Geboren am 13. Dezember 1972 in Kempten im Allgäu; Aufgewachsen in San Antonio/Texas, zu Hause in Übersee am Chiemsee. Freiberufliche Fremdsprachen- und Handelskorrespondentin, Übersetzerin, Autorin. Veröffentlicht: Unterhaltungsromane, Krimis, Kurzgeschichten, Geschichten für Kinder, Gedichte, Fantasy, Lyrik und Haikus, Artikel für Zeitschriften und Berichte fürs Regionalfernsehen. Mit zwei deutschsprachigen Manuskripten unter den Gewinnern zum internationalen Autorenwettbewerb in Hollywood/Los Angeles. Mitglied der „Mörderischen Schwestern“, „Regionalschwester“ für den Bayerischen Raum.
Gestern – hat er noch gesagt, Morgen hat er gemeint, und ich hab mich nicht beklagt; Und als es Morgen war am Morgen, da dachte ich, versuch es mal und drück doch einfach die Wiederwahl. Schlüpfrige Tasten unter den Fingern, heiße Angst sucht klopfendes Herz; bange Minuten – warten, sehen, sich kurz in Sicherheit wähnen... jetzt – ein Stich, ein leiser Schmerz; dann das Finale bös und listig, die Frauenstimme ganz nah am Ohr sie wispert giftig, von wegen es reicht, von wegen Belästigung und hätt ich ein Blasrohr, ich würd´s ganz sicher auch benutzen. Zurechtstutzen, ermorden, mit Vergnügen für Rache sorgen, und nicht erst Morgen; vonwegen nein, gleich heute... Den üblen Typ, den Betrüger der Massen, ich möchte ihn hassen, doch der Pfeil aus meinem Rohr soll die andere treffen – das Weib, an das ich ihn verlor.
Ina May
Link mich...
Bist du es, in meinen Träumen? Es geschieht so allerhand im Geheimen; im Keim erstickt die Liebe, und Alles wird Nichts.
Linda ist da auf diese Nachricht gestoßen. Es ist spät, oder besser, es ist mitten in der Nacht; Mitternacht. Was tut man nicht alles, um nicht einschlafen zu müssen - allein. Im Hintergrund läuft leise Musik. Nichts bestimmtes, nur irgendeine alte Nummer, wieder und wieder. Schwarz klingt es, schwarz und geheimnisvoll und ... gefährlich? Vielleicht. Sie könnte jetzt diesen „Link“ anklicken, aber sie tut es nicht. Ihre Finger zerspielen die Luft, zappeln auf ihr herum, als wären dort noch mehr Tasten. Linda leckt sich über die Lippen. „Wer bist du?“, fragt sie die Maschine vor sich, das Monstrum. Aber das Ding hat keine Antwort. Natürlich. Ihre Gespräche sind das, was sie schon immer sind - Selbstgespräche. Es interessiert sie nicht, ob jemand befindet, dass so etwas nur diejenigen tun, die einen Sprung in der Schüssel haben. Es interessiert sie auch nicht, ob sie einen hat - einen Sprung in der Schüssel.
Beobachtet Beobachte
Elvis fabuliert etwas von einem „devil in disguise“, einem Teufel in Verkleidung. Das findet sie passend und lächelt. Es starrt sie an, dieses „Link mich...“. Es hockt da und starrt- unbeweglich, leuchtend. „Morgen“, sagt sie. „Morgen, vielleicht!“, und weiß, dass die Zeilen morgen ganz andere sein werden. Sie steht auf und streckt sich. Kein Platz so ungemütlich, wie der vor der Maschine. Der Kühlschrank bettelt um Beachtung; natürlich kann sie die Schokolade nicht verleugnen, die im untersten Fach in ihrer heimeligen Verpackung schlummert. „So, genug dahin gedämmert!“, klingt ihre schöne Altstimme durch die großzügig bemessene Wohnung und sie öffnet die Tür, um die braune Versuchung endlich schmelzen zu lassen. Der Computerbildschirm leuchtet immer noch und er wird es auch noch eine ganze Weile tun. Linda futtert ihre Schokolade. Sie liegt auf dem breiten Bett und überlegt, was wohl passiert, wenn sie sich weiterschalten lässt, wenn sie die Verbindung auf- und annimmt. Hat das seltsame Gedicht etwas mit diesen Morden zu schaffen? Die Zeitungen propagieren derzeit einiges. – Großlettrig und verwegen, im Jargon jedoch maßlos, heißt es da: „Schön, blond, tot“ und weiter: „Drei Frauen in drei Monaten. Auf ihren blassen, geschundenen Körpern fanden sich jeweils Einkerbungen in Form von Buchstaben.“ - Woher die Pressefritzen das wohl wieder haben? - Jemand hat sich so unglaubliche Mühe gegeben, den Schönen seinen Stempel aufzudrücken. Einziger Anhaltspunkt ist eben dieses „link mich“, nur ist es nicht wirklich zu entziffern, auf den Körpern.
Beobachtet Beobachte
Linda ist eben erst auf diese Idee verfallen. Dieses Flüstern hinter vorgehaltener Hand, dieses schamhafte Grinsen, wie nur eine Horde Männer das so diebisch-verwegen fertig bekommt, wenn es um eine schöne Frau geht, eine wirklich schöne Frau. Nur, sind diese Frauen tot. Und es ist immerhin möglich, sagt sie sich. Es ist möglich, dass diese Schnitte, aus denen die Kollegen ein frivoles „Leck mich“ herauslesen“, weil sie knapp über der Schamregion angesiedelt sind, in Wahrheit ein simples „Link mich“ darstellen sollen. Gut, so simpel nun auch wieder nicht. Aber Linda glaubt nicht an Zufälle. Es gibt immer und überall ein Maß - und „Zufall“ ist keines. Sie will es wissen, sie wird den Link verfolgen. Doch das „morgen“ steht noch. Es ist verdammt spät und solange sie wach ist, ist heute niemals morgen. Dazwischen liegen Welten. Die Schokolade tut gut. Das Stanniolpapier knistert laut, weil Elvis sich irgendwann verabschiedet hat. Wahrscheinlich ist er müde. Tot ist müde und müde tot; todmüde. – Seit sie für diese Behörde arbeitet hat sie den Eindruck, ihre Gedanken bestünden manches Mal aus zähem Tran. Ungenießbar flattern sie dahin, sie kommen nie auf einen Punkt. Na ja, Elvis ist jedenfalls tot. Sie widmet sich erneut der Schokolade im silber-glänzenden Papier, steckt sich eine halbe Reihe in den Mund und schließt die Augen. Gerade so lange, bis ihr Handy beginnt „wonderful tonight“ zu schmettern. Gerade so lange, bis sie drangeht und die Stimme am anderen Ende etwas sagt, von dem sie errät, dass es die Ruhe der Nacht, die Seligkeit der Morgens, wenn Schlaf zu Träumen wird, mit einem geschmettertem „er hat es wieder getan, der Scheißkerl!“ aufsaugt. Sie schmeckt noch die Süße der Schokolade und möchte nicht aufgeschreckt werden, nicht so, und nicht jetzt.
Beobachtet Beobachte
„Herrgott, noch mal!“, meint sie und eine zierliche Hand saust emotionsgeladen auf die Bettdecke nieder. Sie hat Angst, sie hat ganz fürchterliche Angst. Und jedem ihrer Kollegen, ergeht es genau so. Wie würde man sich sonst die flotten, aber saudummen Sprüche erklären, das Zwinkern und die Gesten. Linda ist die einzige Frau in der Truppe- Internetkriminalität; und natürlich Mord. Bloß findet die Kriminalität in der Wirklichkeit statt und nicht in diesem Mausoleum, inmitten von ID´s und Passwörtern, auf irgend einer Website. Nein, sie artet hier aus, die Kriminalität. Umgeben von Leben, inmitten von Licht und Luft. Doch auch die Wirklichkeit kennt sie, die Nacht- wo jede Kränkung doppelt grausam ist, wo aus Rotkäppchen, Lolita wird. Nachts, denkt Linda, nachts, kriechen sie aus ihren Höhlen. Nachts beginnt online, wie offline das eigentliche Sein. Nachts. Es gibt die Leisen, und die Lauten. Diejenigen, die sich und ihre Umwelt im Verborgenen mit Fantasien überziehen, und jene, die öffentlich und für alle sichtbar ihre Vorlieben ausleben, sich zur Schau stellen. Linda und ihre Kollegen sind für sie alle da. Sterben gibt es überall und nirgends, weil sieben Leben nur im Netz möglich sind. Der Tod jedoch ereilt einen mittelbar- und endgültig. Aber er tut es immer an einer Wirkungsstätte. Sie entschlüsselt und wird entschlüsselt, sie spielt die Interessierte, oder das kleine Mädchen, die böse Fee und die Einsame, sensible. Eines davon muss sie nicht einmal vorgeben. Die vielen ungeschlafenen Stunden vermögen es zu bezeugen. Was erwartet er von mir?, fragt sie sich im Stillen und muss sich das nicht wirklich erst fragen. Sie soll sich die Leiche ansehen. Aber sie will sie nicht sehen. Schön, blond, tot. Was ist denn jetzt mit dem Glücklichsein? Wozu nützt Schokolade, wenn man sich hinterher genau so mies fühlt! Und was ist, wenn dieser Typ, denn dafür hält sie ihn, diejenige findet, die er meint, „in seinen Träumen“? Als Linda im Institut ankommt, ist es dort eisig. Sie kann über den Tod nachdenken, aber sehen will sie ihn nicht. Es kostet sie jedes Mal Überwindung. Die Schiebetüren aus Glas treten zurück und sie geht weiter. „Hast du geschlafen?“, erkundigt sich Tim Berg. Tim hat sie angerufen. „Nein“, erwidert sie schmucklos. Es ist zu spät für nette Details und die Toten warten nicht gern, auch wenn man das denken mag. Sie fordern. „Ich dachte, weil du so aussiehst!“ Ja, genau so sieht sie aus, aber weil sie schon viel zu lange wach ist, deshalb. „War es wieder ein Friedhof?“, will sie von ihm wissen. „Ein Friedhof, ein Tor, Klebeband, ein Seil und diese ekelhaften Buchstaben über ihrer...na, du weißt schon.“ Tim Berg zieht den Kopf ein. Es ist ihm peinlich, denkt sie. Als ob die blonde Frau das noch kümmert. Es ist immer dasselbe. Und aus dem Grund kommt ihr der Gedanke richtig vor- es ist ein Aussuchen, ein Selektieren. Die Frauen aber sind aus einem besonderen Grund falsch. Aus einem Grund, der nicht sofort offensichtlich ist. Danach werden sie, die Augen mit Klebeband verbunden, die Hände verschnürt, so dass sie die Scham verdecken, an ein Friedhofstor gebunden. Jemand bittet um Vergebung.
Beobachtet Beobachte
Und fordert gleichzeitig mehr. Die nächste Frau, die nächste Erkenntnis, der nächste Mord. Ein „Genug“ scheint nicht in Sicht. Sie liegt vor ihnen auf dem Metalltisch. Linda muss sie nicht ansehen, ja sie muss sie nicht einmal zur Kenntnis nehmen, dafür sind andere zuständig. Doch sie hat diese blonden, schönen Frauen allesamt angeschaut, hat ihnen ins Gesicht gesehen und nicht wie die Kollegen nur auf ihren Unterbauch gestarrt und die Verunzierungen darauf. Auf dieses faszinierende, angebliche „leck mich“. Tim Berg räuspert sich. „Du wärst perfekt...“ Der Rest ist ein flüstern. Sie sind allein, aber Linda will ein „...in seinen Träumen“, gehört haben. Gott!, denkt sie. Sie sieht ihn nicht an, aber sie muss es wissen. „Es heißt nicht „leck mich“!“, sagt sie. Sie sollte ihm ins Gesicht sehen, wenn er antwortet, aber sie kann es nicht. Und so lauscht sie auf Untertöne, winzig vielleicht, oder überhaupt nicht vorhanden. Stattdessen schaut Linda auf die blonde Frau. Perfekt ist Sache des Geschmacks. Doch Tim Berg ist gerade eben zum Visionär ihrer angst geworden. „Nein, heißt es nicht!“, bestätigt er. Schmerz tränkt seine Stimme; plötzlich aufwallend, ein Konzentrat, 100%. Mehr kommt nicht. Sie wird wütend. Sie schmettert ihm ihre Wut entgegen, wie sie zuvor ihre Hand auf die Bettdecke geschmettert hat. „Und, das bedeutet? – Du kennst die Seite...“ Sie sagt das Nahe liegende, weil die zweite Möglichkeit zu scheußlich ist, um sie zu Ende zu denken. „Muss ich wohl, es ist meine Seite“, sagt er. Als Linda in dieser Nacht, an diesem Morgen erneut die Tür zum Kühlschrank öffnet, schwappen Sequenzen der vergangenen Stunden von einem Winkel ihres Denkens zurück an die Ränder ihrer Wahrnehmung. Schwipp, schwapp... Sie greift nach ihrer Schokolade und beißt in das harte Braun, zermalmt mit den Zähnen die Substanz, auf der Suche nach Erlösung. Tränen treten ihr in die Augen; sie beißt und kaut, beißt und kaut mit einer Vehemenz, einem Zorn, der, wenn sie ihren Mund nicht beschäftig hält, sich auf der Stelle in einem rasenden Schrei Bahn bricht. Sei doch vernünftig, schimpft sie mit sich. Tim Berg ein Serienkiller ... nie im Leben. Sie verspürt ein irres Lachen in ihrem Magen aufsteigen.
Beobachtet Beobachte Er kann sie doch unmöglich anrufen und sich selbst einen Scheißkerl nennen...doch er kann. Natürlich kann er, aber würde er wissen, dass er ein Scheißkerl ist? Diese kranken Typen sind ja so von sich eingenommen. Womöglich erzählen sie einem noch, sie handeln im Auftrag einer höheren Macht, oder weil sie als Kind von Mutti schikaniert wurden; und Mutti war blond. Na, sicher. Linda wird dem Link nachgehen, wird sich von ihm führen lassen...wohin auch immer. Sie braucht im Übrigen nicht zu warten, die Glücksgefühle werden sich nicht einstellen, aber es ist ihr gleich, sie reißt eine zweite Tafel Schokolade auf und grinst dabei wie ein Hai. Das Monstrum leuchtet noch immer schweigend vor sich hin, bläulich und krank. Ihr ist elend zumute, doch im Schein des Computers ist ihre Gesichtsfarbe ohnehin keine sonderlich angenehme. Link mich...
Perfekt, gecheckt? Mach dich auf, bis ans Ende. Verschwende keine Zeit. Bis wir uns wieder sehen...
„Ja, sicher, für wen hältst du dich?“, sagt sie. Nein, eigentlich schreit sie es. Sie weiß nicht, soll sie sich angesprochen fühlen. Sie weiß überhaupt nichts mehr. Es ist nicht Tim Berg; es ist nicht Tim Berg, betet sie in einer Endloslitanei vor sich hin. Dann klickt sie den „Link“ an. Zeit und Raum verlieren sich, als die interne Suche beginnt. Wunderbare, neue Technik. Zuerst darf man sich noch ein bisschen darüber freuen, dann steigt aus der Asche der Zwischenwelt bereits der Phönix der Knechtschaft auf. Wunderbare, neue Technik. Bilder. Es sind Fotos der ermordeten Frauen. Blond, schön, tot. Nur, dass sie in dieser Galerie höchst lebendig erscheinen.
Beobachtet Beobachte
Sie traut ihren Augen nicht, das kann doch nicht sein. Minutenlang sitzt sie nur da, die restliche Schokolade im Anschlag, als wäre es eine Waffe. Normalerweise wird am Computer nicht gegessen. Das ist eine eiserne Regel. Sie zielt damit auf das Bild am Ende der Reihe. Auf die Frau, die man bislang noch nicht gefunden hat, weil sie noch lebt- es ist ihr Foto. Sie ist die Nächste. Linda muss nicht überlegen, wer alles ein Foto von ihr besitzt; dieses hier ist bereits einige Jahre alt. Aber sie passt in die Reihe zu den anderen...sie ist perfekt. Wie er gesagt hat, ist sie perfekt...in seinen Träumen. Er sah so verzweifelt aus beim Anblick der toten Frauen; weil er sich schuldig fühlt? Deshalb? „Morgen...jetzt ist es Morgen.“ Es klingt wie eine Bestätigung, die Erlaubnis, es gut sein zu lassen. Sie kann nicht mehr denken, handeln kann sie schon gar nicht. „Zu wenig Schlaf“, flüstert sie und schaltet das Monstrum kurzerhand aus. Die Schokolade ist weich, aber sie stopft sie trotzdem in sich hinein. Sie fühlt sich leer- tot. Sie arbeitet mit ihm. Sie hat ihn gern. Sie vertraut ihm. Und sie war nie wirklich weit davon entfernt, sich in ihn zu verlieben. Toll, das ist toll. Jetzt kann sie nur noch warten. Darauf, dass irgendetwas passiert, oder, dass jemand es darauf anlegt, etwas passieren zu lassen. Ihre Haltung verbietet ihr Gesten wie ein „fuck you“, aber gut anfühlen würde es sich ganz bestimmt. Also sagt sie es in den Kragen ihres Pullis, steckt die Nase tief hinein und lässt sich von der weichen Wolle und vom Widerhall, der ausbleibt, ein wenig kitzeln. Keine Stimme ist auch eine, und wenn die Gedankenströme fließen, dann bedeutet das noch einen Hauch Leben. Sie zieht sich den Pulli über den Kopf und lässt sich aufs Bett gleiten. Ruhe empfängt sie dort nicht, denn aufhören zu denken, zu überlegen, kann sie einfach nicht. Aber die Augen schließen, das kann sie. Ihre Arme liegen ausgebreitet neben ihr, doch Flügel haben nicht einmal Engel. Ihre Träume sind wirr und verflochten, wie der französische Zopf, den ein kleines Mädchen an jemandem testet. Die abstehenden Strähnen bedeuten lose Enden und davon gibt es zu viele. Wie lange geht das Ganze schon? Und wenn er mit den blonden, schönen zu Ende ist, sind danach die brünetten, schönen an der Reihe...und danach...und danach...nach ihr. Liebe ist eine Illusion, aber ein guter Magier versteht sein Handwerk. Wie schafft er es, an die Frauen heran zu kommen? Fotos, gestellte Posen, ein Ewigkeitslächeln. Beleuchtet, arrangiert.
Beobachtet Beobachte
Das ist es. Sie zuckt nicht einmal zusammen, sie bleibt still liegen. Wartet. Ihr Lächeln dürfte ihm Irritation genug sein. Sie bewegt die Arme auf und ab und lächelt. Schokolade macht nicht zwangsläufig glücklicher, doch auf abgestumpfte, hundemüde Gehirnzellen wirkt sie irgendwie stimulierend. Linda hat keine Minute geschlafen. Wie denn auch, sie ist zum Abschuss freigegeben. Obwohl er nicht auf die Frauen schießt. Nein. Er brandmarkt sie als „ungenügend“, und er tut es vor ihrem Tod; ein blutreicher, weil sie auf dem Obduktionstisch kaum mehr einen Tropfen in sich haben. Die Sache macht einen fertig. Die Angst schlägt ihre Hauer tief in die Substanz der Ermittler und, als wäre das noch nicht genug, fordern die Toten ihre Rache ein. Sie ist schon vorher auf Tim Berg gekommen. Tim, der zu allen Lebenslagen ein paar Zeilen Lyrik auf Lager hat, Tim, der schamhaft, aber kalkuliert sein kann. Tim, dessen Blick einen vermisst, wie ein Laserstrahl und der immer auf den Kern trifft. Linda kann die Kameras nicht sehen, die alles aufzeichnen, aber sie ist sich sicher, dass es sie gibt. Sie hat auch die gut verteilten Mikros in ihrer Wohnung nicht gefunden, aber auch hier ist sie sicher, dass sie da sind. Sie isst und denkt und handelt im Beisein all der netten Spannerutensilien. Soll er Anteil haben; soll er an die Perfektion in seinen Träumen glauben. Noch einen kleinen Augenblick.
Beobachte Beobachtet
Das ist die Auflösung, das ist das Verstehen hinter allem, endlich. Sie geht zum Schreibtisch, der zu einem Großteil dem Monstrum gehört und filtert aus sich die ersten und letzten Geheimnisse dieses Morgens nach dem Morgen. Sie macht aus dem „link mich“ eineHerausforderung...
Gelinkt...
Keine Gabe, bloße Handhabe, jedem Stümper sein Ende. Kannst du sie sehen, die Wende?
Und sie reduziert seine Taten zu bloßen Aktionen, sagt ihm, dass er niemals die Richtige finden wird...nicht in seinen Träumen. Oder ausschließlich in ihnen. Sie pinnt die Handbeschriebene Seite mit Klebesteifen auf den schwarzen Bildschirm. Aus den Schatten des Computers hinein ins Licht; es ist ein Wagnis. Sie zieht frische Kleidung an und steckt ihr Handy ein. „Wonderful tonight“ wird sie demnächst durch irgendeine andere Melodie ersetzten; die Erinnerung daran ist giftig. Tim Berg ist dort, wo sie ihn vermutet, an seinem Arbeitsplatz. Schläft der Typ denn nie? Und wenn er wacht, was treibt er dann, oder was treibt ihn um? „Das hat aber gedauert!“, wirft er ihr hin, als wäre sie der Hund auf der heißen Spur. „Du hast mich zu Tode erschreckt“, sagt Linda. Himmel, schon wieder Tod. So ist es nicht gemeint, aber annähernd doch. Weil dieser Tod mit den anderen nichts gemein hat. Aber es stimmt. Die Lösung liegt ja nicht gerade auf der Hand an der noch so ein kleines bisschen Schokoladenkonsum sichtbar ist. Und wieder ist sie absolut unausgeschlafen, hatte nur die Augen geschlossen, in der Hoffnung auf Erlösung. „Wie hat dir das Foto gefallen?“, will er wissen. Also wird es keine Erlösung geben. Sie reagiert prompt. Weil es keine Frage ist, sondern eine Beleidigung. Der Unbekannte, den es nicht gibt, er sitzt vor ihr. Aber wie kann man jemanden kennen, der Frauen abschlachtet...sie ist froh, nichts mit ihm angefangen zu haben. Gott, ist sie froh. „Was meinst du wohl, hm? In der Galerie der Toten...das ist großer Mist, Tim Berg. Das ist ganz großer Mist!“ Sie will sich nicht beleidigt anhören, aber sie kann es nicht verhindern. „Wenn wir ihn damit schnappen, nicht!“ Es ist ein Argument, armselig, aber doch.. Sie formuliert das Kommende, als würde sie Wurstscheiben auf ein Brot legen und als krönenden Abschluss bekommt er noch eine saftige Gurke drauf, ihr Freund und Kollege. „Die Kameras, die Mikrofone...wann wurde der ganze Kram installiert? Wie mache ich mich denn so? Zeig her!“ Linda lässt ihn noch ein paar wertvolle Sekunden in dem Glauben, er könne seine Träume weiter leben. Dann klappt sie blitzschnell den Deckel von Tim Bergs Laptop auf. Sie sieht ihre Wohnung auf dem Bildschirm. Unterteilt; das Wohnzimmer, die Küche, ihr Schlafzimmer, sogar im Bad hat er Kameras angebracht. „Wow“, kommentiert sie locker, in Wahrheit aber ist ihr schlecht. Ihr Computer, das Monstrum starrt einen nicht länger an; die Nachricht auf dem Zettel ist riesengroß, sie verdeckt alles andere. Tim Berg lächelt. Der Saukerl lächelt - unter anderen Umständen wäre sein Lächeln ein Anfang gewesen. Plötzlich taucht aus den Schatten eine Gestalt in ihrer Wohnung auf. Sie weiß, dass sie dieses Gesicht schon gesehen hat. Wo? Es will ihr nicht einfallen. „Das ist dein Verdienst, Blondie. Wir haben ihn!“, sagt Berg, und die Worte scheinen zusammen mit den Kameras und allem Drum und Dran einen verqueren Sinn zu ergeben. Ein Lockvogel ... sie haben sie tatsächlich den Lockvogel spielen lassen. Es gibt keinen unterdrückten Fluch, sondern dass, was er zutiefst verdient hat und diesmal nimmt Linda kein Blatt vor den Mund: „Leck mich!“, sagt sie.