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Die Litrum-Besucher haben sich entschieden: Mit 28 Prozent der abgegebenen Stimmen wählen sie "Die schöne Welt des Scheins" zum literarischen Motto 2008. Jetzt haben alle Autoren und Leser das Wort. Es gilt, das diesjährige literarische Motto mit Leben zu füllen. Texte jeglicher Art, die sich in einer nicht weiter vorgegebenen Art und Weise mit dem Motto befassen, werden auf dieser Seite veröffentlicht. Im Forum kann und soll über das Motto diskutiert werden. Dabei darf natürlich auch die Doppeldeutigkeit der Aussage Verwendung finden. Bis zum 31. Dezember 2008 werden die so entstehenden Texte gesammelt und sollen anschließend in einer Anthologie erscheinen. Bitte alle Texte unter dem Betreff "Motto" an texte@litrum.de mailen.



Ich schaue dich an
Und sehe doch nur mich
So wie ich bin
Oder  glaube
Zu sein 

Wie ein Zombie schaue ich aus
Schläfrig
Leere Augen
Leerer Blick
Keine Emotionen
Ausgesaugt 

Ich schaue dich an
Und sehe doch nur mich
So wie ich bin
Oder glaube
Zu sein 

Mein Haar hängt schlaff herab
So schlaff
Wie ich mich fühle
In mir ist nichts
Was an Leben erinnert
Ich bin leer
Aller Energie beraubt 

Vielleicht
bin ich tot
scheintot 

Lisa Winderling



Ungeheuerlich,
Ohne dich das Haus zu verlassen.
Meine Narben verblassen
Unter deinem Strich. 

Das Augenlicht
Beginnt zu glänzen,
Wenn unter deinen Tänzen
Der Lichtstrahl bricht. 

Mundwinkel erheben
Sich unter dunklem Rosee.
Das Halskanapee
Erweckt zu Leben. 

Die dunklen Ringe
Durchzechter Nächte
Und Faltenschächte
Sind guter Dinge. 

Wenn der Puderquast
Auf Ägyptischer Erde
Zur Segnung werde.
Kein Pickel verpasst 

Dieses Sakrament.
Die gekleidete Haut
Der gesalbten Seele
Ist heut’ meine Braut,
selbst wenn ich erzähle,
dass sie ihr Wohnhaus nicht kennt. 

Franziska Röchter



Oberfläche ohne Inhalt -
Offenkundig nicht gelebt?
Nur der Einband eines Buches?
Baumstamm ohne Blätterwald? 

Fotos noch nicht eingeklebt?
Auswuchs eines Selbstversuches?
Oder kann’s das echte Leben
wegen Datenschutz nicht geben? 

Wozu dann der Ultraschall?
Wen wollt ihr jetzt informieren,
falls das Kind ein Trauerfall?
Könnt ihr euch nicht profilieren? 

Keine Links und kaum Legenden,
flacher noch als ein Plakat.
Damit Speicherplatz verschwenden
grenzt ja schon an Syndikat. 

Insgesamt der ganze Auftritt:
Bauplatz ohne Architekt.
Wenig Quer- und noch mehr Durchschnitt,
oder gar Programmdefekt? 

Eines aber ist zu sehen:
Niemals sollten Frau und Mann,
wenn sie sich auch gut verstehen,
zum Friseur zusammen gehen,
weil Löckchenpracht in guten Ehen
nicht immer beiden stehen kann.  

Franziska Röchter



wir sollen Umwege vermeiden,
mehr Treppen sollen wir steigen,
Freud und Leid sollen wir teilen,
wir sollen andere nicht verleiten,
wir sollen umweltfreundlich reisen,
Kinder sollen lernen zu begreifen,
wir sollen wechseln stets die Reifen,
wir sollen Infos weiterleiten,
weiße Wäsche sollen wir bleichen,
ein gutes Bier soll reifen,
wir sollen zurückgeben, was wir ausleihen. 

Man sagt so vieles, ist der Tag auch lang
und sucht nach einem Ausweg dann,
nach einem Ausweg von den Ausreden,
mit denen wir pflastern unser Leben. 

Angelika Hüneborg



Kernaussage,  Crash-Konzept,
Power pointed, Laptop lapt,
kontroverse Diskussion,
Veränderung, Konfrontation,
Umfrage, standardisiert,
später dann evaluiert,                                                                                                                Defizit analysieren,
Verursacher dann konfrontieren,
konstruktive Mitarbeit,
Vorbereitung: wenig Zeit.
Gute Kommunikation
durch  Ideen-Faszination. 

Und per Handy-Konferenz
zwischen Koblenz, Mainz, Bregenz
ecken Daten im Verkehr
(bin im Auto) hin und her. 

Ach, wie ist das Leben schön,
kannst du zu `ner Sitzung geh’n.
Ach, wie ist das Leben friedlich,
sitzen sie ganz unterschiedlich.
Ach, wie ist das Leben heiter,                    
sitzen ohne dich sie weiter.                            

Franziska Röchter



Mit beiden Füßen steht er da
auf festem Grund.
Er beugt sich vor und sieht nach unten.
Dort ist ein Kind, das ihm entgegen blickt
mit off’nen Augen.
Neugierig schaut’s ihn an.
Dann winkt er ihm recht freundlich zu
mit seiner rechten Hand.
Es winkt zurück mit rechts.
Und beide strecken nun die Arme aus,
und woll’n sich an den Händen fassen -
Doch, was ist das?
Statt warmer Hände
spürt er nur kühles Nass. 

Werner Bühler



UP AND DOWN ...
Im  Gleichschritt
heben alle Frau’n
auf Schritt und Tritt
die Eisenstange-
mal kurz, mal lange-
doch simultan
zum Himmel hinan. 

Dann nach unten.
Viele Pfunde
unter bunten
Tops. Eine Stunde
Kasernenhof.
Ist das doof,
wie sie sich quälen
und Takte zählen!  

Die Trainerin –
eigentlich nett –
sieht kaum hin,
wie kokett
manche Frau’n
in den  Spiegel schau’n,
denn beim Versuch,
ihr Piratentuch 

Gerade zu rücken,
den Ton anzugeben-
Eisen auf Rücken-
Gesäß leicht zu heben,
spürt sie ihren Ischias.
Der sagt etwas,
wo Schweigen angebracht.
Sie hat gelacht, 

Hat weitergemacht,
als sei nichts gewesen.
Hat wohl gedacht:
Wie zusammengelesen
diese runden Figuren.
All diese Spuren
von Sisyphus’ Werk.
Ihr Augenmerk 

Gilt ihrem Auftritt,
ihrer Bravour.
Unterer Durchschnitt-                                                                                                    schlechte Figur-
erntet Gesänge
der Motivation.
Das Eisengestänge
in voller Länge
zum Ohrgehänge
in  Klunkergold,
nicht zu vergessen die Büstenhebe-
Push-Up: dass der Busen schwebe-
der Optik zollt,
was vorher schon
Wunschgedanken’s Vater war:
Eine ganze Pilgerschar –
beim Sport am Hochaltar. 

Franziska Röchter



Hunderte von Menschen,
geben vor deine Freunde zu sein.

Hunderte Menschen,
sind aber allein.

Hunderte Menschen,
wollen dein Leben verändern,

Hunderte Menschen,
kommen mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht.

Hunderte Menschen,
mischen sich in Dinge die ihnen nichts angehen

Hunderte Menschen,
loben dich in den Himmel

Hunderte Menschen,
sind zu dir dennoch gemein.

Hunderte Menschen,
lieben dich für eine Zeit.

Hunderte Menschen,
befinden sich im Streit.

Hunderte Menschen,
hassen deinen Charakter.

Hunderte Menschen,
verduschen die Falschheit.

Hunderte Menschen,
leben in der schönen Welt des Scheins!

Franziska Kynast



Kannst du die Wut kapieren,
Wenn in der Digi-Welt
Trotz hundertfachem Ausprobieren
Das Internet nicht funktionieren
Will und auch mein Telefon,
In dem seit Tagen schon
Die tote Leitung  piept,
Nicht das Versprechen hält,
Mit dem die Werbung prahlt,
Und außer Stör-Hinweis
Nichts weiter von sich gibt? 

Wenn ich dann Kopf - gequält
Durch eine Ruf-Umleitung
Der nächsten Spam-Verbreitung
Mein Ohr verschenke,
Weil ich zunächst noch denke,
Es könnte wichtig sein,
Doch die Sekunde zählt
Beim Sammeln der Gebühren,
Und meine XL-Flat
Im späten Nachhinein
Kein Platz für’s Ausland hat? 

Ich spiel noch mal Roulett
Und log mich wieder ein.
Der Seiten-Ladefehler
Ist auch nicht wirklich neu.
Der Chef der Telekom,
Und wie sie alle heißen,
Ist wohl ein echter Hehler,
Gibt keine Leitung frei.
Werd aus dem warmen Bett
Ihn aus den Träumen reißen,
Dies Digital-Phantom! 

Franziska Röchter



Der Himmel
träumt die Wolken
tief
die Zeit
steht still
die Welt steht Kopf
der Spiegel
wiegt den Himmel
und betrügt uns doch
weil alles weiter zieht ... 

Willi Volka



Das Radio geht an, die Nacht ist vorbei.
Ich wünsch dir, dass ein schöner Tag es sei.
Mein erster Gedanke geht immer zu dir.
Was hast du nur gemacht mit mir!
Es ist ja zu früh für solche Gefühle.
Ich gebe mir auch alle Mühe.
Doch kann ich nichts dagegen tun.
Mein Herz gibt einfach keine Ruh`.
Das Telefon klingelt und ich denke gleich:
"Bist du es, der mich da erreicht?"
Hab Kribbeln im Bauch und frage mich:
"Denkt er auch ab und zu an mich?"
Ich sage mir: "Das darf nicht sein.
Warum fühl ich mich nicht mehr allein?"
Mein Verstand sagt: "Pass auf!"
Warum bin ich heute so gut drauf? 

Birgit Leppke



Eine ist blond
Und ihr Sohn ein Genie.
Geschickt und gekonnt
Erzählt sie uns: Nie
Geht sie am jährlichen Hochzeitstag
Ohne Geschenk aus. Was ich dazu sag? 

Die and’re ist braun
Und von schlanker Gestalt.
Von sämtlichen Frau’n
Ist sie weniger alt,
Und es seien die Gene,
Die gute Natur.
Und die bleach-weißen Zähne
Strahl’n rund um die Uhr. 

Die dritte ist rot
Und sie geht gerne shoppen.
Ihr Mann schon verstorben,
Doch sie ist im Lot.
Die Gumminoppen
Ihrer schicken Weste
Schrei’n: Reif und verdorben-
Ich bin doch die Beste. 

Dann ist da noch eine
Von and’rem Gewicht.
Eine runde, kleine,
Mausgrau und schlicht.
Sie mag nicht gern prahlen,
Sie weiß nicht, wovon.
Ihr Körper, in Zahlen,
Ist Präsentation
Erlebter Geschichte, erlittener Schmerzen,
Verbrauchter Resourcen, vergeudeter Kraft.
Doch ganz selbstlos und von Herzen
Sie es immer wieder schafft,
Zu fragen: Die Hobbies? Die Arbeit? Das Kind?
Der Stoff, aus dem die Träume sind? 

Sie gibt nicht das Model, und Neid ist ihr fern.
Ich glaube, sie kommt nicht von diesem Stern.
Ich weiß nicht, warum ich sie gestern nicht kannte:
Sie ist meine einzige – Seelenverwandte.                                  

Franziska Röchter



Ich möchte erfinden, was noch keiner gemacht
und auch einmal denken, was niemand gedacht
Ich möchte sehen, was noch keiner entdeckt
und dann auch noch finden, was vor allen versteckt. 

Zwar kommt mir da immer ein andrer zuvor
und ich komm mir als Plagiator schon vor. 

Doch eines Tages werde ich es euch zeigen:
Ich spiele dann eine der ersten Geigen.
Ich schreibe Gedichte und reime wie keiner
und bin auch der besten Erfinder dann einer! 

Ich entdecke den Erdteil „WERNERIKA“
und wehe, vor mir war einer schon da! 

Werner Bühler



Hält einer mir den Spiegel vor,
um mir zu zeigen was ich für ein Tor –
ich schaue und sehe, was mir gefällt:
den schönsten, den besten der ganzen Welt.
Ich freu mich gar sehr und strahle vor Glück –
und denkt euch, der Spiegel strahlt mir zurück!
Dann seh ich den Spiegelhalter: verwirrt
fragt der sich, wer hier wohl irrt.
Liegt’s dran, das er ihn falsch hat gehalten
oder liegt es am Spiegel, dem alten? 

Ich gebe euch dafür jetzt Brief und auch Sigel
Es liegt ganz bestimmt niemals an dem Spiegel.
Wenn ich mein Bild zum Liebling erkoren
hab wohl ich selbst nur den Maßstab verloren. 

Werner Bühler



Wider  deinen  Taten
Verbiegt sich deine Zunge.
Du predigst A
Und machst doch B 

Ohne Komma.
Wie ein Schuljunge,
Schlecht beraten,
Ich nicht versteh’,
Dass dein tückisch’ Sprachorgan
Solcher Windung folgen kann. 

Lächelst laut mir ins Gesicht;
Flötest falsch: Das kann ich nicht!
Doch die Fäden deiner Pläne
Laufen auf’s Finale  zu,                  
Und du, mit dem Hals der Schwäne,
Zurrst die Knoten, ganz in Ruh,
Predigst weiter ABC,
Doch in deinem Lügensee
Bist du schon bei Ypsilon.
Das hab’ ich dumme Gans davon!

Franziska Röchter



Ach wären es so... wie es scheint
An den Hängen, die goldenen Früchte
Die Münder offen, genussvoll
Ein leichter Wind wiegt den blühenden Mohn in den Schlaf
Die Königin singt ihr ein Lied, bestäubt sie im Flug 

Der Himmel als Dach der Welt
Trägt heute sein schönstes Kleid mit weißen Tupfen
Von fern der Kuckuck ruft- neue Lebensspuren
Augen, so unschuldig, der Tag ein Geschenk
Kleine Menschen, ganz unverbraucht
Springen über Pfützen, kleine Füße, die laufen und hüpfen
Wildes Getier, Lockrufe, paaren sich in den Wäldern 

Nur der weiße Eisbär sitzt auf der Halde, heimatlos

Sabine Fenner