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Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne und eine Tochter. Als die Zeit herangekommen war, sprach er zu seinen beiden Söhnen:„Ihr seid nun erwachsen. Und da ich nicht weiß, an wen von euch beiden ich mein Königreich vererben soll, werde ich euch in die Welt schicken, damit ihr Erfahrungen sammeln könnt, denn diese sind ungemein wichtig, wenn man ein Königreich erfolgreich regieren möchte!“ Und so machten sich die Prinzen auf ihre Erfahrungsreise. Der Erstgeborene hatte allerdings über kurz oder lang sein gesamtes Geld verjubelt und machte sich, überheblich wie er nun einmal war, alsbald auf den Heimweg, als sich ihm ein Frosch in den Weg stellte. „Willkommen in meinem Reich!“, meinte dieser und rollte seine großen runden Augen, während ein breites Lächeln seinen Mund zierte. „Schau gefälligst, dass du mir aus dem Weg gehst, denn sonst werfe ich dich zu Hause in meinen tiefen Brunnen!“ Der Prinz war wütend geworden, denn er wollte ganz einfach auf dem schnellsten Weg nach Hause. Er musste doch früher als sein Bruder vor seinen Vater hintreten, um ihm von seinen Erfahrungen berichten zu können. In seiner Selbstüberschätzung und Gefallsucht war er rundum überzeugt, dass er die Fähigkeiten haben müsse, das Königreich seines Vaters übernehmen zu können. Unbeeindruckt von des Prinzen herrischem Tonfall stemmte jedoch der Frosch seine Vorderbeine gegen seine Hüften, blähte seinen Hals und beobachtete mit Genugtuung, wie der Überhebliche kleiner und kleiner zu werden begann. Er lachte und hieß den Prinzen, der erschrocken seiner eigenen Verwandlung gewahr wurde, im Reich der Froschzauberwelten erneut willkommen. Und nun stand der Prinz der einzigen Erkenntnis, die er dem Leben in der weiten Welt entlocken konnte, gegenüber, nämlich, dass wohl alles seinen Preis habe. Nicht nur Völlerei und Hurerei hatten ihn um seinen ganzen Besitz gebracht, sondern nun musste er auch obendrein für seine Oberflächlichkeit und seine Lieblosigkeiten bezahlen, wie es scheint. Das Verhör, bei dem er in weiterer Folge vor den Hohen Frösche-Rat treten muss, ist beinhart. Für alle Genusssucht und für alle Zügellosigkeiten erhält er nun seine gerechte Strafe. Und jedes Mal, wenn der Froschrichter mit dem Hammer auf den Tisch schlägt, sodass es im Richtersaal nur so dröhnt, wird der Prinz mehr und mehr selbst zu einem Frosch. Zu guter Letzt kann er sich auch nicht einmal mehr verbal verteidigen, denn nur ein heiseres Quaken ist aus seinem Großmaul zu vernehmen.
Auch der jüngere Königssohn ist bereits auf seiner Heimreise. Bei ihm geht dies etwas langsamer vor sich, da er in der Zwischenzeit sehr viel an Gütern hinzugewonnen hat und diese, sorgsam in seinen Rucksack gepackt, recht mühevoll zu schleppen hat. Er hat keine Eile, denn er weiß um die Arroganz seines älteren Bruders, und auch von dessen Mangel an Fleiß, und er ist sich deshalb sicher, dass er in der Zwischenzeit bereits alles Geld verprasst haben würde. So freut er sich seines Lebens und darauf, dass er ganz bestimmt das Königreich vererbt bekommen würde. Sein Vater wird sicherlich sehr stolz auf ihn sein, davon ist er überzeugt. „Willkommen im Froschzauberreich!“ Ein Frosch versperrt ihm auf einmal ganz breitbeinig den Weg. Der Prinz kann es nicht fassen, als er neben seinem vielgehüteten Erfolgssack kleiner und kleiner zu werden beginnt. Er weint und fleht, jedoch der Frosch hat mit ihm keinerlei Erbarmen und er kommt nun zur einzigen Erkenntnis, die er aus seinen Wanderjahren herausnehmen darf, dass Hochmut vor dem Fall komme. Er war irgendwie über seine Raffgier und die eigene Halsstarrigkeit gestolpert. Und der Hohe Rat der Frösche geht auch sehr forsch mit seinem Egoismus und mit seiner Engstirnigkeit zu Gericht. Auch er wird mit jedem Hammerschlag mehr und mehr zu einem Frosch und selbst sein Zetern und Klagen hört sich bald darauf wie ein armseliges Quaken an.
Die Jahre vergehen, der König bangt bereits um das Leben seiner Söhne, und als die Diener, die er beauftragt hatte, die Söhne ausfindig machen zu wollen, mit der Kunde zurückkommen, dass sie lediglich zwei Wandersäcke gefunden hätten, und dies neben einem nahegelegenen See, fühlt der König seine Vermutungen bestätigt. Die beiden Säcke hatten ganz bestimmt seinen Söhnen gehört. Der leere Sack höchstwahrscheinlich seinem älteren Sohn, der vollgefüllte Sack seinem jüngeren. Die beiden waren vielleicht in diesem See ertrunken. Oder waren diese Hitzköpfe wie immer in Streit geraten? Der Vater kannte seine Kinder. Und er beginnt zu weinen, denn trotz allem liebt er sie. Seine Tochter streichelt ihm zärtlich und liebevoll über sein Gesicht und beruhigt ihn und meint, dass sie selbst einmal versuchen wolle, ihre Brüder zu finden. Der Vater willigt ein, obwohl es ihm schwer ums Herz ist, denn er will seinen wahren Goldschatz nicht auch noch verlieren. Wenngleich er eine Frau nicht für fähig hält, sein Reich verwalten zu können, so war sie ihm mit ihrem Mut und ihrer Zivilcourage schon manches Mal sehr positiv aufgefallen und ihre mit dem Herzen kommentierten analytischen Gedankengänge erschienen ihm oftmals regelrecht genial. Nun denn, was sollte er tun? Letzten Endes lässt er sich von seiner Tochter überzeugen, dass sie Manns genug sei, um alleine ihre eigene Erfahrungsreise antreten zu können. Einen Beschützer, den ihr der Vater unbedingt mitgeben will, schlägt sie aus. Sie hatte sich eben erst von ihrem Lebensabschnittspartner getrennt und ist nicht im Geringsten angetan, von einer erneuten, wie immer gearteten, Pleite heimgesucht zu werden. Die Prinzessin besteht nun auf ihrer Erfahrungsreise so manchen Kampf und kann mit Charme und Gefühl immer wieder als Siegerin daraus hervorgehen. Humor und Besonnenheit, Liebenswürdigkeit und Toleranz, Ausdauer und Konsequenz, Beharrlichkeit und Frohsinn, Verstand und Herz scheinen einen guten Cocktail zu ergeben, der ihr Ansehen und Hochachtung einbringt, wohin sie auch geht. Und als sie auf ihrem Heimweg, ebenso wie ihre Brüder, am See vorbeikommt, da wird auch sie von einem Frosch aufgehalten und in die Froschzauberwelt geleitet. Das ist meiner Weisheit letzter Schluss, eine Vorahnung durchzuckt ihr schwesterlich liebendes Herz, denn nun spürt sie, dass ihre beiden Brüder vielleicht doch noch am Leben sein könnten. Sie willigt sogleich erfreut auf diese Einladung ein und kurze Zeit später findet sie sich an der reich gedeckten Tafel des Froschkönigs wieder. Sie muss sich allerdings sehr bücken, denn sie ist viel zu groß für diese Froschwelt. Der Froschkönig empfängt sie mit einem breiten Lächeln und recht verschämt bittet er sie, irgendwie an seinem Tische Platz nehmen zu wollen. Er blickt auf das schöne Mädchen. Ihr sumpfbraunes Lockenhaar gefällt ihm ganz besonders. Auch ihre wunderschönen erdbraunen Augen. Wimpern wie Herbstgras. Glänzende Lippen wie glatte Bachsteine. Des Froschkönigs Herz schlägt sichtbar schneller. Die Prinzessin hat es sich auf dem Boden bequem gemacht und eine Heerschar an Froschdienern bringt dienstbeflissen große Mengen an erlesensten Speisen und Getränken herbei.Die Frösche hatten ihre Badewannen und Regentonnen verwenden müssen, denn sie verfügen nicht über ein passendes Geschirr für dieses große Menschenkind. „Küss mich!“ bittet der Froschkönig, nachdem er ihr mit Begeisterung zugesehen hatte, wie sie eine Monatsration an Speisen mühelos verzehrte. Die Prinzessin lacht. „Was ist denn das nun wieder für eine Geschichte? Bin ich auf einmal in Grimms Märchen?“ Der Froschkönig würde ihr berichten, wo sich ihre Brüder befänden, aber dazu müsste sie ihn küssen. Diese Männer! Immer wieder machen sie ihre Hilfestellungen von einer Gegenleistung abhängig. Das war der Prinzessin auch in der Vergangenheit schon des Öfteren passiert. War schon wieder Opferbereitschaft von ihr verlangt? Und Angepasstheit? Und Mitleid? Immer dasselbe Spiel! Immer diese Fremdbestimmtheit! Zuerst befiehlt der Vater! Dann hatte sie sich einige Jahre ihrem Lebenspartner unterzuordnen. Und nun dies. Nein und noch einmal nein. Sie ist nicht bereit, sich wieder ergeben zu müssen. Sie hatte erfahren, dass sie sich selber lieben müsse, damit sie auch segensreich für andere sein kann. Und sie hatte in der Fremde ebenso erfahren dürfen, dass sie wertvoll ist. Und einmalig. Und dass sie nicht mitspielen muss in den Spielen des Lebens, wenn sie es nicht möchte. Der Froschkönig blickt erstaunt, nachdem er einen Anflug an Verärgerung überwunden hatte. Der, dem man im Allgemeinen nie zu widersprechen getraut, ist beeindruckt von dieser Frau. Die kriegt man nicht am ersten Abend ins Bett, denkt er sich, und muss bei diesem Gedanken doch auch ein bisschen über sich selbst lächeln. Was würde er auch tatsächlich mit dieser großen, schönen Prinzessin anfangen? Er könnte ja doch nur auf ihrem glatten Körper entlang hüpfen und ihr dabei ein Unkenlied vorquaken. Ja, zum ersten Mal in seinem Leben bedauert er es, dass er kein Mensch sein kann. Wie gerne würde er diese wunderschöne Prinzessin in seine Arme schließen. In seine kühlen, glatten Arme. Wie liebevoll wollte er sie mit seinen zarten Schwimmhäuten berühren. Und mit seinen feinen Lippen küssen. Alle möglichen Blätter hatten die Froschdiener herbeigeschafft. Schwitzend und prustend hatten sie der Prinzessin eine Liegestatt bereitet. Zwei von den kleinen olivegrünen Kerlchen hatten ganz besonders viel gequakt, so schien es der Prinzessin zumindest. Aber bevor sie sich dem Frösche-Alltag zur Gänze widmen wolle, würde sie sich von den Strapazen erholen und einmal ein paar Stunden schlafen. Auch beim Frühstück hatte der Froschkönig wiederholt um einen Kuss gebeten. Aber selbst nicht nur in Aussicht gestellt zu bekommen, dass sie über den Aufenthaltsort ihrer beiden Brüder informiert würde, sondern dass dadurch ebenso aus dem Froschkönig ein Prinz entstehen solle, konnte die Einstellung der Prinzessin nicht erweichen. Solche Geschichten, darüber war sie sich klar, gab es nur in einem Märchen. Mit derlei Versprechungen wolle sie sich nicht zufrieden geben. Sie hatte ihre Gutgläubigkeit und Naivität bereits in Form von schmerzhaften Vergangenheitserlebnissen ablegen können. In ihrer geschärften Intuition spürt sie, dass der richtige Weg für sie ein anderer sein müsste. Letzten Endes gefällt dem Froschkönig die korrekte Einstellung der Prinzessin und er führt sie voll Freude und Stolz durch sein Schloss. Mühevoll springt er hinter ihr her und blickt voll Begeisterung auf ihre schlanken Beine und ihren wohlgeformten Popo. Die Prinzessin staunt wiederum über die Farbenpracht, die hier in der Froschunterwelt vorherrscht. Dem Froschkönig, der nach wie vor mit der Wahrheit über die beiden Brüder dieses anmutigen Wesens nicht herausrücken will, hat sich zum Ziel gesetzt, die Königstochter zuvor noch ein zweites Mal auf die Probe stellen zu wollen. Er geleitet sie nun deshalb zu einem Goldbaum und spricht: “ Küss´ mich! Und du kannst alles Gold von diesem Baum an dich nehmen! Ich werde dir dafür nicht nur verraten, wo sich deine Brüder aufhalten, sondern dich auch zur reichsten Frau auf diesem Erdenball machen!“ „Ich bin rechtschaffen, fleißig und verfüge über ein großes, liebendes Herz, aber ich lasse mich weder durch einen Froschkönig beeindrucken, noch lasse ich mich durch Geld erpressen! Ich bin nicht käuflich!“ Der Froschkönig muss sich eingestehen, dass er es hier mit einer charakterlich sehr starken Frau zu tun hat. Auch beim dritten Versuch behält die Prinzessin die Oberhand. Alles Wissen dieser Welt sei in diesem goldenen Gefäß verborgen und wenn sie es an sich nehmen wolle, natürlich, nachdem sie ihm den eingeforderten Kuss gegeben hätte, dann wäre sie nicht nur die glücklichste, sondern auch die gescheiteste Frau auf dieser Welt, hieß es aus dem Munde des Froschkönigs. Auch darauf geht die Prinzessin nicht ein. Glückselig schloss der König seine drei Kinder in die Arme. Voll Begeisterung berichteten sie, was geschehen war. Nicht den Baum voll Gold, nicht den Becher des Wissens, nicht einen Prinzen wolle sie, hatte die Prinzessin dem Froschkönig geantwortet, vielmehr interessiere sie sich für die beiden Stäbe dort im Hintergrund, und sie zeigte in diese Richtung. Der Froschkönig lächelte listig. „Diese zwei Stäbe will ich dir schenken und wisse: diese Darstellung findest du auch in den Tarot-Karten. Und sie bedeuten so viel wie „Lust und Last des Anfangs“ und beinhalten alle Tugenden, die dir, liebe Prinzessin, zu Eigen sind. Für einen neuen Anfang benötigt man nämlich Vertrauen in die eigene Kraft, Entschlossenheit und Beherrschtheit. Der Ball liegt generell bei demjenigen, der die Ausdauer und Geduld aufbringt, so lange warten zu können, bis sich die eigenen Sichtweisen gerundet haben, denn dann ist er in der Lage, den eigenen Ball ins Spiel bringen zu können. Außerdem ist Triebkraft, Tatendrang und das Bedürfnis nach Selbstentfaltung erforderlich. Die beiden Stäbe stellen dabei die Polarität dar, die sich wechselseitig blockieren oder bestärken können. Dabei ist oftmals auch das Gegensätzliche in der eigenen Person gemeint. Es gilt dabei Stückwerk zu vermeiden und sich dabei nicht in eine Zwickmühle treiben zu lassen. Man muss sich der Kraft bewusst werden, „Herrscher“ im eigenen Leben sein zu können, um sich ein persönliches „Reich“ errichten zu wollen!“ Der Froschkönig hatte daraufhin der Prinzessin nicht nur die beiden Stäbe geschenkt, sondern auch den daneben liegenden goldenen Ball. Und er hatte sich dann doch ebenso dazu bewegen lassen, und hatte aus Liebe zu dieser tollen Frau und aus Begeisterung, dass sie alle drei Proben, die er ihr stellte, erfolgreich bestanden hatte, den Zauber von ihren beiden Brüdern genommen und alle Drei aus der Froschzauberwelt wieder entlassen. Dem Ganzen war jedoch eine feierliche Wieder-Mensch-Werdungs-Zeremonie vorausgegangen. Beide Prinzen mussten einen Froschschwur leisten und gelobten, einen Neuanfang beginnen zu wollen. Der ältere Prinz war dazu genötigt worden, sich den Satz für immer und ewig einprägen zu wollen, der da heißt: „Alles hat seinen Preis“. Der jüngere müsse sich lebenslang an den Weisheitsspruch “Der Hochmut kommt vor dem Fall“, erinnern. Die beiden Brüder schienen geläutert und waren ihrer Schwester ungemein dankbar und voll Freude herzten und küssten sie einander und hatten zudem eine weitere Lebenserfahrung gemacht, dass auch Frauen ihren Mann stellen und in der Lage sind, ein Königreich erfolgreich regieren zu können und somit verzichteten die beiden Prinzen zugunsten ihrer Schwester freiwillig auf den Thron. Und aus der Prinzessin wurde eine Königin, die ihr Königreich mit all ihrem Erfahrungsreichtum eines goldenen Balls regierte. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Und die Moral dieses Märchens: Die Welt; für Männer ist es wichtig, sich generell in der Frau zu erkennen, um die Welt zu verstehen und die Frau muss sich in der Welt erkennen, um sich selbst verstehen zu können, denn dann begegnen sie einem umfassenden Schutz, den „Mutter Erde“ und der Kosmos ihnen anbieten.
Eveli Mani
„Willst du nicht mein Freund werden?“ fragte einer der aussah wie George Clooney, und sich als Wolfgang vorstellte. Peter wirkte verwirrt. „Na, dann eben nicht!“ knurrte der Hungrige. Und aus dem schönen Wolfgang wurde der böse Wolf. „Wir suchen Schneewittchen!“ lautstark probten sich sieben kleine Zipfelmützenträger, die wie die Ölgötzen dastanden im Protestieren. „Du bist der Meisterdetektiv, den wir per Brieftaube angefordert haben, um das verschwundene Schneewittchen zu finden!“ fasste einer der Ölgötze seine Gedanken in Worte, und trat mutig vor die Gruppe. „Können wir dann gehen?“ fragte er. „Nein!“ der schöne Wolfgang fletschte die Zähne. „Verzieht euch schleunigst hinter die sieben Berge, oder jeder erfährt was für kleine Perverslinge ihr seid! - Dann werden die sieben Zwerge aus jedem Märchenbuch gestrichen!“ knurrte er. Und wie ein geölter Blitz sausten die Ölgötzen davon. Der böse Wolf wandte sich an Peter. „Da vorne steht das allseits bekannte Knusperhäuschen von Hänsel und Gretel. - Die sind zwei Satansbraten, und ein Fall für die Supergranny! Die beiden haben zu viel kriminelle Energie im Kopf. Bei denen geht alles so schnell, dass es schon vorüber ist, bevor es überhaupt angefangen hat! Der Hänsel und die Gretel schießen nur auf jemand, um ihn durch die Luft fliegen zu sehen. Keinerlei Respekt, diese Jugend von heute! Aber nicht mit mir! Ich hab da meine eigene Methode ... Ich sag nur: Knüppel aus dem Sack ...“ Er machte eine veranschaulichende Gestik. „Tja! Du bist in der Tat, ein toller böser Wolf!“ meldete sich Peter zu Wort. Während er überall Fabelwesen sah. Der schöne Wolfgang stieß drohende Kehllaute aus. „Waldsterben mal anders!“ brummte er. „Ein mörderisches Märchen, im wahrsten Sinne! - So etwas wie Ganovenehre gibt es nicht, das ist ein Mythos! - Allerdings brauchen wir keine von der Kripo, um einen Mordfall im Forst zu klären! Vor allem können wir keinen Burschen gebrauchen, der hier in Ägypten für Aufruhr sorgt! Und um noch mehr Licht in deine Wissensdunkelheit zu bringen, sage ich es frei heraus: Fremde sind hier nicht gern gesehen! Fremde bringen nur schlechte Nachrichten! Nichts für ungut ... Aber Misstrauen ist mein zweiter Name und hält mich am Leben. Ich vermute schon eine Verschwörung, wenn ich den gestiefelten Kater an einer Würstchenbude stehen sehe! Ganz zu schweigen, von Hans im Glück, der ist zwar ein Idiot, aber wenigstens ein glücklicher! Und ich ... Ein verschütteter Bergwerkarbeiter hat mehr Glücksgefühle ... Aber das ist eine andere Geschichte ... Und schließlich will ich nicht zum Märchenonkel mutieren!“ er fletschte die Zähne. In dem Augenblick, trat Schneewittchen, dass hinter den sieben Bergen die Schönste war neben ihren schönen Wolfgang, der aussah wie George Clooney, und schmiegte sich an ihn. Nach der geglückten Flucht vor den lüsternen sieben Zwergen und dem Märchenprinzen, hatte sie in ihm endlich ihren Traummann gefunden, Peter war verlegen und gab Zeichen wie beim Pokern. Er war so geblendet von dem Antlitz Schneewittchen, dass er wie angewurzelt dastand und mit den Augen rollte bis er Sterne sah. „Dann will ich nicht länger stören!“ stammelte er. „Jederzeit gerne!“ hauchte Schneewittchen und warf ihm „Kälbchenaugen“ zu. „Wir Immigranten, müssen doch zusammenhalten!“ „Da wir gerade beim Thema sind: Ich habe den langen Flug aus Übersee auf mich genommen, um nach Hause zu kommen!“ japste Peter. „Aber irgendwie, scheint der Kompass meines Herzens nicht mehr richtig zu funktionieren! Nach Ägypten ... wollte ich ganz gewiss nicht!“ Er war zutiefst betrübt. „Wo ist Niemandsland?“ „Niemandsland ist abgebrannt!“ knurrte der schöne Wolfgang. „Niemandsland ist abgebrannt?!“ wiederholte Peter ungläubig. „Du bist ein fixer Bengel!“ sein makelloses Wolfsgebiss bleckend, hielt er Schneewittchen fest. „Zwischen Ägy ... und ... pten, war gerade ein Platz frei ... Und da haben wir uns eben hier angesiedelt!“ sagte er lapidar. Dann verschwand er mit Schneewittchen in der Bretterbude. Peter zog einen Flunsch. Mit den Augen Blitze schießend murmelte er:“Ich könnt ihn auf den Mond schießen!“ „He! Dich kenne ich doch!“ rief Peter verblüfft. „Das halte ich für ein Gerücht!“ konterte der kleine Antipathieträger. „Dein Name liegt mir auf der Zunge ... Wie nennt man dich?“ Peter hatte Blut geleckt. „Manchmal nennt man mich so, oder so!“ das Männlein ließ sich nicht aus der Reserve locken. „Und wie nennt man dich meistens?“ ereiferte sich Peter Pan. „In der Märchenstunde, oder in der Menschenwelt?“ entgegnete der Kleine schnodderig. „Hier! Hier ... hinter den sieben Bergen, meine ich!“ Peter wurde zum Berserker. „Moment! - Eigentlich dürfte ich nicht „die sieben Berge“ sagen!“ grübelnd starrte er vor sich hin. „Um es richtig auszudrücken, müsste ich jetzt sagen: “Hinter den Pyramiden“ ... Oder so ähnlich ... Schließlich sind wir ja in Ägypten ...“ „Papperlapapp! Wir alle hier sind sehr traditionsbewusst! - Also, rede ruhig so, wie dir der Schnabel gewachsen ist ...“ „Okay! - Wie nennt man dich?“ „Errate meinen Namen und du bist frei! Fällt mir da nur ein!“ der Zwerg war nicht zu beeindrucken. „Außerdem sind Namen Schall und Rauch! Ich bin inkognito unterwegs!“ „Müller-Wolkenscheid, Hasenfratz, Schneider?“ Peter überlegte angestrengt. „-Buffalo Bill?“ „So heiß ich nicht!“ triumphierte der kleine Antipathieträger. „Vielleicht bist du das tapfere Schneiderlein ... Sieben auf einen Streich!“ warf Peter Pan ein und rollte mit den Augen, als hätte er sich den Mund verbrannt, an viel zu heißer und viel zu scharfer Chilisauce. „Du bist doch wirklich der Abschaum der Menschheit!“ schrie das Männlein hysterisch und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr. „Von dem vielen herumsitzen in der Dunkelheit fühle ich mich schon wie ein Maulwurf!“ protestierte es lautstark. „Ah! Jetzt weiß ich es!“ war die kernige Reaktion von Peter Pan. „Ich weiß, dass du Rumpelstilzchen heißt!“ Das Männlein sah ihn gelangweilt an: “Ja, und?“ „Ich habe deinen Namen erraten!“ antwortete Peter unerbittlich. Es wiederholte: “Ja, und?“ „Du musst in deiner Wut den linken mit beiden Händen packen und dich selbst mitten entzwei reißen!“ forderte Peter begierig. „Und mir das Gold lassen!“ Das war der Punkt, an dem das gar zu lächerliche Männchen aufgab. „Verdammt, noch mal!“ stöhnte es genervt. „Wieder der selbe Mist! - Und das alles, in diesen ägyptischen Sandmassen!“ Es riss sich selbst entzwei und verschwand in einer Schwefelwolke. Peter machte sich aus dem Staub, mit einer Schubkarre voll Gold. ... Und wenn er nicht gestorben ist ... ist jemand anderes tot...
Susanne Ulrike Maria Albrecht
Es war kurz nach Anbruch des Tages. Ich kam aus der Hütte und stieg, schwer mit meinem Rucksack beladen, den buckligen Pfad steil bergab. Dabei stand mir das hohe Gebirge im Genick und über dem Hut mit der luftigen Feder, auf felsigem Gipfel, das Kreuz. – Schritt um Schritt schlug der Wanderstock auf den Stein, und zu meinen Füssen wogten die grünen Wipfel des Waldes herunter ins Tal, wo mir schon vereinzelt die rot geschindelten Dächer vom Dorf heraufblinkten: „Grüßgott!“ rief ich dem Holzfäller zu, den ich nun an der Weggablung traf: „Wo, bitte, geht's denn hier runter nach Orx!?“ Er knurrte mich an und wies mit der Axt rechterhand in den Hohlweg. Da bedankte ich mich, hob den Stock und stieg unter die Tannen. Aus dem Talgrund stieg mir ein Wispern des Windes entgegen, erzählte mir leise von einem fahrenden Zug in der Ferne. Eben noch kreuzte ein Eichhorn den Weg. Dann sprangen die Bäume zurück in das Holz, und der Blick schwebte frei die Felder hinunter, zu den Gehöften und Häusern im Ort. Dort, aus der Mitte, erhob sich der Kirchturm mit einem Hahn auf der Spitze, der golden im Licht der Sonne aufblitzte. Ich folgte dem Feldweg. Der wand sich wie eine Schlange durchs Korn und führte vorüber an brennendem Mohn, durchbrach dann den Feldrain und lief zwischen blühenden Gärten einher: „Grüßgott!“ lüftete ich meinen Hut vor der Frau, die mich durch ein Loch in der Hecke beäugte: „’Tschuldigung, gibt es im Ort einen Bahnhof?“ „Na, da muss Er nur immer weiter runter und runter“, sprach's aus der Hecke, „da läuft Er direkt mit der Nase davor!“ Kurz darauf ging der Schotter in die gepflasterten Dorfstrasse über. Diese fuhr dann in einigen Kurven durch eine Gasse von Häusern, bis sie am Ende an ein Gebäude im Efeu anstieß: 'AHNHOF’ war dort in rostroten Lettern auf einer umrankten Tafel zu lesen. Ein Buchstabe fehlte. Der Bahnhof von Orx erwies sich als trostlos: Das Tor zur Halle war eingetreten, die Fensterscheiben zerschmissen, die Schalter gänzlich mit Sperrholz verrammelt... Ein paar Graffitis. Am Rand stand ein Fahrkartenautomat, uralt - und defekt: Er schluckte gierig die Münzen und spuckte weder den Fahrschein noch das Geld wieder aus: „Blöde Kiste!“ Ich kehrte mich um, stolperte durch einen Haufen von Müll hinaus auf den Bahnsteig. Hier lehnte ich den Stock an die Wand, schnallte den Rucksack vom Rücken und trat an den Schaukasten, suchte den Fahrplan hinter der ölig verschmierten Scheibe zu lesen: „Im Namen der Bahn!“ sprach mich plötzlich wer von der Seite her an. „Ich heiße Sie herzlich willkommen im Bahnhof von Orx!“ Ich drehte erschrocken den Kopf und gewahrte - „Grüßgott!?“ - einen alten, kauzigen Mann mit einem weißen, wauschenden Bart: „Gestatten, mein Name ist Schaurig!“ krächzte der Alte und hob, mir zum Gruß, seinen Arm mit der rotgrünen Kelle: „Gestatten, ich bin der Stationsvorsteher!“ Der greise Herr trug eine Dienstuniform, die wohl, samt der Dienstmütze, ursprünglich blau, doch mittlerweile völlig vergraut und verstaubt war. Glänzend poliert jedoch und hell strahlend baumelte ihm eine silbrige Trillerpfeife von der Kette am Kragen: „Nun, junger Wandersmann, wenn Sie Hilfe bedürfen... Ich stehe Ihnen auf dieser Station mit Rat und Tat gerne zu Diensten.“ „Gut...“, meinte ich zögernd, „so darf ich Sie auf den Automaten in der Halle aufmerksam machen: Der hat sich mein Geld einverleibt, ohne mir dafür ein Ticket---“ „Halt!“ fiel mir jetzt der Herr Schaurig ins Wort: „Ich habe Ihnen gerade erklärt: Ich bin hier der Stationsvorsteher, bin also weder vom Reparaturdienst noch Schalterbeamter, geschweige denn der Bedienstete von der Beschwerdestelle. Da sollten Sie sich an die zuständige Ordnungsanstalt in Stadelsbach wenden.“ „Aha!“, machte ich. „Noch eine Frage: Was ist mit dem Fahrplan? Man kann ihn nicht lesen.“ „Dito!“ bekam ich zu hören, „die gleiche Auskunft!“ „Dann, bitte, sagen Sie mir, wann hier der nächste Zug nach Stadelsbach fährt?“ „Stadelsbach, Stadelsbach...?“ legte Schaurig die Stirn in Falten, schob sich die Dienstmütze schief in den Nacken und schielte hinauf zu der Bahnhofsuhr: Dort auf dem Ziffernblatt wiesen die Zeiger irgendwohin - doch sie zeigten gewiss nicht die Zeit an. „Wissen Sie“, meinte er schließlich, „ich weiß es auch nicht.“ „Wie?“ fragte ich. Er stehe hier vor und könne mir nicht die Fahrtzeiten nennen. Da sei er halt überfragt. „Sehen Sie, es verkehren tagtäglich so viele Züge auf dieser Strecke, verkehren von hier nach dort und von dort nach hier. Aber wann sie verkehren, wann o wann - das ist eine interessante Frage.“ „Ich verstehe nicht ganz...“ „Nun“, bekam ich erklärt, „in alter Zeit galt das Motto: Pünktlich wie die Eisenbahnen. Doch heutzutage kommen und gehen die Züge nur mehr mit Verspätung. Alle fahren sie unregelmäßig. Alles fährt hier durcheinander.“ „Ach!?“ „Ja, und wenn ich Ihnen die Auskunft erteile, der nächste Bummelzug käme, sagen wir mal, planmäßig in Fünfminuten, und er trifft dann in Zehnminuten noch immer nicht ein, hätte ich Sie doch aufs Gröbste belogen.“ „Das wäre wohl wahr.“ Darum sage er besser nichts. „Sehr recht“, sagte ich, nickte ihm zu und bedankte mich für die ehrliche Auskunft. Anschließend pflückte ich meinen Stock von der Wand, stieg in den Rucksack und wanderte nun den Bahnsteig entlang zu der einzigen Sitzbank weit und breit, die ich, fernab des Dachs, am äußersten Ende des Gleises erspähte. Dort angelangt, hob ich das Gepäck wieder ab, setzte mich auf das knarrende Holz und konnte endlich die müden Beine ausstrecken: Nein, keinen Schritt mehr mochte ich wandern! Nur noch zum Zug - und dann zügig heim! So saß ich Seite an Seite mit meinem Rucksack und suchte nach dem Zug Ausschau zu halten: Mein Blick fuhr zur Linken die Geleise entlang und die Schwellen und Schienenstränge hinauf bis zu dem schwarzen Halbrund des Tunnels, der zwischen den Schenkeln der Hügel aufklaffte. Über dem Tunnel schroffte ein Felsen, und darüber schwebten ein paar wolkige Schäfchen im leuchtenden Blau. Auf einmal drang, drüben vom Bahnsteig, ein heller und schriller Ton zu mir vor: Der Bahnhofsvorsteher blies lautstark die Pfeife. – „Na also, der Zug!“ Ich stemmte mich auf den Stock, stieg in die Schlaufen und machte mich auf den Weg zurück zu der Haltestation unterm Dach. Puh! hastete ich dem Bahnhof entgegen. Dort winkte Herr Schaurig mir schon mit der Kelle und rief mir irgendwas zu, was ich über die Entfernung hinweg nicht verstand. Erst wie ich, schnappend nach Luft, bei ihm anlangte, konnte ich ihn verstehen: „Junger Wandersmann!“, sprach er aufgeregt, senkte die Kelle, stellte sich stramm und legte die Hand an die Hosennaht: „Falscher Alarm, falscher Alarm! Ich habe, ich weiß nicht warum, so aus Versehen die Pfeife geblasen.“ „Melden Sie diesen hochpeinlichen Vorfall bitte nicht bei der Beschwerdestelle!“ rief er mir noch nach, wie ich mich erneut auf den Weg zu der Sitzbank aufmachte. Erschöpft kam ich an, ließ das Gepäck nieder, pflanzte mich auf das Holz und stellte die schmerzenden Beine von mir. Ich verschnaufte, schloss meine Augen und stellte mir vor, ich sitze im Zug und fahre längst heim. Die Zeit verging. Es wurde Mittag - im Tunnel regte sich immer noch nichts, während drüben, unter dem Dach, der alte Mann am Spalier der Pfosten entlang marschierte. - Am frühen Nachmittag tauchte hinter ihm eine Gestalt im grünen Overall auf: ‚Ein anderer Fahrgast’, sagte ich mir, ‚da wird der Zug ja bald kommen...’ - Die grüne Gestalt bewegte sich vor bis zur Bahnsteigkante, wo sie verharrte und in Richtung des Tunnels starrte. Dort aber blieb es finster und stille. Nach einer geschlagenen Stunde war von dem Overall nichts mehr zu sehen, derweil der Vorsteher in einem fort auf dem Gleis auf und ab patrouillierte. Wer in Ungeduld wartet, wartet nur länger. Darum übte ich mich in Geduld. Und dann, irgendwann geschah es: Im ersten Moment kam’s mir vor wie der Hauch eines Luftzugs, der von den Hügeln herüberwehte. Kurz darauf aber konnte ich aus dem Schlund des Tunnels ein leises Seufzen vernehmen, und jetzt, wie aus einem Säuseln heraus – eindeutig! - das Rauschen eines von ferne nahenden Zuges! – Im Nu hatte ich das Gepäck aufgeschultert und machte mich eilends zum Bahnhofsgebäude. Von dort schallte mir schon das Geträller der Pfeife entgegen. Dazu schwenkte Schaurig die Kelle und tönte: „Der Zug kommt! Der Zug, Bahn sei Dank!“ Ich schleppte mich unter das Dach und trat an die Bahnsteigkante: Noch war vom Zug nichts zu sehen – da fuhr mich von hinterrücks, aus nächster Nähe, ein ohrenbetäubender Pfeifton an. Ich zuckte zusammen, schon schlug mir ein gellender Schrei ins Gehör: „Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“ „Ich trete ja schon---" „Nein, noch weiter zurück! Bis an die Linie!“ Schaurig kam, mit feurigem Kopf, um mich rumgeschossen und brüllte: „Ich habe es Ihnen heut morgen ausführlich erklärt: Ich bin hier der Stationsvorsteher. Und Sie, als Fahrgast, sind dazu verpflichtet, meiner Anweisung unverzüglich Folge zu leisten!“ „Mein lieber Herr Schaurig, dies habe ich---“ „Aber nicht unverzüglich! Nicht unverzüglich!“ schienen die rot aufgeblasenen Wangen beinah zu platzen: „Sie haben die Unverzüglichkeit nicht beachtet, wie es die Bahnhofsverordnung von Orx laut Paragraph 7a ausdrücklich vorschreibt!“ Er schnaubte noch - fasste sich mit einem Mal, sowie aus dem Tunnel - ZA ZÜH! - das Signalhorn des nahenden Zuges ertönte. - „Na, wollen' s noch einmal durchgehen lassen“ zwinkerte er mir jetzt mit dem Aug, und dann flog sein Blick die Geleise hinauf, dorthin, wo aus dem schwarzen, gähnenden Tunnel urplötzlich die rote Nase der Lokomotive auftauchte: „Sie ist es! Sie, die rote Madame!“ jubelte er. „Sie ist mir die Liebste von allen!“ ZA ZÜH! ZA ZÜÜÜHH! zog die rote Madame Wagon um Wagon aus dem Dunkel. Und auf den Schwellen, hoch auf dem glänzenden Schienenpaar sauste und brauste das prächtige Wesen von Stahl in seiner ganzen Länge heran. Lauter und lauter ertönte das Rattern der Räder: RA- TA- TATA! Schlug, im trommelnden Rhythmus, Metall auf Metall: „Jau, das ist Musike!“ jauchzte der Vorsteher, blies in die Pfeife und schwang im Takt seine Kelle. Der Zug preschte näher: Schon war der Umriss des Lokführers vorne im Fenster zu sehen. Er sah uns wohl auch und hob seine Hand wie zum Gruß. Ich winkte zurück – aber nein! Was war das!? Das stählerne Ungetüm bremste nicht ab, sondern rauschte mit ungebremster Geschwindigkeit in den Bahnhof. Es zischte und ratterte - RA- TA- TATTAH!!! - geradewegs an uns vorbei: „H... Ha... Halt!“, rief ich aus, als der Fahrer im Fenster lächelnd und winkend vorüberflog. Es flogen die Wagen vor uns dahin, Wagon um Wagon und Fahrgast um Fahrgast – hinter der langen Reihe der Fenster: Ein Herr in Blö schaute heraus, eine lachende Schöne und eine ältere Dame mit Riesenschnautzer... Nun noch das Kind mit der plattgequetschten Nase am Glas. Und am Ende sah man nur mehr das Rücklicht des hintersten Wagens aufblinken: Ein gelbes Flackern, welches mitsamt dem Zug hinter dem blühenden Berghang abtauchte. Entsetzt wand ich mich an den Bahnhofsvorsteher: „Hören Sie mal!“ „Ja bitte, ich höre...“ „Ich wartete sechseinhalb Stunden auf diesen Zug!“ „Ja und?“ erhielt ich zur Antwort. Er sei doch gekommen. „Er kam, er kam - und hielt gar nicht an!“ Da kratzte er sich an der Mütze und meinte: „Tja, mit den Zügen verhält es sich wie dem Glück: Es kommt auf uns zu – wir möchten es halten, da rauscht es schon an uns vorbei.“ „!?“ „Und, junger Mann, was die Züge betrifft, können Sie hier eine Ewigkeit warten, ohne dass mal ein Zug hält.“ „Wie!?“ ich, verwirrt. „Seit gut einem Vierteljahrhundert hielt hier kein einziger Zug. Denn die Haltestation wurde seinerzeit aus dem Verkehrsplan gestrichen.“ „Waas?“ „Ja, wissen Sie nicht? Sie befinden auf einem Geisterbahnhof.“ „G... G... Geisterbahnhof!?“ „Allerdings“, griente der Alte, „man munkelt gar, dass es hier spukt!“ „Wieso haben Sie mir nicht vorher gesagt, dass die Züge an dieser Haltestelle nicht halten!?“ „Och, hab ich das nicht?“ zupfte er sich seinen Bart. Dann lachte er: „Hah, Sie sind mir gut! Sie haben mich ja auch nicht danach gefragt!“ „Und was, bitte, haben Sie als Bahnhofsvorsteher an einem Bahnhof zu schaffen, der kein Bahnhof ist!?“ „Ich? Ich stehe wie eh und je meinen Dienst ab“, meinte er, ging ein paar Schritte – und drehte sich jäh nach mir um: „Wenn Sie's genau wissen wollen: Ich verrichte den Vorsteherdienst schon eine lange, sehr lange Zeit, genau genommen, seit meinem Antritt am 1. Oktober 1889.“ „Das kann nicht wahr sein!“ rief ich ihm zu, „so lang lebt kein Mensch!“ „Habe ich etwa behauptet, ich lebe?“ „Sie scheinen mir durchaus lebendig...“ „Nichts ist, wie es scheint“, meinte er grinsend. „Manch einer scheint im Leben zu stehen – und steht dem Tode viel näher. Ich, beispielsweise, bin bereits über ein halbes Jahrhundert lang tot.“ „T... tot!!?“ „In der Tat, bin am 17. Mai des Jahres 1948 gestorben,“ seufzte der Alte, „litt sehr am Herzen, erlag meinem letzten Infarkt. Doch ich habe den Vorsteherdienst so unendlich geliebt! Ich konnte mich ewig nicht von ihm trennen“, sprach er, schritt vor zu der Wand. Er wies mit der Hand hinauf zu dem Schild, das dort verrostet und schief auf dem Putz hing. Ich trat hinzu, hob den Kopf und las eine uralte Inschrift: Herrn Nepomuk Schaurig zum Angedenken. Er diente uns als Stationsvorsteher des Bahnhofs von Orx, alle Zeit treu und redlich, vom 1. Oktober 1889 bis 17. Mai 1948. „Das ist ja unglaublich!“ Ich senkte den Blick und kehrte mich um: „Hallo? Hallo, Herr Schaurig?!“ Nun spähte ich den Bahnsteig hinauf, den Bahnsteig hinunter, konnte den alten Herrn nirgends entdecken. Ich spähte rundum: Außer mir befand sich hier niemand. Niemand. Nein, niemand! – Mir schoss ein Frösteln den Rücken herunter. Ich hob an zu zittern. Ich wollte den Bahnhof nur noch so schnell wie möglich verlassen, hob den Stock und steuerte schon auf den Ausgang zu, da fuhr mir von hinterrücks, aus nächster Nähe, der schrille Aufschrei der Pfeife ins Ohr.
Andreas Erdmann
Tok. Tok. Tok! klopfte es eines abends an deine Kellertür: Tok. Tok! und noch einmal: Tok! - und du standest im Flur, standest da auf den Dielen wie angewurzelt. Du horchtest, hieltest den Atem an, und dein Herz (bom bomm bommm) schlug rauf bis zum Hals: Wer konnte das sein? fragtest du dich: Wer besuchte dich dort aus dem Keller? Und wer rief jetzt mit dumpfer Stimme von jenseits der Tür, rief dich - deinen Namen - durchs Holz? Du fasstest Mut, tratest vor und riefst zurück: »Ja?!« und »Herein! « - Dann vernahmst du ein Klacken der Klinke. Wer... irgendwer drückte und zog, stemmte sich gegen die Holzfläche: »Geht nicht. 'S ist abgeschlossen.« »O Entschuldigung!«, sagtest du, drehtest den Schlüssel im Schloss. Im nächsten Moment sprang die Türe auf, sie sprang einen Spalt weit nach innen, schwang weiter - dabei knarrte und knaaatschte sie laut in den Angeln - und vor dir öffnete sich der finstere Einstieg zum Keller. Du spähtest hinein und hinunter, konntest zunächst niemanden entdecken. Dann jedoch stieg dir ein säuerlich fauliger Atem entgegen, und du erkanntest den Umriss eines alten, buckligen Männleins in einem pechschwarzen Pelz, den Kragen hoch aufgestellt und die Fellmütze tief ins Gesicht heruntergezogen. »Guten Abend!«, krächzte es aus dem Dunkel, »mein Name ist Kurz. Mein Meister schickt mich, Sie abzuholen für Ihre Reise nach Ea!« »Nach Ea? Na, dann warten Sie kurz, ich hole mir rasch noch Stiefel und Jacke.« »Neinein«, meinte Kurz, »nicht nötig, die brauchen Sie nicht in Ea.« »Einen Moment, ich mache uns Licht!«, sagtest du, fingertest schon nach dem Lichtschalter. »Lassen Sie das!«, patschte der kleine Mann dir auf die Hand: »Kommen Sie, folgen Sie mir auf der Stelle!« »A-aber- man sieht dort unten ja nichts.« »Ich, für meinen Teil, sehe genug, und mein Meister verabscheut künstliches Licht«, knurrte er, kehrte sich um und stieg bereits vor dir die Treppe hinunter. In deinen Hausschuhen tratest du auf den ausgetretenen Stein der obersten Stufe. Und dir im Rücken schlug krachend der Flügel der Tür ins Schloss - du zucktest zusammen, legtest die Hand auf den Lauf des Geländers und folgtest dem Fremden schweigend hinab in das gähnende Dunkel. Stufe um Stufe ging's hinab in die Tiefe. Spinngeweb streifte dein Haar, und du ducktest dich. Die felsige Decke schwebte hernieder, der Gang wurde enger und enger. Doch mit einem Mal wich der Felsen zurück, und sowie du nun von der Treppe in das Kellergewölbe eintratst, wehte dir aus dem offenen Schwarz ein kühlerer Lufthauch entgegen. Du hieltest inne und lauschtest, vernahmst von drüben das Rauschen der Quelle, die im tiefsten Grunde des Kellers entsprang. »Vorwärts, vorwärts! nicht stehen bleiben!« drängte der Alte, und weiter ging es auf steinigem Boden. Das Gewölbe kam dir tiefer vor als gewöhnlich: Ihr hättet längst bei der hintersten Mauer anstoßen müssen. Dazu erschien dir die Kellerdecke viel höher als sonst, und als du den Blick nach oben lenktest, konntest du in der Finsternis etwas erkennen: Du sahst... sahst, dass der Raum grenzenlos war... sahst in der Höhe die blinzelnden Sterne! - Sterne, Sterne blinzelten auch um dich her und tanzten dort auf dem Wasser, das du plötzlich drunten zu deinem Füssen erblicktest: Sternlichter tanzten weit, weithin auf den Wellen eines rauschenden Meeres, und in der Ferne über der wogenden Flut erhob sich lautlos die weiße Sichel des Mondes. »W-w- wo sind wir hier?«, fragtest du. »Fragen Sie nicht, folgen Sie mir!«, kraxelte Kurz durch die Klippen zum Ufer, und du kamst ihm nach. Auf einmal erspähtest du eine Fähre, die unten am Steg zur Abfahrt bereit lag - und am Ende des Stegs stand der Fährmann in einem langen, luftig flatternden Mantel, stand da mit wehendem Haar und schaute hinaus auf die endlose See. »Halt!«, schnellte Kurz auf der untersten Klippe herum, »geben Sie mir jetzt den Fährlohn!« Da suchtest du in deiner Hosentasche und brachtest einige klimpernde Münzen zum Vorschein. »Oh nein, das reicht nicht,« meinte der Alte: Geben Sie mir einfach - alles!« »Alles?« »Nun«, grinste er, wenn Sie erst drüben in Ea sind, brauchen Sie ja nichts mehr.« Daraufhin gabst du ihm all dein Geld, drücktest ihm auch deine goldene Uhr in die Hand. »Das reicht noch nicht hin«, bekamst du zu hören. »Geben Sie alles, was Sie beschwert, was Sie mit sich herumschleppen und an Ihrem Leib tragen!« »A-aber - es ist so kalt und windig hier... « »Jammern Sie nicht!« So stiegst du aus deinen Pantoffeln, schlüpftest aus Hemd und Hosen und reichtest dem Mann all deine Sachen. Völlig unbekleidet standest du da, und er forderte: »Legen Sie auch Ihre Maske ab!« So kam es, dass du dein Lächeln abgabst, jedweden Ausdruck von Freude und Zuversicht und sogar deine Hoffnung. »Danke, das reicht!«, sagte der Fährgehilfe. Und nackt, wie du warst, stiegst du ihm nach, von der Klippe auf die wankenden Bretter vom Bootssteg. Der Fährmann hatte euch wohl gehört, fuhr herum und kam dir mit stakenden Schritten entgegen. »Guten Abend!«, grüßtest du ihn. Er erwiderte nichts. »Nun können wir aufbrechen«, sagtest du freundlich, und er herrschte dich an: »Sie haben hier gar nichts zu sagen! Die Stunde des Aufbruchs bestimme ich. Ich - ich allein kenne das Wetter, kenne die Gefahren der Nacht und das Kommen und Gehen der Flut.« »Ja, aber... « »Schweigen Sie!«, schrie er dich an. Und du schwiegst. Kurz darauf - »Eeeja hooo!« - erteilte der Fährmann das Zeichen zum Aufbruch. Du folgtest den Männern ins Boot und stiegst durch allerlei Tand und Zeug, das an Deck durcheinander lag, bis zum Bug vor. Der Fährmann stellte sich achtern ans Steuer. Sein Fährknecht hievte den Anker an Bord, löste die Leinen und zog das Segel am Mast auf. »Fääähre ahoi!« rief es vom Steuer, und schon fuhr der Wind in das Segeltuch, die Fähre setzte sich in Bewegung und trieb nun von Sternen umwogt hinaus auf das offene Meer. Du lehntest im spitzen Winkel des Bugspriets, spähtest voraus und sahst mit einem Mal, wie die Sterne erloschen. Dein Auge verlor sich im Nichts. Der Himmel war ganz verhangen. Ein dichtes Gewölk hatte sich vor euch zusammengebraut, und ihr steuertet geradewegs darauf zu. »Ferge, wir müssen einlenken!«, riefst du nach hinten. »Schweigen Sie!«, schroffte es da vom Heck. »Ich bin der Käpt'n und ich bestimme den Kurs! Sie aber kennen ja weder den Weg noch das Ziel Ihrer Reise.« Schneller und schneller brach das Gefährt durch die Wogen. Der Bug stach ins Wasser und warf hohe Wellen auf, von unten her peitschte die Gischt. Dann fuhr ein Ruck durch das Boot. Es schnellte blitzartig nach vorn, und du fielst herum an den Fockmast, schlangst die Arme ums Holz und schriest nach hinten: »Wir müssen zurück! Zurück!« »Das ist unmöglich!«, tönte es aus der tosenden Brandung. »Es gibt kein Zurück in den Schnellen der Zeit!« - In dem Moment stürzte das Boot in einen Strudel. Ein Sog erfasste es, zog es durchs brennende Wasser, das im wilden Wirbel über dem Segel zusammenklatschte. Auf einmal ein flammender Blitz! Und sofort rollte und grollte der dunkel dröhnende Donner heran. Schlagartig setzte ein Wolkenbruch ein: Wassermassen prasselten von droben aufs Deck. Der Boden bebte, alles umher rutschte und rasselte jetzt im reißenden Strom durcheinander. Du wurdest vom Mast weg nach achtern geschleudert, rudertest mit deinen Armen, wolltest noch mit der Hand nach den schlagenden Tauen vom Ladebaum greifen. Aber du langtest ins Leere, stolpertest. Stürztest kopfüber, schlugst der Länge nach auf die Bohlen. Am Grunde ein Bersten. Vom Kiel reißt es das Boot in die Höhe, und du schlitterst bäuchlings zum Heck - saust auf den Fährmann zu, der sich dort fest an das Steuerrad klammert. Über dir steht er, mit flatterndem Mantel, sein kantiger Schädel grell im Gewitter, und aus den schattigen Augenhöhlen sticht eine Flamme: »Zum Teufel mir dir, verfluchte Fähre!«, vernimmst du noch seine feurige Stimme: »Fahr doch zur Hölle, zur Hölle!« - dann fällst du herum, knallst mit der Stirn vor die Bordwand und plötzlich - urplötzlich - ist's stille. Stille. Aus einem verschlungenen Schlaf kamst du zu dir und fandest dich, einen entsetzlichen Alptraum vor Augen, auf den Bohlen liegend am Backbord wieder. Du schobst deinen Kopf in den Nacken und hobst den Blick, sahst dich sogleich geblendet, hangeltest dich an der Bordwand hinauf und blinzeltest über die Reling: Es war hell am Tag. Die See stand still, und die Fähre ankerte auf einem schwelenden Nebel in einem gleißenden Licht, in dem alles umher erstrahlte. »Wir sind in Ea!«, vernahmst du den Fährmann irgendwo aus dem Glast, und der Fährknecht raunzte: »Also los, geh'n Sie an Land! Worauf warten Sie noch!?« In der grellen Lichtflut aber konntest du kein Land entdecken. »Ach, lasst mich doch bleiben!«, flehtest du nun. »Ich fürchte mich so vor dem Tod - und fürchte vor allem das Sterben!« »Sterben, ach was!«, sprach der Fährmann. »Bislang ist noch niemand gestorben. Niemand stirbt. Niemand erblickt den Tod. Sehen Sie: wenn jemand stürbe, wäre er doch gar nicht mehr da, um dem Tod ins Auge zu blicken.« »Hmmmm«, machtest du, und der Fährmann fuhr fort. »Anders gesagt: Mein Herr, Sie können unmöglich sterben, denn - Sie sind ja schon lange tot!« »Omeingott! Ich bin - tot?« du tief erschrocken. »Tja, tot. Tot sind Sie. Tot waren Sie, waren es immer. Sie leben nicht, leben nicht wirklich und haben nie - niemals - wirklich gelebt. Sie haben von Anfang an das Leben versäumt. Das Leben hat Sie geliebt, Sie aber liebten es nicht und begaben sich nicht in seine Hand. Sie suchten sich wohl hier und dort in der Welt, aber Sie haben sich nirgends gefunden. So verstrich Ihre kostbare Zeit, und Sie blieben ein Außerirdischer auf Ihrem eigenen Planeten.« »Ich? Ich war niemals ich?« »Bis auf den heutigen Tag! Somit sind Sie auf seltsame Weise unsterblich geworden. Denn wie könnten Sie sterben, ohne gelebt zu haben - ja, ohne jemals geboren zu sein?!« »Ich verstehe. Also stirbt am Ende niemand. « »Am Ende stirbt nur der Tod«, sagte er noch und drängte sodann: »Nun. Es ist höchste Zeit, Sie müssen von Bord. Auf Wieder- nein, auf Nimmerwiedersehen!« »Ja dann, auf Nimmerwiedersehen! «, riefst du den Fährleuten zu und stiegst auf das Brett, das dem Ausstieg anlag. Und nackt, wie du warst, gingst du im Licht auf dem wackligen Holz, das dich von der Fähre zu einem felsigen Grund hinüberführte. »Willkommen in Ea!« sprach der Stein, auf den du hier tratest. Und du gingst weiter, bis du im Licht einen Schatten erkanntest. Du gingst in den Schatten ein und sahst dich jetzt vor der steinernen Treppe, die aus dem hell erleuchteten Kellergewölbe hinauf in deine Wohnung führte. Und wie du den Fuß auf die unterste Stufe der Treppe setztest, war dir, als hörtest du in deinem Rücken aus der Tiefe des Kellers noch einmal die Stimme des Fährmanns: »Gehe hinauf in dein Leben, Mensch - Lebewohl! Und nun lebe! Lebe!« Andreas Erdmann
Es war eine sternlose Nacht. Denn ein dichtes Gewölk stand über dem Tal und hatte die himmlischen Lichter verschlungen. Da saßen wir immer noch, Schulter an Schulter, die Füße im Wasser, am Ende vom Steg und ließen den Blick über die schimmernde, schaukelnde Fläche des breiten Gewässers zum jenseits gelegenen Ufer schweifen: Dort über den schattigen, wogenden Wipfeln des Waldes erhob sich, hoch auf dem Berge, der schwarze Umriss des Schlosses gegen den dunkel verhangenen Himmel. Still war es, unerhört still. Der letzte Vogel im Tal war lange verstummt. Nur das leise Gluckern und Glucksen des Wassers zu unseren Füssen war zu vernehmen sowie der leichte Hauch eines Windes. Nicht lange, und uns kam ein Surren zu Ohren: „Mücken!“ sprachst du in die Stille hinein: „Mücken, und sie fliegen tief... Ich fürchte, es droht ein Gewitter.“ „Komm, lass uns aufbrechen“, gab ich zurück. Ich hob einen Fuß herauf auf den Steg und wollte mich gerade erheben, da griffst du mir in die Armkehle: „Warte, bleib mal kurz sitzen!“ Du neigtest dich vor und lauschtest hinaus: Vom See herüber, aus einiger Ferne, drang nun ein sonderbares Geräusch zu uns vor: Es klang wie ein Schlagen... ein rhythmisches Schlagen aufs Wasser: „Was ist das?“ fragtest du flüsternd. - „Du, was weiß ich?“ - Wir drehten die Köpfe und spähten durchs Schilf, gewahrten dahinter jetzt einen Schatten, der sich langsam auf dem Gewässer bewegte. Was immer das war, es kam auf uns zu: „Ein Boot...?“ meintest du. – „Ein Ruderboot, ja“, wisperte ich, „ein gestrecktes, ein Achter – ach, nein, ein Vierer - jetzt sehe ich es deutlich!“ – und hinter dem Dollbord sah ich die Gestalt eines Menschen dasitzen: „Ein älterer Mann ist’s, ein einsamer Ruderer...“ – „Merkwürdig, um diese Zeit“, hauchtest du, „es geht allmählich auf Mitternacht zu.“ – „Ja, und er kommt ohne Licht durch das Dunkel.“ „Autsch!“ machtest du. „Was ist los?“ Du riebst dir die Wange. „Hach, eine Mücke! Hat mich gestochen.“ „Pscht, nicht so laut! Der Paddler kommt näher...“ „Ob er uns geseh’n hat?“ „Wohl eher gehört!“ „Wir haben doch nichts zu befürchten“, meintest du, zogst dich ein Stück weit zurück auf dem Steg. Ich folgte dir auf dem knarrenden Holz, und wir hockten uns hinter das hochaufgeschossene Schilfgras und sahen den Fremden näher und näher zum Ufersaum rudern: „Er kommt direkt auf uns zu“, flüstertest du mir ins Ohr. „Nein, sieh mal, jetzt schwenkt er herum...“ „Aber... wohin steuert er da?“ Er lenkte mal hierhin, mal dorthin, fuhr vor und zurück – trieb auf uns zu, entfernte sich wieder. Dann, auf einmal hielt er inne. Unbewegt stand das Boot, und der See schien vollkommen stille. Der alte Mann hob den Kopf in den Nacken und blickte steil in die Luft, empor in den tiefschwarzen Himmel. „Was starrt er nach oben?“ flüsterte ich. „Ob er nach dem Wetter sieht?“ „Na, es droht, jeden Moment zu gewittern!“ „Schau mal, jetzt hievt er die Ruder herein.“ „Ja, er verstaut sie an Bord.“ Daraufhin beugte der alte Mann sich nach vorne, griff in die Planken und zog sich mit einem Ruck auf die Beine. Er kam zum Stehen, schwankte ein wenig und stemmte die Arme auf seine Hüften. Etwas bucklig und hager wirkte er, wie er dastand, sich reckte und abermals in die Lüfte aufschaute. „Was“, fragte ich, „hat der alte Herr vor?“ „Ich hoffe nur, er beabsichtigt nicht, über Bord zu springen und sich im See zu ertränken...“ „Eh’ ein Unglück geschieht, steige ich besser ins Wasser und schwimm zu ihm rüber.“ Du nicktest und meintest gleich darauf: „Nein, warte mal, er springt nicht...“ – Der Mann wankte nun gesenkten Hauptes durchs schwankende Boot, bewegte sich langsam zum Bug vor und bückte sich nieder: „Er hebt irgendwas aus dem Bootsrumpf...“, bemerkte ich, „etwas Sperriges, Schweres...“ – „Doch was?“ – „Eine Leiter...“ – „Eine Leiter!? Was will er damit auf dem See?“ – „Keine Ahnung. Sieh nur, er stemmt sie der Länge nach auf: Ein Riesending, es reicht fast vom Bug bis zum Heck.“ „Der wagt es doch nicht, die lange Leiter im wackligen Boot aufzurichten?“ meintest du noch. Doch bald stand sie aufrecht in Bootsmitte, und der Mann, die Beine breit von sich gestellt, hielt sie unten mit beiden Armen umklammert, während das andere Ende hoch über ihm hin und her schwang. „Das Boot droht zu kentern...“, befürchtete ich, wie er sich mit der Last der Bordwand zuneigte. „Schau, er stemmt die Leiter herüber. Er lässt sie der Länge nach in das Wasser...“ „Als wolle er in den See hinabsteigen...“ „Nun ist sie draußen – und steht!“ – „Sie steht?“ Ja, wahrhaftig, ich traute den eigenen Augen nicht: Der Mann ließ los - und die Leiter, die Leiter stand frei und aufrecht neben dem Boot. Sie stand auf dem offenen Wasser!“ - „Du, das glaubt uns niemand!“ sprachst du mit zitternder Stimme. - „O nein! Es ist so unglaublich, das kannst du keinem Menschen erzählen.“ „Mir, mir ist unheimlich“, stammeltest du. „Also geh’n wir zurück zum Hotel?“ „Nein, warte noch, was geschieht jetzt!?“ – Die Leiter stand da, während der Alte im Boot sich nach achtern bewegte. Er ging in die Knie, griff hinter die Planken und hob abermals einen Gegenstand auf, der ausschaute wie--- „Eine rundliche Kiste?“ flüstertest du. - „Nein, ein Kübel ist’s, mit einem Henkel.“ – Und der Mann neigte sich über die Bordwand und tauchte den hölzernen Eimer, um Wasser zu schöpfen. Anschließend ging er zur Leiter: „Das ist nicht wahr! Der steigt da nicht rauf?“ „Nein, aber--- ja...“ - Der alte Mann, den Kübel im Griff, hob den Fuß aus dem Boot und setzte ihn auf die unterste Leitersprosse: „Er steht auf der Leiter - unglaublich!“ – „Und doch ist es wahr...“ - Er klomm die Leiter hinauf. Sprosse um Sprosse erhob er sich über das Boot hinaus, über den See – und kletterte höher und höher. Bald bewegte er sich hoch über dem Tal und überstieg die Wipfel des Waldes. Schon stand er über den Bergen, verschnaufte kurz und stieg dann über die finsteren Türme des Schlosses hinweg – und weiter. Er stieg bis zum äußersten Ende der Leiter vor. Droben erst hielt der Mann inne. Dort stand er jetzt in schwindelnder Höhe über der Landschaft, inmitten des tiefschwarzen Himmels. Er hängte den Kübel auf, langte hinein und zog ein Tuch aus dem Innern. - „Was, um alles in der Welt, geht da vor sich?“ fragtest du. - „Keine Ahnung...“, erwiderte ich und sah gerade, wie er sich mit dem Tuch himmelwärts reckte. In dem Moment schreckten wir beide heftig zusammen, als dicht vor dem Mann urplötzlich ein greller Lichtblitz aufzuckte: „D... D... das Gewitter!“ stottertest du, zittertest, kralltest dich mir in den Arm. „Der Blitz hat den Mann auf der Leiter erschlagen!“ Du drücktest dich an mich. Dein Körper bebte – ich legte dir meinen Arm um die Schulter; und wie ich erneut nach oben blickte, verschlug’s mir den Atem: Dem alten Mann schien nichts passiert zu sein, er stand unbeirrt, über ihm aber klaffte ein Riss im nächtlichen Dunkel! und aus der Dunkelheit strahlte ein Licht! Ja, ein helllichter Strahl fuhr vom Firmament herab ins Gebirge, geradewegs auf das Schloss. Die Dächer, die Türme erstrahlten im Gold, und die Flanken der Bergspitze versetzte es in einen Glanz, während der Wald und das Tal mit dem See in der Tiefe noch immer stockfinster im Schatten dalagen: „Ich... ich versteh... nicht...“ „Wirklich nicht?“ gab ich zurück und zeigte hinauf: „Schau, jetzt tränkt der Mann das Tuch in dem Kübel, er hebt seine Hand - und siehst du? Er wischt mit dem Tuch das Dunkel vom Himmel...“ „Oh mein Gott, er wischt die Finsternis auf!“ Nach einer Weile ergoss sich das Licht in einem Kegel von oben herunter, verströmte über die Hänge, bis hin zu den Ufern des Sees. – „Wo rührt das Licht her?“ „Das ist mir ein Rätsel“, meinte ich noch. Doch ich staunte nicht schlecht, als ich kurz darauf, zu den gestreckten Händen des Mannes die strahlende Sichel des Mondes entdeckte: „Der Mann putzt den Mond.“ „Nicht zu fassen!“ Bald schien uns ein Halbmond. Dann blickten wir mehr und mehr in ein volles, hell leuchtendes Rund: „Es ist Vollmond...“ „Ja, zauberhaft schaut er aus!“ Der Alte fuhr mit dem Tuch um den äußeren Rand, und dort blinzelten erste Sternlichter auf. Dann nahm er den Kübel: Es schien, als ob er die Reste des Wassers ausschütte - die Wolkendecke zerriss wie ein Vorhang. Das Dunkel zerstob nach allen Seiten, und aus den nächtlichen Gründen erstrahlte auf einmal das himmlische Lichtermeer in seiner Pracht: Der Mann stand inmitten von Sternen. „Was geschieht jetzt...?“„Er nimmt den Holzeimer, stellt ihn hinauf - hinein in den Mond!“ „In den Mond hinein? Wie geht das zu?“ Ich zuckte die Schultern. In dem Augenblick schwang sich der alte Mann nach oben und gelangte nun selber durchs offene Rund wie in ein hellauf erleuchtetes Fenster. Der Mann im Mond bückte sich, griff nach der Leiter. Ein Ruck, und am unteren Ende löste sich jetzt das Boot. Es driftete ab und begann auf dem See zu treiben. - Derweil suchte der Alte, mit einiger Mühe, die Leiter zu sich heraufzuziehen. Langsam zog und zerrte er sie hinein in das Licht. Man sah sie der Länge nach darin entschwinden, wie in einem dahintergelegenen Raum. Erst als sie oben war, setzte er sich und verschnaufte. Der Mann saß im Mond. Er saß da mit baumelnden Beinen hoch über der Landschaft und schaute hinab auf sein Werk: Das glänzende Schloss und die Berge und Hänge im schönsten Mondenschein, der See voller funkelnder Sterne... Doch plötzlich neigte der Mann sich in unsere Richtung, als hätte er uns schon lange bemerkt. Nickte er uns etwa zu? Mir schien, er hob seine Hand wie zum Gruß. Rasch erhob ich mich aus dem Schilf, doch ehe ich ihm zurückwinken konnte, hatte er sich auf die Beine gestemmt, kehrte sich um und trat in den Mond ein. Er schritt in das Licht – und entschwand, bis wir letztlich von ihm nur mehr den Hauch eines Schattens erkannten. „Du, das glaubt uns niemand!“ sprachst du und sahst wie gebannt in den Himmel. - „O nein!“, sagte ich. „Es ist so unglaublich, das kannst du keinem Menschen erzählen.“
Andreas Erdmann
Zwei Jahre ging ich regelmäßig diesen Weg entlang. Lauschte dem Wind, wenn er die Bäume zum Rauschen brachte, durch das Gras strich und an meinen Röcken zerrte. Ich beobachtete die Singvögel, das Auf - und Verblühen der ersten Blumen im Frühling, die Tiere, wie sie auf der Weide grasten und die Sonne, wie sie an regnerischen Tagen immer wieder versucht, die Wolkendecke zu durchbrechen. In diesen zwei Jahren war ich immer allein auf dem Weg. Nie störte ich, oder wurde gestört. Bis zu jenem Tag im Juni. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als ich sah, dass die schöne Rose am Wegrand bereits eine zarte, weiße Blüte trug. Ich beugte mich vor, um an der anmutigen Blüte zu riechen. Sie duftete so wunderbar, wie ich es noch nie bei einer Rose erlebt hatte. Lange Zeit stand ich davor und strich zart über die schneeweißen Blüten, bis ich, kurz entschlossen, die Blüte vom Rosenstock abbrach. Noch in der Bewegung wurde mir bewusst, dass diese Tat gegen alles war, das meine Mutter mich gelehrt hatte und ich erkannte meine Schuld. Ich hatte gegen einen alten Grundsatz unseres Landes verstoßen, denn in den alten Legenden und Sagen des Landes hieß es, dass jede weiße Rose vom Feenvolk gepflanzt worden war und durch diese heiligen Gestalten geschützt wurde. Es war verboten, die Dinge, die das Feenvolk uns anvertraut hatte zu schänden oder zu entwenden, so wie ich es gerade getan hatte, und wurde durch die Herrin des Waldes bestraft. Ein leises Knistern ertönte hinter mir. Ich drehte mich um und erblickte eine schlanke, große Frau mit schwarzem Haar, das ihr bis zu Taille reichte. Sie war in dunkelblauen Samt gekleidet und ihren Kopf schmückte eine Krone aus einem feinen Geflecht irgendwo zwischen Grau und einem zarten Grün. Ihre Augen funkelten mich in einer undefinierbaren Farbe an. Ich konnte nicht sprechen. Und selbst wenn, hätte ich nicht die passenden Worte gefunden. Sie sah mich weiter an und begann dann, mit einer tiefen Stimme, zu sprechen. „Du hast die erste Blüte einer vom Feenvolk gepflanzten Rose gepflückt. Ich weiß nicht, ob du es mit Absicht getan hast oder aus purer Nachlässigkeit. Deine Beweggründe sind mir gleichgültig, aber ich muss dich bestrafen. Du musst den Rest deines Lebens als Schwalbe verbringen. Es gibt einen Weg erlöst zu werden, aber den musst du selbst finden. Ich kann dir nicht helfen, auch nicht, wenn ich es wollte. Du musst den Weg alleine finden.“ Während sie gesprochen hatte, war sie immer mehr verblasst, und schließlich ganz verschwunden. Ich stand immer noch auf dem Weg, die Rose in der Hand, als mein ganzer Körper zu beben und schmerzen begann. Ich brach auf der Erde zusammen und fühlte mich, als würde ich zu eis gefrieren. Es dauerte nur wenige Sekunden, mich in eine Schwalbe zu verwandeln, doch es sollte Monate dauern, zu meiner ursprünglichen Gestalt zurückzufinden. Es waren schmerzhafte Tage, die ich als Vogel verbrachte. Frauen verscheuchten mich von Beeten und Dächern. Andere Vögel machten mir Beeren und Samen streitig und kleine Jungen warfen Steine nach mir. Die Monate vergingen. Aus Sommer wurde Herbst, aus Herbst Winter und während all dieser Zeit suchte ich nach einer Lösung. Ich schämte mich meines Verhaltens, aber das schien dem Feenvolk nicht genug zu sein. Im Frühjahr kehrte ich zu dem Rosenstock am Weg zurück und ließ mich neben ihm, auf dem Zaun, nieder. Von diesem Zeitpunkt an, verbrachte ich jeden Tag neben der Rose, auf dem Zaun und einige Wochen nach Beltaine, dem Frühjahrsfest, kam ein junger Mann an uns vorbei. Neben der Rose hielt er inne, beugte sich vor, und roch an ihr. Nach einer Weile setzte er dazu an, die Blüte abzubrechen. Ich flatterte auf, um ihn davon abzuhalten. Ob ich das tat, um die Rose zu schützen, oder ihn, vermag ich auch heute nicht zu sagen. Ich weiß nur, dass ich im nächsten Moment wieder auf dem Boden lag und mich vor Schmerzen krümmte. Er beugte sich besorgt zu mir herunter und fühlte meine Stirn, denn ich war nicht länger eine Schwalbe, sondern hatte meine ursprüngliche Gestalt zurückerlangt. Fiebrig und am ganzen Leib zitternd lag ich auf dem kalten Boden, bis er mich aufhob und zu sich nach Hause brachte. Ich erholte mich schnell wieder und kehrte zum Haus meiner Mutter zurück, doch dort erwartete mich nur ein leeres, verlassenes, kleines Gebäude und ein verwilderter Garten. Im Dorf erfuhr ich, dass meine Mutter im letzten Winter gestorben war und ich von nun an niemanden mehr hatte, an den ich mich wenden konnte. Ich ging zu dem stillen Haus zurück, das einmal voller Lachen und Freude war, und setzte mich auf die Bank im Garten. Nun konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten und so ließ ich sie gehen. Ich weinte lange und bitterlich, bis der Mond am Himmel stand. Dann erst kehrte ich ins Haus zurück. Die folgenden Tage waren lang und trostlos, ich verbrachte sie damit den kleinen Vorgarten wieder herzurichten und das Haus von Spinnweben und Staub zu befreien. Auch pflanzte ich einen Rosenstock direkt neben dem Fenster, so dass ich im Sommer, auch von meinem Schlafplatz aus, die vollen, schneeweißen Blüten sehen konnte. Bis zum ersten Tag im Juli sah ich nichts von dem jungen Mann, der mich gesund gepflegt hatte, doch an jenem Tag kam er an meinem Haus vorbei. Ich saß gerade auf der Bank, vor dem Fenster und nähte mir ein neues Kleid, als er an den Zaun trat und mich freundlich grüßte. Ich sah auf, grüßte ihn meinerseits und hatte nun zum erstenmal die Gelegenheit ihn genauer zu mustern. Er war gebräunt, von langen Tagen auf dem Feld, groß und schlank, hatte braune Haare mit einem leichten rötlichen Schimmer und seine mandelförmigen Augen waren grün, mit einem leichten Stich ins Graue. Ich stand auf und fragte ihn, ob er nicht hereinkommen wolle. Er verneinte, und als mich schon Enttäuschung überkam, fragte er, ob ich nicht Lust auf einen Spaziergang hätte. Ich nickte und lächelte, als er mir den Arm anbot und wir zum Ersten vieler Spaziergänge, vorbei an der weißen Rose, aufbrachen.
Caroline Schäfer
A Rose
The sun is shining warm and bright I’m leaning forward very tight to this graceful blossom
I do not move I do not stir ´till it’s raining from above Like heavens harm and tear onto this graceful blossom
Am Ufer eines Sees lag einmal ein kleiner, flacher Stein namens Plätti, der erzählte den anderen Steinen, dass er hüpfen könne. Als die anderen Steine in seiner Umgebung das aber hörten, lachten sie nur laut und nannten den kleinen Stein einen Dummkopf. „Du?", fragten sie, „Wie willst du das denn anstellen? Steine haben ja keine Beine! Du hältst dich wohl für einen Frosch?" Daraufhin schwieg Plätti kurz und erwiderte: „Oh wohl. Ich kann hüpfen und eines Tages werde ich es euch beweisen." Doch die anderen Steine taten sein Versprechen als Spinnerei ab: „So ein Blödsinn. Zum Hüpfen wärst du viel zu schwer. Du wirst es nie können. Nicht einmal in hundert Jahren. Du bist und bleibst ein Stein! Und damit basta!" Tag für Tag ging es so. Plätti erzählte, dass er hüpfen könne und die anderen Steine nannten ihn einen Dummkopf. Als er allerdings auch noch behauptete, dass er fliegen könne, verspotteten ihn die anderen Steine. „So ein Mumpitz! Schlimm genug, dass du dich für einen Frosch hältst. Aber jetzt bildest du dir auch noch ein, fliegen zu können wie ein Vogel. Du hast ja nicht mehr alle Sinne beisammen. Tsss! Ist so etwas zu glauben? Ein Stein, der hüpfen und fliegen können will! Was wärst du denn dann? Ein Flugfroschklumpen? Einen größeren Traumtänzer als dich hat die Welt wohl noch nicht gesehen! Schlag dir diese Idee aus dem Kopf. Du wirst niemals hüpfen, geschweige denn fliegen können! Niemals!" Aber wieder antwortete Plätti: „Oh wohl. Ich kann hüpfen! - Und fliegen! Und eines Tages werde ich es euch beweisen." Viele Monate zogen ins Land. Monate, in denen der kleine Stein behauptete hüpfen und fliegen zu können und von den anderen Steinen in seiner Umgebung als Dummkopf bezeichnet wurde. Der Herbst färbte mittlerweile die Blätter der Bäume bunt, als drei Jungen ans Seeufer traten. Plätti sah einen der Jungen an und rief: „Nimm mich! Nimm mich!" Und obwohl der Junge die Stimme des Steins nicht hören konnte, hob ihn der Junge auf. Er holte mit seinem Arm aus und warf den kleinen, platten Stein in Richtung See, gerade so, dass der Stein vier, fünf Mal über das Wasser hüpfte. Die anderen Steine schauten Plätti erstaunt nach, während dieser lachte: „Haha. Seht nur! Seht! Ich kann hüpfen und fliegen!" Dann tauchte der kleine Stein ins Wasser hinein, um zum Grund des Sees hinab zu sinken, wo ihn viele Steine, die auch schon einmal gehüpft und geflogen waren, freundlich begrüßten.
Britta Lindner
Es war einmal vor unendlich langen Zeiten ein Mann, der mit seiner Frau und fünf Kindern in einem fernen Ort, weit weg von den großen Städten, lebte. Sie waren sehr arm. Alles was sie besaßen, mussten sie sich jeden Tag wieder neu und hart erarbeiten. Mit der Zeit, als die Kinder groß waren, und die Eltern schon älter, sprach der Vater zu dem erstgeborenen Kind: „Kind, du bist nun so alt, dass du nicht mehr unserer Hilfe und Fürsorge bedarfst. Gehe hinaus in die Welt und lebe dein Leben nach deinen Vorstellungen und Wünschen.“ Nachdem der alte Mann dieses gesagt hatte, kam die Mutter und gab dem Kind als Reiseproviant ein Ei von der letzten Henne, die noch im Stall umhergackerte. Das Kind zog fort und suchte sein Glück in der weiten Welt. Ein Jahr später war das nächste Kind dieser armen Leute in dem Alter, um ebenso die Familie zu verlassen. Auch bei diesem Kind sprach der Vater die Worte wie schon im Jahr zuvor, zu dem ersten Kind: „Kind, du bist nun so alt, dass du nicht mehr unserer Hilfe und Fürsorge bedarfst. Gehe hinaus in die Welt und lebe dein Leben nach deinen Vorstellungen und Wünschen.“ Und nachdem der noch älter gewordene Mann dieses gesagt hatte, kam auch wieder die Mutter und gab dem Kind als Reiseproviant ein Ei von der letzten Henne, die auch um ein Jahr gealtert war und noch im Stall umhergackerte. Auch dieses Kind zog wie schon ein Jahr zuvor, sein Geschwisterchen, fort, und suchte sein Glück in der weiten Welt. Und als wieder ein Jahr vorbei war, ereignete sich, was in den beiden Jahren zuvor auch schon passierte. Das dritte Kind verließ sein Elternhaus nach den Worten des Vaters und erhielt auch wieder ein Ei mit auf den Weg. Dann kam das vierte Jahr, und alles wiederholte sich zum vierten Mal. Das Kind verließ wieder mit dem Ei die Heimat. Doch in genau diesem vierten Jahr, da die Henne zum letzten Mal ein Ei gelegt hatte und das Kind bereits weit weg war, starb das alte Huhn. Die Tage vergingen, und das fünfte Jahr brach in die Familie ein, die schließlich nur noch ein einziges und letztes Kind hatte. Die Eltern selber waren schon sehr alt und gebrechlich als sie das fünfte Kind zu sich riefen um es in die Fremde zu entlassen. Doch für dieses Kind hatten sie nicht einmal mehr ein letztes Ei als Wegzehrung. Das Kind, als es sah wie traurig die Eltern deshalb waren, sprach: „Macht euch keine Sorgen um mich. Was ich zum Leben brauche wird mir der Wind schon bringen. Eure Güte und Herzenswärme haben mich gelehrt wie ein Mensch in Würde und Achtung vor mir selbst und einem jeden anderen Wesen zu sein und zu bestehen. So werde ich leben, und so wird es mir der Wind gewähren.“ Als das letzte Kind diese Worte sagte, drehte es sich um und ging vergnügt in die weite, fremde und ferne Welt hinaus. Und als das Kind gegangen war, verstarben auch die Eltern. Auf dem Weg in ein neues Leben kam das fünfte Kind durch einen dunklen und dichten Wald. Dieser Wald wurde immer dichter und dichter, bis die Nacht einbrach und man durch die Kronen der hohen Bäume nicht einmal mehr den Mond und die Sterne in der Nacht sehen konnte. Dort schlief das Kind auf einer Seite der Dunkelheit ein, und wachte auf der anderen Seite der Dunkelheit später wieder auf. Doch, was war geschehen? Es gab den dunklen, dichten und finsteren Wald nicht mehr in dem das fünfte Kind am Abend zuvor noch eingeschlafen war. Die goldene Sonne schien vom Himmel herunter und wärmte das Kind mit zärtlichen Berührungen. Da stand das Kind auf und genoss den Anblick aus Schönheit, Liebe und Güte, der ihm geboten wurde. Eine Lichtung zog sich weit umher, die von einem hell erleuchteten Wald umgeben und mit allerlei verschiedenen Bäumen bewachsen war. Von weiter unterhalb hörte man das sanfte Plätschern eines kleinen Flusses. Überglücklich von dem wunderschönen Anblick, rief das Kind laut aus: „Wo bin ich hier? Wer sagt es mir?“ Vor den Füßen öffnete sich aus dem in zart weichem Grün gehaltenen Wiesengrund eine blaue Blume und sprach zu dem Kind, das die Frage stellte: „Du bist auf der einen Seite des Traumes eingeschlafen, und auf der anderen Seite deines Traumes wieder wach geworden.“ Verwundert sah das Kind die Blume an und verstand nicht, was dieses wundersame Geschöpf der Natur dem Menschenkinde sagte. Da neigte sich ein Baum zu dem Kind und sprach: „Geh hinunter an den Fluss. Dort wirst du Antworten finden die keiner Frage bedürfen. Bist du aber an den Ufern des Wassers, so wirst du Fragen finden die keine Antworten zulassen. So wie es mit der Frage und den Antworten ist, so ist es auch mit dem Traum und der anderen Seite des Traumes.“ Das Kind ging hinunter an den Fluss und sah tief in die spiegelnden Fluten. Dort erkannte sich das Kind als wunderschönes Mädchen, in einem noch viel schöneren, weiten, seidenen Kleid, mit einer Prinzessinnenkrone auf dem Kopf. Erschrocken und doch auch innerlich tief berührt, sah sich das Mädchen um und erblickte eine goldene Kutsche, die von vierzig weißen Pferden gezogen wurde, die dort auf die Prinzessin wartete. Als die Prinzessin langsam auf die Kutsche zugehen wollte, hörte sie hinter sich, von unten aus dem dichten Schilf am Gewässer eine Stimme: „Auf welcher Seite des Traumes lebst du?“ Die schöne Frau trat einen Schritt zur Seite, zog mit beiden Händen das Schilf auseinander und sah dort eine Ente im Nest brüten. „Hast du mir diese Frage gestellt“, fragte die junge Frau? Und die Ente wiederholte die Frage: „Auf welcher Seite des Traumes lebst du?“ Nach kurzem Überlegen sprach die schöne Frau: „Lebe ich in einem Traum, so bist auch du ein Traum, denn du bist wie ich auch, nur Illusion in meinem Traum. Und doch bist du hier in meinem Traum so real wie auch ich es bin. Und bist du ein Traum, so bin ich in deinem Traum, so real wie du mich sehen willst. Sprichst du Ente also träumend in Selbstgesprächen mit einem Traum, oder mit mir, einem realen Menschen?“ „Willst du“, so erwiderte die Ente, „nicht hier bei mir bleiben und nicht dem Glanz deines Traumes folgen, so werde Teil von meinem Traum. Ich gebe dir dafür fünf Eier aus meinem Gelege. Sind sie dir wertvoller als die goldene Kutsche, so sollst du sie haben.“ „Warum“, fragte die Prinzessin die kleine bunte Ente, „willst du mir deine Eier überlassen?“ „Nun, sie sind alles was ich habe. Ich aber bin schon zu alt und zu arm um sie ausbrüten und versorgen zu können. Du aber bist noch jung und kannst diese Aufgabe für mich übernehmen.“ Ohne lange zu überlegen, sagte die Frau der Ente zu und sah, wie die alte Glucke verstarb. Und in genau dem Augenblick wandelte sich das Mädchen von einer Prinzessin hin zu einer Bauernmagd. Wo gerade noch die goldene Kutsche stand, befand sich nun eine alte Scheuer, gefüllt mit Stroh. Überglücklich sprach die Magd, als sie sah, wo sie nun war, die Worte: „Was soll’s, der Wind wird schon für mich sorgen.“ So lebte die Magd in der kleinen Bauernkate, und aus den fünf Eiern kamen am Abend des Tages fünf prächtige Schwäne hervor, als es gerade zu regnen begann. Das Bauernmädchen legte sich im feuchten Stroh schlafen und erwachte am kommenden Morgen auf einer grünen Wiese, in einem großen Park einer noch größeren Stadt. Kalter Nebel umhüllte die Frau und ließ ihren Körper erzittern als sie eine leise, ängstliche Stimme hörte: „Wer bist du, dass du hier bist?“ Verwundert sah sich die Frau um und bemerkte eine kleine Taube, die in einem kahlen und abgestorbenen Baum ihr kärgliches Nest beschützte. „Wer bist du, dass du hier bist?“, wiederholte die Taube. „Ich weiß nicht, wer ich bin“, antwortete jener Mensch dem Tier. „Aber bin ich denn nicht wer und was ich bin?“ Worauf die Taube antwortete: „Wenn du nicht weißt wer und was du bist, woher soll es dann ein Anderer wissen?“ Gerade als die Taube diese Frage ausgesprochen hatte, kamen viele Stadtmenschen vorbei und beschimpften die Taube, wie dreckig sie doch die Stadt machen würde. Und dann meinten sie noch, dass man sich doch für diese Taube, die nur Krankheiten aus ihrem Unrat verbreiten würde, schämen müsste. Da verzog sich der kalte Nebel und zarte Sonnenstrahlen erwärmten die Haut der Frau, die plötzlich einen Spiegel in ihrer Hand hielt. Sie sah hinein und erkannte sich in schönsten und wertvollsten Kleidern wider. Als die Menschen der Stadt die Frau erblickten, hielten sie inne. „Geht fort von diesem Ungemach, edle Frau und Herrin. So etwas gehört nicht zu uns. Unreinheit und Krankheiten bringt das fremde Wesen über unsere Familien. Es muss verschwinden damit wir leben können. Kommt zu uns ehrenwerte Frau. Lasst euch nicht von dem bösen Wesen infizieren.“ Da aber sprach die Taube zu der ehrenwerten Frau: „Ich habe fünf Eier in meinem Nest. Willst du sie haben, so schütze und behüte sie, damit sie erfolgreich ihren Sinn und Zweck erfüllen. Oder willst du eine ehrenwerte, gutbürgerliche Frau bleiben? Weißt du denn jetzt, wer und was du bist?“ Und die Frau sprach zu der Taube: „Ich bin wer und was auch du bist. In deiner Welt bin ich Taube, wie du in meiner Welt Mensch sein wirst. Was bedeutet schon ein Wer und Was in einer Welt, ohne Welt aus Träumen?“ Als die ehrenwerte Frau dieses sagte, wandelte sie sich in ein altes, fremdes und unansehnliches Weib aus fernen Ländern noch fernerer Welten. „Gib mir deine Eier, und ich werde sie mit in meine Welt nehmen um sie dort nach deinem Sinn des Lebens leben zu lassen.“ Da starb die Taube, und das alte Weib wurde mit den fünf Eiern unter wütenden Schlägen aus der Stadt getrieben, als es Abend wurde und sanfter Regen einsetzte und die Rufe dunkler Schatten erklangen: „Verschwinde hier; wir brauchen dich hier nicht. Geh dorthin zurück von wo du einst gekommen bist! Fremdes Diebesgesindel brauchen wir bei uns nicht!“ Eine Regenwolke, die sich am Himmel aus Strömen ergoss, fragte das alte unansehnliche Weib: „Alte, willst du nicht zurück in die Stadt gehen? Willst du nicht die Eier fortwerfen und zurück in die Gemeinschaft ziehen? Dort wird es dir an nichts mangeln, und du wirst vor mir in einem trockenen und warmen Raum Schutz finden!“ „Ach“, antwortete da die alte, fremde Frau, „was soll ich in einer Stadt die keine Stadt mehr ist, in der nur Menschen leben die nicht einmal wissen wer und was sie sind.“ „Weißt du es denn, wer und was du bist“, fragte da die Wolke die Verstoßene? „Ich bin die Antwort zu einer Frage in einem Traum, der nicht geträumt wird. Doch so wie es diesen Traum nicht gibt, können auch Antworten nie auf Fragen folgen. Und wo es keine Träume mehr gibt, dort kann auch kein Leben mehr sein.“ Tief berührt verzog sich die Regenwolke und ließ den Nachthimmel hell erleuchten, an dem die Sterne durch tiefe Finsternis einen goldenen Schein hervorbrachen. „Ja“, sprach das fremde Weib aus fernen Ländern, als der Hauch des kalten Ostwindes aus sternenklarer Nacht hereinbrach, „der Wind wird schon für mich sorgen.“ Genau in dem Augenblick schlüpften aus den Eiern der Taube fünf Adler empor, die sich weit erhoben, um aus der Sonne der Nacht, bei Neumond, zu entfliehen, und Schneeflocken die Erde im kalten Grund berührten. Dort schlief die alte Fremde aus einem fernen Lande ein, und am folgenden Morgen erwachte eine Königin auf der anderen Seite des Traumes aus einem Albtraum, dem Zwillingsbruder des Traumes, der sich manchmal nur sehen lässt. Und wo sich diese Königin fand, war nichts anderes als wüstes, ausgetrocknetes Land. Tiefer Sand und steile Felsen überzogen das Reich, über dem nur noch die Geier Wache hielten. Die Sonne brannte heiß hernieder. Ja, sie brannte sogar so heiß und glühend, dass sich nicht einmal mehr einen Tropfen eines kühlenden Nass auf den ausgemergelten, erschöpften und von Qualen gepeinigten Leibern der Untertanen der Königin sehen lassen wollte. Und die Sonne brannte hernieder, Tag um Tag; Woche um Woche; Monat um Monat; Jahr um Jahr. Und nachdem 5000 qualvolle Zeiten des Leidens vergangen waren, stießen eines Nachts fünf Geier vom Himmel herunter. Selbst sie konnten nicht mehr mit ansehen was sich dort ereignete. Sie segneten die Königin mit fünf Kindern, die in den folgenden fünf Jahren nacheinander geboren wurden. Als das erste Kind alt genug war, sprach es zu der Königin: „Mutter, gib mir einen Teil des Reiches, damit auch ich dort herrschen und regieren kann.“ Die Mutter, die schon älter war, gab dem erstgeborenen Kind, wonach es zynisch verlangte. Das Kind ging hinaus in die Wüste und kehrte nie zurück. Ein Jahr später verlangte das zweite Kind arrogant, überheblich seinen Anteil an der Wüste. Auch dieses zweite Kind ging hinaus in den glühenden, schon bald rötlich werdenden Sand und kam niemals wieder zurück. Und so kam das dritte Jahr, und das dritte Kind zog nun unter menschenverachtendem Hohn in die blutrote Sonne, die auch dieses Kind im Wüstensand auf ewig verschlang. Und im vierten Jahr verschwand das vierte, wahnsinnig gewordene Kind einer Mutter, die keine Mutter noch Königin mehr war, spurlos in der Unendlichkeit des Feuers am Ende der Welt. Doch dann schließlich, im fünften Jahr, ging die Königin, da ihr letztes Kind nicht kam, zu diesem hin und fragte: „Willst nicht auch du nun dein Reich beanspruchen, um zu herrschen wie ich es einst tat? Ich gebe dir diese ganze Welt, für die ich nun zu alt geworden bin. Errichte hier dein Reich und vollende damit meinen Willen.“ Da sprach das letzte Kind der Königin: „Du bist nicht meine Mutter. Gehe fort von mir. Du hast nur Unglück über uns gebracht. Du hast nicht nur das Leben deiner Kinder genommen, du hast auch das Leben aller Kinder genommen. Dein Reich gibt es nicht. Sieh hinaus; dort findest du nur Qualen und Leiden letzter sich windender Schlangen im Dunkel kalter Wüstennächte. Welches Reich willst du mir überlassen? Das Reich des Todes? Wen oder was soll ich da noch beherrschen? Meine Angst, die ich nicht habe? Oder deine mittlerweile zu groß gewordene Angst vor dem realen Leben, einer Angst die dich bereits an den Rand des Wahnsinns getrieben hat, um nun auch noch das Leben, wie es einst war, zu verleugnen? Bist du so blind geworden, dass du nicht mehr erkennst, dass du uns, deine Kinder in den Abgrund getrieben hast? Nun nimm auch noch mein Leben, damit du weißt wie es ist einsam und allein zu sein. Welches Reich willst du mir heute noch geben? Sieh dich um, es gibt kein Reich mehr – überhaupt, es gab niemals ein Reich. Es gibt immer nur eine Welt, und sie ist den Kindern, den schwächsten und schwachen Mitgliedern gewidmet, einer Welt, die du aus Gier, nach was auch immer, zerstört hast. Bist du des Lebens aus hingebungsvoller und so übergroßer, selbstloser Liebe so überdrüssig, dass du bereit bist Tod und Untergang an deine Kinder weiterzugeben – bevor du dich selbst im Wahn vernichtest? Es gibt nur noch Untergang und Tod. Warum willst du auch noch mich mit deinen Worten und deinem Schein blenden? Reicht es dir noch nicht, was du angerichtet hast?“ „Was ich getan habe, habe ich nur für dich getan“, antwortete die Königin verärgert über ihr ungezogenes Kind, das nicht einmal an ihrem sinnlosen Prunk teilhaben wollte. „Wer bist du anderes als mein Kind, mein Werk und meine Zukunft, die ich erschaffen habe, nach meinem Willen?“, fuhr die alte Mutter Königin fort. „Nein“, widersprach das Kind. „Mutter, Zukunft basiert auf Träumen. Träume sind die Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Wer und Was der Mensch doch ist! Und ist der Mensch nicht selbstlos, so gibt es keine Zukunft mehr. Ohne Zukunft aber gibt es auch keine Träume mehr. Sie hören einfach auf zu sein. Und ohne Träume werden Fragen sinnlos, denen es nach Antworten dürstet. Doch ohne Antworten können wiederum keine neuen Träume entstehen. Wenn aber der Sinn, Mensch-zu-sein aufhört selbst zu sein, was ist dann noch, wenn nichts mehr ist außer Leere aus Kälte und Einsamkeit?“ „Was willst du damit sagen“, fuhr die Königin bitter enttäuscht und tief beleidigt fort? „Habe ich nicht alles für dich getan? Was willst du noch? Willst du noch mehr? Mehr habe ich nicht, und mehr kann ich dir auch nicht geben, du undankbares Kind!“ „Doch Mutter, du hast noch mehr zu geben, viel mehr als du nur erahnst. Gib mir nur einen Teil von deinem Leben. Lass mich daran teilhaben dein Kind zu sein, wie auch du an meinem Leben teilhaben sollst, damit ich wieder Kind sein kann und darf.“ „Wenn du das von mir erwartest, dann kann ich nicht mehr herrschen und regieren. Und wenn ich das schon früher gemacht hätte, so würdest du heute kein Reich von mir erben können. Selbst du wirst das nicht machen, wenn du erst den süßen Honigwein des Lebens gekostet haben wirst. Da! Nimm mein Reich und herrsche und genieße was auch ich genossen habe! Und dann stell dir vor, du hättest auch nur ein Kind, so wie ich fünf von ihnen hatte. Würdest du dein Reich dann aufgeben? Du würdest es ebenso wenig machen wie ich es getan habe!“ „Nein Mutter, das würde ich nicht tun. Siehe, ich bin schwanger und werde bald mein Kind erwarten. Doch dein Reich, nein, das will ich nicht – weder für mich noch für mein Kind. Du bist gefallen und nicht mehr aufgestanden. Wie oft zuvor in deinen bisherigen Leben hast du allen Versuchungen und Verführungen standgehalten? Warum jetzt nicht mehr, in einer Zeit, in der aus einem schönen Traum ein hässlicher Albtraum wurde? Die Zeiten und Gegebenheiten haben sich zwar verändert, Mutter, doch du bist immer noch wer und was du bist und schon immer warst. Doch du bist schwach geworden. Du hast keinen Lebenswillen mehr in dir. Du willst nicht mehr Mensch sein. Du hast verlernt dich für Werte und Menschen, die sich besonders auch in deinen Kindern ergeben, einzusetzen und für sie zu kämpfen. Heute denkst du nur noch an dich selbst und nicht mehr an die Zukunft. Ich werde dich nun verlassen. Mein Kind soll es besser haben als ich es je bei dir haben durfte. Dafür werde ich mich hingeben wie du es nicht einmal für mich getan hast, und dich selbst heute noch weigerst es zu tun.“ „ Was sagst du da? Ich würde nicht mehr an meine Kinder denken, an dich? Habe ich dir nicht mein ganzes Reich angeboten? Du willst es doch gar nicht! Was also verleumdest und beleidigst du mich so? Und wer wird für dich und meinen Enkel sorgen wenn du fort gehst aus diesem Reich, das ich nur für dich erschaffen habe?“ „Der Wind, Mutter. Der Wind. Aber ich denke, dass du diese Worte ebenso wenig verstehst, wie alles andere, was ich dir gesagt habe. Denke einmal zurück, in wie vielen Leben zuvor du schon dem Wind vertraut hast und auf alles verzichtet hattest, was dich in Versuchung bringen wollte und konnte. Heute gibt es das alles für dich nicht mehr. Du bist der Versuchung erlegen und hast dabei bereits deine ersten vier Kinder an die Unterwelt der Wüste verloren indem du ihnen aus deiner Schwäche heraus, ihre Schwäche hast stark werden lassen. Du hast ihre Gier nach Macht, Geld und Profit so gestärkt, dass sie dafür bereit waren dir dein Reich zu nehmen. Für diese Gier sind sie sogar in den Tod gegangen. Die Wüste hat sie auf ewig verschluckt. Ich aber will nicht vom Untergrund des Dunkels her verschluckt werden. Hättest du auf all diese Illusionen verzichtet die dich so blenden und umgeben, und hättest dafür in selbstloser Liebe deinen Kindern das Ideal des Lebens vorgelebt, so würdest du heute nicht einsam und alleine hier in den Trümmern deines selbst zerstörten Lebens deine Furcht in überheblicher Arroganz und Selbstmitleid zur Schau stellen. Mutter, du hast versagt! Du hast dich blenden lassen und einer Illusion aus niedrigstem Irrglauben hingegeben! Für diesen Irrglauben an eine unrealistische Welt aus billigen Verführungen hast du alles getan – für deine Kinder, nichts. Wo ist überhaupt mein Vater? Kinder haben nicht nur eine Mutter – sie haben auch einen Vater! Hast du denn immer nur an dich gedacht – nie an andere Menschen, geschweige denn an uns, deine Kinder? Wie egoistisch musst du sein, wenn du nicht einmal für kurze Zeit auch an wehrlose, hilflose Kinder denkst – die du doch haben wolltest, oder nicht? Oder weshalb hast du fünf Kinder geboren die dich einsam und alleine zurückgelassen haben? Ebenso einsam, verängstigt, gekränkt, verhöhnt, beleidigt und alleine, in ihrer Würde beraubt als Mensch unter Menschen leben zu dürfen, so, wie auch sie ihr Leben lang, statt des Lebens schöne Früchte, nur den Tod aus täglicher Angst vor Augen haben sollten, wofür sie alles bekommen hatten was sie nur wollten – außer einer liebevollen Mutter und einem gütigen Vater – für die sie auf alles andere von Herzen verzichtet hätten? Und nun werde auch ich gehen, freiwillig, um nicht so enden zu müssen wie du es mir vorgelebt hast, in ewiger Angst vor dem Verlust.“ Und eine Mutter ging hinaus in die Wüste bis es Abend wurde. Dann legte sie sich nieder und schlief in einem Albtraum ein, in dem ihr Kind niemals geboren wurde um nicht die Leiden und Qualen zu erleiden, die von denen erschaffen wurden, die mit dem Zwillingsbruder des Traumes untergingen. Doch als sie erwachte, erwachte sie aus dem Traum der Erkenntnis. Und es erblühte eine Welt aus Leben, mit blauen Blumen, Bäumen, Enten, Tauben, Kindern, Müttern und Vätern, und einer großen Gemeinschaft, die sich wieder selbstlos ihren Kindern hingab. Und sie alle waren gleich, Geschwister nur einer großen Mutter, die sich hingab um Hingebung zu finden. Und die Sonne schien den ganzen Tag auf sie hernieder und ließ Leben erblühen wie noch nie zuvor. Und Vater Natur war glücklich über seine Frau, Mutter Erde, die ihm Kinder gebar wie noch nie zuvor in einem Traum aus Zukunft, mit Antworten auf Fragen die den Sinn bereithielten – den Sinn nach dem Wer und Was. Den Albtraum aber, den gab es niemals mehr – in der Welt der Kinder, die noch Kinder waren und auch von nun an für immer blieben. Sie weigerten sich einfach erwachsen und damit blind zu werden. Von den vier Kindern, die zuerst gegangen waren und je ein Ei bekommen hatten, hörte man niemals wieder etwas. Wahrscheinlich sind sie ja auch mit dem Albtraum untergegangen? Vielleicht hatten sie irgendwo im Laufe ihres Lebens die falsche Abzweigung genommen und nicht erkannt, wohin der Weg in den Abgrund sie führte, ebenso, wie die vier ersten Kinder der Königin, die sinnlos ihrem Untergang entgegen frönten.
Jürgen Kirschner
Mimi und Hasan wohnten in einem sehr alten Haus. Von den schmutzigen Wänden blätterte schon seit langer Zeit die Anstrichfarbe ab. Da beschlossen die beiden Freunde, Wände und Decken zu streichen. Aber welchen Farbton sollten sie wählen? Vielleicht blau und rot oder doch lieber grün und gelb? Hasan meinte: „Wir streichen alles weiß, das ist am schönsten.“ Mimi war aber anderer Meinung: „Du meinst wohl, nur weil du ein weißer Hase bist, muss alles weiß sein.“ „Ich könnte mir vorstellen, dass du lieber schwarze Wände und Decken möchtest, nur weil du zufällig eine schwarze Katze bist“, entgegnete Hasan. „Schwarz würde mir tatsächlich besser gefallen als weiß. Aber um nicht weiter zu streiten, schlage ich vor, wir gehen zu einem Farbengeschäft. Ein Fachmann kann uns dort sicher gut beraten.“ Die Idee war gut und so gingen Mimi und Hasan zu einem Farbengeschäft. Der Verkäufer hörte sich das Problem der beiden aufmerksam an und sagte: „Grundsätzlich kann jede Farbe genommen werden. Aber der Farbton sollte zu den Tieren, die in den Räumen wohnen, passen. Einem Papagei würde ich bunte Decken und Wände empfehlen. Das passt zu ihm und er fühlt sich in den Zimmern dann auch sehr wohl. Jeder Fuchs oder Dachs streicht seine Wohnung braun. Braun wie die Erde in seinen unterirdischen Gängen. Ein Vogel würde seine Zimmerdecke sicherlich blau streichen. Blau ist auch der Himmel. Die Wände könnten dann grün wie die Wiesen und Wälder sein.“ Das verstanden Mimi und Hasan und die schlaue Katze fragte den Verkäufer: „Und wie wäre es, wenn wir alles in schwarzen und weißen Streifen streichen würden, das passt doch dann zu uns beiden?“ Da musste der Verkäufer herzhaft lachen: „Ihr seid doch keine Zebras! An eurer Stelle würde ich ein Zimmer weiß, das andere schwarz malen. Dann hat Mimi ihr schwarzes, Hasan sein weißes Zimmer. Und wenn einer von euch eine andere Farbe sehen möchte, kann es in das andere Zimmer gehen und hat die gewünschte Abwechslung.“ Mimi und Hasan sahen sich begeistert an und sagten: „Das ist ein sehr guter Vorschlag. So machen wir es!“ Der Verkäufer gab den beiden Tieren, was sie zum malern brauchen würden: Kübel mit weißer und mit schwarzer Farbe. Außerdem kleine und große Pinsel. Die Farbkübel waren sehr schwer zu tragen und Mimi und Hasan waren erschöpft, als sie zuhause ankamen. In beiden Zimmern, die gestrichen werden sollten, standen Betten, Schränke, Tische und Stühle. Am Boden lagen Teppiche und viele Spielsachen. Dies alles mussten Mimi und Hasan aus den Zimmern tragen. Zuletzt hängten Mimi und Hasan die Vorhänge ab. Eine Maus half auch mit. Alle Räume waren nun völlig leer. Durch diese anstrengende Arbeit bekamen beide großen Durst. Mimi trank eine Tasse Milch und Hasan ein Glas Karottensaft. Dann konnte das Streichen losgehen... Hasan begann Mimis Zimmer zu streichen. Er nahm den Deckel des Farbkübels ab, tauchte einen großen Pinsel in die pechschwarze Farbe ein und strich zuerst die Decke, dann die vier Wände des Katzenzimmers. Hasan gab sich große Mühe, deshalb dauerte es lange, bis Hasan alles schwarz gestrichen hatte. Als Hasan mit dem Streichen des Zimmers fertig geworden war, wunderte er sich, warum die Katze und die Mäuse, die ihn beim Streichen genau beobachtet hatten, schadenfroh lachten.
Als Hasan in den Spiegel blickte, wusste er, warum Mimi und die Mäuse sich über ihn lustig gemacht hatten. Der ganze Hase war jetzt nicht mehr weiß, sondern überall am ganzen Körper voll schwarzer Farbe, die von der Decke auf ihn getropft war. Hasan erschrak sehr, beide Ohren waren geknickt und er weinte jämmerlich und herzerweichend. Hasan ärgerte sich sehr über seine Ungeschicktheit und Dummheit. Mimi hatte aber schon heißes Wasser in die Badewanne einlaufen lassen. Hasan sprang in die Wanne, so dass nur noch seine langen Ohren aus dem Wasser ragten.
Mimi seifte den Hasen ein und bürstete sein Fell. Die Farbe war aber so tief ins Fell eingedrungen, dass Hasans Fell nicht mehr ganz weiß wurde. Jetzt war er ein grauer Hase. Nun kam Mimi an die Reihe. Sie musste Hasans Zimmer weiß streichen. Innerlich lachte jetzt Hasan schon und er freute sich, beobachten zu können, wie das schwarze Katzenfell von Mimi durch die weiße Farbe weiß werden würde. Hasan hatte sich allerdings getäuscht. Dazu war die Katze viel zu schlau, den gleichen Fehler wie der Hase zu machen. Hasan traute deshalb seinen Augen kaum, als er sah, wie Mimi die Decke strich ...
Mimi band den Pinsel an eine lange Stange und tauchte den Pinsel nicht so tief in die Farbe ein wie Hasan es tat. Dadurch war weniger Farbe auf dem Pinsel und es tropfte fast gar nicht. Dann legte sich Mimi mit dem Rücken auf den Boden und strich mit der langen Stange und dem Pinsel auf der Spitze die Decke. Die wenigen Tropfen, die herunter fielen, fing Mimi mit ihrer Pfote auf. Da aber ihre Pfote weiß war, verfärbte sich ihr Fell nicht in einen anderen Farbton. Alle Tropfen konnte sie natürlich nicht fangen, manche fielen deshalb auf ihre Brust und die war schon weiß. Als Mimi mit dem Streichen fertig war, sah Mimi genauso schwarz wie vorher aus. Weiße Pfoten und eine weiße Brust hatte sie schon immer. Von nun an musste Hasan morgens und abends in die Badewanne hüpfen und sich von seinen langen Ohren bis zu den Pfoten waschen. Es dauerte viele Wochen, bis sein Fell wieder so schön weiß und flauschig wie früher war. Beide Tiere hatten nun ein neu gestrichenes Heim. Sie fühlten sich darin sehr wohl und sie waren sehr glücklich darüber. Außerdem hatten sie ein Erlebnis gehabt, über das sie noch jahrelang lachen mussten. Und die Mäuse erzählen sich heute noch diese Geschichte...
Text: Hermann Bauer Illustrationen: Franziska Kuo
Einst lebte in einem Dorf nicht weit von der Grenze des Landes Ordnung ein kleiner Junge namens Felix. Felix war ein lustiger Bursche, seine schwarzen Kringelhaare lockten sich lustig nach allen Seiten und in seinen braunen Augen stand stets ein verschmitztes Funkeln. Eigentlich führte Felix ein tolles Leben, seine Eltern ließen ihm alle Freiheit und er konnte sich sein Leben so einrichten, wie er es gerne haben wollte. Es gab nur eine Sache, die ein kleiner Wermutstropfen in der Zufriedenheit seines Lebens war. Niemand außer seinen Eltern mochte ihn. Das war zweifellos nicht seine Schuld, dennoch belastete es ihn. Der Grund, warum ihn die Menschen nicht mochten war einfach, wo immer Felix auftauchte machten die Menschen Fehler. Kam er zum Bäcker, ließ der Gehilfe einen Kuchen fallen, ging er zum Fleischer, spielte die Waage plötzlich verrückt und er gab allen Leuten viel zuviel Wurst. Felix fand das eigentlich ganz lustig, doch da war er der einzige. Während er sich vor Lachen kringelte, ärgerten sich die Leute. Sie schimpften und wurden ganz weiß im Gesicht vor Zorn. Deshalb war Felix nirgendwo gern gesehen, weder hatte er Freunde noch Spielgefährten, er war fast immer allein. Und da er nicht wusste, wie das mit den Fehlern vor sich ging, konnte er es auch nicht ändern. Hinter seinem Rücken hetzten die Bewohner des Dorfes über ihn, nehmt euch in acht, da kommt der Fehlerteufel. Obwohl Felix so tat, als höre er diese geflüsterten Bosheiten nicht, fühlte er sich doch verletzt. Die bösen Blicke und erbosten Worte begleiteten ihn, wohin er auch ging und irgendwann beschloss er das kleine Dorf zu verlassen und sein Glück in der weiten Welt zu versuchen. Wie immer ließen ihm die Eltern seinen Willen und schon bald machte er sich auf den Weg. Er kam durch mehrere kleine Ortschaften und schließlich in die Hauptstadt des Landes. Hier in der Hauptstadt gab es strenge Gesetze und Vorschriften, und wehe dem der einen Fehler machte, er wurde sofort bestraft. Neugierig lief Felix durch die Stadt und besah sich alles. Irgendwie mutete ihn diese Stadt merkwürdig an, ein Haus sah aus wie das andere, alle Menschen waren identisch gekleidet und überhaupt war alles ziemlich langweilig. Das änderte sich jedoch spontan überall dort, wo Felix auftauchte. Während er einen Mann beim Äpfel pflücken beobachtete, fiel dieser prompt von der Leiter, seine Frau, die ihm zur Hilfe eilte, ließ derweil den Eierkorb fallen und es war ein herrliches Durcheinander – fand Felix. Die Menschen freilich, die ihn lachend dastehen sahen, fanden das alles sehr viel weniger komisch und nur wenig später wurde der fröhliche Junge aus der Stadt gejagt. Traurig marschierte er weiter, doch es war überall dasselbe, egal wohin er auch kam. Schließlich hatte er das Land einmal durchquert und kam an die Grenze. Ein bisschen beklommen war ihm nun schon zu Mute, er hatte noch von keinem gehört, der die Grenze überschritten hatte. Die Menschen im Land Ordnung waren sehr vorsichtig, und da sie so sehr an Regeln und Vorschriften gewöhnt waren, machte ihnen das Unbekannte und Fremde, das außerhalb ihrer Landesgrenzen lauern mochte – Angst. Felix zuckte mit den Schultern, was hatte er schließlich schon zu verlieren, in diesem Land jedenfalls konnte er nicht glücklich werden. Und mutig tat er einen Schritt hinüber. Auf den ersten Blick konnte er keinen Unterschied feststellen, doch je weiter er kam, desto mehr veränderte sich die Landschaft. Anstelle von sauber bestellten Feldern und gerodeten Wäldern, gab es hier bunte Blumenwiesen und Unterholz. Alles wuchs einfach durcheinander, wie und wo es wollte, wie merkwürdig. Doch diese Unordnung übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf Felix aus, das wilde Durcheinander gefiel ihm, es war so natürlich. Nach zwei Tagen dann erreichte er eine kleine Ortschaft voller bunter windschiefer Häuschen. Voller Neugier lief Felix über die buckeligen Strassen und beobachtete die Menschen, die hier lebten. Und wie immer, passierte etwas. Dem Müller fiel ein Sack mit Mehl vom Wagen und zerplatzte mit einem lauten Knall. Ängstlich duckte sich Felix, als von überallher Menschen zusammenliefen. Doch dann reckte er erstaunt den Kopf, als er lautes Lachen und Scherzen vernahm. Seht doch nur, es schneit und das mitten im Sommer! He, Müller, du willst wohl unsere Stadt verschönern, was? Und sogar der Müller selbst war von seinem Wagen gestiegen und amüsierte sich königlich über die weiß bestäubte Straße. Gemeinsam hoben sie den zerplatzten Sack wieder auf den Wagen und mit einem fröhlichen Adieu spornte der Müller sein Pferd an und fuhr weiter. Verdutzt hatte Felix alles beobachtet und schüttelte nachdenklich den Kopf, dann ging er weiter. Ein kleines Stück weiter blieb er wieder stehen und beobachtete eine Gruppe Kinder, die mit kleinen Steinen in kreidegemalte Felder zielten. Noch während Felix zuschaute, strauchelte ein kleines Mädchen und sein Stein segelte unversehens durch das Fenster eines nahestehenden Hauses. Von drinnen war ein empörter Schrei zu hören, als scheppernd die Scheibe entzwei ging. Felix erwartete, dass die Kinder weglaufen würden, doch zu seinem großen Erstaunen, lief das Mädchen ohne Zögern sofort zu dem kleinen Haus hinüber, dessen Tür indes aufschwang. Als ein dicker Mann mit zorngeröteten Wangen heraus kam, blieb das kleine Mädchen stehen. Annabel, warst du das etwa? Das kleine Mädchen nickte, doch wirkte es keinesfalls schuldbewusst. Felix hielt es nicht länger aus, er verließ seinen Beobachterposten und ging zu dem Mädchen hinüber. Warte, es war meine Schuld. Ich bin ein Fehlerteufel, überall, wo ich auftauche, passiert so etwas. Es tut mir leid. Verdutzt schauten alle den fremden Jungen an und nach einem Moment brachen sie in fröhliches Kichern aus, allen voran der dicke Mann. Als er wieder Luft bekam, klopfte er Felix leutselig auf die Schulter. Fehlerteufel, na nun übertreib mal nicht. So etwas ist doch ganz normal, kann halt passieren. Und außerdem wollte ich das Fenster schon längst reparieren, es klemmte nämlich ganz fürchterlich. Damit drehte der dicke Mann sich um und verschwand fröhlich lachend im Haus. Das kleine Mädchen drehte sich zu ihm um. Das war sehr nett von dir, wenn auch unnötig. Wie heißt du? Felix. Und woher kommst du, Felix? Ich komme von jenseits der Grenze. Verständnisvoll nickte das Mädchen. Ach so, na dann verstehe ich dich. Mein Name ist Annabel, ich freue mich, dich kennen zu lernen. Du bist noch nicht lange hier, was? Du wirst sehen, dass hier bei uns einiges anders ist. Hier haben die Menschen keine Angst vor Fehlern, sie freuen sich darüber. Denn Fehler bringen Veränderung, sie schaffen Neues und es passieren lustige Dinge. Wie langweilig wäre die Welt nur ohne Fehler. Da würde ja niemals etwas passieren. Felix Augen waren groß, staunend betrachtete er Annabel und die anderen Kinder. Er konnte gar nicht recht glauben, was er da hörte, das war ja zu schön um wahr zu sein. Doch, doch, so ist es! Annabel lachte mit strahlenden Augen. Willst du mitspielen? Da musste Felix nicht lange überlegen. Begeistert trat er zu der Gruppe Kinder und nicht lange später waren sie in tiefschürfende Diskussionen über Steine und deren Flugbahnen verstrickt. Viel, viel später wurden Felix und Annabel ein Paar und sie lebten freudig und vergnügt miteinander. Felix war Maler geworden und pinselte vergnügt die kleinen Häuser des Ortes an, manchmal auch Tische und Stühle, kurzum alles, was er in die Finger bekam. Und Annabel, seine liebe Annabel bestellte mit viel Freude ihren Garten, hegte und pflegte Pflanzen und herrlich bunte Blumen, die mit seinen Farben um die Wette leuchteten. Gelegentlich besuchten sie auch seine Eltern, doch jedes Mal waren sie froh, wieder nach hause zurück zu kehren. Dann schauten sie sich tief in die Augen und verstanden sich ganz ohne Worte. Wie schön, dass es ein Land jenseits der Ordnung gab, wo Wünsche wahr werden konnten und Fehler Fortschritt und Wachstum bedeuteten.
Salina Petra Thomas
Es war einmal ein alter Mann, der lebte allein in seinem Häuschen am Waldrand. Die Frau vom alten Nikolaus war vor drei Sommern gestorben und seitdem versorgte ihn Helena, seine einzige Tochter. Sie aber lebte schon seit langem auf der anderen Seite des Dorfes Feuchtwiesen. Fast täglich kam sie mit dem Fahrrad über den Feldweg geradelt, der durch die Wiesen führte. Als sie eines Tages wieder einmal ihr Fahrrad an den Gartenzaun lehnte, hörte sie das leise Geräusch einer Säge und hob die Augenbrauen. Der Alte sollte es ihr doch überlassen, Brennholz zu sägen. Schnell nahm sie den Korb mit den Einkäufen auf und eilte ums Haus. Dort aber blieb sie mit offenem Mund stehen. „Vater, was tust du? Was soll das werden?“, fragte sie. Der alte Nikolaus legte die Säge aus der Hand und kam ihr mit einem belustigten Funkeln in den Augen entgegen. „Wonach sieht es denn aus?“, fragte er lachend zurück. Herzlich begrüßten sie sich. Und während der Alte neugierig den Einkaufskorb durchstöberte, umrundete Helena Vaters Arbeit. „Wozu brauchst du eine Futterkrippe? Ein paar hundert Schritte in den Wald hinein steht doch schon eine. Und die hat der Schreiner erst vorletzten Winter gebaut.“ „Das mag schon sein“, entgegnete Nikolaus, „aber meine Futterkrippe ist etwas Besonderes, für ein besonderes Tier eben. Doch nun komm herein. Lass uns einen Tee trinken. Du musst ja ganz durch gefroren sein.“ Sanft fasste er sie unter den Arm und zog sie ins Haus. Es war zu früh für weitere Fragen. Und wie hatte sein Großvater immer gesagt: Tu das Unerwartete! Und das musste bis zum Abend warten. * Das Licht in der überfüllten Winterkirche von Feuchtwiesen flackerte. Der Streit zwischen Ortsvorsteher Fritz Buller und dem noblen Zugewanderten aus Pankow ging in den erregten Stimmen der übrigen Dorfbewohner unter. Der alte Nikolaus saß ganz hinten auf einem Stuhl in der Ecke und blickte zu dem Kronleuchter unter der Decke, der früher im Tanzsaal der Dorfkneipe gehangen hatte. Ja, damals war man nicht so zerstritten gewesen im Dorf. Doch jetzt saß offenbar jeder in seiner eigenen Burgfeste und traute sich nicht, auch nur mal pissen zu gehen. Der andere könnte daraus ja einen Gewinn schöpfen. Und worum es ging, das war nicht von Pappe – wie Sägemühlenbesitzer und Zugewanderter Schwertwitz es ausgedrückt hätte. Es ging um die neue Straße, die der Fürst von Brandenburg und die Gräfin von Preußen zu bauen beschlossen hatten. Sie sollte quer durch Feuchtwiesen führen und würde seinen Bewohnern das Leben schwer machen. Davon jedenfalls waren die meisten Feuchtwiesener überzeugt, wenn man einmal vom Gastwirt und vom Wagner absah, die sich beide die Hände reiben würden, führte die neue Straße unmittelbar an ihren Häusern vorbei. Doch sie hatten anscheinend schlechte Karten, denn Schwertwitz, Ortsvorsteher Buller und Pfarrer Bleibtreu schienen sich zusammenzuraufen. Sie steckten die Köpfe zusammen. Auch der Wirt und der Wagner tuschelten miteinander. Sie wurden allerdings von allen Seiten als Dorfteiler beschimpft, denn nur sie allein hätten Vorteile davon, wenn die neue Straße Feuchtwiesen in zwei Teile spaltete. Nikolaus bemühte sich, keine Miene zu verziehen, obwohl es ihm schwer fiel. Ihm schien es, als wollte die Spannung ihn zerreißen. Immer schneller drehte er die Fellmütze in seinen nervösen Händen und drückte dann fest Helenas Hand. Es blieben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, die auf Mehrheiten im Dorf hoffen konnten: linksherum oder rechtsherum. An der Sägemühle von Schwertwitz über den Feuchtwiesenbach oder durch den Wald und durch den Garten des alten Nikolaus. Wieder flackerte der Kronleuchter und für einen Moment wurde es dunkel im Raum. Die Anwesenden verstummten. Jeder schien den Atem anzuhalten. Wie nach dem ersten Donnerschlag: Würde jetzt die Sintflut folgen? Doch als das Licht wieder anging, verflog die Lähmung. Ortsvorsteher Buller fasste sich am schnellsten und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ruhe jetzt! Ich hab was zu sagen!“ Er sprach gleich weiter, um den Streitenden keine Gelegenheit für Widerworte zu geben. „Mir scheint, die wenigsten unter uns möchten eine Straße mitten durch unser schönes Dorf. Wir sollten dies festhalten und darüber abstimmen, ob dem so ist. Ich bitte um Handzeichen, wer gegen den Ausbau der königlich-gräflichen Straße durch unser schönes Dorf ist.“ Gemurmel wurde laut, doch fast alle hoben die Hand. Unser schönes Dorf – Nikolaus musste gegen seinen Willen grinsen. Schön war Feuchtwiesen wirklich nicht und die Dorfstraße soff jeden Herbst ab, um in der Trockenheit des folgenden Sommers wieder aufzutauchen. Und dank der Fäkalien, die jeder auf die Straße kippte, waren neben den Augen auch regelmäßig die Nasen der Anwohner in Mitleidenschaft gezogen. „Gegenprobe: Wer ist für den Ausbau durch Feuchtwiesen?“, fragte der Ortsbürgermeister nun. Niemand meldete sich. Wirt und Wagner hatten wohl eingesehen, dass ihr Kampf verloren war - oder sie brüteten über andere Wege nach. „Gut“, stellte Buller fest. Erleichterung über diesen ersten Schritt schwang in der Stimme mit. Der alte Nikolaus straffte seinen Rücken und sah aus schmalen Augenschlitzen zu Schwertwitz, dem Neu-Feuchtwiesener, hinüber. Dort sitzt der Feind, ging es ihm durch den Sinn, und er ist mächtig. „Nun ist es so“, fuhr der Ortsvorsteher fort, „dass wir uns entscheiden müssen. Und wir müssen uns einig sein. Denn nur so können wir König Matthias überzeugen. So haben wir“, er zeigte auf Schwertwitz und Bleibtreu, „euch einen Vorschlag zu machen. Wir haben lange nachgedacht und es uns nicht leicht gemacht, das könnt ihr mir glauben. Wo sollen wir unser Holz sägen lassen, frage ich, wenn es keine Sägemühle mehr gibt? Womit unsere Häuser ausbessern und die Zäune?“ Buller hielt einen Moment inne und sah in die Runde, als wollte er jedem, der widersprach, die Zähne ausschlagen. Doch niemand rührte sich. Dem alten Nikolaus kam es vor, als habe die lang erwartete Sense ihm die Beine weggeschnitten. Sollte es wirklich keinen Widerspruch geben? Bauer Haberstroh, was ist mit deinem Weizenfeld? Jonas, deine Wiese? Ist sie dir nichts wert? Die Scheune von Bruno und dessen Pferdekoppel? Und nicht zuletzt der Wald von Feuchtwiesen? Niemand wollte dafür kämpfen? Und alles wegen einer einzigen Sägemühle? Nikolaus fuhr sich mit der Hand über seine strähniggrauen Haare und versuchte sie zu glätten. Dann stand er langsam auf. Seine Augen suchten Haberstroh, doch der saß mit nach vorn gebeugtem Haupt da, als schlafe er. Jonas sah ungläubig zu ihm herüber. Doch auch ihm schien der Mut abhanden gekommen zu sein. Als Nikolaus Blick nach vorn wanderte, hatte Buller noch nicht registriert, dass sich ganz hinten, in der letzten Reihe, der Widerstand formierte. Ein Bollwerk bestehend aus dem alten Nikolaus – und seinem Trotz. Doch als der Ortsvorsteher ihn erkannte, trat ein verächtliches Grinsen auf dessen Lippen. „Nikolaus, ich wusste gar nicht, dass du da bist. Du willst etwas sagen?“ Nikolaus nickte und räusperte sich. „Es ist ja alles ganz schön, was ihr durchdacht habt. Aber ...“, er zog das Aber hoch und ließ es tanzen, bis sich auch der letzte Kopf zu ihm herumgedreht hatte, „aber was ist mit dem Einhorn? Ja, was ist mit dem Einhorn?“ Er hörte Schwertwitz lachen. Auf das Gesicht von Buller stahl sich Unsicherheit. Das Gemurmel vieler gedämpfter Flüsterstimmen kroch die Wände hoch und unter die Stühle. Das Kopftuch von Mutter Haberstroh nickte: ja, sie erinnerte sich. Viele erinnerten sich nun. Vor allem die Alten wussten, wovon er sprach. Von dem Einhorn! „Ja“, rief da Thomas, Bullers siebenjähriger Sohn, „was wird aus dem Einhorn? Es soll nicht ...!“ Die weiteren Worte verschluckte die Hand der Mutter. Doch als wäre ein Bann gebrochen, schwoll das Gemurmel an. Buller schlug erneut seine Hand auf den Tisch; es half nicht. Niemand wollte ihm zuhören. Pfarrer Bleibtreus sonst so weiches Gesicht schien versteinert, felsig bleich. Doch erwachte es zu neuem rotem Leben. Er sprang auf und hob die Arme. „Meine Kinder.“ Dann noch lauter: „Meine Kinder! Dies ist doch Aberglaube. Ihr braucht das Einhorn nicht mehr. Unser Herr sieht doch auf euch und wird euch eure Sünden vergeben. Doch wer weiterhin dem Einhorn nachjagt, dem wird das Fegefeuer zuteil.“ Drückende Stille lag über den Menschen, als der Pfarrer verstummte. Die trotzigen Augen von Mütterchen Haberstroh erschreckten ihn. Und Nikolaus' stummer Widerstand ließ ihn zurückweichen und die Arme sinken. „Aber das Einhorn ist doch nur ein Märchen!“, versuchte er es noch einmal. Niemand antwortete. Sie wussten es besser. Noch einmal räusperte sich der alte Nikolaus. „Ich habe es vorgestern Nacht gesehen“, sagte er leise, „und deshalb eine Futterkrippe gebaut. Kann mir morgen früh jemand helfen, sie aufzustellen?“ „Er hat es gesehen“, wurde ringsum geflüstert. „Hast du gehört, ...?“ „Ich komme mit Pferd und Wagen“, sagte plötzlich der Wagner und stand auf. „Ich will dir helfen. Ich glaube, hier haben wir alles geklärt. Wir können gehen.“ * Als der alte Nikolaus am nächsten Morgen vor die Tür trat, hatte die Welt sich verändert. Schnee bedeckte Wiesen und Felder und der graue Himmel versprach noch mehr davon. Unten vom Dorf her hörte Nikolaus aufgeregte Stimmen. Helles Kinderlachen wehte herüber. Er lauschte, als sich der Lärm veränderte. Es war Gesang, der den Menschen vorauseilte. Und die Hoffnung auf glücklichere Tage. Nikolaus hob die Hand und schaute auf das Blatt vom Abreißkalender: Heute war der 21. Dezember. Wintersonnenwende. Der Tag, an dem sie früher immer das Einhorn gefüttert hatten, von dem die Großmütter von Feuchtwiesen ihren Enkeln immer so viel erzählt hatten.
Harald Hillebrand
Es war einmal ein Hase, der hatte zwei Frauen. Die eine Frau war eine Kröte und die andere Frau war ein Perlhuhn. Jede Frau wollte aber den Hasen für sich alleine als Mann haben. Die Rivalität der Frauen war sehr groß. Eine wollte besser und schöner sein als die andere. Sie gaben sich viel Mühe, um das beste Essen zu kochen. Außerdem putzten sie sich auch elegant heraus, um ihren Mann zu zeigen wie schön sie waren. Das Perlhuhn war sehr stolz auf sein getupftes Federkleid und bildete sich ein, dass sie die schönste sei. Sie sagte zu der Froschfrau: „Du bist so hässlich und liegst dauernd nur im Wasser herum. Dein ganzer Körper ist nass und glitschig. Wie kannst du dir nur einbilden, dass du schön bist?“ Das Perlhuhn konnte eigentlich gar nicht richtig kochen. Doch sie verstand es ihren Mann so zu umgarnen, dass er nicht einmal gemerkt hatte, wenn das Essen angebrannt war. Der Hase war ja so verliebt, dass er gar nicht sah, was er vorgesetzt bekam. Außerdem hatte das Perlhuhn noch andere Freunde und ihr Mann merkte es nicht, dass er betrogen wurde. Die Kröte aber gab sich viel Mühe mit dem Essen kochen, doch ihrem Mann schmeckte das Essen überhaupt nicht. Die Kröte gab die Hoffnung nicht auf und kochte immer besseres Essen für ihren Mann. Sie hatte auch zwei Kinder mit dem Hasen. Doch der Hase interessierte sich überhaupt nicht für die Kröte und seine Kinder. Er hatte immer nur Augen für das Perlhuhn. Eines Tages dachte der Hase: „Wer von meinen Frauen liebt mich wohl wirklich?“ Er legte sich hin und tat so als ob er krank sei und im Sterben lag. Mehrere Tage lag der Hase in seinem Bett. Jeden Tag kam seine Frau, die Kröte, mit seinen Kindern, um ihren Mann zu versorgen. Sie kochte für ihn und wusch ihn und brachte ihm frische Kräuter, damit er wieder gesund würde. Das Perlhuhn ließ sich nur noch selten sehen, bei dem kranken Hasen. Sie ging viel lieber ihre Freunde besuchen. Wenn sie aber mal zu ihm kam, blieb sie nur kurze Zeit und war auch ruck, zuck verschwunden. Als der Hase so tat als ob er tot sei, kamen alle Tiere aus der Nachbarschaft, um ihn zu betrauern. Auch das Perlhuhn hörte davon und kam herbei gerauscht. Sie sah sich ihren tot geglaubten Mann an und tat als ob sie traurig sei. Dann ging sie hinaus und flog auf einen Baum. Dort sang sie zufrieden: „Mein Mann ist tot und ich bin frei und glücklich dabei!“ Die Kröte hielt ihrem Mann den Kopf liebevoll. Dann sagte sie zu ihm: „Mein lieber Mann, nun bist du tot, was soll ich nur ohne dich anfangen? Nun bin ich alleine mit unseren Kindern und muss ohne dich weiter leben. Du hast mir nie viel Liebe gegeben, aber ich habe dich immer geliebt. Mein Essen hatte dir auch nicht geschmeckt, doch ich habe dich immer geliebt. Ich habe mich für dich schön gemacht, aber du hast es nie gesehen. Ich liebe dich über alles, warum hast du mich verlassen? Nun gehst du fort von mir und unseren Kindern. Sie werden um dich weinen, genau wie ich!“ Der Hase hatte sich alles angehört und sprang dann auf einmal auf. Dann rannte er wütend zum Perlhuhn, schnappte sie am Flügel und warf sie weit von sich. „Du falsches Weib, hast mich belogen und betrogen. Ich will dich nie mehr im Leben sehen!“ Dann ging der Hase zur Kröte und umarmte sie. „Nun weiß ich, dass du alleine mich über alles liebst. Du bist ehrlich und hast immer zu mir gehalten. Ich liebe dich und werde dich immer lieben, bis an unser Lebensende!“
Roswitha Lunetta-Kapp
Es war einmal eine Frau, die ihren Mann über alles liebte. Diese Frau überlegte was sie für ihren Mann gutes tun kann, damit er sie genau so lieb hatte. Die Frau wollte es schaffen, dass ihr Mann sie so liebt, dass er keine andere Frau, außer sie liebt. Er sollte auch keine andere Frau mehr anschauen. Eines schönen Tages besuchte sie ihre Freundin und fragte sie um Rat. Ihre Freundin überlegte und überlegte und sagte dann zu ihr: „Hast du Angst mit deinem Mann über deine Liebe zu sprechen, weil dein Mann so streng ist?“ „Ja ich fürchte mich vor meinem Mann aber ich liebe ihn auch über alles!“ Daraufhin sagte die Freundin zu ihr: „Ich werde dir nun einen Rat geben, wenn du den befolgst, wird dein Mann dir jeden Wunsch von den Augen ablesen! Kennst du die Löwin, die ihre Jungen verteidigt?“ „Ja die kenne ich!“ „Kannst du mir die Milch von der Löwenmutter bringen? „Ja ich werde es versuchen!“ „Ok, ich wünsche dir viel Glück bei diesem Unternehmen, ich warte dann auf dich!“ Die Frau ging wieder nach Hause und überlegte: „Wie komme ich nur an diese Löwenmilch?“ Dann hatte sie eine Idee. Die Löwen fressen gerne Fleisch. Die Frau kaufte eine Kuh und schlachtete diese. Dann brachte sie den Schenkel von der Kuh, zur Löwin. Sie ging vorsichtig bis in ihre Nähe und die Löwin beobachtet die Frau misstrauisch. Die Frau legte den Kuhschenkel ab und die Löwin näherte sich langsam. Dann beschnupperte die Löwin das Fleisch und fing an, es genüsslich zu verspeisen. Die Frau ging wieder nach Hause. Am nächsten Tag brachte die Frau, den zweiten Kuhschenkel zur Löwin. Dieses mal ging sie langsam noch näher heran und die Löwin kam ebenfalls ganz nah heran und nahm sich das Fleisch. Am dritten Tag ging die Frau wieder zur Löwin und brachte ihr ein Stück Fleisch. Als die Löwin zu ihr kam, konnte die Frau nun die Löwin anfassen und sogar streicheln. Die Löwin lies sich das auch gefallen. Am vierten Tag, ging die Frau wieder mit einem Stück Fleisch und einen kleinen Eimer zur Löwin. Sie gab der Löwin das Fleisch und streichelte sie. Das hatte der Löwin sehr gut gefallen. Dann während sie die Löwin streichelte, griff sie nach der Zitze der Löwin und melkte ihr etwas von ihrer Milch ab. Die sie in dem kleinen Eimer auffing. Die Frau ging glücklich mit der Löwenmilch, zu ihrer Freundin. Die Freundin war sehr erstaunt und fragte: „Wie hast du das nur geschafft? Ich kenne niemanden der so viel Mut hat. Wenn du so etwas schweres schaffst, wie kommt es dann, dass du solche Angst vor deinem Mann hast? Die Männer sind nun mal so, wir Frauen müssen beweisen, dass wir auch sehr stark sind!“ Da ging die Frau nach Hause und sagte sich: Meine Freundin hat Recht. Ich bin stark! Auch wenn mein Mann sehr streng ist, werde ich trotzdem meine Stärke beweisen. Als ihr Mann nach Hause kam, sagte sie: „Mein lieber Mann, ich bin deine Frau und ich liebe dich. Aus Liebe zu dir, habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und die Milch einer Löwenmutter geholt, um zu beweisen, dass ich alles für dich tue. Nun möchte ich von dir wissen, ob du auch bereit bist alles für mich zu tuen?“ Der Mann nahm seine Frau in den Arm und küsste sie, dann sagte er: „So eine mutige Frau, macht mich als Mann ganz stolz! Natürlich werde ich auch alles für dich tuen. Ich liebe dich und werde dich lieben, so lange ich lebe!“
Eine Geschichte aus Afrika, erzählt von Apinanon Natadjou
Es war einmal das schönste Mädchen aus einem Dorf. Sie war so schön, dass die jungen Männer alle von ihr entzückt waren. Jeder wollte das schöne Mädchen gerne heiraten. Sie waren bereit alles dafür zu tun, um das schöne Mädchen zu bekommen. Eines Tages rief der Vater seine Tochter zu sich. Er sagte zu ihr: „Mein liebes Kind, du bist nun alt genug um zu heiraten. Wenn du dich in einen Mann verliebt hast, kannst du es mir ruhig sagen! Wenn du dich für einen Mann entschieden hast, werde ich dir eine schöne Hochzeitsfeier ausrichten!“ Daraufhin antwortete die Tochter: „Ich bin die schönste hier im Dorf aber ich habe niemanden gesehen, der wirklich zu mir passt. Keiner der jungen Männer sieht so schön aus wie ich!“ Da sagte der Vater zu ihr: „Ich werde alle jungen, und unverheirateten Männer der umliegenden Dörfer zu uns einladen. Damit du dir den schönsten aussuchen kannst. Das mache ich alles aus Liebe zu dir! Die Männer können sich dann alle hier aufstellen und du kannst durch die Reihen gehen, um sie zu beurteilen. Vielleicht wirst du dann den passenden Mann für dich finden!“ Das Mädchen war sehr glücklich darüber und bedankte sich bei ihrem Vater. Der Vater schickte dann in alle Dörfer seine Einladungen. Daraufhin bekam er die Antwort, dass alle kommen werden. Als der Tag kam, erschienen die Männer mit ihren Begleitern. Einige kamen sogar mit Musikbegleitung. Sie waren alle sehr schön zu Recht gemacht. Sie trugen ihre Festtags Kleidung. Manche hatten auch wunderschöne Zeichnungen auf ihren Körpern und zeigten sie voller Stolz. Bei jeder Gruppe fragte der Vater: „Wie gefallen dir die jungen Männer? Ist denn einer dabei, der für dich in Frage kommt?“ Aber das Mädchen fand keinen dieser jungen Männer als ihren Ehemann würdig. Sie sagte nur: „Nein, Vater es ist wirklich keiner dabei, der mir gefällt!“ Sie sah niemanden, der so schön war wie sie. Die jungen Männer fuhren enttäuscht wieder nach Hause. Sie erzählten allen in den Dörfern und Städten von dem schönen Mädchen, das einen Mann sucht, der so schön ist, wie sie selber. Der Vater machte sich große Sorgen um seine Tochter. Darum entschied er sich, noch einmal Einladungen zu verschicken, aber in den Gebieten, die weiter entfernt waren. Dann kamen viele junge Männer und stellten sich bei dem schönen Mädchen vor. Einer war schöner als der andere. Sie kamen mit Musik und waren wunderschön gekleidet. Doch das Mädchen fand wieder keinen der Männer für sich geeignet. Darüber war der Vater sehr betrübt. Er schickte nun noch ein letztes Mal die Einladungen weg. Doch dieses Mal, in ein viel weiteres Gebiet. Dann kamen die Männer mit ihren Begleitern und Musik. Die Männer sahen prachtvoll aus. Das Mädchen war ganz hingerissen und wusste nun nicht mehr, für wen sie sich entscheiden sollte. Die Männer strahlten so eine Schönheit aus, dass man fast erblindete von dem Anblick. Sie trugen wertvollen Schmuck und ihre Haare waren sehr kunstvoll zu Recht gemacht. So eine Schönheit hatte man ja vorher noch nie gesehen. Das Mädchen wollte sich sofort für einen Mann entscheiden, egal welcher es war, sie waren einfach alle sehr schön. Der Vater sagte: „Warte mein Kind, schau dir erst einmal in Ruhe alle genau an, dann kannst du dich immer noch entscheiden!“ Dann konnte sie nicht mehr an sich halten und sagte: „Den will ich unbedingt haben!“ Sie griff direkt nach dem erst besten und wollte ihn an sich ziehen. Der Bräutigam war nun ausgewählt. Der Vater war damit einverstanden und bereitete alles für die Hochzeit vor. Es wurden alle Freunde und Verwandte zur Hochzeit eingeladen. Dann begannen die Vorbereitungen für das Hochzeitsessen. Es wurde geschlachtet, gebraten und auch gekocht, damit für alle Gäste reichlich Essen vorhanden war. Dann kam der Tag der Hochzeit. Es wurde Musik gemacht, getanzt und gegessen und viel gelacht. Alle waren sehr zufrieden mit dem Fest. Der Vater überreichte nach dem Fest dem jungen Mann seine Tochter. Er sagte: „Hiermit übergebe ich dir meine älteste Tochter, als deine Frau. Liebe sie und beschütze sie gut und werdet glücklich mit einander!“ Die jüngere Schwester der Braut wollte das Brautpaar begleiten bis zum Haus des Bräutigams. Doch die Braut sagte zu ihrer Schwester: „Nein ich will nicht, dass du uns begleitest!“ Dann machte sich das Brautpaar auf den Weg. Die Schwester verfolgte dann die beiden insgeheim. Sie versteckte sich auf dem Weg hinter den Sträuchern. Nach einiger Zeit, traf sie auf eine alte Frau. Die sagte zu ihr: „Komm, ich werde dir die Zukunft voraus sagen! Der Mann deiner Schwester und auch seine ganzen Begleiter sind nicht aus Fleisch und Blut. Sie sind Geister und deine Schwester ist in großer Gefahr. Die Geister werden deine Schwester töten!“ Dann reichte ihr die alte Frau eine Baumwollkugel und sagte: „Nimm diese Baumwolle hier und wenn du siehst, dass deine Schwester in Gefahr ist, trittst du mit deinem Fuß auf die Baumwolle. Dann sagst du zu deiner Schwester, sie soll ihren Fuß auf den deinen setzen. Dann wirst du ein Wunder erleben!“ Auf einmal war die alte Frau verschwunden. Die Begleiter des Bräutigams folgten mit Musik und begleiteten das Brautpaar nach Hause. Nach einigen Kilometern fragte der Ehemann seine Frau: „Kennst du diese Gegend hier?“ „Aber ja, diese Gegend kenne ich sehr gut. Ich war immer mit meiner Mutter hier, um Holz zu holen, zum Kochen. Außerdem haben wir hier unsere Felder, auf denen wir unseren Mais anpflanzen. Ich kenne mich hier überall gut aus!“ Dann gingen sie noch einige Kilometer weiter. Da fragte der Mann: „Kennst du diese Gegend hier?“ „Ja natürlich, hier komme ich mit meiner Mutter zum Wasser holen, wenn bei uns Trockenzeit ist!“ Dann nach weiteren Kilometern, fragte der Mann noch einmal: „Kennst du diese Gegend hier?“ Die Frau wurde ein wenig nachdenklich. „Nein hier kenne ich mich nicht mehr aus. Ich wusste gar nicht, dass es so weit noch Land gibt!“ Plötzlich bekam die Braut Angst. Sie sah die Begleiter und ihren Mann an und stellte fest, dass die sich nun total verändert hatten. Ihre ganze Schönheit war auf einmal verschwunden. Sie bekam solche Furcht, dass sie weglaufen wollte. Doch ihr Mann sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben. Bleibe hier bei mir!“ Als sie noch eine Weile gegangen waren, sah die Ehefrau einen großen, breiten Fluss vor sich. Die Begleiter und ihr Mann sprangen alle zusammen in den Fluss. Dann tauchten sie wieder auf und hatten plötzlich zwei und manche sogar auch drei Köpfe. Sie sangen laut: „Heute gibt es ein schönes Festessen bei uns!“ Sie sprangen im Fluss auf und ab und machten Musik und waren gut gelaunt. Dann sagten sie: „Du wolltest den schönsten Mann auf Erden und nun hast du den schönsten bekommen!“ Die Frau stand zitternd vor Angst am Ufer und sah den schaurigen Wesen zu. Sie sah sich hilfesuchend um und wusste nicht wohin sie gehen sollte. Plötzlich sah sie ihre Schwester auf sich zulaufen. Sie nahm sie in den Arm und weinte. Ihre Schwester dachte wieder an die alte Frau und die Baumwolle. Sie legte die Baumwolle unter ihren Fuß und sagte zu ihrer Schwester: „Du muss deinen Fuß auf den meinen stellen!“ Das machte ihre Schwester dann auch. Genau in dem Moment als die Geister mit ihren Messern aus dem Fluss wieder auftauchten. Aus der Baumwolle unter ihren Füssen wuchs in Windeseile ein riesiger Baum heran, auf dem die Schwestern saßen. Die Geister kamen aus dem Fluss und suchten überall die Braut. Dann sahen sie die beiden Schwestern hoch oben auf dem Baum sitzen. Die Geister waren wieder im Fluss verschwunden. Doch nach kurzer Zeit tauchten sie auf und kamen nun mit Macheten, um den Baum zu fällen. Sie schlugen so lange auf den Baum ein, bis sie glaubten, dass er nun umfällt. Als der Baum dann durchgeschlagen war, dachten die Geister, nun werden wir die Frauen bekommen und sie verspeisen. Doch was war das? Der Baum flog mit den Mädchen hoch in die Luft und entfernte sich immer weiter. Nach vielen Kilometern sank der Baum herab und pflanzte sich in die Erde. Die Geister aber verfolgten den Baum und schlugen wieder mit ihrer Machete auf den Baum ein. Sie schlugen den Baum wieder durch. Der Baum flog abermals fort und landete in dem Dorf, in dem die Schwestern wohnten. Die Geister aber verfolgten nun den Baum nicht mehr. Sie waren inzwischen müde geworden. Der Baum war aber so hoch, dass die Schwestern nun nicht mehr runter kommen konnten. Neben dem hohen Baum war ein kleinerer alter Baum, der stand schon immer da und war der Lieblingsbaum des Vaters. Der Vater der Braut saß jeden Tag unter diesem Baum. Niemand hatte aber die beiden Schwestern auf dem hohen Baum gesehen. In der Zwischenzeit hatte man im Dorf schon gehört, dass der Bräutigam und seine Begleiter keine Menschen, sondern Geister waren. Man nahm an, dass die Tochter schon tot sei. Die Eltern hatten sogar eine Trauerfeier abgehalten. Eines Tages saß der Vater wieder unter dem Baum und trank gerade seinen Tee. Er stellte den Becher neben sich. Die jüngere Schwester kaute auf einem Blatt und formte daraus eine Kugel. Dann warf sie diese genau in den Becher. Der Vater schimpfte gleich los: „Welcher Wurm hat diesen Mist in meinen Becher geworfen?“ Er ging in seine Hütte und holte sich einen frischen Becher mit Tee. Dann trank er einen Schluck und stellte den Becher neben sich auf den Boden. Die jüngere Schwester formte wieder eine Kugel und warf diese in den Becher. Der Vater wurde ärgerlich und rief: „Verdammt noch mal, wer wirft denn den Dreck in meinen Becher?“ Der Sohn kam zu seinem Vater und sah in die Höhe. Auf einmal rief er ganz aufgeregt: „Papa, Papa, sieh mal, da oben sitzen meine Schwestern!“ Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: „Hör doch auf mein Junge, deine Schwestern sind schon lange tot!“ Aber der Junge rief wieder: „Aber schau doch mal da oben, da sitzen wirklich meine Schwestern!“ Endlich schaute der Vater hoch zu dem Baumgipfel und sah seine Töchter dort oben sitzen. Er war überglücklich. Laut rief er: „Kommt alle her und seht, meine Töchter leben noch. Sie sitzen hoch oben auf dem Baum!“ Alle Leute aus der Nachbarschaft kamen angelaufen und schauten hoch zu dem Baum. Doch der Baum ist so hoch, dass sie nicht wussten, wie sie die Mädchen herunter holen sollten. Der Vater hat überlegt und überlegt, um nach einer Lösung zu suchen. Er lies eine Botschaft ausrichten an alle Dörfer. „Wer es schafft meine Töchter von dem hohen Baum herunter zu holen, darf sie zur Braut nehmen. Egal, ob arm oder reich, hübsch oder hässlich!“ Alle waren gekommen um ihr Glück zu versuchen. Sie gaben sich Mühe den Baum zu erklimmen. Sogar die Tiere waren alle gekommen und hatten versucht, die Mädchen vom Baum zu befreien. Die Elefanten und die Giraffen, die Löwen und viele andere. Es kam sogar ein Chamäleon an. Alle lachten es aus. „Die großen haben es noch nicht einmal geschafft und ausgerechnet du, willst das versuchen?“ Das Chamäleon sagte: „Ja ich werde es genauso versuchen wie die anderen vor mir!“ Und langsam, langsam, Schritt für Schritt ist es nach oben gekommen. Es sagte zu den Schwestern: „Haltet euch an meinen Schwanz fest und wir werden langsam, so wie ich heraufkam, wieder runterklettern!“ Dann kamen sie tatsächlich von dem Baum herunter. Der Vater sagte: „Chamäleon, du bist der Beste. Du hast meine Töchter herunter gebracht und darfst meine älteste Tochter nun heiraten!“ Der Vater hatte aus Freude, dass seine Töchter wieder zu Hause waren, ein großes Fest bereitet. Alle kamen und begrüßten und umarmten die Schwestern. Diese Feier war auch gleichzeitig als Hochzeitsfeier gedacht. Da der Vater versprochen hatte: „Wer meine Töchter befreit, bekommt diese als Braut!“ Die Feier war wunderschön und die älteste Tochter wurde mit dem Chamäleon getraut. Nach dem Fest ging die junge Frau mit ihrem Bräutigam, dem Chamäleon nach Hause. Sie respektierte ihn als ihren Mann und lebte viele Jahre mit ihm zusammen. Eines Tages bekamen sie ein Kind. Das Chamäleon liebte sein Kind über alles. Als das Chamäleon eines Tages weg ging, suchte ihn seine Frau überall. Sie rief ihn und lief verzweifelt herum, aber sie fand ihn nicht. Dann nahm sie ihr Kind und machte sich auf den Weg, um ihren Mann zu suchen, egal wo er auch sein mochte. Sie lief viele Kilometer durch das heiße, trockene Land. Sie ging so weit, dass sie in ein Gebiet kam, in dem alles grün war. Überall gab es Bäume und Sträucher. Sie rief nach ihrem Mann: „Wo bist du mein Liebster? Bitte antworte mir! Wo bist du nur? Ich suche dich schon überall und kann ohne dich nicht sein!“ Da hörte sie auf einmal eine Stimme flüstern: „Hier bin ich!“ Sie war aber so konzentriert darauf ihren Mann zu suchen, dass sie die Stimme gar nicht erkannte. Dann hörte sie wieder diese Stimme: Hier bin ich, hier bin ich!“ Da bückte sich die Frau und hob einen Stein auf und schlug ihn mit ganzer Kraft dahin, wo die Stimme her kam. Als sie den Stein zur Seite legte, sah sie ihren toten Mann da liegen. Sie bekam eine riesen Schreck und fing an zu weinen. „Mein lieber Mann, das habe ich nicht gewollt! Ich liebe dich doch und habe dich überall gesucht. Nun bist du tot und ich bin mit unserem Kind ganz alleine!“ Die junge Frau ging weinend nach Hause und erzählte dort, was passiert war. Die Leute gingen um den Verstorbenen zu holen. Doch die junge Frau wollte nicht, dass ihr Mann beerdigt wurde. Sie legten ihn in ihr Haus. Dann kam ein Medizinmann zu ihr und sagte: „Du musst jeden Tag deinen Mann mit einer Mischung aus rotem Palmöl und Maismehl am ganzen Körper einreiben. Er wird sich dann nach und nach wieder erholen und lebendig werden. Er darf auf keinen Fall der Sonne ausgesetzt werden. Sonst kann es passieren, dass er dahin schmilzt!“ Die junge Frau pflegte ihren Chamäleon-Mann jeden Tag sehr liebevoll. Sie rieb ihn von Kopf bis Fuß mit der Mischung ein. Der Mann erwachte auch wieder und war nun lebendig. Doch er konnte nicht raus zum Arbeiten. Die Frau machte alle Arbeiten ganz alleine und versorgte nebenbei noch ihren Mann. Sie pflegte ihn bis zu ihrem Lebensende.