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Er spazierte durchs Museum, da hingen Gedanken an den Wänden, die vermochte niemand anders als er zu sehen. Denn es waren die einer Frau, die dachte an ihn, denn eigentlich sollte bei ihr er sein.
Den Berg hatte er erklommen, das Tal durchquert, nicht wissend, dass die wahren Mühen noch vor ihm lagen. Noch lang nicht hatte er es überstanden, weit noch war sein Weg.
Er unterwarf sich dem Diktat der Sonne. Öffnete sich wahrhaft den Bildern, die auf ihn einströmten. Ein neues Leben hatte er sich erschaffen, das gehörte ihm allein. Dafür nahm jemand anders seines und ging damit spazieren. 

Johannes Tosin



Was ist schon leben? Was heißt es, zu sein? Was ist Realität?
Ist Realität wirklich das, was ist?
Oder vielmehr das, was man will, das ist?
Kann ich ein Riese sein? Ein mächtiger Krieger? Ein weiser Magier?
Kann ich?
In meiner Welt kann ich alles sein, alles und mehr, in meiner Welt.
Nur wo ist diese Welt?
In meinem Kopf, meinem Herzen, oder doch nur auf meinem Bildschirm? 
„Justin, komm endlich weg von deinem PC und runter zum Essen“, drang die entnervte Stimme seiner Mutter durch den Sound seiner voll aufgedrehten Anlage.
Noch immer starrte er geradezu hypnotisch auf den flimmernden Monitor vor sich. Nur mit Gewalt konnte er sich von dem Anblick lösen und den Worten seiner Mutter Gehör schenken, wenn auch nur kurz, denn eigentlich war es ihm völlig egal. Sein Spiel war so viel interessanter als die langweilige Realität, in der seine Mutter ihn nach unten rief. Er war gerade dabei, die Welt zu retten und nun er sollte zum Abendessen erscheinen.
„Justin“, kreischte es durch das Haus und Schritte näherten sich bedrohlich.
Justin zuckte kurz bei dem Gedanken zusammen, dass seine Mutter gleich verärgert wie lange nicht mehr in sein Zimmer gestürmt käme, ihn anschrie und den PC ausschaltete.
Hastig fegten seine Finger über die Tastatur, um den bisherigen Fortschritt zu speichern.
Keine Sekunden zu früh, denn schon stürmte das grässliche Monster in den Raum. Eine Missbildung der Natur, die jeder Beschreibung spottete. Justin wich einen Schritt zurück und zog langsam das Schwert aus seiner Scheide, das einzige, was zwischen ihm und dem sicheren Tod stand. Mit aller Macht umklammerte er den Griff und wartet auf den richtigen Moment, um anzugreifen. „Justin, endlich habe ich dich, nun gibt es kein Entkommen, komm nun endlich essen; wir warten schon alle auf dich.“
Mit einem zermürbten Stöhnen schaltete er den Monitor aus und sein geliebtes Spiel verschwand in trostloser Dunkelheit. Doch er hatte keine Zeit, diesem momentanen Verlust nachzutrauern, denn schon packte ihn seine Mutter am Ärmel und zog ihn mit sanfter Gewalt hinter sich her. Langsam, vor sich hin murrend, folgte er seiner Mutter die lange Wendeltreppe hinunter. Sie war einen schöne Frau, das wusste er. Viele seine Mitschüler hatten ihm das schon gesagt, und meistens kamen sie nur wegen ihr zu Besuch, doch warum streiften ihn diese Gedanken gerade jetzt, wo es doch wichtigere Dinge gab, über die er sich sorgen machen musste.
Wie komme ich nur aus der Psychiatrie raus, es muss doch einen Weg geben, denk Justin, denk.
„Justin“, die Stimme seiner Mutter und das darauf folgende unangenehme Ärmelzupfen rissen ihn aus seinen Gedanken und zurück in die reale Welt.
„Ja, Mum“, grummelte er bockig vor sich hin und setzte sich an seinen Platz am Küchentisch.
Sein Vater, der seinen missgelaunten Gesichtsausdruck wohl richtig deutete, warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu und wuschelt ihm durch die Haare.
Justin mochte seinen Vater, er war schon immer mehr ein Papakind gewesen, da seine Mutter immer diejenige war, die alles verbot. In seinem Innersten wusste Justin natürlich, dass sie es nur gut meinte, aber die aufmüpfige Pubertät, in der er sich mit seinen sechzehn Jahren befand, siegte über jeden Anflug von Vernunft.
Justin beschloss abzuschalten, bis das Essen endlich auf den Tisch stand. Es war eine typische Angewohnheit seiner Mutter, dass erst alle am Tisch sitzen mussten, bevor das Essen gebracht wurde. Zwar hatte er sechzehn Jahre Zeit gehabt, sich an dieses alltägliche Ritual zu gewöhnen, doch er würde mit Sicherheit noch weitere zehn benötigen, bis es ihn nicht mehr nerven würde.
Dabei gab es so viel wichtigere Dinge zu tun und seine Gedanken schweiften sehnsüchtig zurück zu seinem Spiel.
Wie komme ich nur aus dieser verdammten Psychiatrie raus? schweiften seine Gedanken weiter ab und zurück zu seinem Spiel.
„Justin, möchtest du noch eins?“, warf ihn die Stimme seiner Mutter aus seinen Tagträumen.
Er blinzelte und brauchte eine Sekunde, um sich seiner Umgebung wieder Herr zu werden.
„Hä? Was?“, waren die einzigen Laute, die er in seiner Verwirrung zustande brachte.
Das unterdrückte Lachen seines Vaters ließ seine Mutter nur noch verärgerter werden.
„Willst du noch ein Stück Fleisch?“, wiederholte sie sich jetzt schon bestimmt zum dritten Mal, bevor Justin wirklich in der Lage war zu reagieren.
„Ähm … nein danke, Mum“, erwiderte er mit einem entschuldigenden Lächeln, was seine Mutter aber nicht milder stimmte.
Lustlos fing Justin weiter an in seinem Essen zu stochern, nicht, dass es ihm nicht schmeckte oder dass er keinen Hunger hatte, aber der Gedanke an sein Spiel ließ ihn alles andere vergessen.
Etwas war anders, Justin spürte sofort, dass etwas in der Luft lag. Langsam tastete seine Hand nach der Waffe, die er unter dem Tisch befestigt hatte. Nun schien der Moment gekommen zu sein, sie benutzen zu müssen. Misstrauisch beobachtete er den Mann zu seiner Rechten. Mitte Dreißig, gut aussehend und als Profikiller einer der besten, in dem was er tat.
Seine Hand fand die Waffe und löste sie vorsichtig und geräuschlos vom Tisch.
Die Frau, die ebenfalls mit ihnen am Tisch saß, über die Justin geradezu erschreckend wenig wusste, außer dass sein Boss sie geschickt hatte, fuhr sich lüstern wie eine Barhure über die Lippen. Wohl, um die Aufmerksamkeit des Killers zu erregen, für den sie augenscheinlich Interesse empfand.
Justin strich sich mit der freien Hand über das bartlose Kinn und genoss noch einen Augenblick die Ruhe vor dem Sturm. Ein Blinzeln später und die Hölle brach los.
Justin, die Waffe unter dem Tisch schon auf den Killer gerichtet, drückte ab und ließ sich im gleichen Moment samt Stuhl nach hinten fallen.
Er spürte keine Angst, nur eine angenehme Erregung schien ihn zu durchfluten, als er den Killer verzweifelt zusammenbrechend nach seiner Waffe greifen sah. Doch dazu kam er nicht mehr, denn schon hatte die nächste Kugel seinen Schädel durchdrungen.
Die Frau war aufgesprungen und im Begriff abzuhauen, als sie in die Mündung einer Waffe schaute.
Im selben Moment wurde die Tür eingetreten und ein Trupp bewaffneter Söldner stürmte den Raum.
Justin wirbelte herum, griff die Frau und ging hinter ihr in Deckung. Seine einzige Chance war nun, dass diese Frau wichtiger war als sein Tod.
Doch die erste Kugel die seine Kniescheibe zerschmetterte, zerstörte all seine Hoffnung. Haltlos stürzte er zu Boden, das Magazin ziellos leer schießend.
Der Sturz war hart, aber nicht hart genug, um ihn auszuknocken.
Das nächste Mal, als er aufschaute, sah er einen grinsenden Mann, den er nicht kannte und dieser ihn wahrscheinlich ebenso wenig, der aber für seinen Kopf würde er einen Haufen Geld bekommen.
Eine letzte Patronenhülle fiel klirrend auf den blutgetränkten Boden.
Game Over
Schweißnass schreckte Justin aus seinem Alptraum auf, seinen Zeigefinger schussbereit am Abzug.
„Ganz ruhig, nur ein Träum, ganz ruhig, nimm die Waffe runter“, beschwichtigte er sich selbst.
Langsam, mit zitternden Fingern, ließ er die Waffe los und ließ sich schwer atmend in die Kissen fallen.
Erschöpft fuhr er sich über das schweißbenetzte Gesicht.
„Fuck! Scheiße war das krank“, verkündete er dem menschenleeren Zimmer, vielleicht um sich nicht ganz so alleine zu fühlen, wie er es die letzten Tage tat.
Es gab niemanden in seinem Leben, nur ihn und seine Waffe. Freunde konnte er sich nicht leisten und Frauen waren sein ganzes Leben bisher nicht mehr als Spielzeuge gewesen, die er einmal benutze, bevor er sie wegwarf, außer dieses eine Mal. In diesem Moment wünschte er sich eine liebevolle Frau an seiner Seite, die ihn sanft küsste und versprach, dass alles nur ein Traum war. Aber was sind schon Träume? Verarbeitung des Tages? Visionen? Alternative Leben?
Langsam müsste er sich an so etwas gewöhnt haben, aber irgendwie wurde es immer schlimmer und schlimmer. Fast jede Nacht schreckte er hoch und fand sich schweißgebadet in seinem Bett wieder.
Das Leben war nicht mehr so einfach, wie es früher einmal war und wie er es auch gerne wieder hätte.
Der Regen, der prasselnd gegen das Fenster schlug, riss ihn aus seinen Gedanken und ließ die alte Schusswunde an der rechtern Schulter brennen. Das tat sie immer bei diesem Wetter, vielleicht, um ihn an diesen Tag zu erinnern und an den Menschen, zu dem er nie wieder werden wollte. Es war die Art Regen, bei dem man dachte, die Welt geht unter und das ging sie vielleicht auch ein bisschen. Der Himmel war dunkel und wolkenverhangen, nur manchmal erhellte ein greller Blitz, gefolgt von einem drohenden Donnern, die verregnete Welt dort draußen. Unwillkürlich rieb seine Hand über die alte Schusswunde. Marie … Ein unscheinbarer Name und doch rief er eine alte Erinnerung hervor, die er lieber vergessen würde. Fast angewidert wandte er sich von dem trostlosen Anblick ab, der eh nur alte Wunden aufriss.
Sein Zimmer war in ein seltsames Zwielicht getaucht, weiß, weiß überall nur weiße Wände. Plötzlich lag die Waffe in seiner Hand und er zielte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf seinen Schädel. Gedanken, die nicht seine zu sein schienen, krochen gierig durch seinen Verstand. Langsam begann sich der Zeigefinger, um den Abzug zu krümmen. BANG, BANG!
Game Over 
Noch immer die rechte Hand zu einer Pistole geformt, deren Mündung direkt auf seinen Schädel zielte, schrie Justin noch ein paar weitere Male „Bang, Bang“ und ließ sich zu Boden fallen. Es war ein lustiges Spiel, voller Spannung und Action und er, er war der Held in dieser Geschichte.
Langsam richte er sich wieder auf und streckte beide „Handwaffen“ vor sich und schoss auf die bunten Lichter, wo keine waren.
Wach auf!
Kurz hielt Justin in seinem Spiel inne und ließ die Hände achtlos fallen, doch nur eine bedeutungslose Sekunde, bis der sabbernde Wahnsinn wieder in sein Gesicht trat und die Welt wieder mit bunten Farben flutet.
Justin, Justin, wach auf! Verdammt kämpf dagegen an …
„Hä?“, stieß Justin ein fragendes Stöhnen aus, auf eine Frage, an die er sich schon lange nicht mehr erinnerte.
Weiße Wände umgaben ihn, sterile weiße Wände, Wände, wie es sie so nur an einem Ort gab, der Psy…
Justin schüttelte den Kopf und schlug nach imaginären Fliegen. Sein Blick glitt hinab zu seinen Händen, langsam öffnete und schloss er sie. Noch nie hatte er so etwas Faszinierendes gesehen und er lachte.
VERDAMMT JUSTIN, WACH AUF!
Justin öffnete die Augen. Sein Körper fühlte sich fremd an. Schweißüberflutet, schwach, matt, hoffnungslos. Sein Atem ging flach, er spürte wie die Wirkung der Drogen langsam nachließ, aber gleichzeitig noch mit letzter Kraft versuchte nach seinem Verstand zu greifen, um wenigstens noch einen Teil davon mit sich in die Finsternis des Wahnsinns zu reißen.
Vorsichtig und doch das übermächtige Schwindelgefühl nicht ganz unterdrücken könnend, richtete Justin sich auf. Langsam kam seine Erinnerung wieder, wer er war und was er hier sollte. Der Auftrag, zuckte es durch seine Gedanken.
Verdammt war das knapp, hätte Jakob ihn nicht vorher ein Gegenmittel verabreicht, wäre sein Gehirn durch die verpasste Dröhnung sicher gegrillt worden.
Und das alles nur für ein paar Antworten, dachte er verbittert. Doch er würde später noch genug Zeit haben, mit seinem Schicksal zu hadern, erstmal musste er hier raus.
In der weißen Gummizelle, in die man ihn gesteckt hatte, war nichts, kein Tisch, kein Stuhl, nichts, nur eine Tür.
Eine Moment hielt er inne und horchte in sich hinein. Er fühlte sich schon wieder ganz gut und sicherlich fit genug, um es mit ein oder zwei Männern gleichzeitig aufzunehmen.
Langsam näherte er sich der Tür, atmete noch einmal durch, bevor er wie ein Wahnsinniger, zu dem ihn die Drogen sicher gemacht hatten, gegen die Tür schlug und wie am Spieß schrie.
Schritte näherten sich, doch anstatt leiser zu werden legte Justin noch einen drauf. Die Schritte beschleunigten sich, sie waren nun ganz nah.
Hastig wich Justin von der Tür zurück, ohne sein Geschrei jedoch einzustellen und presste sich dicht gegen die Wand neben der Tür. Der erste, der durch diese Tür trat, würde seinen Ellbogen wuchtig ins Gesicht gekommen.
Das Klirren von Schlüsseln, das Klicken eines sich öffnenden Schlosses, dann wurde die Tür geöffnet und Justin preschte vor. Wirbelte herum, den Ellbogen schwungvoll zum Schlag gespannt, als ihn ein harter Gegenstand wuchtig im Gesicht traf.
Die Härte des Schlages warf ihn zurück und ließ seine Sicht zu einem nebeligen Schleier verkommen.
Das letzte was er sah, war etwas Großes, Schwarzes, das auf sein Gesicht zuflog.
Game Over
Game Over blinkte es in blutiger Schrift auf Justins Monitor, entnervt lies er das Gamepad fallen und schnaubte verächtlich.
Wie sollte er nur aus dieser verdammten Psychiatrie entkommen? Der Antidrogencocktail von Jakob hatte das Gröbste verhindert, doch nun saß er waffenlos in einem abgeschlossen Raum fest, aus dem es augenscheinlich kein Entkommen gab.
„Fuck“, fluchte Justin ungeniert und wischte sich die leicht schwitzigen Hände an seiner Jogginghose ab.
Noch einmal atmete er tief in den Ärmel seines Pullovers, bevor er das Pad erneut ergriff und seinen letzten Spielstand lud.
Agent Justin Müller war wieder unterwegs, dachte er grinsend.
Er benannte alle seine Videospielhelden nach sich selbst, zumindest bei allein Spielen, bei denen dies eben möglich war. Er wusste selbst nicht warum, aber ihm gefiel der Gedanke, ein mächtiger Krieger, oder wie in diesen Fall ein Superagent zu sein, ausgesprochen gut.
Einfach mal ein paar Stunden aus seinem normalen langweiligen Leben fliehen und ein Superheld sein, genau das waren Spiele für ihn, eine Fluchtmöglichkeit, aus einer Welt in der nur nervige Hausaufgaben auf ihn warteten.
Noch immer wartete Justin ungeduldig bis der Ladevorgang endlich abgeschlossen war. Bei aller Liebe zu seinem neuen Spiel, die Ladezeiten waren echt die Hölle.
„Justin, komm endlich weg von deinem PC und runter zum Essen“, grölte die entnervte Stimme seiner Mutter durch den Sound seiner voll aufgedrehten Anlage.
Noch immer starrte er gerade zu hypnotisch auf den flimmernden Monitor vor sich. Nur mit Gewalt konnte er sich von dem Anblick lösen und den Worten seiner Mutter Gehör schenken, wenn auch nur kurz, denn eigentlich war es ihm völlig egal. Sein Spiel war so viel interessanter als die langweilige Realität, in der seiner Mutter ihn zum Essen rief. Er war gerade dabei die Welt zu retten und er sollte zum Abendessen erscheinen. 

René Janßen



Fern der Erde
und doch nah,
mir ist als wäre sie da,
diese Welt,
dieser Planet,
der gerade entsteht. 

Geboren im hier,
vielleicht in Dir?
Oder doch entstanden in mir?
Meiner Phantasie,
meinem Geist,
der jetzt durch eine neue Welt reist. 

Oft geschieht,
dass dieser Traum, dieser Bann
andere mitzieht.
Hinein und heraus
- hinein in das Neue, hinaus aus dem Alten! 

Doch diese Welt,
Menschen und Orte darin,
sie entstehen nicht hier,
sind nicht wir, nicht Du und ich,
sie alle ergeben bei uns keinen Sinn,
darum auch sehen wir uns darin,
in der neue Virtualität, im neuen Raum
und nicht hier. 

Denn hier,
dass ist eine Welt,
geordnet und gepflegt,
mit geschriebener Geschichte,
in der ich Dichte.
Ist eine Welt ohne Drachen und Zauberer
und doch gefüllt mit Magie,
die sich zeigt im Traum,
die sich Liebe nennt
und die man erkennt. 

Aber die Virtualität,
das gemalte Wort, das gezeichnete Bild,
der gestaltete Raum im Film,
dass ist fern,
ist nicht hier
und doch ganz nah bei Dir und mir …. 

Georg M. Kürzinger



Babs schenkte sich noch einen Kaffee ein.
„Das war wieder ein anstrengender Tag.“ Mario sah blass aus und hatte gerötete Augen. „Die Operation bei meiner kleinen Patientin in Lhasa war viel komplizierter, als wir gedacht hatten. Der Tumor hatte schon weite Teile des Rückenmarks befallen. Deswegen hatte mich mein Kollege aus Beijing auch hinzugezogen.“
„Wird sie laufen können?“
„Das müssen wir abwarten. Die neuen Chips aus Katar können vielleicht die Nervenverbindungen übernehmen.“
Mario strich sich müde die Haare aus dem Gesicht.
„Schlaf dich erst einmal aus. Heute Abend mache ich uns ein Festessen.“ Babs lächelte ihrem Mann in San Francisco zu.
„Schau mal, wie schön das Wetter ist.“ Sie richtete die Kamera auf den Garten. Stockrosen bogen sich im Wind. Der Himmel war blaugrau, nicht so gelb-braun wie sonst. Ab und zu lugte die Sonne hinter Wolken hervor.
„Nordwest, der bläst den Dreck aufs Festland.“ Babs lachte. Auf  Amrum gab es noch ab und zu den Luxus von sauberer Luft und klarem Himmel.
„Wenn du doch hierher ziehen könntest!“, sagte sie sehnsüchtig.
„Mein Antrag ist wieder abgelehnt worden. Dabei ist es doch egal, von wo ich arbeite, aber die Transportkapazitäten sind so beschränkt. Wir sind froh, wenn wir Medikamente und medizinische Ersatzteile verschicken können.“
Sie wechselten noch ein paar Worte, dann schaltete Mario die Übertragung ab.
Babs setzte sich an den Computer. Die vatikanischen Archive standen ihr seit kurzem für ihre Forschungen zur Verfügung. Sie suchte nach Informationen über die Wetterbedingungen in Nordfriesland und Dithmarschen im Mittelalter. Im nächsten Jahr würde sie hoffentlich ihr Buch vollenden. Am späten Vormittag traf sie Kollegen im Hyperspace zu einer Konferenz über das norddeutsche Mittelalter. Vor allem ihre Kollegen aus Bangladesh und den kleinen Inselstaaten im Indischen Ozean waren daran interessiert. Sie gehörten einer internationalen Arbeitsgruppe zum Schutze tieferliegender Länder an und drängten auf neue Erkenntnisse zum Zusammenhang von Abholzung, Klimawandel und Sturmfluten. Die Diskussion wogte lebhaft hin und her, dabei hatten sie keinerlei Einfluss auf die Regierungen.
Die Weckfunktion ihres Computers erinnerte sie an ihre Vorlesung in Taipeh. Sie verabschiedete sich hastig von ihren Kollegen und schaltete sich in den Hörsaal der Universität. Das Thema diesmal betraf die Umweltverschmutzung des Elsass im ausgehenden Mittelalter. Die Studenten waren schon im achten Semester und fragten detailliert nach. Abholzung für den Bergbau, Abraumhalden in den Tälern. Babs hatte alte Stiche und Quellen ausfindig gemacht, dazu heutige Analysen der damaligen Bodenschichten.
„Unser Planet hat die Menschheit schon Jahrtausendelang überstanden“, meinte eine hübsche kleine Studentin.
Babs lächelte sie an. „Die Erde hat uns bisher überstanden. Die Frage ist eher, ob wir Menschen unsere Veränderungen der Natur überleben.“
Es entspann sich eine anregende Diskussion und sie überzog ihre Zeit. Anschließend tippte sie noch schnell das letzte Kapitel für das Vorlesungsskript in den PC. Überarbeiten würde sie es erst morgen. Jetzt war sie viel zu müde und unkonzentriert dazu, deshalb speicherte sie alles und stand auf. Ihr Rücken war ganz verspannt. Sie streckte und dehnte sich. Dabei hatte die Arbeit am Computer den Vorteil, lange Wege zu sparen und diente der Umwelt.
Sie schaute auf die Uhr. In zwei Stunden war sie mit Mario verabredet. Sie hatte also noch genügend Zeit. Erst einmal programmierte sie ihren und Marios Lebensmittelsynthesizer. Sie blickte aus dem Fenster. Die Sonne war inzwischen klar zu sehen und der Himmel blau. Die Bäume schwankten im Wind. Sie konnte es wagen, ohne Atemschutzmaske einen Spaziergang am Strand zu machen. Schnell schlüpfte sie in ihren dünnen Schutzoverall und zog die Kapuze und den Gesichtsschutz über den Kopf. Dann stieg sie in die Stiefel. Vor der Tür atmete sie tief die Salzluft ein. Die dünnen Sohlen gaben ihr das Gefühl, barfuss durch den Sand und das Dünengras zu laufen. Sie war dankbar, auf der Insel zu leben. Selbst als Kind durfte sie mit ihren Freunden im Freien spielen. Im Gegensatz zu Mario, der im Großraum San Francisco aufgewachsen war und nur selten mit Atemschutzgerät die geschlossenen Räume verlassen konnte.
Vor der Küste lagen die Filteranlagen. Babs gab die Hoffnung nicht auf, dass Wasser und Luft eines Tages so weit gereinigt waren, dass Menschen sich ungeschützt im Freien bewegen konnten.
Daheim duschte sie schnell in der Ultraschallkabine, dann deckte sie den Tisch mit Omas altem Porzellan und den mit LED-Lichtern bestückten dreiarmigen Leuchter. Als sie den Lebensmittelsynthesizer öffnete, roch es lecker nach Pute. Sie zapfte noch eine Karaffe synthetischen kalifornischen Wein. Zum zehnten Hochzeitstag musste das Abendessen etwas aufwändiger und romantischer als sonst sein. Sie blickte in den Spiegel und zog ihre Lippen schnell mit dem Lippenstift nach. Dann stellte sie die dreidimensionale Teleübertragung nach Kalifornien an.
Mario blickte kurz von seinem medizinischen Bildschirm auf, nickte ihr zu und konzentrierte sich wieder auf die Operation. „Einen Augenblick noch. Mein Assistent muss nur noch die Hirnhaut festnähen und den Schädel verschließen.“
Kommentarlos blendete sich Babs aus und sorgt dafür, dass ihr und Marios Essen weiter gewärmt wurde. Zum Glück schadete das Wärmen dem synthetischen Essen nicht. Mario kam selten pünktlich zum Essen. Sie vertrieb sich die Zeit mit einem Spielfilm.
Eine dreiviertel Stunde später lächelte Mario frisch rasiert aus seinem Hologramm. „Liebes, du siehst so rosig aus, als wärst du gerade von draußen hereingekommen.“
„Bin ich auch. Bei der richtigen Windrichtung können wir hinausgehen. Es ist traurig, dass du die frische Luft, die singenden Vögel und den Sand unter den Fußen nicht kennst.“ Babs sah ihn ernst an.
„Dafür werden wir viel älter als unsere Vorfahren und fast das gesamte Wissen der Erde steht uns zur Verfügung.“
Babs schaltete die Kerzenständer an und füllte ihren Teller auf. Dann setzte sie sich an den Tisch neben Marios Hologramm. Ihr Mann musste in Kalifornien auch mit ihrem Abbild vorlieb nehmen.
„Schatz, wie gerne würde ich dich wirklich einmal in den Arm nehmen!“, stöhnte Mario. Er legte seine Hand auf ihre. Babs lief ein Schauer über den Rücken, auch wenn sie seine Hand nur sah und nicht fühlen konnte.
„Lass uns miteinander schlafen.“ Er blickte ihr tief in die Augen. Babs fühlte Schmetterlinge im Bauch. Könnte Mario doch zu ihr kommen und mit ihr leben!
Mario schob seinen Teller weg. „Bitte zieh deinen virtuellen 3-D-Anzug an.“
Babs hasste den Anzug, aber es war die einzige Möglichkeit, körperlichen Kontakt zu Mario herzustellen. Sie zwängte sich in ihn hinein und hatte noch nicht einmal ihre Handschuhe an, da fühlte sie schon Marios Lippen an ihrem Hals.
„Warte, sonst schaffe ich die Handschuhe nicht mehr.“
Mario griff nach ihren Handschuhen, aber es war ein Spiel. Er konnte ihr nicht helfen. „Von meinem Weihnachtsgeld kaufe ich dir einen Kammerroboter“, versprach er. „Ich habe eine Überraschung für dich.“ Seine Lippen wanderten über ihr Gesicht, ihren Hals und weiter abwärts. Babs stöhnte auf. „Ich habe genügend gesunde Spermien für dich gesammelt. Sie sind schon auf dem Weg nach Kiel, um dort deine tiefgefrorenen Eier zu befruchten. In fünf Jahren sind wir nicht mehr allein, sondern eine Familie.“ 
Vom Glück überwältigt, sank Babs auf das Bett und überließ sich Marios erfahrenen Händen und Lippen.  

Aileen O’Grian



Klick,
der PC fährt hoch,
zeigt mir die Flagge,
vier Farben in der Mitte.
Ich höre es summen und knacken,
alles ok. 

Dann endlich,
mit einem Mausklick,
ein Fenster geht auf,
meine neue Welt.
Aus vielen bunten Farben,
erfüllt mein Leben. 

Ich gebe mich hin.
Wenn etwas nicht geht,
fange ich von vorn an.
Ganz einfach. 

Andreas Glanz



Ein jpg-Foto von ihr ist mir geblieben
Neben Erinnerungen an eine schöne Zeit
Viele Mails hast du mir einst geschrieben
Doch deine Liebe dauerte keine Ewigkeit

All die Brücken hinter mir sind längst eingefallen
Es gibt keinen Weg mehr in den Chatroom zurück
Deine Mails
habe ich schweren Herzens gelöscht
Zu Asche geworden ist auch mein ganzes Glück

Ich muss nun versuchen
Dich zu vergessen
Ich suche deswegen
Einen anderen Chatroom

Alles kann ich zerstören
Und alles verlassen
Nur nicht die Gedanken
Und diese Sehnsucht nach dir 

Hermann Bauer



Als ich am Morgen unseren Orient Express zum Mittelpunkt der Erde bestieg, war ich voller Zuversicht. Doch bald schon verdampfte die letzte Kohle. Der Zugführer hatte offenbar zu wenig Koks geordert. Ich machte einen letzten Zug an meiner Zigarette und drückte sie aus. Wir sind auf unserer Reise also zum Stillstand gekommen. Aber was soll’s, gehen wir halt zu Fuß weiter.
Wir steigen aus dem Zug. Sind schon ziemlich weit drin, in diesem Tunnel. Auf geht´s, der Ohnezugführer kennt eine Abkürzung. Nach knapp 300 Minuten stehen wir endlich am Eingang, ich hab die Nase gestrichen voll und benutze erst mal mein Taschentuch, um mir den Schweiß von der Stirne zu wischen. Ich trete, um mich abzureagieren, vor einen Berliner. Er schreit auf, ist wohl schon etwas matschig auf den Beinen. Dann schaut mich dieses Spritzgebäck wütend an, hat wohl Marmelade im Hirn. Ich knurre. Er sagt nichts, dreht sich um und macht sich aus dem Staub, der hier reichlich vorhanden ist.
Von nun an geht´s Bergab. Es vergeht Stunde um Stunde und je tiefer wir vordringen, desto heißer wird es. So eine Schwitztour hatte ich mir eigentlich nicht vorgestellt. Wir bekommen Senge, von der Hitze, haben den Mittelpunkt aber noch lange nicht erreicht. Ein Backhörnchen kommt gerade Recht, um meinen Hunger zu stillen. Ein Feuersalamander schaut mich verächtlich an. Aha, denke ich, du bist also Schuld an dieser Hitze und erschlag ihn kurzerhand. Ein Eisbär wäre jetzt nicht Übel.
Die Suppe läuft mir aber weiterhin in Strömen am Leib herab, ich mag sie aber nicht auslöffeln und schreie den Ohnezugführer an, er solle einen Klimawandel herbei führen. Aber er hat anscheinend auch die Klimaanlage vergessen, dieser Möchtegernkokser. Ich fühle mich mittlerweile selbst wie ein Heizkörper. Ein Stalaktit bohrt sich in mein Auge und bricht darin ab. Verdammt, das hatte mir gerade noch gefehlt, jetzt sehe ich bestimmt ziemlich beschissen aus. Ich ziehe das Stück wieder heraus und ersetze es durch einen Korken, den ich noch in meiner Tasche hatte. Die Frau hinter mir kreischt wie eine angestochene Sau. Ich drehe mich um, knall ihr eine und bedeute ihr, ruhig zu sein. Sie tut, wie ihr geheißen. Der Weg schlängelt sich immer weiter an schweißverschmierten Wänden entlang in die Tiefe. Links tut sich ein tiefer Spalt auf. Mein Vordermann rutscht weg, krallt sich im letzten Moment noch an seinem Vordermann fest und zieht ihn mit sich in die Tiefe. Faules Pack, einfach eine Abkürzung zu nehmen, das kann ja jeder. Hinter mir kreischt die Frau schon wieder, so was geht mir immer mächtig auf den Zeiger, ich stoße sie hinterher. Die anderen schauen mich ängstlich an, ich zeige Ihnen den Mittelfinger. Muss ich der Frau wohl aus versehen von der Hand gerissen haben. Ich stecke ihn ein, man weiß ja nie, wofür man ihn noch gebrauchen kann.
Ich muss mich etwas sputen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Jetzt bin ich wohl doch etwas zu schnell. Auf alle Fälle pralle ich, nach einer Biegung, direkt auf einen dicken Bartträger, der mich Gott sei dank abbremst. Er selbst nimmt den Anstoß nicht nur wahr, sondern verliert durch ihn auch sein Gleichgewicht. Schon mal was von Dominoeffekt gehört? Sah schon lustig aus. Nur der Ohnezugführer hat es geschafft stehen zu bleiben. Ich stiefele über die Liegenden hinweg. Eine ältere Frau blutet aus dem linken Nasenloch, sieht ekelig aus. Ich nehme den Finger aus der Tasche und stoppe damit die Blutung. Die Frau sieht jetzt zwar echt scheiße aus, mit dem Finger in der Nase, aber ich will ja auch nichts von ihr. Ich schließe zum Ohnezugführer auf und frage ihn, wann wir endlich da sein werden. Er schaut mich entgeistert an. Ich schmeiße ihn kurzerhand auch in den Spalt.
Meine Reise führt mich weiter in die Tiefe und die Hitze, hier scheint ein richtiges Hitzfeld zu sein. Von Ferne höre ich Stimmen und Schreie, wahrscheinlich massakrieren sich meine Nachfolger jetzt gegenseitig. Ich stoße auf eine Treppe, scheint ein ganz schöner Abstieg zu werden. Ich knicke meine Kniegelenke vorwärts strebend abwechselnd ein und schaffe es dadurch immer tiefer zu gelangen. Es riecht auf einmal nach verbranntem Fleisch. Ich schau an mir herab. Meine Außenhülle brutzelt ein wenig vor sich hin und ich bekomme wieder Hunger. Egal, kann jetzt nicht mehr weit sein. Es geht immer weiter abwärts mit  mir.
Doch mit einem Mal wird es tatsächlich wieder angenehmer, die Temperatur mäßigt sich und damit auch meine Laune. Vielleicht habe ich mich auch nur inzwischen akklimatisiert. Ich höre rauschen. Die Treppe endet. Linker Hand liegen ein paar Menschen übereinander. Der Ohnezugführer, liegt seltsam verrenkt in meiner Nähe und röchelt „Hilfe“. Ich antworte ihm, es wäre zwar sehr nett gemeint, aber jetzt bräuchte ich seine Hilfe nicht mehr, fände den Weg nun auch so. Ich setze mich wieder in Bewegung in Richtung des Rauschens. Die Luft wird nun richtig angenehm. Eine Biegung – und schließlich liegt vor mir ein wunderschöner glasierter Strand. Ich begebe mich weiter nach vorne. Das Lavameer tätschelt seine roten Wellen seicht um meine Füße. Ich bin ziemlich geschafft, aber ich bin am Ziel. Ich gehe zurück zur Felswand und finde schließlich den Hebel. Ich fasse ihn an und denke noch mal kurz darüber nach, ob ich es wirklich machen soll. Aber schließlich haben wir uns zu diesem Zweck auf den Weg gemacht. Ich ziehe ihn nach unten, wo auf einem Schild geschrieben steht: "Schöpfung - Format C"! 

Andreas Sticklies



Bislang hatte ich die Klamotten meines Sohnes an meine Freundinnen verschenkt, die kleinere Kinder hatten und sich unbändig über die kostenlosen Gaben freuten. Natürlich nur die guten Sachen. Die anderen wanderten in den Kleidercontainer. Da sollten sie ja auch noch Hilfe bewirken, in Afrika oder als Putzlappen oder sonst irgendwie.
Vor einigen Wochen zog ich in eine andere Stadt und hatte noch keine Freundinnen mit kleineren Kindern, die sich über die kaum getragenen Sachen meines Sohnes freuen würden.
“Verkauf das Zeug doch bei ebay“, riet mir Jeannette per Telefon.
Gute Idee. Dort hatte ich mich vor Jahren bereits angemeldet, aber nie genutzt. Ich war erfreut über die Aussicht, ohne großen Aufwand sogar noch ein paar Mäuse zu machen und begab mich umgehend ans Werk. Zuerst sortierte ich den Schrank meines Sohnes aus. Danach hatte ich einen Berg von zwanzig Marken-Pullovern, die das Prädikat -sehr gut erhalten- verdienten und einen identischen Berg mit Klamotten, die in den Container wandern würden. Den ersten Haufen schmiss ich in die Waschmaschine, schließlich sollte niemand etwas zu meckern haben. Danach verbrachte ich einen ganzen Abend damit, jeden einzelnen Pulli zu fotografieren. Einen weiteren Abend benötigte ich, um jedes einzelne Teil mit einer umfangreichen Beschreibung bei ebay einzustellen und zum Verkauf anzubieten. Ich wählte drei Tage Auktionszeit, schließlich war es kurz vor Weihnachten und ich malte mir aus, wie die Leute begierig nach meinen tollen Sachen schauen und bieten würden. Ich jedenfalls würde das tun. Selbstverständlich hatte ich alle Artikel mit Galeriebild eingestellt, damit jeder sofort darauf aufmerksam würde.
Dann wartete ich. Nein, ich wartete nicht einfach, sondern klebte stündlich am PC.
Bis kurz vor Auktionsende passierte gar nichts, kein einziger Bieter, nicht mal ein paar Beobachter. Ich war fassungslos, drauf und dran, die Angebote zu löschen und nach G. zu fahren, um sie meiner Freundin zu bringen. Das ging jedoch nicht mehr, denn es waren nur noch wenige Minuten bis Auktionsende.
Da!!! Ein Gebot - 1,00 €. Jetzt geht es los! Mein Adrenalinpegel stieg ins Unermessliche. Und fiel ins Bodenlose.
Nach den drei Tagen hatte ich von 20 eingestellten Artikeln 13 verkauft - für je 1,00 € und einen für 9,00 €. Na immerhin. Ich überschlug kurz. Die 20 Pullover hätten neu zusammen 300,00 € gekostet. 14 habe ich verkauft für zusammen 22,00 €. Klasse!
Nun wartete ich auf den Zahlungseingang. Einer hat bis heute nicht bezahlt. Die übrigen 13 Pullover verpackte ich säuberlich und schickte sie per Warensendung an die cleveren Bieter. Eine Versandtasche kostet 0,50 €. Aber da ich ebenfalls clever war, hatte ich 2,45 € Versandkosten angegeben und somit sogar noch 0,15 € gut gemacht - doch dieser -Gewinn- ging für die Fahrtkosten zur Post wieder flöten.
Nun rechnete ich aber doch mal nach:
Einstellungsgebühr pro Artikel 0,25 € + 0,75 € Galeriebild + 5% ebay-Gebühr vom Verkaufserlös. Machte summa summarum 21,00 € Kosten. Ok, die Gebühr für die nicht verkauften Pullover hätte ich gutgeschrieben bekommen, aber nur, wenn ich die Sachen wieder eingestellt hätte. Das habe ich natürlich nicht getan.
Na gut, immerhin hatte ich kein Minus gemacht und war um eine  Erfahrung reicher:  Kleidercontainer ist  hilfreicher als ebay! Vor allem für's Ego.
Ich registrierte noch huldvoll die eintrudelnden positiven Bewertungen und wollte soeben die Erfahrung ebay ad acta legen, als mich diese Nachricht aus der Bahn warf:
„Hallo J.,

wir haben heute den Pullover erhalten. Allerdings haben wir Zweifel, dass es sich hierbei um ein Original handelt. Können Sie diese Zweifel aus dem Weg räumen?
Ich möchte ungern die Pferde scheu machen, d.h. in diesem Fall den Lizenzinhaber benachrichtigen.
Mit freundlichen Grüßen
Familie M.“
Wie jetzt? Fieberhaft forschte ich nach. Aha, das war der Pullover, der für 9,00 € raus ging. -Wilde Kerle- in rot. Ein Geschenk des Erzeugers meines Sohnes. Zwar war mein Kind ein Fan von diesen Filmen, aber der Pullover war von Anfang an zu klein. Der Alte hatte doch eh keine Ahnung! Nie getragen, das Teil, das Material gefiel mir auch nicht, aber zum Wegwerfen nun wirklich zu schade. Hatte mich schon gewundert, wieso ausgerechnet dieser Pullover einen anständigen Preis erzielte.
Und nun? Ich biete an, den Preis zurück zu zahlen, bin ja schließlich kein Betrüger. Also 11,45 € retour.
Das Endergebnis meiner ebay-Aktion lautet: 10,45 € Minus!!! Zwei Tage Arbeit, fünf Tage Nerven gelassen und unterm Strich bin ich auch noch ein potentieller Markenpirat …
Dreizweieinsmeins!!! 

Claudia Göpel



In einer fernen Gegend stand einst verlassen ein altes Haus, darin eine Mutter wohnte mit ihrem Sohn. Bedrohlich hing ein riesiges Himmelsgestirn über der Landschaft, das sich flach von der einen Seite des Horizonts bis zur andern erstreckte, und rötlich und düster beschien es die hohen Fenster des einsamen Hauses.
 Das Obergeschoß des Gebäudes stand leer und war erfüllt von dem dunklen Rotlicht, das schattig und matt von der steinigen Weite hereindrang.
Der Sohn des Hauses stand allein in dem riesigen Raum und besah eine verstaubte Truhe. Gleichmütig, dumpf und eintönig pfiff dabei ein langsamer Wind, der die Ebene schon seit Äonen durchzog, über das Haus hinweg.
Der Sohn löste kurz seine Aufmerksamkeit von der Kiste.
"Mutter“, rief er über die breite Treppe nach unten, "was befindet sich dort in der Kiste?"
Einige Sekunden vergingen, bis leise die nachdenkliche Antwort vom Keller heraufdrang. 
"Habe keine Kenntnis", sprach die Stimme der Mutter. "Steht dort schon lang ..."
Der Sohn fixierte die Truhe noch einmal und strich mit der Hand über den Staub, der ausgebreitet darüber lag. Dann nahm er ihren Deckel und klappte ihn hoch.
Es dauerte nicht länger als ein Wimpernschlag Zeit benötigt, bis das Universum vernichtet war.
Einen Moment lang war dem Sohn noch, als funkelten Myriaden leuchtender Punkte aus dem Innern der Truhe. Als er dann genauer hineinsah, rieselte nur einiger sehr feiner Staub gen Boden.
Kurz zuvor, noch bevor die Bewohner des Universums erblindeten, erfasste sie ein unfassbar grelles Licht. Dieses Licht war körperlich spürbar, und es durchdrang alles, von den kleinsten Teilchen bis hin zum leeren Raum.
Im folgenden Augenblick vernichtete die Strahlung jegliches Leben. Die Meere verdampften, die Sterne verglühten, alles Materielle zerfiel. Das Universum war nicht mehr, war lichtdurchflutetes Nichts.
Der Sohn schloss die Truhe wieder.
"Die Kiste ist leer", rief er enttäuscht.
Wieder war eine kurze Weile verstrichen, bevor die Stimme der Mutter vom Keller heraufdrang.
"Wasch die Hände", sprach sie. "Essen ist fertig ..."

Patrick Hammeier



„Ich schreibe.“ Ich sage es leise. Ganz leise, nur um es einmal hören zu können. Öffentlich würde ich diese beiden Worte niemals in den Mund nehmen, geschweige denn denken. Schon bei dem Gedanken, es zu denken fühle ich mich ertappt, so verdränge ich es lieber den Tag über. Es ist dann als wäre ich aus Glas und jeder kann die Bilder in meinem Glasschädel erkennen. Man würde mit dem Finger auf mich zeigen, mich denunzieren und die Kritiker würden mich auf der Stelle festnehmen, um mich zu reinigen! Sie würden mich Wegsperren und mit Drogen vollpumpen, bis ich seelenlos, wie die anderen Schafe, tue was man von mir verlangt. So ist das System nunmal gestrickt, bekomme ich dann eingebläut. Sie würden mich schlagen, mir den Schlaf entziehen und mir das Denken austreiben. Ich würde niemals mehr auf die Idee kommen einen Stift in die Hand zu nehmen.
Man weiß nie, wo und wie sie die Schreiber und Leser erwischen, ob ein Nachbar oder Freund, Verwandter oder die eigene Frau sie anschwärzt, ob sie es nicht mehr ausgehalten und sich selbst gestellt oder sich verplappert haben. Man sagt, die Kritiker haben ihre Augen und Ohren überall. Überwachungswagen, die auf den Straßen patrouillieren oder Wanzen, die sie in dein Haus einbauen, während du bei der Arbeit bist. Man kann nirgendwo sicher sein. Nirgends. Außer ... in meinem Raum. Ich habe ihn liebevoll den Ideenraum genannt. Er ist nicht zwingend ein Ideenraum, denn nicht immer wenn ich hier sitze, habe ich auch eine Idee, aber manchmal eben doch und so habe ich ihn dann auch genannt. Andere mögen ihren Raum, wenn sie denn einen haben, anders nennen, ich aber nicht. Mein Raum. Ich habe ihn damals während der Chaostage eingerichtet. Die Kritiker hatten damals so viel um die Ohren den Aufstand niederzuschlagen, daß sie es nicht mitbekommen konnten, wie ich einen geheimen Raum in meinem Keller gebaut habe. Mit eigenen Händen. Ich bin stolz auf meinen Ideenraum. Er ist zwar nicht groß, aber ich fühle mich nirgends wohler. Draußen war die Hölle los, überall wurde geschossen und bei den Freidels von Gegenüber ging sogar eine Scheibe zu Bruch und ich dachte, jeden Moment brechen sie die Tür auf und nehmen mich mit, aber nichts dergleichen geschah. Ich habs geschafft. Trotzdem spreche ich nur leise, man weiß ja nie...
Vier Quadratmeter groß beziehungsweise klein ist er. Ich habe ihn in knalligem Gelb gestrichen. Ich weiß, eine verbotene Farbe, ich habe sie auf einem Untergrundmarkt im Waldabschnitt 14 von einem Einsiedler gekauft und sie hat nicht ganz gereicht. Rechts neben dem Schreibtisch ist die Wand nur bis zu 1/3tel gestrichen, darunter sieht man das grau der Steine. Die groben Poren machen mich manchmal traurig, aber dann schaue ich auf mein Gelb und die Welt wird wieder schön.
Wenn ich die Geheimtüre öffne, sehe ich direkt auf meinen Schreibtisch. Mein alter Esstisch. Ich habe mir einen neuen zuteilen lassen. Den alten hätte ich im Winter zum Heizen zersägen müssen, habe ich in der Verteilerstelle gesagt. Und man hat mir nach acht Monaten einen neuen Esstisch besorgt. Er sah von Anfang an gebraucht aus, aber sie haben gesagt, er wäre neu. Was soll man da machen.
Auf meinem Schreibtisch liegen Bücher. Drei Bücher. Na eigentlich sind es 2 ½. Winnetou, Eins von Bukowski und die Hälfte von einem Buch mit Zahlen. 1984 von einem Orwell. Die ersten Beiden hab ich gelesen. Das halbe Buch nicht. Ich weiß nicht, ob es mich reizt, ein halbes Buch zu lesen. Ich glaube, ich habe Angst davor. Angst, ich könnte es zu ende lesen wollen und dann fehlt die andere Hälfte. Oder ich dächte mir den Rest einfach selber aus und schriebe das Buch zu Ende. Ich weiß noch nicht ...
Aus Toilettenpapier habe ich mir ein eigenes Buch gebastelt. Den Kleber habe ich von der Arbeit mitgenommen, fällt sowieso nicht auf, und der Einband ist von einer Cornflakes Packung geklaut. Den Stift habe ich auch vom Schwarzmarkt. Den Typen, der mir ihn verkauft hat, haben sie kurz danach hoch genommen. Es heißt, er hätte einen ganzen Keller voll weißem, rechteckigem Papier gehabt und jede Menge Stifte und sogar eine Schreibmaschine. Man hat ihn sofort auf offener Straße erschossen und in seinem Haus verbrannt.
Es ist mein Tagebuch und ich schreibe täglich hinein. Doch ich schreibe auch anderes Zeug auf.
Aus Toilettenpapier habe ich mir jede Menge Notizen gemacht und sie an die gelben Wände meines Ideenraums geheftet. Ideen für Bücher, Geschichten, Gedichte, Synonyme, Reime, Gedanken und vieles mehr. Ich habe mir Erde mitgebracht, an der ich schnuppern kann, um den Geruch zu beschreiben und ich habe einen kleinen Wackeldackel namens Wally, der mich tierisch inspirieren soll. Und dann ist da noch ein gerahmtes Bild von meiner toten Frau. Sie ist bei den Chaostagen gestorben. Erschossen. Sie hat für die Meinungsfreiheit und Menschenwürde gekämpft. Und ich, ich habe nicht gekämpft. Ich war feige und danach habe ich mir mutig diesen Raum gebaut. Meinen Ideenraum. Ich denke oft an sie und ich schreibe ihr so oft ich kann.
Mein Stift ist bereits nur noch drei Zentimeter kurz. Ich schreibe immer noch damit, denn ich weiß nicht, wo ich einen neuen her bekommen soll. Ich muss schreiben, ohne das Schreiben hat mein Leben keinen Sinn und falls sie mich doch eines Tages schnappen, dann möchte ich auch verbrannt werden. Hier. In meiner gelben Kammer, zwischen meinen Geschichten und meiner Lisa. Meine mutigen Lisa. 

Monduras



Gleich nachdem Roger in seiner Verzweiflung versucht hatte, sich umzubringen, bewegte er sich schwerelos durch einen vollkommen gerundeten Tunnel, dessen Wände in tausenddreihundertsiebenundsechzig verschiedenen Graustufen schimmerten. Genau so hatte er sich den Weg zum Paradies immer vorgestellt.
Plötzlich war der Tunnel zu Ende, und Roger stand irgendwo auf einer sommerlichen Wiese. Die Wiese glich einem grünen Meer. Riesengroß und blumenlos erstreckte sie sich nach allen Seiten hin bis zum Horizont. Über ihr strahlte ein wolkenlos blauer Himmel. Roger überkam ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Alle seine Sorgen waren verflogen, und er begann, fröhlich lachend auf der Wiese umherzuspringen. Rogers Sprünge waren hoch wie Kirchtürme, er schien mit einem Mal federleicht zu sein.
Am Himmel tauchte ein quaderförmiges Zeichen auf. Es trug folgende Aufschrift: "Wollen sie sich wirklich umbringen? Ja/Nein/Ich weiß nicht."
So wie er sich mittlerweile fühlte, wollte Roger keinen einzigen Gedanken mehr an Selbstmord verschwenden. Er deutete mit seinem Zeigefinger auf "Nein".
Jetzt landete er in einem großen Büro. Der Raum war bescheiden möbliert, ein großer Schreibtisch stand in der Mitte, davor ein Stuhl. Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann mit freundlichem Gesicht. Er deutete auf die freie Sitzgelegenheit.
"Ich freue mich, sie zu sehen." sagte der Mann. "Nehmen sie doch bitte Platz."
Roger bedankte sich und setzte sich zögernd.
Der Mann holte einen dicken, animierten Papierakt aus einer Schublade, öffnete ihn und blätterte nachdenklich darin herum.
"Sie wollten sich also umbringen, Roger, ja."
Jetzt, aus der Distanz betrachtet, war Roger der Gedanke an seinen kläglichen Selbstmordversuch fast peinlich. Doch er bejahte die Frage.
"Warum wollten sie das, Roger? Die Geschäfte?"
Roger nickte.
"Meine Spedition..." sagte er langsam. “In letzter Zeit sind die Aufträge immer mehr ausgeblieben, wir haben gewaltig Schulden gemacht, ich mußte schon die halbe Belegschaft entlassen. Für einen Moment hab ich einfach keinen Ausweg mehr gesehen."
Er zog eine verlegene Grimasse. Der Mann nickte lächelnd mit dem Kopf. Er schien Rogers Situation zu verstehen.
"Was würde passieren, wenn sie jetzt pleite gingen, Roger?" fragte er sanft.
"Na, ich hätte kein Geld mehr“, sagte Roger, "dazu die Strafe wegen der Steuern, und natürlich die irren Schulden des Betriebs..."
"Das ist alles, Roger?"
"Reicht ihnen das noch nicht?" fragte Roger zurück. "Ich wäre mein Leben lang verschuldet, ich könnte meine Standards nicht mehr halten, ich müßte mein Haus verscherbeln, meine Frau würde mich verlassen, mein ganzes Leben wäre eine Katastrophe, aber sonst wäre alles ja noch ganz in Ordnung!"
"Ja, aber sie könnten doch weiterarbeiten, Roger. Sie lieben ihre Arbeit doch?"
Das musste Roger zugeben.
Der Mann stand auf und sah Roger eindringlich ins Gesicht.
„Als Privatperson, Roger“, sagte er, "sind sie nicht haftbar für ihre Firma. Die Firmenschulden fallen weg für sie. Haben sie das nicht gewußt?"
"Ja, aber..."
"Und wozu brauchen sie den ganzen Schnickschnack überhaupt, eigene Villa, dicker Schlitten, die ganzen Exklusiv-Konsumartikel?"
Roger wurde nachdenklich.
"Also jetzt, wo sie mich auf neutralem Boden fragen. Ich weiß nicht..."
"Mensch, sie sind doch ein Androide!" schrie der Mann plötzlich, und sein Kopf schien anzuschwellen, bis er kurz vorm Zerplatzen war. "Denken sie doch mal rational!"
Roger war zusammengezuckt und starrte nun beschämt in den Boden, über dem einige animierte Staubkörnchen im Sonnenlicht tanzten. Er wußte nicht mehr, warum er sich vor der Verantwortung hatte drücken wollen. Er hatte seine Spedition selbst reingeritten. Er hatte selbst in die unzuverlässigen Flugtransporter investiert. Rational betrachtet war sein Selbstmordversuch einfach feige, war Flucht gewesen. Mit einem Mal überkam ihn eine unheimliche Wut auf sich selbst. Seine Miene wurde entschlossen.
"Okay." sagte er. "Ich will's noch mal wissen."
Der Mann lächelte ihn wieder an.
"Das freut mich für sie, Roger." sagte er. "Dann melden sie jetzt alles dem Finanzamt, ja?"
Roger nickte.
"Und das mit ihrer Frau regeln wir."
"Danke, sie sind sehr freundlich", sagte Roger.
"Das ist meine Aufgabe", sagte der Mann, noch einmal lächelnd.
Roger stand auf und gab dem Mann zum Abschied die Hand. Dann drehte er sich um und erwachte.
Er saß wieder hinter seinem Firmenschreibtisch. Er fühlte sich großartig. Ein Häuflein Erbrochenes lag dampfend auf einem Plastiktuch auf seiner Schreibunterlage. Anscheinend hatte sein Körper nichts von dem Gift resorbiert. Er wies Alois, seinen Putzautomaten an, den Schreibtisch sauberzumachen.
Während er dem alten Automaten bei der Arbeit zusah, verspürte er plötzlich den Wunsch in die große Verladehalle hinauszugehen, dorthin, wo in den letzten Wochen immer weniger Betrieb geherrscht hatte, wo seit Monaten die defekten, teuren Flugtransporter wie auf dem Friedhof lagen, weil sie nicht funktionierten.
Als er die Tür öffnete, liefen ihm sein Mechanikermeister, die beiden Reparaturautomaten und Robo mit dem lahmen Bein gerade entgegen.
"Ein Wunder, Chef!" riefen sie. "Die Transporter fliegen wieder!"
Und tatsächlich. Mit einem Mal hatten sich die Defekte, deren Ursache Roger trotz intensivster Forschung nicht hatte finden können, von selbst wieder aufgehoben. Die Flugtransporter brummten wie ein Schwarm Rennflieger.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Innerhalb der nächsten Stunden fand sich über ein Dutzend neuer Kunden ein, so daß Rogers Spedition bis zum Abend wieder mit hundert Prozent Auslastung lief. Auch das Bankhaus von der anderen Straßenseite, für das Roger in den letzten Monaten Luft gewesen war, wurde nun auf seine veränderte Geschäftslage aufmerksam und gewährte ihm noch am selben Tag einen neuen Kredit. Damit war die Liquidität der Firma für die nächsten zwei Monate gesichert. Rogers Spedition war gerettet.
An diesem Tag schuftete Roger mit einer Lust, wie er sie seit seiner Zeit als Flugbursche nicht mehr verspürt hatte, es war wie der Aufbruch in eine neue, schönere Welt.
Als er um halb elf Uhr abends todmüde nach Hause kam, warteten seine Frau und die Kochautomatin noch mit dem Abendessen.
Roger hatte einen Bärenhunger und dementsprechend haute er rein. Seine Frau aß nur wenig, wie immer. Irgendwann, während er sich immer noch die Schnitzel reinschob, sah sie ihn ernsthaft an.
"Roger", sagte sie langsam, "solltest du einmal in finanziellen Schwierigkeiten stecken oder sollte die Firma pleite gehen oder solltest du gar die Villa verkaufen müssen und sollten wir in irgendeine schmutzige Wohnung umziehen müssen, du sollst nur wissen,... daß ich IMMER ZU DIR STEHEN werde."
Roger sah auf. Er hatte keine Ahnung, was hier ablief, er wußte nur, daß er sich zum ersten Mal seit mindestens tausend Jahren wieder so richtig glücklich fühlte. 

William Rosenstock



Wenn ich gefragt werde, was ich so mache, dann lautet die übliche Antwort, dass ich Student bin. Das ist äußerst unverfänglich und lässt vieles offen. Mehr wollen die Leute zumeist auch gar nicht wissen. So haben sie die Möglichkeit, in ihrem Geiste ein Bild von mir zu malen, das ihnen beliebt, allerdings kaum etwas mit meiner Person zu tun hat. Aber was soll’s. Ich will ihnen ja auch nichts aufzwingen. Studenten, darunter kann man sich so einiges vorstellen. „Ah, ein Großkopfeter“, könnten die Leute meinen, oder aber: „Na ja, Student eben“, was auch immer das heißen mag.
Ich könnte auf eine solche Frage auch antworten, dass ich Hundebesitzer bin oder der Freund der liebreizenden Frau an meiner Seite. Aber sein wir mal ehrlich: Wer will das wirklich wissen. Hundebesitzer zu sein, verrät schon viel aus dem Privatleben, von der Tatsache, dass man mit der Frau, die neben einem steht regelmäßigen Verkehr hat und auch sonst ganz gut mit ihr zurecht kommt, will der Fragende gleich gar nichts erfahren. Also bleibt man lieber beim Studenten. Wie gesagt, es ist so schön unverfänglich.
Student zu sein, das assoziiert zunächst einmal, Partys, langes Ausschlafen, geldgebende Eltern und dergleichen. Das alles trifft auf mich nicht zu, aber bitte, wenn’s denn beliebt, dann soll es so sein. Zudem verschwimmt man in einem Meer der Möglichkeiten, was die Notwendigkeit sich näher mit mir auseinanderzusetzen vollkommen ausklammert, was uns wieder zur Unverfänglichkeit zurückführt. Das tolle ist: Jeder malt sich etwas anderes darunter aus, was ich den lieben, langen Tag so mache. Sie entwickeln für mich ein Dasein, von dem ich selbst nur den Hauch einer Ahnung habe. Und wie gesagt, zumeist hat es nicht im Geringsten etwas mit mir zu tun.
Etwas konfuser wird die Situation, wenn mein Gegenüber doch etwas mehr Interesse zeigt, als dies üblicher Weise der Fall ist und erfahren möchte, was ich denn so studiere. Ich will nicht wissen, wie oft die Leute eine solche Nachfrage schon bereut haben. Da ich in solchen Situationen bei der Wahrheit bleibe, muss die Antwort konsequent, aber verwirrend Religionswissenschaft lauten. „Gott, so einer!“, halt es dann durch die Köpfe meiner Gesprächspartner. Zumindest sehen sie häufig danach aus.
Nachdem geklärt ist, dass ich weder Pfarrer, noch Religionslehrer werden will beziehungsweise  werden kann, ist die Enttäuschung um ein Weiteres größer, da es nun nichts mehr gibt, an was die Leute sich halten könnten. Und das potenziert die Möglichkeiten um ein unendliches.
Spätestens jetzt ist das, was den Fragern durch den Kopf geht und das, was ich tatsächlich bin ungefähr soweit voneinander entfernt, wie Gott vom Teufel (um beim Thema zu bleiben) oder ähnlich vergleichbare Objekte. Manche sehen mich dann in tiefen, dunklen und staubigen Gemäuern sitzen, brütend über dicke, jahrhunderte lang nicht gelesene Bücher gebeugt, eine Sprache murmelnd, die es nicht mehr gibt und so weiter. Stunden des Meditierens schweben ihnen vor ihrem geistigen Auge, nicht zu vergessen, das Abfassen und auswendig lernen schlimmster theologischer Argumentationen. Einige wundern sich dann sicher, warum ich noch keinen ellenlangen Bart mit mir herumschleppe und nicht kreidebleich daherkomme, wo ich doch die Sonne kaum sehe. Und überhaupt, wieso redet der so normal?
Andere wiederum meinen in mir einen Hängengebliebenen erkannt zu haben, so einer, der den alten Zeiten hinterher träumt. „Ach, das war toll“, so meinen sie, dass ich es glaub, „als die Kirche noch so richtig durchgegriffen hat.“ Genau an dieser Stelle könnte ich die Gesprächsrunde erst so richtig durcheinander bringen, indem ich sage, dass ich Atheist bin. Aber das lass ich lieber (zumindest an diesem Punkt) und stehle den Menschen nicht das schöne Bild, das sie gerade eben erst von mir entwickelt haben.
Man mag es nicht für möglich halten: Selbst hier gibt es noch eine Steigerung. Auch Religionswissenschaftler haben Spezialgebiete. Meines ist der Islam. Und wenn ich einen guten Tag erwischt habe, dann sag ich das auch!
Jetzt wird’s gefährlich. „Ein Mullah!“ oder ähnlich schlimmes. „Pfui Teufel. Und das mir!“ Blicke wandern durch den Raum, um herauszufinden, wo der Beamte vom BND steht. Telefonieren will keiner mehr. Und, und, und …. Die Situation ist zum zerreißen gespannt, um mal einen gängigen Ausdruck zu verwenden. Ausreden werden gesucht.
Fragen schwirren durch die Köpfe. Hat er schon ein Visum nach Afghanistan? Weiß er, wie man fliegt, aber nicht wie man landet? Und was ist das eigentlich für ein seltsamer Gürtel?
Blicke werden auf meine Freundin gerichtet. „Ach die Arme! Durfte nur hier her, weil er auch mit ist…“ Ihr Haar wird analysiert. „Ist ein bisschen wenig. Trägt wahrscheinlich ständig ein Kopftuch…“ Sie denken darüber nach und: „Was hat die nur für Eltern? Man weiß doch schließlich…“, kommt dabei heraus.
Genau jetzt kommt die Aussage mit dem Atheismus richtig gut! Dass es sich dabei um die Wahrheit handelt und nicht um einen zusätzlichen Versuch, die Leute um das letzte bisschen Verstand zu bringen, das ihnen in diesem Gespräch noch geblieben ist, spielt dann allerdings auch keine Rolle mehr. Spätestens jetzt wandern die Blicke meiner Gegenüber zu meiner Jacke: ‚Kann man die Ärmel eigentlich auf dem Rücken zusammenknoten?’
Genau an diesem Punkt empfiehlt es sich zurückzuziehen. Sein Leben zu leben, wie es tatsächlich ist und den anderen zu überlassen, sich ein anderes auszudenken.  

Marko Tomasini



Als er den Fehler endlich gefunden und behoben hatte, tanzten Dutzende blauer Bildschirme vor seinen brennenden Augen. Fehlermeldungen zuckten durch sein Hirn, garniert mit roten Warnsymbolen. Aber er hatte es geschafft! Er hatte dem Kasten gezeigt, wer hier der Meister war.
Während Harry um drei Uhr nachts mit bleischwerem Kopf, aber äußerst selbstzufrieden endlich in die Kissen rutschte, war es ihm, als riefe eine Stimme:  "Soll die Schlafphase wirklich eingeleitet werden?" Harry schmunzelte müde. Sein Geist brauchte wohl noch etwas Zeit, um sich von den Nachwirkungen seiner intensiven Arbeit am Computer zu befreien. "Achtung! Wenn Sie jetzt einschlafen, gehen alle nicht gespeicherten Daten verloren!"
"Meinetwegen.", murmelte Harry, bereits im Halbschlaf. "Sollen die gesammelten letzten Eindrücke gespeichert werden?" Harry riss die Augen wieder auf. "Wie bitte?" Diese Nachwirkung besaß einen seltsam beharrlichen Beigeschmack. "Sollen die -"
"Ruhe!" rief er barsch, und die Stimme verstummte tatsächlich. Harry atmete noch einmal tief durch, drehte sich auf die andere Seite und glitt allmählich wieder in eine wohlige Schläfrigkeit. "Sollen die - " "Nein!", brüllte er, abrupt aus seinem Dämmerzustand gerissen. “Ich will jetzt schlafen, verdammt!" Die Stimme schwieg keine Sekunde: "Optionen Schlafmodus: Schlaf mit Traumerinnerungsfunktion, Schlaf ohne Traumerinnerungsfunktion, benutzerdefinierte Traumphasen (nur für versierte Träumer)."
"Maul halten!" Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Sein Geist war ja völlig überdreht! "Bitte wiederholen Sie. Ich habe Ihren Befehl nicht verstanden."
"Das merk’ ich!", knurrte Harry, außer sich vor Müdigkeit und Zorn, die völlig unschuldige Zimmerdecke an. "Achtung! Achtung! Warnung: Ärger verursachte eine Schutzverletzung im Modul ’Schlaf’. Wünschen Sie Details?" Harrys Finger krampften sich um sein Kissen. "Halt – endlich – die – Klappe!" quetschte er durch seine zusammengebissenen Zähne heraus. "Hinweis: Bei weiterer Verwendung des Moduls Ärger wird das gesamte System wieder hochgefahren. Wollen Sie vom Standby wieder in den vollständigen Wach-Modus wechseln?" Harry schluchzte jetzt fast. "Ich bin nicht auf Standby. Bin ich nicht. Ich will doch nur schlafen. Bitte."
"Soll die Schlafphase wirklich eingeleitet werden?" Harry packte sein Kissen noch fester und wünschte sich inbrünstig, er könnte es gegen diese penetrante Stimme schleudern. "Hinweis: System wieder vollständig hochgefahren und einsatzbereit."
"Das sehe ich nicht so.", murmelte Harry, mittlerweile von einer bleiernen Hilflosigkeit erfasst. Sein Kopf dröhnte, und seine Augenbrauen schienen Tonnen zu wiegen. Dennoch versuchte er zu überlegen, wie er diesen wachen Alptraum beenden konnte. Und als es ihm tatsächlich einfiel, war er überrascht, wie einfach und logisch die Lösung war. Ganz offensichtlich handelte es sich bei der Stimme doch um ein Programm. Und Programme konnte man – löschen. Ein feixendes Grinsen kroch müde in einen seiner Mundwinkel. Harry raffte sein ganzes restliches Reservoir an Energie zusammen und sagte laut: "Programm ’Stimme’ löschen!"
"Wollen Sie das Programm ’Stimme’ wirklich löschen?" Harrys Grinsen erreichte den zweiten Mundwinkel, als er rau, aber genüsslich betonte: "Jaaaa." Dann sackte er von einer Sekunde zur anderen in den so lange entbehrten Schlaf und hörte gar nichts mehr.
Als er sich am nächsten Morgen vor seinen Computer setzte, musste er den Kopf schütteln. Was hatte dieser Apparat ihm doch für einen Alptraum beschert!
Das Telefon klingelte. Gerade, als seine Finger sich um den Hörer legten, erklang eine höchst vertraute Stimme: "Löschvorgang ’Stimme’ erfolgreich durchgeführt." 

Susanne Geduhn



Monatelang hatte ich dem allgemeinen Zeitgeist widerstanden. Die boshaften Bemerkungen meiner Arbeitskollegen, ihre Begeisterung über die angeblich neuen Möglichkeiten, die ihnen ihr Heimcomputer bot, sogar meine berufliche Nutzung eines Computers konnten mich nicht davon überzeugen, dass ich mir auch einen anschaffen müsse. Im allgemeinen Rausch der Computereuphorie empfand ich mich als letzte Bastion der Vernunft.
Dann wurde es Oktober und Prospekte mit „sensationell günstigen“ Computerangeboten flatterten als Zeitungsbeilage ins Haus. Meine Bastion der Vernunft bröckelte. Hatte ich die ersten Werbezettel noch im Mülleimer entsorgt, lag nun ein Angebot auf meinem Arbeitstisch, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen, schaute in die Testberichte einiger Fachzeitschriften und entschied, nicht mehr länger dem Fortschritt im Wege zu stehen.
Auf dem frisch zusammengebauten IKEA-Computertisch thronten Drucker, Tastatur und Bildschirm, während das Hirn des Computers vor meinen Beinen ein zufriedenes Brummen von sich gab. Die notwendigen Kabelverbindungen hatte ich angeschlossen, die installierte Internetverbindung wartete nur darauf, von mir ihren ersten Befehl zu erhalten. Endlich besaß auch ich den Zugang zur weiten Welt des Internets. Ich stellte mir die Gesichter meiner Kollegen vor, wenn ich am nächsten Tag von meinem Ausflug ins World-Wide-Web berichten würde. Langsam gab ich die erste Adresse ein, überprüfte sie nochmals sorgfältig, dann drückte ich auf <verbinden>.
Die Farbe des Bildschirmes wechselte von einem ruhigen Blau in ein waberndes Rot, noch immer wurde die von mir angeforderte Seite offenbar geladen. Hatte ich etwas falsch gemacht? Das beunruhigende Rot auf meinem Bildschirm veränderte sich nicht. Ich suchte mit dem Mauszeiger nach einer Möglichkeit, etwas anzuklicken, fand aber nichts. Das Rot auf dem Bildschirm vermischte sich mit einem tiefen Schwarz, plötzlich erschienen lodernde Flammen, die in meinen Lautsprechern ein unangenehmes Knistern erzeugten. Unvermittelt blinkten kyrillische Buchstaben auf und verloschen wieder. Inmitten des Flammenmeeres wurden langsam die Umrisse eines Gesichtes immer deutlicher. Eigentlich war es mehr eine Fratze mit geöffnetem Maul und zwei Hörnern, die mich unvermittelt an Bilder meiner alten Kinderbibel erinnerte. Erschrocken wollte ich den Computer abstellen, doch selbst als ich verzweifelt den Stecker herauszog, zeigte der Bildschirm weiterhin sein rotschwarzes Flackern. Ich rannte aus dem Zimmer und verschloss die Tür.
Am nächsten Morgen versuchte ich andeutungsweise meinen Kollegen zu erzählen, was geschehen war, stieß aber nur auf  Unverständnis.
"Du bist auf die Internetseite der Hölle gekommen? Quatsch, so etwas gibt es doch gar nicht" oder "Es ist technisch gar nicht möglich, dass ein Computer weiterläuft, wenn du den richtigen Stecker gezogen hast", waren ihre wenig hilfreichen Antworten neben der sarkastischen Bemerkung, dass ich offenbar zu den besonders unbegabten Computerusern gehörte. Vielleicht, so redete ich mir ein, hatte ich mich wirklich getäuscht. Vielleicht würde wieder alles in Ordnung sein, wenn ich nach Hause kam.
Es war nicht in Ordnung. Als ich meine Wohnung betrat, sah ich bereits das rote Flackern unter dem Türrahmen meines Computerzimmers. Ich schritt zum Sicherungskasten und drehte sämtliche Sicherungen heraus. Weder Fernseher noch Herd funktionierten, auch die Flurbeleuchtung konnte ich nicht mehr eingeschalten - aber der Schein des Höllenglitzerns blieb.
Ich halte mich für einen modernen und durchaus rational denkenden Menschen - und auch in diesem Fall wusste ich nach einiger Zeit, was zu tun war. Es gab nur eine einzige Möglichkeit: Teufelsaustreibung!
Um das, was sich in meinem Computer befand, nicht unnötig vorzuwarnen, rief ich aus einer Telefonzelle bei meinem ehemaligen Pfarramt an. Vor zwanzig Jahren war ich einst ein sehr eifriger Messdiener und Kirchgänger gewesen. Zwar gingen meine sonntäglichen Kirchenbesuche zwischenzeitlich Richtung Null, aber zumindest die Weihnachtsmesse an Heiligabend hatte ich bisher in keinem Jahr versäumt. Anhand meiner Lohnsteuerkarte konnte ich leicht nachweisen, dass ich der katholischen Kirche immer noch auf das Innigste verbunden war.
Der Gemeindeassistentin erzählte ich am Telefon, dass ich das dringende Bedürfnis hätte, eine Beichte abzulegen - ich wollte nicht von vornherein als Verrückter abgestempelt werden. Außerdem betonte ich, es sei sehr dringend, da mein gesundheitlicher Zustand momentan bedenklich wäre. Ein heiseres Husten in die Telefonmuschel wurde mit einem Gesprächstermin am gleichen Abend belohnt.
Erstaunlicherweise erkannte mich Pfarrer Hörmann sofort wieder. "Ist das nicht der kleine Stefan?", fragte er gutmütig, als er mir die Tür öffnete. Ich nickte eingeschüchtert. Zwar bin ich mittlerweile über dreißig und nicht gerade klein zu nennen, doch in diesem Moment fühlte ich mich wieder wie der junge Messdiener, der vor seinem allmächtigen Pfarrer am Altar steht und ihm mit zitternden Händen die Weinkaraffe reicht.
"Ich habe dich schon lange nicht mehr in der Sonntagsmesse gesehen!"
Das Blut schoss in meine Wangen, ich stammelte: "Es ist mir leider immer etwas dazwischen gekommen, aber nächsten Sonntag..."
"Schon gut", grinste Pfarrer Hörmann und bat mich in sein Arbeitszimmer.
"Man hat mir erzählt, dass du die Beichte ablegen möchtest. Wann warst du denn das letzte Mal zur Beichte?"
"Ich habe ein großes Problem, Herr Pfarrer", unterbrach ich ihn, "vor kurzem habe ich mir einen Computer gekauft - und jetzt ist da der Teufel drin."
Pfarrer Hörmann nickte verständnisvoll. "Wie schon der Papst in seiner vorletzten Enzyklika geschrieben hat, ist der Computer Teufelswerk. Kennst du übrigens den Witz über Bill Gates, der am Himmelstor steht und..."
"Er ist wirklich in meinem Computer drin", sagte ich mit etwas lauterer Stimme und schilderte ihm meine bisherigen Erlebnisse. Das Gesicht meines Pfarrers wurde ernst, er erhob sich aus seinem Schreibtischsessel, ging zu seinem Bücherschrank und zerrte ein altes Buch hervor.
"Da hast du wirklich Glück, mein Sohn, dass du dich an mich gewendet hast. Die jungen Pfarrer verstehen heutzutage davon nichts mehr." Ich glaubte, eine Spur von Verachtung in seinem Gesicht zu sehen.
"Wann hast du denn den Computer gekauft?"
Ich überlegte. "Ende Oktober, ich glaube, es war..."
"Der 31. Oktober, also zu Halloween, richtig?"
Ich nickte. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Jetzt erklärte sich einiges.
"Ich muss mich noch auf die Teufelsaustreibung vorbereiten. Sei morgen in deiner Wohnung, ich komme um 15.00 Uhr mit zwei Messdienern vorbei. Aber das wird keine einfache Sache! Weißt du, mein Junge, der Teufel kann sehr hartnäckig sein. Hast du dich nie gefragt, woher ich das hier habe?"
Er deutete auf eine lange rote Narbe, die sich von seiner rechten Schläfe bis zu seinem Mundwinkel zog. "Ist das..."
"Ja, das war das Ergebnis einer Teufelsaustreibung - aber ich habe gewonnen."
Pünktlich zur vereinbarten Zeit stand Pfarrer Hörmann mit zwei älteren Ministranten vor meiner Tür. Er hatte ein reich besticktes Messgewand angezogen, in seiner Linken hielt er den Weihwasserkessel. Unwillkürlich bekreuzigte ich mich, als ich ihn sah.
"Gelobt sei Jesus Christus", entgegnete er ernst, "wo steht dein Computer, mein Sohn?"
Ich deutete zu dem Zimmer, aus dem immer noch das rote Leuchten drang. Rasch ging ich vor und schloss vorsichtig die Tür auf, traute mich aber nicht, weiter hineinzugehen.
"Lass uns jetzt allein! Es ist besser für dich, wenn du nicht alles anschauen musst."
Lange Zeit war nur ein verhaltenes Murmeln aus dem Zimmer zu hören. Gebete wurden gesprochen, die hellen Stimmen der Ministranten verfielen in einen choralähnlichen Gesang. Ich widerstand hartnäckig der Versuchung, an der Tür zu lauschen. 
Plötzlich drang ein greller Blitz unter dem Türrahmen nach außen, gefolgt von einem lauten Knall. Grausiges Lachen erklang, die Wand zu meinem Computerzimmer schien zu beben. Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen und beide Ministranten rannten, ihre Rockschöße hochhaltend, schreiend und in unchristlicher Eile aus meiner Wohnung.
Ängstlich blickte ich in mein Computerzimmer. Es war völlig ruhig geworden, nur das rote Wabern des Bildschirmes leuchtete zu mir herüber. Mein Herz klopfte wild, als ich den Raum mit zitternden Beinen betrat. Auf dem Teppichboden lag der Körper meines Pfarrers merkwürdig verrenkt, die Narbe in seinem Gesicht war verschwunden.
Der herbeigerufene Notarzt erzählte etwas von plötzlichem Herzstillstand, ich hörte ihm kaum zu. Verwirrt starrte ich auf die Liege, mit der die Leiche von Pfarrer Hörmann aus meiner Wohnung transportiert wurde. Wenigstens hatte das rote Leuchten in dem Moment aufgehört, als die Sanitäter in das Zimmer gekommen waren. Doch als ich die Wohnungstür hinter ihnen zuschloss und mich umdrehte, war es wieder da, noch stärker und fordernder als zuvor.
Ich überlegte, dann holte ich aus der Küche ein Messer und ging völlig apathisch zu meinem Computer. Es musste getan werden. Auf dem Bildschirm flimmerte höhnisch die Teufelsfratze, die fremdartigen Buchstaben tanzten, rotgelbe Flammen loderten wild. Vor meinen Augen bildeten sich die Worte „Satan GmbH & Co. KG.“.
Zitternd setzte ich mich vor meinen Computer. Ein rascher Schnitt über mein linkes Handgelenk, Blut tropfte auf die Tastatur. Das rote Licht verwandelte sich unvermittelt in ein friedliches Blau, auf dem Bildschirm erschienen die Worte: "Bitte Eingabe bestätigen." 

Josef Herzog


Eine andere Welt

Mein erster Gedanke war: Abgefahren, total abgefahren. Ich stand in einem Säulengang und um mich herum unterhielten sich alle möglichen Leute miteinander. Krass, wie die gekleidet waren. In meinem weißen Shirt und der Bluejeans fühlte ich mich sofort underdressed. Hier schienen Klamotten eine große Bedeutung zu haben. Männer trugen Anzüge, weite Umhänge, Hosen mit Schlag, bunte Hemden. Die Frauen stelzten meist auf hochhackigen Schuhen umher, hatten bauchfreie Tops und kurze Kleider oder Röcke. Wirklich sehr kurz und atemberaubend. Außerdem schienen einige der Leute sich ständig umzuziehen, denn ich sah sie mehrmals in einem anderen Outfit. Das war selbst für modebewusste Menschen ungewöhnlich und ich dachte: Pass genau auf wie du dich verhältst, hier ist manches anders.
Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Lizard Valentino. Ich bin Physiker und habe mich jahrelang mit der so genannten „Weltformel“ beschäftigt, die in einer einzigen Theorie die gesamte Erklärung des physikalischen Universums liefern soll. Die Forscher sind von der endgültigen Formel noch weit entfernt, doch was sie bisher herausgefunden haben, ist schon sehr spektakulär: Sie behaupten zum Beispiel, dass uns nicht nur die drei Dimensionen umgeben, die wir wahrnehmen, sondern viel mehr. Das wirft die Frage auf, warum es nur ein Universum geben sollte und nicht unendliche viele, die neben uns existieren. Parallelwelten – faszinierender Gedanke. Auch so eine abgefahrene Idee, dachte ich immer. Ich habe nie so recht daran geglaubt. Was für einen Sinn sollte das haben?
Doch dann befand ich mich plötzlich in einer anderen Welt. Verblüfft schaute ich mich um, alles war vertraut und doch irgendwie ungewöhnlich. Ich konnte mich verständigen, aber man lachte am Anfang über mich. Es war eine lustige Gesellschaft und ich nahm alles viel zu ernst. Eines fiel mir gleich auf: Es gab hier keine dicken Menschen. Alle waren gut gebaut, geradezu athletisch die Männer, umwerfend attraktiv die Frauen. Und noch eines: Niemand war alt. Wenn wir bei uns – ich meine in unserer Welt – von einem Jugendwahn sprechen, meinen wir alte Menschen, die sich jugendlich geben. Aber hier gab es einfach keine alten Menschen. Noch so ein unglaubliches Ding. Ich beamte mich in einen Strandclub (die nennen das hier Teleportieren), setzte mich an die Bar und trank einen trockenen Martini - kostenlos. Diese Welt begann mir zu gefallen. Der Blick auf das Meer und die Sterne war atemberaubend. Um mich herum plauderten die Menschen, wie wahrscheinlich in jeder Bar aller Universen. Ich konnte sie verstehen, die meisten sprachen englisch. Das fiel mir gleich am Anfang auf, sie hatten hier keine eigene Sprache entwickelt. Dann setzte sich so eine langbeinige, braunhaarige Schönheit neben mich. „Hi Taylor, schöner Abend, heute“, sagte sie einfach. Ich antwortete: „Das Meeresrauschen ist wundervoll.“ Da fühlte ich mich plötzlich zuhause, in dieser Welt. Es störte mich nicht, dass sie mir irgendwann verriet, sie sei 57. Aha, dachte ich nur, die Alten verstecken sich wie bei uns in jungen Körpern, nur irgendwie gekonnter. Wir gingen am Strand spazieren, es war eine perfekte Nacht. Später setzte sie sich auf meinen Schoß und ich spürte kein Gewicht. Es war, als wäre diese neue Welt meine verlorene Jugend. Irgendwann verschwand sie, indem sie sich vor meinen Augen auflöste. Ich habe sie nie wiedergesehen.
Dafür entdeckte ich Häuser, die in der Luft schwebten. Winterlandschaften neben tropischen Inseln. Geschäfte, in denen sich jeder neben Kleidung auch neue Haut, Augen und Haare kaufen konnte. „Es ist fantastisch“, jubelte ein Unbekannter. „Ich fühle mich jeden Tag als ein anderer Mensch.“ Mir erschien das verrückt und ich fragte ihn, wie er denn wisse, wer er wirklich sei. „Was interessiert es mich? Ich lebe, wie ich gerade bin“, antwortete er unbefangen. Vielleicht ist das sehr weise, dachte ich skeptisch und beobachtete, wie Männer und Frauen in der Abteilung für neue Bewegungen Tänze und Gesten ausprobierten. Nebenbei entledigte ich mich meines langweiligen weißen Shirts und der Jeans. Für Neuankömmlinge gab es kostenlos modische Kleidung. Ich wurde mit der langen schwarzen Strickjacke, der Schirmmütze, der grauen Hose und den langen, grünlichen Haaren zu einem anderen Menschen.
Plötzlich erhielt ich die Mitteilung, dass jemand mir anbiete, mich an seinen Aufenthaltsort zu teleportieren. Ich kannte niemanden namens Brewer Flowerlove, überlegte, ob es gefährlich sein könnte, auf die Einladung einzugehen. Sicher eine Verwechselung, dachte ich dann, die sich aufklären wird, sobald ich dort bin. Die Neugier überwog. Ich ließ mich an den unbekannten Ort teleportieren. Zunächst erkannte ich nichts. Es war dunkel oder besser, nebelverhangen. Dann lösten sich allmählich Konturen aus dem Dunst, das Bild wurde schärfer, die Landschaft baute sich auf. Bäume, Wiesen, einzelne Häuser. Direkt vor mir stand Brewer Flowerlove, sein Name leuchtete ungefähr einen Zentimeter über seinem Kopf. „Sei gegrüßt in meinem Garten!“ rief er mir zu. „Ich lade alle Neuen zu mir ein, um sie teilhaben zu lassen an meiner Erleuchtung.“ Er drängte mich, ihm in eines der Häuser zu folgen, als ich ablehnte, umringte mich auf einmal ein Haufen Menschen, die mich vor sich herschubsten. „Bei uns findest Du alles, was Du begehrst, Bruder“, hörte ich Flowerlove sagen, während ich um meine Freiheit rang. Erst spät fiel mir ein, dass ich mich vielleicht aus dieser Lage heraus teleportieren könnte. Deshalb wollten sie mich auch so schnell wie möglich ins Haus schaffen, dort war das wohl nicht mehr möglich. In Panik wählte ich auf der Karte irgendeine Region aus, hoffte, drückte die Daumen und startete die Teleportation. Einen ängstlichen Augenblick lang geschah nichts, dann zerfiel die Welt in ihre Einzelteile, etwas später setzte sich ein neuer Ort vor meinen Augen aus dem Nichts zusammen. Ich war entflohen, niemand wusste, wo ich mich aufhielt, ich selbst hatte keine Ahnung und zitterte noch, als mir ein Glas Sekt angeboten wurde. Ich nahm es dankend und entfernte mich schnell.
Ich befand mich noch immer auf der Flucht, als mich Mathew Watibateaux ansprach. Auch er trug seinen Namenszug knapp über dem Kopf. „Lass uns ein wenig herumbummeln, Taylor“, lud er mich ein. Ich war misstrauisch, aber auch froh, nicht allein zu sein und ging mit ihm durch diese wundersame Welt. Er zeigte mir sein Haus, in dem er selbst verfasste Gedichte als Poster verkaufte. Dann führte er mich zu einem Grab, das er vor kurzem, wie er sagte, gebaut hatte, mitten auf einer ansonsten leeren Fläche. Auf dem Grabstein stand geschrieben. „Ich wollte Dich nicht erschießen und Dein heiliges Blut vergießen!“ Mich schauderte und ich sagte Mathew, dass ich jetzt gehen müsse. Er bot mir Freundschaft an, die ich aus Furcht akzeptierte. Dann teleportierte ich mich irgendwo hin. Ohne dass ich es bemerkte, nippte ich weiter an dem Sektglas.
Die Neugier trieb mich voran, die Angst ließ mich nach einem Ausweg suchen. Ich fühlte mich in einem realen Alptraum. Niemand beachtete mich, als ich durch die Bibliothek schlenderte und mich langsam entspannte. Die Nähe von Büchern ließ mich aufatmen. Dann stieß ich auf einen Hinweis. „Hier entsteht die umfangreichste Wissenssammlung der Menschheitsgeschichte. Die legendäre Bibliothek von Alexandria erwacht zu neuem Leben und beherbergt nicht nur die Schätze des Altertums, sondern auch das gesamte Wissen der Neuzeit.“ Was für ein Projekt, dachte ich trocken, ohne die Dimension des Vorhabens richtig zu begreifen. Immerhin nahm es mich für die andere Welt wieder ein. Doch woher kannten die Leute hier Alexandria? Welches Geheimnis versteckte sich in diesem Universum? Ich traute mich nicht, jemanden anzusprechen und danach zu fragen. Vielleicht, so rechtfertigte ich mich vor mir selbst, sollten die Schatten der Vergangenheit besser ruhen. Und doch: Welch faszinierender Gedanke.
Am Ausgang der Bibliothek bemerkte ich eine kleine Kabine, etwa so groß wie eine Telefonzelle, darauf stand in leuchtend roten Buchstaben: Logout. Ich öffnete die Tür und betrat die Zelle mit Herzklopfen. Hatte ich einen Ausgang gefunden, wollte ich diese Welt wirklich verlassen? Ja, ich war entschlossen, ich passte nicht hierher. Ein letzter Blick auf die im Bau befindliche Bibliothek, eine schwache Ahnung der vielen Möglichkeiten in dieser Welt, dann schloss sich die Tür, ich hörte ein Zischen, alles um mich flackerte auf, verhüllte sich, verschwand.
Ich saß alleine vor meinem Computer, zuhause, neben mir unerledigte Briefe, eine Liste mit Terminen, den Anrufen, die dringend erledigt werden mussten, die Zeit drängte wie jeden Tag. 

Taylor Breck



Ich lernte Sabine am Morgen meines vorletzten Tages auf Santorin auf dem Profitis Ilias kennen, auf den sie zu Fuß gestiegen, ich hingegen mit dem Mountainbike gefahren war. Wir schwärmten uns gegenseitig von dem herrlichen Blick vor, den man von hier oben auf Meer und Insel hatte. Dann fragte sie mich unvermittelt, vor wem ich geflohen sei, und ich stellte klar, dass der Wunsch nach sportlicher Betätigung und die Aussicht auf die schöne Aussicht meine einzigen Motive waren.
„Nun ja“, sagte sie, „ich bin mit zwei Freundinnen unterwegs, und das ist manchmal ganz schön anstrengend, besonders die Anwesenheit der abwesenden Männer.“
„Wie bitte?“
„Ich meine, die eine vermisst ihren Mann und bereut, dass sie mit uns gefahren ist, während die andere gerade ihre letzte Beziehung aufarbeitet.“
Die Frage lag nahe, inwiefern Sabines abwesender Partner durch Anwesenheit störte.
„Nein“, sagte sie, als könne sie Gedanken lesen, „mein Mann ist nicht mehr da, definitiv nicht.“
Auch das warf neue Fragen auf, aber in diesem Moment gelangten drei weitere Radfahrer zum Gipfel, ebenfalls Landsleute, die ihre prächtige Laune nicht hinausgeschwitzt hatten und erbarmungslos ein fröhliches Urlaubsgeplauder begannen, auf das Sabine gerne einging. Ich wartete noch ein wenig, dann fand ich mich damit ab, in Bezug auf Sabines definitiv abwesenden Ehegatten unwissend zu sterben, wünschte allen noch einen schönen Urlaub und gönnte mir die verdiente Abfahrt, auf die ich mich schon die ganze Zeit gefreut hatte.
Dass man beim Inselhüpfen meist nicht allein bleibt, liegt auch daran, dass die Anzahl der möglichen Routen überschaubar ist und man viele Leute auf dem Schiff oder der nächsten Insel wiedersieht. Genauso erging es mir mit Sabine. Ich stand an Deck des Schiffes nach Ios, das gerade den Hafen Aithinios verlassen hatte, und schaute nach oben auf die weißen Häuser von Fira am Kraterrand, als Sabine neben mich trat. Sie lobte mich bedingt charmant als willkommenen Anlass, sich von ihren Freundinnen abzuseilen, und konstatierte, dass ich alleine reiste.
„Wie immer und jedes Jahr“, entgegnete ich, „die Kykladen sind meine zweite Heimat geworden.“
„Aber nicht nur das, oder?“
„Natürlich nicht.“
„Männer auf der Suche nach dem Abenteuer“, raunte sie geheimnisvoll.
Ich grinste: „Hier gilt die Regel: Wer über Frauen, Schwule, Juden, Männer pauschal spricht, springt über die Reling und muss dem Schiff hinterher schwimmen.“
„Oh, Entschuldigung. Ganz schön empfindlich, die Männer heutzutage, aber voller Humor. Ist es nicht manchmal langweilig, allein zu reisen?“
„Nein, ich schreibe, fast überall, nur nicht auf Schiffen, dafür genieße ich die Fahrt zu sehr. Eine unglaublich kluge Frau sagte einmal, jeder Mann wolle ein Boot besitzen. Ich nicht. Für mich ist es das höchste, mit einem ganz normalen Linienschiff wie diesem von Insel zu Insel zu fahren.“
 „Bescheiden, bescheiden. Gibt es da eigentlich keine Frau oder Freundin, die sich daran stört, dass du jedes Jahr allein in Urlaub fährst.“
„Daran ist nicht nur eine Beziehung zerbrochen. Ich verstehe auch die Enttäuschung, aber ich werde es trotzdem nicht ändern.“
„Ein Mann geht seinen Weg.“
„Sag mal, dass er weg ist, definitiv weg, dein Mann, liegt an deinen Sprüchen, oder? Damit hast du ihn vertrieben.“
„Nein, er ist tot.“
„Das tut mir leid.“
„Ein Bergunfall.“
Wir fuhren gerade an Oia vorbei, hoch über uns am Nordzipfel der Insel Santorin, und ich dachte daran, dass man auf den Kykladen und anderswo immer wieder mal auf Leute traf, die einem Phantasiegeschichten erzählten. Warum sie dies taten, erschloss sich mir nicht, aber es hatte ganz sicher eine innere Logik.
„Ja, es war ein Unfall oder auch nicht.“
Sie verstummte, und ich lächelte sie an und sagte: „Ich will sie hören, deine Geschichte. Du hast mich schon gestern neugierig gemacht.“
Sie blickte nach unten, wo die Wellen sanft gegen den Bug des Schiffes schlugen, dann gedankenverloren in Richtung Nordosten und der noch fernen Insel Amorgos.
„Marc liebte mich, ganz ohne Zweifel. Genau wie ich hatte er beruflich seine Ziele, sonst gab es eigentlich nur mich für ihn. Er war kein Mann, der Hobbys hatte, mit den anderen Jungs „Hoch die Tassen“ rief oder alleine in der Ägäis herumschipperte. Ich war sein Hobby, sozusagen. Wir unternahmen viel, waren gern draußen an den Seen des bayerischen Oberlands, in den Bergen.“
„In der Liebe“, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, „war er sehr zärtlich, sehr sinnlich auch, aber kein Mann, der sich auf eine Frau stürzte und ihr die Kleider vom Leibe riss…“
„…um sie die eine Wand hoch, die Decke entlang und die andere Wand wieder hinunter zu rammeln.“
Ich schaute nach oben, aber da war keine Decke, sondern der blaue, wolkenlose Himmel der Ägäis.
„Du verstehst mich, wie deine schöne, bildliche Formulierung beweist. Mit einem Wort: Wie die anderen Jungen auch tauchte er atemberaubend schnell ab, um sich zwischen den Beinen der Frau wie im Schoß der Mutter wohl zu fühlen. Aber sie war schön, seine Zärtlichkeit. Ich genoss sie.“
„Im Ganzen, meinst du?“
Sie lächelte. „Natürlich träumte ich manchmal ein wenig, aber ich kann mir schließlich keinen Mann backen. Meine Sexualität war jedenfalls nicht das Problem. Es gibt schließlich noch andere Dinge.“
Da hatte sie ganz ohne Zweifel Recht. Ich fragte mich, warum eine hübsche Mädchenfrau wie Sabine mit ihren dunkelblonden mittellangen Haaren, die Mitte dreißig und damit kaum jünger als ich war, derart offen mit mir sprach. Wirkte ich, wirkten vielleicht alle Männer nach diesem Schicksalsschlag erfrischend neutral auf sie? Andererseits konnte Vertrautheit auch eine hervorragende Basis sein.
„Was kommt, ist heikel“, fuhr sie fort, „und es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen. Es begann damit, dass er auch an Körperstellen zärtlich werden wollte, wo man dies schon aus gesundheitlichen Gründen tunlichst unterlassen sollte und wo die Zärtlichkeit eine Erniedrigung bedeutet. Auch ist es so, dass ich mich nicht verwöhnen lasse, wenn ich fraulich eingeschränkt bin. Ich finde so etwas eklig. Er widersprach heftig. Erstens sei es nicht eklig, und zweitens liege der Reiz ja gerade darin, dass ich ihn zu meiner Befriedigung benutzte und es daher völlig egal sei, ob er es als eklig empfinde oder nicht. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich seine Gedankengänge als unappetitlich empfand. Aber er war ansonsten wirklich lieb, klug, auch hübsch übrigens, sensibel und einfühlsam.“
„Und du konntest dir deinen Mann ja auch nicht backen.“
„Richtig. Er sprach dann auch nie wieder darüber. Seinen zweiten Versuch unternahm er an einem verregneten Herbstsonntag. Er verschüttete Kaffee, vielleicht  sogar unabsichtlich, und hörte gar nicht mehr auf, sich dafür aufs Devoteste zu entschuldigen. Du musst wissen, dass er mich wirklich liebte und es, wenn wir – selten genug – Streit hatten, kaum ertrug, dass ich beleidigt oder böse war. Aber er war kein Pantoffelheld oder Schleimer. Seine mit belegter Stimme ausgesprochenen Bitten um Verzeihung ließen das Schlimmste erahnen. Und kaum hatte ich es mir im Wohnzimmer gemütlich gemacht, um das schlechte Wetter zum Lesen zu nutzen, trat er splitternackt ins Zimmer, kniete vor mir nieder und hielt mir den Gürtel seiner Jeans mit der flehentlichen Bitte hin, ihn für sein Vergehen zu bestrafen. Ich richtete mich auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und sagte: ‚Ich kann dich nicht hauen, Marc, wirklich und beim besten Willen nicht.’ Er wurde knallrot vor Verlegenheit, stieß ein gepresstes ‚Vergiss es’ hervor und trollte sich. Ich vergaß es ebenso wenig wie die Tatsache, dass er am Abend, als wir miteinander schliefen, nicht zärtlich, sondern fordernd und beinahe grob war.“
„Ihr kamt bis einen Meter unter die Decke“, warf ich ein.
„Sozusagen. Er sprach nie mehr darüber, aber er unternahm einen weiteren Versuch. Beide berufstätig, teilten wir uns geradezu vorbildlich die Hausarbeit. An einem Samstagvormittag stand der wöchentliche Wohnungsputz an und ich erkläre missmutig, dass ich eigentlich überhaupt keine Lust dazu hätte. Er strahlte über das ganze Gesicht. ‚Zieh ein schönes, kurzes Kleid an, schöne Schuhe und sonst nichts, bitte’, stieß er hervor.
‚Wieso?’
`Bitte!’ rief er mit flehentlich gefalteten Händen eindringlich aus, und ich tat ihm den Gefallen. Voller Freude nahm er mich an die Hand, führte mich ins Wohnzimmer und drückte mich sanft aufs Sofa. Er fragte mich, was ich zu lesen wünsche, reichte mir fürs Erste die Zeitung und erklärte begeistert, er würde mir gerne alles, Lesestoff oder etwas zu trinken, was auch immer ich wünschte, mit der allergrößten Freude bringen, lief dann aus dem Zimmer, um nackt und mit einem Staubtuch bewehrt wieder herein zu springen und vor meinen Augen als Nacktputzer herumzuturnen. Ich dachte, ich sei im falschen Film. Ich sprang wütend auf und rief: ‚Ich liebe dich, Marc, aber ich muss vor einem Mann Respekt haben können.’ Dann ging ich ins Schlafzimmer, pfefferte die Pumps in die Ecke, zog das Kleid aus, dafür Jogginghose, T-Shirt und Latschen an und ging ins Bad, das ich zu putzen begann, während er im Wohnzimmer nackt, in Frack und Zylinder oder wie auch immer er wollte seinen Job machen konnte.“
Ich konnte ein Lachen nur mühsam unterdrücken. „Das dürfte ihn irgendwie ernüchtert haben.“
Sie zuckte mit den Achseln. „Er sprach nie mehr darüber, und lange Zeit gab es keine Probleme. Nun ja, gelegentlich onanierte er. Trotz seiner Vorsicht und Sorgfalt bemerkte ich es. Dann kam das Internet, aber es gab noch kein DSL und manchmal war die Leitung besetzt, wenn ich oder andere bei uns zu Hause anriefen. Hin und wieder bemerkte ich auch, dass er wie ein Teenager SMS schrieb. Überhaupt wurde sein Handy zu seinem ständigen Begleiter.
Natürlich irritierte mich das, aber zum einen war er weiter liebevoll, zärtlich und sinnlich und zum anderen hatten wir eine wirklich enge Beziehung. Wir kannten die Arbeitszeiten des anderen, nicht um uns gegenseitig zu kontrollieren, sondern um die gemeinsamen Aktivitäten besser planen zu können. Und ich fragte mich: Wann hätte er eine Geliebte treffen können? Wenn ich arbeitete und er nicht, dann war er zu Hause.
Aber es gingen Veränderungen vor. Es begann wieder mit dem Putzen, so dass die Freuden des Hausputzes mir von nun an verwehrt blieben. Das war sehr praktisch. War er allein zu Hause, so empfing mich eine blitzsaubere Wohnung, und er erklärte mir mit markigen Worten, es sei für ihn geradezu Sport, zu lauter Hardrockmusik den Schmutz zu ‚vernichten’.
Am Rande bemerkte ich, dass er sich überhaupt keine Fußballspiele mehr anschaute. Auch gewisse Fernsehserien, auf die er bisher größten Wert gelegt hatte, sah er nur noch manchmal. An anderen Tagen hatte er nicht das geringste Interesse daran. Die Veränderungen ergriffen auf unerfreuliche Weise auch auf unser Sexualleben über. Es gab Tage, an denen er sinnlich, zärtlich, motiviert war, an anderen blockierte er völlig. Er sagte, er könne nicht abschalten, bekomme den Job einfach nicht aus dem Kopf. Wir sollten es einfach lassen, denn wenn er sich erst einmal unter Druck setze, laufe überhaupt nichts mehr. An unseren sportlichen Aktivitäten, den Berg- und Radtouren, nahm er nur noch gelegentlich teil, er schwächelte, kränkelte, einmal hatte er Kniebeschwerden, dann war eine Erkältung im Anzug und so weiter. Ich hätte ihm ins Gesicht schlagen können, wenn er mich heuchlerisch bat, doch ohne ihn loszuziehen, weil er ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich seinetwegen verzichtete. Zu dieser Zeit schlief er bereits im Schlafanzug. Geradezu grotesk die Szene, als ich ihm einmal in gespielter Leidenschaftlichkeit die Schlafanzughose herunterreißen wollte, er sich verbissen wehrte und dann von der Angst um den Arbeitsplatz, Mobbing, von psychischer Blockade und so weiter schwafelte, wofür er mein Verständnis einforderte. Ich fand später Wachsspuren, und als ich einmal seine Schränke durchsuchte, eine Gerte und Kerzen. Um keinen Verdacht zu erregen, verbrauchte er die eigenen.
„Das heißt, er hat…“
„Richtig. Der Depp hat vorm Computer gesessen oder gekniet und sich auf ihren Befehl selbst gepeitscht oder mit heißem Wachs vollgeträufelt.“
„Und du hast nicht mit ihm geredet?“
„Nun ja, Gerte und Kerzen habe ich nicht angesprochen, weil es mir peinlich war, ihm hinterher geschnüffelt zu haben. Ansonsten hat er alles abgeblockt. Immer war der unerträgliche berufliche Druck verantwortlich.
Einmal konnte ich die Wohnungstür nicht aufschließen, als ich nach Hause kam, da der Schlüssel steckte. Es dauerte ziemlich lange, bis er verlegen öffnete und sich entschuldigte, aber er sei es leid, immer seinen Schlüssel zu suchen und stecke ihn jetzt lieber ins Schloss. Dann bat er mich in sein Arbeitszimmer an den Computer. Auf dem Bildschirm war die Homepage unserer Bank und er fragte mich, ob er auch für mich eine Überweisung tätigen könne, wenn er schon gerade dabei sei. Ich hätte ihn erschlagen können.
Es wurde immer schlimmer. Er wurde – zumindest was mich betraf – völlig impotent und war immer öfter geistig vollkommen abwesend und apathisch, wie jemand, den etwas extrem belastete oder der aus anderen Gründen jedes Interesse an der realen Welt verloren hatte, die ihn umgab.
Ich durchsuchte schließlich alle Dateien seines Computers – ohne Erfolg. Dann noch einmal alle seine Schränke und Schubladen, wobei ich schließlich in der Hülle eines alten Treibers für einen längst entsorgten PC die CD fand. Sie enthielt alles, den gesamten elektronischen Briefverkehr zwischen ihm, dem ‚Sklaven’, und seiner ‚Herrin’. Sie redete ihm offensichtlich nicht in seine Arbeit rein. Sonst schrieb sie ihm alles vor. Ob er fernsehen oder mit mir etwas unternehmen wollte. Immer fragte er sie in demütigstem Ton um Erlaubnis. Sie legte sogar fest, wann er mit mir schlafen durfte. Und wenn er einmal kleinlaut widersprach, hieß es: ‚Ich erwarte, dass du das für deine Herrin tust, wenn du schon nicht bereit bist, mir real zu dienen.’
Sein unterwürfiger Stil, seine ewigen Rechtfertigungen und Entschuldigungen waren ebenso grotesk wie die Befehle, die sie ihm erteilte. Im Winter sollte er sich beispielsweise einmal einen ruhigen Platz suchen und dort für sie nackt durch den Schnee laufen. Das waren dann Tage, an denen er plötzlich verschwunden war, bis er freudestrahlend mit den Brezeln und Croissants in der Tür stand, die er, wie er sagte,
spontan für seine geliebte Frau geholt hatte.“
„Sie setzte ihn unter Druck?“
„Ja, sie forderte immer extremere Zeichen und Beweise seiner Demut und Hingabe.“
„Wenn er nur entspannt den Sklaven spielte“, warf ich ein, „dann kann er diesen Druck als reizvoll betrachtet haben. Wenn sie ihn – wofür alles spricht – tatsächlich beherrschte, er wirklich ihr Sklave war, dann stand er objektiv unter Druck.“
„Natürlich.“
„Und?“
„Ich stellte ihn zur Rede, er war erleichtert und versprach mir, damit ein für alle Mal aufzuhören. Das war drei Tage vor seinem Tod.“
„Wo stürzte er ab?“
„Er stürzte vom Gipfel der Lamsenspitze. Der Aufstieg ist für Unerfahrene recht anspruchsvoll, aber vom Gipfel fällt eigentlich nur jemand, der das will.“
„Also Selbstmord aus Verzweiflung, weil er die Liebe zu dir und seine Neigung nicht miteinander vereinbaren konnte?“
Sabine schüttelte langsam den Kopf.
„Du glaubst, dass sie es ihm befohlen hat.“
„Wer weiß?“
„Es tut mir unendlich leid, Sabine.“
„Danke.“
In diesem Moment legte das Schiff im Hafen an. Ich hatte den eigentlichen Höhepunkt meiner Reise, die Einfahrt in den Hafen von Ios mit dem wundervollen Blick auf die malerisch gelegene Chora schlicht und einfach verpasst. „Wir sind da“, sagte ich.
„Ja, und ich muss die anderen suchen. Danke auch dafür, dass ich mich bei dir aussprechen konnte.“
Dann ging sie und ich folgte ihr mit meinen Blicken. Ich fuhr mit dem Bus in die Chora, nahm wie immer bei Francisco Quartier und durchsuchte am Abend den ganzen Ort, alle Diskotheken und Kneipen, aber wie der Teufel oder sie es wollte, traf ich sie erst am nächsten Tag, als sie gerade mit ihren Freundinnen zu Abend aß. Ich erklärte rundheraus, dass ich Sabine entführen, aber mit der Untat noch solange warten würde, bis sie gespeist hätten. Danach nahm ich sie an die Hand und wir zogen durch mehrere Diskos, in denen wir zwei, drei Stunden tanzten, bis wir eng umschlungen zum Strand Milopotas gingen, wo wir uns – nicht als einzige übrigens – auf wundervolle Weise liebten. Als wir danach, sie in meinen Armen, im Sand lagen, das Rauschen des Meeres und aus der Ferne Musik hörten, da sagte ich mir, dass ich nicht gelebt hätte, wenn ich nie auf diese Insel gekommen wäre.
Nur nebenbei und unter uns bemerkt: Ich rammelte sie nicht die eine Wand hoch, die Decke entlang und die andere Wand wieder runter, denn ich bin Genießer, und es ist nicht meine Aufgabe, die Versäumnisse meiner Vorgänger aufzuarbeiten. Ansonsten halte ich mich humorlos an den Grundsatz „monogam oder save“, wenn Sie wissen, was ich an dieser Stelle damit meine.
Wir blieben, bis in einiger Entfernung ein paar besoffene Engländer damit begannen, in unsere Träume zu grölen.
Ich brachte Sabine zu ihrer Pension, und am nächsten Tag, ihrem letzten auf der Insel, frühstückten wir zusammen. Es drängte mich, noch einmal auf das Thema von vorgestern zurückzukommen, und ich sagte: „Sexuelle Neigungen sind für mich wertfrei, wobei die Frage interessant wäre, ob zur Neigung nicht tatsächlich die fünf Millionen Arbeitslosen und damit der Wunsch kommen, sich unter die harte, aber auch schützende Hand eines dominanten Menschen zu flüchten.“
„Hm.“
„Und vielleicht sehen auch Einzelne darin die einzige Möglichkeit, es dem anderen Geschlecht endlich recht zu machen.“
„Der in seinem Rollenverhalten verunsicherte Mann. Ich bedaure euch zutiefst.“
Sie bestrich ihr Croissant mit Marmelade, und ich lächelte.
„Man sollte dich auspeitschen.“
„Wie schade, dass ich heute schon fahre.“
„Das eigentliche Problem beginnt meiner Meinung nach schon bei den Musiksendern. Wenn 90 Prozent der Mädels in den Videoclips mit Outfit und Bewegungen nur die eine Botschaft rüberbringen: ‚Besorg’s mir und zwar sofort’, dann fördert das einfach einen bequemen Voyeurismus. Manchen ist eine solche Pseudo-Erotik lieber, als sich mit einem wirklichen Menschen auseinanderzusetzen. Und wenn dann jemand sogar beim Anblick eines Handys oder Laptops im Pawlowschen Reflex so etwas wie eine sinnliche Erregung verspürt, dann ist wirklich alles aus. Erotik heißt“, fuhr ich pathetisch fort, „dass ich den weichen, zarten Körper einer Frau fühle, spüre, rieche, und die einzige wirkliche Kunst des schönen Spiels besteht darin, gemeinsam, Hand in Hand, das Paradies zu betreten.“
Ich hatte das Gefühl, nicht an Worten gespart zu haben, aber Sabine lächelte mich an, küsste mich auf den Mund und sagte: „Du bist wirklich süß.“
Als ich mit ihr im Bus zum Hafen fuhr, wusste ich, dass mein Urlaub genau genommen in dem Moment enden würde, in dem sie, auf dem Deck des Schiffes stehend, meinen Blicken entschwand. Ja, ich hatte mich in sie verliebt, fragte mich aber auch ganz pragmatisch, was ein echter Elberfelder Junge, der in Elberfeld geboren und aufgewachsen war, dort lebte, bleiben und einst auch sterben und begraben würde, was sollte ich mit einer Frau, die fast schon in Österreich lebte? So blieb, als wir im Hafen aus dem Bus stiegen und zum Schiff gingen, nur eine einzige Frage: „War er allein unterwegs, Sabine, als er abstürzte?“
„Nein, wir waren zusammen auf dem Gipfel. Ich saß direkt unter dem Gipfelkreuz und aß einen Müsli-Riegel, als ich plötzlich seinen Schrei hörte.“
Ich versuchte ein Lächeln oder gar Hohn in ihrem Gesicht zu lesen, aber es blieb unergründlich.
Wir küssten uns, ich gab Sabine ihr Gepäck, dann ging sie aufs Schiff, ich blieb zurück.
Wie erniedrigend und entwürdigend es für eine Frau doch sein musste, wenn ihr Privatleben, ohne dass sie es wusste, über ein Jahr lang fast völlig von einer fremden Frau, nein, von einem virtuellen Etwas bestimmt wurde. Das dachte ich, während das Schiff auslief und sie auf Deck stand und mir ruhig zuwinkte, ohne sich mit Händen oder Taschentuch an Augen und Wangen zu fahren. 

Stefan Berndt



Blechern stottert
das Stöhnen Verwunderter
und ruckartig schnauben
die Gesichtslosen,
das vogelfreie, namenlose Böse
zur elektronischen Minimalmusik
pomphafter und zugleich
belangloser Morde,
die ein Rechenvorgang zerhackt
und wie rohes Fleisch häppchenweise
durch die Lautsprecher dreht
bis das neue Level geladen ist,
sich das Aufzugsgitter
im nächsten Stockwerk
der aufgelassenen Industrieanlage öffnet,
dem virtuellen Zufluchtsort
wo Neonröhren flackern,
Kabel durch Blutlachen tanzen,
aus undichten Röhren Gas strömt,
das Leben ein abnehmender Balken
und man selber ein Maschinengewehr,
ein Flammenwerfer ist,
der leer aber nicht ausgebrannt,
der zerstört aber nicht enttäuscht sein kann,
und in die Enge getrieben, umzingelt,
noch Kontrolle per Controller hat,
der Punkte sammelt und aus Pixel besteht,
die größer und eckiger werden,
wenn man zu Boden sackt. 

Roman Gutsch



Hilfe, meine Mutter ist online. Ständig ruft sie mich, weil wieder irgendetwas nicht klappt mit ihrem PC. Ich bin ihre PC-Feuerwehr und ihr Tröster, wenn der geliebte Computer mal wieder nicht will was sie will. Ständig versorgt sie mich auch mit interessanten Neuigkeiten, die sie im World Wide Web entdeckt hat. Als ob ich alle Zeit der Welt hätte, dies alles zu lesen. Als angehender Informatiker beschäftige ich mich ohnehin den ganzen Tag mit der Welt der Kommunikation und sitze viel am Computer. Abends bin ich froh, endlich in der realen Welt zu leben. Aber nein, kaum zu Hause schon ruft Mama durchs Treppenhaus hinauf zu meiner Mansarde. Sie hat wieder ein Problem, das keinen Aufschub duldet.
Wenn ich geahnt hätte, wie das endet, dann hätte ich nicht so darauf gedrängt, dass Mutter sich mit dem Internet vertraut macht.
Einen Computer benutzte sie ja schon seit ein paar Jahren, aber nur, um Berichte zu schreiben für unsere Stadtteilzeitung. Damit war sie eigentlich ganz zufrieden gewesen. Waren die Veranstaltungen doch auch immer ein Anlass, Leute zu treffen und sich für ein paar Stunden aus dem Hausfrauenalltag auszuklinken.
Da ich wusste, dass sie schon immer gerne Neues lernte, sich über Gott und die Welt informieren wollte, sich mit Hilfe der Zeitungslektüre, des Fernsehens, der Bücher auf dem Laufenden hielt, dachte ich, dass das Internet gerade das Richtige für sie sein könnte.
Da kam ich aber schlecht bei ihr an, als ich dies vor Jahren zum ersten Mal vorschlug. Ja, als Schreibgerät ließ sie den PC gelten und fand die schnellere Korrekturmöglichkeit sehr hilfreich. Auch die Vielfalt der verschiedenen Schriftarten hatte es ihr angetan. Außerdem hatte sie keine Wahl, sie durfte ihre Berichte nur noch als Diskette beim Verlag abgeben und brauchte schon aus diesem Grunde einen Computer.
Das Internet (soweit sie darüber informiert war) schien ihr jedoch suspekt. Nein, das war nichts für sie. Sie war für das Lebendige, für die Information und Konversation von Mensch zu Mensch. Sie fand es unvorstellbar, dass wildfremde Menschen miteinander im Austausch sind  und dass „virtuelle Welten“ entstanden waren, von deren Ausmaß man sich keinen Begriff machen kann. Jedenfalls hielt sie es für unnatürlich, dass neben der realen Welt noch eine Parallelwelt entstand - und ganz gewiss wollte sie dazu keinen Beitrag leisten.
„Du könntest neue Menschen kennenlernen“ sagte ich zu ihr. „Wozu sollte ich das“, war ihre Antwort. „Ich kenne mehr Leute als nötig, schon allein durch die Zeitungsarbeit und außerdem hat der Tag nur 24 Stunden. Wann soll ich denn die Kontakte pflegen mit allen Bekannten und Freunden, von den Verwandten ganz abgesehen. Und wer macht die Hausarbeit, wenn ich dauernd am Telefon oder am Computer rumhänge“. Ja, solche vernünftigen Argumente hatte meine Mutter damals. Ich hätte auf sie hören sollen.
Eines Tages gab ihr vom Verlag ausgeliehener kleiner Macintosh seinen Geist auf und die Frage nach einem neuen Computer stand im Raum. Jetzt sah ich die Gelegenheit gekommen, Mutter ins moderne Leben, sprich ins Internet zu locken. Sie brauchte wieder einen Apple, da in Zukunft die Texte für die Zeitung direkt in deren PC übermittelt werden sollten. Mit ihrer Freude an schönem Design und an angenehmen Farben werde ich sie ködern, nahm ich mir vor. Ein iMac musste her, das war für mich klar. Als ich ihr den neuen iMac mit der gefälligen Form, der weiß/türkisfarbenen Außenhülle und der kompakten, ei-ähnlichen Form zeigte, war es um sie geschehen.
Von Anfang an hatte sie ein sehr persönliches Verhältnis zu diesem formschönen Apparat, den sie auch jetzt zunächst nur zum Schreiben benutzte. Ich ließ aber nicht locker, sie über das Internet zu informieren und sie nach und nach dafür zu begeistern. Ehrlich gesagt, war ich selbst daran interessiert, dass sie mit dem neuen Mac ins Internet kam, da mein eigener Computer damals schon etwas langsam war und ich gerne einen schnelleren haben wollte für meine Recherchen.
Kurz und gut - ich richtete meiner Mutter einen Internetanschluss ein und eine Mailanschrift. Von da an gab es für Mama kein Halten mehr.
Neugierig begab sie sich auf den Weg zu neuen Ufern. Zuerst ängstlich und sehr zaghaft, da sie der Technik nicht über den Weg traute. Nach und nach aber sicherer und selbständiger.
Zunächst musste sie es erst mal schaffen, Mails zu empfangen und zu senden. Was war das für eine Freude, als es zum ersten Mal klappte und eine Nachricht „hereinschlüpfte“. „Jemand lässt mich nicht ins Netz“ oder „er“ hält meine Mails fest, klagte sie.  „Er“, das war der iMac, „jemand“ war für sie das unsichtbare, unheimliche Netz, das sie sich als ein Gewimmel von Kabeln, Schaltern und „Mikrowellen“ vorstellte, voll mit ungesunden Ausstrahlungen.“
Aber dann entdeckte meine Mutter die Möglichkeit, das Internet als Lexikon zu benutzen. Das war der Anfang vom Ende der glückseligen Zeiten für die verwöhnten Männer im Haus.
Mamas Wissensdurst ließ sie sämtliche technischen Schwierigkeiten überwinden, sie kam, auf welchen Schleichwegen auch immer, von einer Wissensquelle im Web zur anderen, landete bald bei der Familienforschung der Mormonen, den Literaturseiten und -foren, den Verbraucherportalen, den Foren für Senioren, Kaninchenzüchter, Frontsoldaten, Kriegsveteranen, der Singles aller Couleur und aller sexuellen Vorlieben, der Witwen und Waisen, der Mühseligen und Beladenen von den Medizin- und Esoterik-Sites ganz zu schweigen. Bald wusste sie mit Google umzugehen und empfand die Möglichkeiten der schnellen Recherche via Internet als wahres „Schlaraffenland“ der Informationen.
Eine neue Welt tat sich auf und eine böse noch dazu. Moralisch entrüstet rief sie nach mir, als die ersten Spams auftauchten und ihr täglich Viagra, Penisverlängerungen, Prozac und allerlei Liebesdienste anboten. Angwidert wurde sie einige Zeit internetabstinent. Einen solchen Abgrund von Unmoral, Frechheit und Geilheit wollte sie nicht durch ihre Teilnahme auch noch unterstützen. ...“
Erst die Versicherung, dass dies alles schon lange im Netz gang und gäbe ist und auch in Zukunft im Internet stattfinden wird, egal, ob sie nun mitmacht oder nicht, überzeugte sie. Sehr vorsichtig wählt sie nun die Seiten aus, die sie besucht, hütet sich sehr, evtuell aus Neugierde irgendwelche Werbebanner anzuklicken und gibt nur zögerlich ihre E-Mail-Adresse her und auch nur, wenn es unvermeidbar ist, um sich zum Beispiel in einem Diskussionsforum als Teilnehmer anzumelden. Auch Online-Shopping ist ihr nun vertraut und sie genießt es, von zu Hause aus einzukaufen.
Ich werde gerade in meinem Gedankengang unterbrochen von Mama, die mich inzwischen ungeduldiger an ihren PC ruft, weil sie noch schnell einen Bericht über den gestrigen Film in ein bekanntes Online-Verbraucherforum reinstellen will. Außerdem muss sie noch das Cover der Zeitschrift, in der eine ihrer Kurzgeschichten zu lesen sein wird, auf ihre Homepage laden.
„Und das Mittagessen“, frage ich? „Ach, das dauert noch. Ich habe gerade noch mal Kartoffeln aufgesetzt, weil die erste Ladung angebrannt war“, sagt Mutter. Nachdem ich den Fehler behoben habe,  tippt sie ungerührt ihren Bericht. Na, hoffentlich warten die Kartoffeln mit dem Garwerden, bis der letzte Satz geschrieben ist, sonst muss ich mir doch noch eine Pizza holen.
Ernsthaft erwäge ich, mir eine eigene Wohnung zu suchen, denn das ist mir hier zu unruhig. Als Mailverwalter und Computerfeuerwehr für meine Mutter sehe ich meine Zukunft nicht, das wird mir nun in aller Deutlichkeit klar.
Ziemlich frustriert und mit knurrendem Magen wende ich mich wieder meiner eigenen Arbeit zu. Die Hoffnung auf ein baldiges Mittagessen ist mittlerweile geschwunden - denn Mama ist immer noch online. 

Nora Zorn 



Nachts, wenn ich träume,
Glücklich bin, in einer anderen Welt,
Ohne Probleme, ohne Sorgen,
Voller Glück.
Ich bin glücklich. 

Dann wache ich auf,
Erkenne die Wirklichkeit,
Langsam zerplatzen alle Träume
In meinem Kopf.
Vor mir liegt der graue Alltag,
Langweilig, viel schlechter,
Ein Gegensatz. 

Aber muss es so sein?
Muss es einen Unterschied geben?
Können meine Träume wirklich
Nicht wahr werden oder
Glaube ich nur nicht stark genug daran?

Sarah Hobelsberger



Die Welt ist ein seltsamer Ort. Fremd und abstoßend. Da sind Stimmen in meinem Kopf. Es sind eigentlich keine Stimmen, es sind Gedanken, murmelnde Gedanken, wie aus tausend Mündern. Sie bilden ein undurchdringliches Wortgewirr. Es sind nicht meine Gedanken. Sie wirken auf eine Art vertraut, so wie Träume vertraut wirken, aber sie gehören nicht mir. Diese Stimmen wollen mir nichts mitteilen, sie plappern einfach so alle durcheinander vor sich hin. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran.
In der Mittagspause übergab ich mich auf der Firmentoilette. Manchmal überfällt mich einfach ein solcher Ekel, dass ich den Brechreiz nicht mehr unterdrücken kann. Es sind verschiedene Dinge die diese Übelkeit auslösen. Im Büro ist es vor allem die schorfige Struktur der Tapete. Manchmal sind es aber auch andere Dinge. Bäume zum Beispiel. Diese knotigen Geschwüre erfüllen mich mit tiefem Abscheu. Pilze sind fast genauso schlimm, Korallen und Bienewaben auch, oder einfach nur die Haare auf meinen Unterarmen.
Ich drückte die Spülung und sah zu wie die Überreste meines Frühstücks sich in die Kanalisation entfernten. Fraktale Formen kann ich kaum ertragen, sie bereiten mir eine Gänsehaut. Deshalb bin ich Buchhalter. Zahlen beruhigen mich. Wenn ich sehe mit welcher Eleganz sich ihre Puzzleteile ineinander fügen spüre ich eine erleichterte Befriedigung. Was mir Schwierigkeiten bereitet ist dieses ganze Wirrwarr drum herum. Dieses Flimmern und Flirren, wie das chaotische Rauschen eines defekten Fernsehers. Eine Welt aus krabbelnden Ameisen. Ich weiß, dass Ordnung nur eine Illusion ist, die Eigenheit unserer Wahrnehmung, Komponenten zu Einheiten zusammenzufassen. Wenn man sechs Mal würfelt, wird man nicht gleich oft jede Augenzahl erzielen. Wenn man 6000 Mal würfelt schon eher, aber das ist bloß Resultat unserer Verallgemeinerung. So wie man, wenn man dicht vor einer Wand steht und einen kleinen Abschnitt davon betrachtet, die Risse und Unebenheiten darin deutlich wahrnimmt, doch sobald man zwei Schritte zurücktritt verschmelzen sie zu einer gleichmäßigen Fläche. Die Makel verschwinden dadurch jedoch nicht, wir nehmen sie bloß nicht mehr wahr. Letztlich gibt es keinen Wald, sondern nur Bäume. Das ist wohl eine logische Notwendigkeit, denn ein geschlossenes System ist immer unvollständig, seine Gesamtheit ist nicht mehr Teil seiner selbst. Um diese zu erfassen ist immer eine externe Erweiterung notwendig, die ihrerseits wiederum kein Ganzes bilden kann. Das Universum als solches existiert also nicht, sondern nur seine Fragmente. Wenn nichts alles ist, dann muss alles nichts sein. Die Welt besteht aus abstrakten Datenbits, sie erhält ihre Struktur nur durch die Interpretation der Empfänger ihrer Information. Diese Information ist immer potentiell vorhanden, so ähnlich wie Objekte immer potentielle Energie enthalten, aber man benötigt genauso wie dort jemanden, der durch sein Eingreifen das Innewohnende freisetzt. Ohne Beobachter ist die Welt nur eine Möglichkeit. Eine sinnlose leere Hülle. Wenn die Welt nicht mehr als Selbstzweck fungieren kann, verliert sie ihre Daseinsberechtigung. Jeder Versuch ihr einen absoluten, von subjektiven Empfindungen freien Sinn aufzuzwingen ist zum scheitern verurteilt, weil das Ziel von Allem außerhalb seiner selbst liegen müsste. Und außerhalb von Allem bleibt nur noch das Nichts.
Ich trat ans Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Aus dem Spiegel starrten mich meine müden Augen aus ihren tiefen Höhlen an. Ich sah aus, als wäre ich schon seit zwei Tagen tot. Ich wusch meine Hände, formte sie zu einem Kelch und beugte mich vor um mein Gesicht damit zu befeuchten. Karl trat ein, er war einer der Kundenberater unserer Firma.
Er setzte sein schmieriges Grinsen auf als er mich sah und schlug mir auf die Schulter. Ich hasse es wenn man mir auf die Schulter schlägt. Ich hasse Körperkontakt generell, doch diese Art mehr als alles andere. Es ist vollkommen irrational, ich weiß das, aber solche Berührungen machen mir Angst.
„Na, Piet!“, begrüßte er mich mit seiner penetranten Fröhlichkeit. „Siehst heute richtig scheiße aus! Ich meine du siehst immer scheiße aus, aber heute besonders!“
Er lachte schallend über seinen Scherz und klopfte mir noch mal auf die Schulter, bevor er in einer der Toilettenkabinen verschwand.

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Irrtum

Eine tragische Verwechslung
von Freiheit
mit Einsamkeit
die in virtuellen Zweitleben
Ersatzblüten treibt 

für Gewinner
die sich rühmen
sich nicht einzulassen
auf überkommene Leben
aus guten
und schlechten Tagen 

Norbert Rheindorf



Hier spricht der automatische Anrufbeantworter des Erzengels Gabriel.
Meine Flügel sind zurzeit leider völlig überlastet.
Bei Problemen, gleich welcher Art, wenden sie sich bitte direkt an meinen Arbeitgeber.
Wenn sie nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen möchten, dann bitte in folgender Form: „Hallo Erzengel. Ich nehme dir Arbeit ab.“  Alle anderslautenden Nachrichten werden automatisch gelöscht. Herzlichen Dank und ein schönes Leben. *piep* 

Gabriele Junker 



Fingerspitzen auf der Tastatur
Gesichter ertasten
im Cyberspace verborgen
hinter Schriftbild 

bis zum Programmabsturz 

und noch verfolgt
im Schlaf
vom Cybergeist 

Yvonne Plum



Der schon wieder. Hat wieder gefeiert gestern. Mal abgesehen von gestern Abend hat er anschließend die halbe Nacht hier verbracht. Dauernd ist er an mir vorbeigeschaukelt. Und die Geräusche die er da drüben gemacht hat, na ja. Meine Güte hat er dicke Augen. Hoffentlich kommt er heute nicht auf die Idee sich nass rasieren zu wollen. Zum Glück ist er seit einigen Wochen auf den elektrischen Rasierer umgestiegen. Aber früher – oh je. Dauernd hat er sich geschnitten und immer so wehleidige Laute wie „Aua, Autsch, Aaaah“ von sich gegeben und sich dann anschließend das Gesicht mit Pflästerchen zugeklebt. Das sah vielleicht immer bescheuert aus.
Und wie der mich immer ansieht. Manchmal scheint er irgendwie böse auf mich zu sein und zieht ganz merkwürdige Grimassen. Dann sucht er nach Haaren auf seinem Kopf wo keine mehr sind. Grummel. Sah auch mal besser aus, der Typ.
Eklig ist auch wenn er sich die Zähne putzt. Jedes mal wenn er das Zeug ausspuckt, bekomme ich die Hälfte ab. Igitt. Scheint es im Kreuz zu haben, der Gute, oder warum kann er sich nicht gescheit übers Waschbecken bücken?
Ich bin ja mal gespannt, wie sie heute aussieht. Ein hübsches Gesicht hat sie. Hach, manchmal sieht sie mich ne halbe Stunde lang lächelnd an, zum dahinschmelzen. Meist hat sie sich dann vorher so richtig hübsch zurecht gemacht vor mir. Wow. Also geschminkt, gepudert und mit Lidstrich und Lippenstift und so. Ein traumhafter Anblick. Nur die Arie am Vortag, das ist immer ein Akt. Haare färben und Augenbrauen zupfen. Aber sie macht nicht ständig so Geräusche wie er, mit Aua und Autsch und so, obwohl es ihr bestimmt auch weh tut, denn es kommen ihr ganz oft die Tränen dabei. Seufz, wie gerne würde ich ihre Tränen mal trocknen...  Aber ich bin eben schüchtern und wenn ich mich dann mal dazu durchgerungen habe es ihr endlich zu sagen, dann verschwindet sie in der Badewanne. Und immer wenn sie das tut, dann nennt sie mich Schatz. Jawohl. Außerdem ruft sie dann immer ganz laut. Ich weiß gar nicht warum sie das macht, ich bin doch direkt vor ihrer Nase. Na ja, also auf jeden fall ruft sie dann immer: „Schatz, ich bin mal in der Badewanne!“  oder so was in der Art. Übrigens er brummelt dann auch immer irgendeinen Kommentar. Meistens versteh ich nicht was er sagt, aber ich frag mich sowieso warum er sich einmischt, wenn sie doch mit mir redet...
Endlich ist er fertig. Juchhu, dann kommt sie bestimmt gleich.
Ja, sie kommt. Ach Gottchen, die Ärmste. Was sind denn das für schwarze Ränder unter den Augen? Statt einem guten Morgen nur ein Gähnen? Na gut. Sie sieht wirklicht ziemlich müde aus. Aber schöne Zähne hat sie. Wie? Schon fertig heute? Ach, das Badewasser läuft. Yeah – oder auch nicht yeah. Hm. Ich würde sie ja nur zu gerne mal sehen in der Badewanne. Muss ein wundervoller Anblick sein. Aber immer wenn ihr Badewasser läuft, dann wird mir ganz warm und dann beschlage ich wieder und dann kann ich überhaupt nichts mehr sehen. Gemeinheit. Aber dafür macht sie wenigstens anschließend das Fenster auf und tupft mich ab. Das ist ein tolles Gefühl. Oder wenn sie mich sauber macht und das tut sie oft. Ui, ui. Und wie das duftet. Ich rieche anschließend nach frischer Zitrone oder anderen herrlichen Dingen.
Apropos riechen: er macht ja nicht mal das Fenster auf wenn er...  also... na ja... Sehr unangenehm. Meistens bringt er sich ein Buch oder eine Zeitung mit und... ach ich will gar nicht weiter daran denken.
Toll, jetzt bin ich schon wieder beschlagen. Tupf mich doch bitte mal ab, bevor du in die Badewanne steigst. Nur ein einziges mal, bitte. Na ja, seufz.
Er nennt mich übrigens manchmal Achim oder Joachim. Manchmal sagt er auch einfach nur Jo. Ehrlich, ich weiß dann gar nicht was er von mir will wenn er so was sagt wie: „Joachim, heute siehst du geil aus“ oder „Jo! Hast wieder zu tief ins Glas geschaut.“ Ich glaub der spinnt n bisschen. Soll er mich doch nicht so blöd anschauen... zu tief ins Glas...!? Tsss.
Aber wenn ich mich so recht erinnere, dann sagt sie auch manchmal Achim zu mir. Nur letztens, da war hier vielleicht was los. Also letztens, da hat sie mich mal Thomas genannt. Und ihre Stimme dabei – uff. Gleich darauf tauchte hier ein Typ auf, den hatte ich noch nie gesehen vorher. Auf jeden Fall sahen die beiden unheimlich glücklich aus. Hach, war das schön. Nur als er dann kam, also der Typ, der hier immer rumläuft, da war das alles auf einmal gar nicht mehr so toll. Ich hab nicht genau verstanden worum es eigentlich ging und geschrieen haben sie, alle drei. Und gerade in dem Moment wo ich mich beschweren wollte, weil hier schon alles wackelte und vibrierte, ja, also genau in dem Moment hat doch tatsächlich einer was nach mir geworfen. Peng! Ich konnte nicht erkennen wer es war, ging alles viel zu schnell. Seitdem hab ich den Kratzer da oben. Oben rechts, genau. Und sie poliert ständig dran herum und murmelt dann immer so was wie: „Er kann mir einen neuen kaufen“. Ich weiß zwar nicht, was sie genau meint, aber so richtig glücklich sieht sie seitdem nicht mehr aus.
Ooooh... ich werde gerade abgetupft. Hach, wie ich das genieße. Ok, dann mach’s mal gut. Wir sehen uns später, Süße.

Gabriele Junker



Clipping and Clapping through my ears,
People around me are talking with hands,
Surround me with questions and greets,
Nobody knows who I am, so nor do I. 

Land never ends in my mind,
Although it is not real, it is.
I cannot touch, but it touches me,
So where is the different between second and first? 

Mere shadows or real happy people,
What is a figure worth as a friend?
Point by point, blue, green and red,
We are all not more, than technical development. 

But we can talk, we can understand,
We are all the same in this magical land.
I say so and know, it’s a dream wish at all,
As long as I play further on my first life role. 

Taylor Breck



Eij, ich hab mich im Second Life gesehen, da lief auch so einer frei herum, der sich ständig eins in die Fresse gab, eij, den hab ich wirklich da gesehen, wirklich eij, ich wollt es erst gar nicht glauben und hab meine Süße angeguckt, aber die hat wie immer blöde zurück geguckt, nach dem Motto: willste schon wieder, nee, lass stecken, lass mich in Ruhe, kriegste denn nie genug davon. Und ich hab mir meinen Hennessy nur für mich alleine gemacht, soll sie doch gucken, wie sie will, hat sie nun davon… selber schuld!
Und ich war so stolz auf mich, der ich da alleine mit frisch rasiertem Gesicht herum lief im Second Life, mann, ich wusste doch nicht, dass ich in Wirklichkeit so gut aussehe; hat meine Süße mir nie was von gesagt; verstehe, eij, natürlich will sie nicht, dass ich zu viel gut aussehendes Selbstbewusstsein kriege, wie damals meine erste Tusse schon nicht, die im Hosenladen sagte, dass wir die Hose nicht kaufen, weil ich darin einen verdammt guten Arsch hätte…
Lern mir einer die Frauen kennen. Damals war ich ja noch stolz auf ihre Eifersucht, heute weiß ich, dass sie mich kaputt gemacht hat, dabei wollte ich mich eigentlich nur selber kaputt machen, mit arbeiten gehen und für die Familie sorgen und so, versteht ihr, dem Tag einen Sinn geben, auch wenn er nie einen hatte, spürt man ja sofort, da hat man sein linkes Bein noch nicht aus der Bettdecke auf den Boden fallen gelassen – und nun das: mitten im Second Life.
Mensch, würd’ ich zu meiner Süßen sagen, guck dir das an. Aber sie ist mittlerweile eingeschlafen. So wie immer in letzter Zeit. Aber sie hat ja auch viel zu tun den ganzen Tag über. Und manchmal auch nachts.
Zum Glück gibt es mittlerweile eine Kamera, die einen so zeigt, wie man wirklich ist. Früher habe ich die Namen von solchen Sachen immer vergessen, diesmal nicht: Second Life. Der Firma werd ich schreiben. Vielleicht werd ich in den Briefumschlag sogar ein Bild von meiner Süßen reinlegen, dann sieht sie sich auch mal so, wie sie in echt ist…
Eij, das werd ich tun…
Ich überleg jetzt, wo die mich aufgenommen haben.
Ich glaub, ich kenn den Typ, der das gemacht hat, der hatte den blauen Pullover an, der hatte immer den blauen Pullover an, und immer wenn ich ihn ansah, sah er weg - bis meine Süße aufm Flur genervt nach mir rief, dass ich vom Spiegel im Badezimmer endlich wegkommen solle, nur, glaube ich, weil sie nich wollte, dass der Kaffee aufm Küchentisch kalt wird…
Eij, ich fühl mich so gut wie noch nie… ich glaub, sie und meine Spiegelbilder lieben mich wirklich!

Willi van Hengel



Geschiedener Single. Schichtarbeiter. Briefmarkensammler.
Wohnberechtigungsscheinbesitzer. Messie. Bierinteressent.
Einzelgänger. Couchpotatoe. FastfoodJunkie.
First life. 

Frauenversteher. Manager. Oldtimersammler.
Penthousebewohner. Putzfraunutzer. Kunstinteressent.
Operngänger. Golfspieler. Gourmet.
Second life. 

Anna Catharina von Rosenthal



Hardware generiert
Software genährt 

Realität gefasst und berührt
Scheinst mir näher und wirklicher als die echte Zeit
Diese echte Zeit in der scheinbar realen Welt 

Fühl deinen Atem, fühl deinen Schmerz
kann dein leises Weinen spüren auf meiner Haut 

Fühl mich dir näher und vertrauter
als den Körpern die mich jeden Tag tangieren 

Virtuelle Welt
Du bist da
wenn ich dich brauch
Du bist da
wenn ich mich verloren hab
Du bist da und bringst du mich zurück 

Unendliche Weiten
du mir zeigst
Unendliche Gefühle
du in mir erweckst 

Fühl mich groß
Fühl mich stark
Denn ich hab dich
Virtuelle Welt 

Gibst mir Halt, Stärke und Träume
Die längst vergessen in mir ruhten
Virtuelle Welt ich find dich toll 

Und wenn du mich mal nervst
was selten ist
dann drück ich dich ganz einfach weg 

by SandyBlue 12.März 2007



Die Sehnsucht nach inn`rer Heimat und Frieden im Herzen
den Ort den Gott durch meinen Vater, meine Mutter und mich selbst erwählt
verkauf ich des Abends an virtuelle Welten,
such ihn in Büchern tausendfach
und erfahre wieder nur vom Leiden vieler und weniger "Glücklicher" die es vollbracht
und schicke unbemannte Sonden in den Ätherraum am Telefon...

Im kleinen Grüngehege umgrenzt von hohen Zäunen,
versucht meine Seele dann der Enge zu entfliehen,
mal mich euphorisch auf dem Rasen wälzend, mal sinnend ohne rechten Sinn,
mit vielen Worten nichts sagen könnend.
Und spricht es mich dann manchmal aus
so hängen es die Richter gleich und Synapsengurus heften mich in ihre Bestimmungsfibeln.
Auch meine Gitarre spielt nicht mehr,
gibt nur mit müdem Klang die eingeübten Leiern in ständiger Wiederholung wieder
Nur in erwählten Augenblicken vertraut Es mir Stift an und Papier
und im Inneren da hallt es ozeanisch:
Erzählt vom Wald der Leidenschaft ist,
nicht wie zuvor vom Weg dorthin:
Wo müde alte Vipern auf Bäumen lauern,
und das Angesicht der Feen sich im Mondlicht spiegelt
Und danke Gott,
das er die Zerrissenheit und Traurigkeit mir ließ
und nahm mir meinen Hass
und gab mir dafür anstatt:
Die Lust am geben, wenn die Blätter fallen
und mich sein lassen
endlich
ohne Präposition und Bedingung 

Thomas Hecht



Daniel McArthur saß auf einer Bank am Fluss und schaute müde auf die Wellen. Auf seinem Schoß lag ein Stück in Zeitungspapier eingewickelter heißer Backfisch, den er am Imbiss hinter sich erworben hatte. Er streckte die Beine aus und ließ sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen.
Zu Hause warteten seine Frau und seine vier Kinder darauf, dass er von der Arbeit heim kehrte, doch er gönnte sich diesen Augenblick der Stille und der Ruhe. Versonnen träumte er dem Frachtkahn hinterher, der grau und tief beladen den nahe gelegenen Hafen in Richtung Meer verließ.
Heute Nacht war alles gut gegangen.
Jedes Mal, wenn er zur Arbeit ging, setzte er sein verdammtes Leben aufs Spiel. Und wofür?
Er kniff die Augen zusammen und massierte mit Daumen und Zeigefinger seinen Nasenrücken.
"Von diesen Fingern", dachte er, "hängt alles ab. Mein Leben, das meiner Familie, alles."
Wie gerne würde er morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, den ganzen Tag schuften, um abends im Kreise seiner Lieben den Feierabend zu genießen.
Aber er durfte nicht. Keiner wollte ihn. Es war nicht seine Schuld.
Während er seinen Fisch auspackte, wurde das Klatschen der Wellen von einem Brüllen überfahren, als ein Privatjet vom Privatfughafen am Rande der Stadt abhob.
Die Flug- und Spielzeuge der zehn Reichen der Stadt waren dort untergebracht und warteten.
Der Rest der Menschen war eine graue Masse. Und arm.
Als Daniel die Zeitung auf seinen Knien glättete, überflog er die Schlagzeilen.
"Die Natur schlägt zurück", kam es ihm in den Sinn. "Hier, Flutwellen in Hamburg, 200 Tote. Sturm fegt Neu-Delhi menschenleer. Ausnahmezustand. Weite Teile der Schweiz von Zivilisation abgeschnitten."
Nachdenklich kaute er seinen Backfisch und fragte sich, ob die Menschen an dem allen wohl selber schuld seinen.
Der Mensch wird wahrscheinlich nicht überleben, wenn er sich gegen die Natur stellt. Die Natur kann auch ohne den Menschen, sie wird einen Weg finden. Der Mensch nicht. Er braucht die Natur, die er zerstört.
Genauso, wie er Geld brauchte zum Leben. Und heute Nacht hatte er es geschafft.
Der Einbruch war perfekt gelaufen.
Gut geplant und von ihm alleine durchgeführt. "Diese Finger, von ihnen hängt immer alles ab."
Er hatte es geschafft einen der zehn Reichen zu erleichtern. Dieser würde es wohl kaum merken, aber seine Familie konnte zwei Jahre davon leben. Drei, wenn sie sparsam sein würden.
Er zerknüllte gutgelaunt die Zeitung zu einem Ball, den er in den Fluss schießen wollte, besann sich jedoch eines besseren und warf ihn in die Mülltonne.
"Vielleicht bringt es ja etwas", lächelte er als die Handschellen klickten und er von zwei Polizeibeamten auf den Boden geworfen wurde.
Doch plötzlich drehte sich alles und Daniel McArthur schien seinen Körper zu verlassen. Er war nicht mehr nur Daniel, er war mehr. Er war auch die zwei Polizisten. Und er war die Frau aus dem Fischverkauf. Und sein Bewusstsein wuchs und wuchs. Jetzt war er schon das ganze Viertel, dann die ganze Stadt. Und doch war er mehr er selbst als er zuvor gewesen war, auf eine andere, ursprüngliche Art. Er war er selbst und alle anderen. Einbrecher, Politiker, Tanzlehrer, Hausfrauen, alle Menschen auf der Erde fanden sich ein und wurden eins. Ein Bewusstsein, endlich wieder zusammengeführt.
Mit einem lauten Stöhnen erhob er sich und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er blickte sich in dem kargen Raum um, in dem vor ihm nur ein Computer mit Neuro-Sensoren stand. Er selbst lag in einem Sessel und stöpselte sich benommen die Anschlüsse von der Stirn. Neben ihm erklang eine vertraute Stimme:
"Das war aber verdammt knapp! Du hast wirklich Glück gehabt, dass Du das noch geschafft hast. Ich hätte nicht gedacht, dass das funktioniert! Meine Güte, Du hast die Erde ganz schön zu Grunde gerichtet, weißt Du das? Das wäre nicht mehr lange gut gegangen und alle wären draufgegangen. Aber was soll es. Es war ja nur ein Spiel. Hauptsache, Du hast alle Punkte erreicht.
Willst Du noch einmal? Oder soll ich Dir mal zeigen, wie ein Meister so etwas spielt?"
Alleine beim Gedanken daran wurde ihm übel.
"Nein", krächzte er, und ging hinaus, "lass uns lieber etwas trinken gehen, auf das Spiel habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr."
Die andere Stimme folgte ihm. Leise hörte man noch "Auf die Dauer ist es eh langweilig", bevor es ganz still wurde.
Und Daniel McArthur lag im Dreck im unbeugsamen Griff der Polizisten und fühlte sich sehr einsam.

Copyright Andreas Dresen, 2006



Es ist fünf Uhr. Der kalte, neblige Morgen schweigt in seinem grauen Schleier. Leise tickt die Uhr, dröhnend im unerträglichen Takt durch den Geist des Wesens.
In nur noch 60 unendlich langen Minuten ist alles vorbei.
3600 Sekunden, die zu ewigen Jahren werden, in denen Epochen und Zeiten ihr Ende finden - und doch Welten geboren werden die nicht länger sein werden als ihr Untergang dauern wird.
Sein Leben spiegelt sich in seinen Gedanken.
War die Vergangenheit falsch?
Hat sich sein Handeln dieser nun bald verlorenen Wirklichkeit aus Zeit so angepasst, dass er nicht mehr unterscheiden konnte was richtig und was falsch war?
Was hat er überhaupt gemacht?
Hat er überhaupt etwas gemacht?
Seine Zukunft ist für ihn ungewiss - scheinbar.
Für andere Menschen scheint sie in seinem Fall mehr als nur sicher zu sein.
Er aber zweifelt - an was?
Gibt es da vielleicht etwas, dass ihn dazu bewegt anders zu denken als andere Menschen und doch noch in dunkler Nacht den Fluchtpunkt, wie eine hell leuchtende Flame einer noch so kleinen Kerze, am Ende des Tunnels zu sehen wo doch wahrhaft nichts zu erkennen ist? 
„Sitzt er wieder im Raum?“
„Ja, Herr Doktor. Seine Therapie bringt ihn immer wieder in genau dieses Szenario.“
„Er hat ein Problem damit. Ich weiß. Er geht in der Zeit immer um 100 Jahre zurück. In den ersten Sitzungen ist er noch weiter zurückgedriftet. Doch seit einigen Wochen hält er sich genau an dieser Szene fest. Er lässt sie immer und immer wieder abspielen. Dort liegt auch sein Problem.“
Langsam geht die Schwester mit dem Arzt zurück zur Rezeption.
Und schon ist es fast genau 17 Uhr und 30 Minuten. Die heutigen Verkehrsmeldungen halten sich in Grenzen. Nur ein kleiner Stau auf der Birkenwaldstraße - drei Kilometer aus der Stadt heraus. Im Zentrum hat sich ein Auffahrunfall ereignet. Die Sicherheitskräfte haben eine Umleitung ausgeschildert, doch die quillt zwischenzeitlich auch über. Allgemein ist mit zähflüssigem Verkehr zu rechnen.
Soweit zu den aktuellen Meldungen und nun zurück zur Musik, jetzt mit dem Titel .......  
Ring ring. Ring ring.
Guten Tag. Landespsychiatrische Anstalten. Sie sprechen mit Assistentin Irmgard Wagner.
Hmm. Ja ......, ja.
Die Lieferung, ........., ja, der Termin ist noch offen. Die dringend benötigten Medikamente sind noch nicht eingetroffen.
Ja, ........ Moment bitte, ich frage kurz nach.
„Pfleger Bernstadt bitte sofort auf 107 melden! Pfleger Bernstadt bitte!“
„Hast du schon gehört, die Neue ist solo und jeden Abend alleine in der Bude.“
„Ja, an die mache ich mich schon ran.“
Pieppieppiep
„Ja, Herr Bernstadt - wie geht es dem Patienten auf 13 C?“
„Wir mussten ihn verlegen. Er benötigt seine Medikamente mehr als nur dringend. Wir haben ihn zur Sicherheit mit Barbituraten abgefüllt. Es geht nicht mehr anders. Das Medikament muss schnell kommen, sonst kann alles passieren. Und wenn der außer Kontrolle gerät ...... . Na ja, was der gemacht hat um hier zu landen spricht ja für sich!“
„Ja, ich weiß, aber ...“
„Guten Tag. Meine Schwester wurde hier nach einem, ähm, ja,  äh..... Unfall eingeliefert. Können Sie mir sagen wo sie liegt?“
„Warten Sie bitte bis ich das Telefongespräch beendet habe. Es ist dringend.
Also Herr Bernstadt, ich melde mich wieder wegen dem Medikament - wenn ich weiß, wann es kommt.
Piep
Hallo, sind Sie noch da?
Ach ja, also wir benötigen das Zeug sofort - Notfall. Höchste Dringlichkeitsstufe.
Ja, ..........., ja, ja, - gut, also dann per Expresslieferung. Heute noch. Geht klar. Ja, tschüss.“
„Siehst du den an der Rezeption, wie der die anmacht?“
„Also wie meinten Sie, Ihre Schwester ...... Wie heißen Sie denn überhaupt - und, ja, für Unfälle sind wir hier nicht zuständig, da ist die andere Klinik ums Eck rum .......“
„Wie soll ich das sagen, es war ja nicht ein so - wie sagt man das - also, so ein üblicher Unfall, es soll wohl mehr so gewesen sein wie, ..... Hebeisen ist der Name, also, wenn Sie mal nachsehen könnten?“
„Ah ja, ich sehe schon.
Hebeisen, die Frau die versucht hat sich die Pulsadern in der Badewanne aufzuschneiden. Ja, also als Unfall kann man das ja wirklich nicht bezeichnen. Sie sind hier in der Klapse!
Aber zu der Verrückten können Sie leider noch nicht, die muss erst wieder zur Besinnung kommen. Allerdings brauchen wir noch mehr Daten - und die Sicherheitskräfte haben da auch noch einige Fragen. Wie ich gehört habe waren da wohl noch synthetische Amphetamine im Spiel – P7, teuflisches Zeug. Soll wohl zu bestialischen Wahnvorstellungen führen.
Wissen Sie was davon?“
Nebenan läuft die Therapie weiter, wie immer, mit dem gleichen Thema und dem gleichen Bild. Alles absolut identisch: Handlung, Personen, Aussagen. Heute zum19ten Mal.
Sieht er eine Lösung die andere nicht erkennen wollen oder können?
Ein Lächeln strahlt in seinem Gesicht, wie eine sanfte, hell erleuchtete Aura umgibt sie seinen Körper. Er gibt sich selbstsicher - und doch ist er unsicher. Doch da ist etwas in ihm, dass er nicht erklären kann. Hoffnung oder Gewissheit?
Seine Zukunft ist so gewiss wie ungewiss, und doch gibt es keine Alternative zu dem, was kommen wird - in den nächsten 59 Minuten, die sein Ende bringen werden. Ein Ende, von dem es kein Zurück geben wird.
Ein Ende aber auch, das immer kommen wird, so oder anders - bei jedem Menschen.
„In welchem Semester bist du?

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Virtuelle Welten

Litrum sucht Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichte für eine Anthologie zum Thema "Virtuelle Welten". Die Texte müssen sich nicht auf Second Life oder andere bestehende Online-Welten beziehen, sondern können sich vollkommen frei mit anderen Realitäten auseinandersetzen.

Für die Arbeiten gibt es weder eine vorgegebene Textform, noch eine vorgeschriebene Textlänge. Experimentelle Arbeiten, die das Thema angemessen in Szene setzen, sind ausdrücklich erwünscht. Die Ausschreibung läuft zunächst bis zum 31. Dezember 2007 und wird bei großem Interesse verlängert. Texte können ab sofort an texte@litrum.de gemailt werden. Alle eingereichten Arbeiten werden bei Litrum veröffentlicht.

Im Forum auf dieser Seite können Autoren und Leser über virtuelle Welten diskutieren, Ideen austauschen und Themen finden.

                                     Die Presseinformation zum Start des Projekts können Sie hier downloaden