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Die Menschen sehen ihre Welt, die sie als Gegenwart bezeichnen, stets mit ihren eigenen Augen. So fehlen ihnen Abstand und Übersicht zu ihren Erfolgen und Fehlern. Eine Übersicht, wie sie über geschichtliche Perioden selbstverständlich ist. Die Entdeckung Amerikas, die Reformation, die industrielle Revolution - all das betrachten wir als Ganzes und erkennen bei genauerem Hinsehen die Zusammenhänge. Doch für die Gegenwart scheitert dieser Blick, weil er sich im Detail des Erlebten und unseres eigenen Lebens verliert. Daher sucht das Projekt "Historische Gegenwart" nach Texten, die sich mit der Gegenwart aus einem (erdachten) historischen Blickwinkel beschäftigen. Weitere Vorgaben an Textart oder -gestaltung gibt es nicht. Gedichte sind genauso willkommen, wie Kurzgeschichten und Erzählungen.
Alle Texte sollen mit dem Betreff "Historische Gegenwart" an texte@litrum.de gemailt werden, gerne auch mit Fotos oder Illustrationen. Einsendeschluss für das Projekt  ist der 31. Dezember 2009. Bei entsprechender Qualität der eingereichten Texte wir Litrum nach Ende des Projekts eine Anthologie herausgeben.


Mein Gegenwartsheute

Da brauchst du dich nicht zu wundern!
Das kann ja gar nicht sein, dass dich solche Lebenssituationen kalt lassen.
Da muss man ja träumen!
Anne-Marie und ihre Freundin Lisbeth sitzen einander im Cafe Fritz wie an jedem Dienstag gegenüber und aktualisieren wieder einmal ihre Emotionswelten. 
Jetzt hat er dir erst vor nicht allzu langer Zeit seine beiden Exfrauen vorgestellt, und nun feiert er mit dir und zwei seiner Exfreundinnen seinen Geburtstag.
Damit ihr einander kennenlernen könnt, hatte er gemeint.
Es ist dann doch ein bisschen komisch, wenn ihr auch gleichzeitig, wie du erzähltest, viel Spaß dabei hattet.
Es spricht ja für ihn, meint Lisbeth weiter, wenn man auch im Nachhinein in freundschaftlichem Kontakt miteinander bleibt, aber es fordert doch wiederum eine gehörige Portion an Akzeptanz von den Folgefrauen.
Anne-Sophie sei ja selbst so froh, dass zwischen ihrer Tochter und ihrem Ex-Schwiegersohn solch gutes Einvernehmen bestünde, sodass es für Enkelin Pia ein Segen sei, aber sie selbst war diesbezüglich ohne Erfahrung geblieben. Dreißig Ehejahre hatten sie zwar einiges gelehrt, aber für ihren Mann war sie immer die einzige und die wichtigste Person in seinem Leben gewesen, und umgekehrt natürlich auch.
Genauso die fast als prüde zu bezeichnende sexuelle Orientierung.
Naja, christlich fundamentiert, müsste man dazu sagen.
Verhütungsmittel- und Zölibats-Diskussionen einmal beiseite gestellt.
Nun ist dann doch in diesen Belangen für Anne-Sophie neue Angepasstheit angesagt.
Selbst noch in ihrem Alter, wie es den Anschein hat.
Ja, aus der Beziehung mit der Elsbeth hätte er dies gelernt, aus dem Miteinander mit Gundula jenes, et cetera, et cetera.
Seine Tiefen, in die hinabzusteigen er sich oftmals genötigt sah, hätten ihn eigentlich auf seinem dann doch sehr spannenden Lebensweg sukzessive weiter gebracht.
So wie er nun das Leben zu betrachten in der Lage sei, da hätten ihn die Ereignisse der jeweiligen Jahre wohl ganz gehörig abgeschliffen.
Ein Menschenleben, welches sich schon mehr zu einem Sechziger hinüberzuneigen beginnt, ist halt voll von Geschichten.
Von gigantisch erotischen bis hin zu enttäuschend traurigen.
Oftmals sind sie regelrecht tragisch, dann wieder wunderbar schön.
Allerdings immer wieder kommen Abschiede darinnen vor.
Trennung von Freunden.
Trennung von den eigenen Kindern.
Von Lebensbegleitungsmenschen.
Von zur Heimat gewordenen Ländern.
Immer wieder Neustart.
Immer wieder Hoffnung.
Und Zuversicht in das Leben.
Ja, und das Rad der Zeit kann sowieso niemand zurückdrehen.
Auch wir können das nicht, sind sich Lisbeth und Anne-Sophie wie immer in der Quintessenz ihrer Betrachtungen dann einig.
Wir sind das, was wir aufgrund unserer Erfahrungen geworden sind.
Kabi, wie der Neue in Anne-Sophies Leben von allen in Abkürzung seines Familiennamens genannt wird, hat nun eher eine WG- und Revolutionsgeschichte hinter sich.
Schauplatz Deutschland.
Hausbesetzungen.
Flugblattverteilung.
So nach dem Motto, wir steigen aus, aber nirgendwo ein!
In völliger Abkehr von festgefahrenen Denkstrukturen der Gesellschaft wurde unter den Punks alles in Frage gestellt.
Ein fatalistisches Denken.
Fuck off!
Piss off!
Keine neuen Atomkraftwerke bevor die alten nicht aufgebraucht sind!
Antimusik.
Antitexte.
So hatte Kabi bei seiner Geburtstagsfeier in der letzten Woche unter anderem auch, in Nostalgie schwelgend, von den Toten Hosen einige Songs abgespielt.
The Jimi Hendrix Experience.
„............ich rede von Gefühlen und benütze den Verstand!
Erklär’ mich für gesund und mach’ mich selber krank!“
Kabi singt aus voller Kehle mit.
Heiser und laut.
Was für eine blühende, optimistische Sache Punk zu Anfang gewesen sei!
Und wie sie das einmal berührte Herz teilweise noch immer nicht verlassen hat!
„........ich erfinde die Gesetze und mach die Religion!Ich bin mein eig’ner König und die Erde ist mein Thron!“
Anne-Sophie will sich konzentrieren, und obwohl die Lautstärke des Tonträgers voll ausgeschöpft scheint, oder vielleicht gerade deshalb, es bleiben nur einige unzusammenhängende Wortfetzen in ihrem Bewusstsein haften.
„.........ich sehne mich nach Licht und bin süchtig nach dem Mond!
Drehe mich im Kreis und denk’, es geht nach vorn!“
Die Denkanstöße, die sie allerdings momentan erhält, findet Anne-Sophie grandios.„Ich lebe und sterbe im selben Atemzug!“
Ja, mit jedem Atemzug sind wir dem Tod mehr oder weniger um eine Sekunde näher gerückt, was wohl viele Menschen in ihrem Leben zu verdrängen gewillt sind.
Die alte CD, wobei damals in den Siebziger Jahren das Cover, auf welchem nackte Menschen abgebildet waren, in Deutschland als verboten gegolten hatte und nur über England zu bekommen gewesen war, als auch die neue, worauf die allergrößten Erfolgssongs der Band gesammelt worden waren, faszinieren.
Schöne, nackte Menschen.
Ja, da treffen konträre Welten aufeinander!
Derlei, was es da nicht nur in den Sechzigern und Siebzigern alles gegeben haben musste, war an Anne-Sophie und Lisbeth irgendwie vorbeigegangen, auch die Achtziger und Neunziger mussten es wohl in sich gehabt haben.
Zumindest war ihrer beider Alltag nicht davon betroffen gewesen.
Anne-Sophie hatte damals einige Jahre weder Geld für Tageszeitungen, noch Zeit, um fernzusehen gehabt.
So schien sie das Hauptsache-verheiratet-Programm vielleicht auch davor irgendwie in Schutz genommen zu haben.
Und Lisbeth, die überhaupt gleich nach ihrer Heirat Zwillinge bekommen hatte, schien davon ebenfalls verschont geblieben zu sein, denn alles mal zwei, war dann neben Job und Haushalt und Hausbau auch allemal als ausreichend anzusehen gewesen.
Abwechslung boten in ihrem Alltag so mancher Ball, die Sonntagsgottesdienste, die Mai- und Kreuzwegandachten, das Pfarrfest, die ganze christliche Weihnachtsvorbereitungszeit und der vielen kirchlichen Feste mehr.
Die einen also traditionell behütet und angepasst.
Die anderen als Hippies oder Punks, sich alle Freiheiten nehmend.
Doch allesamt irgendwie auf der Suche.   
Und dann hatte Anne-Sophie nach besagter Geburtstagsfeier folgenden Traum:
Kabi, erst gerade etwa dreißig Jahre alt, dunkles, langes Haar, sitzt in einem Wohnzimmer, umgeben von mindestens dreißig jungen, schlanken Frauen in Puppengröße. Sie lehnen alle brav nebeneinander, bewegen sich nur wenig, und lächeln bedingungslos.
Sollte sich Anne-Sophie etwa eine von diesen lebenden Puppen aussuchen?
Kabi lächelt ihr zumindest aufmunternd zu.
Und so begutachtet Anne-Sophie sie alle, indem sie an ihnen vorbeiexerziert und ist ganz begeistert, wie schön sie alle bemalt sind.
Manche gestreift, manche geblümt, manche ornamental gemustert.
Die einen schwarz-weiß, die anderen in schrillen Farben.
Anne-Sophie mustert sie alle.

Die schönen, nackten Frauen mit ihren Mustern.
Kabi scheint sehr stolz auf seinen Puppenladen zu sein.
Lauter Unikate!
Jede Puppe ein Original.
Eine schöner wie die andere. 

Ornamente des Lebens.
Ornamente der Menschen.
Ornamente des Liebens.
Immer wiederkehrend?
Immer weiterführend?
Im selben Takt?
In derselben Formation?
Oder doch jedes Mal anders? 

Anne-Sophie lässt der Traum ganz einfach nicht los.
Träume sagen schließlich und endlich etwas aus.
Tragen eine Botschaft in sich.
Ja, jeder Mensch an und für sich ist etwas Einmaliges.
Der eine bunt, der andere lediglich schwarz-weiß gestreift.
Im übertragenen Sinne natürlich.
Und demnach gehen in einer neuen Partnerschaft wieder einmal zwei völlig unterschiedlich gemusterte Menschen ein Stück des Lebensweges miteinander.
Versuchen aus ihrer eigenen persönlichen Vielfalt heraus den anderen zu ergänzen.
Oder sich ihm oder ihr anzupassen.
Und um zu beobachten, zu welchem Muster sich diese Eigenschaften verweben wollten.
Zu welchen neuen Ornamenten sie fähig sind.
Und um eines Tages zu fragen: Würde es diesmal eine Bordüre für den Rest des Lebens sein können? 

Evili Mani



1.
Die Stadt ist ein Wald
aus Beton.
Kein Ort zum Leben.
Kein Ort zum Sterben.
Der Himmel darüber
voll Würmer.
Die Engel
gestürzt...

                                                        Aber manchmal, des Nachts, wenn wir schlafen, spüren wir in unsern Träumen, dass es noch etwas anderes gibt, als den täglichen Krieg um das Geld.
Wir erwachen in Trümmern… Werden geweckt von dem dröhnenden Zug: Morgen für Morgen um 4 Uhr 50 verlässt die erste S- Bahn des Tages den Bahnhof und schießt dann auf kreischenden Schienen dicht an den zersprungnen Kellerfenstern des Abbruchhauses vorbei, hinter denen wir eine Herberge fanden. - Wir, das sind Mr. Dee Jay (15), Rose (13), Bommel (9) und ich, Jack the Rapper (14). Wohlgemerkt, dies sind nicht unsre richtigen Namen - wir gaben sie uns zum Schutz vor den städtischen Kinderfängern.
„Magst n’ Tee?“ hat mich Dee Jay gefragt. Er hockt neben Rose, im flackernden Licht der Adventskerze, auf unserem Sofa aus Ziegelsteinen. Vor ihnen, über dem Gaskocher, steigt heißer Dampf aus der Blechbüchse.
„Njaa…“, sage ich und lese mich aus dem Wust alter Decken und Pappkartons. Bommel kommt eben vom Pissen herein: „Morgen, Kids!“
Kurz darauf sitzen wir zu viert um den Kocher und reden nur wenig. Es ist verfickt kalt an diesem frühen Dezembermorgen: Jedes Wort, das du aussprichst, gefriert in der Luft.

2.
Wenn Dee Jay und ich, gegen halb 7, das Haus verlassen, gehen wir vorsichtig vor: Einer steht Schmiere, lugt durch den Bauzaun, und wenn die Luft rein ist, schiebt dann der zweite das Brett für den Durchschlupf beiseite.  – Einmal draußen, befindest du dich mit einem Mal in der anderen Welt. Hier reihen sich Geschäft an Geschäft: Fastfood- Filialen im Vorweihnachtsflimmer, Versicherungsagenturen und Banken neben den grell geschmückten Einkaufspalästen der großen Konzerne. Hier darfst du nicht rumsteh’n, nicht rumsitzen, geschweige denn jemanden um nen Euro ansprechen. Hier darfst du nur kaufen, kaufen…
In Baggypants, die Sneakers im pulvrigen Schnee, ziehen wir durch die Einkaufspassage zum Bahnhofsvorplatz. Hier gibt es überall Augen, die dich auf Schritt und Tritt überwachen. Dee Jay reißt sich auf einmal die Schirmmütze runter, reckt sich zu einer der Kameras auf, streckt die Zunge raus, zeigt den Stinkefinger.
„Ey, biste verrückt!?“ fahr ich ihn an.
„Verrückt…“
„O sorry! Ich weiß schon.“ Ich darf dieses Wort nicht vor ihm ausprechen, da es ihn an seinen Vater erinnert. Weil der etwas anders als andere dachte, halten sie ihn seit über zehn Jahren, zugedröhnt mit Psychopharmaka, weggesperrt in der Anstalt.
„Schon gut, Jack!“, meint Dee Jay, „bin ja nicht so wie mein Alter.“
Unauffällig nehmen wir Abschied: „Bye!“ – „Bye!“
Dee Jay trottet rechtsum in die Hauptverkehrsstrasse, zum ‚Gluck’ - dem Café für junge Obdachlose, in dem er jobbt.
Ich bieg in die Strasse zur Linken. Nach 200 Metern geht’s nochmals nach links in die Einfahrt und dann zu der Treppe, die mich steil hinab in die Katakomben von MR. WONDERLAND führt.
Seit Paarwochen schufte ich dort auf dem Lager, für 2 Euro 37 die Stunde: Ramsch sortieren, Paletten entladen, Kisten kreuz und quer durch die Hallen schleppen... – Ich poche ans Tor. Heut öffnet sich mir nur das kleine Fenster: Suleyman spinxt durchs Gitter und meint: „Kannst gleich wieder geh’n.“
„Hä, wieso!?“
„Hat der Möllmann gesagt. Der wurde gefickt von der Aufsichtsbehörde.“
„Ey, warte!“ ruf ich, als vor mir das Fenster zuschnappt. „Ich krieg noch für drei Tage Kohle!“
„Kannste vergessen!“ hör ich durch den Spalt. „Hast nie hier gearbeitet!“
„Waa!? Is der Möllmann denn gaga?“
„Beschwer dich persönlich bei MR. WONDERLAND!“
„Den gibt’s doch gar nicht…“
„Ha, und ob es den gibt!“ lacht Suleyman hinter der Scheibe, „MR. WONDERLAND ist Milliardär und sonnt sich am Pool irgendwo auf Hawaii oder auf den Bahamas.“    

3.
„Du? Rausgeflogen?“ meint Rose, die ich, mit Tüten beladen, beim Pfandflaschensammeln vorm CENTRO antreffe. 
„Yo, Kacke, wa!?“, erwidere ich und schaue mich um: „E, Blümchen, wo ist’n dein Bruder?“
„Selber Blume! Ich weiß nich… Der Bommel hat rumgeflennt wie n’ Baby und ist dann ab in das Einkaufszentrum.“
„Biste bescheuert!? Wie kannste den alleine da rein rennen lassen? Wenn der da Scheiß baut…“
„Wo willst’n hin, Rapper?“ ruft Rose mir nach, als ich schon zur Tür steppe.
„Na, unser Baby rausholen!“
„Jingle bells, jingel bells“, tönt es vom Band. Ein fliegender Schlitten mit goldnen Geschenken. Riesenkugeln in Neon. Engel aus Pappe. Die große Weihnachts- Verarsche. Der Reichtum befeiert sich selbst.
Ich düse im gläsernen Aufzug nach oben bis unter die Kuppel. Hänge mich ans Geländer und spähe hinab in den künstlichen Park. Nach ner Weile entdecke ich Bommel am Wasserfall unter den mit Lametta behangenen Plastikpalmen.
Ich stell ihn zur Rede: „Was rennst’n weg, Alter?“
„Kalt war mir, kalt.“
„Und was haste da in der Hand?“
„Öh, n’ Nikolaus…“
„Aus Schokolade - gemopst!?“
Er sieht zu Boden und nickt. „Hab so’n Hunger…“
„Du spinnst wohl! Menschenskind, hier sind überall Spitzel und Kameras!“
„Is mir egal, wenn sie mich kriegen“, gibt der Knirps trotzig zurück. „Dann komm ich eben zu Oma.“
„Zu Oma, von wegen! Die steckt dich sofort zurück in das Heim. Dort sperrt man dich ein, weil du ausgebüxt bist. Deine Schwester wirst du nie mehr wieder seh’n. Und das Schwein von Erzieher wird dich auch wieder anpacken.“
„Nein, nein, das will nich!“ schreit Bommel auf.
„Psst!“ mache ich, schau mich um, „nich so laut.“ Ich setze mich kurz mit ihm vor die Kunstschneekulisse: „Keine Angst, das wird nich passier’n. Davor bewahr’n wir dich ja: Rose, Dee Jay und ich, wir sind deine Family, hörst du? Wir haben dich lieb.“ 

4.
Bommel und ich kehren zurück auf den Platz, da sehen wir Rose umzingelt von drei bulligen Schlägertypen im grauen Anzug: Die CENTRO- Privatpolizei. „Bleib bloß hier steh’n, Alter!“ sag ich zu Bommel und rücke ihn an die Schaufensterscheibe. Dann lauf ich hinüber zu Rose: „Eee, Blümchen, was is!?“
„Selber Blume!“
„Wir haben der jungen Dame erklärt“, erzählt mir einer der Kerle, „sie soll vor dem Zentrum das Sammeln von Müll unterlassen.“
„Der Eigentümer hat’s untersagt“, meint ein zweiter. „Falls wir sie noch mal dabei erwischen, gibt es ein Haus- und Platzverbot. Haste kapiert, Mädel!?“
„Klaro“, sagt Rose.
Daraufhin nehmen sie ihr die Tüten mit den gesammelten Pfandflaschen ab. „Dein Taschengeld kannste woanders aufbessern“, bekommt sie zu hören - und plötzlich die Frage: „Wie alt bist du eigentlich?“
„Siebzehn!“ lügt Rose dem Typ ins Gesicht.
Bommel weint dicke Kullertränen. Rose will mit ihm zum Haus gehen. „Dee Jay sagte“, geb ich zu bedenken, „wir soll’n uns tagsüber besser nicht dort aufhalten.“
„A… aber“, schluchzt Bommel, „es ist so kalt draußen!“
„Jack, pass auf!“ schlägt Rose vor, „wir schleichen uns von den Geleisen her ran und schieben uns leise durchs Kellerfenster.“
„Okay, okay“, erwidere ich, „doch lasst euch bloß nich erwischen!“
„Und was machst du?“
„Ich organisier etwas Kohle mit Rap und bring euch später zu essen.“ 

5.
Das Organisieren erweist sich im Winter als schwierig. Im Herbst noch hab ich als Jack the Rapper vor den Touristen Hip Hop gesungen, gedanced, mir die Knochen verbogen. In der Kälte jedoch bleibt keiner stehen; alle rennen herum, und wenn du einen anschnorrst, starrt dich ein Gesicht an, eisiger, frostiger noch als das Wetter: „Geh doch arbeiten!“ kriegst du gesagt. „Euch geht’s zu gut“, oder Sprüche wie: „Ihr gehört alle ins Arbeitslager.“
Ich komme zum Baumarktparkplatz, halte Ausschau nach Leuten mit Einkaufswagen und Autos. Manchmal, wenn du jemanden freundlich fragst: „Dürfte ich Ihnen beim Ausladen helfen?“ überlassen sie dir danach den leeren Karren, und du darfst den Euro Pfandgeld behalten. Heute jedoch hab ich Pech: N’ greiser Rentner schießt auf mich zu, scheißt mich an: „Verpiss dich! Is mein Job!“ 

6.
Nach längerer Zeit mal wieder im Ghetto. Der Müll von den Vorgärten schiebt sich bis an den Straßenrand: Der Blockwart hält die Müllcontainer noch immer mit Ketten verschlossen. Die Nr. 187 ist ohne Haustür. Im Treppenhaus stinkt es, vom Keller herauf, nach Kot und Urin.
„Ach, nee, sieh an!“ Mutter, das schreiende Baby im Arm; die kleine Frida hängt ihr am Bein.
„Wer is’n da?“ ruft ein fremder Mann aus dem Wohnzimmer.
„Der Gangsta!“ tönt sie - und dann zu mir: „Willst’n hier?!“
„Brauch bisschen Kohle.“
„Oho!“ macht sie, dreht sich zur Ablage, langt nach dem Portemonnaie. „Weißt ja, von mir kriegste immer das Letzte!“ Sie fingert ein 10 Cent- Stück hervor, drückt es mir in die Hand: „Da! Das ist das Letzte! Mehr haben wir nicht. Weißt ganz genau, wie sehr hier hungern unterm Hartz 4!“
„Yo, bloß ich dachte…“
„Du dachtest!? Dass du dich nicht schämst!“
„Na, dann geh ich mal wieder…“
„Übrigens“, ruft sie mir, auf halber Treppe, nach, „der Lommel vom Amt war hier. Soll dir ausrichten, der hätt n’ Platz für dich in ner Jugendwohngruppe. Sollst dich rasch bei ihm melden!“
„Bestell dem Lommel“, geb ich zurück, „ich lass mich nicht mehr zu irgendwelchen Kaputtniks kroppen. Und überhaupt, ich hab inzwischen ne eigne Familie!“ 

7.
Ich betrete das Café ‚Gluck’, checke den Laden, schnack übern Tresen: „Ist Dee Jay zu sprechen?“
„Nö“, ruft es aus der Küche zurück, „seit Montag nich mehr. Da wurd er gefeuert. Der meinte, er könnte hier dealen.“
„Dealen - so’n Kwatsch!“
„Tu doch nicht so!“ Hermes, der dicke Sozialpädagoge, steckt seinen Kopf zur Küchentür raus und bollert mich an: „Bist doch auch einer von diesen Kiffern. Mach bloß die Schelle!“, er zeigt mir sein Handy, „sonst ruf ich sofort die Buletten!“ 

8.
So’n Trouble! Und das Paartage vor Weihnachten… Wenigstens konnt ich noch Kröten für’n großes Graubrot und ne Dose Sardinen zusammenschnorren – und Weihnachtsplätzchen für Bommel und fünf Zigaretten. – Ich, auf dem Heimweg, komm in die Straße am Bahndamm. Da treffe ich plötzlich auf Dee Jay, der sich an der Ecke rumdruckst: „Kacke, verfickt! Kuck dir das an, Rapper!“
„Was’n?“ Ich blicke zum Haus… Seh eine breite Lücke im Bauzaun. Rechts davor steht ein Mannschaftswagen der Polizei, und vom Grundstück her hört man kläffende Hunde. – Scheinwerferlicht! Dann sehen wir Bommel! Er wird abgeführt wie ein Verbrecher: Zwei Männer in Grün haben ihn unter den Armen gepackt, schleifen durch den Schneematsch zum Auto. „Rose! Rose!“ schreit unser Baby - von seiner Schwester sieht man keine Spur.
„Fuck it! Jetzt muss er zurück ins Scheißheim!“„Vielleicht packt er aus…“
„Bommel doch nicht! Hat viel zu viel Angst. Und wenn er auspackt, wer glaubt ihm denn schon? Das Schwein, das sich an ihm vergangen hat, ist doch der Heimleiter!“  

9.
Wir schauen hinaus in eine klirrende, sternklare Nacht. „Weißt du“, sagt Dee Jay, „wenn ich all die Lichter am Himmel seh, wird mir klar, zu welchem Land ich gehör.“
„Du meinst, nicht zum diesem…?“  
„No, no, zu keinem Land dieser Erde. Dieser Planet dreht sich scheinbar ums Geld. Und die Menschen vergessen: Das Geld frisst die Kinder. Das schert sich nicht um Menschenrechte.“
„To have or not to have, that’s the question”, sage ich noch, und wir hüllen uns wieder in Schweigen.
Später, nach einer Stunde, scheinen die himmlischen Lichter erloschen. Über der Stadt ist ein dichtes Gewölk aufgezogen. Bald schweben vereinzelte Flocken hernieder. „Du, Dee Jay“, frag ich in die eisige Kälte hinein, „lebste noch, oder biste schon tot?“
Er antwortet nicht. Ich dreh ihm den Kopf zu: „Sag doch was! Spürste noch Leben in dir?“
„Nein, bin längst erfroren“, gibt er mit zitternder Stimme zurück.
„Na, immerhin kannste noch sprechen.“
„Wer sagt denn, dass Tote nicht sprechen? “
„He, du machst mir Angst“, erwidere ich, heb den Blick. „Es gibt Schnee. Komm, lass uns geh’n!“
„Geh’n? Wohin denn?“
„Unters Bahnhofsvordach.“
„Nee, da geistert der Streifenwagen herum. Die lesen die Obdachlosen zusammen und karren sie raus vor die Stadt.“
„Dann lass uns nur auf- und abgeh’n“, rate ich, greife zur Seite und ziehe mich am vergitterten Kaufhaustor hoch. Schwankend komm ich auf die Beine, beug mich zu Dee Jay und reich ihm die Hand: „Komm, Alter, steh auf!“
Er schlägt nicht ein. „Kann mich nich bewegen.“
Ich pack ihn am Arm.
„Rapper, lass sein! Hab dir doch gesagt, ich bin längst erfroren. Ich spür gar nix mehr, hab keinen Kopf, keinen Bauch mehr und weder Beine noch Arme.“
„O bullshit!“
„Hab’s dir gesagt!“
„D… du, ich… ich geh und hol Hilfe!“
„Wen willst’n holen? In so ner Nacht jagt man keinen Hund auf die Straße.“ 

10.
Aus der Einkaufspassage schlägt mir ein beißender Wind ins Gesicht, schlägt durch die Klamotten und macht mich frösteln bis auf die Knochen. „Hee, hallo, ist da wer?!“ krächze ich zu einem einsam erleuchteten Fenster hinauf.
„Ruhe da unten, du Wichser!!“
Ich rutsche, ich stürze – richte mich wieder auf und schiebe mich schliddernd weiter voran auf dem Eis. Kurz drauf erspähe ich vor der Deutschen Bank, unterm Säulenportal auf der Treppe, einen menschlichen Schatten. Ja, jemand sitzt dort, zusammengekauert: „Hallo, können Sie helfen!?“ kreischze ich, trete näher heran – und bin überrascht: „Yeah, du bist es, Rose!“
Sie sitzt da im Schnee, die Beine dicht an sich gezogen, starrt vor sich hin.
„Blümchen, hör zu! Wir müssen Dee Jay zum Krankenhaus bringen!“
Sie antwortet nicht. Ich stupse sie an – und mit einem Mal kippt das Mädchen zur Seite, knallt mit dem Kopf auf die Stufe, bleibt regungslos liegen.
„Rose! Rose!“ Ich neige mich zu ihr, schaue sie an – und sehe dem Tod ins Gesicht.
Die Tränen gefrieren mir auf den Wangen und hängen wie Perlen an meinen Wimpern,während ich mich durch das Flockengestöber zurück zum Kaufhaus vorkämpfe. Ich schreie zum Tor: „Rose ist tot! Tot ist sie! Tot!“ Davor, halb verdeckt in der Schneewehe, liegt Dee Jay’s Cap – und er ist verschwunden.

11.
Am Tag vor Heiligabend ist in der Zeitung von Rose zu lesen: KIND EINES BANKERS ERFROREN IM SCHNEE!
Was aus Bommel geworden ist, weiß ich nicht.
Von Dee Jay erzählt mir sein Streetworker, eine Streife habe ihn, völlig verwirrt, am Tor aufgelesen. Er befinde sich nun in der Jugendpsychiatrie. Besuch empfangen könne er nicht. Er liege in Gurten und sei durch Medikamente sediert.
Und ich, Jack the Rapper? Ich gebe nicht auf! Trotz allem… in mir steckt noch Hoffnung. Fest entschlossen, die Stadt zu verlassen, steh ich hier an der Auffahrt zur Autobahn. Ich steh nicht mal lange, da hält ein riesiger, schneeweißer Wagen. Vor mir fährt jetzt das Fenster herunter, und jemand in einem leuchtend hellen Gewand, ja ein Wesen wie von einem andern Planeten, nickt mir freundlich zu, strahlt mich an: „Worauf wartest du noch? Komm, mein Junge, steig ein!“
„Yo, gern.“ Ich nehme Platz, sitze Schulter an Schulter neben der schönen Erscheinung mit ihrem wallenden, lockigen Haar.
„Und wohin möchtest du?“ fragt mich der Engel.
Ich sage nur: „Heim.“ 

Andreas Erdmann



Wohin jetzt, wohin,                                                                                                                                                                  ihr ziehenden Horden,
auf eurer Jagd  
durch die Einkaufspassage. 
Riecht ihr das Blut 
eurer Schwestern und Brüder,
es klebt an den Zahlen:
Die Kaufhäuser künden 
Verrat! 

Wohin jetzt, wohin,
ihr ziehenden Horden,
auf eurer Jagd  

durch die Einkaufspassage.
Ihr wittert schon:
Das, was euch fehlt,
ist nicht fern,
und könnt ihr, 
geblendet
vom Flutlicht 
der Leuchtreklame,
noch Schatten 
erspähen,
ja Blicke 
von euresgleichen
erhaschen,
dann haltet inne
und sammelt euch, 

sammelt euch,
Volk der Sammler
und Jäger, -
jagend nach Liebe,
von Liebe gejagt.     

Andreas Erdmann



Und habt ihr auch Wortbruch um
Wortbruch begangen,
den Spiegel der Sprache mit
Steinen beworfen,
die Meere zersprengt,
die Erde zerstückelt und,
über allem,
den Himmel zertrümmert, 

wir aber lesen
die Scherben
zusammen,
Scherbe um Scherbe
vom Grunde.

Andreas Erdmann



(Ein Stück für Zwei und eine Katze) 

Sie:       Serafina Seide, Mitte 30, exzentrisch, arbeitet als  Heilerin, stadtbekannt
Er:        Oliver Sommer, junger Reporter, führt sein erstes größeres Interview für die Lokalzeitung
Ort des Interviews: Ein kleines Bistro, am Rand der Stadt 
Der junge Reporter sitzt mit seiner Interviewpartnerin in einer kleinen Nische und bestellt sich einen Kaffee, schwarz, drei Stück Zucker. Frau Seide hat ein Glas funkelnden Rotwein vor sich stehen und ist die Ruhe in Person. Nervös vor seinem ersten großen Interview, zückt Oliver Block und Stift.
Sie:      Eigentlich hatte ich Frau Müller erwartet?
Er:        Sie bittet sie um Entschuldigung. Leider ist sie krank geworden. Ich hoffe, sie nehmen auch mit mir vorlieb.
Sie:       Aber natürlich. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben.
Das seine Kollegin nicht kommen wollte, als sie das Gerücht hörte, dass Frau Seide nicht nur Heilerin ist, sondern auch einem Hexenzirkel angehört, verschweigt Oliver vorsichtshalber. Da er nicht an solchen mystischen Kram glaubt, hat er sofort zugegriffen, als man ihm den Job angeboten hat. Die Heilerin lächelt spöttisch, beugt sich zu ihm herüber, er riecht ihr betörendes Parfüm, und fragt mit rauchiger Stimme:
Sie:      Was möchten sie von mir wissen, Oliver?
Er:        Woher wissen sie denn meinen Namen? Ach, der stand
bestimmt auf der Terminbestätigung. Tja, also ich
hab da so einige Fragen....
Sie:      Und die wären?
Er:        Äh, also wie sind sie auf den Beruf Heilerin gekommen, Frau Seide?
Sie lehnt sich entspannt zurück, schlägt ihre
seidenbestrumpften Beine übereinander. Oliver wird heiß
und kalt. Er klammert sich an seinen Stift und versucht
an seine hübsche kleine Freundin zu denken. Aber Frau
Seides unergründlicher Blick zieht ihn magnetisch an. Mit
einer kessen Handbewegung fährt sie sich durch ihre
langen schwarzen Locken. Als sich ihre glänzenden roten
Lippen zu einer Antwort öffnen hat er alles andere
vergessen.
Sie:       Sagen sie doch Serafina zu mir?
Er:        Ja, natürlich...
Sie: Also, um auf ihre Frage zurück zu kommen, das liegt in unserer Familie. Wir Seidefrauen erben das Amt der Heilerin von unseren Müttern.
Er:        Und was bedeutet ihnen ihr Job?
Ihre Augen funkeln zornig. Oliver zuckt zusammen.
Sie: Für euch junge Leute bedeutet Arbeit nur eine lästige Pflicht. Aber die Arbeit einer Heilerin, ist nichts Alltägliches, sondern etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Es ist eine alte Kunst!
Er:        Was sind denn ihre Aufgabengebiete?
Sie:       Wir leisten Geburtshilfe, Hilfe bei Kinderwünschen oder Liebeskummer, Krankheiten oder Fernhaltungen und noch einiges andere.
Oliver macht sich eifrig Notizen. Vorsichtig fragt er:
Er:        Wieso helfen sie als Heilerin jemand der Liebeskummer hat?
Sie:       Liebe ist eine Krankheit. Manchmal geht es gut aus, manchmal endet sie tödlich.
Er:        Und was tun sie dagegen oder dafür?
Sie:       Zum Beispiel stelle ich einen Liebestrank her. Außerdem helfe ich der liebeskranken Person das Ritual zu vollziehen.
Er:        Was für ein Ritual?
Sie:       Darüber kann ich leider nicht sprechen. Das ist ein Berufsgeheimnis. Es sei denn du bräuchtest meine Hilfe.
Oliver schüttelt energisch den Kopf. Von dem Humbug hält
er überhaupt nichts. Frau Seide beugt sich vertraulich zu
ihm über den Tisch und legt ihre Hand auf seinen Arm.
Ihre Fingernägel sind signalrot
Sie: Wollen wir nicht mit dem Geplänkel aufhören und zu den interessanteren Themen kommen?
Er:        Welche meinen sie?
Sie:       Zum Beispiel warum ihre Kollegin glaubt, ich sei eine Hexe?
Oliver zuckt erschrocken zusammen. Er stottert.
Er:        Wie kommen sie denn darauf. Sie sind doch keine Hexe? Denke ich jedenfalls.
Sie: Nein, bin ich nicht?! Zumindest nicht in dem Sinn des Wortes, den die Leute im Allgemeinen vermuten. Das die Menschen verunsichert sind, ist nichts Neues für mich. Das könnte an meiner Erscheinung liegen, oder an dem Job, wie du es nennst...
Oliver traut sich kaum zu atmen. Er ist sich nicht sicher
ob sie ihn verspottet oder es ernst meint.
Sie:       Ich könnte dir ja erzählen, wie ich der Inquisition entkam? Das wäre doch die Story für dich?! Der Titel könnte heißen: Aus dem Leben einer Hexe...
Er:        Die Inquisition?
Sie:       Willst du nun deine Story oder nicht?
Er:        Ja, Entschuldigung.
Sie:       Dann solltest du deinen Stift aber geschwind über das Papier gleiten lassen, denn ich erzähle die Dinge nicht gerne zweimal....
Oliver spürt, wie sich eine Gänsehaut über seinem Rücken
ausbreitet. Gebannt blickt er in Frau Seides grüne Augen.
Sie: Es war im Jahr 1590. Es war die Zeit kurz vor der Pest. Die Menschen litten oft Hunger, was zu weiteren Krankheiten führte. Das machten sich die Kirchenoberen zu nutze, die den Glauben des Volkes dahin manipulierten, dass die Hexen unter der Führung des Teufels diese Übel über sie gebracht hatten. Ich war Witwe und lebte in der Nähe eines kleinen Dorfes, bei Nürnberg. Meinen Mann, Leon, hatte ich im Krieg gegen die Spanier verloren.
Frau Seide hält inne, lächelt versonnen. Sie scheint mit
ihren Gedanken weit weg zu sein. Oliver räuspert sich.
Sie:       Leon war ein einfacher, aber ein guter Mann. Er sorgte für mich und akzeptierte meine Arbeit als Heilerin, auch wenn er nicht verstand, dass ich mich dadurch in Gefahr begab. Aber Heilerinnen gab es schon immer. Seit es Menschen auf dieser Erde gibt. Niemand zweifelte die Macht der weisen Frauen an. Sie waren geachtet und in der Gesellschaft akzeptiert. In Canterbury ließ der Kerkermeister sogar eine bereits verurteilte Hexe frei, weil er der Ansicht war, dass sie mit ihren Hausmitteln mehr Gutes für die Kranken tue, als alle Priester mit ihren Gebeten und ihrem Exorzismus. Das war ein kluger Mann! Wusstest du, dass das Wort „Hexe“ in den meisten Sprachen aus den Stammwörtern für Weisheit und Wissen abgeleitet wird?
Sie sieht Oliver fragend an. Er weiß es nicht und
schüttelt wahrheitsgemäß den Kopf. Bedauernd tätschelt
sie seine Hand. Oliver spürt ein Ziehen in der
Bauchgegend.
Sie:       Nun, jetzt weißt du es ja. Auf jeden Fall war es eine schwere Zeit damals. Meine Großmutter war noch eine der meist geachteten Frauen des Dorfes, während ich mein Handwerk im Geheimen ausüben musste. Ich gebe zu, es gab oft Momente in denen ich darüber nachdachte, meine Arbeit aufzugeben. Aber wenn ich von einem verzweifelten Vater aufgesucht wurde, dessen Frau in den Wehen lag, dann machte ich mich auf den Weg. Egal ob Regen oder Schnee! Statt die arme Gebärende einem dieser Schlachtärzte zu überlassen, die keine Ahnung von Hygiene und Sauberkeit hatten. Ich habe einige Mütter und Kinder sterben sehe, nur weil sich vorher so ein Stümper an ihnen zu schaffen machte.
Ihre Stimme klingt wütend. Sie greift nach ihrer
Handtasche und wühlt solange darin herum, bis sie ihre
Zigaretten gefunden hat. Oliver zückt eilig sein
Feuerzeug.
Sie:       Danke, Kleiner.
Frau Seide zieht heftig an ihrer Zigarette, wirft ihren
Kopf in den Nacken und bläst eine Rauchwolke in die Luft.
Etwas gereizt schnipst sie nach der Kellnerin. 
Sie:       Noch einen Rotwein, für den jungen Mann auch!
Er:        Nein, danke. Lieber nicht, ich muss noch schreiben.
Frau Seide lacht und zwinkert ihm vertraulich zu.
Sie:       Du musst etwas lockerer werden, mein Lieber. Wein erfreut das Herz. Steht schon in dem Buch der Bücher.
Fragender Blick von Oliver.
Sie:       Ja, die Bibel. Ich kenne das Buch. Im Gegensatz zu der üblen Nachrede glauben Heilerinnen sehr wohl an eine Gottheit. Wir glauben an eine heilende gute Mutter und nicht an einen harten kriegführenden Gott. Natürlich anders als die Pfaffen es von uns verlangten. Aber sicher haben Heilerinnen oder Hexen, wie wir im Mittelalter tituliert wurden, nicht so viel Schaden angerichtet, wie die christliche Kirche. Egal ob Papst oder Luther gegen die weisen Frauen hetzten, sie folterten und verbrannten. Aber was kann man schon von einer Institution erwarten die von Männern dominiert wird?!
Sie wirft die Frage ganz locker hin, wie einen alten
Mantel. Aber der Ausdruck, den ihre leicht angehobene
Augenbraue ihrem Gesicht verleiht, lässt keinen Zweifel
an dem Fehdehandschuh, den sie ihm hinwirft. Oliver weiß
nicht was er sagen soll und rutscht nervös auf seinem
Stuhl hin und her. Frau Seide lacht. Es hört sich
bitter an. Mehr zu sich selbst, als zu ihm sagt sie:
Sie:       Männer, die Frauen foltern, weil sie keine Kontrolle oder Macht über sie ausüben können, sie foltern und verbrennen, sich die schlimmsten Strafen ausdenken. Die unschuldige Katzen verbrennen oder ersäufen, weil sie glauben, Hexen würden die Gestalt von „unheiligen“ Tieren annehmen, um sich zu schützen. Stell dir vor, in der Renaissance verbreitete sich ein geradezu abartiges Interesse an schwarzen Messen und Orgien. Sie wurden nach den Aufzeichnungen der Inquisitoren in den Hexenprozessen gestaltet. Wie sie von den Pfaffen unter der Folter abgepresst wurden. Zur Zeit König Ludwigs XIV pflegte die halbe Priesterschaft, fast der ganze Hof und sogar Ludwigs Mätresse, Madame de Montespan, die Beziehung zu einer „Gesellschafts-Hexe“, die sich La Voisine nannte. Aber die schwarzen Messen wurden nicht nach den Ritualen der großen Mutter durchgeführt, sondern waren eine abartige Verkehrung der heiligen Messe ins Gegenteil. Da frage ich dich, wer die wahren Satanisten sind?
Oliver zuckt ratlos mit den Schultern. Von solchen
merkwürdigen Praktiken hat er noch nie gehört. Frau
Seide nickt gnädig.
Sie:       Entschuldige, du kannst das nicht wissen, aber wenn es um dieses Thema geht, gehen die Pferde mit mir durch. Es ist nicht einfach, sein Leben lang angefeindet, falsch verklagt und verfolgt zu werden.
Er:        Wollten sie mir nicht etwas über ihre Flucht vor der Inquisition erzählen?
Sie:       Ach, ja. Ich bin abgeschweift. Also, es war an einem Freitag im April. Übrigens, ein verhexter Tag, weil er der Göttin Freya gewidmet ist. Ich war schon einige Jahre Witwe und hatte mich erfolgreich einer Wiederheirat mit einem dieser Heuchler aus dem Dorf widersetzt, die mich unter Kontrolle bringen wollten. Du musst wissen, selbstständige Frauen waren den Männern ein Dorn im Auge. Eine eifersüchtige Ehefrau, deren Mann mir oft nachstieg, streute das Gerücht, ich hätte den letzten Hagelschauer, bei dem einige Tiere der Dorfbewohner ums Leben gekommen waren, heraufbeschworen und sie verflucht. Außerdem hoffte sie auf eine Belohnung dafür, dass sie mich ans Messer geliefert hatte. Die Hexenverfolgung war ein einträgliches Geschäft, bei dem jeder, ob Pfaffe, Adliger oder Dorftrottel, seinen Anteil aus dem Nachlass des Opfers bekam. Mein Haus hatte keinen übermäßig hohen Wert, aber es war in gutem Zustand, ich besaß eine Ziege, übrigens ein Teufelstier, und eine hübsche kleine Kuh. Ich wusste, meine Zeit weiter zu ziehen war gekommen. Längst hätte ich fort sein sollen, aber ich hing an dem Haus. Es war eine schöne Gegend und ich hatte keine Lust mir schon wieder ein neues Leben aufzubauen. Ich war nicht besonders ängstlich. Die meisten Sorgen machte ich mir, dass mich der Bischof von Nürnberg in seine schmierigen Finger bekommen könnte. Er war als ein brutaler Vergewaltiger verschrieen, der jede halbwegs ansehnliche Frau durch seine Vorlieben fast zu Tode vögelte. Und die, die sich ans Leben klammerten, fanden das Ende auf andere Weise.
Er:        Und wie seit ihr dem Bischof entkommen?
Sie:       Nur keine Eile, das kommt noch. Also, ich war gerade dabei, mein Schmutzwasser zu entsorgen, als ich bemerkte, dass jemand in der Nähe herum lungerte. Erst dachte ich, es sei das dumme Weib, das mich verraten hatte. Sie war ganz wild darauf mich in Fesseln zu sehen. Aber nach einer Weile spürte ich, dass es ein Mann war.
Er:        Der Ehemann?
Sie:       Nein. Es war einer der Soldaten des Bischofs, Jan. 
Er:        Ihr kanntet ihn?
Sie:       Ja, er stammte aus meinem Dorf und ich kannte ihn schon einige Jahre. Er war einer der Männer, die mir einen Antrag gemacht hatten, nach dem mein Mann gestorben war. Aber zu seiner Ehre muss ich feststellen, dass er mich nie bedrängte und unter anderen Umständen hätte ich seinen Antrag vielleicht auch angenommen. Er war ein hübscher großer Kerl, den ich nicht aus meinem Bett vertrieben hätte.
Frau Seide zwinkert Oliver erneut verschwörerisch zu und
trinkt einen Schluck Rotwein.
Sie:       Hexen sind eben auch Frauen. Aber eine Verbindung mit dem Bediensteten eines Pfaffen, nein danke!
Oliver nickt verständnisvoll und nimmt auch einen Schluck aus seinem Glas. Der Wein ist stark und würzig. Er läuft fast ölig seine Kehle hinab und macht sich wärmend in seinem Bauch breit.
Sie:      Feuer?
Er:        Ja, natürlich.
Als er ihr Feuer gibt, sieht Frau Seide ihm tief in die Augen und berührt seine Hand. Oliver spürte ein gewisses Kribbeln in seinem Bauch. Lasziv lehnt sie sich zurück.      
Er:        Was passierte dann mit diesem Jan?
Sie:      Das was immer passierte. Er beobachtete mich und
dachte, ich würde es nicht merken. Ich glaube, er war
wirklich in mich verliebt.
Er:        Weiter passierte nichts?
Sie:       Aber Oliver, wo denkst du hin... natürlich passierte etwas! Der Mann bekam eine Vorstellung von mir geboten, von der er bestimmt noch jahrelang träumte.
Er:        Vorstellung?
Sie:       Ja, mein Süßer, Abschiedsvorstellung. Ich sagte dir doch, dass ich schon längst hätte fort sein sollen, und nun wusste ich endgültig, dass es Zeit war zu gehen. Aber nicht ohne mir vorher noch ein bisschen Spaß zu gönnen. 
Bei diesen Worten lacht sie schallend, wirft ihre langen
Haare zurück und wippt aufreizend mit ihrem Pump
beschuhten Fuß. Oliver versucht sich auf seine Notizen
zu konzentrieren. Es gelingt ihm nur mit äußerster
Mühe.
Sie:       Hattest du schon einmal Spaß?
Oliver blickt irritiert auf.
Er:        Heute? Ja, ich hatte Spaß.
Sie: Dummerchen, doch nicht diesen Spaß. Ich meine Spaß beim Sex.
Er:        Natürlich, ich hab eine tolle Freundin.
Sie:       Das wäre ein interessantes Gesprächsthema, aber das können wir ja nachher noch vertiefen...
Dabei bekommt ihre Stimme einen fast hypnotischen
Unterton.
Sie:       Aber ich will nicht abschweifen und dir erzählen, wie ich Jans Träume wahr werden ließ. Hm, wo war ich stehen geblieben...ach, ja, also ich hatte meinen Hausputz erledigt und wie immer danach, ging ich zum Fluss hinunter, um zu baden. Jan folgte mir in sicherem Abstand. Dachte er. Ich konnte ihn atmen hören so aufgeregt war der.
Frau Seide kicherte, bei der Vorstellung. Oliver lief rot
an, denn auch sein Atem hatte sich beschleunigt.
Sie:       Am Fluss begann ich mich langsam auszuziehen, schließlich sollte er auch was davon haben. Ich war gerade dabei meine Bluse auf zu knöpfen, als er mir zurief: „Hey, du Hexe.“ Ich antwortete nicht und drehte mich nicht um. Er rief erneut: „Hey, du Hexe, ich rede mit dir.“ – „Aber ich nicht mit dir, wenn du keinen Respekt vor mir hast, erwiderte ich, nenn mich gefälligst bei meinem Namen.“ Ich zog mich in aller Ruhe weiter aus. „Wieso sollte ich Respekt vor dir haben? Dich wird sowieso der Bischof holen, “ sagte er und kam näher. „Warum du Respekt haben solltest? Weil deine Schwägerin ohne meine Hilfe nicht Mutter geworden wäre. Außerdem wäre sie schon Witwe, so oft wie sich ihr Alter schon verletzt hat.“ Dabei drehte ich mich um. Ich stand nackt vor ihm. Du hättest mal seinen Gesichtsausdruck sehen sollen und die Aufruhr in seiner Hose.
Olivers Ohren glühten und er duckte sich tief über seinen                                                                                                       Block, damit Frau Seide sein Gesicht nicht sehen konnte.
Sie lachte verführerisch. Plötzlich spürte er, wie sie
ihren Fuß an seiner Wade hinaufschob. Hastig zog er sein
Bein zurück. Sie ignorierte es.
Sie:       „Darum wollte ich dich auch warnen“, stotterte er und setzte sich auf einen großen Stein, damit ich ihm nicht mehr auf sein „Paket“ starren konnte. Meine Vorfreude wuchs, aber ich wollte es noch ein bisschen spannend machen. Immerhin wollte er mich vor dem widerlichen Bischof bewahren, da hatte er schon eine besondere Show verdient. Also nahm ich meine selbstgemachte Yasminseife stieg ins Wasser und wusch mich.
Frau Seide streicht dabei mit ihren Fingerspitzen über
ihren schlanken Hals, bis hin zum Ansatz ihres
Dekolletes. Oliver hat schon längst aufgehört zu
Schreiben und starrt sie an.
Sie:       Er sah mich genauso an, wie du jetzt.
Er:        Das glaube ich wohl kaum.
Sie:       Du musst dich nicht schämen. Das ist was ganz normales.
Er:        Mit mir ist alles OK.
Sie:       Dann ist es ja gut. Weiter: Während ich mich wusch und Jan mich immer gieriger betrachtete, sagte er plötzlich: „Du solltest mich heiraten.“ Ich lachte: „Wie kommst du darauf. Du weißt genau, dass es dein Bischof auf mich abgesehen hat. Im Übrigen habe ich die Frau unseres Fürsten von einem Kind entbunden. Er versprach mir Schutz. Und du bist trotzdem hier um mich vor meiner Verhaftung zu warnen. Meinst du, mich würde es schützen, wenn du mir die Ehefessel anlegst?“ Er schüttelte resigniert den Kopf. Es war aussichtslos. Wenn du einmal den Häschern der Inquisition ins Augegefallen warst, gab es nichts was dich erlösen konnte, es sei denn ein dicker Geldsack oder der Tod. „Und was willst du tun“, fragte Jan. „Ich werde fortgehen, neu anfangen. Was bleibt mir über, wenn ich nicht auf dem Scheiterhaufen enden will. Es tut mir nur leid, dass ich  alles, was ich mir aufgebaut habe, zurück lassen muss.“ Ich kam aus dem Wasser und ging auf ihn zu. Das Verlangen flackerte in seinen Augen, dann brannten ihm die Sicherungen entgültig durch. Jan packte mich, riss mir meinen Kopf nach hinten und küsste mich unbeholfen. Na ja, was will man von einem Soldaten verlangen.
Frau Seide zuckte mit den Schultern und sah Oliver an.
Der tat so, als würde er Notizen machen.
Sie:       Ich stöhnte erregt, presste meinen Körper an ihn und meine Lenden gegen seine. Da Jan damit gerechnet hatte, ich würde Widerstand leisten und vielleicht schreien, lockerte er überrascht seinen Griff. „Du kleine Hexe“, sagte er. „Was hast du erwartet?“ Erwiderte ich spöttisch, „ich bin keine von diesen Weibchen, die sich reichlich zieren, um ihre ach so heilige Jungfräulichkeit zu schützen. Und doch Tag und Nacht von nichts anderem reden, als beschlafen zu werden. Aber ich bin auch was besseres gewöhnt, als die armen alten Ehefrauen, die nur ihre Beine breit machen müssen, wenn ihr stinkender Alter sich mal erleichtern muss.“ Jan sah mich mit offenem Mund an. Ich öffnete seinen Gürtel und fasste mir sein bestes Stück. Dann beugte ich mich zu ihm herunter...den Rest überlasse ich deiner Fantasie. Du glaubst gar nicht, wie schnell der Mann kam.
Frau Seide lächelt spöttisch. Dabei sieht sie Oliver so
direkt an, dass er sich verschluckt und husten muss. Auch
sein bestes Stück bringt seine Hose fast zum Platzen.
Sie:       Aber so einfach ließ ich ihn nicht davon kommen. „Ich denke“, sagte ich zu ihm, „da du jetzt deinen Spaß hattest, sollte ich jetzt auch Spaß haben.“ Ich lehnte mich gegen den Felsen, spreizte meine Beine und sagte, geh auf die Knie und leck mich, genau da. Ich zeigte ihm deutlich, welche Stelle ich meinte. Dabei drückte ich ihn zu Boden und zog seinen Kopf zu mir. „Du bist doch eine Hexe, “ seufzte er noch, „aber eine gute“, dann tat er, was ich ihm befohlen hatte. Er machte seine Sache sehr gut und nach dem er mich befriedigt hatte, belohnte ich ihn noch mit einem kleinen Ritt auf seinem inzwischen wieder auferstanden Phallus.
Frau Seide macht eine Pause.
Sie: Meine Zigaretten sind alle. Ich muss mir mal kurz neue besorgen.
Sie geht zu der Kellnerin hinüber und fragt sie nach
Kleingeld für den Zigarettenautomat. Oliver ist wie
elektrisiert. Er sieht vor seinem geistigen Auge, wie
sie sich nackt über einem Männerkörper aufbäumt, ihre
Haare fliegen und ihre vollen Brüste wippen. Wie sie sich
stöhnend und schreiend in die Schultern des Mannes
krallt, der sich gegen sie stemmt. Sie setzt sich wieder.
Oliver sieht verlegen aus, als hätte sie ihn bei einer
Schandtat überrascht.
Sie:       Na, alles Ok?
Er:        Ja, alles Ok.....
Sie:       Dann ist ja gut.
Er:        Sex hat sie also vor der Inquisition gerettet?
Sie:       Könnte man so sagen. Aber ich würde das nicht so hart ausdrücken. Du musst bedenken, Jan hatte seinen Spaß. Immerhin kam er freiwillig, um mich zu warnen. Es war sozusagen sein Lohn. Du weißt doch, eine Hand wäscht die andere. Oh, das könnte man fast wörtlich nehmen. Gut, ich hatte zwar schon Besseres erlebt, aber ich will mich nicht beklagen. Hätte ich mehr Zeit mit ihm verbracht, hätte ich was Anständiges aus ihm machen können.
Sie grinst Oliver unverschämt an. Dass sie dem armen
Jan, nach dem ersten Ritt eine kleine Dosis Liebestropfen
verabreicht hatte, um ihn für weitere Touren fit zu
machen, verschweigt sie Oliver lieber. Es würde ihn vermutlich schocken, wenn er wüsste, dass der Mann danach
fast zwei Tage völlig entkräftet durchgeschlafen hatte.
Aber was kann sie dafür, schließlich weiß Frau nie
wann sie wieder einmal Sex mit einem passablen Mann haben
wird. Wenn sich was Passendes bietet, muss man eben
zugreifen. Oliver packt seine Sachen zusammen. Dieses
Gerede von Hexen, Inquisition und Sex reichte ihm.
Er:        Ich glaube wir sind fertig. Eine nette Story, aber sie sind keine Hexe, nur eine gute Märchenerzählerin.
Sie:       Das ist doch mehr, als viele von sich behaupten können. Ich werde die Rechnung begleichen.
Frau Seide bezahlt und erhebt sich. Noch bevor Oliver
sich wehren kann, küsst sie ihn. Er spürt einen süßen
Geschmack und ein leichtes Prickeln auf der Zunge.
Sie: Danke, Oliver und auf ein Wiedersehen.
Ohne seine Antwort abzuwarten schwebt sie hinaus.
Nachdenklich geht Oliver zum Parkplatz. Er schließt sein
Auto auf und wirft seine Tasche auf den Beifahrersitz.
„Was für ein Nachmittag. Was für eine Frau. Heißer Feger
würde man wohl sagen, “ denkt er und muss unwillkürlich
grinsen. Plötzlich spürt er, wie sich ein Körper an seine
Rücken schmiegt. Er dreht sich um. Frau Seide. Sie trägt
nichts, außer Spitzenstrümpfen und Pumps. Ihm bleibt die
Luft weg. Er will sich wehren, tausend Argumente fallen
ihm ein. Kurz fällt ihm seine Freundin ein, aber er
bringt kein Wort heraus. Ihre geschickten Hände haben
seinen Schwanz schon von der Verpackung befreit. Was sie
dann tut, raubt ihm fast den Verstand. Er explodiert, als
hätte er noch nie im Leben Sex gehabt. Ihre raue Stimme
an seinem Ohr jagt ihm eine Gänsehaut über den Rücken.
Sie: Und was wirst du jetzt tun? Oliver gibt auf und sinkt
auf seine Knie...den Rest überlasse ich eurer
Fantasie...
Nachdem Oliver in einen gnädigen Schlaf gefallen ist.
Zieht sich Frau Seide wieder an. Männer sind doch
meistens das schwächere Geschlecht, denkt sie. Bis auf
Leon, ein Bild von einem Mann und was für eine Potenz.
Bei dem Gedanken an ihn muss sie lächeln.
Sie:       So was wie Leon wird eben nur alle paar Jahrhunderte geboren. Komm, Roxanna, es wird Zeit weiter zu ziehen.
Eine rotgetigerte Katzendame springt aus dem Gebüsch. Sie
miaut leise. Frau Seide hebt sie hoch. Sie steigt in den
feuerroten Porsche, der neben Olivers Lupo steht.
Zärtlich streichelt Roxanna über das samtweiche Fell
ihrer Katze.
Sie:       Einen Vorteil hat das 21. Jahrhundert jedenfalls, meine Kleine, Porsche fahren ist weitaus bequemer, als Besen reiten.
Roxanna:          Miau. 

Caroline Susemihl



Spätnachmittag auf einer Werft, Feierabend, die Abendsonne wirft dunkle graue Schatten auf das Gelände, sie huschen von Gerüst zu Gerüst, um die Ecken, bleiben an den Stahlplatten im leeren Dock hängen. Betrübte Stimmung, der Wind bläst die Abendluft um die alte Schmiede. Lichter gibt nicht mehr um die Stimmung zu erhellen, keinen Funkenregen mehr von den Schweißern, keine Beleuchtung in den Docks, keine Geräusche mehr.
Auf dieser Werft wird nicht mehr gearbeitet.
Feierabend ... heute ist endgültig der letzte Tag, alle Aufträge sind abgewickelt. Die Gruppe geht mit unsicheren und schweren Schritten über das Werftgelände, die Hände im Arbeitsanzug vergraben. Die Helme liegen tief in der Stirn, verdecken die traurigen Gesichter. Gebeugte Gestalten, sie haben noch einmal nach den Rechten geschaut, die letzte Versteigerung der Maschinen miterlebt, Werkzeuge so ordentlich weggeräumt, als ob es noch eine Hoffnung gebe, diese wieder in die Hand zu nehmen. Feierabend... nun ist Schluss, das Signalhorn stöhnt und heult leidvoll. Der Wind trägt den Klang in die nahe Stadt, als letzten Gruß.
Sie stehen vor den Montagehallen und suchen Schutz vor dem klingenden Wind, haben Tränen in den Augen, stehen bedrückt zusammen. Eigentlich haben sie immer zusammengehalten, die gesamte Belegschaft, sind in schwierigen Zeiten alle selbstbewusst aufgetreten, hatten keinen Grund an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Nun bestimmt Resignation das Bild der Gruppe, nach Alter sortiert in die Arbeitslosigkeit entlassen.
Wut, Verbitterung und ein betrogenes Gefühl bestimmt die Gruppe. Die Gespräche und Gedanken gehen zurück zu vergangenen Tagen, Höhepunkte und Niedergang, letzte bittere Erfahrungen werden besprochen. Es gab doch so viele Pläne, viele Versprechungen, dann wurde die Werft Stück für Stück demontiert. Ein Theaterstück das langsam zu Ende geht, der Vorhang fällt, der letzte Akt, aber gewiss kein gutes Ende. „ Was hat unser Streik genützt“, ruft einer in die Runde, zieht den Kopf zwischen die Schultern, „ die da oben sind gut durchgekommen, haben sich vorher die Taschen gefüllt!" Er spuckt verächtlich auf das Pflaster, schlägt mit der Faust gegen die Wand, der Schmerz kann die Trauer nicht verdecken.
Schwarze Stoffbahnen hängen von dem Bockkran herab, als Ausdruck der Trauer. „Wir haben fest zusammen gehalten, die Familien, die Einwohner der Stadt, alle standen im Streik hinter uns. Nun sind wir ohne Arbeit, Schiffsschlosser, Elektriker, Werftmatrosen. Alle Mühe war vergeblich, Parolen haben nichts genützt!"
Rettet unsere Werft!
Die Gruppe schlendert in Richtung Trockendock, die alten Kräne spiegeln sich in den Wasserlöchern, dort ein schillernder Ölfleck, ein Gruß aus vergangenen Zeiten. Möwen segeln wie Kunstflieger durch die seltsame, schwere Stille, landen an den leeren Wänden. Spöttisch lachen und schreien sie der Gruppe zu. „Wir haben auf politische Lösungen gesetzt, haben auf Lohn verzichtet und an Ideen geglaubt."
Zigarettenkippen werden mit schweren Arbeitsstiefeln ausgedrückt. Die Blicke gleiten über die rostigen Wände nach oben in den grauen Himmel. Nieselregen bleibt an den Arbeitsanzügen hängen.
Der Arbeiter marschiert, bis die Politik reagiert!
Sie gehen weiter über das Ausrüstungsgelände, die Gesichter sind nach unten geneigt. Vorbei an den Büroräumen. Früher klangen hier andere Geräusche aus den Fenstern, Telefone klingelten, Fernschreiber ratterten um die Wette, Schreibmaschinengeklapper, fröhliche Stimmen, hektische Arbeitsabläufe.
„Vorsicht Hochspannung“, ein gelbes Warnschild beschreibt die Gefühle der Männer.
Nun heult der Wind durch die teilweise  zerbrochenen Scheiben.
Verlassene Werkstätten, blinde Fenster, dunkle Löcher schauen die Gruppe wie riesige Augen an.
An der Pier warten keine Schiffe mehr auf eine Reparatur, es gibt keine Neuaufträge, das Dock ist leer, die Kräne haben ausgedient, alles gehört nun, wie die Arbeiter zum alten Eisen.
„Die Verantwortlichen haben doch von neuen Aufträgen gesprochen. Ein Großauftrag sollte Arbeit für weitere drei Jahre bringen, auch die Zulieferer sprachen von positiven Umsätzen.
Millionen von Fördergeldern sollten zur Erhaltung der Werft fließen, das klingt noch in den Ohren..."
Wir suchen keinen Streik, aber sind zum Kampf bereit!
„Dann wurden die Aufträge ins Ausland vergeben, die arbeiten dort zu Dumping- Preisen, nun können bei den gelben Menschen die Hämmer dröhnen."
„Wisst ihr noch, der letzte Stapellauf, was war das für ein Gefühl, wenn man unter der riesigen Schiffsschraube stand, dann der Stapellauf, das Abschlagen der Stützen, das sachte und vorsichtige dahin gleiten des fein geschmückten Schiffes ins Wasser. Die eigentliche Taufe, aber rechte Feierstimmung wollte dort nicht aufkommen."
Denn nun war Feierabend, die letzten Aufträge hat die Belegschaft noch ein Jahr hingehalten, dann kamen nur Entschuldigungen, es wurde von Schiffsbaukrise gesprochen, fehlende Bauaufträge, harter Wettbewerb, die Firmenpolitik versagte. „Die haben doch nur geredet, 25-30 Jahre dahin. Alles ging den Bach runter, meine Gesundheit auch. Neue Arbeit werden wir in unserem Alter nicht finden. Was soll aus uns werden?"
Papierreste fliegen über das einsame Gelände, die Gruppe sammelt sich am Werkstor, schaut zurück, ein trauriger Abschied.
„Die wollten doch Ruhe und Sicherheit in die Werft bringen, nun haben wir alle Ruhe!" Die Parolen sind nur noch nichts sagende Sätze, der Streik und Kampf um den Arbeitsplatz war umsonst, fassungslos, hoffnungslos.
Wir sind gezwungen worden, den Beruf an den Nagel zu hängen!
Wie der Tag anfingt, in seltsamer Stille, so geht er auch, müde und mit wehmütigen Bildern. Das Werkstor wird endgültig geschlossen, Feierabend ... das Signalhorn läutet das letzte Kapitel ein, eine lange Tradition geht zu Ende. In der Ferne singt eine Schiffshupe trostlos eine Melodie dazu.  

Edith Jürgens



Im letzten Haus am Ende der Straße wohnte ein Mann ohne Namen. Du nanntest ihn nur Mister X, weil ihn hier in der Gegend jeder so nannte. Und da Mister X mit niemandem sprach, munkelte man, er sei vielleicht stumm oder taub. Außerdem hieß es, dass er aus Anderland käme. Denn seine Haut war dunkel - noch dunkler als deine.
-
Und immer, wenn Mister X mit seinem knarrenden Karren vor dir auf dem Gehsteig auftauchte, senktest du deinen Blick. Sowie dann der ärmliche, ältere Mann mit seiner Last an dir vorüberzog, vernahmst du sein Schnauben und Schnaufen. Erst, wenn du ihn einige Schritte hinter dir wähntest, drehtest du dich herum und sahst von dem Fremden hinter einem Gebirge von Plastiktüten und Flaschen nur mehr sein grau-krauses Haar.
Einmal jedoch, wie er herankam, schlugst du die Augen nicht vor ihm nieder. Und plötzlich, urplötzlich traf dich sein Blick. Du zucktest zusammen und bliebst abrupt stehen. Standest nun da auf den Steinen wie angewurzelt und stammeltest: „Gu’ntag, M... Mister X!“
„Gu’ntag, mein Junge!“ grüßte er dich auf einmal zurück. Sofort war dir klar, dass der Mann weder taub noch stumm war. „Yo, also dann...“, grinstest du noch verkniffen, gabst dir einen Ruck und suchtest dich um den Wagen zu schleichen. Dabei rissest du, aus Versehen, mit dem Ellbogen zwo- vierfünf Flaschen vom Stapel, die laut scheppernd zu Boden stürzten und klirrend in tausend Scherben zerfielen.
„Omeingott!“ riefst du aus. Doch der Mann sagte nichts, langte unter die Lade und zog ein Kehrblech und einen Besen hervor. Er nickte dir zu und war im Begriff, dir beides zu reichen - in dem Augenblick liefst du los. Und ranntest und ranntest, ohne dich umzusehen, in einem fort die Straße hinunter.
Verdammt! dachtest du, kaum hieltest du inne: Vor dem alten Herrn kannst du dich nie wieder blicken lassen!
-
Pock, pock! Du pochtest ans Fenster, beugtest dich vor, aber konntest durch den schwarzen Vorhang nichts darinnen entdecken. Daraufhin formtest du deine Hände zum Trichter und riefst durch das Glas: „Hee hallo! Bin gekommen, die Kohle zu bringen!“
„Welche Kohle?“ tönte es dumpf von jenseits der Scheibe. „Na, die Kohle für die zerbrochnen Flaschen. Es waren doch Wertflaschen, oder?“ Im nächsten Moment sprang der Vorhang beiseite, dir schwangen die Flügel des Fensters entgegen, und, erstaunt, ja aus riesigen Augen sah der Alte dich an, wie du ihm das Geld in die Hand drücktest. „Danke!“ sprach er, und du bemerktest: „’Tschuldigung, dass ich fortlief heut morgen.“
„Schon gut“, meinte er - überlegte kurz, eh er dich zu sich heranwinkte:„Kannst gerne auf einen Tee hereinkommen. Wie wär’s mit Brennnessel?“
„Brennnessel? Nnn...“, gabst du zurück. „Habe leider gar keine Zeit.“
Kurz darauf saßest du in seinem Zimmer auf einer knaatschenden Kautsch - und er in dem Sessel dir schräg gegenüber. Es war ziemlich zugig und kühl hier, so dass ihr die Blechtassen feste mit euren Händen umfasstet und euch an dem dampfenden Inneren wärmtet. So saßet ihr, saßet einfach nur da, und niemand von euch sprach ein Wort. Nach einer Weile kam dir das Schweigen schon beinahe unheimlich vor. Dann sprach der Mann in die Stille hinein: „Sag mal, wer bist’ n du eigentlich?“
„W... wer? ich?“ - „Ja, du, wer sonst!?“
„Hmm“, machtest du. „Fragen Sie mich besser nicht danach. Ich würde Sie bloß erschrecken.“
„Ach was!“ grinste er. „Komm, raus mit der Sprache!“ Du nahmst einen tiefen Schluck aus der Tasse und begannst zögernd: „Tja... mein Name ist Joe. Man nennt mich auch den Rastafari- Rapper.“
„Rasta---?“
„Na, ich mache Reggae und rappe“, erklärtest du ihm. „Und sonst gibt es nicht viel  von mir zu sagen. Vielleicht sollten Sie mich eher fragen, wer ich denn nicht bin.“
„Und wer bist du - nicht?“
„Ich bin nicht der, für den man mich hält. Mascha, z. B. , hält mich für ein Nichts, für einen Nichtsnutz und Taugenichts, Habenichts.“
„Mascha?“
„Yo, meine Mutter. Sie redet halt Unsinn – ist ständig betrunken.“
„Herrje! Und dein Vater?“
„Den kenne ich nicht. Kenne niemanden aus der Verwandtschaft.“
„Aber gehst noch zur Schule, Joe?“
„Nö. Gehe arbeiten. Muss schließlich für meine Mutter aufkommen.“
„Wo arbeitest du?“
„In der Stadt drunten. Stehe am Tor vor dem Kaufparadies, verkaufe dort Feuerzeuge und so. Viel krieg ich nicht dafür. Aber, ich schwör’ Ihnen, später mal führe ich einen eigenen Laden!“
„Einen eigenen Laden, sicherlich, sicher!“ nickte der Mann dir wohlwollend zu. Doch du bemerktest am Glanz seiner Augen, dass er sich um dich sorgte.
-
Abermals stand das Schweigen im Raum. Und mit einem Mal erhob sich der Mann aus dem Sessel: „Bin gleich wieder da!“ sagte er, woraufhin er mit schlurfenden Schritten das Zimmer durchquerte und hinten durch eine Tür entschwand. Verstohlen sahst du dich um: Außer der Sitzgruppe gab’s keine Möbel hier, lediglich Kisten. Drumherum türmten sich Stapel von Büchern. Und überall an den Wänden Bilder um Bilder: Ansichten aus fernen Ländern: Landschaften, Felder und Wälder und leuchtende Meere und so viele Sonnenaufgänge - oder waren das -Untergänge?
„Hier!“ sagte der Alte; er war aus der Türe getreten und reichte dir einen Teller: „Hier, hab dir n’ Brot gemacht! Hast bestimmt Hunger?“
„Yo, danke! Und wie!“ sagtest du, nahmst die Stulle entgegen: „Und Sie essen nix?“ - „Nein, hatte schon Abendbrot.“ Er goss dir Tee nach. Und während du nun die Stulle in dich hineinschlangst, trat er zum Fenster, zupfte am Vorhang und spähte hinaus. Dabei sagte er: „Hast mir ja einiges von dir erzählt, Joe. Und fragst dich bestimmt, wer ich bin?“
„Mmmja“, meintest du, kauend: „Die Leute dort draußen nennen Sie Mister X...“
Er drehte sich um, meinte schmunzelnd, „Und sie sagen, dass ich aus Anderland käme.“
„Ist das denn wahr?“
„Kann sein. Doch es ist eine Ewigkeit her.“
„Ich verstehe nicht. Demnach sind Sie kein – Ausländer?“
„Ausländer!?“ sagte er, zeigte ein seltsames Lächeln auf seinen Lippen: „Ja, weißt du denn nicht...? Jeder Mensch ist ein Ausländer.“
„Je... Jeder?“
„Ja, jeder von uns.“ Er kam auf dich zu, wirkte schlagartig ernst: „Dabei spielt es gar keine Rolle, wo einer geboren ist und in welchen Staat auf der Erde er lebt. Denn wir alle befinden uns im Exil. Wir alle wurden vertrieben, verjagt und verbannt aus dem Land unsres Herzens.“
„Sie sprechen von dieser alten, uralten Geschichte?“
„Die niemals endete. Bis auf den heutigen Tag befinden wir uns jenseits der Grenze, mit falschem Pass sozusagen, als Fremde im eigenen Land, in der eigenen Stadt und im eigenen Haus. Und kaum einer ist in sich selber zu Hause. Die Leute sind außer sich, wandeln umher, als suchten sie sich überall in der Welt.“
„Verstehe!“ Du schlucktest noch einmal, senktest den Blick und starrtest über den Rand des Bechers hinweg, hinab auf den blechernen Grund. Auch du fühltest dich kaum in dir selber zu Hause. Kanntest dich selber nicht, warst dir so fremd und fragtest dich ständig: Ee, Mensch, wer bist du? Ja, bist du überhaupt? Bist du? und lebst du? Lebst du denn wirklich und hast du je- jemals wirklich gelebt? – Und oft, allzu oft kamst du dir vor wie ein Zombie, als sei deine Seele längst ausgewandert. Aber du konntest unmöglich gestorben sein, ohne vorher gelebt zu haben. Und warst ja noch nicht mal geboren.
„Kopf hoch, mein Junge!“ vernahmst du die Stimme des anderen aus nächster Nähe: Er hatte sich neben dich auf die Kautsch gesetzt, lehnte jetzt Schulter an Schulter mit dir: „Keiner von uns ist verloren“, sprach er: „Nichts hält uns ab, uns wiederzufinden. Wir können uns jederzeit aufmachen, in das Land unsres Herzens zurückzukehren.“
„Ja- aber wo soll dieses Land gelegen sein?“
„Nun, mancher glaubt, es liege weit, sehr weit von hier. Und doch ist es nahe, ja viel näher, als man denkt. Sieh mal, wir brauchen nur unserer Sehnsucht zu folgen. Und wir alle ersehnen im Grunde nur eines.“
„Ach!? Und das wäre?“ Daraufhin sagte er nur dieses eine, einzige Wort: „Liebe!“ sagte er: „Liebe!“
-
In dem Moment sah der Fremde dich unverwandt an, und sein Blick ging dir durch und durch. Gleich darauf legte er dir seinen Arm um die Schulter --- und plötzlich strich er dir mit seinen Fingern durchs Haar. „Hee, was soll das jetzt!?“ fuhrst du ihn an, drücktest die Hand von dir.
„Darf ich dich denn nicht küssen, mein Junge?“
„Küssen?! O Mann, Sie sind wohl verrückt!“ schriest du auf und warst in einem Satz von der Kautsch. Du schnelltest zur Tür, und der Typ kam tatsächlich hinter dir her: „Bitte, versteh mich nicht falsch...“ - „Neinein, ich verstehe schon richtig!“ Rasch fuhrst du herum, schriest ihn an: „Sie haben mich reingelegt, Alter! haben mich in Ihre Bude gelockt und mich abgespeist, um... um...“ Schon holtest du aus, rammtest ihm - womm! - deine Faust in den Magen. Er stieß einen Schmerzenslaut aus, trat nach hinten weg. Taumelte, stolperte über die eigenen Beine und schlug der Länge nach auf den Boden. „So. Das war’s. Das Spiel ist aus, Mister X!“ – „Bin ich für dich nur Mister X?“ wimmerte er, „kennst du wirklich nicht meinen richtigen Namen?“ – „Nein, den kenne ich nicht. Also sag ihn mir!“ brülltest du auf ihn nieder und warst bereit, ihm kräftig in die Rippen zu treten: „Los, worauf wartest du noch? Mensch, spuck deinen Namen schon aus!“ – Da spuckte er seinen Namen aus, brachte ihn, keuchend, über die Lippen. Und du erschrakst, erschrakst jetzt zutiefst, wie du ihn vernahmst. Es war wie ein Schlag vor den Kopf: Dir wird flau. Die Welt umher fängt an zu wanken und schwanken. Du sinkst in die Knie und kippst kopfüber, dem Mann gradewegs vor die Füße. Findest dich nun auf dem Teppich wieder und windest dich, windest dich hier wie ein Wurm. So kriechst du zu ihm, drückst dich an seine Seite und hauchst: „Hab ich dich endlich gefunden, oh Vater!“

 Andreas Erdmann



Der lachende Clown, er zeigt dir nur seine lachende Maske,
seine bitteren Tränen und seelischen Wunden, tief im Herz,
all dies siehst du nicht hinter jener Maske in seinem Gesicht,
den Frost in seiner Seele, wenn die Angst seine Seele zerbricht,
so unendlich große Schmerzen, er muss lächeln nur für dich! 

Der lachende Clown, sein wahres Gesicht siehst du nicht,
seine Furcht die Schmerzen würden ihn noch mehr plagen,
wenn sein Körper ihn allmählich still, zerfrisst, er weiß es,
doch er ist gut, präsentiert sich lachend für dich im Rampenlicht! 

Der lachende Clown, ein überdrehter komischer Zeitgenosse,
lustig anzusehen mit den künstlichen Tränen im Gesicht,
wohl geschminkt, dass er fröhlich statt traurig bei dir ist,
treibt er noch sein lustiges Spiel, bis er einfach nicht mehr will,
wann ist der Tag, wenn der lustige Clown für immer zerbricht? 

Der lustige Clown, er trägt so viele Narben in sich,
seine Furcht so lang er kann, er zeigt sie dir nicht,
wo ist Trost, Hoffnung und Lebensfreude geblieben,
als Sklave seiner Schmerzen noch tief seelisch verwundet,
der lachende Clown, die Tränen hinter der Maske sieht man nicht! 

Der lachende Clown trägt sein Kreuz all seiner Leiden,
im Rampenlicht zu stehen und zu lachen ist seine Pflicht,
das Publikum zu erheitern obwohl seine Seele mehr und mehr bricht,
ersäuft in Mitleid, Vorwurf und Heuchelei, nein das will er nicht! 

Der lachende Clown, der dir sein Lachen und Trost oft schenkt,
niemand sieht wie einsam und verlassen er sich im Kummer wähnt,
haltlos in sich selbst sich als eiserner Kämpfer gegen seine Angst,
sich zum müden verzweifelten Lächeln im Rampenlicht zwingt. 

Der lachende Clown, hört dir geduldig zu, Retter der Menschen,
der als Mensch sich selbst und nur seine eigne Berufung kennt,
ein Freund in Not hat zu verstehen wie toll du als Mensch bist,
du musst Menschen retten, ihn siehst du dabei leider nicht,
er kämpft mit sich selbst, seinen Schmerzen und seiner Furcht,
tief in der Seele verletzt, bis er einst haltlos zusammenbricht. 

Der lachende Clown, er gibt dir was er kann,
gebeugt von Schmerzen und Wunden in seiner Seele,
verlangst du er gäbe noch mehr in dieser Zeit,
doch im fehlt die Kraft, wann wirst auch du einsehen,
er kann es nicht!   

Beatrix Jacobs



Silbervögel,
freudige Erwartung über den Wolken,
die Himmel der Neuen Welt
öffnen Tür und Tor. 

Flugzeuge,
grimmiger Hass im Sinkflug,
die Himmel der Neuen Welt
verkennen Plan und Ziel. 

Trojanerfalle,
tödlicher Aufprall im Centerturm,
die Himmel der Neuen Welt
spucken Feuer und Tod. 

Endzeittag,
siechender Puls unter Seelenschrei,
die Himmel der Neuen Welt
verströmen Andromaches Racheschwur. 

Hermann Kuhl



Stete Verzahnung
zum Rest der Welt
dauerhaft on, Passwort entfällt                  
tagelang keinen Menschen gesprochen
doch seit Wochen
am Kommunizieren
darf nur den Anschluss nicht verlieren
im Laufe der Kontaktanbahnung 

Weltverloren?
hab doch den Kopf geerdet
und wenn ich denk’, dann werdet
ihr zügig davon wissen
mein Feld ist nicht umrissen
mein Sender generell
die Übertragung schnell
öffnet doch Ohren                                            

zieht jeden Draht heraus
ihr kommt auch ohne aus
entfernt die Zwischenspeicher
macht eure Seele reicher
schärft auch den zehnten Sinn
und gebt den Zukunfts-Pin
in eure WLan-Hirne ein
mit Nano Chips und Endorphin                                                                                                                                          könnten wir ein Welt-Geist sein

Franziska Röchter



Unterwegs
Ein-Wort-Poesie
Staunendes Fernweh 

Aufgerissener Horizont
Farbenflirrende Weiten
Wegstrecken aus dem Traumtagebuch 

Euphorische Landschaften
Fliegende Pferde
Konturen eines weißen Mustangs 

Grandiose Momente
Pegasus folgt den Routen der Highways  

Freiheit ist die beste aller Welten 

Hermann Kuhl



Nichts als Staubkorn in der Wüste,
kaum ein Tropfen tief im Meer,
Teile eines Wolkenzipfels,
nicht ein Punkt im Sternenheer. 

Als die Flut das Land begrüßte,
war’s, als wärt ihr nie gewesen.
Nicht einmal des Alpengipfels
Kronen blieben auserlesen. 

Weggeschwemmt und aufgehoben
Technik, Fortschritt, Weltkultur.
Wasserfeste Datenspeicher
hatten noch nicht Konjunktur. 

Mächte tobten weder oben
noch in Homo sapiens’ Kern.
Die Natur macht alles gleicher.
Jeder Neubeginn war fern! 

Franziska Röchter 



Im Jahre zweitausendacht
haben viele noch mitgemacht: 

Man huldigt dem Denken
und lässt sich lenken
durch Wissenschaft.
Der Mensch in Teile klafft:                 
oben die reine  Ratio,
darunter dann der Rest (und so). 

In den Arm genommen
werden  Nachkommen
eher selten.
Die bestellten
Nannys für Erziehungsfragen
schieben in hübschen Kinderwagen
euch kilometerweit fort.
Beliebt ist der Hort. 

Für defizitäre Aufmerksamkeit
die Vorschul-Therapie-Einheit.
Weiter oben auf der Leiter
lauert der Schul-Sozialarbeiter.  

Gespaltene Seelen
durch Körper-Quälen
und Analyse von Haaren
sich neu erfahren. 

Jobinhaber schuften für zwei.
In sieben Tagen selten frei.
Essensmüll in Plastiktüten
muss man durch Steuern revergüten. 

Und für den Sex zur Guten Nacht
der Cyber-Turbo-Joystick lacht.                                                                          

Im Jahre zweitausendzwanzig
war die Gesellschaft völlig ranzig.
Silikon war nun umstritten,
da Füllungen der Form entglitten.
Man spritzt sich künstliches Zellgewebe,
damit der Körper länger lebe.  

Erst jetzt, nach der Jahrtausendwende
(wir schreiben das Jahr dreitausendvier),
hat der Wachstumswahn ein Ende.
Unser Glück ist ja schon hier.  

Keine Seele muss mehr weinen,
wenn Körper sich mit Geist vereinen.  

Franziska Röchter



Die Würde des Menschen ist unantastbar
doch sie wird von vielen Füßen getreten
nicht nur irgendwo in der Welt, sondern auch
nah in unseren zivilisierten Dörfern und Städten 

Alte Menschen werden ans Bett gebunden
vom Liegen haben sie schmerzende Wunden
wehrlose Kinder gequält und geschlagen
müssen ein trauriges Schicksal ertragen 

Fürsorge und Nahrung  als Mittel der Macht
Demütig sollte sein wer überleben will
Wenige haben darüber nachgedacht 

Und so leiden sie weiter verschämt und ganz still
hoffen und bangen, warten und beten
nicht nur irgendwo, sondern auch in unseren zivilisierten
Dörfern und Städten 

Martina Decker



Prämissen der Herkunft (Etymologie) 

Geschichte (Historie): Geschehen und Schicht, Ereignis, Zufall, Hergang, Sache u. Weise.
Gegenwart (Moment): Gegenwärtige Zeit, Moment, kontemplativ das Jetzt und Hier im Sein, Augenblicke etc.   


Moment, kontemplativ zurück
Nicht schief noch naiv.
Medial verheizt von der Zentrifuge Mensch,
Der Überlieferung furchtbarster Teutonen.
Michelwurstiger Stolz bisweilen giftigster Blutauswurf.
(in memoriam P. Celan) 

(Die Form der Zwiebel
Formt selten Menschen.
Nicht deformierte Schichten,
Eher ein Zufall der Geschichte.) 

Tränen und Trauer,
Immer noch sauer.
Verdrängungsweltmeister übelster Sorte.
Ewige Verbannung zur Styx von Verschwörern
Hinunter zum innersten Erdkern und
Für immer Tod diesem Tod
Verrohter Titanen. 

1989 globaler Aufbruch in Euphorie
Dank Glasnost und Perestreuka.
Meine Tränen für Raissa und Michail.
Von da an ging’s bergab statt auf, privat.
Umgedrehte Spieße rotieren seit dem orientierungslos
Den Mächtigen noch mehr Macht in ihre aufgeblähten Segel.
O Wahrhaftigkeit der Poesie
Vergiss dies nie! 

Walter M. Stütz



Wiesen, Felder, Auen,
in meiner Stadt lässt sich viel bauen.
Sie ist schön und groß und hell,
wächst rasant, beinahe zu schnell. 

In meiner Stadt tut keiner klauen,
alle Hände werden gebraucht zum Bauen:
Kindergärten, Schulen, Sportvereine,
auch Luxusvillen und Altersheime. 

In meiner Stadt wohnen viele Generationen,
das Leben tut für sie sich lohnen.
Alle helfen einander sehr,
Kriminalität kennt hier keiner mehr. 

Wiesen und Felder gibt es viele,
auch Seen und lohnende Ausflugsziele.
Gärten und Parkanlagen gibt es ebenso,
Jung und Alt macht es gleichsam froh. 

Ein jeder hier eine Arbeit hat,
alle Kinder werden satt.
Niemand braucht hier mehr zu hungern
und nicht auf der Straße rumzulungern. 

Auch der Kultur wurde bedacht
und so an Museen und Galerien gedacht.
Somit kannst du dir betrachten,
worüber einige einst lachten. 

Nämlich über eine Stadt wie meiner,
die so früher kannte keiner.
Meine Stadt gibt’s nur auf dem Papier,
geblieben sind bloß diese Zeilen hier. 

Angelika Hüneborg



Es gluckert aus tiefsten Schächten
und unterirdischen Knicken.
Seht bloß mal nach dem Rechten,
sonst werden wir dran ersticken! 

Das dicke Kanalrohr streikt,
jeder Abfluss verstopft.
Man in die Grube steigt -
hoffentlich nicht verkopft. 

Die Gänge unter Tage
sitzen restlos zu.
Die wüsten Trinkgelage!
Die Sohle drückt im Schuh. 

Es wird nur am Symptome
blind herumkuriert.
Da unten wachsen Myome,
völlig deplaziert.  

Die Häuser stehen auf Gülle,
wir atmen nicht wirklich frei.
Das Leben in Hülle und Fülle
ist eine Gaukelei. 

Es brodelt in tiefsten Schichten.
Der Antichrist sitzt im Tank.               
Hoffentlich können sie’s richten.                  
Ich fühl mich schon ganz krank! 

Franziska Röchter



Gingen sie aufrecht
Man nannte sich MENSCH
Jeder für sich…
Die Gipfel übersät von Parasiten
In den Tälern kauerten die Verlierer 

Hier und dort starb einer
Man kannte ihn nicht
Die Alten lebten in Ghettos
Und Angst ging um
Die Chirurgen schliffen die Messer 

Die Erde, ein Spielball
Sie kickten ihn wund
Muttermale mutierten
Der schwarze Tod ging um
Minderheiten verbrannten sich die Mäuler 

Irgendwo im ewigen Eis
Deponierten sie ihre Hinterlassenschaften
Wer setzte die Samen? 

Sabine Fenner



Unfassbar,
wie primitiv sie waren,
als sie vor hundert Jahren
eigene Laptops hatten
und es Regel war,
über Festplatten
Daten zu senden. 

Nun beenden
Gesichtszüge
oder Gedankenanflüge
das Eindringen
ins Gehirn des Andern.
Beim Überspringen
von Mutationen
ein Durchwandern
von Äonen.
Beim Klonen
der entscheidende Schritt. 

Komm mit
in den Geist des Einen,
den Treffpunkt im Kreis.
Musst du weinen,
lach ich leis,
und auch du wirst lachen.
Wir entfachen
ein  einziges „Hier“. 

Ihr,
vor hundert  Jahren,
als sie Schöpfer waren
ihrer Wirklichkeit,
wart nicht bereit:
Wir sind die Geschöpfe.
Unsere Köpfe
zusammen ein Geist.
Ohne Netzwerk
ich deine Ströme merk.
In jedem Augen-Blick
fühl ich mit dir ein Stück,
und ohne Hardware
folg ich dir hinterher,                                                                                                                                                                    weil du mich speist.

Franziska Röchter