Die Menschen werden immer mobiler, aber sie erzählen sich auch weiterhin gerne Geschichten. Daraus kann eine neue Literaturgattung entstehen: Literatur unterwegs.
Keine Reiseberichte, sondern direkt "auf der Straße" entstandene Literatur, kurz in das Handy getippt, vielleicht mit einem Foto illustriert und als MMS oder Mail abgeschickt. Oder auch als Botschaft gesprochen. Von einem oder mehreren Autoren verfasst, im Internet noch von anderen erweitert. Oder auch direkt hier veröffentlicht und von Lesern kommentiert. Literatur, die von der Spontanität und vom Austausch lebt, davon, dass sie vergänglich und veränderbar ist. Eine solche Art von Literatur ist immer ein Experiment und ein interessanter Beitrag zur Entwicklung moderner Literatur.
Ruhende Engelsschwingen hüten Deine Träume und Du lächelst.
Noch ballen sich die Händchen an den rosigen Pausbäckchen schlägt das Herz im Takt Deiner arglosen kleinen Welt.
Schlafe und träume die Nacht deckt Dich leise mit Mondenschein zu.
Betti Fichtl
Die Vögel singen wieder der Frühling ist so nah Bringen uns ihre Lieder erzählen, was geschah
Der Winter brachte Kälte ganz plötzlich über Nacht So mancher kleine Vogel ist morgens nicht erwacht
Jetzt wird die Sonne wärmen die ganzen Vogelscharen Sie werden Nester bauen ihr kleines Glück bewahren
Karin Schümann
hübsch zurechtgemacht doch keiner dieser Zwei lacht
wem gehört welcher Kaffee? den beiden Füßen tun lediglich die Füße weh!
für Streit keine Zeit
denn der Bus wartet bereits vorm Café und wenn sie trödeln sagt dieser nur: „ade!“
Eveli Mani
Im Stadtpark stand ein Zuckerhut Der ahnte nicht den profitsüchtigen Übermut Der Mächtigen und Reichen Und musste nun weichen Samt Buchen, Trauerweide und Eichen Gegen Luxushochbauten und Segelyachten Verloren Naturliebhaber sämtliche Schlachten Nun stehe ich weinend vor der Brache Inmitten einer trüben Lache aus Wasser und Tränen Drosseln und Meisen irren suchend umher Hier singt ab jetzt kein Vogel mehr.
Birgit Kirsch
Schneetorso säumen die befreiten Strassen die dunklen Streifen der Gehwege.
Blaukrisallige Himmel verteilen kalte Sonnen zu den Chorälen der Vögel.
Sie visionieren den Frühling schon wach.
Betti Fichtl
weil ihm der boden unter beinen wegschmilzt wird er jetzt getragen eigentlich wär das zum weinen doch an diesen feiertagen sollte uns nichts schlimmes plagen deshalb find ichs erst mal gut eisbär knut nun als hut
wenn eisbär(g)schwinden jetzt als krankheit eingang im psychrembel fände drohte manchem menschen schlankheit weil er durch der eignen hände arbeit tragende legende würde denn so’n weißer bär wär legendär und ganz schön schwer
Franziska Röchter
13. dezember 17.35 uhr
... diese menschen wo ich wohne ham nicht mal ne kunsteiszone vor dem glashauswintergarten dafür ganz schön viele arten grellbelampter plastikschläuche [mensch die ham hier seltne bräuche]
rundgebogne drahtgestelle manche überspannen felle echter hauskaninchen / rehe doch sie ham kein schneegewehe kennen keine weißen flocken weihnacht hier ist ganz schön trocken umso mehr hängn sie am strom das ist wenig ökonom & im garten dies objekt sogar nachbars hund erschreckt lichterloher plastikpelz voll mit glamour mir gefällts überhaupt nicht denn hoho bin gebor’ner eskimo
Franziska Röchter
nur undeutlich sehe ich ostwärts das andere ufer verschwindend im nebel einsam schwimmen nur manchmal noch enten boote zog man ans land erst im frühjahr werden sie reaktiviert
Werner Bühler
Mitten im Stadtpark steht ein Zuckerhut Dem gefällt es dort recht gut. Doch hofft er vergebens auf Advent Und Weihnachtsschmuck, der an ihm hängt, Wie man es von Tannen kennt. Er seufzt: Der Gärtner spielt halt nur Barbier, Schneidet, rupft und zupft an mir. So bleibe ich ein nackter Buchs Ein Baum mit einem spitzen Wuchs..
Birgit Kirsch
lädt mich nicht wirklich ein zum sitzen ist sie mir zu klein denn meistens bin ich nicht allein und wo soll da der komfort sein wenn meine füß auf deinem Bein bein beim stelldich ein nach polstern schrein
sie lässt als meuble mich recht kalt ihr holz ist alt der halbe wald hängt auf den brettern schwer gewichtig es ist richtig sie ist nicht gebührenpflichtig doch das wär nicht wichtig
sie animiert mich als geschichtsbuch offeriert sich auch beim ehbruch suggeriert sie wär ein tischtuch und bei jeglichem versuch uns den abend zu verschönen wollen wir ja wollen wir die flammen dieses lager feuers mit dem holz verwöhnen
Franziska Röchter
Der Boden ist die Basis für die Entstehung des Fasses, gibt ihm Form und Halt. Das Fass wird dem Winzer zur Aufbewahrung seligmachender Tropfen übergeben. Dem genussvollen Verzehr durch Genießer vorbehalten, soll es samt Inhalt seiner exklusiven Bestimmung zugeführt werden. Die Weinschwemme zwingt den Winzer seine edlen Tröpfchen an Aldi zum Spottpreis zu verhökern. Damit der Weinsee nicht überfließt und der kleine Mann Freude haben kann. Der Erzeuger dreht durch. Schlägt dem Fass den Boden, statt mit Samt und Seide, mit dem Vorschlaghammer aus. Wein und Tränen des Winzers versickern im Erdreich. Sie gehen zu früh den Weg alles Irdischen. Verzweifelt in sich zurückgezogen, saß auf dieser altehrwürdigen Bank bis vor wenigen Augenblicken der aufgelöste, über seine "Untat" untröstliche Winzer. Träumend von guten alten Zeiten.
Johannes Bildau
Einst war es mal ein breiter Weg, der bis nach Damp hinübergeht. Auch am Ostseestrand gibt es steile Klippen, die den einen oder anderen entzücken. Doch wo einst der Weg war breit genug, sorgte Mutter Natur für guten Abbruch. Ins Meer gespült wurde Sand und Gestein, von Mutter Natur, doch musste das sein? Auf Sylt versucht man die Schäden zu verringern, konnte man hier den Abbruch nicht auch verhindern?
Angelika Hüneborg
Im grünen Gras im Entengang, waschelt Mutter Ente lang. Die kleinen watscheln hinterher, alleine fürchten sie sich sehr. „Kommt meine kleinen, bleibt schön zusammen, sonst wird der Fuchs euch gleich noch fangen!“ Laut schnatternt geht’s hinab zum See, durch hohes Gras und grünen Klee. Sie springen mutig ins kalte Nass und es macht selbst dem kleinsten Spaß. Kopf unter, das Schwänzen in die Höh, so schwimmen sie nun übern See.
Roswitha Lunetta-Kapp
Engel - rundbackig und kindhaft auf dem Sockel zwischen Fresken und Stuck.
Du winkst wie aus paradiesischen Höhen und lächelst als kämst du daraus geflogen.
Die ewige Freiheit hat Dein Schöpfer in Dich gelegt als er Dich schuf.
Betti Fichtl
Unterwegs auf dem Meer
Die Sonne scheint, eine Möwe schreit, die Gischt schäumt und unsereins träumt.
Raue See und weites Meer, gedankenversunken segeln wir daher.
Angelika Hüneborg
Der Weg lädt mich ein zur Reise in mein Selbst.
Wo ich bin ist es hell
Zaun und Böschung täuschen Sicherheit vor
Doch was erwartet mich dort hinten im Dunkel?
Wem werde ich begegnen?
Schenkst du mir Mut und Selbstvertrauen?
Maria Fröse
Unterwegs Ein-Wort-Poesie Staunendes Fernweh
Aufgerissener Horizont Farbenflirrende Weiten Wegstrecken aus dem Traumtagebuch
Euphorische Landschaften Fliegende Pferde Konturen eines weißen Mustangs
Grandiose Momente Pegasus folgt den Routen der Highways
Hermann Kuhl
Ja ihr Leute schaut nur her, in unserem Garten weihnachtet es sehr. Der Lollo Biondo hoch und schlank, mit schönen Kugeln rot und blank. Hatte man ihn ganz vergessen? War er zu schade, vielleicht zum essen? Ende Juli bei 30 Grad, hat er tapfer ausgeharrt. So steht er stolz im neuen Kleid und wartet auf die Weihnachtszeit.
Roswitha Lunetta-Kapp
Wo ich war ist es jetzt Abend Wohin ich unterwegs bin ist es jetzt Morgen Wo ich bin sollte es Nacht sein – und doch wird es nicht dunkel.
Die Sonne streift grade den Horizont Ich höre den Lärm der Turbinen und versuche zu schlafen.
Werner Bühler
Ein chinesischer Reisbauer erklärte mir die Philosophie, die hinter dem Reisanbau steckt: Betrachte die Arbeitsweise der Reisfeldarbeiterinnen: Sie beginnen im obersten, vordersten Feld in der ersten Reihe, dann kommt die zweite Reihe dran, die dritte, vierte ... Sind sie mit dem Feld fertig, wird die darunter liegende Terrasse pikiert. Sie arbeiten von oben nach unten, von vorne nach hinten und gehen dabei immer einen Schritt rückwärts. Das Feld hat man jeder Zeit im Überblick. So kommen sie schließlich ans gewünschte Ziel! Glück und Erfolg kann man mit hastigem und unüberlegten Vorwärtsrennen nicht erzwingen, Man muss auch mal einen Schritt rückwärts gehen!
Hermann Bauer
Im Felsen des Lebens der Keimling für morgen des Steines Dichte birgt alle Welt
Nicht vergebens darinnen verborgen seine Geschichte unerzählt
Vor Millionen von Jahren in der Urzeit der Erde kosmische Gase Nebel und Staub
Einschläge waren Unruheherde Wasseroase noch zellentaub
Flüssige Gluten erkalten zur Hülle erstarren zur Festung formen Fossil
Steigende Fluten Fauna in Fülle Wälder und Lichtung Gestaltenspiel
Stein aus der Vorzeit birgst Ammoniten Zellen und Samen aus dem Karbon
Aus deiner Schönheit Ursprung und Mythen Spuren entkamen erblühen schon
Franziska Röchter
Unterm Dach der hölzern Raufe ruh ich aus vom Tageslaufe. Kann von hier aus alles sehen: Tiere die mir nahe stehen oder die schnell weiter flüchten, ohne sich hier einzurichten.
Ob es nieselt oder gießt, dass man Trockenheit genießt, ob die Sonne brütend heiß, dass ich wirklich nicht mehr weiß, ob ich Mann, ob Weibchen bin, so ein Sonnendach macht Sinn.
Menschen, die hier bei mir wohnen, anzustupsen, kann sich lohnen, wenn ich Menschen, die ich sehe, schnell fixier' aus Augenhöhe. Dies erhöht die Chance enorm, Futter durch die Umgangsform auch mal zwischendurch zu haschen, weiß der Mensch doch, was wir naschen.
Bin ich bestens aufgelegt, weil der Mensch mich gut gepflegt, mag ich gerne ihn noch necken, und mit kleinem Stoß erschrecken oder meine Denkerstirn reiben an sein'm besten Zwirn.
Kurz, ein Leben unterm Dach bringt den Nutzen hundertfach. Also geb ich ihn nicht auf: meinen Platz, wo ich verschnauf.
Mary West
Zufrieden liegt die alte Ziege in des Strohbehälters Wiege. Ist in jeder Hinsicht satt, weil sie nicht „null Böcke“ hat.
Und sie denkt von ihren Haltern, dass dieselben schneller altern, weil der Mensch so schnell vergisst, was der Ziege Weisheit ist.
Es gibt so viele böse Zicken mit fürchterlichen Launen. In deren Ohr möcht’ sie gern raunen: lasst euch doch mal verschicken!
Es gibt so viele dumme Schafe, die sind so übel drauf. Sie haben wenig Blutkreislauf und komm’n nicht mal im Schlafe.
Ich sag den vielen Hühnern hier: man lebt nicht nur vom Picken. Vergesst mal eure Körnergier und lasst euch mal verschicken!
So ist die Ziege am Sinnier’n, ob Menschen richtig ticken. Zum Glück hat sie auch die Manier’n, denn sie hat keine Zicken.
Franziska Röchter
Hab den Schirm heut' früh vergessen, musste im Regen meine Brezel essen. Wurde dabei ziemlich nass, Brezel essen im Regen macht kein Spaß!
Angelika Hüneborg
Polonaise des Schnees auf Schneeglöckchen und gesprossenes Grun.
Endet und verweht zu weissem Wolkenschaum - auf einem blassen Sonnenstrahl zupft der Wind ein Vibrato zu klassichen Weisen der angekommenen vögel.
Im Wechelschritt des jungen Frühlings.
Betti Fichtl
In seinem Lauf spiegelt sich die Ruhe des Winters
die Ruhe vor dem Frühjahrssturm
wenn Bäume und Hoffnungen plötzlich keimen
und aufbrechen in die Zukunft des Sommers
Maria Fröse
Heller Silberstreif weckt jetzt schon uns’re Sehnsucht nach Frühlingswärme
und nach Farbenpracht, Blüten auf grüner Wiese doch noch ist’s Winter –
Wartet in Geduld die Zeit lässt sich nicht drängen Frühling wird kommen.
Werner Bühler
Umgeben von Bergen, Tannen und Schnee, fällt mein Blick auf diesen See. Spiegelglatt sieht es von oben aus, schau' ich auf das Wasser drauf. Ein paar Schneereste hier und da, zum Baden zu kalt, das ist wohl wahr. Doch manche mögen es nicht heiß, gehen im Winter baden, wie jeder weiß. Vielleicht kommt ein Mutiger irgendwann und badet im eisigen Gebirgssee dann.
Angelika Hüneborg
Träume aus Pappmachee mosaikbunt auf einem mondhellen Terrain.
Sie sind nicht wirklich und doch Erfüllung.
Sind wie Konfetti in den grauen Alltagsgewölben.
Betti Fichtl
Ich saß im Zug von Berlin nach Hause und kochte innerlich vor Wut. Eigentlich hatte ich meiner Freundin einen Besuch abstatten wollen, aber das war ja dann wohl nichts gewesen. Diesmal würde ich mich nicht, wie sonst immer, bei ihr entschuldigen! Diesmal traf mich keine Schuld für einen Streit. Da nimmt man extra den langen Weg von zwei Stunden Zugfahrt (die auch nicht gerade billig waren!) auf sich, um eine alte Freundin zu besuchen und wird buchstäblich aus der Tür geworfen. Was sollte das? Wie sie mich schon angesehen hatte, als ich auf der Türschwelle stand. Halb erfroren von dem Wetter, aber so glücklich sie wieder zu sehen. Doch meine "Freundin" hatte mich nur entgeistert angestarrt, als ich ihr laut ins Gesicht schrie: "ICH BINS ANNE!! WIE ICH DICH VERMISST HAB MEINE KLEINE!" Einen Moment hatte Stille zwischen uns geherrscht. Eine eiskalte Stille. Dann waren die Worte gekommen, die mich mehr als alles Andere verletzten: "Du, Anne...das passt grad gar nicht!" Nicht im Stande ein Wort zu sagen hatte ich sie angestarrt. Um mich nicht wütend zu machen hatte sie noch ein paar Worte nachgeschoben: "Weißt du...ich wollte gerade weg...zu meinem Freund! Wir haben uns schon eine Weile nicht gesehen und haben uns ausgemacht, einen schönen Abend miteinander zu verbringen!" Langsam war die Wut in mir hochgekocht. Ich hätte schreien wollen. Schreien, dass wir uns doch viel länger nicht gesehen hatten. Schreien, dass ich einen langen, teuren Weg gemacht hatte. Aber irgendwie war mir kein einziges Wort über die Lippen gekommen. Ich hatte gemerkt, dass meine Freundin langsam nervös wurde. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. "Wenn du willst, kann ich dir schnell einen Tee machen, fünf Minuten hab ich noch! Sei nicht böse Anne!" Nun hatte sich meine Zunge endlich gelöst. "ICH SOLL NICHT BÖSE SEIN??" hatte ich sie angefaucht. Vergessen war mit einem Schlag die Wiedersehensfreude. "Weißt du eigentlich wie lange es gedauert hat, meine Eltern zu überreden, dass ich dich besuchen kann??? Nach über einem Jahr???" "Jetzt sei nicht unfair Anne!" hatte meine Freundin etwas trotzig gemeint. "Du hättest dich ja auch vorher anmelden können!" "SCHÖN!! DANN GEH ICH HALT WIEDER!" Ich hatte mich auf dem Treppenabsatz umgedreht und war die kleine Treppe wieder runtergestürmt. "Anne, Anne, warte doch! Ich kann meinen Freund anrufen, vielleicht kann er noch eine Stunde warten! Anne, bitte!" hörte ich die reuevolle Stimme meiner Freundin hinter mir, doch ich lief weiter, bis zum Bahnhof. Nun saß ich hier in dem menschenleeren Zug und meine Wut wechselte in Nachdenken um. Wie hätte ich wohl gehandelt an ihrer Stelle?! Wenn ich mir mit meinem Freund etwas ausgemacht hätte und sie plötzlich vor meiner Tür gestanden hätte?! Mit leichter Scham musste ich erkennen, dass ich wohl auch nicht viel anders gehandelt hätte. Ich sah aus dem Zugfenster. Es war bereits dunkel, sicher war ich bald Zuhause. Von dort aus würde ich meine Freundin anrufen und mich entschuldigen.
Anne Lück
Ich sitze in der Straßenbahn und lese gespannt in meinem Roman. Menschen kommen, Menschen gehen, ein Herr kommt neben mir zu stehen. Steckt sich auch noch die Stöpsel ins Ohr, aus denen dringt laute Musik hervor. Kann nun nicht mehr weiterlesen, hinter mir fängt ein Paar laut an zu reden. Ich starre hinaus in die Dunkelheit und verfluche die Ruhestörer auf alle Zeit.
Angelika Hüneborg
Jeder dieses Gedichtlein kennt
Goldene Kugeln schimmern überall Weihnachtslieder erklingen stets von neuem nach dem ersten Hall
Zimt und Orangenduft umhüllt die gute Stube Die schon feierlich geschmückt Bratenduft kommt aus des Backofens Grube Die Kleinsten sind von dieser Stimmung verzückt
Jeder öffnet seine letzte Tür im Adventskalender Und weiß, welche Bedeutung dieser Tag nun hat Man hüllt sich in weihnachtliche Gewänder Entscheidet sich für den Kirchenbesuch, früh und spat’
Andere sitzen einfach gemütlich in der Runde Feiern diese friedvolle Stunde Ob andachtsvoll oder fröhlich laut Jeder auf sein Bedürfnis schaut
Über allem steht der Stern des Friedens, auf den wir schauen Und für jeden an diesem Tage nur auf gute Zeiten bauen.
Kerzenschein und Nadelduft Uns auch in diesem Jahr zur Besinnung ruft Wie immer denken wir daran Was für uns Christen damals begann.
Wir wünschen euch ein friedvolles Fest und ein gesundes neues Jahr Auf dass all eure Wünsch werden wahr!
Sabine Bär
Ja, mit 10 Minuten fing es an und davon erfuhren wir durch eine Lautsprecherdurchsage auf dem Bahnhof. Dass sich daraus mehr ergeben könnte, haben wir zwar geahnt, aber doch nicht ernsthaft glauben wollen. Doch der Reihe nach:Unser Zug sollte 9.34 Uhr abfahren, aber 9.38 Uhr dann die erste von vielen Durchsagen, die wir an diesem Tag auf verschiedenen Bahnhöfen und in verschiedenen Zügen hören sollten:„... Der IC von Luxemburg nach Norddeich-Mole, planmäßige Abfahrt 9.34 Uhr wird wegen Gleisbauarbeiten circa 10 Minuten später hier eintreffen.“ Dann 9.44 Uhr: „Auf Gleis 3 fährt jetzt ein.....“ Und 9.45 Uhr: „Bitte einsteigen, Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges...“ Und dann ging’s so weiter: Kurz vor Köln: „... In Köln ist der Anschluss an den ICE nach Hannover nicht erreichbar. Reisende nach Berlin können bis Duisburg in diesem Zug sitzen bleiben. Sie erreichen dort einen ICE nach Berlin über Hannover...“ Kurz vor Düsseldorf jedoch: „... Reisende nach Berlin steigen bitte hier um. Sie erreichen den ICE nach Berlin über Hannover...“ Kurz vor Hannover:„...Leider können wir Ihnen keine Auskunft über Anschlussmöglichkeiten in Hannover geben. Der Grund ist ein Systemabsturz im Hauptbahnhof Hannover. Achten Sie bitte auf die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig ...“ Und dann wurde es im Zug von Hannover nach Magdeburg richtig unterhaltsam: Noch vor Abfahrt des Zuges: „...Reisende, die keine Reservierung haben, weisen wir darauf hin, dass wir in den hinteren Wagen mit den Nummern 5, 6 und 7 noch jede Menge freie Plätze haben. Sie können bequem außen am Zug entlang gehen. Wir fahren erst in 10 Minuten ab...“ Einige Minuten später: „...Reisende, die keine Reservierung haben, weisen wir darauf hin, dass wir in den hinteren Wagen mit den Nummern 5, 6 und 7 noch jede Menge freie Plätze haben. Sie können bequem außen am Zug entlang gehen. Wir fahren noch lange nicht ab...“ Dann: „...Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir noch 5 Minuten auf verspätete Anschlusszüge warten...“ Einige Zeit nach Abfahrt des Zuges: „... Wir haben im Moment eine Verspätung von 10 Minuten. Ich werde Sie rechtzeitig informieren, ob sie in Braunschweig die vorgesehenen Anschlüsse erreichen. Die Aussichten sind gut.....“ „...Wir sind nun 10 km vor Braunschweig und werden den Bahnhof Braunschweig in etwa 5 Minuten erreichen, - wenn nichts dazwischen kommt. Achten Sie bitte auf die Durchsagen am Bahnsteig, da im Bahnhof Braunschweig noch zahlreiche verspätete Züge herumstehen, kann ich Ihnen keine genauen Angaben machen...“ Dann hinter Braunschweig: „... Unser Zug wird heute wegen eines Oberleitungsschadens auf der Strecke Braunschweig Magdeburg über Stendhal umgeleitet. Wir erreichen Magdeburg dann mit einer Verspätung von 20 – 25 Minuten...“ Und dann ging’s Schlag auf Schlag, eine Durchsage folgte der anderen: „...Wir halten im Moment signalbedingt.“ „Der Lokomotivführer bekommt im Augenblick einige Anweisungen vom Stellwerk.“ „Meine Damen und Herren: Es geht weiter.“ „...Es kommt wieder einmal alles ganz anders. Nach Rücksprache mit dem Lokomotivführer erreichen wir jetzt Magdeburg gegen 18.50 Uhr, also mit einer Verspätung von 50 Minuten. Wir möchten uns für das Unwetter – In Anführungsstrichen – entschuldigen und bedanken uns für Ihr Verständnis und Ihre Geduld.“ „... Ich kann Ihnen keine Informationen über Anschlusszüge geben, in Magdeburg befinden sich überall verspätete Züge, da es auch in Sachsen-Anhalt überall Unwetter gab. Ich informiere Sie weiter.“ „...Als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten erhalten Sie jetzt in unserem Bistrowagen alle alkoholfreien Getränke kostenlos. Aber bitte drängeln Sie nicht. Kommen Sie nicht alle gleichzeitig.“ „.... Wenn Sie zum Bistrowagen gehen, fragen Sie Ihren Nachbarn, ob Sie ihm etwas mitbringen können. Im Zug sind etwa 500 Personen und wir haben nur ein begrenztes Kontingent an Getränken an Bord.“ „...Hier noch eine Bitte an unsere jüngeren Fahrgäste: Bringen Sie älteren Menschen und Müttern mit Kindern etwas mit!“ Und dann endlich unsere Ankunft am Ziel – drei Stunden später als geplant: „Wir erreichen Magdeburg in 6 – 8 Minuten. Sie haben Anschluss an...... Die Angaben sind unter Vorbehalt. Achten Sie auf die örtlichen Lautsprecherdurchsagen oder fragen Sie das örtlich vorhandene Bahnpersonal. Bei großen Zweifeln informieren Sie sich bitte am Service-Point in der Bahnhofshalle.“ Und da soll noch einer sagen, eine Bahnfahrt sei nicht unterhaltsam! Und die Rückfahrt? Nun die erste Durchsage ließ einiges erwarten: „Der IC von Leipzig nach Düsseldorf wird 20 – 25 Minuten später eintreffen. Der Grund ist eine betriebsbedingte verspätete Abfahrt in Leipzig...“ Natürlich brachte auch das den weiteren Plan durcheinander. Allerdings kamen wir diesmal – durch Verzicht auf ICE-Verbindungen – am Ende nur eine Stunde später an als geplant.
Werner Bühler
Wenn das Leben nicht kompliziert wäre, wärs einfach. 20 Jahre Liebe und Harmonie, dann Trennung. Er hat ´ne Andere. Katastrophenstimmung. Sie fühlt den Boden unter ihren Füßen weggezogen. Er hat ein schlechtes Gewissen. Zeit schafft Bindung. Egal aus welchen Gründen: die Basis ist weg. Liebe beginnt mit einem Lächeln, wächst mit einem Kuss und endet mit einer Träne. „Klärende“ Gespräche münden in hitzigen gegenseitigen Vorwurfsserien. Schlaflose Nächte und Zusatzstress im Beruf. Nerven werden nicht geschont. Gerechte Haushaltsaufteilung gelingt trotzdem. Zeit schafft Abstand. Nach schweren Monaten bleibt festzustellen: Gegenseitiger Rat und Tat werden gesucht und angenommen.Liebe macht der Freundschaft Platz.
Johannes Bildau
Wenn ich morgens laufen gehe und mir die Natur ansehe kommen Geistesblitze für neue Worte für Gedichte, egal welcher Sorte.
Wie Pilze aus dem Boden schießen laufe ich schneller über die Wiesen
will nur noch nach Haus hole Zettel und Stift heraus.
Lasse mich tragen vom Fluss im Hirn der sich festgesetzt in meiner Stirn wie Pilze aus dem Boden steigen fügen sich die Worte zu einem Reigen.
So bunt wie die Natur sich zeigt sich ein neues Werk zu Ende neigt schon wieder gab das Draußen den Stoß für Wege der Gedanken - einfach groß.
Sabine Bär
Ein Schneemann im feuchten Grase steht, sein zarter Schmelz in der Sonne vergeht. Einst stand er groß und stattlich dort, ein Kind nahm ihm die Mütze fort. Langsam schmilzt er nun dahin, Sonne nagt an ihm, auch Regen und Wind. Er würde lieber länger bleiben, anderen noch mehr Freude bereiten. Doch er kriegt kein Brüderlein, wenn die Sonne weiter scheint.
Angelika Hüneborg
Herr Hans Möller und seine Frau Senta, beide hochbetagt in den Achtzigern, lebten in einer sehr gepflegten Residenz für Senioren. Ein Haus der gehobenen Klasse mit Atmosphäre und einer Rundumversorgung für Rentnerinnen und Rentner, die sich was leisten wollen. Sie bewohnten ein Appartment und wurden außerdem von Elisabeth, ihrer Schwiegertochter, durch regelmäßige Besuche betreut. Aufgrund unserer Bekanntschaft mit ihr hatten auch wir, meine Frau und ich, einen gewissen Anteil am Leben der alten Herrschaften. Neben körperlicher gab es in diesem Haus auch geistige Versorgung durch Veranstaltungen, Bücher, Vorträge, und so weiter. Selbst für die Befriedigung seelischer Bedürfnisse wurde hin und wieder gesorgt. So war an einem Sonntagnachmittag zum Tanztee eingeladen worden. Dabei trat zur Einstimmung der zahlreich erschienenen und festlich herausgeputzten Teilnehmer und vor allem Teilnehmerinnen, die deutlich in der Mehrheit waren, ein Tanzpaar aus einem örtlichen Tanzclub auf. Diese Tanzvorführung und die anschließende Gelegenheit, selbst noch einmal das Tanzbein zu schwingen, brachte die Gesellschaft in Bewegung und gute Stimmung. Herr und Frau Möller hatten sich für dieses Ereignis fein gemacht und uns, die Schwiegertochter, meine Frau und mich, dazu eingeladen. Der Raum war festlich hergerichtet und wir konnten an einem gemütlich gedeckten Tisch Platz nehmen. Es gab Kaffee und Kuchen, eine kleine Kapelle spielte zum Tanz auf. Der Heimleiter eröffnete die Veranstaltung durch Ehrentanz mit der ältesten Teilnehmerin, einer munteren Dame gut um die Neunzig. Die Stimmung stieg, die Tanzfläche füllte sich. Manch ein zuvor etwas blasses Gesicht bekam wieder Farbe und glänzende Augen. Erinnerungen an kräftigere Zeiten wurden wach und hier und da ausgetauscht. Auch unsere Tischpartner waren lebhaft und gesprächig. Sie wollten aber noch nicht so recht auf die Tanzfläche. Mit Elisabeth verabredete ich, beide zum Tanz aufzufordern. Herr Möller mit seiner Schwiegertochter und ich mit seiner Frau. Beide schienen darauf gewartet zu haben. Nach kurzer Zeit tauschten wir während des Tanzens die Partner. Ohne zu zögern tanzte Herr Möller mit seiner Frau und ich mit Elisabeth weiter. Die alten Herrschaften bekamen leuchtende Augen und ließen bewundernde Blicke ihrer Mitbewohner wohlgefällig auf sich ruhen. So, als wollten sie sagen: „Na, das habt ihr wohl nicht erwartet, dass wir das noch so gut hinkriegen“. Sie bewegten sich mit Eleganz und einem gewissen Stolz über die Tanzfläche. Wieder an unserem Tisch, schoss Herr Möller den Vogel ab mit folgender Bemerkung: „Wir wollen mal lieber nicht so wild sein, sonst werden wir morgen im Pflegesatz heruntergestuft“.
Johannes Bildau
Heute Vormittag im Parkhaus. Markttag. Alle Ebenen besetzt. Beim zweiten Durchfahren zwei frei werdende Plätze entdeckt. Beim ersten macht sich bereits eine Großraumlimousine, ein VW Touran, zu schaffen. Aber dahinter ist ein weiterer Platz frei geworden. Auf den habe ich es abgesehen. Der Fahrer des Touran tut sich offensichtlich schwer, das große Fahrzeug in die vorhandene Lücke einzuparken. Ich halte geduldig und froh über meinen zweiten Platz hinter dem bugsierenden, mühsam aus- und einrangierenden Vordermann Abstand. Es dauert ein bisschen und hinter mir stehen inzwischen ein oder zwei weitere Parkplatzsuchende. Gegenüber dem einparkenden Fahrzeug steht ein hübsches, sympathisches Mädchen von etwa zehn, höchstens zwölf Jahren und beobachtet interessiert das Manöver des Fahrers. Das Rangieren zieht sich hin und meine Hintermänner werden unruhig. Bei heruntergekurbeltem Fenster und in guter Laune werfe ich ihr die lockere Bemerkung hin: „Na, ob der das wohl packt, was meinst Du ?" Darauf die Kleine: „Doch, das ist mein Papa. Er sieht zwar aus wie`n Opa, aber er ist mein Papa. Er hat sechs Söhne von seiner ersten Frau. Die ist aber an Alkoholvergiftung gestorben." Ich war platt. „So, und jetzt seid ihr sieben? Und ihr vertragt Euch alle ?" „Ja, gut". Nun war ich aber neugierig. Den Fahrer hatte ich zuvor überhaupt nicht gesehen oder beachtet. Plötzlich war er interessant geworden. Ich parkte also eine oder zwei Lücken weiter und behielt den Touran im Auge. Den „Papa" wollte ich unbedingt sehen. Nachdem er mühsam eingeparkt und den Motor abgestellt hatte, krabbelte er bedächtig, ja behäbig, aus seinem Fahrzeug. Und tatsächlich, zum Vorschein kam ein Weißkopfadler, ein Rentner mit silbergrauem Haar und ebensolchem Bart. Wirklich, eher ein Opa als ein Papa. Wenn er gewusst hätte, was sein Töchterchen mir als Wildfremdem, ihr aber offensichtlich sympathischen Typen im Vorbeifahren anvertraut hatte, wie hätte er wohl darauf reagiert ?
Johannes Bildau
Zartes Pflänzchen, wächst vor dich hin egal, wo - überall macht es Sinn. Ob auf der Wiese oder durch Stein du riechst die Quelle des Wassers und willst sein. Mach dich gerade, setze dich durch - und alle werden es sehen du trotzest dem Stein und wirst deinen Weg der Sonne entgegen gehen.
Sabine Bär
Der graue Stein November beißt ins matte Gras und hängt die Totenglocke in den Wald aus dem der schwarze Regen zieht von Haus zu Haus. Sein frostiger Finger schlägt ans rostige Tor und streut die Asche in das Jahr. Wolken schaufeln der Sonne Grab und Tage dämmern als Sarg dahin in dem brach liegt der Scheintod mit erstorbenem Gesicht. Das süße Brot des Wintervogels nur blüht schwarz und rot im Strauch am Wegesrand. Und dort im schwarzen Trauerkleid ein Rabe trägt den Tod ins Feld im Schnabel hart gefrorene Erde. Sein Schrei erklingt im kalten Wind bricht klirrend durch die Kälte.
Walter M. Stütz
Lass uns tanzen, spiel mit mir! Komm, du lieber Wind - mal ganz zärtlich und mal wild - dann bin ich wieder Kind.
Let's dance together, play with me! Come on my dear old wind - very tender and then wild - and I'll be your child.
Werner Bühler
Von unten sieht man staunend nach oben; was hat manch Springer nur bewogen, aus dieser Höhe hinunter zu springen, um elegant die längste Weite zu erringen?
Angelika Hüneborg
Am Ostseestrand wurde sie errichtet, Wasser und Sand hat man so verdichtet. Nun steht sie da und trotzt den Gezeiten, die sich kaum merklich dort so zeigen. Keine Gischt hat sie hinweggespült, auch wenn ein Wassergraben sie umgibt. Wie lange wird sie dort noch stehen?
Wird sie in einem Sturm gar untergehen?
Angelika Hüneborg
Wundersame Wandlung
Schnee und Eis, verkrustete Erde, Matsch und Morast, außen wie innen.
Habe den Boden unter den Füßen verloren, fühle mich haltlos. Spüre Veränderung drohen, verharre bewegungslos, stelle mich tot.
Angst packt mich, unbekannte Ufer, Wo geht es hin, was ist der Preis? Spüre den Sog, Verkrustetes schmilzt, löst sich auf und kommt ins Fließen.
Erleichterung macht sich breit, ich lasse los, lasse Altes gehen, sehe einer neuen Jahreszeit entgegen, neuen Ufern und Möglichkeiten.
Die Angst ist fort, floh vor dem Fluss, wo Veränderung ist, kann sie nicht länger sein. Vertrauen nahm still ihren Platz ein, und ich erwache neu und rein.
Salina Petra Thomas
Für lange Zeiut kaum wahrnehmbar, vollzog sich der Klimawandel nun mit wachsender Dramatik. Ganze Seen verschwanden binnen Tagen von der Landkarte. Am fünften Tag unserer Reise, kurz vor Einbruch der Dämmerung, erreichten wir den Klima-See, benannt nach dem tschechischen Schriftsteller Ivan Klima, in dessen Sommerhaus am Nordufer damals die Charta 77 verfasst wurde. Unseren Augen bot sich ein unwirkliches Bild. In dem stumpfen messinggelben Licht der rasch sinkenden Sonne schillerten tausende und abertausende silbrig gelbe Fischleiber. Der ganze Boden war mit ihnen bedeckt und wohin wir auch traten, sanken unsere Füße mit schmatzenden Lauten in die Masse der zuckenden und sich windenden Tiere. Die selbst um diese Stunde noch vor Hitze flirrende Luft war erfüllt von einem grauenvollen Geräusch, eine Art Zirpen oder Rascheln, erzeugt von den unzähligen nach Luft schnappenden Mäulern, den in letzten Krämpfen hin und her peitschenden Flossen. Schon nach wenigen Schritten war unser Schuhwerk vom Sekret und dem Blut der zertretenen Fische völlig unbrauchbar geworden, doch getrieben von einer seelen- und sinnlosen Neugierde, stapften, ja bald hasteten wir voran, der rasch fliehenden Wasserlinie nach. Während hinter uns der Abend zwischen die erloschenen Leiber sickerte und langsam mit seiner Schwärze bedeckte wie eine neue finstere Flut, eilten die Köpfe unserer langen Schatten uns voraus bis zu jenem Punkt, dessen Anblick ich niemals vergessen werde. Um uns war das Irisieren der Luft ins Unerträgliche angeschwollen, denn obwohl schon so viele Fische den Boden bedenkten, waren naturgemäß die meisten Fische dem schwindenden Wasser gefolgt und wurden jetzt am tiefsten Punkt des ehemaligen Sees unerbittlich zusammengedrängt. Man konnte schon gar nicht mehr von einer Wasserfläche sprechen, denn es befanden sich sicherlich mehr Fische als Wasser in dieser kleinen Senke, die vom Zucken und Zischen der Leiber wie mit brodelndem Silber angefüllt schien. Unaufhaltsam sog die Hitze jeden Tropfen Feuchtigkeit heraus, als plötzlich mit einem dumpfen Knall - oder war es eher das abrupte Verstummen jeglichen Geräusches - alles Leben, jede Bewegung vor unseren Augen erstarrte, als die Masse der nun auch im Inneren ausgetrockneten Fische mit den letzten Wasertropfen emporstieg und zu einer grotesken Skulptur mit erratischen Auswüchsen zusammenbuk. Ich weiß nicht, wie lange wir verharrten, ebenso reglos wie mir schien, und unsere Blicke auf etwas in uns selbst richteten, von dem das grauenvolle Gebilde vor unseren Augen nur eine Manifestation war, die gleich wieder verschwinden müsste, um unsere Seelen vor uns selbst zu beschützen. Ich weiß, daß, als wir uns schließlich zum Gehen wandten, wie auf ein geheimes Einverständnis hin, längst nichts mehr zu sehen war. Stockschwarze Finsternis hatte sich auf das Land gelegt. Nur langsam durchdrang das schwache Licht der Sterne die schrecklichen Nachbilder auf unseren Netzhäuten und wir knipsten unsere Taschenlampen aus, in deren Licht wir über den ausgedörrten Boden zurückschritten zu unserem Fahrzeug. Wir schritten auf einer gesteinsartigen Schicht aus Fisch, in der die einzelnen Tiere kaum noch erkennbar waren, so rasch hatte sich der Austrocknungsprozess vollzogen. Das Phänomen der "explodierenden Seen" war in den Wüsten Australiens schon im 18. Jahrhundert beobachtet worden. Aus gelegentlichen sintflutartigen Regenfällen entstanden dort immer wieder temporäre kleine und größere Seen, die - ohne weitere Zuflüsse - im Laufe der folgenden Jahre verdunsteten oder von den Schafsfarmen "aufgebraucht" wurden. Wenn dann die Wasseroberfläche im Verhältnis zur Wassertiefe eine bestimmte Verdunstungsrate überschritt, begann sich die Verdunstung zu kumulieren, die Sonne sog dann förmlich wie mit einem riesigen Strohhalm das Wasser auf. Nicht selten kam es dabei im letzten Moment, wenn alles verbliebene Wasser schlagartig emporgehoben wurde, zu einer gewaltigen Wasserhose mit anschließender Verpuffung, Fische, Krebse, Amphibien, Wurzeln, ja sogar Steine wurden dabei ... Vor uns erhob sich die Silhouette unseres Fahrzeugs, die Positionslampen glommen schwach. Als wir darauf zu stolperten, erschöpft an Geist und Gliedern, flammten die Scheinwerfer auf, und die Tür öffnete sich und Willmann stieg heraus. Er setzte seine Schirmmütze auf, musterte uns kurz und sagte: "Es gibt schlechte Nachrichten."
Markus Kaminski
im scheitern seiner verwandlung lag die kunst seines lebens die natur seines charakters.
Willi van Hengel
„Schilder sind nicht nur Gebots- und Verbotszeichen, sie zeigen auch, was uns wichtig ist oder eben nicht.“ „Deshalb wollen Sie Rundgänge zu den Schildern unserer Stadt anbieten?“ „Genau, ich möchte, dass die Menschen ein stärkeres Bewusstsein für Schilder entwickeln.“ „Glauben Sie, dass Sie viele Teilnehmer haben werden?“ „Davon bin ich überzeugt. Später werde ich die Rundgänge auch in anderen Städten anbieten.“ „Ich glaube nicht, dass Ihre Geschäftsidee besonderes tragfähig ist. Wir können Sie deshalb nicht fördern.“ „Das habe ich gewusst.“ „Sie wussten das schon?“ „Selbstverständlich. Sie haben dieses Schild an der Tür: Freie Fahrt für Ihre Idee!“ „Und?“ „Na ja, das heißt doch, ich soll möglichst schnell an Ihnen vorbei fahren. Sonst hätten Sie ein großes Stopp-Schild aufgestellt.“