als kämst du
daraus geflogen. 

Die ewige Freiheit
hat Dein Schöpfer
in Dich gelegt
als er Dich schuf.  

Betti Fichtl


Unterwegs auf dem Meer

Die Sonne scheint,
eine Möwe schreit,
die Gischt schäumt
und unsereins träumt. 

Raue See und weites Meer,
gedankenversunken segeln wir daher.  

Angelika Hüneborg



Der Weg
lädt mich ein
zur Reise
in mein Selbst. 

Wo ich bin
ist es hell 

Zaun und Böschung
täuschen
Sicherheit vor 

Doch was
erwartet mich
dort hinten
im Dunkel? 

Wem werde ich
begegnen? 

Schenkst du mir
Mut und
Selbstvertrauen? 

Maria Fröse            



Unterwegs
Ein-Wort-Poesie
Staunendes Fernweh 

Aufgerissener Horizont
Farbenflirrende Weiten
Wegstrecken aus dem Traumtagebuch 

Euphorische Landschaften
Fliegende Pferde
Konturen eines weißen Mustangs 

Grandiose Momente
Pegasus folgt den Routen der Highways  

Hermann Kuhl



          Ja ihr Leute schaut nur her,
  in unserem Garten weihnachtet es sehr.
    Der Lollo Biondo hoch und schlank,
     mit schönen Kugeln rot und blank.
       Hatte man ihn ganz vergessen?
 War er zu schade, vielleicht zum essen?
             Ende Juli bei 30 Grad,
           hat er tapfer ausgeharrt.
        So steht er stolz im neuen Kleid
      und wartet auf die Weihnachtszeit. 

Roswitha Lunetta-Kapp



Wo ich war
ist es jetzt Abend
Wohin ich unterwegs bin
ist es jetzt Morgen
Wo ich bin
sollte es Nacht sein –
und doch wird es nicht dunkel. 

Die Sonne streift grade den Horizont
Ich höre den Lärm
der Turbinen
und versuche zu schlafen. 

Werner Bühler



Ein chinesischer Reisbauer erklärte mir die Philosophie, die hinter dem Reisanbau steckt:
Betrachte die Arbeitsweise der Reisfeldarbeiterinnen: Sie beginnen im obersten, vordersten Feld in der ersten Reihe, dann kommt die zweite Reihe dran, die dritte, vierte ...
Sind sie mit dem Feld fertig,
wird die darunter liegende Terrasse pikiert.
Sie arbeiten von oben nach unten,
von vorne nach hinten
und gehen dabei immer einen Schritt rückwärts.
Das Feld hat man jeder Zeit im Überblick.
So kommen sie schließlich ans gewünschte Ziel!
Glück und Erfolg kann man mit hastigem und unüberlegten Vorwärtsrennen nicht erzwingen, Man muss auch mal einen Schritt rückwärts gehen! 

Hermann Bauer



Im Felsen des Lebens
der Keimling für morgen
des Steines Dichte
birgt alle Welt 

Nicht vergebens                                                                                                                      darinnen verborgen
seine Geschichte
unerzählt 

Vor Millionen von Jahren
in der Urzeit der Erde
kosmische Gase
Nebel und Staub 

Einschläge waren
Unruheherde
Wasseroase
noch zellentaub 

Flüssige Gluten
erkalten zur Hülle
erstarren zur Festung
formen Fossil 

Steigende Fluten
Fauna in Fülle
Wälder und Lichtung
Gestaltenspiel 

Stein aus der Vorzeit
birgst Ammoniten
Zellen und Samen
aus dem Karbon 

Aus deiner Schönheit
Ursprung und Mythen
Spuren entkamen
erblühen schon 

Franziska Röchter



Unterm Dach der hölzern Raufe
ruh ich aus vom Tageslaufe.
Kann von hier aus alles sehen:
Tiere die mir nahe stehen
oder die schnell weiter flüchten,
ohne sich hier einzurichten. 

Ob es nieselt oder gießt,
dass man Trockenheit genießt,
ob die Sonne brütend heiß,
dass ich wirklich nicht mehr weiß,
ob ich Mann, ob Weibchen bin,
so ein Sonnendach macht Sinn. 

Menschen, die hier bei mir wohnen,
anzustupsen, kann sich lohnen,
wenn ich Menschen, die ich sehe,
schnell fixier' aus Augenhöhe.
Dies erhöht die Chance enorm,
Futter durch die Umgangsform
auch mal zwischendurch zu haschen,
weiß der Mensch doch, was wir naschen. 

Bin ich bestens aufgelegt,
weil der Mensch mich gut gepflegt,
mag ich gerne ihn noch necken,
und mit kleinem Stoß erschrecken
oder meine Denkerstirn
reiben an sein'm besten Zwirn. 

Kurz, ein Leben unterm Dach
bringt den Nutzen hundertfach.
Also geb ich ihn nicht auf:
meinen Platz, wo ich verschnauf.  

Mary West



Zufrieden liegt die alte Ziege
in des Strohbehälters Wiege.
Ist in jeder Hinsicht satt,
weil sie nicht „null Böcke“ hat.  

Und sie denkt von ihren Haltern,
dass dieselben schneller altern,
weil der Mensch so schnell vergisst,
was der Ziege Weisheit ist. 

Es gibt so viele böse Zicken
mit fürchterlichen Launen.
In deren Ohr möcht’ sie gern raunen:
lasst euch doch mal verschicken!  

Es gibt so viele dumme Schafe,
die sind so übel drauf.
Sie haben wenig Blutkreislauf
und komm’n nicht mal im Schlafe. 

Ich sag den vielen Hühnern hier:
man lebt nicht nur vom Picken.
Vergesst mal eure Körnergier
und lasst euch mal verschicken! 

So ist die Ziege am Sinnier’n,
ob Menschen richtig ticken.
Zum Glück hat sie auch die Manier’n,
denn sie hat keine Zicken. 

Franziska Röchter 



Hab den Schirm heut' früh vergessen,
musste im Regen meine Brezel essen.
Wurde dabei ziemlich nass,
Brezel essen im Regen macht kein Spaß! 

Angelika Hüneborg



Polonaise
des Schnees
auf Schneeglöckchen
und gesprossenes Grun.

Endet
und verweht
zu weissem Wolkenschaum -
auf einem
blassen Sonnenstrahl
zupft
der Wind
ein Vibrato
zu klassichen Weisen
der angekommenen vögel.

Im Wechelschritt
des jungen Frühlings.

Betti Fichtl



In seinem  Lauf
spiegelt sich
die Ruhe des Winters 

die Ruhe
vor dem 
Frühjahrssturm 

wenn Bäume
und Hoffnungen
plötzlich keimen 

und aufbrechen
in die Zukunft
des Sommers

Maria Fröse



Heller Silberstreif
weckt jetzt schon uns’re Sehnsucht
nach Frühlingswärme 

und nach Farbenpracht,
Blüten auf grüner Wiese
doch noch ist’s Winter – 

Wartet in Geduld
die Zeit lässt sich nicht drängen
Frühling wird kommen. 

Werner Bühler



Umgeben von Bergen, Tannen und Schnee,
fällt mein Blick auf diesen See.
Spiegelglatt sieht es von oben aus,
schau' ich auf das Wasser drauf.
Ein paar Schneereste hier und da,
zum Baden zu kalt, das ist wohl wahr.
Doch manche mögen es nicht heiß,
gehen im Winter baden, wie jeder weiß.
Vielleicht kommt ein Mutiger irgendwann
und badet im eisigen Gebirgssee dann. 

Angelika Hüneborg



Träume
aus Pappmachee
mosaikbunt
auf einem
mondhellen Terrain.

Sie sind nicht wirklich
und doch
Erfüllung.

Sind wie Konfetti
in den
grauen Alltagsgewölben.

Betti Fichtl



Ich saß im Zug von Berlin nach Hause und kochte innerlich vor Wut. Eigentlich hatte ich meiner Freundin einen Besuch abstatten wollen, aber das war ja dann wohl nichts gewesen. Diesmal würde ich mich nicht, wie sonst immer, bei ihr entschuldigen! Diesmal traf mich keine Schuld für einen Streit. Da nimmt man extra den langen Weg von zwei Stunden Zugfahrt (die auch nicht gerade billig waren!) auf sich, um eine alte Freundin zu besuchen und wird buchstäblich aus der Tür geworfen. Was sollte das? Wie sie mich schon angesehen hatte, als ich auf der Türschwelle stand. Halb erfroren von dem Wetter, aber so glücklich sie wieder zu sehen. Doch meine "Freundin" hatte mich nur entgeistert angestarrt, als ich ihr laut ins Gesicht schrie: "ICH BINS ANNE!! WIE ICH DICH VERMISST HAB MEINE KLEINE!" Einen Moment hatte Stille zwischen uns geherrscht. Eine eiskalte Stille. Dann waren die Worte gekommen, die mich mehr als alles Andere verletzten: "Du, Anne...das passt grad gar nicht!" Nicht im Stande ein Wort zu sagen hatte ich sie angestarrt. Um mich nicht wütend zu machen hatte sie noch ein paar Worte nachgeschoben: "Weißt du...ich wollte gerade weg...zu meinem Freund! Wir haben uns schon eine Weile nicht gesehen und haben uns ausgemacht, einen schönen Abend miteinander zu verbringen!" Langsam war die Wut in mir hochgekocht. Ich hätte schreien wollen. Schreien, dass wir uns doch viel länger nicht gesehen hatten. Schreien, dass ich einen langen, teuren Weg gemacht hatte. Aber irgendwie war mir kein einziges Wort über die Lippen gekommen. Ich hatte gemerkt, dass meine Freundin langsam nervös wurde. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. "Wenn du willst, kann ich dir schnell einen Tee machen, fünf Minuten hab ich noch! Sei nicht böse Anne!" Nun hatte sich meine Zunge endlich gelöst. "ICH SOLL NICHT BÖSE SEIN??" hatte ich sie angefaucht. Vergessen war mit einem Schlag die Wiedersehensfreude. "Weißt du eigentlich wie lange es gedauert hat, meine Eltern zu überreden, dass ich dich besuchen kann??? Nach über einem Jahr???" "Jetzt sei nicht unfair Anne!" hatte meine Freundin etwas trotzig gemeint. "Du hättest dich ja auch vorher anmelden können!" "SCHÖN!! DANN GEH ICH HALT WIEDER!" Ich hatte mich auf dem Treppenabsatz umgedreht und war die kleine Treppe wieder runtergestürmt. "Anne, Anne, warte doch! Ich kann meinen Freund anrufen, vielleicht kann er noch eine Stunde warten! Anne, bitte!" hörte ich die reuevolle Stimme meiner Freundin hinter mir, doch ich lief weiter, bis zum Bahnhof. Nun saß ich hier in dem menschenleeren Zug und meine Wut wechselte in Nachdenken um. Wie hätte ich wohl gehandelt an ihrer Stelle?! Wenn ich mir mit meinem Freund etwas ausgemacht hätte und sie plötzlich vor meiner Tür gestanden hätte?! Mit leichter Scham musste ich erkennen, dass ich wohl auch nicht viel anders gehandelt hätte. Ich sah aus dem Zugfenster. Es war bereits dunkel, sicher war ich bald Zuhause. Von dort aus würde ich meine Freundin anrufen und mich entschuldigen.

Anne Lück



Ich sitze in der Straßenbahn
und lese gespannt in meinem Roman.
Menschen kommen, Menschen gehen,
ein Herr kommt neben mir zu stehen.
Steckt sich auch noch die Stöpsel ins Ohr,
aus denen dringt laute Musik hervor.
Kann nun nicht mehr weiterlesen,
hinter mir fängt ein Paar laut an zu reden.
Ich starre hinaus in die Dunkelheit
und verfluche die Ruhestörer auf alle Zeit. 

Angelika Hüneborg



Jeder dieses Gedichtlein kennt 

Goldene Kugeln schimmern überall
Weihnachtslieder erklingen stets von neuem nach dem ersten Hall 

Zimt und Orangenduft umhüllt die gute Stube
Die schon feierlich geschmückt
Bratenduft kommt aus des Backofens Grube
Die Kleinsten sind von dieser Stimmung verzückt 

Jeder öffnet seine letzte Tür im Adventskalender
Und weiß, welche Bedeutung dieser Tag nun hat
Man hüllt sich in weihnachtliche Gewänder
Entscheidet sich für den Kirchenbesuch, früh und spat’ 

Andere sitzen einfach gemütlich in der Runde
Feiern diese friedvolle Stunde
Ob andachtsvoll oder fröhlich laut
Jeder auf sein Bedürfnis schaut 

Über allem steht der Stern des Friedens, auf den wir schauen
Und für jeden an diesem Tage nur auf gute Zeiten bauen. 

Kerzenschein und Nadelduft
Uns auch in diesem Jahr zur Besinnung ruft
Wie immer denken wir daran
Was für uns Christen damals begann. 

Wir wünschen euch ein friedvolles Fest und ein gesundes neues Jahr
Auf dass all eure Wünsch werden wahr! 

Sabine Bär



Ja, mit 10 Minuten fing es an und davon erfuhren wir durch eine Lautsprecherdurchsage auf dem Bahnhof. Dass sich daraus mehr ergeben könnte, haben wir zwar geahnt, aber doch nicht ernsthaft glauben wollen.
Doch der Reihe nach:Unser Zug sollte 9.34 Uhr abfahren, aber 9.38 Uhr dann die erste von vielen Durchsagen, die wir an diesem Tag auf verschiedenen Bahnhöfen und in verschiedenen Zügen hören sollten:„... Der IC von Luxemburg nach Norddeich-Mole, planmäßige Abfahrt 9.34 Uhr wird wegen Gleisbauarbeiten circa 10 Minuten später hier eintreffen.“
Dann 9.44 Uhr: „Auf Gleis 3 fährt jetzt ein.....“
Und  9.45 Uhr: „Bitte einsteigen, Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges...“
Und dann ging’s so weiter: Kurz vor Köln: „... In Köln ist der Anschluss an den ICE nach Hannover nicht erreichbar. Reisende nach Berlin können bis Duisburg in diesem Zug sitzen bleiben. Sie erreichen dort einen ICE nach Berlin über Hannover...“
Kurz vor Düsseldorf jedoch: „... Reisende nach Berlin steigen bitte hier um. Sie erreichen den ICE nach Berlin über Hannover...“
Kurz vor Hannover:„...Leider können wir Ihnen keine Auskunft über Anschlussmöglichkeiten in Hannover geben. Der Grund ist ein Systemabsturz im Hauptbahnhof Hannover. Achten Sie bitte auf die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig ...“
Und dann wurde es im Zug von Hannover nach Magdeburg richtig unterhaltsam: Noch vor Abfahrt des Zuges: „...Reisende, die keine Reservierung haben, weisen wir darauf hin, dass wir in den hinteren Wagen mit den Nummern 5, 6 und 7 noch  jede Menge freie Plätze haben. Sie können bequem außen am Zug entlang gehen. Wir fahren erst in 10 Minuten ab...“
Einige Minuten später: „...Reisende, die keine Reservierung haben, weisen wir darauf hin, dass wir in den hinteren Wagen mit den Nummern 5, 6 und 7 noch  jede Menge freie Plätze haben. Sie können bequem außen am Zug entlang gehen. Wir fahren noch lange nicht ab...“
Dann: „...Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir noch 5 Minuten auf verspätete Anschlusszüge warten...“
Einige Zeit nach Abfahrt des Zuges: „... Wir haben im Moment eine Verspätung von 10 Minuten. Ich werde Sie rechtzeitig informieren, ob sie in Braunschweig die vorgesehenen  Anschlüsse erreichen.
Die Aussichten sind gut.....“
„...Wir sind nun 10 km vor Braunschweig und werden den Bahnhof Braunschweig in etwa 5 Minuten erreichen, - wenn nichts dazwischen kommt. Achten Sie bitte auf die Durchsagen am Bahnsteig, da im Bahnhof Braunschweig noch zahlreiche verspätete Züge herumstehen, kann ich Ihnen keine genauen Angaben machen...“
Dann hinter Braunschweig: „... Unser Zug wird heute wegen eines Oberleitungsschadens auf der Strecke Braunschweig Magdeburg über Stendhal umgeleitet. Wir erreichen Magdeburg dann mit einer Verspätung von 20 – 25 Minuten...“
Und dann ging’s Schlag auf Schlag, eine Durchsage folgte der anderen: „...Wir halten im Moment signalbedingt.“
„Der Lokomotivführer bekommt im Augenblick einige Anweisungen vom Stellwerk.“
„Meine Damen und Herren: Es geht weiter.“
„...Es kommt wieder einmal alles ganz anders. Nach Rücksprache mit dem Lokomotivführer erreichen wir jetzt Magdeburg gegen 18.50 Uhr, also mit einer Verspätung von 50 Minuten. Wir möchten uns für das Unwetter – In Anführungsstrichen – entschuldigen und bedanken uns für Ihr Verständnis und Ihre Geduld.“
„... Ich  kann Ihnen keine Informationen über Anschlusszüge geben, in Magdeburg  befinden sich überall verspätete Züge, da es auch in Sachsen-Anhalt überall Unwetter gab. Ich informiere Sie weiter.“
„...Als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten erhalten Sie jetzt in unserem Bistrowagen alle alkoholfreien Getränke kostenlos. Aber bitte drängeln Sie nicht. Kommen Sie nicht alle gleichzeitig.“
„.... Wenn Sie zum Bistrowagen gehen, fragen Sie Ihren Nachbarn, ob Sie ihm etwas mitbringen können. Im Zug sind etwa 500 Personen und wir haben nur ein begrenztes Kontingent an Getränken an Bord.“
„...Hier noch eine Bitte an unsere jüngeren Fahrgäste: Bringen Sie älteren Menschen und Müttern  mit Kindern etwas mit!“
Und dann endlich unsere Ankunft am Ziel – drei Stunden später als geplant: „Wir erreichen Magdeburg in 6 – 8 Minuten. Sie haben Anschluss an...... Die Angaben sind unter Vorbehalt. Achten Sie auf die örtlichen Lautsprecherdurchsagen oder fragen Sie das örtlich vorhandene Bahnpersonal. Bei großen Zweifeln informieren Sie sich bitte am Service-Point in der Bahnhofshalle.“
Und da soll noch einer sagen, eine Bahnfahrt sei nicht unterhaltsam!
Und die Rückfahrt? Nun die erste Durchsage ließ einiges erwarten: „Der IC von Leipzig nach Düsseldorf wird 20 – 25 Minuten später eintreffen. Der Grund ist eine betriebsbedingte verspätete Abfahrt in Leipzig...“
Natürlich brachte auch das den weiteren Plan durcheinander. Allerdings kamen wir diesmal – durch Verzicht auf ICE-Verbindungen – am Ende nur eine Stunde später an als geplant. 

Werner Bühler



Wenn das Leben nicht kompliziert wäre, wärs einfach.
20 Jahre Liebe und Harmonie, dann Trennung. Er hat ´ne Andere.
Katastrophenstimmung.
Sie fühlt den Boden unter ihren Füßen weggezogen. Er hat ein schlechtes Gewissen. Zeit schafft Bindung.
Egal aus welchen  Gründen: die Basis ist weg.
Liebe beginnt mit einem Lächeln, wächst mit einem Kuss und endet mit einer Träne.
„Klärende“ Gespräche münden in hitzigen gegenseitigen Vorwurfsserien.
Schlaflose Nächte und Zusatzstress im Beruf. Nerven werden  nicht geschont.
Gerechte Haushaltsaufteilung gelingt trotzdem.
Zeit schafft Abstand. Nach schweren Monaten bleibt festzustellen: Gegenseitiger Rat und Tat werden gesucht und angenommen.Liebe macht der Freundschaft Platz.  

Johannes Bildau



Wenn ich morgens laufen gehe
und mir die Natur ansehe
kommen Geistesblitze für neue Worte
für Gedichte, egal welcher Sorte. 

Wie Pilze aus dem Boden schießen
laufe ich schneller über die Wiesen

will nur noch nach Haus
hole Zettel und Stift heraus. 

Lasse mich tragen vom Fluss im Hirn
der sich festgesetzt in meiner Stirn
wie Pilze aus dem Boden steigen
fügen sich die Worte zu einem Reigen. 

So bunt wie die Natur sich zeigt
sich ein neues Werk zu Ende neigt
schon wieder gab das Draußen den Stoß
für Wege der Gedanken - einfach groß. 

Sabine Bär



Ein Schneemann im feuchten Grase steht,
sein zarter Schmelz in der Sonne vergeht.
Einst stand er groß und stattlich dort,
ein Kind nahm ihm die Mütze fort.
Langsam schmilzt er nun dahin,
Sonne nagt an ihm, auch Regen und Wind.
Er würde lieber länger bleiben,
anderen noch mehr Freude bereiten.
Doch er kriegt kein Brüderlein,
wenn die Sonne weiter scheint. 

Angelika Hüneborg



Herr Hans Möller und seine Frau Senta, beide hochbetagt in den Achtzigern, lebten in einer sehr gepflegten Residenz für Senioren. Ein Haus der gehobenen Klasse mit Atmosphäre und einer Rundumversorgung für Rentnerinnen und Rentner, die sich was leisten wollen. Sie bewohnten ein Appartment und wurden außerdem von Elisabeth, ihrer Schwiegertochter, durch regelmäßige Besuche betreut. Aufgrund unserer Bekanntschaft mit ihr hatten auch wir, meine Frau und ich, einen gewissen Anteil am Leben der alten Herrschaften. 
Neben körperlicher gab es in diesem Haus auch geistige Versorgung durch Veranstaltungen, Bücher, Vorträge, und so weiter. Selbst für die Befriedigung seelischer Bedürfnisse wurde hin und wieder gesorgt. 
So war an einem Sonntagnachmittag zum Tanztee eingeladen worden. Dabei trat zur Einstimmung der zahlreich erschienenen und festlich herausgeputzten Teilnehmer und vor allem Teilnehmerinnen, die deutlich in der Mehrheit waren, ein Tanzpaar aus einem örtlichen Tanzclub auf. Diese Tanzvorführung und die anschließende Gelegenheit, selbst noch einmal das Tanzbein zu schwingen,  brachte die Gesellschaft in Bewegung und gute Stimmung. 
Herr und Frau Möller hatten sich für dieses Ereignis fein gemacht und uns, die Schwiegertochter, meine Frau und mich, dazu eingeladen. Der Raum war festlich hergerichtet und wir konnten an einem gemütlich gedeckten Tisch Platz nehmen. Es gab Kaffee und Kuchen, eine kleine Kapelle spielte zum Tanz auf. Der Heimleiter eröffnete die Veranstaltung durch Ehrentanz mit der ältesten Teilnehmerin, einer munteren Dame gut um die Neunzig. Die Stimmung stieg, die Tanzfläche füllte sich. Manch ein zuvor etwas blasses Gesicht bekam wieder Farbe und glänzende Augen. Erinnerungen an kräftigere Zeiten wurden wach und hier und da ausgetauscht. 
Auch unsere Tischpartner waren lebhaft und gesprächig. Sie wollten aber noch nicht so recht auf die Tanzfläche. Mit Elisabeth verabredete ich, beide zum Tanz aufzufordern. Herr Möller mit seiner Schwiegertochter und ich mit seiner Frau. Beide schienen darauf gewartet zu haben.
Nach kurzer Zeit tauschten wir während des Tanzens die Partner. Ohne zu zögern tanzte Herr Möller mit seiner Frau und ich mit Elisabeth weiter. Die alten Herrschaften bekamen leuchtende Augen und ließen bewundernde Blicke ihrer Mitbewohner wohlgefällig auf sich ruhen. So, als wollten sie sagen: „Na, das habt ihr wohl nicht erwartet, dass wir das noch so gut hinkriegen“. Sie bewegten sich mit Eleganz und einem gewissen Stolz über die Tanzfläche. 
Wieder an unserem Tisch, schoss Herr Möller den Vogel ab mit folgender Bemerkung: „Wir wollen mal lieber nicht so wild sein, sonst werden wir morgen im Pflegesatz heruntergestuft“. 

Johannes Bildau



Heute Vormittag im Parkhaus. Markttag. Alle Ebenen besetzt. Beim zweiten Durchfahren zwei frei werdende Plätze entdeckt. Beim ersten macht sich bereits eine Großraumlimousine, ein VW Touran, zu schaffen. Aber dahinter ist ein weiterer Platz frei geworden. Auf den habe ich es abgesehen.
Der Fahrer des Touran tut sich offensichtlich schwer, das große Fahrzeug in die vorhandene Lücke einzuparken. Ich halte geduldig und froh über meinen zweiten Platz hinter dem bugsierenden, mühsam aus- und einrangierenden Vordermann Abstand. Es dauert ein bisschen und hinter mir stehen inzwischen ein oder zwei weitere Parkplatzsuchende.
Gegenüber dem einparkenden Fahrzeug steht ein hübsches, sympathisches Mädchen von etwa zehn, höchstens zwölf Jahren und beobachtet interessiert das Manöver des Fahrers. Das Rangieren zieht sich hin und meine Hintermänner werden unruhig. Bei heruntergekurbeltem Fenster und in guter Laune werfe ich ihr die lockere Bemerkung hin: „Na, ob der das wohl packt, was meinst Du ?"
Darauf die Kleine: „Doch, das ist mein Papa. Er sieht zwar aus wie`n Opa, aber er ist mein Papa. Er hat sechs Söhne von seiner ersten Frau. Die ist aber an Alkoholvergiftung gestorben."
Ich war platt. „So, und jetzt seid ihr sieben? Und ihr vertragt Euch alle ?" „Ja, gut". Nun war ich aber neugierig. Den Fahrer hatte ich zuvor überhaupt nicht gesehen oder beachtet. Plötzlich war er interessant geworden.
Ich parkte also eine oder zwei Lücken weiter und behielt den Touran im Auge. Den „Papa" wollte ich unbedingt sehen. Nachdem er mühsam eingeparkt und den Motor abgestellt hatte, krabbelte er bedächtig, ja behäbig, aus seinem Fahrzeug.
Und tatsächlich, zum Vorschein kam ein Weißkopfadler, ein Rentner mit silbergrauem Haar und ebensolchem Bart. Wirklich, eher ein Opa als ein Papa. Wenn er gewusst hätte, was sein Töchterchen mir als Wildfremdem, ihr aber offensichtlich sympathischen Typen im Vorbeifahren anvertraut hatte, wie hätte er wohl darauf reagiert ?

Johannes Bildau



Zartes Pflänzchen, wächst vor dich hin
egal, wo - überall macht es Sinn.
Ob auf der Wiese oder durch Stein
du riechst die Quelle des Wassers und willst sein.
Mach dich gerade, setze dich durch - und alle werden es sehen
du trotzest dem Stein und wirst deinen Weg der Sonne entgegen gehen. 

Sabine Bär



Der graue Stein November beißt ins matte Gras und hängt die Totenglocke in den Wald aus dem der schwarze Regen zieht von Haus zu Haus. Sein frostiger Finger schlägt ans rostige Tor und streut die Asche in das Jahr. Wolken schaufeln der Sonne Grab und Tage dämmern als Sarg dahin in dem brach liegt der Scheintod mit erstorbenem Gesicht. Das süße Brot des Wintervogels nur blüht schwarz und rot im Strauch am Wegesrand. Und dort im schwarzen Trauerkleid ein Rabe trägt den Tod ins Feld im Schnabel hart gefrorene Erde. Sein Schrei erklingt im kalten Wind bricht klirrend durch die Kälte. 

Walter M. Stütz



Lass uns tanzen,
spiel mit mir!
Komm,
du lieber Wind -
mal ganz zärtlich
und mal wild -
dann bin ich
wieder
Kind. 

Let's dance together,
play with me!
Come on
my dear old wind -
very tender
and then wild -
and I'll be
your child. 

Werner Bühler



Von unten sieht man staunend nach oben;
was hat manch Springer nur bewogen,
aus dieser Höhe hinunter zu springen,
um elegant die längste Weite zu erringen?

Angelika Hüneborg



Am Ostseestrand wurde sie errichtet,
Wasser und Sand hat man so verdichtet.
Nun steht sie da und trotzt den Gezeiten,
die sich kaum merklich dort so zeigen.
Keine Gischt hat sie hinweggespült,
auch wenn ein Wassergraben sie umgibt.
Wie lange wird sie dort noch stehen?

Wird sie in einem Sturm gar untergehen?

 Angelika Hüneborg


Wundersame Wandlung

Schnee und Eis,
verkrustete Erde,
Matsch und Morast,
außen wie innen.  

Habe den Boden unter den Füßen verloren, fühle mich haltlos.
Spüre Veränderung drohen,
verharre bewegungslos, stelle mich tot.

 

Angst packt mich, unbekannte Ufer,
Wo geht es hin, was ist der Preis?
Spüre den Sog, Verkrustetes schmilzt,
löst sich auf und kommt ins Fließen.  

Erleichterung macht sich breit,
ich lasse los, lasse Altes gehen,
sehe einer neuen Jahreszeit entgegen,
neuen Ufern und Möglichkeiten.  

Die Angst ist fort, floh vor dem Fluss, wo Veränderung ist, kann sie nicht länger sein.
Vertrauen nahm still ihren Platz ein,
und ich erwache neu und rein. 

Salina Petra Thomas



Für lange Zeiut kaum wahrnehmbar, vollzog sich der Klimawandel nun mit wachsender Dramatik. Ganze Seen verschwanden binnen Tagen von der Landkarte. Am fünften Tag unserer Reise, kurz vor Einbruch der Dämmerung, erreichten wir den Klima-See, benannt nach dem tschechischen Schriftsteller Ivan Klima, in dessen Sommerhaus am Nordufer damals die Charta 77 verfasst wurde.
Unseren Augen bot sich ein unwirkliches Bild. In dem stumpfen messinggelben Licht der rasch sinkenden Sonne schillerten tausende und abertausende silbrig gelbe Fischleiber. Der ganze Boden war mit ihnen bedeckt und wohin wir auch traten, sanken unsere Füße mit schmatzenden Lauten in die Masse der zuckenden und sich windenden Tiere. Die selbst um diese Stunde noch vor Hitze flirrende Luft war erfüllt von einem grauenvollen Geräusch, eine Art Zirpen oder Rascheln, erzeugt von den unzähligen nach Luft schnappenden Mäulern, den in letzten Krämpfen hin und her peitschenden Flossen. Schon nach wenigen Schritten war unser Schuhwerk vom Sekret und dem Blut der zertretenen Fische völlig unbrauchbar geworden, doch getrieben von einer seelen- und sinnlosen Neugierde, stapften, ja bald hasteten wir voran, der rasch fliehenden Wasserlinie nach.
Während hinter uns der Abend zwischen die erloschenen Leiber sickerte und langsam mit seiner Schwärze bedeckte wie eine neue finstere Flut, eilten die Köpfe unserer langen Schatten uns voraus bis zu jenem Punkt, dessen Anblick ich niemals vergessen werde. Um uns war das Irisieren der Luft ins Unerträgliche angeschwollen, denn obwohl schon so viele Fische den Boden bedenkten, waren naturgemäß die meisten Fische dem schwindenden Wasser gefolgt und wurden jetzt am tiefsten Punkt des ehemaligen Sees unerbittlich zusammengedrängt. Man konnte schon gar nicht mehr von einer Wasserfläche sprechen, denn es befanden sich sicherlich mehr Fische als Wasser in dieser kleinen Senke, die vom Zucken und Zischen der Leiber wie mit brodelndem Silber angefüllt schien. Unaufhaltsam sog die Hitze jeden Tropfen Feuchtigkeit heraus, als plötzlich mit einem dumpfen Knall - oder war es eher das abrupte Verstummen jeglichen Geräusches - alles Leben, jede Bewegung vor unseren Augen erstarrte, als die Masse der nun auch im Inneren ausgetrockneten Fische mit den letzten Wasertropfen emporstieg und zu einer grotesken Skulptur mit erratischen Auswüchsen zusammenbuk.
Ich weiß nicht, wie lange wir verharrten, ebenso reglos wie mir schien, und unsere Blicke auf etwas in uns selbst richteten, von dem das grauenvolle Gebilde vor unseren Augen nur eine Manifestation war, die gleich wieder verschwinden müsste, um unsere Seelen vor uns selbst zu beschützen.
Ich weiß, daß, als wir uns schließlich zum Gehen wandten, wie auf ein geheimes Einverständnis hin, längst nichts mehr zu sehen war. Stockschwarze Finsternis hatte sich auf das Land gelegt. Nur langsam durchdrang das schwache Licht der Sterne die schrecklichen Nachbilder auf unseren Netzhäuten und wir knipsten unsere Taschenlampen aus, in deren Licht wir über den ausgedörrten Boden zurückschritten zu unserem Fahrzeug. Wir schritten auf einer gesteinsartigen Schicht aus Fisch, in der die einzelnen Tiere kaum noch erkennbar waren, so rasch hatte sich der Austrocknungsprozess vollzogen.
Das Phänomen der "explodierenden Seen" war in den Wüsten Australiens schon im 18. Jahrhundert beobachtet worden. Aus gelegentlichen sintflutartigen Regenfällen entstanden dort immer wieder temporäre kleine und größere Seen, die - ohne weitere Zuflüsse - im Laufe der folgenden Jahre verdunsteten oder von den Schafsfarmen "aufgebraucht" wurden. Wenn dann die Wasseroberfläche im Verhältnis zur Wassertiefe eine bestimmte Verdunstungsrate überschritt, begann sich die Verdunstung zu kumulieren, die Sonne sog dann förmlich wie mit einem riesigen Strohhalm das Wasser auf. Nicht selten kam es dabei im letzten Moment, wenn alles verbliebene Wasser schlagartig emporgehoben wurde, zu einer gewaltigen Wasserhose mit anschließender Verpuffung, Fische, Krebse, Amphibien, Wurzeln, ja sogar Steine wurden dabei ... Vor uns erhob sich die Silhouette unseres Fahrzeugs, die Positionslampen glommen schwach. Als wir darauf zu stolperten, erschöpft an Geist und Gliedern, flammten die Scheinwerfer auf, und die Tür öffnete sich und Willmann stieg heraus. Er setzte seine Schirmmütze auf, musterte uns kurz und sagte: "Es gibt schlechte Nachrichten."

Markus Kaminski



im scheitern seiner
verwandlung
lag die kunst
seines lebens
die natur
seines charakters.

Willi van Hengel



„Schilder sind nicht nur Gebots- und Verbotszeichen, sie zeigen auch, was uns wichtig ist oder eben nicht.“
„Deshalb wollen Sie Rundgänge zu den Schildern unserer Stadt anbieten?“
„Genau, ich möchte, dass die Menschen ein stärkeres Bewusstsein für Schilder entwickeln.“
„Glauben Sie, dass Sie viele Teilnehmer haben werden?“
„Davon bin ich überzeugt. Später werde ich die Rundgänge auch in anderen Städten anbieten.“
„Ich glaube nicht, dass Ihre Geschäftsidee besonderes tragfähig ist. Wir können Sie deshalb nicht fördern.“
„Das habe ich gewusst.“
„Sie wussten das schon?“
„Selbstverständlich. Sie haben dieses Schild an der Tür: Freie Fahrt für Ihre Idee!“
„Und?“
„Na ja, das heißt doch, ich soll möglichst schnell an Ihnen vorbei fahren. Sonst hätten Sie ein großes Stopp-Schild aufgestellt.“ 

Sven Severin