Walter M. Stütz, 1953 geboren in Ost-Württemberg. Nach Schule und Lehre erste selbstgewählte Berührung mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach dem Studium der Kafka-Tagebücher erste Literarische Selbstversuche. Berufliche Tätigkeiten in der Metallverarbeitung; im Antiquariatsbuchhandel; als Jungbuchhändler; in der Faktur im Einzelhandel; als Bibliothekar an Wissenschaftlicher Bibliothek, Aufbau und Weiterentwicklung Rechtshistorischer Literatur; Networking Verbund Bibliotheken. 1979-1982 Literaturwissenschaftliche Vorlesungen in Frankfurt am Main, extern. Reisen nach Italien, Südosteuropa und in Europäische Metropolen. Studienaufenthalte in Frankreich und Großbritannien und slawischen Ländern, privat. Reisen durch West- und Ostdeutschland.
Veröffentlichungen und Preise: 1994 Blühende Sterne ISBN 3-930045-16-8. 1998 Stuttgarter Literaturpreis COMING OUT, Prosa.
Es ist wahr! nervös, entsetzlich reizbar bin ich seit dieser Zeit und bin es noch, aber warum soll ich deswegen irr oder wahnsinnig werden? Nahe dran an der Verrücktheit und deswegen in gefährliche Tollkühnheiten verstiegen, nehme ich meine Umwelt seit einigen Wochen mit verschärften Sinnen wahr. Vor allem mein Gehör ist außerordentlich reizbar und fein geworden, dass es mich von Tag zu Tag mehr ängstigt, wenn es mich schon bei den verhältnismäßig geringsten Lauten in blut- und atemstockende Schreckhaftigkeit versetzt, besonders wenn ich draußen unterwegs bin und mich durch nichts Außergewöhnliches als den Alltag bei einem Spaziergang abzulenken versuche. Gerade in solchen Momenten geschieht es dann immer wieder, dass ich durch eine unerwartete Plötzlichkeit, einen Knall aus heiterem Himmel, eine übermütige Hupe, einen mutwilligen Schrei, einen platzenden Luftballon, einen heruntersausenden Rollladen derartig zusammenfahre, dass ich glaube, einen Herzstillstand zu erleiden. Doch mit dieser Unannehmlichkeit muss ich leben, auch wenn es mich bis ins Mark hinein erschüttert und mir das Blut in den Adern gerinnt. Diesen Zustand der verschärften Sinneswahrnehmung und einer daraus resultierenden Überempfindlichkeit - eine gewisse Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit ist mir angeboren - spüre ich seit ich wieder zurück bin von einem einjährigen Landaufenthalt und der beklemmenden Begegnung im Treppenhaus, just als ich noch ganz niedergeschlagen von den zurückliegenden Ereignissen im Elternhaus, erschöpft und vollbepackt mit Lasten, die Türe hinter mir zumachte. Schon beim Hineingehen merkte ich, dass etwas anders war als sonst. Es roch anders. Jedes Haus hat seinen ureigenen Geruch. Und diesmal roch es... kalt, nach ... nichts, es war geruchlos und irgendwie kam es mir fremd und unheimlich vor. War es das Jahr meiner Abwesenheit was mich so befremdlich stimmte und irritierte? Irgendetwas stimmte nicht und ich hatte ein ungutes Gefühl als ich mich die Treppen hoch schleppte. Die Fenster zum Hinterhof waren alle weit geöffnet die ich eigentlich so noch nie geöffnet gesehen habe, seit ich das Haus bewohnte. Ein sonderbarer Luftzug wehte mir ins Gesicht. Er kam nicht von den Fenstern, es war ein Durchzug der von ganz oben aus dem obersten Stockwerk zu kommen schien und das ganze Treppenhaus durchströmte. Dann hörte ich Schritte über mir. Etwas bewegte sich ganz langsam abwärts. Es hörte sich an, als ob man ein schweres Gewicht, ein großes Möbelstück nach unten beförderte. Auf der zweiten Etage machte ich halt und setzte mein Gepäck kurz ab, da ich glaubte, für das was da mir gleich entgegenkommen würde Platz machen zu müssen. Meine Wohnung befand sich in der dritten Etage. Von dort hörte ich jetzt deutlich - es knarrte wie auf einem Schiff - stemmende Schritte wie von Lastenträgern, jedoch ganz ohne Keuchen und Schnaufen und den üblichen Lauten, fast eine beklemmende Stille ging mit dem ganzen einher. Jetzt sah ich es. Eine Totenbahre. Vier Männer in grauen Uniformen. Schale Blicke, gepresstes Schweigen. Ich drückte mich ganz in die Ecke um die Träger nicht zu behindern, hielt den Atem an, senkte den Kopf und schloss die Augenlider. Fast lautlos schlichen sie an mir vorbei, während ich ein leichtes Zittern in der Brust verspürte. Schon wieder eine Begegnung mit dem Tod, dachte ich. (Vor wenigen Monaten erst habe ich meine Mutter zu Grabe getragen) Wer mag der oder die Tote sein? Es lebten keine alten Menschen im Hause, die ältesten waren noch keine sechzig. Meine Nachbarn? Nein. Ich stieg die Treppen hoch. Angekommen an meiner Wohnungstür sah ich meine Nachbarin im Morgenmantel wie sie gerade einen weiteren Fensterflügel öffnete. Sie hatte mich hochkommen sehen, sagte aber nichts. Sie schien zu wissen was geschehen war. Unter ihrem geöffneten schwarzglänzenden Haar sagten mir zwei matte braune Augen, dass sich etwas Tragisches zugetragen hat. Ihr von Nikotin gebräunter Teint war noch dunkler als sonst. Mit einer abwehrenden Handbewegung und einem Gesichtsausdruck, als hätten wir uns peinlich berührt, so schien mir, drückte sie ihre Betroffenheit aus, in die der noch so kleinste Wortwechsel zwischen uns jede Pietät verletzt hätte. Ich hatte verstanden und mit einem fast demütigen aber verständnisvollen Nicken verschwand ich wortlos endlich hinter meiner Tür. Froh und erleichtert zugleich wieder hier zu sein, legte ich alles ab, was mir lästig war. In der Wohnung war alles wie gewohnt an seinem angestammten Platz. Ich fühlte mich zuhause und irgendwie aufgehoben. Anderntags las ich in der Zeitung vom tragischen Tod einer jungen Frau und eines älteren Herrn, die im Badezimmer von der Mutter der jungen Frau leblos auf dem Boden liegend aufgefunden wurden. Die näheren Umstände die zur Todesfolge führten, seien noch nicht aufgeklärt. Es war das ungleiche Paar über mir. Die Mutter der jungen Frau war die Freundin meiner Nachbarin, die ich häufig aus der Wohnung kommen sah und die ihre Unterhaltung oft eine Stunde und noch länger vor der Wohnungstüre im Treppenhaus fortsetzten. Einmal hatten sie bei mir geklingelt und gefragt, ob alles in Ordnung wäre, da sie sich Sorgen machten weil sie mich schon lange nicht mehr gesehen und auch nichts mehr von mir gehört hätten. Es war an einem der heißesten Tage im Sommer des Jahres gewesen. Die junge Frau über mir war mir immer heiter und gutgelaunt begegnet. Sie hatte etwas worum ich sie beneidete: eine gewisse Leichtigkeit und Unkompliziertheit im Auftreten wie man sie nur bei wenigen Großstadtmenschen wiederfindet. Einmal traf ich sie - sie war etwas mollig und nicht sehr groß, stets geschminkt und sehr gepflegt, eine attraktive Erscheinung - mit einem Luxusartikel, ein großer pompiger goldverzierter Wandspiegel, den sie mit großer Mühe nach oben zu schleppen versuchte, der aber zu schwer und für ihre Arme zu sperrig war. Da kam ich für sie gerade im richtigen Moment zur Türe herein und kaum sie mich gesehen, war ich ihr Retter im allerletzten Augenblick. Als ich endlich das sperrige Stück im Flur ihrer Wohnung abstellte, sagte sie mit dem Ausdruck des strahlensten Sonnenscheins im Gesicht, »Sie sind ein Schatz«. »Ja«, sagte ich darauf und fügte schnaubend hinzu »Aber ein verschlossener, so verpackt und zugeschnürt wie ...? «, ich zeigte auf den Gegenstand den ich nicht zu benennen wusste, weil er in Packpapier gewickelt war. »Schauen Sie, ist er nicht herrlich«, sagte sie, während sie ihn geschickt aus der Verpackung löste und ihn mir vor die Augen setzte um mich meinem blöde dreinblickenden Konterfei auszusetzen. »Nobel geht die Welt zugrunde«, hatte sie mir damals belustigt und voller Lebensfreude, ja fast übermütig die Worte über den Goldrand des Spiegel herübergerufen ... und jetzt ist sie wie ihr älterer Freund, den ich mehr für einen entfernten Verwandten, einen Onkel oder Bekannten gehalten habe, tot. In dem Jahr hatte sich viel verändert. Das Haus hatte seinen Besitzer gewechselt. Ich sah dass die Wände Risse bekommen hatten. In meiner Post fand ich einen Brief der eine erhebliche Mieterhöhung ankündigte. Mitbewohner vor meinem Aufenthalt wohnten nicht mehr hier, neue waren eingezogen. Bis auf drei Namen waren mir alle neu Hinzugezogenen unbekannt. Drei Birken in dem kleinen Vorgärtchen waren nicht mehr an ihrem Platz. Man hatte sie mit fadenscheinigen Argumenten einfach umgesägt und die Sträucher und Büsche bis zur Unansehnlichkeit herunter gestutzt, verstümmelt, so dass nur noch Stummel übrig waren. Entmutigt stellte ich fest: das Haus war nicht mehr das Haus, in das ich vor Jahren eingezogen bin. Ich hatte mich nicht getäuscht und es lag auch nicht an der Entwöhnung durch den Landaufenthalt: das Haus hatte seine Seele verloren. Immer wenn ich hineintrat, spürte ich diese abweisende kalte Anonymität, die mich wie ein Krankheitsvirus befiel. Unwirsche Blicke von merkwürdigen Menschen, von denen ich nicht wusste, ob sie Mieter oder nur Besucher waren, gingen grußlos an mir vorbei. Mein Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. Irgendetwas war im Gange.
Walter M. Stütz
Knöchern die Gräser in den Feldern, die Gräber auf den Hügeln. Der Acker riecht nach frühem Tod. Das Totenlicht der Sonne trauert um die letzte Rose, die in der Ecke kauert.
Das kalte Blei der Tage liegt schwer im Blut. Wolkenrauch und Schattennebel, Blind die Sterne, stumm der Mond, die Augen blicken lichtlos.
Im Moor begraben die Stunden schwinden. Die Zeit ein Tunnel ohne Mauern. Eine webende Spinne dein Herz umzingelt, aus dem Beklommenheit wie eine frierende Kerze züngelt.
Die Nacht die bricht in Tränen aus und bittet den Himmel um Gnade.
Walter M. Stütz
In blinden Kammern meutern die Uhren gegen den schwarzen Schlaf der Zeit. Sie nötigen den Unstern abzuschwören den Stunden,die in Pech gebunden gerinnen in deiner Hand, weil sie die Unschuld geschlagen mit Vergessen.
Walter M. Stütz
Versunken im Moor Erflehen die Schatten Vergessener Seelen Erlösung vom silbernen Mond.
Entzündet das Totenlicht am Raustein. Die Zeit, bleiverhangenes Gewicht. Erblindet die Sterne, die andre Sterne suchen mit Licht. Verschleiert die Sonne, erstickt vom Gebräu Das zäh aufsteigt und wieder niedersinkt ohne Atem die Gischt.
Ahnung von Tod und Vergänglichkeit weht als Brodem Über knöcherne Gräser erstorbener Felder aus dem Morast. Das Moor kennt keinen Schlaf noch Verderber ohne Rast.
Diesseits wie jenseits, Den Steinen wachsen Steine Von einem sterbenden Ast.